»O, ihr seid ungerecht gegen die arme Milly,« sagte Ernst zu seinem Freunde Walter. »Was kann die arme Milly dafür, dass sie ein gar so zartes Wesen ist.«
»Überzart.«
»Nun ja, ein wenig gar zu zart ist sie. Vor ungefähr drei Jahren ging sie über die Landstraße. Da springt aus einem Seitengässchen eine aufgejagte Ratte vor ihr über den Weg. Die arme Milly fällt auf der Stelle in Ohnmacht; man musste sie in einer Sänfte nach Haufe bringen, und noch jetzt, wenn sie nur die Wörter
Land und Straße nennen hört — es sagt zum Beispiel jemand, er werde auf das Land gehen, oder er sei seinem Freunde auf der Straße begegnet — gleich greift sie nach dem —
Das Wort hat drei Glieder. Als Wild findest du das Erste in den Wäldern; das Zweite sitzt auf dem Ersten, und im Zweiten sitzt das Dritte. Wenn man das Dritte aus dem Zweiten durch Feuer herausgequält hat: so ist es unter andern Dingen auch dazu gut, zarte Mädchen vor Ohnmachten zu bewahren, wenn ihnen eine Ratte über den Weg oder durch den Kopf läuft
a).
»Es ist wahr, ein wenig gar zu zart ist sie; aber was kann die arme Milly dafür, dass sie so zart ist; und was ich, dass ich so töricht in sie verliebt bin.«
»Inzwischen, ein wenig gar zu zart ist sie.«
In verflossenem Sommer aß sie eines Tages Hirschen, schluckte einen Kern mit hinab, und bekam auf der Stelle heftiges Magendrücken. Sie nahm auf das allerbeweglichste Abschied von mir; denn diesmal werde sie ganz gewiss sterben, sagte sie.
»Adieu, mein teurer Ernst,« lispelte sie mit den lieblichsten Flötentönen; »adieu du mir versprochenes —
Auf eine wunderbare Weise sind in den ersten drei Silben zwei feindselige Elemente, Wasser und Feuer vereinigt. Obgleich härter als Eisen und Stahl, empfinden sie die Macht des letzteren Elementes doch weit stärker, als diese; denn es zerstört sie, Sic verherrlichen die Pracht der Könige, und die Macht der Schönheit; und dennoch sind sie die Sklavinnen von einem der gemeinsten Handwecker. Was die letzte Silbe betrifft, so sind zwar alle meine Freunde der Meinung, dass sie mir nicht fehlen werde, wenn ich Milly heirate
b):
aber was kann die arme Milly dafür, dass sie so überaus zart ist; und was ich, dass ich so töricht in sie verliebt bin?
Inzwischen gar zu zart ist sie, das hat seine Richtigkeit.
Sie hat ungemein feine Haare, die so glänzend, wie Gold, sind. Vor einigen Monaten hat sie das Unglück, als sie sich kämmt, sich eines dieser Haare auszureißen. Es ist Schade um jedes dieser seidenen, goldgelben Haare. Allein der Verlust war dennoch bei weitem das geringste Übel; denn die arme Milly bekam über das Ausreißen jenes Haares einen dreimonatlichen —
Die zweite Silbe ist das allgemeine Erbteil der menschlichen Natur; die erste sprechen mir meine Freunde einstimmig ab, weil ich Milly Heiraten will
c).
Sie meinen, dergleichen sei auch gar zu arg. Allein was kann die arme Milly dafür, dass sie so überaus zart ist; und was ich, dass ich so töricht in sie verliebt bin?
Aber ein wenig arg ist es mit ihrer Zartheit, darin haben meine Freunde Recht.
Schon vor sechs Wochen sollte unsere Verbindung vollzogen werden. Am Vorabend des dazu angesetzten Tages komm ich zu ihr. Ganz bleich und an allen Gliedern zitternd sitzt sie in einem Armstuhl; an ihrer Seite ihre Mutter: vor ihr der Chirurgus auf den Knien, der ihren Fuß verbindet.
»O mein teuer Freund,« sagte sie mit matter Stimme, »ich werde wahrscheinlich nie die Deinige werden. Entweder wird der Schmerz dieser Wunde mich töten, oder es wird der Brand dazu schlagen, und ich werde sterben in der ersten Blüte meiner Jahre.«
Mein Schrecken lässt sich denken; und nicht weniger, als Milly selbst, zitterte ich vor dem tödlichen Brande, bis ich erfuhr, die ganze Wunde komme von einem
—
Kennt ihr das Ungeheuer, das mit unersättlichem Blutdurst vorzüglich die schönere Hälfte des menschlichen Geschlechtes verfolgt, und mit unersättlichem Blutdurst von ihr verfolgt wird. Fügt an seinen Namen noch den Namen einer vielberufenen Schauspielerin, und ihr habt die Ursache von Millys Wunde
d).
Noch ist sie nicht geheilt davon. Es ist arg; ich muss es eingestehen. Aber was kann die arme Milly dafür, dass sie gar so zart ist; und was ich, dass ich so töricht in sie verliebt bin?
Und darum — sobald sie geheilt ist, will ich mit ihr Hochzeit machen.