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Rätselgedichte, Rätselreime

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Rätselgedicht Nr. 11212

von Johann Caspar Lavater

Rätsel

Ich bin ein unerforschlich Ding
Kein Geist, wie hoch er sich auch schwing,
Kein Heid, kein Jud, kein Türk kein Christ
Begreift und weiß, was in mir ist.
Oft bin ich groß, oft wunderklein;
Nichts hab ich, und ist alles mein —
Unendlichkeiten trägt mein Schoß
Bin ich nur wie ein Schilling groß.
Sieht man mich auf dem Rücken an
So denkt man gleich: »Es ist nichts dran.«
Doch fasst man mich recht ins Gesicht,
Man Ehrenvoller von mir spricht.
Oft bin ich, wo der Kaiser ist
Klein und verworfen oft im Mist —
Oft bin ich gar in Gold gefasst,
Und oft in Samt und in Damast.
Kein König, keine Königskron',
Kein Krösus und kein Salomon,
Ist reicher, lieber oft als ich
Oft nichts so arm, so fürchterlich.
Obgleich ich kein Wort sprechen kann,
Künd' ich doch Tod und Leben an –
Kein Heller wert ist's, was mich hält,
Und doch beherrsch' ich alle Welt.
Mir mangelt Haar und Haupt und Hirn,
Und Ohr und Aug und Wang und Stirn –
Und Mund und Zahn und Kinn und Nas',
Und doch gehorcht mir alles das.
Bleib' ich in ungestörter Ruh
Leb' ich zehnmal so lang als du –
Doch bringt mir meinen Tod geschwind
Als wie der Blitz das kleinste Kind.
Was viele tausend Häuser deckt;
Was jeder Fürst und Herr versteckt;
Der Schlosser macht — Ein hässlich Tier
Das alles reimt sich wohl mit mir.

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Spiegel

Anmerkungen

Was reimt sich mit Ziegel?
Mit fürstlichem Siegel ?
Mit Riegel und Igel?
Nun merk' ich's – Der Spiegel.

Quelle

Johann Caspar Lavater, Vermischte gereimte Gedichte, Steiner, 1785, Seite 445

Verweise

Worträtsel, Lavater