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Das deutsche Volksr´┐Żtsel

Robert Petsch

T´┐ŻUBNERS t^U BIBLIOTHEK
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Gr´┐ŻUNDEISS
DER
DEUTSCHEN VOLKSKUNDE
HERAUSGEGEBEN
VON
JOHN MEIER
STRASSBURG VERLAG VON KARL J. TR´┐ŻBNER 1917
TR´┐ŻBNERS (l^f ] BIBLIOTHEK
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DAS
DEUTSCHE YOLKSR´┐ŻTSEL
VON
ROBERT PETSCH
STRASSBURCt VERLAG VON KARL J. TR´┐ŻBNER 1917
Alle Rechte vorbehalten.
VORREDE.
Die vorliegende Einf´┐Żhrung in das Verst´┐Żndnis unsres Volksr´┐Żtselschatzes war urspr´┐Żnglich als Beitrag zu einem gr´┐Ż´┐Żeren Sammelwerk ´┐Żber deutsche Volkskunde, nicht als selbst´┐Żndige Ver´┐Żffentlichung gedacht. Umfang und Darstellung wurden dadurch mannigfach beeinflu´┐Żt, und die unruhigeil Zeitl´┐Żufte, in denen die Herausgabe nun erfolgt, duldeten keine Umarbeitung in der Art, wie ich vielleicht ein von vornherein als Einzelschritt gedachtes Buch angelegt haben w´┐Żrde. Der Krieg nahm nicht nur meine Kraft durch dreifachen Dienst an der Akademie, in der Schule und im Lazarett in ganz ungew´┐Żhnlichem Ma´┐Że in Anspruch, sondern entzog mir mindestens auf l´┐Żngere Zeit meine wissenschaftlichen Sammlungen, die sich seit Jahren auch gerade auf den Gegenstand dieser Arbeit bezogen hatten. So konnte ich trotz des liebensw´┐Żrdigsten Entgegenkommens einer Reihe von in- und ausl´┐Żndischen Bibliotheken den Stammbaum der altdeutschen R´┐Żtselb´┐Żcher hier noch nicht bringen; er soll s. Z. an andrer Stelle ver´┐Żffentlicht werden. Immerhin hoffe ich, hier auf Grund neuer Sammlungen und unter steter Mithilfe der Posener Kaiser-Wilhelms-Bibliothek, sowie der Kgl. Bibliothek zu Berlin, einen geschichtlich begr´┐Żndeten ´┐Żberblick ´┐Żber die Arten und Formen des heut bei uns lebenden Volksr´┐Żtsels gegeben zu haben. Die Umst´┐Żnde, unter denen ich arbeitete, m´┐Żgen es entschuldigen, da´┐Ż mir manches Wertvolle entging
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oder zu sp´┐Żt zu Gesicht kam; die inhaltreiche Darstellung von W. Schultz konnte ich wenigstens noch bei der Korrektur f´┐Żr die Anmerkungen verwerten. F´┐Żr wertvolle Hinweise und Ratschl´┐Żge bin ich Chr. Bartholomae in Heidelberg, J. Bolte in Berlin, W. Braune in Heidelberg, A. Heusler in Berlin, John Meier in Freiburg i. B., Wilhelm Meyer in G´┐Żttingen, J. Petersen in Frankfurt a. M., C. W. v. Sydow in Lund und R. Wossidlo in Waren zu Dank verpflichtet, und ohne das weitherzige Entgegenkommen des Verlages w´┐Żre die Ver´┐Żffentlichung gewi´┐Ż um Jahre hinausgeschoben worden. Die f´┐Żr Zeitschriften u. a. angewandten Abk´┐Żrzungen sind dieselben, wie in dem „Reallexikon der germanischen Altertumskunde" von J. Hoops.
Posen.
ROBERT PETSCH.
INHALTS´┐ŻBERSICHT.
Seite
I. Das Wesen des Il´┐Żtsels und seine Vorstufen...... 1
II. Geschichte des R´┐Żtsels, besonders in Deutschland .... 11
III. Die ´┐Żlteren gedruckten Sammlungen deutscher R´┐Żtsel . . 45
IV. ´┐Żberblick ´┐Żber die Formen unserer Volksr´┐Żtsel.....55
V. Bibliographie des R´┐Żtsels..............81
I. Das Wesen des R´┐Żtsels und seine Vorstufen.
1. Das Wort „R´┐Żtsel", das sich in dieser Form1) erst durch Luthers Sprachgebrauch eingeb´┐Żrgert hat, ist eine Ableitung2) von dem Zeitwort „raten"3). Neben der Grundbedeutung dieses Verbums, „f´┐Żr etwas sorgen", scheint sich fr´┐Żh eine andere entwickelt zu haben;
Die obercl. Formen sind r´┐Żtissa, r´┐Żtussa, r´┐Żtisca, r´┐Żtuuga-r´┐Żtnussa, r´┐Żtnunga usw. (= aenigma, problema, propositio, coniectura u. a.). Nur md. finden wir: „aliain parabolam ad propositionem (ze r´┐Żdislen) dedit". Dagegen ist r´┐Żdisli das as. Wort. Vgl. mhd. rcet(e)sclıe, mnd.r´┐Żdelse. Das Wort, dem im mnl. ige) rccdsel (aenigma, gryphus, quaestio perplexa, nodosa, intricata, scrupulus usw.), ags. rcedels (englisch riddle) entspricht, dringt ins mhd. verh´┐Żltnism´┐Ż´┐Żig sp´┐Żt und mit mancherlei Entstellungen ein, wird dann seit dem 10. Jahrhundert allgemein (radtzall, radtsol usw., bei Luther mit kurzem Vokal retzel). Vgl. die W´┐Żrterb´┐Żcher von Grimm, Weigand, Hirt, Paul u. a., K´┐Żgel PGrundr. II 1 (2. Aufl.), S. 45.
2) Mit dem -1-s-Suffix, das wie in * Anh´┐Żngsel", „H´┐Żcksel* u. a. den Gegenstand der Handlung bezeichnet. Vgl. Wilmanns, Deutsche Grammatik II (2. Aufl.), S. 273.
3) Got. rcdan, an. r´┐Żpa, ags. r azdan, ahd. r´┐Żt an. Vgl. abulg. raditi 'sorgen f´┐Żr etwas'. An Urverwandtschaft mit lat. reor denkt Walde, Lat. etymol. W´┐Żrterbuch, 2. A., S. 649. Eine andere Bedeutungsentwickelung als die obige gibt H. Paul, Deutsches Wb., 2. A., S. 413. Vgl. im ´┐Żbrigen die etymologischen W´┐Żrterb´┐Żcher von Kluge, Feist und die angef´┐Żhrte Stelle von K´┐Żgel.
Petsch, Das deutsche Volksr´┐Żtsel. i
denn als „raten" bezeichnet man auch die Kundgebung einer Meinung oder eines Entschlusses auf Grund innerer Sammlung und ´┐Żberlegung1).
Heut verstehen wir unter einem R´┐Żtsel im literarischen Sinne die dichterische Umschreibung eines Gegenstandes nach seinem Aussehen oder seiner Zusammensetzung, seinem Schicksal oder seiner Bewegung; eine Umschreibung, welche die Einbildungskraft des Zuh´┐Żrers befruchtet und zugleich verwirrt, seinen Verstand aber entweder in v´┐Żllige Ratlosigkeit versetzt oder auf eine falsche F´┐Żhrte lenkt2). Diese Bedeutung des Wortes aber hat sich erst allm´┐Żhlich herausgebildet und kann nicht ´┐Żlter sein, als die soeben umschriebene, spielende Bet´┐Żtigung der menschlichen Gem´┐Żtskr´┐Żfte. Wenn wir aber von „historischen" oder „psychologischen R´┐Żtseln" reden, so r´┐Żhren wir damit an eine ´┐Żltere Bedeutung des Wortes; diese h´┐Żngt mit jener abgeleiteten Bedeutung von „raten" noch eng zusammen und weist auf eine ernste Bet´┐Żtigung des Geistes hin, der sich um die Aufl´┐Żsung dunkler Geheimnisse oder um den tieferen Sinn des Handgreiflichen bem´┐Żht. Solche Bem´┐Żhungen aber sind mindestens so alt wie die magische Weltanschauung, d. h., um uns an Beths Erkl´┐Żrung zu halten, der Glaube „an eine unsichtbare und nicht darstellbare Kraft, die in der Regel als eine allgemeine empfunden wird und doch zugleich dem Individuum zugeh´┐Żrt, sofern sie seinen Schutz ihm ank´┐Żndigt und in seinem Leben ihm
1) Daneben steht in derselben Bedeutung- etwa ahd. lunlial, got. frisalits, an. gdta.
2) Eine Definition zu geben, war meine Absicht nicht. Auch die bisher gegebenen befriedigen nicht. ´┐Żltere in der ungen´┐Żgenden Geschichte des R´┐Żtsels v. J. B. Friedreich (1860), ´┐Ż 1. Neuere bei Pitre, S. 18.
atigedeihen l´┐Ż´┐Żt, auf da´┐Ż er sein Leben mit gutem Mute wagen kann" 1). Mag der primitive Mensch an solche allgemeine Kraft oder an pers´┐Żnlicher gestaltete D´┐Żmonen, an G´┐Żtter oder endlich an einen Gott glauben, er wird versuchen, im Irdischen den Willen des ´┐Żberirdischen zu erforschen; je n´┐Żher er der Natur steht, je mehr wird sie ihm zur Bilderschrift. Nicht blo´┐Ż der Traum2), auch die Erlebnisse des Wachens, besonders soweit sie von der allt´┐Żglichen Regel abweichen, werden dem suchenden Sinn zu Verk´┐Żndern g´┐Żttlicher Geheimnisse; Wahrnehmung, Beobachtung und Versuch (etwa in der Opferschau) dienen fr´┐Żhzeitig als Mittel, der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen und selbst das Wort, das in entscheidender Stunde gesprochen wird, gewinnt eine h´┐Żhere Bedeutung. Kein Wunder, da´┐Ż sinnbildliche Handlungen3), Geb´┐Żrden, Bilder und vor allem Worte als wirkungsvolle Ausdrucksmittel g´┐Żttlicher Lehren und Willens´┐Żu´┐Żerungen oder als Umh´┐Żllungen besonderer Ank´┐Żndigungen und Offenbarungen an die Eingeweihten eines Kultus angewendet werden4).
2. K´┐Żnstlerisch geformte Fragen nach kultischen Geheimnissen, vor allem nach der Bedeutung ritueller Br´┐Żuche, bildlicher Symbole und heiliger Formeln werden auch in der Urzeit der indogermanischen V´┐Żlker, wie anderw´┐Żrts, ihre Rolle gespielt haben. F´┐Żr die Beurteilung des sp´┐Żteren germanischen R´┐Żtsels scheint die indische
K. Beth, Religion und Magie bei den Naturv´┐Żlkern (1914),
S. 201 f.
2) Die Bedeutung des Traumes f´┐Żr die R´┐Żtselbildung hat Bonus doch wohl ´┐Żbersch´┐Żtzt.
3) Vgl. etwa Jerem. c. 19.
4) Vgl. Matth. 13f V. 10 ff.
Sitte des R´┐Żtselstellens im Brahmodyaml) bedeutsam, d. h. die Erkl´┐Żrung der Opfersymbolik durch Fragen und Antworten, die sich denn weiterhin auf religi´┐Żse und moralische Vorstellungen aller Art bezogen und in kleinen Gruppen zu vieren zusammengefa´┐Żt wurden. Einige Reste solcher „katechetischer Fragen"2) sind im Rigveda, B. I 164, mit einer ´┐Żberw´┐Żltigenden F´┐Żlle spitzfindiger und im ganzen unanschaulicher Probleme aus der Religion, Philosophie, Naturwissenschaft und selbst Poetik vereinigt, wie sie die Brahmanen einander vorlegten, um ihre Weisheit leuchten zu lassen: da stehen Wissens- und Scharfsinnsproben neben einander, die alle noch keine R´┐Żtsel, aber in der Entwicklung zu solchen begriffen sind.
Blicken wir von hier aus auf die ´┐Żltesten Belege des Wortes „R´┐Żtsel" und seiner Verwandten in den germanischen Sprachen, insbesondere etwa auf die Glo´┐Żen zur´┐Żck, so werden wir auf eine ganze Reihe der erw´┐Żhnten magischen oder religi´┐Żsen Bet´┐Żtigungen hingef´┐Żhrt; neben „vermuten", „meinen" und dergleichen bezeichnet das Zeitwort „raten" und seine Ableitungen im Deutschen, Englischen und Nordischen auch die Aufl´┐Ż-
1) Haug, Vedische R´┐Żtselfragen und R´┐Żtselspr´┐Żche, M´┐Żnchener Sitzungsberichte 1875, Bd. II, S. 457 ff. W. Wilmanns, Einige Spr´┐Żche Reinmars von Zweter und das Tragemundslied, ZfdA., Bd. XX, S. 250 ff. Wie mir Chr. Bartholomae freundlichst mitteilt, hei´┐Żt Brahmodyam an sich nur „theologische Unterhaltung ´┐Żber das Brahman." pravalhah und seine Verwandten, die ebenfalls im Sinne von „raten14 verwandt werden, bedeuten von Hause aus „auf die Probe stellen" u. ´┐Ż. Jedenfalls scheint die altindische Sprache und Literatur das R´┐Żtsel nur als Wissens- und Scharfsinnsprobe zu kennen. Vergl. auch Schultz, Sp. 74.
2) Vgl. auch Lessmann bei Schultz, Sp. 65—78.
sung schwieriger Fragen, die Auslegung von Prophezeiungen und besonders die Deutung von Tr´┐Żumen. Auch die Schrift des Engels an der Wand von Belsazers Palast soll „erraten" werden, wie eine Art Bilderschrift1).
Wie die Bedeutungsentwicklung des Wortes „raten" im Englischen zeigt (to read) d´┐Żrfte auch die Kunst des Lesens von Hause aus als Deutung von Zeichen aufgefa´┐Żt worden sein; darauf scheint mir auch die Schilderung des germanischen Losverfahrens bei Tacitus hinzuweisen. Wenigstens m´┐Żchte ich in den 'notae, die in St´┐Żbchen aus buchenem u. a. Holz eingeritzt wurden, keine buch-stabeu´┐Żhnlichen „Runen" im gew´┐Żhnlichen Sinn des Wortes sehen. Vielmehr handelt es sich doch wohl um geometrische Zeichen, deren jedes einen wichtigen Begriff aus dem geistigen Vorrat des Germanen bedeutete, aber auch auf die n´┐Żchstverwandten Begriffe bezogen werden konnte. Der weissagende Priester oder Hausvater nahm nach Erledigung gewisser religi´┐Żser Zeremonien drei von den St´┐Żbchen auf, die auf ein Tuch gesch´┐Żttet worden waren und deren jedes sein besonderes Zeichen trug. Damit hatte er gleichsam drei Begriffe zur Hand, die es aber zu verbinden und auf den vorliegenden Fall anzuwenden galt — ein Verfahren, das dem heutigen „Kartenlegen" wenigstens ´┐Żhnlich war2).
1) Belege bei K´┐Żgel, PGrundr. II (2. Aufl.), S. 45 f. ´┐Żber Bilderr´┐Żtsel vergl. auch Schultz, Sp. 106 f.
2) Tac. Germ., c. 10. Vgl. R. v. Liliencron und K. M´┐Żllenhoff, Zur Runenlehre, Halle 1852. M´┐Żllenhoff, D. A. IV, S. 222 ff. Mogk, ´┐Żber Los, Zauber und Weissagung bei den Germanen in den „Kleinen Beitr´┐Żgen zur Geschichte14, Leipzig 1894, S. 81 ff. Sievers in PGrundr., Bd. I (2. Aufl.\ S. 249. R. Petsch, Zeichenrunen, ZfdUnt., Bd. XXXI.
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3. Wir brauchen nicht mehr mit Liliencron anzunehmen, da´┐Ż die Verbindung der Begriffe beim Losen nach Art der nordischen „Kenningar" *) vollzogen wurde; aber wir m´┐Żssen uns erinnern, da´┐Ż solche r´┐Żtselhaften Umschreibungen nicht etwa blo´┐Ż dem Norden eignen; sie haben in der griechischen Dichtung zeitweilig ´┐Żberhand genommen, bl´┐Żhen in den mittellateinischen Gespr´┐Żchb´┐Żchlein und haben nur in Skandinavien ihre so zu sagen klassische Form gefunden.
Da hat sich jener Stil herausgebildet, „in dem die Dinge so wenig wie m´┐Żglich mit ihren eigenen Namen genannt werden, und in dem vor allem ein Zusammenhang mit der Mythenwelt auf den ganzen Bericht Glanz werfen soll; da hei´┐Żt z. B. das Gift der 'Trank der Wolsunge', weil der Wolsung Sinfjotli durch Gift umkam"2). Hier verr´┐Żt sich noch der Zusammenhang mit mythologischem Ged´┐Żchtniskram, der aber bald nicht mehr religi´┐Żsen Zwecken, sondern freierer, mehr spielender, dichterischer Bet´┐Żtigung des Geistes diente.
So ist es denn auch nicht ausgeschlossen (obwohl wir daf´┐Żr keinerlei unmittelbare Zeugnisse besitzen), da´┐Ż die mythologischen und besonders kosmogonischen Strophen, die wir als einzelne Merkverse oder als Bausteine gr´┐Ż´┐Żerer Gebilde zumal im Norden kennen lernen, urspr´┐Żnglich von den Priestern bei rituellen Handlungen verwendet wurden3) und nach der Art von Katechismen in Reihen von Fragen und Antworten daherschritten. Denn anders als
') Vgl. Schultz, Sp. 108 ff.
2) Vgl. A. Olrik, Nordisches Geistesleben, deutsch von Ranisch, Heidelberg 1908, S. 115 f. ZdVfVolksk. XVI, S. 9 f.
3) Vgl. A. Heusler bei Hoops, Reallexikon der germ. Altertumskunde, Abschnitt „Dichtung" (Bd. II, S. 450 f).
aus solchen Gebilden, die dann sp´┐Żterhin mehr spielenden Einkleidungen ´┐Żberlegenen Wissens Platz machen mu´┐Żten, k´┐Żnnen wir uns kaum die Entstehung der sogenannten „R´┐Żtsellieder" der Edda erkl´┐Żren. Weder in den Liedern von Alvis und Vafthrudnir noch in verwandten Gedichten haben wir eigentliche R´┐Żtsel vor uns; nicht einmal von echtem Volksglauben ist die Rede1), sondern von spitzfindigen Mythologemen und vor allem von verborgenen Namen; und am Schlu´┐Ż der Vafthrudnir-Geschichte steht eine rechte „Halsl´┐Żsungs-Frage", die nur der Fragende selbst beantworten kann. In allen diesen F´┐Żllen ´┐Żberwiegt die Befriedigung ´┐Żber das eigne Wissen und den eigenen Scharfsinn noch bei weitem die Lust am Raten; sie alle sind nach ihrem Inhalt noch dem Zauberspruch und der Liturgie mit ihrer Neigung zur symbolischen und allegorischen Auffassung der Gegenst´┐Żnde, in ihrem scharf gespitzten Ausdruck aber dem Sprichwort verwandter als dem R´┐Żtsel im eigentlichen Sinne, das eine freiere, humoristische Stellung zu den „schwierigen Fragen" einnimmt. Das R´┐Żtsel im eigentlichen Sinne l´┐Żst entweder den Ernst des Sinnens und Gr´┐Żbelns ´┐Żber die L´┐Żsung in ein geistreiches Spiel oder gar in kecken Scherz auf — dann haben wir es mehr mit „unwirklichen R´┐Żtseln" zu tun; oder es regt wenigstens die Einbildungskraft st´┐Żrker an als den Verstand und vermittelt uns eine stimmungsschwere, dichterische Anschauung, die auch nach der „L´┐Żsung" des R´┐Żtsels noch bestehen bleibt: das ist das „wirkliche R´┐Żtsel", das sich bei allen Kulturv´┐Żlkern aus den bisher besprochenen „Vorstufen" irgendwie entwickelt zu haben scheint.
Vgl. E. Mogk, PGrundr., Bd. II (2. Aufl.), S. 583 f. u. 597 f. Schultz, Sp. 70.
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4. Alle bisher gestreiften, r´┐Żtsel´┐Żhnlichen Gebilde kommen in buntem Durcheinander in den bekannten „R´┐Żtselm´┐Żrchen" vor1); sie erz´┐Żhlen von der L´┐Żsung schwieriger Fragen und Aufgaben, bei denen das Leben oder doch das Gl´┐Żck zum Pf´┐Żnde steht, oder von klugen und in sich vielleicht wieder r´┐Żtselhaften Ausspr´┐Żchen und Handlungen, die das Gl´┐Żck eines Menschen ausmachen. Solche M´┐Żrchen sind fr´┐Żhzeitig von Osten her nach Europa gedrungen, haben sich in Griechenland ausgebildet und sind auch bald zu den germanischen St´┐Żmmen gekommen. Sie spiegeln in ihrer Art alte, ernstere Wettk´┐Żmpfe des Geistes, bei denen m´┐Żglicherweise Land und Leute, Krone und Leben eines K´┐Żnigs zum mindesten aber das Ansehen eines Weisen auf dem Spiel stehen mochte. Wir erw´┐Żhnen hier nur einige Hauptformen. Da ist die sch´┐Żne K´┐Żnigstochter, die ihren Freiern schwierige Proben auferlegt; unsere Brunhild mi´┐Żt sich mit ihnen im Kampfe, die ´┐Żstliche Turandot legt ihnen R´┐Żtsel vor und wird endlich selbst nach dem Namen des Bewerbers gefragt2). Das ist denn wieder eine jener Fragen, die nur der Frager selbst beantworten kann, gleich dem R´┐Żtsel des Simson ; man erz´┐Żhlt in einer andern Gruppe von Geschichten, da´┐Ż sich Verbrecher durch solche R´┐Żtsel, die sie ihren Richtern aufgaben, vom Tode befreit h´┐Żtten, und nennt sie darum „Halsl´┐Żsungsfragen1Wieder in andern Sagen
*) Vgl. auch Schultz, Sp. 69 ff.
2) Vgl. Grimm, Kinder- und Hausm´┐Żrchen, Nr. 22 (´┐ŻDas R´┐Żtsel*) mit den reichen Nachweisen bei J. Bolte und G. Foli'vka, Anmerkungen zu den Kinder- und Hausm´┐Żrchen, Bd. I (1913). S. 188 ff. Aarne, Verzeichnis der M´┐Żrchentypen (Helsingfors 1910), Nr. 851. Schultz, Sp. 80 f.
3> Judic. c. 14. Vgl. Schultz, Sp. 124.
wird erz´┐Żhlt, da´┐Ż ein D´┐Żmon ´┐Żberwunden wird, wenn man seinen Namen err´┐Żt 1)t und es ist nicht ausgeschlossen, da´┐Ż die griechische Sphinxsage urspr´┐Żnglich in diesem Sinne verlief2). Lustiger sind die Erz´┐Żhlungen von dem klugen Naturkinde, das die Gelehrten oder Hochstehenden durch seine Klugheit besch´┐Żmt: da ist das Hirtenb´┐Żbchen, das auf anscheinend unl´┐Żsbare Fragen weise Antworten gibt, die zum Teil wiederum Unm´┐Żgliches verlangen3); oder die kluge Bauerntochter, die endlich K´┐Żnigin wird. Dieses M´┐Żrchen geht uns hier am n´┐Żchsten an, weil es im germanischen Norden verh´┐Żltnism´┐Ż´┐Żig fr´┐Żh eine literarische Bearbeitung gefunden hat. Von Eagnar Lodbrok erz´┐Żhlt die isl´┐Żndische Saga, wie er Sigurds Tochter Aslaug, die unter dem Namen Kraka einem Bauern dient und die ihn durch ihre Sch´┐Żnheit ´┐Żberrascht, auf die Probe stellt. Er verlangt von ihr, sie solle zu ihm kommen „gekleidet und ungekleidet, gegessen und ungegessen, nicht einsam und doch ohne Begleitung". Sie kommt, in ein Fischgarn gewickelt, mit ihrem Hunde und bei´┐Żt in ein wenig Lauch, soda´┐Ż man den Geruch empfindet. Das ist ein weit verbreiteter M´┐Żrchenstoff, der aber meist eine heitere Schlu´┐Żwendung
*) Vgl. das M´┐Żrchen vom „Rumpelstilzchen", Grimm, Nr. 55, Bolte-Polivka, Bd. I, S. 490 ff. Aarne, Nr. 500.
2) Unsere literarischen Quellen kennen aber, soweit sie das R´┐Żtsel der Sphinx ´┐Żberhaupt erw´┐Żhnen, nur dasjenige vom Menschen. Vgl. Ilberg, Roschers Lexikon, Bd. IV, bes. Sp. 1366 ff. Nach H´┐Żsing (bei Schultz, Sp. 64) w´┐Żre die urspr´┐Żngliche L´┐Żsung „der Mond" gewesen.
3) Vgl. „Das Hirtenb´┐Żblein´┐Ż, Grimm Nr. 152, Aarne Nr. 921. In Deutschland zuerst im „Pfaffen Ameis" des Strickers. Nabe verwandt damit die Geschichte vom „Kaiser und Abtff, Aarne, Nr. 922, Wossidlo Nr. 987 und 990. Plutarchs Gastmahl der 7 Weisen, Kap. 8 ff. R. Schevill, Some forms of the riddle question (1011). Schultz, Sp. 110 f.
