Der Mittel, welche Amor braucht,
Die Männer zu berücken,
Sind tausende, und jedes taugt
Zu seinen losen Tücken,
Weil er mit echtem Künstlerfleiß
Zu prüfen und zu wählen weiß.
Der eine liebet Fleisch und Fett,
Samt rosenroten Wangen,
Der andere ein schön Skelett,
Mit etwas Haut umhangen,
Das sich auf's Ave gut versteht,
Und fromm die Äugelein verdreht.
Ein dritter siehet stolz und kalt
Auf beide Damen nieder,
Fühlt auch der Liebe Allgewalt,
Sucht aber bess're Güter,
Und richtet andachtsvoll den Sinn
Nach einem vollen Kasten hin.
Doch andre lassen, unbekannt
Mit edlerem Vergnügen,
Demütig sich an Modetand
Und Flitterstaat genügen,
Und tauschen froh ihr Traumgesicht
Um eines Krösus Schätze nicht.
Empfindsamkeit, Romanenton,
Ein bisschen Medisieren,
Ein hübscher Stammbaum halfen schon
Die Glut vortrefflich schüren,
An der, wie Wachs, früh oder spät
Der Männer Löwenmut vergeht. —
Doch wer zählt der Verliebten Heer,
Ihr Seufzen, ihren Jammer!
Denn nirgends ist ein Plätzchen leer
In Amors Waffenkammer:
Da hängt Gewehr für jung und alt
Von jeder Größe und Gestalt.
Zwei Silben schildern treffend euch
Ein Paar sehr scharfe Bogen.
Von ihnen kömmt, an Zauber reich,
Ach! mancher Pfeil geflogen,
Den — wer ihn etwa noch nicht kennt —
Des Wortes letzte Silbe nennt.
Nichts als der Göttinn Balsam heilt
Des Kranken Herzenswunde,
Und macht ihm, wenn er bei ihr weilt,
Zum Ganzen jede Stunde —
Ob es nach Jahren noch geschieht,
Gehört für jetzt nicht in mein Lied.
Augen + Blick = Augenblick
Krösus (* um 590 v. Chr.; † um 541 v. Chr. oder später) war der letzte König des in Kleinasien gelegenen Lydien. Er regierte von etwa 555 v. Chr. bis 541 v. Chr. und war vor allem für seinen Reichtum und seine Freigiebigkeit bekannt.
medisieren (veraltet) = lästern, schmähen
Georg Christian Ludwig Lindenmeyer, Gedichte, Nr. 17. Erschienen bei Franz Haas, Wien und Prag, 1806