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Hermann Steinke

Über Hermann Steinke ist uns nur wenig bekannt.

 

Neues Rätselbuch

für Denker und Freunde geistiger Kunst

Im Verlag von Hoursch & Bechstedt, Köln, , 128 Seiten
Das Buch enthält ungefähr 250 Anagramme bzw. Umstell-Rätsel, Palindrome bzw. Rücklauf-Rätsel, Worträtsel, Scherzrätsel und Zahlenrätsel.
 

Über 1000 Rätsel

Rätsel und Sprachwunder aus alter und neuer Zeit

Im Verlag von F. A. Perthes, Gotha/Stuttgart, , 182 Seiten
Das Buch enthält eine Einleitung »Allgemeines über die Rätselkunst«. 120 Steigerungs-Rätsel, 238 Anagramme,  bzw. Umstell-Rätsel, 88 Palindrome bzw. Rücklauf-Rätsel sowie 132 Worträtsel, Scherzrätsel und Zahlenrätsel.

Im Vorwort gibt der Steinke an, dass alle Rätsel aus seinem ersten Buch in diesem enthalten seien.

 

Verfasser

Alle Rätsel sind ohne Verfasserangabe – wir haben für Rätsel, die wird nirgendwo sonst gefunden haben, Steinke selbst der Verfasser angenommen. Diese Annahme wird dadurch gestützt, dass die Zahl dieser Rätsel zu groß ist, als dass wir sie sonstwo übersehen hätten.

Als Verfasser von »Neues Rätselbuch« G. A. Hermann angegeben; in seinem zweiten Buch »Über 1000 Rätsel« gibt Hermann Steinke an, dass dies ein Pseudonym von ihm sei.

Im »Central-Blatt für das Deutsche Reich« vom 19.12.1902 findet sich die Notiz: »Dem Konsul der Republik Chile, Hermann Steinke in Halle a. S. ist Namens des Reichs das Exequatur ertheilt worden.« Das Vorwort von »Über 1000 Rätsel« ist mit »Hermann Steinke, Konsul a. D.« unterzeichnet.

Um 1860 lebte Steinke offenbar in Prenzlau [Wikipedia] und war vielleicht 10 Jahre alt (»in frühester Jugendzeit«), ist vielleicht dort geboren.

Über Steinkes Rätsel

Unsere Zählung ergibt 578 Rätsel in Über 1000 Rätsel. Dies ist der seltsamen Zählung Steinkes geschuldet, der teilweise Lösungswörter zählt und nicht Rätsel (ein Rätsel mit der Lösung »Regen, Neger« wird doppelt gezählt).

Steinkes Buch Über 1000 Rätsel enthält auch Rätsel, die nicht zu unserer Sammlung passen, beispielsweise Zahlenrätsel und mathematische Aufgaben. Auch palindromische Geschichten sind darin zu finden. Diese Texte haben wir nicht übernommen, daher gibt es hier bei uns nur ca. 320 Rätsel.

Steinkes Klassifikation der Rätsel stimmt nicht immer mit der unsrigen überein; ein »Worträtsel« bei Steinke kann durchaus eine Scharade oder ein Logogriph sein.

Steinkes Steigerungsrätsel sind nur annähernd das, was wir und andere Klassiker darunter verstehen: Mai gesteigert ist Maier, Fisch gesteigert ist Fischer, Kamm gesteigert ist Kammer, usw. Bei Steinke liest sich das so: Maß-Masse-Maßen oder Es-Esse-Essen. Von einer »Steigerung« ist da nicht viel zu sehen. Wir haben diese Rätsel als »Worträtsel mit 3 Lösungswörtern« klassifiziert.

Rätsel von Hermann Steinke

Falls Sie Javascript aktiviert haben, können Sie die folgende Tabelle sortieren, indem Sie auf eine Spaltenüberschrift klicken.