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zeigt: (1er K´┐Żnig heiratet das M´┐Żdchen, das oft wirklich aus niederem Stande kommt, verst´┐Ż´┐Żt sie sp´┐Żter wegen ihres Ungehorsams, wird aber durch eine ihrer Listen zuletzt mit ihr vers´┐Żhnt1). R´┐Żtselfragen, schwierige Aufgaben und wunderbare Handlungen, die von der Klugheit des T´┐Żters zeugen, gehen hier wie in den ´┐Żstlichen und abendl´┐Żndischen Sagen von der K´┐Żnigin von Saba durcheinander2). Die Entwicklung all dieser Stoffe zeigt, zumal bei den Kulturv´┐Żlkern Europas, durchweg die Neigung, die Klugheitsproben, die urspr´┐Żnglich als Mittel zu anderm Zweck dienten, um ihrer selbst willen zu pflegen, dann aber das freie Spiel des Verstandes und der Einbildungskraft in den blo´┐Żen Scherz mit dem Verst´┐Żnde oder in Spott ´┐Żber die Weisheit zu verwandeln. Bezeichnend f´┐Żr den ganzen Proze´┐Ż ist die Geschichte der Salomosage, wo allm´┐Żhlich an die Stelle uralter, gewichtiger Er´┐Żrterungen zwischen dem K´┐Żnig und seinen Geistern3) der ungleiche Kampf zwischen dem Weisen und dem schlagfertigen R´┐Żpel Markolf trat. Da wird dann nach Vogts treffender Darstellung „das Ideale durch das Gemeine, das Erhabne durch das L´┐Żcherliche ´┐Żbertrumpft." Dagegen haben sich die eigentlichen Klugheitsgeschichten, die der Osten so liebt,
M Grimin, Nr. 94. Ragnar Lodbrokssaga: Fornaldar soğur 1,181. Uhland, Abhandlung zu den Volksliedern, Neudruck von Fischer, S. 160 f. Aarne, Nr. 875, Wossidlo Nr. 988, Feilberg, Gaader, S. 10 ff., 24 ff.
2) Vgl. W. Hertz, Die R´┐Żtsel der K´┐Żnigin von Saba. Gesammelte Abhandlungen (1905) S. 413 ff. Schultz, Sp. 124.
3) Noch in der angels´┐Żchsischen Gespr´┐Żchsdichtung unterredet sich Salomo mit „Saturn", der jedenfalls an die Stelle eines Geisterf´┐Żrsten getreten ist. Vgl. Kemble, The Dialogue of Salomon and Saturnus. London, 1848. Vogt in PGrundr. III (2. Aufl.), 32 und J. Jantzen, Geschichte des deutschen Streitgedichts im Mittelalter (Breslau 1900 = Germanistische Abhandlungen 13), S. 80.
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bei uns nicht einzuf´┐Żhren oder doch nicht zu erhalten vermocht; nur das moderne Kunstm´┐Żrchen hat sie wiederbelebt, aber Hauffs h´┐Żbsche Geschichte von „Abner dem Juden, der nichts gesehen hat" ist nie ins Volk gedrungen und hat, soviel ich sehe, in unserm volkst´┐Żmlichen M´┐Żrchenschatz so gut wie keine Verwandten Alle diese Gattungen haben zum eigentlichen Volksr´┐Żtsel im engeren Sinn nur sehr mittelbare Beziehungen.
II. Geschichte des R´┐Żtsels, besonders in Deutschland.
5. Das R´┐Żtsel im engeren Sinne aber, das einen Gegenstand in erschrecklicher oder verwunderlicher, Mitleid oder Ekel erregender, lockender oder absto´┐Żender Weise schildert, kurz das eine von starker Stimmung erf´┐Żllte Anschauung vermittelt, dies R´┐Żtsel ringt nach k´┐Żnstlerischer Formung. Das Hinstreben zur L´┐Żsung und das Wiederzur´┐Żckziehen, das Ernstnehmen und Zumbestenhaben, dies stete Schwingen und Schwanken zwischen entgegen-
1) Immerhin vergleiche Wossidlo Nr. 985. R´┐Żtselanekdoten von wunderbarem Sp´┐Żrsinn hat schon das germanische Altertum gekannt. Vgl. in der Hervararsaga: „10 hat es Zungen, 20 Arme, 40 Beine, rasch bewegt sich das Wunder": Eine Sau mit 9 Jungen im Leibe. Daraus entwickeln sich dann R´┐Żtsel in mythologischer Form, wie „Ro´┐Ż und Reiter*, in der Hervararsaga: Odin und SIeipnir. Dagegen haben sich die im Orient so beliebten und so reich entfalteten M´┐Żrchen von Leuten mit wunderbarem Sp´┐Żrsinn (die Vorl´┐Żufer der Detektiv-Romane!) in Europa und vor allem auf germanischem Boden nicht recht einb´┐Żrgern wollen. Ganz vereinzelt steht in dieser Hinsicht die „M´┐Żrchenepisode in der Amlethsage" bei Saxo Gram-maticus, III, S. 93 (Holder) und ein j´┐Żtisches M´┐Żrchen von drei Studenten bei Kristensen, Tyske Folkeminder Bd. VII, Nr. 20; jetzt deutsch bei Klara Stroebe, Nordische Volksm´┐Żrchen, I. Teil (1915), S. 168 ff. Vgl. A. Olrik, ZdVfVk. Bd. II, S. 119 ff. und v. d. Leyen, Das M´┐Żrchen in den G´┐Żttersagen der Edda (1899), S. 71 ff-
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gesetzten Polen bringt jenen Rhythmus mit sich, der f´┐Żr die innere Form des R´┐Żtsels so bezeichnend ist. Es war nicht leicht, eine entsprechende ´┐Żu´┐Żere Form zu finden. Zun´┐Żchst steht ja das R´┐Żtsel, kraft seiner eigent´┐Żmlichen Richtung auf den Verstand des Zuh´┐Żrers, unverkennbar dem Sprichwort nahe und hat von ihm eine Reihe von Formelementen ´┐Żbernommen: vor allem die Neigung zur gegens´┐Żtzlichen Zuspitzung, zur Verlebendigung des Unbelebten und zur bildlichen, am liebsten allegorischen Auffassung seines Gegenstandes, wozu ja auch manche der erw´┐Żhnten „Vorstufen" schon neigten. Die ´┐Żltesten aus Deutschland ´┐Żberlieferten R´┐Żtsel in lateinischer Form, die zum Teil wenigstens aus deutschen R´┐Żtseln ´┐Żbersetzt sind1), geben daf´┐Żr ganz ausgezeichnete Beispiele: „Video et tollo; si vidissem, non tulissem". Oder: „Portat animam et non habet animam; non ambulat super terram neque in caelo".
6. Auf die Dauer konnte diese knappe, gnomische Ausdrucksweise nicht mehr gen´┐Żgen; sie ´┐Żberwiegt bezeichnender Weise bei allen primitiven, ja bei vielen Halbkulturv´┐Żlkern, die sich nicht zu einer freien, humoristischen Auffassung der Welt erheben konnten. Bei den germanischen und romanischen V´┐Żlkern hat das R´┐Żtsel immer nach strophischer Durchbildung gestrebt und den Anschlu´┐Ż an andere Gattungen gesucht, die ihm nach seiner Vorgeschichte oder nach seinem eigentlichen Ethos nahe verwandt waren. Sicherlich sind hier, wie immer, Einzelne vorangegangen. Die Formen des R´┐Żtsels sind so wenig durch Zufall oder durch den Instinkt der Massen zustande gekommen, als die des Liedes, des M´┐Żrchens u. a. Bei der Aufnahme, Auswahl,
l) MSD.8 Nr. VII. Vgl. Petsch, PBBtr. XLf, S. 332ff.
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Umschmelzung usw. m´┐Żgen gesellschaftliche Kr´┐Żfte mitwirken, aber den ersten Schritt haben immer einzelne Pers´┐Żnlichkeiten getan, und sie haben ihren Sch´┐Żpfungen ihres Geistes Stempel aufgedr´┐Żckt, auch wenn ihre Namen nicht ´┐Żberliefert sind.
7. Ohne kr´┐Żftige R´┐Żckwirkung auf die lebendige Volksdichtung bleiben nat´┐Żrlich solche Dichter, die wohl einzelne Stoffe vom volkst´┐Żmlichen R´┐Żtsel hernahmen, im ´┐Żbrigen aber nach Gehalt und Stoff und vor allem nach der Seite der Form rein literarischen Vorbildern verpflichtet blieben. Die Beziehungen zwischen den fpı<poı der Griechen (und besonders der Byzantiner!) und den R´┐Żtseln der Lateiner harren noch genauerer Erforschung. Unter den letzteren ist von der vergleichenden R´┐Żtselforschung besonders h´┐Żufig die in die Form einer Unterhaltung beim Gastmahl gekleidete Sammlung des Caelius Firmianus Symphosius herangezogen wordenl). Dieser Ausoniussch´┐Żler lebte im 4. und 5. Jahrhundert und schrieb 100 R´┐Żtsel2) in Strophen von je drei Hexametern zusammen, einer eint´┐Żnigen Form, die dem Inhalt notwendig Gewalt antun mu´┐Żte. H´┐Żufig benutzt er volkst´┐Żmliche Vorbilder3), nimmt ihnen aber auch oft genug ihren frischen Reiz durch die Streckung der Glieder und vor allem durch eine Unmenge von mythologischen Anspielungen, unter denen seine eigenen Gedanken fast ersticken.
Auf germanischem Boden sind dann lateinische R´┐Żtsel in metrischer Form unter derselben Doppelwirkung volkst´┐Żmlicher und gelehrter Muster fr´┐Żhzeitig
*) Zum folgenden vgl. auch Schultz, Sp. 118 ff.
2) Ausgaben bei Friedreich, S. 187 ff. (u. a. bei Reusner).
3) ZB. im R´┐Żtsel vom Fisch im Netz, vgl. R. Petsch, ZdVfVk., Bd. XVI, S. 1 ff.
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entstanden und besonders bei den Angelsachsen scheint diese Dichtungsart im 7. und 8. Jahrhundert gebl´┐Żht zu haben1). Von vorbildlicher Bedeutung f´┐Żr die Folgezeit war die uns anscheinend nicht vollst´┐Żndig erhaltene R´┐Żtselsammlung des Aldhelm, der von 640 bis 709 Bischof von Sherborne war und in hexametrischen Gebilden von vier und mehr Zeilen R´┐Żtsel ´┐Żber die verschiedensten Naturerscheinungen, aber auch ´┐Żber den B´┐Żcherschrank und ´┐Żber abstrakte Dinge wie das Schicksal verfa´┐Żte. Auch bei ihm finden wir, etwa im R´┐Żtsel vom Hahn oder von der Schreibfeder, einige Z´┐Żge, die uns aus dem Volksr´┐Żtsel bekannt sind, aber sie sind noch mehr als bei Symphosius von allerhand K´┐Żnsteleien ´┐Żberwuchert. Je l´┐Żnger je mehr scheint sich der Dichter von seinen volkst´┐Żmlichen Vorlagen entfernt zu haben. Ihm und nicht dem Volksmund folgten diejenigen, die nach ihm kamen, wie Tatwine, der Erzbischof von Canterbury (701—34), nur da´┐Ż allm´┐Żhlich das christliche Element noch mehr ´┐Żberhand nahm. Dagegen lehnen sich die beiden Reihen angels´┐Żchsischer R´┐Żtsel2), die in der Exeterhandschrift ´┐Żberliefert sind, viel st´┐Żrker an den h´┐Żfisch-epischen Stil an Hier ist in der 2. H´┐Żlfte des 8. Jahrhunderts zum ersten "Male auf germanischem Boden ein Ausgleich zwischen volkst´┐Żmlichen R´┐Żtselstoffen und einheimischen Formen der Kunstdichtung versucht worden. Freilich sind bei weitem nicht alle diese Dichtungen auf dem Boden des Volksr´┐Żtsels erwachsen, vielmehr hat man
1) Vgl. zum folgenden A. Brandl, PGrundr. II, 1. (2. Aufl.), S. 969-72.
2) Au´┐Żer Brandl vgl. jetzt besonders F. Loewenthal, S. 14ff., wo auch die ´┐Żltere Literatur angegeben ist.
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ebenso wie in der lateinischen Poesie den neuen Stil und die neue Form auch auf frei gew´┐Żhlte, im Gesichtskreis des Dichters liegende Gegenst´┐Żnde angewandt. Verschiedene H´┐Żnde sind hier an der Arbeit gewesen: neben saftigen Zweideutigkeiten stehen erbauliche Kl´┐Żnge und langwierige Beschreibungen ohne Anschaulichkeit, ja lyrische Gedichte haben sich herverirrt. Nat´┐Żrlich fehlen auch Ankl´┐Żnge an Symphosius, Aldhelm und die dem Beda zugeschriebenen R´┐Żtsel nicht, und gelegentlich begegnet auch wohl ein schwieriges Verwandtschaftsr´┐Żtsel („Lots T´┐Żchter"), das schon auf die „Joca Monachorum" (s. u.) hinweist. Zahlenscherze und Buchstabenr´┐Żtsel f´┐Żhren ganz aus dem Gebiet der volkst´┐Żmlichen Dichtung zu mehr m´┐Żnchischen Spielereien hin´┐Żber. Dennoch weist der Ton der ganzen Sammlung auf das Heldenepos, auch wohl auf die h´┐Żfische Naturlyrik und die Elegie, besonders auf das Erinnerungs- und R´┐Żckblicksgedicht hin. Hier und da aber finden wir auch Ans´┐Żtze zu einem eignen, dem Gegenstande wirklich angemessenen Stil. Um das eigentliche R´┐Żtsel als Kern werden gewisse Rahmenelemente gelegt, vor allem die Aufforderung zum Raten, die immer am Schlu´┐Ż steht und mit einer neckischen Betonung der Schwierigkeit der Aufgabe verbunden sein kann. Das liegt in der Natur der Sache, mag aber auch durch die R´┐Żtselm´┐Żrchen und -sagen nahegelegt worden sein. Wichtiger sind gewisse Eingangsformeln, wie „ich sah, ich wei´┐Ż, ich erfuhr" (■gefrwgn), die auf Ungew´┐Żhnliches hindeuten und durch entsprechende Zus´┐Żtze (lc wiht geseah wundorlice und dergl.) noch eindringlicher gestaltet werden. Das erinnert uns denn lebhaft an den Anfang des Wessobrunner Gebets und weiterhin an die magische Kleindichtung der Germanen
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mit ihrer Verbindung von knappem, eindrucksvollem, stilisiertem Bericht und wirkungskr´┐Żftiger Formel.
8. Auf die schwere und wichtige Frage der Entstehung des volkst´┐Żmlichen R´┐Żtselstils f´┐Żllt hier einiges Licht, und bei den verschiedensten Kulturv´┐Żlkern d´┐Żrfte es ´┐Żhnlich hergegangen sein, denn ´┐Żberall lagen gewisse heidnische Dichtungsarten der eben bezeichneten Art vor, und ´┐Żberall wirkten die eigentlich mittelalterlichen Literaturformen irgendwie bestimmend mit ein. Es ist freilich kaum anzunehmen, da´┐Ż unmittelbar aus den ernsten Zauber- oder Segensformeln die neue, humoristische Formenwelt des R´┐Żtsels entwickelt worden w´┐Żre. Aber jene altheiligen Formeln waren selber schon der Parodie verfallen, besonders in Gestalt der „L´┐Żgendichtung", die dann wieder das R´┐Żtsel befruchtete.
Diese Zusammenh´┐Żnge werden aus der Entstehungsgeschichte eines der verbreitetsten europ´┐Żischen Volksr´┐Żtsel klar, das uns zuerst in der Reichenauer ^ Sammlung in lateinischer Form ´┐Żberliefert ist, und das
W man vergeblich in deutsche Stabreimverse zur´┐Żckzu-
´┐Żbersetzen versucht hat. Es ist klar, da´┐Ż das R´┐Żtsel vom „Vogel federlos" in Zusammenhang mit uralten Zauberspr´┐Żchen steht, die uns der Leibarzt Theodosius des Gro´┐Żen, Marcellus von Bordeauxin verschiedenen
1) MS D 3 Nr. VII, 4 mit den Anmerkungen. Dazu R. Petsch in PBBeitr., Bd. XLI, S. 332 ff. Vgl. auch Schultz, Sp. G8. Den engen Zusammenhang zwischen dem R´┐Żtsel und ´┐Żlteren, magischen Formeln zeigt die aus Carpzo v, Practica nova (ed. VI 1670 Bd. I, S. 342) ´┐Żfters abgedruckte Hexenzauberformel (vgl. E. Schmidt, Weimarer Goetheausgabe, Bd. XLIV, S. 297f.): „Im Thuine stehet die Rosenblume, sie ist weder braun noch fahl, so m´┐Żssen die Huff-dinger zersteuben und zerfahren und kommen der N. N. in dc6 Teuffels Nahmen an." Damit vgl. etwa Wossidlo, Nr. 31: „To Wittenberg in'n doom dor steit 'ne g´┐Żle bloom* usw. (Das Ei).

Formen oder Anwendungen ´┐Żberliefert hat. Immer handelt es sich hier darum, die Wiederkehr der Krankheit als ein Ding der Unm´┐Żglichkeit darzustellen, was durch verschiedene, in sich selbst widerspruchsvolle und darum unm´┐Żgliche Naturvorg´┐Żnge verdeutlicht wird: „Es fiel (etwas) vom Himmel, das fanden die Hirten, kochten es ohne Feuer, a´┐Żen es ohne Mund ... y ebensowenig wie das geschehen kann, soll die Krankheit wiederkehren". Spr´┐Żche dieser Art waren durch die Zusammenstellung gegens´┐Żtzlicher Bestimmungen von vornherein mit den ´┐Żltesten sprichwort´┐Żhnlichen R´┐Żtseln verwandt; sie haben aber zun´┐Żchst Nachahmungen von bestimmter Art erfahren, die dann wieder zu Dichtungen von „eitel unm´┐Żglichen Dingen" erweitert, sp´┐Żter auch in dialogischer Form ausgef´┐Żhrt wurden und sich endlich mit R´┐Żtselgebilden wie dem „Kranzsingen" vermischten. Da handelt es sich meist um unl´┐Żsbare Aufgaben, wie schon in einem •lateinischen Gedicht des Walafried Strabo (f849 als Abt von Reichenau), das „Similitudo impossibilium" ´┐Żberschrieben ist und einerseits auf antike Vorbilder,
andrerseits wohl auf volkst´┐Żmliche Wurzeln zur´┐Żckweist:
„ Albentes capiat corvos, cignosque nigrantes" usw.1).
*) Virgil gebraucht z. 13. in seinen Eklogen verschiedentlich (I., 60ff., III., 90 f., VIII., 26ff., 52ff.) volksm´┐Ż´┐Żige Wendungen zur Bezeichnung des Unm´┐Żglichen, die lebhaft an sprichw´┐Żrtliche Redensarten erinnern („eher wird der Hirsch fliegen", ´┐Żdas hei´┐Żt den Bock melken14, „n´┐Żchstens gehen die Gemsen mit den Hunden zur Tr´┐Żnke" u. a.). Nicht zuf´┐Żllig werden wieder solche Umschreibungen Hirten in den Mund gelegt. Lehrhafter Poesie sind sie von jeher eigen und auch im Neuen Testament belegt (z. B. Luk. XVIII, v. 25), soda´┐Ż vielleicht auch Zusammenh´┐Żnge mit religi´┐Żser Dichtung leicht herzustellen w´┐Żren. Vgl. Uhland, Abhandlung zu den Volksliedern (Neudruck von H. Fischer), Buch III, Anmerkung 170, wie ´┐Żberhaupt der ganze Abschnitt von Uhlands Abhandlung hier in Betracht kommt.
Petsch, Das deutsche Volksr´┐Żtsel.
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In deutscher Sprache ist uns ein "Beispiel aus ziemlich sp´┐Żter Zeit ´┐Żberliefert, doch hat es sicher im Volksmunde viel ´┐Żltere, ´┐Żhnliche St´┐Żcke gegeben, wie jene Reime „von l´┐Żgenen", die in der Stra´┐Żburger Handschrift dicht neben dem „Traugemundliede" standen, und die so bezeichnend anfangen:
„Ich sach eins mols in der ´┐Żffen zit An einem deine side vaden Rome und latrone tragen Und einen fuozelosen man Louffen f´┐Żr ein snelles pfert" usw.1)
Da nun auch das R´┐Żtsel scheinbar Unm´┐Żgliches zusammenstellt, so konnte es leicht mit den Zauberformeln und ihren komischen Nachdichtungen in Austausch treten und deren Formen sich aneignen. So hat denn ein uns unbekannter Dichter in lateinischer Sprache das R´┐Żtsel vom „Vogel federlos" geformt, das bald auch in den Volkssprachen weite Verbreitung fand und m´┐Żglicherweise auch andere R´┐Żtsel nach sich gezogen haben d´┐Żrfte.
9. Ehe wir aber zu der lateinischen Literatur zur´┐Żckkehren, haben wir eines der merkw´┐Żrdigsten nordischen Denkm´┐Żler zu erw´┐Żhnen, das wieder einen neuen Versuch darstellt, dem in der Prosaform nur k´┐Żmmerlich sein Dasein fristenden R´┐Żtsel durch eine poetische Einkleidung zu reicherem Leben zu verhelfen. F´┐Żr diese neue Form gaben nun im Norden die Fragegedichte der Edda willkommene Muster und vor allem einen Rahmen her, in den sich m´┐Żndlich umlaufende R´┐Żtsel nach
l) H. M´┐Żller, Sammlung deutscher Gedichte aus dem 12., 13. und 14. Jahrhundert, Bd. ITI, S. 14. ´┐Żber den Zusammenhang dos
R´┐Żtsels mit der „unl´┐Żsbaren Aufgabe11 und der L´┐Żgendichtung vgl. Schultz, Sp. 66 ff. 76 f.
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zweckm´┐Ż´┐Żiger Umformung bequem einpassen lie´┐Żen. Denn da´┐Ż die R´┐Żtsel der Hervararsaga von Hause aus isl´┐Żndische Volksr´┐Żtsel sind, d´┐Żrfte A. Heusler1) zur Gen´┐Żge bewiesen haben. Die Einkleidung des Frage- und Antwortspiels zwischen Odin und dem K´┐Żnig Heidrek selbst ist zusammengesetzt aus eddischen Formen in der Art des Alvisliedes und einer rechten, volks-m´┐Ż´┐Żigen „Halsl´┐Żsungsgeschichte". Ein schuldiger Mann, Gestumblindi genannt, kann sich von der Strafe loskaufen, wenn er dem K´┐Żnig ein unl´┐Żsbares R´┐Żtsel aufgibt. Er steckt sich hinter den m´┐Żchtigen Gott, dessen R´┐Żtsel aber der K´┐Żnig alle err´┐Żt; da fragt der Fremde endlich, nach dem Vorbild des Vafthrudnisliedes, was Odin dem Baidur auf dem Scheiterhaufen ins Ohr gefl´┐Żstert habe, und der K´┐Żnig sieht nun, mit wem er sich gemessen hat.
Obwohl die R´┐Żtsel dieser 'Getspeki' in strophische Form gekleidet sind (die Antworten sind ´┐Żbrigens noch in Prosa!), weisen sie doch in ihrer stilistischen Ausgestaltung ´┐Żberraschende ´┐Żhnlichkeiten mit unsern Volksr´┐Żtseln auf. Neben einigen *Halsl´┐Żsungen", Wortspielen und dergl. finden wir eine gr´┐Ż´┐Żere Anzahl von Sachr´┐Żtseln, deren Kern der mythischen Belebung des Unbelebten zumeist noch recht nahe steht; unter ilmen das ehrw´┐Żrdige Kuhr´┐Żtsel, das eine weitverzweigte Verwandtschaft in den europ´┐Żischen Sprachen aufzuweisen hat, w´┐Żhrend Parallelen zu den andern R´┐Żtseln seltener sind — ein Beweis, da´┐Ż unser Bestand an Volksr´┐Żtseln sich dem Stoffe nach st´┐Żrker gewandelt hat, als
l) Die altnordischen R´┐Żtsel, ZdVfVk. Bd. XI, S. 717ff. Beste Ausgabe der „Heiitreks gatur" in den „Eddica minora* von A. Heusler und W. Ttanisch (1003), S. 106—120.
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der Form nach. Manche dieser andern R´┐Żtsel zeigen aber auch schon jene „Rahmenelemente", die wir bereits bei den Angelsachsen vorfanden, und deren schwache Spuren auch bei den Lateinern auftauchten, in reicherer Entwicklung. Gelegentlich vernehmen wir noch den erhabenen Ton der Heldendichtung, auf der andern Seite stehen auch hier obsz´┐Żne Zweideutigkeiten, allenthalben aber herrscht die Zuspitzung zur Gnome und die straffe Gliederung, die das Gegens´┐Żtzliche nur um so sch´┐Żrfer hervorhebt. Es sind echte, volksm´┐Ż´┐Żige R´┐Żtsel, eingekleidet in die Anschauungen und die Formen der Yikingerzeit*).
In eine noch fr´┐Żhere Zeit aber und auf die indischen Opferfragen weist, zum mindesten in formaler Hinsicht, eine kleine Gruppe von Viererfragen zur´┐Żck, von der wir fe sp´┐Żter bei Gelegenheit des Traugemundsliedes zu sprechen
haben werden. Das R´┐Żtsel lautet:
„Wer bewohnt hohe Berge? Wer f´┐Żllt in tiefe T´┐Żler? Wer lebt ohne Atem? Wer schweigt niemals?'4 Darauf erfolgt die Antwort: „Der Rabe haust auf
Hier wird denn auch der Zusammenhang zwischen R´┐Żtsel und Kenning besonders klar. Vgl. die Halsl´┐Żsungsfrage vom Enten-nest im Tiersch´┐Żdel:
„Gar sehr war vor Zeiten Die Nasengans herangewachsen, Die Kindergierige, die trug Zimmerholz zusammen (baute ihr Nest); Es schirmten sie
Die strohbei´┐Żenden Schwerter (Kiefern),
Dazu lag des Trankes
Dr´┐Żhnfelsen (Gaumendach) dar´┐Żber44.
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hohen Bergen, und der Tau f´┐Żllt immerfort in tiefe T´┐Żler, der Fisch lebt ohne Atem und der rauschende Wasserfall schweigt nimmermehr" 1).
