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Rätselgedichte, Rätselreime

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Rätselgedicht Nr. 12547

von Gustav Feuerlein

Scharadoide (1+1 Silben)

Kaum graut der Tag, so ruft im Kloster drüben
Den Mönchen schon die Glocke hell und klar:
Zur Palmfest-Feier, wie sie vorgeschrieben,
Eilt aus den Zellen in den Chor die Schar;
Sie sammelt sich, die heil'ge Pflicht zu üben,
Mit ernstem Schweigen um den Hochaltar,
Und plötzlich, dass des Doms Gewölbe dröhnen,
Hört man ein freudig Hosianna tönen.

Gesang und Orgel grüßen mit Entzücken
Den, welchem tausend frohe Hände heut
Den Weg bereiten und mit Palmen schmücken;
Der, wie es ward Judäa prophezeit,
Demütig, sanft, auf eines Maultiers Rücken,
Auf keinem Schlachtross, das Gefahren dräut,
Nicht als ein Kriegsheld, vor dem Völker schauern,
Als Friedensfürst erscheint in Salems Mauern.

Verhallend in des Chors gewalt'gem Bogen,
Durch den die Andacht sich gen Himmel schwang,
Verrauschen jetzt der Orgel mächt'ge Wogen,
Verstummt der Ordensbrüder Lobgesang;
Und, wie mit einer Glorie umzogen,
Im Prachtaltar, mit würdevollem Gang,
Besteigt in seinem göttlichen Berufe
Des Ordens Haupt des Hochaltares Stufe.

Verklärt vom Frührot, gleich der Feueresse,
Das durch die bunt gemalten Fenster dringt,
Beginnt gewandt der Greis die hohe Messe,
Von Diakonen pflichtgetreu umringt;
Weiht betend ein zum Hochamt die Gefäße,
Zeigt die Monstranz, die gleich der Sonne blinkt,
Und fleißigt sich mit Mund und Herz und Händen
Das Offertorium, wird sich ziemt, zu enden.

Vollzieht dann, was der Glocke Klang verkündet,
Des Brods und Kelches Konsekration;
Was nur der Glaube, kein Verstand ergründet,
Erfolgt – die Transsubstantiation;
Und von der Andacht reinsten Flamm' entzündet,
Beschließt der Greis jetzt mit der Sumtion:
Indem die Schar mit tief gerührter Seele
Ein Sanctus anstimmt wie aus Einer Kehle.

Und kaum verklingt des Liedes letzte Stanze,
So naht mit würdig abgemess'nem Schritt
Sich Mönch für Mönch mit einem Blumenkranze
Dem Bild des Tiers, das einst der Herr beschritt;
Bald prangt's geschmückt, indessen es im Glanze
Des völlig angebroch'nen Tages glüht –
Bald prangt auch Dir, erleuchtet von der Fackel
Apollos, dieses nächtliche Orakel.

Du sahst den Priester am Altare walten,
Den längst ein Kranz von Silberhaar umspielt,
Sahst ihn im Kreis des Ordens Hochamt halten,
Wie es der Kirche heil'ger Brauch befiehlt;
Mit einem Worte nenne nun den Alten,
Sag' an! was er den Seinen ist und gilt?
Du wirst des Rätsels erste Silb' ergründen,
Kannst Du hierauf die rechte Antwort finden.

Du sahst aus Floras lieblichen Revieren
Das treue Bild von jenem frommen Tier
Andächtig und geschäftigfroh verzieren,
Gefällt die kindliche Gesinnung Dir,
So such', um ganz dies Rätsel aufzuspüren,
Die zweite letzte Silb', und sage mir:
Was war's, antworte schlicht, besonnen, sachte! –
Das einst der Herr auf jenem Maulthier machte?

Was Pracht, Geschmack und Kunst nur Edles haben,
Ward Deinem Blick durch diesen Kult gewährt;
Geruch und Phantasie zugleich zu laben,
Ward Weihrauchduft in Fülle Dir beschert;
In einem Meer von Harmonie begraben,
Vernahm Dein Ohr, was nur ein Sel'ger hört –
Das Ganze führt mit einem schlichten Worte
Von einem Ort zu einem andern Orte.

Hier wird's genommen, dorten anbefohlen,
So wie es Absicht, Zufall, Lust gebeut,
In Tätigkeit versetzt es Bein und Sohlen
Bald nur auf kürz're, bald auf läng're Zeit;
Auf Bühnen pflegt es sich zu wiederholen,
So oft es der Dramatiker gebeut:
Es wirkt – nun ist es unschwer aufzufinden –
Des Daseins, aber nicht des Seins Verschwinden.

Lösung anzeigen

Abt + Ritt = Abtritt

Anmerkungen

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Verweise

Scharadoiden