Nr. Erste Zeilen des Rätsels Ref.
4404 Das Wort mit »e«: Wir sind neun Brüder; Das Wort mit R-48
4436 Wäge deine Worte, klug an jedem Orte, Denn durch R-35
4452 Ich bin nur ein Nichts, ein Spalt, eine Lücke, Doch stell' R-07
4468 Mit eins bezahlt man zwei zuweilen, Drum sollst beim P-33
4475 Willst du die ganze Welt umfassen, Nennst du wohl P-10
4483 Steigt das erste aus den Essen, Ist es Zeit zum A-71
4491 Das Erste ist ein prächt'ger Fisch, Er schmeckt A-53
4507 Vorwärts bin ich zum Verschließen, Hinter mir P-18
4529 Man setzt es auf, um weit zu schau'n, Man setzt sich R-30
4536 Das Erste sieh durch Welschland fließen, Dann kommt R-61
4557 Das erste eine Schweizer Stadt, Berühmt durch ihre R-41
4562 Ich bin stets was Besonderes gewesen, Der Mensch P-34
4573 Das erste ist ein alter Mann, Auch wenn in seinem A-64
4594 Ich bin ein reicher Mann, Fing früh zu sparen an; Sitz' P-02
5408 Das erste bringt der Fischer Aus tiefem Meer ans Licht, A-75
5424 Das erste war des Noah Sohn, Du kennst ihn aus der R-21
5437 Das Ganze niemals teilbar ist, So soll es sein bei P-07
5450 Stellst du zur Acht die zweite acht, Und glaubst du, R-24
5466 Wer raubt den Vögeln ihr Gefieder Und wird genau so R-58
5471 Eins will ein jeder werden, Doch keiner mag es sein; A-59
5499 Willst du geteilt das Wort erst schreiben, So denke an R-14
5507 Von vorn ist's ein französischer Minister, Von hinten P-49
5528 Ein Baum, anscheinend unbelaubt, Ragt weithin über R-43
5531 Wer auf mein schönes Grün noch sieht, Dem steht P-26
5544 Was dir zum Husten Anlass gibt, Man oft an jungen P-24
5555 Das erste ist ein Nagetier Und schadet sehr im A-44
5569 Von vorn ist's eine Eigenschaft, Die zwar nicht schön P-50
5576 Im ersten liegt Wahrheit, Im »zweiten« viel Lust, S-15
5585 Als männlich Wort im Singular Ist's ein Gemüse, gar R-66
6007 Wenn du die Zahl erraten hast, Die gleich dem ersten S-10
6039 Das erste macht man mit dem Messer, Man trinkt's S-53
6055 Das Erste, eine Stadt im Osten, Die nahe Grenze sicher A-59
6073 Das erste dreht so lange sich, Bis dass es festgelaufen S-114
6096 Im ersten Wort kannst du viel Schönes lesen, Was S-33
6104 Das erste in den Lüften schwebt, In Wappen wird es S-63
6118 Eins wird von Fürsten zwar erstrebt, Doch hat in diesen S-47
6149 Das erste ist ein Zeichen Im deutschen Alphabet, R-57
6155 Von vorn es häufig uns entflammt, Weil die Musik P-46
6171 Das erste ist ein großer Fluss, Den wohl ein jeder R-23

Nr. ist die Nummer des Rätsels bei uns;

Ref. ist die Nummer des Rätsels in Über 1000 Rätsel von 1924. Die Rätsel sind Kapitelweise nummeriert: Snn (Steigerungsrätsel), Ann (Anagramme), Pnn (Palindrome), Rnn (Wort-, Scherz- und Zahlen-Rätsel).

Anmerkung: Die Klassifizierung der Rätsel durch Steinke stimmt oft nicht mit der unseren überein; aus den Kapitel-Buchstaben (S, A, P,  R) kann mal also nur bedingt auf die Rätselart schließen.

Vorwort

aus: »Über 1000 Rätsel«, 1924

Während des Weltkrieges habe ich vor etwa acht Jahren unter meinem Vornamen »G. A. Hermann« ein kleines »Rätselbuch für Denker« in der ausgesprochenen Absicht drucken lassen, unseren braven Feldgrauen in den Schützengräben eine Weihnachtsfreude damit zu bereiten. Mir scheint dies auch gelungen zu sein, denn durch die Dankschreiben des damaligen Kriegsministers und der zuständigen Behörden, die das Geschenk von mir übernommen hatten, wurde es mir wiederholt zum Ausdruck gebracht.

Aber auch in anderen Kreisen scheint das kleine Buch Beifall gefunden zu haben, wie mir häufige Anerkennungen und Anregungen von Rätselfreunden bestätigten. Im Vertrauen auf diesen Erfolg trete ich nunmehr mit einem größeren Werk unter dem Titel »Über tausend Rätsel, Rätsel und Sprachwunder aus alter und neuer Zeit«, an die Öffentlichkeit.