10. So waren in lateinischer wie in der Volkssprache gewisse Formen f´┐Żr die neue Gattung geschaffen, als eine weitere, kr´┐Żftigere Zufuhr von R´┐Żtselstoffen erfolgte, die sich freilich nur teilweise in jene poetischen Formen einkleiden lie´┐Żen. Wir sehen durch die Literatur des Mittelalters eine Art von belehrenden Dialogen in breitem Strom daherflie´┐Żen, der augenscheinlich aus heidnischen und christlichen Quellen gespeist worden war. Vielleicht hat. sich die christliche Kirche, gleich andern Kulten des Ostens, fr´┐Żhzeitig einer Taufkatechese in Fragen und Antworten bedient, welche die Bekanntschaft des T´┐Żuflings mit den Lehren des Glaubens und den Grundtatsachen der heiligen Geschichte erweisen sollte. Doch w´┐Żre daraus sicherlich keine besondere Literaturgattung erwachsen ohne starke Einwirkung des antiken Dialogs in seinen letzten Ausl´┐Żufern; war doch in den H´┐Żnden der R´┐Żmer von dem fast dramatischen Kunstwerk Piatons nicht viel mehr ´┐Żbrig geblieben als ein Gef´┐Ż´┐Ż trockener Lehrhaftigkeit oder blendender Spitzfindigkeit, eben ein — Lehrkatechismus. So entstanden jene Schriften2), die wir mit einem zusammenfassenden Ausdruck als „Eluci-darien" bezeichnen und die das eigentlich religi´┐Żse Wissen reichlich mit weltlicher Geschichte und andrer Weisheit durchsetzen, die auch nicht blo´┐Ż der Belehrung, sondern ebenso der ´┐Żbung des Scharfsinns dienen wollen. Die verschiedenartige Herkunft erkl´┐Żrt es, da´┐Ż sie teils einfach Fragen und Antworten in loser Anordnung auf-
1) Heusler-Ranisch, S. 108 f.. Nr. 7.
2) Vgl. R. Hirzel, Der Dialog*, Bd. II, S. 362 381 ff.
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marschieren lassen, teils in die Form wirklicher Gespr´┐Żche zwischen geschichtlichen Pers´┐Żnlichkeiten, etwa zwischen Kaiser Hadrian und dem Philosophen Epiktet, gekleidet sind, teils endlich Verbindungen mit den fr´┐Żher erw´┐Żhnten R´┐Żtselm´┐Żrchen eingehen und von einem klugen Kinde erz´┐Żhlen, das einem F´┐Żrsten erstaunliche Antworten auf seine Fragen gibt. Gelegentlich seiner gro´┐Żen Ausgabe des urspr´┐Żnglich wohl provenzalischen Denkmals „L'enfant sage" und seiner weit verzweigten Nachkommenschaft hat W. Suchier die gesamte einschl´┐Żgige Literatur gemustert, ohne schon das letzte Wort zu sprechen1). Hier seien nur die f´┐Żr uns wichtigsten, verwandten Erscheinungen erw´┐Żhnt und einige Andeutungen ´┐Żber ihren r´┐Żtsel´┐Żhnlichen oder f´┐Żr R´┐Żtsel verwendbaren Inhalt gegeben. Das ´┐Żlteste, bekannte mittellateinische Erzeugnis dieser Art, aus dem 7. Jahrhundert, hat zuletzt Max F´┐Żrster nach einer Schlettst´┐Żdter Handschrift herausgegeben2); diesem „Schlettst´┐Żdter Gespr´┐Żchsb´┐Żchlein" in manchen St´┐Żcken verwandt sind dann die M´┐Żnchener „Interrogationes" 3) und die bekannten „ Joca Monachorum"4); ferner die aus diesen gespeisten, unter
W. Suchier, L'enfant sage. Gesellschaft f´┐Żr romanische Literatur, Bd. XXIV, (1909), Einleitung. Vgl. auch M. F´┐Żrster, Two Notes on Old English Dialogue Literat´┐Żre in: An English Miscellany, presented to Dr. Furnivall (1901), S. 86 ff.
2) M. F´┐Żrster, Das ´┐Żlteste mittelalterliche Gespriichb´┐Żchlein. Romanische Forschungen, Bd. XXVII, S. 342 rf. F´┐Żrster gibt auch die Abweichungen einer vatikanischen, nicht ganz vollst´┐Żndigen Handschrift desselben Textes, deren Wortlaut W. Schmitz in seinen Miscellanea Tironiana (1899) ver´┐Żffentlicht hat.
3) Herausg. (und erl´┐Żutert) von W. Wilmanns, Ein Spruchb´┐Żchlein aus dem 9. Jahrhundert. ZfdA., Bd. XV, S. 166 IT.
4) Herausg. von E. W´┐Żlfflin-Troll, Monatsberichte der Berliner Akademie, 1873, S. 109 ff.
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sich verwandten, aber jeweils noch von andern unbekannten Quellen abh´┐Żngigen Dialoge: die „Questiones rare" zwischen „Adrianus et Epictitus" *), eine kurze „Dispu-tatio" 2) und eine l´┐Żngere „ Altercatio" 3) zwischen beiden und nicht zuletzt eine von dem Angelsachsen Alcuin f´┐Żr den praktischen Unterricht verfa´┐Żte „Disputatio regalis et nobilissimi iuvenis Pippini cum Albino scholastico"4).
11. ´┐Żberblicken wir nun kurz den Inhalt dieser Sammlungen, so linden wir nat´┐Żrlich zun´┐Żchst eine gro´┐Że Menge reiner Ged´┐Żchtnisfragen, vor allem aus der Bibel: im Vordergrund stehen Fragen nach bestimmten Zahlen (z. B. der B´┐Żcher der Schrift), oder nach Namen; dann besonders Fragen der Form: „Wer" oder „was war der erste... .?" (z. B. der erste Schmied), wie sie heute noch parodistisch in Menge unter uns umlaufen; ´┐Żhnliche Fragen ergibt der Stoff der Legende (z. B. nach den Namen der beiden Sch´┐Żcher von Golgatha) und die Dogmatik (nach der Erschaffung und der Taufe Adams, nach der Auferstehung der Toten u. dergl ); allgemeine wissenschaftliche Fragen kommen hinzu, deren Beantwortung nat´┐Żrlich auch wieder von der kirchlichen Weltanschauung des Mittelalters abh´┐Żngig ist: ob die Sonne auch des Nachts leuchtet5), wieviel Sprachen es gibt (72) usw.
Suchier a. a. O., S. 265 ff.
2) Ebenda S. 277 f.
3) Herausg. von Fabricius, Bibliotheca Graeca, Bd. XIII, S.557 tf. Wichtige „Interrogationes de ´┐Żde catholicau naeh einer spanischen Handschritt bei Omont, Bibliotheque delecole deschartes. Bd. XL1V, S. 58-71.
4) Herausg. von W. Wilmanns, Zeitsc´┐Żr. t. d. Alt., Bd. XIV, S. 530ff., mit wichtigen Erl´┐Żuterungen. Deutsch von G. Meier, Ausgew´┐Żhlte Schriften von Columban, Alkuin usw. (1890), S. 25 ff.
5) Omont, Nr. 28 und 29.
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Das alles sind Fragen, die ein juuger Geistlicher von t´┐Żchtiger Schulung ohne allzugro´┐Że M´┐Żhe mu´┐Żte beantworten k´┐Żnnen; schon mehr auf den Scharfsinn als auf das Ged´┐Żchtnis kommt es bei andern Problemen an, die auf eine ganz bestimmte Deutung der Wirklichkeit im Sinne eines Geheimwissens oder einer mystischen Natur- und Weltauffassung hinzielen. Nat´┐Żrlich k´┐Żnnen auch solche Dinge allm´┐Żhlich auswendig gelernt und auf diese Weise vererbt werden, wie sie andererseits wieder zur ´┐Żbung des Geistes in der bezeichneten Richtung dienen m´┐Żgen. Da finden wir mystische Schriftdeutungen: „Warum sagt der Herr zu Petrus: stecke dein Schwert in die Scheide?" — Das Schwert ist der Geist, der verborgen wirdl) Oder konkrete Begriffe werden schriftm´┐Ż´┐Żig-symbolisch gedeutet: Triiticum bezeichnet das Weizenkorn des Glaubens oder die M´┐Żrtyrer als den Samen der Kirche, orreum ist das Paradies, also auch Ruhe und Vergebung der S´┐Żnden2). An die Kabbala erinnern allerhand Silben- und Buchstabenspielereien. Hierher mag man denn auch scholastische Distinktionen rechnen, z. B. die Frage nach den drei Dingen, die den Menschen ins Paradies, bezw. in die H´┐Żlle bringen3). Bisweilen erscheinen solche mittelalterlichen „Weisheitsfragen" zu ganzen Ketten geordnet: „Quis sustinet terram? Aqua. Quis sustinet aquam? Petra. Quid petram? Quattuor animalia, quo sunt evangeliste. Quis sustinet quattuor animalia? Ignis. Quis sustinet ignem? Abyssus. Quis abyssum? Arbor que ab initio posita est, que est Christus4)."
1) Ebenda Nr. 48.
2) Ebenda Nr. 71, 72.
3) Adrianus et Epictitus, Nr. 76, 77.
4) Ebenda Nr. 46-51.
Das letzte Beispiel, aber auch so manches unter den vorhergehenden, erinnert schon an die nordischen Kenn in gar, deren Verwandte in manchen ml. Frageb´┐Żchlein unverkennbar die Hauptrolle spielen. Sie entfalten ihre ´┐Żppigste Bl´┐Żte in iUcuins 'Disputatio\ deren gr´┐Ż´┐Żerer erster Abschnitt sich fast wie eine poetisch-rhetorische Floskelsammlung liest1). Da wird der f´┐Żrstliche Sch´┐Żler etwa auf seine harmlose Frage: „Was ist das Meer?" mit einem wahren Phrasenschwall ´┐Żbersch´┐Żttet: „Audaciae via, limes terrae, divisor regionum, hospitium fluviorum, fons imbrium, refugium in periculis, gratia in voluptatibus" (Nr. 57). Und gern schlie´┐Żen sich auch hier die Fragen in ganzen Ketten aneinander. Gleich im Anfang f´┐Żhrt die Frage nach dem Buchstaben weiter auf das Wort — rein assoziativ; dann aber wird gefragt: „Wer erzeugt das Wort? die Zunge; was ist die Zunge? die Gei´┐Żel der Luft; was ist die Luft? die W´┐Żchterin des Lebens." Dies die Einleitung auf die Doppelfrage: „Was ist das Leben?" (zuletzt: „Die Erwartung des Todes"); „Was ist der Tod?" Daran reihen sich dann Fragen nach dem Menschen usw. Sicherlich stammen die gebrauchten Wendungen zum Teil aus der lateinischen Literatur des Mittelalters, und so m´┐Żgen denn auch ´┐Żltere R´┐Żtsel schon darin eingegangen sein. Denn eine Gruppe von Fragen (68 ff.), die das Jahr als „Viergespann der Welt" bezeichnet und dies Gleichnis dann ziemlich willk´┐Żrlich weiterf´┐Żhrt, erinnert tats´┐Żchlich an uralte R´┐Żtseldichtungen 2).
*) Die „´┐Żisputatio" ist ´┐Żbrigens mit der oben erw´┐Żhnten A Itercatio Hadriani usw. nahe verwandt. Vgl. auch Suchiers Einleitung zu seiner Ausgabe des Enfant sage.
Vgl. W´┐Żnsche, Zf. vergl. Litgesch., Bd. IX, S. 425 ff.
Augenscheinlich hat Alcuin Sinn f´┐Żr solche Dinge gehabt, sonst h´┐Żtte er nicht am Schlu´┐Ż eine gr´┐Ż´┐Żere Anzahl von Fragen hinzugef´┐Żgt, die zum Teil auf die Tristichen des Symphosius und andere Quellen, zum Teil aber sicherlich auf m´┐Żndliche Volksr´┐Żtsel zur´┐Żckgehen. Sie sind durchaus von der Art jener Gnomen, die eine Tatsache einpr´┐Żgen oder die Aufmerksamkeit darauf hinlenken, indem sie sie zun´┐Żchst als eine Unm´┐Żglichkeit, als einen Widerspruch in sich selbst darstellen, der dann auf eine geistreiche Art gehoben wird. Wir m´┐Żssen auf einen Augenblick die verwandte Literatur heranziehen, um diese R´┐Żtsel der „Disputatio" besser zu verstehen. Gegens´┐Żtzliche Darstellungen der bezeichneten Art sind der biblischen Sprache nicht fremd: zur Antithese und selbst zum Oxymoron neigt die Rede Jesu wie der Propheten, und wir linden sie wieder in den Briefen des Paulus1), wo die Erw´┐Żhlten Gottes gekennzeichnet werden „als die Unbekannten, und doch bekannt, als die Sterbenden und siehe, wir leben" usw. Die Bibel gab denn auch den Stoff her f´┐Żr Fragen, die zun´┐Żchst in Verlegenheit setzen, dann aber in der Anerkennung eines Geheimnisses endigen. Daher die in der Elucidarienliteratur endlos wiederholten Fragen nach Adam, der erschaffen aber nicht geboren ist u. a. Man sieht, wie die Fragen sich leicht paarweise zusammenschlie´┐Żen. Zu der ersteren Gruppe f´┐Żgt die „Disputatio" noch den Lazarus hinzu, der einmal geboren und zweimal gestorben ist2); sie gibt aber die L´┐Żsung des R´┐Żtsels nicht unmittelbar, sondern h´┐Żllt sie abermals in eine R´┐Żtsel-
Vgl. etwa Micha V, v. 1; Matth. V, v. 3 ff. (die Selig-preisungen), 2. Kor., IV, v. lOff. und VI, v. 9 ff.
2) Nr. 97.
form: „Primus aequivocus terrae (Adam = Erd-Mann). secundus deo meo (Deutung des Namens Elias = Herr), tertius homini pauperi (Hinweis auf den armen Lazarus)"4 — und endlich werden die Anfangsbuchstaben der drei Namen in versteckter Weise hinzugef´┐Żgt.
Da ist deutlich zu beobachten, wie die Weisheitsfrage in ein reines Spiel des Witzes ´┐Żbergeht. Alsbald stellen sich Ber´┐Żhrungen mit verwandten volkst´┐Żmlichen Formen ein, und ganz weltliche Fragen derselben Art gelangen in die geistlichen Frageb´┐Żchlein. Wir finden etwa ein scherzhaftes Gegenst´┐Żck zu dem Lazarus-R´┐Żtsel: „Wer ist zweimal geboren und einmal gestorben?" (Jonas)1), das mit dem Doppelsinn „geboren" offensichtlich den H´┐Żrer irre f´┐Żhren will, wie auch das R´┐Żtsel von Isaak und Jakob: „Wer hat mit den H´┐Żnden gesegnet, den er mit den Augen nicht sah?"2) Viel freier bewegen sich dann die Fragen aus dem Naturleben: „Es ber´┐Żhrt dich und du kannst es nicht ber´┐Żhren?" (die Sonne) *), und nun reihen sich echte Volksr´┐Żtsel an: „Es ist weicher wie Wolle und bricht durch Felsen hindurch" (das Wasser)4), oder „Sie laufen und ber´┐Żhren die Erde nicht mit ihren F´┐Żssen" (die Wolken, die V´┐Żgel und die Schiffe im Meere)5). Da mischt sich denn auch schon die Scherzfrage ein, die durch eine gewisse Zweideutigkeit den H´┐Żrer auf eine falsche F´┐Żhrte zu locken sucht. Wir lernten diese Art schon bei den ´┐Żlteren Schichten unsres Volksr´┐Żtsels kennen und finden sie hier in neuen Formen
*) Omont, Nr. 68. Das Jonasr´┐Żtsel ist sp´┐Żter als echtes Volks-r´┐Żtsel ausgef´┐Żhrt worden. Vgl. das Register Wossidlos.
2) Ebenda Nr. 53.
a) Ebenda Nr. 58.
4) Ebenda Nr. 37.
Ebenda Nr. 50.
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wieder, wenn nach den vier Tieren im Himmel gefragt wird1) oder die sexuell-zweideutige Frage nach der Jungfrau Maria gestellt wird: „Quis femina antea cognovit filium quam maritum2)?"
So entwickelt sich im Austausch mit dem Volksr´┐Żtsel eine fast ´┐Żberw´┐Żltigende F´┐Żlle von Formen. Alcuin f´┐Żgt ein neues wichtiges Reizmittel hinzu, das sicherlich wieder mit der Volksliteratur in Verbindung steht, indem er zwischen R´┐Żtsel und L´┐Żsung eine verh´┐Żllende Antwort einschiebt (wie wir sie oben kennen lernten); und er steigert die Wirkung dadurch, da´┐Ż er ´┐Żfters die L´┐Żsung selbst noch einmal wieder in eine „witzige Andeutung" versteckt. Audi diese Form ist. wie wir sehen werden, dem Volksr´┐Żtsel nicht fremd, w´┐Żhrend die bisweilen ´┐Żberraschend lebendige Einkleidung der einzelnen Nummern in einen wirklichen Dialog zwischen Lehrer und Sch´┐Żler als das schriftstellerische Eigentum des Verfassers anzusprechen ist. So finden wir hier in neuer Form das uralte griechische L´┐Żuser´┐Żtsel und andere Gebilde, die mit den beim Volk so beliebten Gegens´┐Żtzen von Ruhe und Bewegung oder von Tod und Leben arbeiten: R´┐Żtsel vom Feuer und von der Glocke, vom Traum und vom Schlaf. Reiche Parallelen in der lebendigen Volksliteratur haben wir besonders zu seinen R´┐Żtseln vom H´┐Żhnchen im Ei3) und vom Fisch im Netz4), die gleich so manchen andern Nummern der Sammlung sich auch bei Symphosius finden.
Ebenda Nr. 1.
2) Ebd. Nr. 35.
3) Vidi quendam natum, antequam esset conceptus. — Vidisti et forte manducasti. (Nr. 91.)
4) Vidi hospitem currentem cum domo sua; et ille tacebat et dornus sonabat. — Para mihi rete et pandam tibi. (Nr. 93.) Vgl ZdVfVk., Bd. XVI, S. 1 ff.
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Eine ganze Reihe dieser Fragen, auch der von Hause aus theologischen, laufen noch heute im Volksmunde um und zeigen, wie auch das eigentliche Volksr´┐Żtsel durch die Erzeugnisse m´┐Żnchischen Scharfsinns und scholastischer Spitzfindigkeit mannigfach befruchtet worden ist*). Im Grunde handelt es sich ja nur um eine Steigerung jener intellektuellen Kunstleistungen, die dem Volk von seinen Sprichw´┐Żrtern her vertraut waren, also um nichts grunds´┐Żtzlich Fremdes. Die innere Entwicklung des R´┐Żtsels dr´┐Żngte aber nach einer andern Seite: nach freierer Entfaltung der stimmungsschweren Anschauung, von der wir bisher doch eben nur Ans´┐Żtze kennen gelernt hatten.
12. Die auch in Deutschland ´┐Żppig aufsprie´┐Żende lateinische R´┐Żtseldichtung, deren Geschichte noch zu schreiben ist2), bewegte sich zusehends in dieser Richtung und rief mit der Zeit auch eine R´┐Żtselpoesie in deutscher Sprache hervor, die ihre eignen Wege ging. Gegenseitige Beeinflussung konnte nicht ausbleiben, und bisweilen sind Anregung und Nachbildung schwer zu unterscheiden. In einer St. Galler Handschrift des 10. Jahrhunderts finden wir ein lateinisches R´┐Żtsel, das uns in mehr als einer Beziehung an unsere gereimten Volksr´┐Żtsel erinnert:
,,Lucidus et Placidus, sedebaut in quinque ramis: Lucidus sedit, Placidus pertransiit"3).
Gemeint sind der Becher, der Wein und die f´┐Żnf Finger an der Hand. Augenscheinlich sind jene beiden
*) Vgl. Wossidlos Register unter Adam, Christus, Elias, Eva, Jonas, Kain, Moses, Noah usw.
2) Eine wichtige Vorarbeit ist Wilhelm Meyers Aufsatz ´┐Żber sechszeilige R´┐Żtsel in rhythmischen Hexametern. Gesammelte Abhandlungen zur ml. Rhythmik, Bd. II (1915), S. 155 ff.
3) ZfdA., Bd. XXII, S. 422.
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als zwei V´┐Żgelchen aufgefa´┐Żt, die sich auf Zweigen eines Baumes, aber merkw´┐Żrdigerweise auf f´┐Żnf Zweigen niedergelassen haben, und die Verwirrung wird noch dadurch erh´┐Żht, da´┐Ż diese V´┐Żgelchen Namen tragen, die nicht blo´┐Ż Eigenschaften der zu ratenden Dinge angeben, sondern ganz wohl als Eigennamen aufgefa´┐Żt werden k´┐Żnnten: also eine neckische Personifizierung. Das R´┐Żtsel ist heute im Volksmunde nicht bekannt, es erinnert nur allenfalls an ein bekanntes Kinderspiel, das mit zwei Fingern gespielt wird: „Es sitzen zwei T´┐Żubchen auf einem Dach, das eine fliegt fort, das andere kommt wieder". Jedenfalls haben wir es mit einer volkst´┐Żmlichen Anschauung zu tun und kommen damit ´┐Żber das gelehrte R´┐Żtsel hinaus. Augenscheinlich erfreute sich das St´┐Żcklein zun´┐Żchst gro´┐Żer Beliebtheit, denn wir finden davon nicht blo´┐Ż eine gelehrte, freilich mehr breite als anschauliche Bearbeitung in den „Lorscher R´┐Żtseln" in einer Pf´┐Żlzer Handschrift des 9. Jahrhunderts sondern noch in einer Regensburg-M´┐Żnchener Handschrift aus dem 12. Jahrhundert steht eine roh gereimte Weiterbildung2); „Lucidus et Placidus Sederunt super quinque ramos. Lucidus pertransit Et Placidus remansit."
Da haben wir denn schon eines jener freien rhythmischen Schemata, deren wir bei unsern gereimten Volksr´┐Żtseln gewohnt sind. Und unmittelbar daneben steht in derselben Handschrift ein R´┐Żtsel vom Haushahn, das sich nicht blo´┐Ż in der Form, sondern auch stofflich sehr nahe
*) Ebenda S. 258 ff. (D´┐Żmmler).
8) Clm. 14781. Abgedruckt bei Steinmeyer-Sievers, Althochdeutsche Glossen, Bd. IV, S. 552.
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mit lıeut noch lebenden Beispielen ber´┐Żhrt und zudem mit seiner Zweideutigkeit, d. h. mit seinen neckischen Anspielungen auf religi´┐Żse Dinge auf die oben besprochenen Scherze zur´┐Żckweist: „Bis natus, et non baptizatus. et omnes Christiani et Judei et pagani credent ei"1). Da sehen wir das R´┐Żtsel endlich in diejenige Bahn einlenken, wo es seine sch´┐Żnsten Erfolge erringen sollte: es tritt in enge Verbindung mit der volkst´┐Żmlichen Kleinpoesie und ´┐Żberkommt von daher jene F´┐Żlle von rhythmischen und strophischen Formen, von Darstellungsund Ausdrucksmitteln, die wir an unsern lebenden Reimr´┐Żtseln bewundern. Wann die ersten R´┐Żtsel dieser Art in deutscher Sprache aufgekommen sind, ist schwer zu sagen. Wir finden keine Belege vor dem 15. oder 16. Jahrhundert. Was in der Zwischenzeit an R´┐Żtseln in deutscher Sprache aufgezeichnet worden ist, steht zwar nicht au´┐Żerhalb alles Zusammenhangs mit dem Volksr´┐Żtsel, kann aber mit einem kurzen ´┐Żberblick abgetan werden.
Verslein wie die oben genannten mochten zum t´┐Żglichen Brot der Vaganten geh´┐Żren, obwohl sie in ihre bekannten Liedersammlungen nicht aufgenommen wurden. Von ihnen haben sie dann wohl die weltlichen Spielleute ´┐Żbernommen und fortgebildet, doch wurden die fahrenden S´┐Żnger nat´┐Żrlich auch auf andern Wegen mit altheimischem und fremdem R´┐Żtselgute bekannt. So finden wir Motive der R´┐Żtselm´┐Żrchen wohlbehalten im Pfaifen Ameis des Strickers und weiterhin in der Narrenliteratur
l) Vgl. Wossidlo, Nr. 504 mit den Anmerkungen, die bis aufs
16. Jahrhundert zur´┐Żckweisen.
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des 15. und 16. Jahrhunderts wieder; da handelt es sich zumeist um unl´┐Żsbare Aufgaben, die der Held der Geschichte nicht eigentlich l´┐Żst, sondern mit Witz umgeht1).
13. Yon ganz andrer Art sind die Fragen und Antworten des vielbesprochenen Traugemundliedes, das sich in seiner ´┐Żberlieferten Gestalt nicht ´┐Żber das 14. Jahrhundert zur´┐Żckverfolgen l´┐Ż´┐Żt, aber gewi´┐Ż auf viel ´┐Żlteren Grundlagen beruht. Schon in (1er nordischen Hervarar-saga fanden wir ein Beispiel f´┐Żr jene Vierergruppen von Fragen, die vielleicht auf eine gemeinsame poetische Form der Indogermanen zur´┐Żckgehen, jedenfalls aber im indischen Brahmodyam ein merkw´┐Żrdiges Gegenst´┐Żck haben. Diese Fragen sind gleichsam aufgel´┐Żste Kenningar: sie geben weder eine eindeutige Beschreibung, noch eine allegorische Versinnbildlichung des Gegenstandes; sie greifen nur eine besondere Eigenschaft heraus, die er vielleicht mit vielen andern teilt, die ihm wohl nicht einmal in besonders hohem Grade eignet, die aber andrerseits unsere Teilnahme f´┐Żr ihn weckt und ihn in poetischem Licht erscheinen l´┐Ż´┐Żt. F´┐Żr die Anschauung des Volkes, die hier noch sehr viel unvollkommener ist als in den sp´┐Żteren strophischen Volksr´┐Żtseln, ist der Tau eben ,,der tief fallende", der Adler „der hoch bauende" schlechthin. Wer solche Fragen beantworten will, mu´┐Ż die Antworten wissen: nur hat das Ged´┐Żchtnis hier nicht einen abstrakten Satz, sondern eine von Stimmung erf´┐Żllte Anschauung festzuhalten, die denn auch gern in gesteigerter oder in begr´┐Żndender Form ausgedr´┐Żckt wird; daher die noch heut vielfach im Volksmund umlaufenden, auch wohl poetisch beantworteten Fragen mit dem Anfang: „Was ist gr´┐Ż´┐Żer als ..oder
i) N´┐Żheres in der Arbeit von Schevill.
