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Rätselgedichte, Rätselreime

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Rätselgedicht Nr. 12580

von Gustav Feuerlein

Scharadoide (1+2 =2 Silben)

Aus Frankreich fliehend eil' ich froh hinüber
Auf deutschen Grund, wo meiner Ufer Ruhm,
Reich ausgestattet von dem Vater Liber,
Bereits erscholl im grauen Altertum;
Jetzt neidet meinen Ruhm sogar der Tiber,
Denn mein Gestad verklärt ein Heiligtum,
An dem, verdunkelnd alle Wunder Romas,
Kein Mensch mehr zweifelt bis auf einen Thomas.

Wer kennt nicht den verruchten Ehrenräuber? –
Doch ist mein Kleinod für so ächt erkannt,
Als all die tausend echten Heil'genleiber
Aus der Apostelfürsten Vaterland
Und aus dem Land, vom Witz der Erdbeschreiber
»Der Stiefel von Europa« zugenannt,
Der sich voll Demut, rührend und asketisch
Vor dem Pantoffel beugt, dem höchsten Fetisch.

Horch! schon die erste meiner Silben kündet
Sich warnend allen wahren Christen an,
Sie nennt den halben Mond, den, schnöd entzündet
Von Rache, der verfluchte Muselmann,
(Der allen Bilderdienst verdammlich findet,
Ja, heidnisch schilt in seinem frechen Wahn)
Auf die Sophienkirch' erhob: zur Strafe
Des Abfalls vom rechtmäß'gen Herrn der Schafe.

Die zweite meiner Silben ist die letzte,
Sie nennt, wenn nur ein Zeichen vorn sie mehrt,
Ein Tier, das oft genug der Spott verletzte,
Ist's gleich dem Morgenländer lieb und wert,
Sie nennt das Tier, worauf sich Christus setzte,
Als er, durch Hosianna Ruf geehrt,
Vom Wahn zum König dieser Welt erkoren,
Einzog, vom Volk umwogt, in Salems Toren.

Ein gleicher Jubel, gleiche Menschenwogen
Nah'n sich wie donnernde Lawinen mir,
Erscheinen, durch mein Wunder angezogen,
Auf meines Ufers heiligem Revier;
Wie mit Verklärungsfirnis überzogen
Strahlt Jeder, stillt die fromme Schaubegier,
Und betet an, vor Wonn' und Andacht glühend,
Vor einem Kunstgebild aus – Wolle kniend.

Schöps aller Schöpfe! sei gebenedeiet,
Der seine Haare zu dem Kleinod ließ;
Auch Ihr, die Ihr Euch glaubensstark ihm weihet,
Seid die Gebenedeiten so gewiss,
Als hier sich jeder sieche Greis erneuet:
– Denkt Jener, die hier Gicht und Krücken ließ! –
Noch sind der Wunderkräfte viel in petto
In meinem römischdeutschen Neu-Loretto.

Pfui! Jason, schäme Dich, durch Morden, Rauben
Errangst Du nur ein nacktes rohes Vlies;
Ein frommer Erzhirt rang – errang durch Glauben
Den göttlichsten, bereits schon fert'gen Fries!
Wenn jenen blut'ge Lorbeer' nur umlauben,
Den kränzen Palmen aus dem Paradies;
Was jenem durch Medeas List gelungen,
Hat dieser durch Marias Huld errungen.

Schon strahl' ich, zum Pactolus umgewandelt,
Wie jener Goldsandstrom im Altertum;
Bald stimmt, von keinem Ronge mehr misshandelt,
Mein Flaus die Welt zu echten Christen um;
Dann kommt ein Homer aus dem Grab gewandelt,
Ein Horaz, zu verew'gen meinen Ruhm;
Doch übertönt den ganzen Sänger-Chorus
St. Peters größter Dichter Isidorius.

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Mo[nd] + [E]sel = Mosel

Anmerkungen

Der Paktolos ist der antike Name eines Flusses nahe der ägäischen Küste der Türkei.

Johannes Ronge (* 16. Oktober 1813 in Bischofswalde, Landkreis Neisse, Oberschlesien; † 26. Oktober 1887 in Wien, Österreich-Ungarn) war ein deutscher katholischer Priester, der den Reliquienkult der römisch-katholischen Kirche kritisierte, wesentlich zur Gründung des Bundes Freireligiöser Gemeinden beitrug und als Begründer des Deutschkatholizismus gilt.

Isidor von Sevilla (* um 560 in Carthago Nova (Cartagena), Spanien; † 4. April 636 in Sevilla) war Nachfolger seines Bruders Leander im Amt des Bischofs von Sevilla und wird auch als Heiliger Isidor bezeichnet. In seiner Enzyklopädie Etymologiarum sive originum libri XX kompilierte er das im Westen des Mittelmeerraums um 600 noch vorhandene Wissen der Antike, verband es mit der Patristik und machte es seiner Zeit verfügbar. Isidor gehörte zu den meistgelesenen Autoren des Mittelalters. Er schuf Grundlagen der mozarabischen Liturgie.

Homer gilt traditionell als Autor der Ilias und der Odyssee und damit als frühester Dichter des Abendlandes. Weder sein Geburtsort noch das Datum seiner Geburt oder das seines Todes sind zweifelsfrei bekannt. Es ist nicht einmal sicher, dass es Homer überhaupt gab.

Horaz (* 8. Dez. 65 v. Chr. in Venusia; † 27. Nov. 8 v. Chr.), eigentlich Quintus Horatius Flaccus, war neben Vergil, Properz, Tibull und Ovid einer der bedeutendsten römischen Dichter der Augusteischen Zeit. Seine philosophischen Ansichten und dicta gehörten bis in die Neuzeit zu den bekanntesten des Altertums und erfuhren reichhaltige Rezeption in Humanismus und Klassizismus.

Iason (Jason) ist eine Heldengestalt aus der griechischen Sage. Bekannt ist er vor allem als Anführer der Argonauten.

Verweise

Scharadoiden