Ich habe den Inhalt meines ersten Buches zeitgemäß umgestaltet und die Zahl der Rätsel weit über das Doppelte vermehrt, sodass unter Berücksichtigung der Steigerungs-Rätsel, welche dreifach zu zählen sind, der vielen Palindrome in den kleinen Erzählungen Nr. 79–85 und der Ketten-Palindrome Nr. 86–88, deren Wörter stets einzeln erraten werden müssen, die Anzahl sämtlicher Rätsel weit über tausend hinausgeht. (Selbst wenn man die häufig notwendige Wiederholung einzelner Palindrom-Wörter in den oben erwähnten Gesprächen berücksichtigt.)

Was den Gesamtinhalt meines Buches anbetrifft, so möchte ich gleich vorweg bemerken, das dasselbe in erster Linie für Erwachsene und die reifere Jugend bestimmt ist und sich deshalb zu Gelegenheitsgeschenken an diese ganz besonders eignet; denn es bietet zunächst in Teil I eine gedrängte Geschichte der uralten Rätselkunst bis auf unsere Tage und beleuchtet in kurzen Vorworten zu den Einzelabschnitten die verschiedenen Rätselarten, hauptsächlich Anagramme und Palindrome, durch besonders interessante Beispiele aus den alten und neuen Sprachen. Der überwiegend in die poetische Form gekleidete Inhalt umfasst ferner eine Fülle, vielfach neuer und gut pointierter Steigerungs-, Wort-, Scherz- und Zahlen-Rätsel, alles in allem: Dies Buch ist nicht nur zur Förderung der Denkfähigkeit und des Scharfsinns Gleichgestimmter, sondern auch zur geistigen Beschäftigung für Einsame, Kranke und vornehme Geselligkeit besonders geeignet. Daher bildet es einen Hausschatz für jede gebildete Familie und es gibt wohl kaum einen besseren Reisebegleiter. Eine langjährige, ernste Arbeit findet hiermit ihren Abschluss und ich hoffe umso mehr auf eine beifällige Aufnahme meines Buches, als Rätselerraten jetzt wieder in Mode gekommen ist.

Hermann Steinke
Konsul a. D.

Allgemeines über die Rätselkunst

aus: »Über 1000 Rätsel«, 1924

Im weiteren sei bemerkt: In der Biologie zur Rätselkunst regiert überall »Klio« die ernste Muse der Geschichte, deren Name selbst ein Anagramm (Klio = Kilo), sogar dem Sinne nach ist, während das Buch des Verfassers »rato«, die Muse der leichten Lyrik und Plaudereien beherrschen soll.

Wenn es diesem in manchen Fällen nicht gelungen ist, den Ursprung legendärer Rätsel zu ermitteln und falls er einmal ohne jede Absicht es unterlassen haben sollte, den noch lebenden, ihm natürlich unbekannten Verfasser eines Rätsels zu nennen, so soll dieser nicht darüber schelten; bei einer späteren Neuauflage dieses Buches wird seinen Wünschen gern Rechnung getragen werden und jeder brauchbare Beitrag dazu soll dann herzlich willkommen sein.

Dies alles vorausgeschickt, wird sich der Verfasser trotzdem bemühen, im Nachstehenden einen kurzen Abriss aus der Geschichte der alten und neuen Rätselkunst seinen Lesern vor Augen zu führen:

Wie bereits oben erwähnt, geht die alte und edle Kunst des Rätselaufgebens und -erratens bis in die Veden zurück, und wer die Bibel, das Buch der Bücher, genau kennt oder auch nur oberflächlich durchforscht, wird zugeben müssen, dass darin so manche, wenn auch äußerlich nicht gleich erkennbare Rätsel enthalten sind.

Die ganze Schöpfungsgeschichte ist ja schon ein Rätsel für denjenigen, der nicht blind daran glaubt, und was sind unser Planet, auf dem wir unsere Tage verbringen, und die Sonnensysteme der Welt weiter? Nur, um ein Beispiel aus der Bibel zu geben: Jeder, der in der Schule Religionsunterricht genossen hat, wird sich gewiss noch an den Traum des Pharao von Ägypten von den sieben fetten und sieben mageren Kühen erinnern und die Deutung desselben durch Joseph ist schon als eine gute Rätsellösung anzusprechen. Wer über den Rahmen dieses Werkes hinaus sonst noch in der Bibel nach Rätseln forschen will, dem sei die Prophetie im Alten und die Evangelien im Neuen Testament empfohlen, die voller Rätsel sind, wenn sie auch nicht die heute verlangte Form haben. Nach alledem ist es wohl als erwiesen anzusehen, dass die uralte Kunst des Rätselaufgebens und -erratens aus dem Morgenlande, dem »Eden« der Bibel stammt. Dieser Name ist ebenfalls ein Anagramm und wer abergläubisch ist, mag darin schon das »Ende« mit Schrecken für Adam und Eva im Paradiese erblicken; denn Eden und Ende enthalten genau die gleichen Schriftzeichen (vgl. Teil III, Anagramm Nr. 11).