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„Warum ist das und das so und so?" Frage und Antwort bilden hier eine Einheit, die mit ihrer k´┐Żnstlichen Zuspitzung und ihrer bildlichen H´┐Żlle wiederum an das Sprichwort erinnert. Und wenn dieses sich oft vorzugsweise an bestimmte Kreise wendet und sich in ihrer Mitte erh´┐Żlt, so wurden unsre R´┐Żtselfragen, gerade weil sie nicht jeder l´┐Żsen kann, in gewissen st´┐Żndischen Gemeinschaften geradezu als Kennzeichen der Zugeh´┐Żrigkeit verwendet. Noch im 19. Jahrhundert legte man einem Handwerksburschen, der in W´┐Żrzburg gearbeitet haben wollte, die Frage vor: „Was machen denn da die zw´┐Żlf Br´┐Żckenheiligen?", worauf er mit einem Ortswitz zu antworten hatte: „Ein Dutzend". ´┐Żhnlich, nur auf poetischere Weise fragte man wohl einen Weidgesellen in alter Zeit:
„Sag mir an, mein lieber Waidmann: Was macht den Wald wei´┐Ż? Was macht den Wolf greis? Was macht den See breit? Woher kommt alle Klugheit?"
Und die Antwort lautete:
„Das will ich dir wohl sagen schon: Das Alter macht den Wolf greis, Der Schnee macht den Wald wei´┐Ż, Und das Wasser macht den See breit, Vom sch´┐Żnen Jungfr´┐Żulein kommt alle
Klugheit."
´┐Żber solche Weid- und Feldspr´┐Żche und Handwerksgr´┐Ż´┐Że handelt Uhland bei Gelegenheit des Traugemundliedes, dessen Aufbau er mit seiner wunderbaren Vereinigung von k´┐Żnstlerischem Feingef´┐Żhl und wissen-
*) Abhandlung ´┐Żber das Volkslied, herausg. von Fischer, S. 147 ff.
Petsch, Das deutsche Volksr´┐Żtsel. "
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schaftlichem Scharfsinn eindringlich erl´┐Żutert hat*). Hier tritt der fahrende Mann selber als Held auf, der 72 Lande durchreist hat, d. h. so viel als es nach mittelalterlicher Vorstellung Sprachen gibt, dem also alle menschliche Weisheit kund sein mu´┐Ż. Nach uralter Weise wird er denn auch begr´┐Ż´┐Żt und nach seiner letzten Herberge gefragt, die er r´┐Żtselhaft und hochpoetisch umschreibt — jeder wei´┐Ż, was das Lager mit Rosen umsteckt und der Himmel als Decke zu bedeuten hat. Es folgen Fragen der Form: „Was ist weisser als der Schnee" oder „Durch was ist der Rhein so tief?", die zum Teil w´┐Żrtlich an die erw´┐Żhnten Weidspr´┐Żche erinnern; und mit der Erw´┐Żhnung der „untreuen Sibiche", denen „manch guter Geselle entwichen ist", spielt noch die Heldensage mit herein. Immer aber sind vier solcher Fragen zusammengestellt, die inhaltlich oft nur lose zusammenh´┐Żngen; aber sie k´┐Żnnen sich auch zu einer festgef´┐Żgten Kette zusammenschlie´┐Żen, wie die Frage nach den wunderbaren Vogelarten, die dann im 15, Jahrhundert mit gro´┐Żer Liebe ausgef´┐Żhrt werden sollte2); und sie k´┐Żnnen sich endlich alle auf einen und denselben Gegenstand beziehen, wie das Elsterr´┐Żtsel am Schlu´┐Ż:
TVaz ist gr ilene alsam der kle? waz ist wiz alsam der sne? waz ist swarz alsam der kol? waz zeltet rehte als der vol?
Ebenda S. 138ff. Vgl. MSD 3. Nr. XLVIII Uhland spricht auch von den 'Pilgerliedern', worin ein Pilger sich durch die Beantwortung von R´┐Żtselfragen der Aufnahme w´┐Żrdig erweist. Vgl. K. J. Schr´┐Żer, ZdVfVk., Bd. III, S. 67.
2) Vgl. Wossidlo, Nr. 170 mit den Nachweisen. Im Trauge-mundslied ist freilich die Frage nach dem Baum ohne Bl´┐Żte (Wach-
holder) hinzugef´┐Żgt.
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Damit aber ist schon ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu unsern gereimten Volksr´┐Żtseln getan, die einen Gegenstand nach seinen einzelnen Teilen, nach verschiedenen Erscheinungsformen oder nach den Stufen seiner Entstehung in parallel laufenden Zeilen zu beschreiben lieben; und der scheinbar unl´┐Żsbare Gegensatz (hier zwischen schwarz und wei´┐Ż) ist erst recht r´┐Żtselm´┐Ż´┐Żig, wie u. a. unser ganz ´┐Żhnlich gebautes Volksr´┐Żtsel von der Nu´┐Ż erh´┐Żrtet1).
14. Neben solchen Reihenbildungen liefen sicherlich gereimte Einzelr´┐Żtsel her, die sich allm´┐Żhlich auch nach der Seite der Rahmenelemente immer voller entwickelten, wie wir das bei den andern germanischen St´┐Żmmen beobachten konnten. Freilich sind uns aus der Bl´┐Żtezeit der mhd. Dichtung keine klassischen Beispiele der Art erhalten, aber die Entwicklung der Gattung versp´┐Żren wir bei einem Dichter, der dem Volk so nahe stand und jede Anregung so genial zu verwerten wu´┐Żte, wie Waith er von der Vogelweide: er entnimmt dem Formelschatz des R´┐Żtsels seine „Wundereing´┐Żnge": z.B. „Hoeret wunder, wie mir ist geschehen" 2); und er stellt sich selber die Aufgabe, das Wesen der Minne zu erraten, das er dann in r´┐Żtselm´┐Ż´┐Żig-gegens´┐Żtzlicher Weise beschreibt3). Aber eigentliche R´┐Żtsellieder finden wir bei ihm nicht, h´┐Żchstens ein „b´┐Żspel", eine Parabel, die ein andrer S´┐Żnger wieder in dichterischer Form aufl´┐Żsen soll — was weniger an das frische Volksr´┐Żtsel, als an gelehrte K´┐Żnsteleien erinnert4). Das „Beispiel" des 12./13. Jahrhunderts steht
1) Wossidlo, Nr. 219.
2) 72, 37. Vgl. Loowenthal, S. 127, Anm. 1.
3) 69, S ff.
M Vgl Wilnianns zu S5, 25ff.
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auf der ´┐Żbergangsstufe von einer ausgef´┐Żhrten Parabel zur lehrhaften Erz´┐Żhlung mit einem gewissen Nebensinn, einer deutlich f´┐Żhlbaren Spitze*). In der dialogischen Dichtung vom K´┐Żnig Tirol und seinem Sohn Fridebrant, die im 13. Jahrhundert aus Wolframs Schule hervorging, gibt der Vater seinem Sohne R´┐Żtsel auf, die dieser in der gleichen Strophenform breit-allegorisch beantwortet. Da erscheint etwa der Priester je nach seiner W´┐Żrdigkeit als gr´┐Żnender oder abgestorbener Baum, oder das Bild der M´┐Żhle und ihres Betriebs mu´┐Ż die Grundtatsachen des Christentums versinnbildlichen helfen. Wenn die Dichtung diese R´┐Żtsel dem „Daniel" zuschreibt, so verweist sie uns damit auf die mystisch-gelehrte Richtung der ma. Literatur, der solche Aufgaben tats´┐Żchlich entstammen; galt doch Daniel als der Meister im Deuten und nicht blo´┐Ż von Tr´┐Żumen!
15. Die volkst´┐Żmliche Freude am R´┐Żtselraten und der gelehrte Sport spitzfindiger Deutungen vereinen sich nun in einer ganzen Reihe von Dichtungen der sp´┐Żteren mhd. Literatur, die nur teilweise noch als „eigentliche R´┐Żtsel" anzusprechen sind. Soll das „R´┐Żtsel" eine v´┐Żllig undurchdringbare H´┐Żlle f´┐Żr die Weisheit des Verfassers darstellen, die etwa nur eine ´┐Żhnlich beispiellose Weisheit sprengen kann, so f´┐Żllt es ganz aus dem Rahmen unsrer Betrachtung heraus. Immerhin haben die Spruchdichter seit dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts, Rein mar von Zweter2) an der Spitze, eine Reihe von
J) Vgl. E. Schr´┐Żder, ´┐Żber das Spell, ZfdA., Bd. XXXVII, S. 241 ff. Maync, Die altdeutschen Fragmente von K´┐Żnig Tirol und Fridebrant (1910).
2) Vgl. zum ganzen Abschnitt; G-. Roethe, Reinmar von Zweter (1887), S. 277 ff. und Loewenthal, Abschnitt III, bes. 120ff.
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R´┐Żtseln in strophischer Form geschrieben, die auch lıeut noch gro´┐Żenteils l´┐Żsbar sind, selbst wo die Handschriften keine Aufl´┐Żsung enthalten. Freilich entfernen sie sich nicht blo´┐Ż in der Form, sondern auch im Gegenstande weit genug von dein Volksr´┐Żtsel, wenn sie bestimmte geschichtliche Ereignisse und Pers´┐Żnlichkeiten oder unsinnliche Dinge, wie die Kunst, den Neid oder die L´┐Żge, behandeln; immerhin arbeiten sie doch auch mit Vorstellungen, die dem Volksr´┐Żtsel nicht ganz fern liegen, obwohl sie den Elucidarien entstammen1), und ganz volkst´┐Żmlich sind Gegenst´┐Żnde wie der Mensch und der Schatten, der Hahn und die Laus u. a. Wie eng diese Dichtungen mit den inzwischen sich fortentwickelnden volkst´┐Żmlichen R´┐Żtseln der Form nach zusammenh´┐Żngen, zeigen die h´┐Żufigen Aufforderungen zum Raten, z. B. beim Marner: „Nu ratet alle, waz daz wunder s/"2). Wenn Reinmar von Zweter, dem ein paar der besten Dichtungen dieser Art gelungen sind (u. a. zwei R´┐Żtsel vom Jahr nach sehr alten Mustern), in seinem Spruch von der Schreibfeder sagt: „Daz ein tumber leie warn ich unerr´┐Żten l´┐Żt3), so ist das ein neckisches Spiel mit dem Ge genstande, der den „Br´┐Żdern und Schwestern" in den Kl´┐Żstern freilich besser vertraut sein mochte, als dem Mann aus dem Volke.
16. Viel weiter entfernt sich von der volkst´┐Żmlichen _R´┐Żtseldichtung das regelrechte Streitgedicht
*) Der Tannh´┐Żuser z. B. bringt in einer seiner Strophen mit andern R´┐Żtseln gewaltsam zusammen: Adam und Eva, die keine Eltern Latten, und den Hund in der Arche, der so laut bellte, da´┐Ż die ganze Welt es h´┐Żrte. Vgl. Loewenthal, S. 64.
l) Vgl. Loewenthal, S. 123.
3) Reinmar v. Zweter, 188, 5. Vgl. R. Petsch, PBBeitr., Bd. XLI,
S. 345 f.
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des Mittelalters, wo zwei S´┐Żnger in „geteiltem Spiel'1 einander gegen´┐Żber treten, um sich im Lobe ihrer beiderseitigen „milden Herren" oder in gegenseitiger Herabsetzung zu ´┐Żberbieten. Ein unerquicklicher Aufwand von Grobheit und Spitzfindigkeit wird hier vertan, und bald m´┐Żssen Allegorie und „R´┐Żtsel" herhalten, um die geistige ´┐Żberlegenheit des S´┐Żngers darzutun1). Das ber´┐Żhmteste Beispiel eines solchen Kampfes ist der durchaus sagenhafte „Wartburgkrieg", der in einem Gedicht der 60 er Jahre des 13. Jahrhunderts beschrieben ist. Nach der Art sinkender Kunst, die den Mangel an eigener Kraft durch ´┐Żu´┐Żere Wirkungen zu verdecken sucht, marschieren hier die gr´┐Ż´┐Żten S´┐Żnirer der Vorzeit gegeneinander auf; zun´┐Żchst wird das Lob des Landgrafen von Th´┐Żringen gegen den F´┐Żrsten von ´┐Żsterreich verfochten, und erst in dem ziemlich lose angef´┐Żgten zweiten Teil tritt Wolfram mit einer Sch´┐Żpfung seiner eigenen Dichterphantasie, dem teuflischen Klingsor, in die Schranken, um gewisserma´┐Żen auf k´┐Żnstlerischem Gebiet der wei´┐Żen Magie zum Sieg ´┐Żber die schwarze zu verhelfen: seine tiefe mystische Weisheit, die noch das kraftlose Entz´┐Żcken der Meistersinger hervorrufen sollte, l´┐Żst alle von Klingsor aufgestellten allegorischen R´┐Żtsel (deren urspr´┐Żngliche Zahl sp´┐Żtere Nachahmer willk´┐Żrlich vermehrt haben d´┐Żrften). Wenn dann diese Dichtung wiederum etwa ein Vierteljahrhundert sp´┐Żter der bairischen Lohengrindichtung vorausgeschickt wird und damit endet, da´┐Ż Wolfram, um seine ´┐Żberlegenheit
x) Zu der ganzen Entwicklung vgl. Ii. Jantzen. Geschichte des deutschen Streitgedichts im Mittelalter (Germanist. Abhandlungen, Bd. XIII, 1896), bes. Kap. IV, Abschnitt B und C. Ferner Vogt in PGrundr. IIa (2. Aufl.), S. 270f.
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´┐Żber Klingsor vollends darzutun, eben dieses Epigonenepos vortr´┐Żgt, so f´┐Żhlen wir uns lebhaft an den ber´┐Żhmten Wettstreit zwischen Homer und Hesiod im Altertum erinnert, in dem sich die Wettk´┐Żmpfe griechischer Rhapsoden spiegeln. Auch da gehen wirkliche R´┐Żtsel, Weisheitsfragen und Proben dichterischer Schlagfertigkeit durcheinander, bis jeder der beiden Dichter eine besonders sch´┐Żne Stelle aus seinem Hauptwerk vortr´┐Żgt, wobei nat´┐Żrlich Homer als Sieger hervorgeht1). Jedenfalls handelt es sich das eine wie das andere Mal um eine gelehrte Spielerei, die das Volksr´┐Żtsel im einzelnen nicht mehr befruchten konnte. Denn mehr und mehr entfernen sich diese R´┐Żtsel von jener F´┐Żlle der Anschauung, nach der eben das volkst´┐Żmliche R´┐Żtsel hinstrebte. Die Allegorie des ersten, sicherlich urspr´┐Żnglichen R´┐Żtsels im Wartburgkrieg ist noch einheitlich durchgef´┐Żhrt, obwohl es schon da ohne einige Gewaltsamkeit nicht abgeht: der vom Teufel bet´┐Żrte, im S´┐Żndenschlaf verharrende Mensch, der keine Warnung Gottes h´┐Żrt und endlich der H´┐Żlle anheimf´┐Żllt, wird mit einem am Seeufer schlafenden Kinde verglichen, das durch keinen Ruf und durch keine Z´┐Żchtiffunc des Vaters zu erwecken ist:
„Ezidem´┐Żn ein tier din pflac,
daz was gar sunder g´┐Żlte: da f´┐Żr ncem du eins luhses r´┐Żt der dich in disen valschen slaf
betrogen hat', sns brach der tam und kam
der se mit schalle" 2).
*) Vgl. K. Ohlert, S. 35 ff.
a) Wartburgkrieg, lıerausg. v. K. Simrock (1858), S. 59.
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So verl´┐Żuft schon das Bild aus dem Leben, das die geistlichen Dinge erl´┐Żutern soll, ins Fabelhafte, der ganze Vorgang ermangelt frischer Nat´┐Żrlichkeit. Noch viel un-anschaulicher und gek´┐Żnstelter sind die sp´┐Żterhin eingeschobenen „R´┐Żtsel" des 'Wartburgkrieges' und die der sp´┐Żteren Spruchdichter und der Meistersinger. Sie vermeiden nicht blo´┐Ż ´┐Żngstlich, was den H´┐Żrer des R´┐Żtsels auf die L´┐Żsung bringen k´┐Żnnte, sie suchen auch seinen Sinn durch die H´┐Żufung des Wunderbaren, Unbegreiflichen zu verwirren, was oft durch l´┐Żcherliche, an den Haaren herbeigezogene Mittel bewirkt wird. So fragt Heinrich Frauenlob in einem Meisterliede der Kol-marer Handschrift*) nach einem Tier, das aus des Meeres Grunde aufsteigt und die Christenheit von Gott abwendig machen will; das Tier habe „zehn H´┐Żrner und sieben H´┐Żupter". Regenboge deutet das R´┐Żtsel auf die Hoffart, die im Antichrist verk´┐Żrpert erscheint: Diu hoch-vart stben tcetlicli s´┐Żnde ´┐Żf ir hat. Noch willk´┐Żrlicher ist die Deutung der zehn H´┐Żrner: ^ „jDiu zehen horu betiutet baz
W den hellehnnt dnrcli sinen haz . . .
diu zehen bot sind worden laz.u
17. Andrerseits hat die ja auch im Volk allenthalben beliebte und ge´┐Żbte Form des Streitgedichtes, vielleicht in Verbindung mit ´┐Żberlieferten Geschichten von R´┐Żtselwettk´┐Żmpfen um Leib und Leben, eine besondere Art von volkst´┐Żmlichen „R´┐Żtsel- und Wettliedern" hervorgebracht, die mindestens im sp´┐Żten Mittelalter ihre Bl´┐Żte entfaltete und noch heut im Volksmund nachwirkt. Uhland2) hat es wahrscheinlich gemacht, da´┐Ż der Kranz
1) Ausgabe von K. Bartseh (Ut. Ver., Bd. LXVI11,1862), S. 254,
2) Vgl. zum folgenden Uhland, a. a. O., S. 151 ff., und unter den Volksliedern selb.st Nr. 2 f.
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als Siegerpreis, von dem die Meistersinger zu erz´┐Żhlen wissen, auf das volkst´┐Żmliche Singen um einen Rosenkranz zur´┐Żckweist, der des Siegers im Liederkampf vor den Ohren der Geliebten wartete und wohl oft genug wiedei- nur eine Andeutung sch´┐Żneren Lohnes sein sollte. Die Jungfrau verlangt nicht blo´┐Ż sch´┐Żne Lieder zu h´┐Żren, sie erwartet ihren eigenen Preis in sinnreicher Form zu vernehmen, oder sie stellt scheinbar unl´┐Żsbare Aufgaben und schwierige Fragen, die doch mit einer geschickten Wendung zu umgehen oder zu l´┐Żsen sind. Durchweg erinnern diese Fragen an jene im Trauge-mundsliede, und ihre Wiederkehr, etwa in englischen Balladen, scheint einigen ein sehr hohes Alter zu sichern1). Wenn das M´┐Żdchen fragt, wovon die sieben Y´┐Żglein auf ihres Vaters Giebel leben, und der Junggeselle antwortet: .,Der erst gelebt ´┐Żger jugent, der ander ´┐Żger tugent" usw. so ist das eine galante Umdichtung der Frage nach den wunderbaren V´┐Żgeln; manche Vierergruppen aber erinnern noch deutlicher an Bekanntes:
„Was ist h´┐Żher weder gott? (die Krone) und was ist gr´┐Żsser dann der spott?
(die Schande) and was ist weisser dann der schnee?
(der Tag)
und was ist gr´┐Żner dann der kle?
(des Burschen Liebe) Und endlich wird eine ganze Reihe von Bestimmungen auf den „Dillestein" in der H´┐Żlle bezogen, wie dort auf die Elster.
l) In dieselbe Richtung verweist ihre Verwandtschaft mit den
„Unm´┐Żglichen Dingen11, vgl. ebenda Nr. 4ff. W. Schultz, Sp. 07.
In dieser Form allein haben die alten R´┐Żtsel fragen sich bis auf diesen Tag erhalten, nicht ohne mancherlei Wandlungen zu erfahren. In den heutigen R´┐Żtselliedern mu´┐Ż das M´┐Żdchen durch ihre Klugheit die Gunst des Junggesellen gewinnen, der ihr meist paarweis geordnete Fragen aufgibt; die Rollen sind also ausgetauscht. Augenscheinlich geht diese Wendung auf ´┐Żltere Balladen zur´┐Żck, wo ein vornehmer Herr ein M´┐Żdchen zur Frau w´┐Żhlt, das ihm seine Fragen beantworten kann. Das erinnert wieder an die R´┐Żtselm´┐Żrchen vom ,,klugen M´┐Żdchen" u. a. Ein englisches Lied der Art hat Goethe aus Heeders „Volksliedern" in seine „Fischerin" her´┐Żbergenommen. Unter den drei T´┐Żchtern einer Witwe kann nur die J´┐Żngste und Sch´┐Żnste auf die sechs „Traugemundfragen", wie wir sie kurzweg benennen d´┐Żrfen, die rechte Antwort geben:
,,0, Lieb' ist l´┐Żnger als der Weg daher,
Und Holl1 ist tiefer als das tiefe Meer" usw.
In einem englischen Liede „The noble Riddles wisely expounded, or the Maid's answer to the Knight's questions"1), hat die j´┐Żngste von drei Schwestern (´┐Żbrigens die Tochter einer 'Lady oft the north country') das Lager des Ritters geteilt und fragt ihn, wann er sie heiraten wolle. Er legt ihr drei Paar R´┐Żtsel vor, ganz ´┐Żhnlich wie in dem eben besprochenen Liede. und heiratet das kluge M´┐Żdchen, das sie alle zu l´┐Żsen wei´┐Ż2). Auch
*) Robert Jamieson, Popular Ballads and Songs, Bd. II (1806), S. 154 ff.
2) Umgekehrt sucht sich die sch´┐Żne Tochter des Lord of Roslin vor der zudringlichen Werbung des Captain Wedderburn zu sch´┐Żtzen (Jamieson a. a. 0.), indem sie ihm schwierige Fragen und Aufgaben stellt, die aber alle gel´┐Żst werden. Weitere Literatur ´┐Żber den Gegenstand bei Erk-B´┐Żhme, Deutscher Liederhort, Bd. III, S. 8 ff. Dazu Wossidlo, Nr. 403 mit Anmerkungen. Schultz, Sp. 68-ff.
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in einem deutschen Volkslied des beginnenden 19. Jahrhunderts findet ein Ritter an der Stra´┐Że ein „H´┐Żbsches M´┐Żgdelein'', dem er solche R´┐Żtsel aufgibt, um sie dann „hinter seinen R´┐Żcken4' zu nehmen und mit ihr durch Berg und Tal zu reiten. Den heutigen Fassungen fehlt zumeist der cpische Eingang, sie sind rein dialogisch gehalten:
„Ach Jungfer, ich will ihr Avas zu raten
aufgeben,
Und wenn sie es err´┐Żt, so heirat ich sie" —
worauf dann die ´┐Żblichen paarweis geordneten und paarweis zu beantwortenden Fragen folgen, die untereinander keinen Zusammenhang haben, sondern nur durch den Reim gebunden sind:
„Was f´┐Żr eine Jungfrau ist ohne Zopf (das M´┐Żdchen in der Wiege) Und was f´┐Żr ein Turm ist ohne Knopf?
(der babylonische)2).
J) Nach B´┐Żschings Aufzeichnung bei Erk-B´┐Żhme Xr. 10´┐Ż:>.
2) Ein ganz merkw´┐Żrdiges „Braut-Begehren" in dialogischer Form ist uns vom D´┐Żrrenberg im Salzkammergut ´┐Żberliefert (vgl. A. Hartmann, Volksschauspiele, 1880, S. 120 ff.). Da stellt am Morgen des Trautages der Brautvater Fragen an den Freiwerber und an die Freunde des Br´┐Żutigams, um dann erst die Braut herauszugeben. Diese Fragen gehen von der Werbung aus und dann sehr schnell auf kirchliches Gebiet ´┐Żber. Auf langwierige Er´┐Żrterungen ´┐Żber die Einsetzung des heiligen Abendmahls folgen Fragen, die uns lebhaft an die Elucidarien erinnern und deren Beantwortung einem Scholastiker alle Ehre machen w´┐Żrde. Da wird u. a. gefragt nach den zw´┐Żlf durchlauchtigen Frauen des alten Testaments, nach den sieben Wunderwerken, die angeblich am 25. M´┐Żrz geschehen sind, nach dem Wald mit zw´┐Żlferlei Holz oder nach den drei
Einzelne dieser Fragen sind dann auch seit dem ausgehenden Mittelalter in Prosa umgelaufen.
18. Die Kranzges´┐Żnge stehen durchweg im Dienst der Erotik, die ja inhaltlich merkw´┐Żrdig stark bei der R´┐Żtselbildung der ´┐Żlteren Zeit beteiligt ist — gerade so wie die Religion. Eine besondere Form des R´┐Żtsels, deren
L´┐Żndern, wodurch die Braut zu f´┐Żhren sei, und alles wird h´┐Żbsch geistlich ausgedeutet: ´┐Żberbleibsel meistersingerischer Allegoristerei, der denn selbst die gut volkst´┐Żmliche Frage nach der Stra´┐Że ohne Staub verf´┐Żllt; sie wird hier nicht, wie gew´┐Żhnlich, auf das Meer gedeutet, sondern auf Jesus, der von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Echt volkst´┐Żmlich ist nur das alte R´┐Żtsel vom Jahr, das hier in der Form erscheint: „Ich begehre von Euch zu wissen, ob Ihr Euch die Braut zu f´┐Żhren traut durch einen Wald; drin steht ein Baum, der hat zw´┐Żlf St´┐Żmme. Ein jeder Stamm hat ein Gipfel" usw. Aus sehr verschiedenen Bestandteilen ist auch das merkw´┐Żrdige R´┐Żtsellied der (urspr´┐Żnglich ´┐Żsterreichischen) ,,Heidebauern" in Ungarn zusammengesetzt, das K. J. Schr´┐Żer mitgeteilt hat (ZdVfVk., Bd. III, S. 67 ff.). Zun´┐Żchst einige Fragen aus der biblischen Geschichte, dann einige „Traugemund fragen", die paarweise auftreten, z. B.:
Ein Singer bist genennet hier, Eins frag ich dich, das sage mir: Der welche Wald ist ahne Laub? Die welche Stra´┐Ż ist ahne Staub? Alles, was du mich nun thust fragn, Das will ich dir von Herzen sagn: Der Tannenwald ist ahne Laub, Die Himmelsstra´┐Ż ist ahne Staub.
Endlich Ivatechismusfrageu und am Schlu´┐Ż ein Hinweis auf unm´┐Żgliche Dinge.
