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Rätselgedichte, Rätselreime

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Rätselgedicht Nr. 4623

von Friedrich Kind

Palindrom

Fünf Zeichen hat die Sprache eng verbunden
Im Erdental, wie in der Geister Reichen;
Willst du den Sinn, willst du das Wort erkunden,
So musst du es dem Janushaupt vergleichen;
Nicht eher wird des zweiten Bild erfunden,
Es muss zuvor des ersten Dunkel weichen;
Was jenseits ist, das muss sich diesseits wenden;
Wo dieses anhebt, muss das andre enden.

Der Morgen winkt, und Aug' und Geist ist freier,
Vom kurzen Tod, dem süßen Schlaf, erwacht;
Die Lerche ruft zu herbstlichschöner Feier -
Doch was verbirgt mir meiner Taler Pracht?
Vom Himmel schwebt ein wunderbarer Schleier,
Und mit dem Lichte kämpft im Fliehn die Nacht;
Noch liegt Natur, statt Aug' und Geist zu laben,
Wie eingehüllt ins Totentuch, begraben.

Doch sieh! das erste wird zum Feuermeere
Und sinkt herab; die goldne Sonne siegt;
Das zweite hebt sich reich aus falber Leere -
Dort strömt der Fluss, auf dem ein Segel fliegt;
Der Jäger und der Schäfer grüßt die Hehre;
Die Mühle rauscht; der muntre Pflüger pflügt;
Dort auf der Straße zieh'n belad'ne Wagen
Zur reichen Stadt, wo stolze Türme ragen.

Und wechselnd in unzähligen Gestalten
Sieht man den Scherz und Gram, und Lust und Fleiß,
Im goldnen Licht sich reich und schön entfalten;
Kühl ist der Morgen, und der Mittag heiß;
Der Abend lässt der Farben Glanz erkalten,
Und enger zieht die Dämm'rung ihren Kreis;
Schon steigt das erste wieder aus den Gründen,
Und lässt des zweiten reges Bild verschwinden.

So birgt dem Geiste, was er ahn' und sehne,
Ein düstrer Vorhang die Vergangenheit;
Vor ihm entfaltet liegt nur eine Szene,
Die ihm ein unentwickelt Schauspiel beut;
Die Hoffnung nur, die lockende Sirene,
Singt ihm prophetisch von der künft'gen Zeit;
Bald sinkt das Diesseits in die tiefste Stille,
Und auf dem Jenseits ruht des zweiten Hülle.

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Nebel, Leben

Verweise

Palindrome, Kind