Im Lande der alten Perser und Griechen war die Rätselkunst in der Form von Orakelsprüchen der Priester und Priesterinnen, an welche die Fragen — meist solchen nach dem Schicksal des Betreffenden — gerichtet wurden, schon stark verbreitet.

Besonders berühmt waren die Sprüche der Pythia in Delphi, von denen sich manche bis auf unsere Zeit erhalten haben. Z. B. die Antwort auf die Frage des Perserkönigs Darius, ob er den Krieg mit Alexander dem Großen wohl gewinnen würde.

Bekanntlich lautete dieselbe: »Wenn Du über den Halys (Grenzfluss der beiden Reiche) gehst, wirst du ein großes Reich zerstören.«

Diesen rätselhaften Spruch hatte Darius natürlich zu seinem Gunsten ausgelegt, während er bald darauf durch den unglücklichen Feldzug gegen Alexander nicht nur sein Land, sondern später auch sein Leben verlor.

Auch das bekannte Rätsel: »Es ist nicht mein Bruder, auch nicht meine Schwester und doch meiner Mutter Kind« (Lösung: Ich selbst) soll von dem berühmten griechischen Seher Kalchas aus Mykene stammen, der nach Homer (Ilias I, 70) erkannte: »Was zuvor war, was ist und was sein wird.« Ferner hängt die Sage der »Sphinx« mit einem Rätsel zusammen. Nach der Mythologie war die Sphinx eine Tochter des Typhaon und der Schlange Echidna, und ein dämonisches Weib mit einem Löwenleib. Sie erschien ganz plötzlich in der Nähe von Theben und tötete jeden, der nicht ihr Rätsel: »Was ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig und am Abend dreifüßig« zu lösen vermochte.

Ödipus erriet, dass damit der Mensch gemeint sei, der zuerst als Kind auf Händen und Füßen kriecht und als Greis zuletzt den Stock zu Hilfe nimmt. Darauf soll sich die Sphinx von einem hohen Felsen herabgestürzt und Ödipus nun die Alleinherrschaft in Theben erlangt haben.

Rätsel waren im alten Griechenlande stets auch die Hauptwürze der sogenannten Symposien (Trinkgelage), und griechische Dichter mischten dabei gern rätselhafte Sinnsprüche in ihre Verse hinein. Sie schufen ferner in Alexandrinischer Zeit viele Rätselgedichte, wie sie uns z. B. Athenäus mitteilt.

Von den Römern ist bekannt geworden, dass sie in ältester Zeit den Rätseln keine Vorliebe abgewinnen konnten. Dies ist eigentlich sonderbar, denn, wie im dritten Teil dieses Buches nachgewiesen werden soll, hat sich ihre Sprache, hauptsächlich für die sogenannten Anagramme (Umstellrätsel) und Palindrome (Rücklaufrätsel), viel besser geeignet, als z. B. unsere deutsche Muttersprache.

Doch werden wir später noch ausführlich darauf zurückkommen. Die spätere Kaiserzeit fand schon mehr Geschmack an Rätseln, wie solche dann dem Mittelalter überliefert und von den Mönchen überall weitergepflegt wurden Bei den germanischen Stämmen war dagegen das Rätsel schon zur ältesten Zeit beliebt; darauf deuten hin: die altnordische und angelsächsische Literatur und die Rätsel des Exeterbuchs. Die mittelhochdeutsche Dichtung bietet uns als Beläge: den Wettstreit im Wartburgkriege, dem einhalb-dramatisches Streit- und Rätselgedicht aus dem 13. Jahrhundert zugrunde liegt, sowie das Lied des Traugemund.

Das 14. und 15. Jahrhundert bringt sodann u. a. die gelehrten allegorischen Rätsel des Meistergesanges und die obszönen Fastnachtsspiegel von Freihart. Vieles davon lebt noch heute im Volksmunde in mehr oder weniger guten Rätseln fort.