„Wenn alle Felberb´┐Żum Feigeu tragn, Damı will ich dir vor meinen Tagn Kommen und dir die Wahrheit sagn."
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Keim wir schon fr´┐Żhzeitig beobachten konnten*), gelangt augenscheinlich in der ´┐Żbergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit zur h´┐Żchsten Bl´┐Żte: die frivole Zweideutigkeit geschlechtlichen und blasphemischen Klanges. Da´┐Ż dabei die Farben derb genug aufgetragen werden, ist bei den „grobianischen" Neigungen des 15. und 16. Jahrhunderts nur zu verst´┐Żndlich. Die gedruckten R´┐Żtselb´┐Żcher aus der Wende des 15. Jahrhunderts halten sich im Ganzen rein; um so ungezwungener geben sich schriftliche Aufzeichnungen, wie vor allem die kulturhistorisch so bedeutsame Weimarer Oktavhandschrift 5652)> deren Inhalt sicher nicht f´┐Żr das „ohrenzarte Frauenzimmer" bestimmt war.
Die Forschung darf es nicht verschm´┐Żhen, in diesen Schmutz hineinzugreifen, denn gerade auf diesem schl´┐Żpfrigen Gebiete, das sicherlich eines der beliebtesten war, hat sich zum gro´┐Żen Teil jene F´┐Żlle von Strophenformen ausgebildet, die unser heutiges Volksr´┐Żtsel auszeichnet, und wovon wir in fr´┐Żheren Jahrhunderten nur so sp´┐Żrliche Ans´┐Żtze finden. Den Ausgangspunkt bildet jene vierzeilige Strophe, die wir im Traugemundliede fanden; nur werden alle vier Zeilen verwendet, um einen einzigen Gegenstand oder eine zusammenh´┐Żngende Gruppe, auch einen Vorgang oder die Entwicklung eines Gegenstandes oder einer
*) W. Schultz (Sp. 65) sieht darin uralte, von hause aus rituelle Fragen, „die sp´┐Żterhin unter Wahrung des ihnen urspr´┐Żnglich schon eigenen geschlechtlichen Doppelsinnes bezogen, d. b. neuen, uneigentlichen L´┐Żsungen angepa´┐Żt wurden". Das kann jedenfalls nicht von allen, heut im Volksmund umlaufenden Zweideutigkeiten gelten, gibt aber f´┐Żr den letzten Ursprung der Gattung einen sehr wichtigen Fingerzeig.
2) Danach R. K´┐Żhler, 42 alte R´┐Żtsel und Fragen. Weimarisches Jahrbuch, Bd. V, S. 325 if.
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Handlung zu bezeichnen, und dabei brauchen die einzelnen Zeilen nicht mehr so streng gleichlaufend gebaut zu sein, wie im Elster-R´┐Żtsel. Ein klassisches Beispiel f´┐Żr die neue Form ist das Eva-R´┐Żtsel einer Heidelberger Handschrift1) aus dem 15. Jahrhundert:
„Ein junckfraw eins tages alt gepor ein kint e sie eins iars ward alt. Das selbe kind e starb, E dan die muter geboren ward."
Wie nun schon das Beispiel des,, Traugemundliedes" und der Kranzlieder zeigt, kann diese Strophe auf zwei Zeilen verk´┐Żrzt, aber auch durch Zuf´┐Żhrung von Rahmenelementen auf sechs, acht und mehr erweitert werden, teilweise auch unter Einwirkung alter Kettenreime 2); denn auch solche sind uns aus fr´┐Żher Zeit ´┐Żberliefert und haben vor allem zur Ausf´┐Żhrung des R´┐Żtsels von den wunderbaren V´┐Żgeln beigetragen, das in der Weimarer Handschrift3) noch von drei, in sp´┐Żteren Drucken aber schon von zehn V´┐Żgeln handelt4). Allm´┐Żhlich neigt man zur F´┐Żllung und ´┐Żberf´┐Żllung der Senkungen, ja zur Erweiterung der Zeilen um eine oder mehrere Hebungen, besonders in den immer h´┐Żufiger auftretenden Rahmenzeilen5) am Eingang und Schlu´┐Ż. Mehr und mehr aber
1) C. Pal. G. 318. Eine sorgf´┐Żltige Nachvergleichung verdanke ich der G´┐Żte des Herrn Prof. Sillib in Heidelberg.
2) W. Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch (1859), S. 967 ff.
3) Vgl. bei K´┐Żhler, Nr. 23.
4) Vgl. Butsch, Stra´┐Żburger R´┐Żtselbuch, Nr. 95: „Ritter zehen V´┐Żgel gut, der erst vnder den hot kein mut" usw.
5) Die Weimarer Handschrift begn´┐Żgt sich gew´┐Żhnlich noch mit den in die Strophe einbezogenen Anfangsfragen: „Rat was ist das?"
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scheint auch das einzelne R´┐Żtsel aus der gesprochenen in die gesungene Dichtung ´┐Żbergetreten zu sein und an jener reichen Entwicklung der kurzen Formen teilgenommen zu haben, die wir heut an unsern Kinderliedern, Tanz- und Spielverschen bewundern1); aucli die stilistische Durchbildung der neuen Strophe weist in diese N´┐Żhe, abgesehen nat´┐Żrlich von den rein r´┐Żtselm´┐Ż´┐Żigen ´┐Żu´┐Żeren Mitteln und von jenem eigent´┐Żmlichen Rhythmus, jenem Schwanken zwischen Verrat und Versteck, der nun einmal die innere Form der Gattung ausmacht, und der sich zusehends immer reicher entwickelt. Unter dem Einflu´┐Ż der gesungenen Melodie und des Tanzes erhalten wir taktische Umgestaltungen der vierhebigen Zeilen zu je zwei oder drei Dipodien, die dann wieder mit anders gebildeten Formen die mannigfachsten Verbindungen eingehen k´┐Żnnen. Auch das Klangwort, das sich im Kinderlied allm´┐Żhlich zur reich ausgef´┐Żhrten Leitzeile entwickeln sollte (vgl. Su su sinne, Eja susaninne usw.), erscheint fr´┐Żhzeitig im R´┐Żtsel; einige Male benennt die Weimarer Handschrift den Gegenstand mit einem ablautend-reduplizierend gebildeten Worte („Visifa´┐Ż" und „Zwitzerzweck"2), das eigentlich gar nichts bedeutet, zum mindesten nichts von dem wirklichen Wesen der Sache verr´┐Żt, das aber den H´┐Żrer auf etwas ganz Wunderbares bezw. Unsauberes gespannt machen soll.
Damit sind alle wichtigen Formen unseres heutigen Volksr´┐Żtselschatzes gegeben, und zwischen den ersten gedruckten R´┐Żtselb´┐Żchern aus dem Ende des 15. Jahrhunderts und einer umfassenden Sammlung der heutigen
*) Vgl. R. Petsch, ZfdPk. Bd. XLI, S. 263 tf.
") Nr. 17 und 19 der handschriftlichen Sammlung (Bl. 32 v.). bei K´┐Żhler nicht abgedruckt.
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Zeit bestehen nur noch Unterschiede des Grades, je nachdem verschiedene Zeitalter. Gesellschaftsschichten und wohl auch ´┐Żrtliche Gemeinschaften diese oder jene Gattung bevorzugen oder abweisen, ja wohl auch absterben lassen.
III. Die ´┐Żlteren gedruckten Sammlungen deutscher R´┐Żtsel.
19. Seit dem Erwachen der b´┐Żrgerlichen Prosa wurden die R´┐Żtsel nicht mehr als Wissensfragen gestellt, wurden aber zun´┐Żchst auch noch nicht als eigner Zweig der Kunstliteratur gepflegt. Das Vorwiegen der stofflichen Bewertung alles Dichterischen im 15. und 16. Jahrhundert mag an der teilweisen Zerst´┐Żrung der ´┐Żberlieferten Formensprache schuld gewesen sein; zum mindesten wurde sie gar locker gehandhabt und nicht recht fortgebildet. Daf´┐Żr nahm jetzt augenscheinlich die Zahl der landl´┐Żufigen R´┐Żtsel ganz au´┐Żerordentlich zu. R´┐Żtsel wurden auf See- und Wanderfahrten aufgegeben, sie belebten die Unterhaltung im Rollwagen, bei den Gartengesellschaften und in der Spinnstube; sie waren sicherlich eines der beliebtesten Belustigungsmittel der Erwachsenen, w´┐Żhrend sie erst sp´┐Żter mit so mancher andern Gattung der Volksdichtung in die Kinderstube gewandert sein d´┐Żrften. Denn wenn unsere Kinderr´┐Żtsel noch teilweise erotische F´┐Żrbung und besonders Schlu´┐Żformeln haben, worin ein Ku´┐Ż oder noch h´┐Żhere Liebesgunst dem gl´┐Żcklichen L´┐Żser verhei´┐Żen wird, so sind solche Dinge gewi´┐Ż nicht von Hause aus f´┐Żr Kinder bestimmt gewesen. Schriftliche Sammlungen sind wohl seit dem 15. Jahrhundert angelegt worden, wie das Beispiel der Weimarer Handschrift zeigt, die ja
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auch von der Geschmacksrichtung* ihres Urhebers und gewi´┐Ż mancher Gesellschaftskreise ihrer Zeit bedenkliches Zeugnis ablegt. Allm´┐Żhlich schritt man zum Druck solcher Sammlungen vor, wobei man denn etwas schamhafter zu Werke ging, und vom Ende des Jahrhunderts an waren erst in Quart, dann in Oktavformat jene R´┐Żtselb´┐Żchlein auf den Jahrm´┐Żrkten zu haben, die heute zu den Seltenheiten unsrer Bibliotheken geh´┐Żren. Eine wirklich brauchbare Sammlung und Beschreibung der vorhandenen Drucke ist noch nicht zu geben, ginge auch ´┐Żber den Rahmen und Zweck dieser Arbeit hinaus1). Einige Andeutungen m´┐Żgen deshalb gen´┐Żgen.
20. Fast alle noch vorhandenen Drucke weichen in Einzelheiten von einander ab; ein Beweis, wie gro´┐Ż die Menge der Auflagen und Nachdrucke, wie ungeheuer die Verbreitung der B´┐Żchlein, besonders vom letzten Jahrhundert bis zur´┐Żck in die Mitte des 16. Jahrhunderts gewesen sein mu´┐Ż. Aber die ganze Masse der ´┐Żlteren R´┐Żtselb´┐Żchlein gliedert sich bequem in zwei gro´┐Że Hauptgruppen, deren j´┐Żngere wiederum sehr stark von der ´┐Żlteren abh´┐Żngig ist. Die ´┐Żlteste Gruppe nennen wir am besten das „Stra´┐Żburger R´┐Żtselbuch", weil die urspr´┐Żnglichsten Drucke, die uns vorliegen, und die keinen eigentlichen Titel tragen, auf Stra´┐Żburg als Druckort hinweisen, wenn auch vielleicht noch ´┐Żltere Fassungen aus anderen Gegenden auftauchen k´┐Żnnen. „Stra´┐Żburger
*) Vorl´┐Żufige, nicht gen´┐Żgende ´┐Żbersicht bei Hugo Hayn. Zur´┐Żckstellen m´┐Żssen wir auch eine Untersuchung ´┐Żber den Zusammenhang zwischen den deutscheu und den gleichzeitigen ausl´┐Żndischen R´┐Żtselb´┐Żchern, unter denen die frauz´┐Żsischen besonders wichtig sind: die „Adeviueaux amoureux", die „Questions ´┐Żnigma-tiques" u. ´┐Ż. (vgl. Pitre, S. LI ff.).
Petsch, Das deutsche Volksr´┐Żtsel. 4 .-;> >
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R´┐Żtselbuch" hat denn auch A. F. Butsch seineu keineswegs einwandfreien Abdruck eines dieser B´┐Żchlein genannt1)., und dieser Name hat sich in der Forschung eingeb´┐Żrgert. Das Titelblatt zeigt nur einen Holzschnitt [eine Gartengesellschaft] und das Verslein: „Wolchem an k´┐Żrtzweill thet zerrinden Mag woll disz buchlein durchgrynden. Er findt darin vill kluger 1er Von Rettelsch gedieht und vill n´┐Żwer mer". ´┐Żber den Verfasser ist so gut wie nichts zu sagen. Ob man aus einem der R´┐Żtsel (Butsch, Nr. 259), darauf schlie´┐Żen darf, da´┐Ż er kein Els´┐Żsser war oder nicht an els´┐Żssische Leser gedacht habe, weil ihm eine els´┐Żssische Spracheigenheit auff´┐Żllt, wage ich nicht zu entscheiden2). Jedenfalls war er kein Geistlicher, sonst h´┐Żtte er manchen kecken Scherz nicht aufgenommen; auf der andern Seite h´┐Żtet er sich vor „groben Possen", obwohl man seine Sammlung nicht an heutigen Schicklich-keitsr´┐Żcksichten messen darf — auch er ist der Sohn eines grobianischen Zeitalters. Den Begriff des R´┐Żtsels hat er ziemlich weit gefa´┐Żt, wie ja auch sein Titel andeutet: schwierige Aufgaben und Scherzfragen, Wissensproben und R´┐Żtselgeschichten, Geistliches und Weltliches, Erbauliches und Schmutziges, Gereimtes und Ungereimtes, Volkst´┐Żmliches und Verk´┐Żnsteltes geht durcheinander,
1) Stra´┐Żburger R´┐Żtselbuch. Die erste zu Stra´┐Żburg ums Jahr 1505 gedruckte deutsche R´┐Żtselsammlung neu herausgegeben von A. F. Butsch, Stra´┐Żburg. K. J. Tr´┐Żbner, 1876. Ein Exemplar des v´┐Żllig vergriffenen Neudrucks hat mir der Verleger f´┐Żr diese Arbeit freundlichst zur Verf´┐Żgung gestellt.
2) ,,In w´┐Żlchem landt man nit ess oder drinck. in dem elsess do zeret man" usw. Gleich darauf folgt; eine Frage, wo es keine Pferde gebe: „In schwoben do sein ro´┐Ż."
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ja es kommen Dinge vor, die wohl in Verbindung mit R´┐Żtseln vorgetragen wurden, aber eigentlich ganz aus dem Rahmen der Sammlung herausfallen1). So vermag er denn auch die Masse nicht anders zu ordnen, als in gro´┐Żen, stofflichen Gruppen. Voran geht freilich ein Abschnitt ohne ´┐Żberschrift, zumeist gereimte R´┐Żtsel altert´┐Żmlichen Gepr´┐Żges, deren einige tats´┐Żchlich durch ´┐Żltere Seitenst´┐Żcke belegt sind. M´┐Żglich, da´┐Ż sie der Grundstock seiner Sammlung waren, an die er das weitere angliederte, m´┐Żglicli auch, da´┐Ż sie statt eines Nachtrages vorangesetzt wurden. Dann kommen die Sammlungen „von Gott", „von den Heiligen", „vom Gebet"; dann k´┐Żnnten die Elemente folgen; aber auf den Abschnitt „Von Wasser" folgt sogleich der unerquickliche „Von Dreck", an den sich nur zu ´┐Żhnlich die Gruppen „Von V´┐Żgeln", „Von Fischen" und „Von Hunden" anreihen, wobei aber auch sehr viel R´┐Żtsel von sonstigen Tieren und schlie´┐Żlich von allem m´┐Żglichen andern mit unterlaufen. Als wollte der Verfasser nun auf das Menschenleben zu sprechen kommen, bringt er eine Reihe von R´┐Żtseln „Von Handwerkern", springt aber gleich wieder ´┐Żber zum „Himmel" (in sp´┐Żteren Drucken ist eine Unterabteilung dieser Gruppe „Von den Tagen" ´┐Żberschrieben); daran reiht sich sinngem´┐Ż´┐Ż: „Von dem erdtreich und Landen" und endlich folgt die gro´┐Że Gruppe „Von den Menschen", worin so ziemlich alles noch ´┐Żbrige untergebracht wird.
*) Weiteres zur Kennzeichnung der ´┐Żltesten Sammlungen in meinen „Neuen Beitr´┐Żgen zur Kenntnis des Volksr´┐Żtsels" (Pal´┐Żstra, Bd. IV), S. 17 ff. Eine genauere Beschreibung mit den sachlichen Abweichungen einzelner Drucke mu´┐Ż ich mir f´┐Żr eine andere Gelegenheit aufsparen. Dort werde ich auch der Bibliotheken und Fachgenossen dankbar gedenken, die mich bei der Vorbereitung dieser Studie freundlichst unterst´┐Żtzt haben.
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Nur „Von den Buchstaben und schrifft" handelt ein Schlu´┐Żst´┐Żck, das auch wieder fremde Bestandteile enth´┐Żlt — alles in allem etwas mehr als 330 Fragen. H´┐Żufig sind die eigentlichen R´┐Żtsel mit „Rot", die andern mit „Ein Frag" eingeleitet, aber auch diese Scheidung geht nicht durch; wie denn das Ganze, insbesondere was die Ordnung der Fragen innerhalb der einzelnen Gruppen anlangt, durchaus den Eindruck der eilig zusammengerafften Schleuderarbeit macht und in dieser Hinsicht auch bei sp´┐Żteren Auflagen und Nachdrucken nie verbessert worden ist. Eher werden einzelne Nummern an einer gerade passend erscheinenden Stelle nachgetragen, auch wohl mundartliche Ausdr´┐Żcke abge´┐Żndert, wobei manche Schlimmbesserungen mit unterlaufen, im Ganzen aber bleibt der Bestand zun´┐Żchst unver´┐Żndert. Endlich mu´┐Ż sich doch eine durchgreifende Neubearbeitung als notwendig erwiesen haben, neben der das ´┐Żltere B´┐Żchlein aber zun´┐Żchst noch herlief.
21. Welcher Art diese Umarbeitung ist, zeigen Titel- und Leitspruch: „Neu vermehrtes Rath-B´┐Żchlein mit allerhand weit- und geistlichen Fragen, samt deren Beantwortungen."
„Das Rockenb´┐Żchlein hei´┐Ż sonst ich, Wer langweilig ist, der kauff mich, Er findt in mir viel kluger Lehr, Mit vexir, rathen und anders mehr."
Tats´┐Żchlich ist ein m. W. einziger Abdruck eines „Rockenb´┐Żchleins" freilich sp´┐Żterer Zeit auf uns gekommen1), ungef´┐Żhr mit demselben Motto, das aber auf seinen Inhalt besser pa´┐Żt, als auf unser R´┐Żtselbuch; denn
*) Abgedruckt im Anhang meiner „Neuen Beitr´┐Żge11.
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das wirkliche „Rockenb´┐Żchlein" enth´┐Żlt zwar auch „sch´┐Żne und anmutige R´┐Żtsel" in Reimen (z. T. Alexandrinern) und „kurzweilige Frag und Antworten", dann aber „lustige Reime und T´┐Żnzlein", Spinnlieder und „allerhand Kunst und Vexier-St´┐Żck", die in eine R´┐Żtselsammlung nichthineingeh´┐Żren. Das ´┐ŻberarbeiteteR´┐Żtselbuch hat also seinen Titel von einer andern Gattung entlehnt, die sich augenscheinlich schon gr´┐Ż´┐Żerer Beliebtheit bei den K´┐Żufern erfreute, weil sie eben einen bunteren Inhalt darbot. Tats´┐Żchlich hat das Verst´┐Żndnis f´┐Żr den eigentlichen Reiz des R´┐Żtsels nachgelassen. Die Scherzfragen ´┐Żberwiegen, und am Schlu´┐Ż hat man fr´┐Żhzeitig allerhand fremdes Zeug eingef´┐Żgt: K´┐Żchenlatein, Stammbuchverse, „Reimen auf Confect-Schreiben", „Politische Sprichw´┐Żrter" und galante Redensarten u. a. m., was eher in eine Gesellschaft des 17. Jahrhunderts, als in eine b´┐Żuerliche Rockenstube sich schickte. Die volkst´┐Żmlich gereimten R´┐Żtsel treten ganz zur´┐Żck1).
Sie sind damit nicht abgestorben, aber sie f´┐Żhren von nun ab ihr eigenes Dasein abseits der gedruckten R´┐Żtselliteratur, die wir hier nicht n´┐Żher zu betrachten haben. Diese wuchs zusehends, entfernte sich aber immer weiter von den Bahnen der Volksdichtung und lieferte auch k´┐Żnstlerisch wenig Erfreuliches, bis sich im Zeitalter des deutschen Idealismus Schiller und sp´┐Żterhin Schleiermacher und Fechner der Gattung annahmen, die sie alsbald auf eine erstaunliche H´┐Żhe brachten.
22. Das volksm´┐Ż´┐Żig-strophische R´┐Żtsel entfaltete sich in steter und enger Verbindung mit der volkst´┐Żmlichen Kleindichtung und wurde mit ihr allm´┐Żhlich zum
l) Auch diese Ausgabe hoffe ich demn´┐Żchst in anderm Zusammenhange zu besprechen.
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Liebling der Kinderwelt und kindlich empfindender Erwachsener, w´┐Żhrend in den Schenken und auf den Gassen heut allenfalls noch die Scherzfrage bl´┐Żht. In der neuesten Zeit haben u. a. Fr. Mone und Ma´┐Żmann, Wackernagel und vor allem Karl M´┐Żllenhoff1) sich um das R´┐Żtsel verdient gemacht und auf seine kulturgeschichtliche Bedeutung hingewiesen. Eine gro´┐Że Anzahl von Sammlungen ist nachgefolgt, als deren vorl´┐Żufiger Abschlu´┐Ż das klassische Buch von Wossidlo erscheinen k´┐Żnnte. Aber seine wohlgeordnete Sammlung mit ihren reichen Literaturangaben und ihren zahllosen Varianten, die so tief in das quellende und flutende Leben dieser kleinen Dichtungen hinein blicken lassen, hat wiederum die Forschung und auch die Sammelt´┐Żtigkeit neu befruchtet. Nicht eigentlich wissenschaftlich gehalten, aber sehr f´┐Żrderlich war die Arbeit von Bonus ´┐Żber die „Biologie des R´┐Żtsels". Augenblicklich bem´┐Żht man sich an verschiedenen Stellen um die Frage nach der besten Anordnung des R´┐Żtsels2); es wird sich zeigen, da´┐Ż auch diese Frage sich kaum allgemein befriedigend wird l´┐Żsen lassen, da hier alles flie´┐Żt, und ein und dasselbe R´┐Żtsel durch eine kleine
Nordische, englische und deutsche R´┐Żtsel. Zeitschrift f´┐Żr deutsche Mythologie, Bd. III (1855), S. lff.
2) Vgl. den Anhang meines Buches „Neue Beitr´┐Żge". Ferner Robert Lehmann-Nitsche, Folklore Argentino I, und die Kritik von C. W. von S y d o w (s. Bibliographie). — Den mythischen Grundlagen des R´┐Żtsels gehen neuerdings die Mitarbeiter der „Mythologischen Bibliothek" mit regem Sp´┐Żreifer nach, allen voran W. Schultz in Wien. Soweit mir die Ergebnisse ihrer Arbeiten (durch die mehrfach erw´┐Żhnte Abhandlung von Schultz) zug´┐Żnglich geworden sind, scheinen sie mir eine F´┐Żlle wertvollster Anregungen zu geben, ohne da´┐Ż ich ihre grunds´┐Żtzliche Stellung durchaus zu teilen verm´┐Żchte.
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Erweiterung und Umbildung in eine andre Gruppe ´┐Żberzugehen scheint.
Nicht im Sinne einer strengen Systematik, sondern zum Zweck eines raschen ´┐Żberblicks gebe ich nun eine Musterung der seit dem 15. Jahrhundert beliebtesten Arten des R´┐Żtsels, immer im Hinblick auf die Entwicklungsgeschichte der Gattung, die wir oben in gro´┐Żen Z´┐Żgen verfolgt haben1).
IV. ´┐Żberblick ´┐Żber die Formen unserer Volksr´┐Żtsel.
Alle R´┐Żtseldichtung geht von der Deutung des Gegebenen aus: der Geist sieht allenthalben Beziehungen, die gleich feinen F´┐Żden in und zwischen den Dingen weben, und die Einbildungskraft rafft ein B´┐Żndel solcher F´┐Żden zusammen und formt daraus ein neues Bild: aber dies Bild ist nicht so vollst´┐Żndig und durchsichtig, wie bei der Fabeldichtung und der ausgef´┐Żhrten Allegorie; ohne da´┐Ż wir das Urbild dar´┐Żber aus den Augen verl´┐Żren und uns erst wieder mit dem Verst´┐Żnde zu ihm zur´┐Żckversetzen m´┐Ż´┐Żten, werden wir zwischen Anschauung und Verstandsarbeit hin- und hergezogen und von dem Gegenstand des geistigen Spiels nur weggelockt, um alsbald wieder mit neuer Liebe zu ihm zur´┐Żckzukehren. Bei den urspr´┐Żnglichen Formen, aus denen unsre Volksr´┐Żtsel erwachsen sind, konnten wir solches Schwanken oft deutlich beobachten, und manches noch heute wohl-
Im folgenden bezeichne ich die angef´┐Żhrten Beispiele der Weimarer Handschrift mit W. K. (die beigesetzte Kummer bezieht sich auf die von K´┐Żhler gedruckte Auswahl); B. bezeichnet das „Stra´┐Żburger R´┐Żtselbuch" mit der Nummer des Neudrucks von Butsch, Wo. bezieht sich auf die Nummern der Sammlung von Richard Wossidlo. Mit NR. ist das „Neu vermehrte R´┐Żtselb´┐Żchlein11 gemeint.
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bekannte R´┐Żtsel arbeitet mit diesem. Kunstmittel. Im allgemeinen aber bewegt sich die R´┐Żtseldichtung des Mittelalters und der Neuzeit bei uns und unsern Nachbarv´┐Żlkern doch in zwei gegens´┐Żtzlichen Richtungen.
Auf der einen Seite scheidet das Anschauungselement so gut wie ganz aus; wie in der ´┐Żltesten Zeit die Wissens- und Scharfsinnsproben der Priester aus ernsten rituellen Fragen zu spielender Bet´┐Żtigung des Geistes ´┐Żbergingen, so prunkte m´┐Żnchischer Ehrgeiz im Mittelalter mit ´┐Żberlegenem Wissen; dann nahmen epigonenhafter Dichterhochmut und meistersingerische Spitzfindigkeit die ´┐Żberkommenen Formen auf und verfielen bisweilen mit ihren gequ´┐Żlten Erzeugnissen der unfreiwilligen Komik; nur einen Schritt weiter und die spielende Bet´┐Żtigung des Verstandes wird zum Spiel mit der T´┐Żtigkeit des Verstandes selbst, das R´┐Żtsel wird zum blo´┐Żen Hebel des Witzes in verschiedenen Formen, es hebt sich selbst auf. Waren die ´┐Żltesten Formen von Wissens- und Weisheitsfragen noch keine R´┐Żtsel, so gehen die „Scherzfragen" im weitesten Sinne des Wortes schon ´┐Żber das R´┐Żtsel hinaus. Hier erweist sich der „Esprit" des „Salons" im 17. Jahrhundert, der n´┐Żchterne Scherz der Aufkl´┐Żrer und schlie´┐Żlich — der Witz der Gasse und der Schulstube unserer Gegenwart als der Erbe der „Joca" des Mittelalters.
Dagegen entfaltet das R´┐Żtsel seine sch´┐Żnste Bl´┐Żte, wo die stimmungerf´┐Żllte Anschauung, die schon den ´┐Żltesten Deutungen inne wohnte, sich frei und kr´┐Żftig offenbart. Das kann aber am besten auf dem Boden der eigentlich volksm´┐Ż´┐Żigen Dichtung geschehen, die weniger auf Apperzeption, denn auf gef´┐Żhlsm´┐Ż´┐Żige Assoziation der Vorstellungen begr´┐Żndet ist und lieber mit sinnf´┐Żlligen Ausdr´┐Żcken, als mit fadenscheinigen Beziehungen arbeitet.
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Nur kanu eben die Anschaulichkeit nie bis zur v´┐Żlligen Ausl´┐Żschung des intellektuellen Bestandteils durchgef´┐Żhrt werden, wenn das R´┐Żtsel nicht in die Allegorie ´┐Żbergehen soll; es ist um so vollkommener, je unvollst´┐Żndiger oder widerspruchsvoller die Beschreibung an sich selber ist, die auf unsere Einbildungskraft wirken soll. Zwar wird sie, wenn die L´┐Żsung erfolgt ist, nicht aufgehoben, sondern bleibt in gewissem Sinne bestehen; aber sie f´┐Żgt sich dem Gegenstand des R´┐Żtsels nicht an, wie ein knappes, festsitzendes Kleid, das alle Biegungen und Rundungen des K´┐Żrpers andeutet, sondern sie f´┐Żllt allenfalls dar´┐Żber wie ein bauschiger Mantel, der nur hier und da die Umrisse des Leibes erkennen l´┐Ż´┐Żt, ihm aber durch seine eignen Farben und Formen eine besondre phantastische Sch´┐Żnheit verleiht. So wird der H´┐Żrer eines echten R´┐Żtsels einmal zwischen Sinn und Unsinn, dann wieder zwischen Anschauung und begrifflicher Erfassung des Gegenstandes hm- und hergezogen oder gar gewiegt. Das R´┐Żtsel ist vielleicht k´┐Żnstlerisch um so vollendeter, je mehr sich die verschiedenen Teile das Gleichgewicht halten; das ist nicht bei allen „wirklichen R´┐Żtseln" der Fall, und nicht einmal gleichm´┐Ż´┐Żig bei allen ´┐Żberlieferten Formen derselben Dichtung: eine Variante kann zerst´┐Żren, was anderswo zur gl´┐Żcklichsten Einheit gef´┐Żgt worden war. Daher sind aber auch die Grenzen zwischen dem „wirklichen" und „unwirklichen" R´┐Żtsel flie´┐Żend; zumal in der ´┐Żlteren Zeit, etwa noch im 16. Jahrhundert, wo das dichterisch durchgef´┐Żhrte Anschauungsr´┐Żtsel erst allm´┐Żhlich seine ganze Formen-fii´┐Że zu entwickeln anf´┐Żngt.
Noch ein Weiteres folgt aus der Entwicklungsgeschichte der Gattung f´┐Żr unsre R´┐Żtsel. War in der
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´┐Żltesten Zeit von der richtigen Deutung irgend welcher Anzeichen, von der Aufl´┐Żsung schwieriger Fragen und von dem Siege ´┐Żber einen geistig ebenb´┐Żrtigen Gegner Besitz und Ehre, vielleicht das Leben abh´┐Żngig gewesen, so sehen wir, wie alte Volksr´┐Żtsel als Kunstwerke gern in einen erdichteten Zusammenhang gestellt werden und die Form der Erz´┐Żhlung annehmen1). Durch die eigent´┐Żmliche Spitze, worauf die Geschichte zueilt, ist sie der gnomischen und parabolischen Darstellung nahe verwandt, weckt aber doch im Zuh´┐Żrer die Lust am Raten auf ganz besondre Weise. Sp´┐Żterhin wachsen lied- oder balladen-f´┐Żrmige Einrahmungen oder halb dramatische Einkleidungen (wie das „Kranzsingen" u. dergl.) neben den immer noch lebendigen R´┐Żtselm´┐Żrchen und -anekdoten empor. Freilich l´┐Żsen sich viele der anfangs so gebundenen Fragen aus ihrem Zusammenhange 'und werden einzeln als Scherzfragen vorgetragen, auch wohl zu strophischen Anschauungsr´┐Żtseln erweitert. Aber auf der andern Seite nehmen auch die Anschauungsr´┐Żtsel wieder sehr gern die Form von kleinen Erz´┐Żhlungen an, worin der zu erratende Gegenstand als Wundertier oder als wunderbares M´┐Żnnchen erscheint oder doch durch einen Namen oder eine Benennung von besonderem Klange gewisserma´┐Żen pers´┐Żnliches Leben erh´┐Żlt. Es ist also nicht ratsam zwischen R´┐Żtselgeschichten im weitesten Sinn des Wortes und R´┐Żtseln ohne solche epische Einkleidung einen allzu scharfen Schnitt zu machen: auch hier ist alles im steten Flusse2).
Vgl. Schultz, Sp. 08 tf.
2) So bringt das „Stra´┐Żburger R´┐Żtselbuch'1 (B. 263) eine der beliebtesten Fragen aus den alten R´┐Żtselgeschichten (vgl. B´┐Żrgers Ballade „Der Kaiser und der Abt") ohne jede Einkleidung: Wie
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Unsre rasche ´┐Żbersicht wird also immer nur die sozusagen „extremen F´┐Żlle" ber´┐Żcksichtigen k´┐Żnnen, um dem Suchenden in dem Labyrinth der Form einen ersten Wegweiser zu geben.
24. Die ´┐Żltesten Formen des R´┐Żtsels, die wir unter dem Namen „Deutungen" zusammenfassen, kommen in neuerer Zeit selten vor. Zwar legt das Volk dem Glockenton, dem Trommelmarsch, den Stimmen der Tiere und andern Ger´┐Żuschen einen bald ernst- bald scherzhaften Sinn unter, und die Kunstdichtung hat davon mannigfachen Nutzen gezogen. Aber in die Form von Frage und Antwort werden diese Dinge doch wohl nur zum Scherz gekleidet.
Beispiele: Zeichendeutung: | | O I CD „Der ist dick und der ist d´┐Żnn, der ist drau´┐Żen, der ist drin" (vgl. die Schnitzelbankverse)1). — Buchstaben: S M D M D F S (Anfangsbuchstaben der Wochentage): „S´┐Żh, Mann, Du m´┐Ż´┐Żst din Fru slahn", Wo. 904. — Zahlen: 1, 2, 6, 3: „Eine Ente und zwei G´┐Żnse haben sechs F´┐Ż´┐Że und drei
ferr von cim ort der well an dz ander sy. — ein tage reiss, als die son bezeiigi mit yrem vflgang des morgens und nidergang des nachts. Eben da finden wir eine Frage: Thut maus so geschichls, thut maus nit so geschichls aber. — wasch die hcnde vnd tr´┐Żcken sie nit sie werden selbs trnclien (B. 210). Das erinnert nicht blo´┐Ż an das „Video et tollo" der Reichenauer Handschrift, sondern auch an die beliebte ll´┐Żtselfrage von den Tauben und Erbsen: „Wenn sie kommen, dann kommen sie nicht, wenn sie nicht kommen, dann kommen sie". Diese Frage aber ist z. B. bei Wo. 992 wieder als Gespr´┐Żch zwischen dem alten Fritzen und einem Bauern aufgemacht. Auch die benachbarten Nummern bei Wo. zeigen die starke Neigung des Volkes zur anekdotischen Ausgestaltung solcher Scharfsinnsproben.
*) Renck, Volksr´┐Żtsel aus Tirol. ZdVfVk., Bd. V, S. 160.
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Schw´┐Żnze" usw., Wo. 903 (oft obsz´┐Żn) *). Meist als Erz´┐Żhlung ausgestaltet ist die geistliche Deutung der Spielkarten, deren Gebrauch in der Kirche etwa ein Soldat vor seinem Vorgesetzten rechtfertigt: „Das A´┐Ż bedeutet: Gott im Himmel; die Zwei: die zwei Naturen in Christo; die Drei: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist" usw., Wo. 986. Auch diese Erz´┐Żhlung ist doch wohl scherzhaft gemeint (der Soldat redet sich heraus!), geht aber auf eine ernsthafte Deutung zur´┐Żck. Die bald fromme, bald satirische, bald ausgelassene Stimmung ist unverkennbar.
Scharfsinnige Deutungen gewisser Anzeichen, meist in Form von Geschichten, sind bei uns nicht sehr beliebt, doch vergl. Wo. 985.
Wortdeutungen (vergleiche die alten Kenningar) sind ernsthaft kaum mehr ´┐Żblich, doch liegen biblische Umschreibungen manchen R´┐Żtseln des Stra´┐Żburger Buches zu Grunde: z. B.: „Was an Christo das widerwerligst vnnd vngleichst sey. — das er ein lew vvid ein lamp ist als die heilig geschrijft sagt: Der lew von dem geschlecht Juda hott vberwnden etc.u B. 28, vgl. auch 36 u. a. Heut noch versprengte „Traugemundfragen" ´┐Żhnlicher Art: ,,Mann ohne Mutter" (Gott), „Pferd ohne Futter" (Rosse des Elias), „Feuer ohne Iiitz" (im Ofen der drei M´┐Żnner der Bibel), „Turm ohne Spitz" (zu Babel) Wo. 407. In die N´┐Żhe der R´┐Żtsel r´┐Żcken solche Umschreibungen eben durch ihre wunderbare
') Insofern es sich hier um willk´┐Żrlich hergestellte Zusammenh´┐Żnge handelt, die durch den Reim eine Art komischer Best´┐Żtigung erhalten, k´┐Żnnte man auch die bekannten Scherze heranziehen, die drei Gegenst´┐Żnde, welche an sich nicht das Geringste mit einander zu tun haben, unter der Frage: „Wie reimt sich das zusammen?" vereinigen. Solche Scherze schon in der Weimarer Handschrift. Zur Bedeutungsentwickelung von 'sich reimen' vgl. jetzt Braune, Beim und Vers (1916), S. 32 f.
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Gegens´┐Żtzlichkeit oder durch den scheinbaren Widersinn, den sie enthalten. Insofern das Unbegreifliche oder scheinbar Unm´┐Żgliche eine ´┐Żhnliche Stimmung des Staunens ausl´┐Żst, k´┐Żnnen die meisten „Halsl´┐Żsungsfragen" hierher gesetzt werden. Nur bezieht sich der Verbrecher, der sich durch ein unl´┐Żsbares R´┐Żtsel vom Strange befreien kann, nicht mehr auf ein heiliges Wissen, sondern auf eine ganz pers´┐Żnliche Erfahrung: beidemal soll etwas erraten werden, das eben nicht all und jeder wei´┐Ż, und dem der Sprecher noch eigens eine wunderbare Form gibt. Urbild: das Simsonr´┐Żtsel, das im Stra´┐Żburger B´┐Żchlein vorkommt (B. 173 nach Judic. c. 14). Verwandt die neuere Form: „Henging un wedderkamm, lebendigen ut'n doden namm", Wo. 967, auch 979. Daselbst reiche Sammlungen 962 if. (Verzerrung durch Verbindung mit Zeichendeutung, Wo. 973, oder durch Einf´┐Żgung eines Eigennamens, wie im „Uor´┐Żtsel", Wo. 962) *). ´┐Żhnlich die „Botenr´┐Żtsel" in Gespr´┐Żchsform2): beide Unterredner sind Wissende, der Zuh´┐Żrer aber mu´┐Ż erraten, da´┐Ż es sich z. B. um das Kind im Leibe der Frau handelt, nach dem sich der Mann durch den Boten erkundigen l´┐Ż´┐Żt. „Ich bin geschickt, um zu holen das, Sie werden wohl wissen was. — Ach Bote setz dich nieder, gr´┐Ż´┐Ż deinen Her
rn wieder. Sobald der Berg vergeht, der vor mir steht, will ich ihm schicken das, er wird schon wissen
Das R´┐Żtsel von der s´┐Żugenden Tochter, Wo. 968, vgl. Ohlert,
S. 59 f. Die Worte des Vogels, der sich unter dem Sch´┐Żdel eiues J´┐Żgers gefangen hat, vgl. B. 99 : „Do du lebst, do lept auch ich, du hast gern gefangen mich, nun bistu todt vnd hast mich darumb ich sterb was hilffts dich". Vgl. Wo. 978. Das R´┐Żtsel von „Geboren und ungeboren", Wo. 9S0 (vgl. 970). Schon WK. 20. Drei „Halsl´┐Żsungsfragen11 in den Heidreksr´┐Żtseln Nr. 12, 24, 27. Vgl. oben Seite 19 ff.
2) Botschaftsr´┐Żtsel nennt sie Schultz, Sp. 69 f.
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was", Wo. 975 ff. (Fast immer auf geschlechtliche Dinge bezogen, vgl. auch Wo. 984 und B. 122.)
Wird die unverst´┐Żndliche Andeutung zu einer breiteren und deutlicheren, wrenn auch noch immer r´┐Żtselhaften Beschreibung erweitert, so erhalten wir wirkliche R´┐Żtsel von jener h´┐Żbschen Art, wie sie Wos-sidlo im Anfang seiner Sammlung mitteilt (Wo. 1 ff.). Beschreibende Benennungen wie „Knickerkrumm´┐Żm', und „Kahlekoppschorn", ja selbst reine, nur teilweis malende Klangw´┐Żrter, wie „Hiten-haten" und „Priten-praten" k´┐Żnnen doch, im Zusammenhang des Ganzen, dem H´┐Żrer auf den rechten Weg helfen. Dagegen kehren wir wieder zum unwirklichen R´┐Żtsel und zwar zum komischen zur´┐Żck, wenn eine derartige Benennung den H´┐Żrer absichtlich auf eine falsche F´┐Żhrte f´┐Żhren oder ihm etwas ganz Allt´┐Żgliches als geheimnisvoll und unbegreiflich hinstellen will. Das letzte ist der Fall, wenn schlichte Worte der Alltagssprache zu ungeheuerlichen Gebilden zusammen ger´┐Żckt oder mit lateinischen Endungen versehen werden. Auch hier ist nat´┐Żrlich die Einkleidung in anekdotische Form, z. B. nach Art der „Halsl´┐Żsungen", sehr beliebt; hierher geh´┐Żren „k´┐Żchenlateinische" We ndungen, wie „Boomhoochjus, Kleinnestus" usw. Ferner die Zusammenr´┐Żckungen ganzer S´┐Żtze, wie ,,Mausmehlaas, rehkohlaas, kuhklee-fanddensieaas" (Wo. 965, ´┐Żberhaupt 964ff.)1). Weiter ausgef´┐Żhrt die h´┐Żbsche Geschichte vom Pfarrer, der seiner K´┐Żchin zuruft: „Lenewententum" oder sich mit dem K´┐Żster singend ´┐Żber einen mi´┐Żgl´┐Żckten Hammel-
1) Vgl. die bekannten Betonungsscherze der Kinder, z. B. ,,Bei dem Kl´┐Żppfensterchen sa´┐Żen Gespensterchen" usw., vgl. Diihnhardt, Volkst´┐Żmliches aus dem K´┐Żnigreich Sachsen, Heft 1 (1898), S. 56f.
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Diebstahl unterh´┐Żlt (vgl. Wo. 1COO); auch von dem ´┐Żberspannten Bauern, der alles mit verkehrten Namen nennt und dem dann sein Knecht eine h´┐Żchst sonderbare Meldung macht, als die Scheune in Brand ger´┐Żt (Wo. 999)1). Verwandt die Verschen, die erst durch richtige Teilung einzelner Worte einen rechten Sinn erhalten, wie das anscheinend auf unser Mitleid hinarbeitende: „Ein armer Mann in meinem Land, der hatte zehn Finger an jeder Hand f´┐Żnf und zwanzig an F´┐Ż´┐Żen und H´┐Żnden. Wer kann mein R´┐Żtsel drehen und wenden?"
Viel deutlicher wird die Absicht des Irref´┐Żhrens bei den „auffallenden S´┐Żtzen", die sich schlie´┐Żlich als ganz harmlos herausstellen: „Is'n groten upstand in'ıı d´┐Żrp" (die Leute sind heut morgen aufgestanden, Wo. 917 ff.). ´┐Żhnlich die „seltsamen Berufe", h´┐Żufig in erz´┐Żhlender Form: Der alte Fritz fragt den Bauern, warum er selbst ackere und was denn seine S´┐Żhne treiben. „De een is'n leeger (Priester), de tweet'n bedreeger (Kaufmann) un de dr´┐Żdd'n m´┐Żrder" (Soldat, Wo. 997), was denn freilich in die st´┐Żndische Satire ´┐Żbergeht2). Solche Scherze waren schon im 15. Jahrhundert sehr beliebt, nahmen aber gern einen Stich ins Unfl´┐Żtige an. Daneben „Ungereimtheiten", die einen tieferen Sinn haben und sich damit wieder zu den ernsteren R´┐Żtseln stellen0): „Es ist an allen orten h´┐Żbsch vnd sch´┐Żn on ym arss
*) Vgl. ZdVfVk. ´┐Ż. XVI, S. 8ff.
2) Harmloser wird etwa der B´┐Żttcher als „Rumtreiber" der Spielkartenmacher als „L´┐Żrmmacher" bezeichnet usw.
3) Ein Bauer r´┐Żhmt sich vierer Gnaden: sein Pferd sei vern´┐Żnftiger als der Pfarrer im Dorf (denn es kann, wenn es gesoffen hat, allein den Heimweg finden), 100 Gulden habe er dahingelegt, wo sie ihm niemand stehlen kann (n´┐Żmlich in den Gotteskasten) usw. B. 297. Scherzhaft: B. 133.
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iss finster" (B. 333, wo „ars" die Kunst meint, die aus „finstern Buchstaben gelernt wird"). Scheinbar Ekelhaftes stellt sich als appetitlich heraus: Wie von einem wisch des hindern ein gut essen zu machen sy (Kuhzunge, B. 87, vgl. die Gruppe „S´┐Ż´┐Żtb´┐Ż´┐Żt", Wo. 993). Auch das Umgekehrte kann nat´┐Żrlich eintreten. Zwischen die Frage und Antwort kann sich ein Zwischensatz schieben, der eigentlich erst die Verwunderung des Ratenden erregt: ein R´┐Żtsel des Stra´┐Żburger Buches (B. 331), das mangelhaft ´┐Żberliefert ist, lautete urspr´┐Żnglich etwa: „Worauf steht der Christenglauben? — Auf alten Lumpen und Schafsh´┐Żuten", d. h. auf Papier und Pergament. — Solche Fragen kleiden sich gern in die Form: „Was willst du lieber?", die ebenfalls alt, aber noch heut sehr beliebt ist. So wird Harmloses als Schmutziges gedeutet in einem R´┐Żtsel der Weimarer Handschrift (Nr. 3)T). Umgekehrte Richtung: „Willst du lieber einen Tag hungern oder 7 L´┐Żcher im Kopf?" (d. h. Augen, Ohren usw. Derlei Fragen Wo. 523 if.). Im 16. Jahrhundert sind die verwandten Satzscherze beliebt: So du gefragt wirst ob dir lieber wer das dich ein wolff fress, oder ein scho´┐Ż\ geb die antworte der wolff isst mir lieber ein schoff dan mich (vgl. B. 128 f.).
25. Um die zuletzt besprochenen R´┐Żtsel zu l´┐Żsen, bedurfte es, soweit sie nicht geradezu komisch-parodistisch gemeint waren, jener Verbindung von sicherer Auffassung und rascher Verbindung der Vorstellungen mit logischer Sch´┐Żrfe, die wir wohl „Sp´┐Żrsinn" nennen. Wieder andre stellen sich unmittelbar als Aufgaben f´┐Żr den rech-
*) Wolstu, das du so starck wer st das dich nyemant habenn (= heben) lauidt, oder wolstu so lieb sein das dich yedermann haben ivoU (Dreck und Abort).
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nenden und ´┐Żberlegenden Verstand dar, den sie nun zu einer Art spielender T´┐Żtigkeit aufrufen. Und auch diese T´┐Żtigkeit kann nat´┐Żrlich wieder komisch parodiert werden. Was die Aufgabe r´┐Żtselm´┐Ż´┐Żig macht, ist ihre Einkleidung; hier erscheinen fast immer ausgearbeitete, strophische Gebilde, und die Darstellung geht auf den Eindruck des Wunderbaren*), ja auf v´┐Żllige Verwirrung des H´┐Żrers aus. Rechenaufgaben: Der Fuchs im H´┐Żhnerstall u. a., Wo. 898 ff. Scherzhafte Rechenaufgaben locken entweder den Verstand auf eine falsche F´┐Żhrte, wo es gar nichts zu rechnen gibt (sehr bekannte Form: jemand geht nach X. Ihm begegnet ein Mann mit sieben Weibern, jedes Weib hat sieben S´┐Żcke usw. usw. Wieviel gehen nach X? Nur der eine, die andern begegnen ihm. Vgl. Wo. 892 ff.). Schlie´┐Żlich l´┐Żuft das Ganze auf einen Wortwitz (Doppelsinn, Tonversetzung u. dgl.) hinaus, und die Zahl solcher R´┐Żtsel ist Legion. (Einige Formen: Was ist schwerer, ein Pfund Blei oder ein Pfund Eisen? Wo. 878. Wieviel wiegt der Mond? — ein Pfund = vier Viertel, Wo. 891. Wieviel Fl´┐Żhe gehen auf einen Scheffel? — sie h´┐Żpfen darauf, Wo. 882. Wieviel Nadeln geh´┐Żren zu einer aufgeputzten Braut? — keine mehr, Wo. 887. Alte Formen: Wieviel V´┐Żgel sind in unserm Lande? Die Antwort nennt jene, deren Namen mit Vogel gebildet ist, B. 92, vgl. auch 105 und 249f.). Verwandtschaftsaufgaben schon in den Reichenauer R´┐Żtseln2). Reich entwickelt in den Joca (besonders
') Das wird besonders klar an den R´┐Żtseln, worin die Gliedma´┐Żen zusammengeh´┐Żriger Lebewesen addiert werden. Altnordisch: Odin und Sleipnir, Heidreksr´┐Żtsel Nr. 35. Dazu Wo. 424. ´┐Żhnliches altenglisch bei Loewenthal, S. 31.
2) Vgl. PBBeitr., Bd. XLI, S. 332 ff.
Petsch, Das deutsche V´┐Żlksr´┐Żtsel. 5
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Lots T´┐Żchter!), danach viele in den R´┐Żtselb´┐Żchern des 15. Jahrhunderts, vgl. B. 292, 305, 307, 311. Neues bei Wo. 901 f. Beliebter als heut waren in ´┐Żlterer Zeit die „schwierigen Aufgaben", die unter andern in der Weimarer Handschriftl) eine gro´┐Że Rolle spielen; oft genug arbeiten sie mit dem Wortwitz, der Reiz f´┐Żr den H´┐Żrer aber bestand zumeist im Schmutzig-Ekelhaften. An die Aufgaben der K´┐Żnigin von Saba erinnert noch ein so h´┐Żbsches R´┐Żtsel wie B. 55: „So ainer• XXX meill zu einem guiten fr´┐Żndt het vnd solt in zweyeitstunden oder dreyen [seyn] das sy bey d yr hendt vss eim wasser W´┐Żschen, vnnd die selbigen an einer niatery truckenten. Ist die Frag wie das geschehen m´┐Żg. — des morgen in dem taw zu weschen vnnd in dem windt zu truckenen,etc. Noch n´┐Żher mit den oben besprochenen „r´┐Żtselhaften S´┐Żtzen" verwandt ist B. 18: „Es was einer bescheiden zu kommen w an die bawren [1. b´┐Żum] zu ein w´┐Żrden geen. vnd die vnriebigen stil sten. wan die nassen trucken werden, vn die teilt vergessen jr geberden. vnd so auch das lycht das schwer hebt. vnd das todt dz lebendig vergrebta (Tische zusammenlegen. Trinkgef´┐Ż´┐Że trocknen, Leute schlafen im Federbett, Asche begr´┐Żbt das Feuer) — ein R´┐Żtsel das schon gereimte Form aufweist2). Andre gehen deutlich zum Wortwitz ´┐Żber, z. B. B. 162: Fisch oder fleyscli zu saltzen, das es sich halt von einem jar in das ander (am Sylvesterabend!) — ein Vorl´┐Żufer der heut in ge-
*) Nr. 55 ff., 60. B. 72 u. ´┐Ż. Vergl. Schultz, Sp. G7 f.
2) Auch das gereimte R´┐Żtsel von der Weintraube ist aus solchen Fragen hervorgegangen. B. 138 und Wo. 466. Auch (las hochpoetische R´┐Żtselm´┐Żrchen der Br´┐Żder Grimm, KHm. 160, stammt aus dem Stra´┐Żburger R´┐Żtselbuch, vgl. B. 314.
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wissen Kreisen beliebten „schwierigenExamensfragen"1); auch hier feierte nat´┐Żrlich die Neigung zum Schmutzigen ihre Triumphe in dem aristophanischen 16. Jahrhundert2). Die ernsteren R´┐Żtsel dieser Art sind heut fast ausgestorben, die komischen3) erscheinen fast durchweg als kurze Scherzfragen, die sich weniger an die ´┐Żberlegung als an das Wissen zu wenden scheinen. Nur eine Art komischer „Scharfsinnsfragen" hat sich bei uns zu bunteren, strophischen Gebilden entfaltet; es sind die schon im 12. Jahrhundert in Gestalt prosaischer Erz´┐Żhlungen bekannten Fragen nach dem Namen des Hundes und ´┐Żhnliche „Namenscherze" („Kaiser Karolus hatte einen Hund"), bei denen der Name schon im R´┐Żtsel mit vorkommt, wenn auch in andrer Bedeutung4). Nahe verwandt sind jene Buchstabenr´┐Żtsel, die den H´┐Żrer auf falsche F´┐Żhrte zu locken suchen, indem sie mit der Schreibung und mit der Bedeutung des Wortes spielen, z. B.: „Was ist im Bier und Braten, aber nicht in Wien, sondern in Berlin?" (das R)5). Diese Scherze scheinen jung zu sein (Wossidlos Belege f´┐Żhren nicht ´┐Żber das IB. Jahrhundert zur´┐Żck), stehen aber an der Stelle
l) Beispiel: „Wie kann man Hammelfleisch am l´┐Żngsten frisch halten? — Man l´┐Ż´┐Żt den Hammel am Leben41; oder: „Wie kann man Gold herstellen? — Man s´┐Żt Goldlack in die Ritzen des Fu´┐Żbodens, dann verbindet sich der Lack mit ihnen zu Lakritzen und das Gold wird freiu.
8) z. B. B. 128.
3) Vgl. etwa Wo. 730 ff.
4) ´┐Żhnliche Wortspiele bildeten eines der Hauptkunstmittel in den R´┐Żtseln der mhd. Spruchdichter, vgl. Roethe, Reinmar von Zweter, S. 252, Anm. 312 (2), Loewenthal, S. 54 f. J´┐Żngere Beispiele bei B. 101 und Wo. 951 ff.
5) Wo. 470 ff. Zweideutigkeiten sind nicht selten.
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´┐Żlterer Silben- und Buchstabenversetzungsr´┐Żtsel, die im Mittelalter sehr beliebt waren1), auch im 15. Jahrhundert noch vorkamen2), allm´┐Żhlich aber ganz in die Kunstdichtung und in die Unterhaltungsreimerei der „gebildeten St´┐Żnde" ´┐Żbergetreten sind, w´┐Żhrend das Volk nicht viel von solchen „Charaden, Anagrammen, Palindromen" usw. wissen mag3). Soll der gemeine Mann sein Nachdenken auf das Wort richten, so mu´┐Ż es schon das geh´┐Żrte Wort sein; das geschriebene fesselt ihn nicht genug, obwohl die geheimnisvolle Kunst des Schreibens und die Buchstaben selber wieder sehr wohl Gegenst´┐Żnde des R´┐Żtsels abgeben k´┐Żnnen4).
26. Auch Wissensfragen sind ja im Volk beliebt, wenn nur mit dem Gegenstande des Wissens eine klare Anschauung aus dem Leben oder eine geschichtliche und vor allem biblische Erinnerung verbunden ist, und wenn er nur in eine gewisse, etwa erbauliche Stimmung getaucht wird, die nat´┐Żrlich auch wieder ins Komisch-Parodistische umschlagen kann. Auf dem Boden der alten Wissensfragen, zumal der Joca monachorum, sind zum weitaus gr´┐Ż´┐Żten Teil die „Scherzfragen" erwachsen, die heut zu tausenden unter uns umlaufen in einer Formenf´┐Żlle, die jeder Systematik spottet. Schon wiederholt hatten wir darauf hinzuweisen, wie Scharfsinnsproben in solche Wissensfragen ´┐Żbergingen, und wir werden von solchen Grenzgebieten noch ´┐Żfters zu reden haben.
Ernsthafte Wissensfragen, zumal ´┐Żber geistliche Gegenst´┐Żnde, sind heute verh´┐Żltnism´┐Ż´┐Żig selten und gehen
Zahlreiche Beispiele in Mones Anzeiger.
2) B. 159, 335.
3) Vgl. Ohlert, a. a. O., S. 209 ff.
4) Vgl. den Schlu´┐Żabschnitt bei B.: „Von den Buchstaben".
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damı auf ´┐Żltere Vorbilder zur´┐Żck. Die aus den R´┐Żtselm´┐Żrchen bekannte Frage, wie weit es in den Himmel sei feine Tagereise, nach Luc. c. XXIH, V. 43) *), erscheint im Stra´┐Żburger B´┐Żchlein schon halb scherzhaft gewendet (eine halbe Tagereise, „dann Christus f´┐Żr zu mitag himiff, wer jm mehr zeyt not gewest, er Jtets nit verzogen", B. 242), aber sie hat ein ernsthaftes Gegenst´┐Żck: Wie hoch vom hymmel herab sey — das weisst nie-mani dan got vnd der teiiffel, der hott es gemessen, vimd mag nit wider liinuff kommen" B. 244), wo die Frage nur als Einleitung zu einer warnenden Betrachtung dient. Als geschlossene Gruppen erscheinen dann die wohlbekannten Joca: „Wer gestorben und nicht begraben sei"2) usw. (B. 274ff.). Einzelnes erscheint seit alters gereimt, wie das alte Eva-R´┐Żtsel3). ´┐Żberwiegt hier das Wunderbare, Spannende, so ist eine reine Wissensfrage die nach dem mittelsten Verse des Psalters (B. 46)4). Weltliches Wissen nach Aristoteles erscheint in dem gereimten R´┐Żtsel von den Wassern, die bei Nacht schneller flie´┐Żen als bei Tage (B. 52). Aber schon in den alten R´┐Żtselb´┐Żchern gehen diese Fragen zum gro´┐Żen Teil ins Scherzhafte ´┐Żber. Theologische Weisheit und Spitzfindigkeit wird witzig parodiert in der scheinbar geheimnisvollen Frage, wo sich Gott aufhielt, als er weder im Himmel noch auf
l> Vgl. Wo. 987, 2.
8) Wo. 407, 409.
3) B. 304. Vgl. auch 321 f. Vgl. oben S. 46.
4) Parodiert in B. 48: Das Mittelste im Paternoster ist die „Schnur, daran es gefa´┐Żt ist". Solche parodistischen Fragen werden gern mit den ernsthaften paarweise zusammengestellt. Der Hereinfall ist dann um so gr´┐Ż´┐Żer!
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Erden war („auf dem Esel, am Kreuz oder in der Luft", B. 26 *), oder wieviel Tuch der Herr zu einem Paar Hosen gebrauche, da doch sein Stuhl im Himmel und sein Fu´┐Żschemel auf Erden sei? Wenn die Antwort sagt: eine Elle Tuch, denn soviel ist genug f´┐Żr einen armen Menschen, und was man einem Armen schenkt, das gibt man Christus (B. 25), so ist die Absicht der Irreleitung ganz deutlich; sehr oft nimmt die Frage eine satirische F´┐Żrbung an, z. B. B. 324: Weichs der frey-digest man gewest sey, wer die gr´┐Żsst that welch vor nit gescheen ist gethon hot? — Lantech nam zwey weyber das ym mancher vngern noch tliet. Nach der ´┐Żu´┐Żeren Gestaltung, den Stoffgebieten und der beherrschenden Stimmung sind tats´┐Żchlich so ziemlich alle oder doch die wichtigsten Formen, die bei unsern heutigen „Scherzfragen" auftreten, schon in den alten B´┐Żchern belegt. Von den Bibelfragen, die sehr oft ins Weltliche ´┐Żbergehen („Wo hat Adam den ersten L´┐Żffel genommen?" — „Beim Stiel"; oder „Worum trug Judas den Bart?" — „Um das Kinn rum", vgl. Wo. 704—06, 773, 948), greift das Volksr´┐Żtsel auf alle m´┐Żglichen Lebensgebiete ´┐Żber und verwendet den Doppelsinn einzelner Worte, versetzte Betonung und andre sprachliche Mittel, um den H´┐Żrer zu foppen oder unter dem Schein der Belehrung kr´┐Żftige Hiebe auszuteilen. Ganz besonders beliebt sind die superlativischen Fragen („Was ist
das Beste an----? Was ist das gr´┐Ż´┐Żte Unrecht? Welches
sind die d´┐Żmmsten Kreaturen?" (Wo. 532ff. 564ff.) oder die Frage nach dem Unterschied und der Gleichheit verschiedener Gegenst´┐Żnde. Die Sammlung von Wossidlo
1) Vgl. Wo. G80.
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erm´┐Żglicht im ganzen eine bequeme ´┐Żbersicht (523 ff.). Einige der wichtigsten Formen habe ich in einer fr´┐Żheren Arbeit er´┐ŻrtertI).
Dagegen haben sich die ernsten Bibelfragen nur ganz selten erhalten und auch dann nur, wenn ihnen ein gewisser Stimmungsgehalt inne wohnte, wie dem sch´┐Żnen R´┐Żtsel, wann die Sonne und zw´┐Żlf Sterne zu uns hernieder gekommen seien (als Christus mit seinen zw´┐Żlf J´┐Żngern auf Erden wandelte2), oder wenn sie strophische Form erhalten hatten und durch weitere Ausf´┐Żhrung ihrer Einzelheiten in die Reihe der Anschauungsr´┐Żtsel ´┐Żbergetreten waren. Hierzu geh´┐Żrt vor allem das weit verbreitete Jonasr´┐Żtsel3).
27. Damit kommen wir zu den „wirklichen Volksr´┐Żtseln", die fast durchweg in gebundener Form, zumeist in einer gereimten Strophe einherschreiten; dabei pa´┐Żt sich die ´┐Żu´┐Żere Form fast immer in bewunderungsw´┐Żrdiger Weise dem doppelten Ziele an, den Gegenstand, der vor den Augen des Fragenden steht, m´┐Żglichst anschaulich zu schildern und ihn doch wieder vor den Blicken des Suchenden zu verstecken. Das geschieht, indem der Fragende mit einer gewissen Absichtlichkeit und Willk´┐Żrlichkeit ihn in ein ganz bestimmtes Licht r´┐Żckt. So erweckt er durch Benennung und Beschreibung, durch Farben und Formen, durch anekdotische oder m´┐Żrchenhafte Einkleidung eine ausgesprochene Stimmung, womit der Gegenstand im Leben wohl auch betrachtet werden kann, aber nicht notwendig betrachtet werden mu´┐Ż.
') Neue Beitr´┐Żge, S. 22 ff.
2) Wo. 649.
3) Wo. 412, vgl, daselbst 413: Der Zug der Kinder Israels durchs rote Meer.
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Liegt diese Stimmungsnote gar zu nahe, so erleichtert sie die L´┐Żsung des R´┐Żtsels sehr, vielleicht zu sehr; je gr´┐Ż´┐Żer die Spannung zwischen der willk´┐Żrlichen und der nat´┐Żrlichen Betrachtungsweise ist, um so st´┐Żrker ist die komische Wirkung, wenn das R´┐Żtselwort endlich genannt wird. Eine vollkommene Dissonanz freilich hinterl´┐Ż´┐Żt das wirkliche Volksr´┐Żtsel wohl nie: zum wenigsten l´┐Żsen sich die verschiedenen Werte in eine entweder billigende oder ablehnende Gesamtstimmung auf. Man wird den Tod nicht unter dem Bilde eines gef´┐Żlligen Tierchens darstellen und f´┐Żr einen Lieblingsgegenstand des R´┐Żtsels, wie das Ei, nicht gerade die Stimmung des Grauens zu erwecken suchen. Eine gewisse Einheitlichkeit zwischen Gegenstand und Stimmung besteht also im allgemeinen doch, und ´┐Żber dem Ganzen schwebt, dem Ursprung der Gattung gem´┐Ż´┐Ż, der Zauber des Geheimnisvollen, der sich selbst dann nicht verleugnet, wenn die weihevolle Verwunderung mit dem Rechte der Komik pl´┐Żtzlich in das Gegenteil umschl´┐Żgt, so da´┐Ż wir von Herzen auflachen.
So durchl´┐Żuft das Volksr´┐Żtsel eine ganze Stufenleiter von Gef´┐Żhlen. Besonders altert´┐Żmlich und urspr´┐Żnglich scheinen jene R´┐Żtsel, die das Verwunderliche, auf das ja die ganze Gattung hinsteuert, bis zum Verwirrenden steigern durch scharfe Auspr´┐Żgung oder H´┐Żufung des Gegens´┐Żtzlichen und Widersprechenden. Beispiel1): Das R´┐Żtsel vom Garnstrang, B. 11 (Eins tregt mich, zwey f´┐Żren mich, drey ziehen mich, vier geleiten mich, f´┐Żnff berauben mich, also vergehe ich), vom Ei (Kleine Tonne aus Holland, ohne Rand und
*) Ich f´┐Żhre nach M´┐Żglichkeit im folgenden Beispiele aus dem 15. Jahrhundert und aus der Gegenwart an.
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Band, Wo. 25), vom Schiff („Vogel stark", Wo. 101). In letzterem R´┐Żtsel tritt schon der Zug zum Gewaltigen oder Grausigen hervor, der vielen R´┐Żtseln ihren besonderen Ton gibt. Vgl. B. 17 (der Segelbaum: „Ein riss erzogen in eint waldt" usw.), B. 97 (Der Wetterhalm: „Ein Vogel in devn lufft scliwept, seins gleychen vff erdt nit lept" usw.). J´┐Żnger: das R´┐Żtsel vom W´┐Żrfel (Wo. 100: Vogel von Elfenbein, verzehrt den M´┐Żller mit dem Stein usw.); mehr komisches Grauen z. B. im R´┐Żtsel vom „Mann von Hickenpicken" (Haushahn, Wo. 21). Beliebter sind im heutigen wie im ´┐Żlteren R´┐Żtsel die sagen- und m´┐Żrchenhaften Z´┐Żge. Dahin geh´┐Żrten schon die alten R´┐Żtsel vom „Vogel Federlos" (Schnee) oder vom Fisch im Netz1), denen immer noch eine gewisse Neigung zur Tragik inne wohnt. c=
Ganz m´┐Żrchenhafte Schilderung zeigt etwa das R´┐Żtsel vom Spiegel (B. 14: In w´┐Żlchem land ich was, do nit wuchs lanb oder grass usw., vgl. Wo. 63). Hierher auch das uralte R´┐Żtsel vom Jahresbaum (B. 255, vgl. Wo. 35)2). Besonders die Ich-R´┐Żtsel sind wertvoll (Wo. 58 ff.), wie z. B. gleich die reizende Erz´┐Żhlung von der Eichel: „Ich ging einmal durchs Schilf, da mir Gott hilf, da fand ich ein wei´┐Żes St´┐Żckchen, daraus machte ich eine Mulde, zwei Seitenst´┐Żckchen und einen kleinen wei´┐Żen Priesterhut". Bisweilen sind die Bilder von m´┐Żrchenhafter Sch´┐Żnheit, wie in dem R´┐Żtsel von der Orgel: Es ist ein blatz von sch´┐Żner b´┐Żum usw.
(B. 6, vgl. das Spechtr´┐Żtsel B. 98); wohlbekannt ist das R´┐Żtsel vom Ei (gelbe Blume im Wittenberger Dom, Wo. 31) und vom Brief („auf einem wei´┐Żen See schwimmt eine rote Rose'' usw.,
Vgl. oben S. 28.
8; Vgl. Schultz. Sp. 82f. Oben S. 25, 43. Anm. (´┐Ż 17).
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Wo. 33). Anderswo scheint die Aufmerksamkeit auf das Wunderbare als solches geringer zu werden und die reine Freude am Erz´┐Żhlen oder Beschreiben von etwas Neuem zu ´┐Żberwiegen. Dahin geh´┐Żrt etwa das B´┐Żrstenr´┐Żtsel, B. 140: „Es ist halb leyne und halb schweine und hot ein h´┐Żltzen hertz, vertreibt manchen grossen schmertz" (vgl. Wo. 273).
Im allgemeinen aber wiegt doch irgendwelche menschliche Teilnahme an dem Gegenstand des R´┐Żtsels vor. So erscheint das Siegel (B. 2) als ein sonderbares Wesen, das doch als kr´┐Żftiger Sch´┐Żtzer von Recht und Frieden Respekt verlangt, wie im neueren R´┐Żtsel „Peter Kruse4', der Maulwurf, wegen seines Flei´┐Żes (Wo. 53). Mehr nach Mitleid schmeckt jene Teilnahme in dem altdeutschen R´┐Żtsel von den drei ruhelosen Gesellen Sonne, Mond und Wind (B. 4), das auch heut noch lebendig ist (Wo. 153). Gerade diese R´┐Żtsel waren fr´┐Żher und sind noch heute sehr beliebt (vgl. den „weinenden Eiszapfen", Wo. 45, die Uhr als vielgeplagte Schildwache, Wo. 87, das zerbrochene Ei, das kein Doktor heil machen kann, Wo. 20 u. v. a.). Freilich kann dies Mitleid bei der L´┐Żsung in Gel´┐Żchter umschlagen, wie in der grausigen Geschichte vom Floh („Es kamen zwei gegangen, die brachten einen gefangen", Wo. 28); oder die Erz´┐Żhlung selbst hat schon einen tragikomischen Gang, wie die von der Kaifeebohne („Frau Bohne reist nach Brandenburg" usw., Wo. 30).
Damit kommen wir auf die vielen R´┐Żtsel, die durch Erz´┐Żhlung und Beschreibung zun´┐Żchst einen drolligen Eindruck hervorrufen wollen; hierher geh´┐Żren vor allem solche, die einen zusammengesetzten Gegenstand oder einen verwickelten Vorgang nach seinen Teilen schildern
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und diese Teile so bezeichnen, als ob sie nimmermehr zusammen geh´┐Żren k´┐Żnnten (vgl. das R´┐Żtsel vom Menschen: „Nun radten was ist das, es ist trilcken vnd nass, darzu auch jung vnd alt, sch´┐Żn vnd hesslich geştalt, zwantzig h´┐Żrner stond ym w oll, es vollkommen sein soll11, B. 267 und Wo. 164: „Uppe d´┐Żl stahn twee poel, uppe poel steit'ne tunn" usw.). Der komische Eindruck kann noch verst´┐Żrkt werden, wenn das nicht zueinander Passende unter dem Bilde der engsten Zusammengeh´┐Żrigkeit, als Familie dargestellt wird (Wo. 134 ff.). Viele der „kleineren R´┐Żtsel" (Wo. 278 ff.) geh´┐Żren dahin. Nach allem, was wir von der Entwicklung des R´┐Żtsels wissen, liegt es dann nahe, da´┐Ż der Scherz die Form der Satire annimmt, was ganz besonders bei den „Gespr´┐Żchsr´┐Żtseln" der Fall ist, vgl. Bach u. Wiese (Wo. 1: „Du Knicker-krumm´┐Żm, wo wisst du hen´┐Żm? Du Kahlekoppschoren, wat fr´┐Żchst du dorna!").
28. Aus alter Zeit sind diese R´┐Żtsel kaum belegt, um so mehr aber andre, die ihren Spott gegen den Ratenden selbst kehren. Damit gelangen wir zu einer Gruppe, die sich zu den bisher behandelten „wirklichen R´┐Żtseln" verh´┐Żlt, wie die Scherzfrage zu den Scharfsinns- und Wissensproben. Die Einbildungskraft des H´┐Żrers wird gewaltsam auf eine falsche F´┐Żhrte gelenkt, wie das ja schon bei den tragischen Geschichten mit komischer L´┐Żsung bisweilen geschah. Aber die „Zweideutigkeiten", von denen wir hier noch einmal zu reden haben, betreiben doch das „zum Besten haben" mit viel wirksameren Mitteln. Zwei Hauptgruppen sind zu unterscheiden; beide steigern die Schilderung des Gegenstandes zur ausgef´┐Żhrten Allegorie, deren Stimmungsgehalt ihm aber nicht angemessen ist. Die eine,
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heilt fast ausgestorbene Art bl´┐Żhte augenscheinlich im sp´┐Żteren Mittelalter und ist im Stra´┐Żburger B´┐Żchlein reichlich vertreten; wir k´┐Żnnen sie die blasphemische nennen: scheinbar werden Gegenst´┐Żnde der heiligen Geschichte beschrieben und alle Register der Erbauung und Erhebung gezogen, und schlie´┐Żlich kommt etwas ganz Allt´┐Żgliches heraus, wie in dem R´┐Żtsel vom Weinfa´┐Ż (B. 1: Es ist von oben herab kommen, hat vill leydens an sich genommen, von hitz, keldt vnd be-sclineyden usw., vgl. B. 96, 100, 104, doch auch Wo. 504). Viel h´┐Żufiger sind jene schmutzigen R´┐Żtsel, die unter dem Bilde eines geschlechtlichen Vorgangs irgend eine harmlose T´┐Żtigkeit wie das Reiten, Spinnen, Weben und dergleichen schildern, und die den Zuh´┐Żrer anfangs kitzeln oder emp´┐Żren, um ihn nachher zu besch´┐Żmen. Wir fanden sie im Altnordischen und Angels´┐Żchsischen *), sie sind W massenhaft in der Weimarer Handschrift vertreten 2) und
ebenso in unsern heutigen Sammlungen3).
Damit haben wir etwa den Umkreis der Stimmungen umschrieben, wie sie die Anschauung im „wirklichen R´┐Żtsel" erf´┐Żllen.
29. Seine Gegenst´┐Żnde sind alle diejenigen, die dem Gesichtskreise des Bauern naheliegen: Menschen und Tiere, Pflanzen und Mineralien in Haus und Hof, Wald und Feld, alle l´┐Żndlichen Einrichtungen und Handfertigkeiten, alle Naturvorg´┐Żnge im Himmel und auf
!) Siehe oben S. 15, 20. Vgl. auch Pitre, S. XXI ff.
2) Da K´┐Żhler nur ganz d´┐Żrftige Bruchst´┐Żcke abdruckte (Wk. 80 und 31), seien hier die Nuramern der Handschrift selber genannt: 1, 5, 10, 11, 12, 17-19, 38, 45, 58, 59, 64, 65.
3) Wo. hat sie zumeist in den Anhang verwiesen, vgl. besonders 65—75.
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Erden, aber auch die gelehrten Berufe, soweit sie mit dem Volk in Ber´┐Żhrung kommen, und die Geschichte, soweit sie ihm durch die Schule und vor allem durch die Kanzel vermittelt wird: denn aus der weltlichen Geschichte kommt kaum einmal Kaiser Karolus oder der alte Fritz in Betracht. Aber so beschr´┐Żnkt der Umkreis des Volksr´┐Żtsels ist, so kr´┐Żftig wei´┐Ż es ihn
auszunutzen.
30. Wir staunen ´┐Żber die F´┐Żlle der rhythmischen und stilistischen Mittel, durch die das R´┐Żtsel seinen Zweck, uns dem Gegenstande zu n´┐Żhern und alsbald wieder zu entfernen, mit unfehlbarer Sicherheit erreicht. Von der Metrik war oben die Rede (Kap. II). Was die Stilformen des „wirklichen R´┐Żtsels" anlangt, so kann ich mich im Hinblick auf meine fr´┐Żhere, ausf´┐Żhrliche Darstellungl) hier mit ein paar Andeutungen begn´┐Żgen. Um den eigentlichen Kern des R´┐Żtsels, der die Beschreibung des Gegenstandes in irgend welcher Form enth´┐Żlt, legen sich bei den meisten R´┐Żtseln einf´┐Żhrende und wohl auch abschlie´┐Żende Rahmenelemente. Jene fordern zum Raten auf, suchen die Teilnahme des H´┐Żrers durch eine (vielleicht selbst wieder r´┐Żtselhafte) Ortsangabe zu erregen oder ihn durch eine Klangzeile nach Art der Kinderlieder sozusagen poetisch zu stimmen. Diese wiederholen die Aufforderung zum Raten, betonen die Schwierigkeit und nennen irgend welche Belohnung, die dem geschickten Antworter zuteil werden soll; auch Drohungen f´┐Żr den minder Gescheiten kommen vor.
Die Kernelemente teilt man am besten in Benennungen und Beschreibungen ein, die oft miteinander verbunden werden. Jene k´┐Żnnen wieder sinnlose Klang-
') Neue Beitr´┐Żge, S. 45 ff.
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worte sein (Hiten-haten. Priten-praten, Wo. 7) oder ihre bestimmte Bedeutung* haben, soda´┐Ż sie schon der Beschreibung vorarbeiten oder sie ersetzen (z. B. Strohschliefers Ursche^Maus1); auch die bedeutsame Benennung aber kann Klangwert haben, wie „Wippup und Wappup" f´┐Żr Deichsel und Wagen (Wo. 114). Die Beschreibung im engeren Sinn kann sich auf einen Gegenstand oder Vorgang als Ganzes richten und ihn durch einen oder mehrere Z´┐Żge kennzeichnen; liegen mehrere zu beschreibende Bestandteile vor, so k´┐Żnnen sie die L´┐Żsung des R´┐Żtsels einesteils f´┐Żrdern, andernteils hemmen. Gerade diese „hemmenden Z´┐Żge" bedingen ja erst den Eindruck des Wunderbaren, des R´┐Żtselhaften, und sie sind oft um so wirksamer, wenn sie nicht Schlag f´┐Żr Schlag den einzelnen Andeutungen des Sachverhalts entgegentreten, sondern eine ziemlich geschlossene Anschauung am Ende mit einem Schlage gleichsam umkippen. Man vergleiche zum ersteren Falle: „Gro´┐Ż wie ein Haus, klein wie 'ne Maus, s´┐Ż´┐Ż wie Honig, bitter wie Gallet´┐Ż (Nu´┐Ż und Nu´┐Żbaum2); zum andern das bekannte R´┐Żtsel vom Bienenstock, das zun´┐Żchst auf einen ganz andern Teil der Behausung hinzuweisen scheint, dann aber pl´┐Żtzlich schlie´┐Żt: ,,dor stippt de eddelman sin brot in" (Wo. 43). Das Nu´┐Żbaumr´┐Żtsel zeigt uns auch, wie das Raten dadurch erschwert werden kann, da´┐Ż ein Gegenstand nicht blo´┐Ż nach seinen einzelnen Teilen geschildert, ein Vorgang nicht blo´┐Ż Schritt f´┐Żr Schritt erz´┐Żhlt wird, sondern auch die verschiedenen Entwicklungsstufen oder Erscheinungsformen bunt durcheinander gew´┐Żrfelt werden. Nat´┐Żrlich
1) Vgl. Renk, ZdVfVk., Bd. V, S. 152 oben.
2) Brunk, Rad to, wat is dat (1907), Nr. 219.
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k´┐Żnnen auch mehrere Gegenst´┐Żnde, wie die 24 Buchstaben des Alphabets, zur Einheit zusammengefa´┐Żt und gemeinsam benannt und beschrieben werden.
31. Unsere ´┐Żbersicht wird best´┐Żtigen, was wir oben ´┐Żber die Anordnung und die Systematik des R´┐Żtsels angedeutet haben (S. 54 f.). Die verschiedenen Gruppen der „wirklichen R´┐Żtsel" gehen noch st´┐Żrker durcheinander als die der Scharfsinns- und Wissensproben, wo sich ja auch schon keine scharfen Grenzen ziehen lie´┐Żen. Man k´┐Żnnte versuchen, die R´┐Żtsel nach der Grundstimmung anzuordnen und etwa vom Wunderbaren und Grausigen bis zum ausgelassensten Humor vorschreiten; aber ein Blick in die reiche Variantensammlııng in Wossidlos Buch zeigt uns, wie h´┐Żufig die Ab´┐Żnderung einer einzigen Zeile dem R´┐Żtsel ein anderes Ethos gibt, soda´┐Ż Zusammengeh´┐Żriges auseinander gerissen werden m´┐Ż´┐Żte1), imsselbe aber gilt von der Form: wollten wir nach metrischen Gebilden ordnen, so w´┐Żrde ein R´┐Żtsel durch die leicht m´┐Żgliche Einf´┐Żgung einer Zeile gleich in eine andere Gruppe eingehen und dadurch von seinen Verwandten losgel´┐Żst werden2); und nicht minder gehen die stilistischen Formen: Beschreibung, Erz´┐Żhlung und Gespr´┐Żch h´┐Żufig bei einer und derselben Grundform durcheinander3). Ebensowenig ist aber die strenge Anordnung nach stofflichen Gesichtspunkten m´┐Żglich: nicht blo´┐Ż dieselbe Form, sondern fast genau derselbe Wortlaut kann von der
Es macht z. B. einen Unterschied aus, ob das R´┐Żtsel vom Hahn (Wo. 21) schlie´┐Żt: „Z´┐Żh, wo de schelm r´┐Żhrt" oder im Gegenteil: ,,Wie der Kerl lacht" oder ob es gar keine derartige Schlu´┐Żzeile hat.
a) Vgl. die reiche Entwicklung von Wo. 1.
:{) Vgl. etwa Wo. 83 mit der Variante.
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Kirsche und vom Apfel, von der Kr´┐Żhe und von der Raupe gebraucht werden1). — Kurz, jede starre Durchf´┐Żhrung eines einzigen Grundsatzes versagt. Die Anordnung der R´┐Żtsel ist eine Aufgabe gr´┐Żndlicher Sachkenntnis und feinen Gef´┐Żhls f´┐Żr das Zusammengeh´┐Żrige. Zum Gl´┐Żck d´┐Żrfen wir sagen, da´┐Ż Richard Wossidlo in seiner klassischen Sammlung der mecklenburgischen R´┐Żtsel auch diese Aufgabe mit gr´┐Żndlicher ´┐Żberlegung und vielem Geschmack gel´┐Żst hat, und so werden k´┐Żnftige Sammler am besten tun, wenn sie im gro´┐Żen ganzen seinen Spuren folgen2).
*) Wo. 59, 177 und 178.
2) So sind denn auch die sehr wertvollen Sammlungen von Brunk nach dem Muster Wossidlos angelegt; f´┐Żr s´┐Żddeutsche Sammlungen und gar f´┐Żr ausl´┐Żndische m´┐Ż´┐Żten nat´┐Żrlich gewisse Ab´┐Żnderungen erfolgen, im gro´┐Żen ganzen aber d´┐Żrfte sein Verfahren in den Grundz´┐Żgen beibehalten werden.
V. BIBLIOGRAPHIE.
(
von
1. Literatur des R´┐Żtsels.
Hier wird nur angef´┐Żhrt, was unsre Kenntnis vom Wesen und der Form des Volksr´┐Żitsels, vor allem des deutschen, wesentlich f"ı t F´┐Żr Einzel fragen sei auf die in unsrer Darstellung gegebenen ´┐ŻI.( ^vcise aufmerksam gemacht. Auch enthalten die meisten der hier f´┐Żhrten Schriften Verweise auf weitere Literatur. In Klammern nerken wir die Abk´┐Żrzungen, unter denon die betr. Arbeiten unsrer Darstellung angef´┐Żhrt worden.)
A) Bibliographisches.
lohn Meier, R´┐Żtsel. P. Grundr. II, S. 1281-1290. ' • har d Wossidlo (= Wossidlo), Mecklenburgische Volks´┐Żber-lt,C lieferungen. Im Auftrage des Vereins f´┐Żr Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde gesammelt und herausgegeben, j Band. R´┐Żtsel. Wismar 1897, S. 259—271. ^ ay n und A 1 fr e d N. G otendorf (= Hayn), Bibliotheca Qerrnanonm erotica. Artikel R´┐Żtsel in Bd. VI (1914), S. 348-358.
Hier wird die ´┐Żltere Arbeit desselben Verfassers ´┐Żber „Die } Riitselliteratur" im Zentralblatt f´┐Żr Bibliothekswesen 7 516ff- in wesentlich vervollst´┐Żndigter Form vorgelegt. 1 ' Zur Erg´┐Żnzung aller Abteilungen dienen die das Volksr´┐Żtsel JtVnden Abschnitte in den „Jahresberichten ´┐Żber die Erscheinungen aus dem Gebiete der germanischen Philologie*
B> Allgemeines ´┐Żber Wesen und Form, Entstehung und Entwicklung des Volksr´┐Żtseis.
(Schriften ´┐Żber einzelne R´┐Żtsel und R´┐Żtselgruppen siehe bei den Sammlungen.)
K M´┐Żllenhoff, Nordische, englische und deutsche R´┐Żthsel. Z. f. d. Mythologie 3 (1855), 1-20.
Ludwig Uli lan d, Abhandlung ´┐Żber Volkslieder, 3. Abschnitt: Weit-und Wunschlieder (urspr´┐Żnglich : „R´┐Żtsel- und Wunsch-lieder{{) (Neudruck von H. Fischer, Stuttgart = Cottasche Bibliothek der Weltliteratur, Band 209 11. 210).
J. B. Frie d reich (= Friedreich), Geschichte des Riithsels. Dresden 1860.
Erwin Schlichen, De antiqua Germanorum poesi aenigmatica. Berliner Dissertation, 18G6.
Hermann Hagen, Antike und mittelalterliche R´┐Żlhselpoesie. M il Benutzung noch nicht ver´┐Żffentlichter Quellen aus den Handschriften-Bibliotheken zu Bern und Einsiedeln. Biel 18(39. Neue Ausgabe, Bern 1877.
Alois Hruschka, Das deutsche R´┐Żthsel. (Sammlung gemeinn´┐Żtziger Vortr´┐Żge, her. vom Ver. f. Verbreitung gemeinn´┐Żtziger Kenntnisse in Prag, Nr. 91) Prag 1884.
Giuseppe Pitre (= Pitre), Indovinelli, dubbi, scioglilingua del popolo Siciliano raccolti ed illuslrali e preceduti da uno studio suirindovinello. (= Biblioteca delle tradizioni popolari Siciliane, vol. XX) Torino-Palermo 1897.
H. F. Feilberg, Gader. Aarb. for Dansk Kulturhist. 1898, S. 10-7(3.
R. Petsch, (— Petsch), Neue Beitr´┐Żge zur Kenntnis des Volksr´┐Żtsels. (= Palaestra, Bd. IV) Beil in 1899.
F. Tupper, The comparative study of riddles. Mod. Lang. Notes 18 (1903), 1—8.
W Feit, Das deutsche Volksr´┐Żtsel. Schles. Mitt. f. Vk. Heft 14 (1905), 1-33. Nachtr´┐Żge dazu: ebd. Heft 10 (1906), 37—40
F. Bey schlag, Beitr´┐Żge zur Geschichte des Volksr´┐Żtsels. Mitt. u Umfr. z. bayer. Volksk. 190(3, 37—39, 41-45.
Job. Gillhoff, ´┐Żber Aller und Art des Yolksr´┐Żtsels. ZfdUnt. 22 (1907), 106-124.
Arthur Bonus (= Bonus I und II), R´┐Żtsel. I. Band: Die Sammlung. II. Band: Zur Biologie des R´┐Żtsels. Herausgegeben vom Kunstwart, M´┐Żnchen 1907.
II. Lessmann, Aufgaben und Ziele der vergleichenden Mythenforschung 1908 (= Mythol. Bibi. I, 4).
W. Schultz, Aus dem hellenischen Kulturkreisel. 11 (= Mythol. Bibi. III1 und V, 1). (Diese beiden Werke waren mir nicht zug´┐Żnglich).
Robert Lehmann - N i t s c Ii e , Adivinanzas Rioplatenses (= Folklore Argentino, Bd. 1). Buenos Aires 1911. Dazu:
R. Petsch, Ardı. f. n. Spr. 131 (1915), 189-193 und 0. W. v. Sydow, Om Galor och G´┐Żtsystematik; Folkminneıı och Folktankar 1915, 05-80.
i t i c lı a r d S c h e v i 11, Some forms o f Ihc riddie question and the exercise o f the wits in popular fiction and formal literat´┐Żre. Univ. of California Puhl, in Mod. Liter. II, 3. Chicago 1911.
K. O hl ort, R´┐Żtsel und R´┐Żtselspiele der allen Griechen. 2 umgearbeitete Aufbgo. Berlin, Mayer und Miıller, 11)12.
Fritz Loewenthal (— Loewenthal), Studien zum germanischen R´┐Żtsel. = Germani<ti>che Arbeiten, herau.sg. v. (´┐Ż. Baese -ke, 1) Heideiberg 1914.
W. Schultz, R´┐Żtsel. In Pauly-Wissowas Real-Encycl. 2. Reihe, Bd. 1, Sp. 62 — 125.
C) Schriften ´┐Żber einzelne R´┐Żtsel und R´┐Żlselgruppen.
(Meist sind ausgiebige Textprobeu beigef´┐Żgt, soda´┐Ż solche
Schriften hier und da den „Sammlungen" zugesellt werden k´┐Żnnten.
A1 ph ab e t isch e Reih en fol ge.)
H. Abels, R´┐Żtsel vom Hunde. Niedersachsen 18 (1913), 100.
J. Bolte, Volkst´┐Żmliche Zahlzeichen und Jahreszahlr´┐Żtsel. ZdVfVolksk. 10, 180—194.
A. 10 n gl ort, Zu dem Evar´┐Żtsel. ZfdUnt. 4, 84. 102; 6,817; 11, 656-659.
IL Frisch bier, Verb recher-R´┐Żtsel. Am Urdbs-Bruunen 4, 9 ff.
Derselbe, R´┐Żtsel-Geschichten. Urquell 2, 151 f.
K. E. Haase, Zum Flohr´┐Żt sei. ZfdUnt., 8, 547.
E. Hansen u. a., R´┐Żtsel vom Ei. ICorrespbl. f. nd. Sprachf. 28 (1907) und 29 (1908), mehrfach. Nachtrag von R. Block, ebd. 33 (1912), 65.
Hartmann und Miele k, R´┐Żthsellieder, Verbreche rr´┐Żthsel. Nd. Korrespbl. 1886, S. 53 ff.
E. Hoffmann-Krayer, Zum R´┐Żtsel vom Vogel Federlos. Schweiz. Arch. f. Vk.; 3, 102.
R. Petsch, R´┐Żtselstudien. (I. Zu den Reichenauer R´┐Żtseln. Besonders ´┐Żber das R´┐Żtsel vom Vogol Federlos. II. Zu den R´┐Żtselstrophen des Reinmar von Zweier.) l'BBtr. 41 (1916) 332—346,
— 84 —
Derselbe, R´┐Żtselstudien. (1. Das R´┐Żtsel vom Fisch im Wasser 2. Die Scheune brennt.) ZdVfVolksk. 16 (1916), 1 — 18.
K. Reuschel, Das R´┐Żtsel von der Mulde. ZfdUnt. 14, 671.
0. Schell, Volkswitz in R´┐Żthseln. Am Urquell 3, 138 f.
Spr´┐Żch wortr´┐Żthsel. Korrespondent von und f´┐Żr Deutschland 1820, Nr. 70, 77, 84; 91, 98.
A. Treichel, Biblische R´┐Żtsel. Am Urquell 3, 170-173, 300-302. 4, 81-87, 124.
H. Volksmann, Volkswitz in R´┐Żthseln. Am Urquell 2, 15 f., 81.
A. W´┐Żnsche, Das R´┐Żtsel vom Jahr nnd seinen Zeitabschnitten in der Weltliteratur. Z. f. vergl. Literatu gesch. 9, 425-156.
Vergleiche auch S c h e v i 11 in Abschnitt B.
II. Sammlungen deutscher R´┐Żtsel. A) ´┐Żltere Sammlungen.
Handschriftliches und die Literatur dar´┐Żber wird in der Abhandlung selbst angef´┐Żhrt. Im folgenden verzeichnen wir die wichtigsten, ´┐Żlteren gedruckten Sammlungen vom Ausgange des 15. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts, ohne irgend Vollst´┐Żndigkeit der Ausgaben anzustreben ; einen Stammbaum der ´┐Żltesten B´┐Żcher anzugeben, ist vorderhand ´┐Żberhaupt noch nicht m´┐Żglich. Die verschiedenen, bekannten Drucke bringt mit leidlicher Vollst´┐Żndigkeit Hayn a. a. 0. Wir nehmen nur solche Sammlungen auf, die wirkliche YTolksr´┐Żtsel enthalten (oder doch zu enthalten scheinen), soda´┐Ż sie nicht blo´┐Ż der Stoffgeschichte, sondern auch der formalen Betrachtung der volkst´┐Żmlichen H´┐Żtseldichtung dienen k´┐Żnnen. Die Tirol werden abgek´┐Żrzt, und den von uns eingesehenen werden die Standortszeichen der betr. Bibliotheken beigef´┐Żgt.
Als ´┐Żlteste Drucke der beiden wichtigsten R´┐Żtselsammlungen des 16. Jahrhunderts gibt Hayn 319 und 3531'. die folgenden an: I. Wolchem an kiirtzweill thet zer- / rinden. Mag woll di´┐Ż buchlein durch grynden. / Er fmdl darin vi II kluger ler. Von Rettelsch / gedieht vnd vill n´┐Żwer wer. (Holzschnitt in viereckiger Form, Els´┐Żsser Schule: Ein mit Gras und Blumen bewachsener H´┐Żgel, auf dem 3 weibliche und 2 m´┐Żnnlichc Personen in Unterhaltung begriffen sind.) Am Schlu´┐Ż des 24. Blattes steht nur: Getr´┐Żckt zu Stra´┐Żburg (ohne Drucker
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und Jahreszahl, ca. 1505) 4´┐Ż, 24 Bll. Nach einer andern, aber verwandten Vorlage der (nicht ganz genaue) Neudruck von A. F. Butsch, Stra´┐Żburger R´┐Żtselbuch. Stra´┐Żburg, K. J. Tr´┐Żbner, 187G. ;Vergriffen!)
II. Neuvermehrtes Rath-B´┐Żchlein, mit allerhand Weltlich- und Geistlichen Fragen, samt deren Beanhvorlungen. Das Rochen-biichel hei´┐Ż sonst ich. Wer langweilig ist, der kauf mich, Er find in mir viel liluger Lehr, Mit vexier, rathcn und anders mehr. Holzschnitt: Spinnstube mit 6 Personen. Gedruckt im Jahr 1678. 8´┐Ż, 32 Bli. (In Berlin, KB : Yd 3641.) Hayn erw´┐Żhnt, ohne genauere Titelangabe, S. 353 auch einen ´┐Żlteren Druck von 1662 (o. 0.) aus „Brentanos Bibliothek, p. 159a und nennt das Ganze den „Neudruck einer Ausgabe des 16. Jahrhunderts".
Von sp´┐Żteren Sammlungen erw´┐Żhnen wir:
1-1 u 1 d r i c h u s T h e r a n d e r (J. So m m e r Aenigmalographia Ryth-mica. Ein news kunstreiches R´┐Żtzelbuch auss den ber´┐Żmbtesteti vnnd vortrefflichsten Alten und Newen Lateinischen Scribcnten mit ´┐Żeiss zusam gezogen. O. 0. u. J. (Magdeburg 1606.) In Berlin KB: Yd 3656.
Rath- oder Ratzel-B´┐Żchlein. N´┐Żrnberg 1613.
Gepfl´┐Żckte Finken, Oder Studenten-Confect.. (3 Trachten und Nachtracht) Gedruckt zu Franckenau (Frankfurt a. M. 1(567. Dritte Tracht enth´┐Żlt Ratzel. In Berlin KB : Yt 9341.)
Neu Ala modische R´┐Żthsel-Fragen, (o. 0. 1690 u. ´┐Ż. In Berlin,
3640 KB: Yd 60 .)
100 sch´┐Żne sinnreiche Fragen oder R´┐Żthsel, so zu allerlcy kurtz-weiligen Discurscn ´┐Żberaus dienstlich. Landshuet o. J. („um 1690a).
Neues R´┐Żtzelbiichlein. („Dresden 1693?1)
100 Possierliche R´┐Żthsel. o. 0. 1694.
Sponnagelneues Ratzel-B´┐Żchlein. Dresden und Leipzig 1703. In G´┐Żttingen ´┐ŻB : Poet. Germ. I. 5890.
Der lustige Kirmesbruder, welcher durch lisliste (so! R´┐Żnke auf den Kirmessen die Bauern und andere Personen unterhalten und vergn´┐Żgt gemacht hat. Nebst einem Anhange von R´┐Żthseln-Gedruckt zur Kirmeszeit, da sich jeder freut. N´┐Żrnberg o. J. (um 1725). In Berlin KB: Yt 4241.
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Wie der Wirth also auch die G´┐Żste. Das ist Was Hanss Guck in die Well, sonsten Merck s Malz genandt, auf seiner Reise in dreyl´┐Żgiger Lust- und Wasserfahrt aufgefischet, eingesammlet und mit nach Hause gebracht hat. 3 Teile. Der dritte bestellt aus „R´┐Żtzeln, Fragen und Aufgaben usw.'' Gedruckt in der Welt, im folgenden Jahre des vorigen. (In Breslau, UB: Lit. teut. II. Ddz. 189.) Kleinere Gruppen von ´┐Żlteren R´┐Żtseln in vielen Schriften des IG. und 17. Jahrhunderts, z. B. im Rockenb´┐Żchlein (.abgedruckt im Anhang von Petsch, Neue Beitr´┐Żge); im Laienbuch (1597, Braunes Neudrucke 236 — 39, S. 99ff.; in Christian Gryphius' handschriftl´┐Ż „R´┐Żtselweisheitvergl. Feit, ZdVt'Gesch. Schlesiens 41.
B) Sammlungen des lebenden Volksr´┐Żtsels.
(Nur gr´┐Ż´┐Żere Sammlungen, die f´┐Żr wissenschaftliche Forschungen in Betracht kommen k´┐Żnnen, sind aufgef´┐Żhrt, und zwar innerhalb der Unterabteilungen in alphabetischer Reihenfolge )
1. Allgemeine Sammlungen.
A. Birlin ger, Nimm mich mit. Kinderb´┐Żchlein. Freiburg i. Br. 1871 (S. 181—215).
A. Bonus, (siehe Abteilung I B).
0. Fr´┐Żmmel, Deutsche R´┐Żtsel. 1. (einziges) Heft, Leipzig 1902. Mone, Mass mann, Hoff mann von Fallersleben und Sol tau teilen ´┐Żltere und neuere deutsche und fremdsprachliche R´┐Żtsel in reicher F´┐Żlle, aber un´┐Żbersichtlich mit im Anzeiger f´┐Żr Kunde des deutschen Mittelalters, 2 (1833), 235 ff., 310 ff.; 4 (1835), 75 f.; 7 (1838), 32 ff., 258, 371 ff.! 8 (1839), 217 ff., 315 ff. K. Simrock, Das deutsche R´┐Żthselbuch. Frankfurt a. M. (1850). Zweite Sammlung, ebd. 1853. Dritte Sammlung, ebd. 1863. 3. Aufl. 1874.
2. Landschaftliche Sammlungen. a) Schweiz, S´┐Żddeutschland. (Brenner), Baslerische Kinder- und Volksreime. 2 Auflage (Basel 1902), S. 79 ff.
B. L. Roch holz, Schweizerische Volksr´┐Żthsel aus dem Aargau.
Z. f. d. Myth. 1 (1853), 129-168, 398 f.
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Dorsel be, Alemannisches Kinderlied und Kinderspiel aus der
Schweiz. (Leipzig 1857), 199—274. 0. Haffner, Volksr´┐Żtsel aus Baden. Volkskunde im Breisgau,
hrsg. v. Fr. Pfaff (1906), 51—106. Firns t Meier, Deutsche Kinder-Reime und Kinderspiele aus
Schwaben (T´┐Żbingen 1851), 71 - 87, 149. A. S t Ob er, Els´┐Żssisches Volksb´┐Żchlein. (2. Aufl. M´┐Żlhausen 1859), 87-96.
A. Itenk, Volksr´┐Żtsel aus Tirol. ZdVfVolksk. 5 (1895), 147-160. P. A ni a n d Bau nı ga r t e ıı, der volkstn´┐Żssigen ´┐Żberlieferung
der Heimai. 1. Zur volkst´┐Żmlichen Naturkunde. 22. Bericht d. Museum Franc.-Carol. nebst der 17. Lieferung der Beitr. z. Landesk. von ´┐Żsterr. ob der Eııns. (Linz 1862), 1 — 159.
B. Sch´┐Żttelkopf, Volksr´┐Żtsel aus K´┐Żrnten. Carintbia 85 (1895),
173—185; 86 (1896), 19-21. Hepding, R´┐Żtsel. Mitt. d. oberhess. Gesch. Vor. NF. Gie´┐Żen 1899, 225-245.
^Mitteldeutschland. J. M ´┐Żtz, Siebenb´┐Żrgische R´┐Żthsel. Siebenb. Korrespbl. 4 (1881), 57, R´┐Żtsel. Ebd. 5 (1882), 57. 6, 43-45. 17, 106f. 22, 55ff., 73 ff. usw.
0. Schell, Volksr´┐Żtsel aus dem Bergischen. ZdVfVolksk. 3, 293—299.
Schmitz, Sitten und Sagen, Lieder, Spr´┐Żchw´┐Żrter und R´┐Żthsel
des Eifler Volkes. Bd. III. Trier 1856, S. 159, 205-212. L e w a 11 e r und Schl´┐Żger, Deutsches Kinderlied und Kinderspiel
in Hessen gesammelt. Cassel [1911—13]. Horm. Dunger, Kinderlieder und Kinderspiele aus dem Vogl-
lande. Plauen i. V. 1874, S. 198—203. K E. Haase, Volksr´┐Żtsel aus Th´┐Żringen. ZdVfVolksk. 5 (1895), 180-183
M. Paul, Th´┐Żringer R´┐Żthsel und Charaden. Weimar 1881. G. Laube, Volksth´┐Żmliche ´┐Żberlieferungen aus Teplilz und Umgebung. (Prag 1896), 83 f.
c) Norddeutschland. R. Eckart, Allgemeine Sammlung niederdeutscher R´┐Żtsel. Nebst einigen andern mundartlichen R´┐Żtselaufgaben und Aufl´┐Żsungen. Leipzig 1894.
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Ldw. Grote, Aus der Kinderstube. Nieder s´┐Żchsische s Kinderbuch, ein Reim- und Liederschatz f´┐Żr Eltern und Kinder. 2. Aufl. Hannover 1872, S. 471—498. Phil. Wegen er, Volkst´┐Żmliche Lieder aus Norddeutschen d.
' 3 Hefte. Leipzig 1879 (IT, 115-146). F. Woeste, Volksr´┐Żthsel, meist aus Grafschaft Mark. Z. f. d.
Myth/ 3. (1855), 179-196. A. Brunk, Osnabr´┐Żcker R´┐Żtselbiiclilein. Osnabr´┐Żck 1910. Herrn. Meier, Zweihunderl plattdeutsche R´┐ŻHisel aus dem Volksmunde der Ostfriesen. Weener 1869. Hch. Carstens, Volksr´┐Żtsel, bes. aus Schleswig-Holstein.
ZdVfVolksk. 6, 412-423. j Ohlers, Schleswig- Hol s teensch R´┐Żthselbok mit 500 lustige R´┐Żthsels, ole vun anno een un niee. Mit einem Vorwort von Klaus Grotb. Kiel 1865. Andree, Braunschweiger Volkskunde. 2. Aufl. Braunschweig 1901, S. 492 ff.
Enge.lien und Lahn, Der Volksmund in der Mark Brandenburg. Sagen, M´┐Żrchen, Spiele, Sprichw´┐Żrter und Gebr´┐Żuche. Berlin 1868, S. 201-212. K. E. Haase, Volksr´┐Żtsel aus der Grafschaft Ruppin
ZdVfVolksk. 3, 71-79. 5, 396-407. Joh. Gillhoff, Das Mecklenburgische Volksr´┐Żtsel. Ges., eingeleitet und mit Varianten hrsg. Parchim 1892. 11. Wossidlo s. Abt. I /V.
A. Brunk, Rad to, wat is dal. Pommerische Volksr´┐Żtsel. Stettin 1907. H. Frisch hier, Die Pflanzenwelt vi Volksr´┐Żtseln aus der Provinz
Preussen. ZfdPh. 9, 65—77. Derselbe, Die Tierwelt in Volksr´┐Żthseln aus der Provinz Preussen.
ZfdPh. 11, 344 359. Derselbe, Die Menschenwelt in Volksr´┐Żthseln aus den Provinzen
Ost- und Westpreussen. ZfdPh. 23 (1890), 210—261. Derselbe, Preussische R´┐Żlselfragen. Am Urquell 3, 31-37; 73-76. Joost Amaat. Raadsels van hei Vlaamsche Volk. Gent l^90*