Als ein sinnreiches Beispiel aus jener fernen Zeit möge folgendes Rätsel, dessen Lösung »Eis, Sonne und Wind« ist, dem Leser dienen:

Es geht eine Brücke über den Bach,
Sie ist bewirkt in einer Nacht,
Kein König hätt' das je erdacht!
Kommen zwei die Brücke brechen,
Konnten beide kein Wort sprechen,
Den einen sah man, hört ihn nicht,
Den anderen hört man, sah ihn nicht.

Aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind nicht viele Rätsel auf unsere Zeit überkommen; in den langen Kriegswirren jener Jahrhunderte ist sicher viel derbe Rätselpoesie zugrunde gegangen, aber die Weidsprüche und Jägerschreie um 1700, von Mönchen aufgezeichnet, sind uns erhalten geblieben. Nachfolgend einige Proben dieser merkwürdigen Rätselform:

Höre Weidmann, kannst du mir sagen,
Wer hat den edlen Hirsch vor Sonne
Und Mond über den Weg getragen?
Wie kann er über den Weg sein kommen,
Hat ihn weder Sonne noch Mond vernommen?
Das kann ich dir ja sagen schon:
Die liebste Mutter ganz allein
Trug den edlen Hirsch über den Weg
Und in den Wald hinein.

Jo, ho, ho, mein lieber Weidmann,
Wo hat der edle Hirsch seinen ersten Sprung getan?
Jo, ho, ho, mein lieber Weidmann,
Das will ich dir wohl sagen an:
Aus Mutterleib ins grüne Gras,
Das dem edlen Hirsch sein erster Sprung waß.

Weidmann, lieber Weidmann sag'
Was hat der edle Hirsch vernommen,
Wie er hochwacht von seiner Mutter Leib gekommen?
Das will ich dir wohl sagen: den Tag und Sonnenschein
Hat er vernommen fein, und auf einer
Grünen Heide, hat er vernommen seine Weide.

Weidmann, lieber, sag' mir auch an:
Was hat der edle Hirsch am fließenden Wasser getan?
Er tat einen frischen Trunk,
Davon wurd' sein junges Herz gesund.

Lieber Weidmann sag' mir auch an:
Was hat der edle Hirsch zu Feld' getan?
Er hat gerungen und gesprungen
Und hat die Weid' zu sich genommen
Und ist dann wieder gen Holz gekommen.

Weidmann, lieber Weidmann, hübsch und fein:
Was gehet hochwacht vor dem edlen Hirsch
Von den Feldern und Auen gen Holze ein?
Das kann ich dir wohl sagen:
Der helle Morgenstern, der Schatten und der Atem sein
Gehet vor dem Hirsch gen Holze ein.

Weidmann, lieber Weidmann, hübsch und fein
Sag mir: wann mag der edle Hirsch
Am besten gesund wohl sein?
Das kann ich dir wohl sagen für:
Wann die Jäger sitzen und trinken Bier und Wein,
Pflegt der Hirsch am allergesündesten zu sein.

Lieber Jäger jung, tu mir kund:
Was macht den edlen Hirsch wund
Und den Jäger gesund?
Der Jäger und sein Leithund
Machen den edlen Hirsch wund,
Und eine schöne Jungfrau macht den Jäger gesund.

Sag an mein lieber Weidmann:
Wie spricht der Wolf den edlen Hirsch im Winter an?
Wohl auf, wohl auf, du dürrer Knab'
Du musst in meinen Magen hinab!
So will ich dich wohl durch den rauen Wald tragen!

Aus dem 18. Jahrhundert stammt augenscheinlich ein Rätsel, das der alte Fritz gemacht haben soll; denn ich erinnere mich aus meiner frühen Jugendzeit um 1860, dass mein Großvater, mütterlicherseits, mir in Prenzlau, meiner Geburtsstadt, von diesem Soldatenkönig die folgende niedliche Rätselgeschichte erzählte:

Alljährlich im Frieden kam der alte Fritz zur Besichtigung seines 8. Infanterie-Regiments nach dessen Garnison in Prenzlau. Er wohnte dort immer in der Schwanen-Apotheke, wo heute noch eine Gedenktafel an diese Besuche erinnert. Auf einem Marsch nach Pasewalk, wo er sein Leibregiment Nr. 8 (zuletzt stand es in Frankfurt a. 0.) gewöhnlich mit den dortigen Kürassieren manövrieren ließ, kam er auch durch das Dorf Blindow und musste dort sein Pferd in der Schmiede wechseln, weil es lahm geworden war. An dieser hatte der Dorfschmied, ein uckermärkisches Original, ein Schild mit der Inschrift anbringen lassen: »Ich lebe ohne Sorgen.« Dies ärgerte den alten Fritz, weil er darin eine Persiflage auf sein soeben erst fertig gewordenes Schloss »Sanssouci« bei Potsdam vermutete. Um jedoch die Intelligenz des Dorfschmieds erst zu prüfen, gab er ihm als Strafe für die frivole Inschrift folgendes Rätsel auf: »Wie viel Eier legt im Jahr die blaue Gans (Bauerngans); wie viele brütet sie aus und wie oft frisst sie im Jahre?« Nach einem Jahre käme er, der König, wieder, und wenn der Schmied das Rätsel bis dahin nicht richtig erraten haben würde, so ginge es bei ihm um Haus und Hof, damit er auch einmal die Sorge kennen lerne.

Der alte Fritz ritt dann weiter und trifft alsbald den Dorfschulmeister; er möchte auch dessen Intelligenz einmal erproben und gibt ihm, nach einer kurzen Unterhaltung über die Dorfschulverhältnisse in der Uckermark, dann das gleiche Rätsel auf. Nach einigem Besinnen sagt der Schulmeister: »Majestät, die blaue Gans legt bei uns 12 Eier — das sind die 12 Monate im Jahr — 52 Eier brütet sie aus — das sind die 52 Wochen — und sie frisst den ganzen Tag, also 365 mal im Jahre —, das sind die 365 Kalendertage.« Dem König gefiel diese Antwort sehr gut, aber der Schulmeister musste ihm beim Abschied doch auf Handschlag versprechen, dass er die Rätsellösung keinem Menschen verraten wolle, bevor er den König nicht 365mal gesehen hätte; das sollte so viel heißen als überhaupt nicht; dann entließ er den Schulmeister sehr gnädig und schenkte ihm einen schönen neuen Silbertaler mit seinem Bildnis.

Der Dorfschmied hatte inzwischen schon vergeblich versucht, die Lösung des Rätsels zu erforschen. Daher ging er am nächsten Tage zum Schulmeister und bat ihn unter Mitteilung seiner Unterhaltung mit dem König, ihm doch in seiner Not zu helfen.

Darauf erzählte der Schulmeister ebenfalls sein Erlebnis mit dem König, und dass er ihm habe versprechen müssen, die Rätsellösung nicht früher bekannt zu geben, als bis er ihn 365 mal gesehen hätte und das würde er wohl kaum erleben.

Da sagte der bauernschlaue Dorfschmied: »Gevatter, daför wüßt' ick Roat: wenn du mi verspräkst, den Silverdoaler vom ollen Fritz jeden Dag im Joar to bekieken, hest du em Woart hollen, un du kriekst von mi för de Rätsellösung gliek eenen groaten Schinken, teen Pund Schmeer un Broad so fäl, as du jeden Dag eten makst.«

Der Schulmeister ging auch auf diesen vorteilhaften Handel ein, und als der König, fast auf den Tag, im nächsten Jahr wieder durch Blindow kam und von dem Schmied nicht nur die richtige Rätsellösung, sondern auch dessen Handel mit dem Schulmeister erfahren hatte, soll er herzlich gelacht und beiden zum Andenken je einen weiteren Silbertaler geschenkt haben.

In neuerer Zeit wurde es dann Sitte, Rätsel in poetischer Form erscheinen zu lassen, wie uns z. B. in Bürgers schönem Gedicht »Der Kaiser und der Abt« drei prächtige alte Volksrätsel überliefert worden sind.

Ausgezeichnet sind auch die durch die »Turandot« veranlassten Rätsel unseres Dichterfürsten Schiller, der in künstlerisch schöner Einkleidung die einzelnen Merkmale darin zu einem anschaulichen Ganzen verband und ich glaube, den Rahmen dieses Buches nicht zu überschreiten, wenn ich, in Anbetracht der Bedeutung Schillers, an dieser Stelle sein »Blitz«-Rätsel zitiere, das sogar ein Goethe, obwohl er im allgemeinen für Rätsel nicht viel übrig hatte und trotzdem er ersteres als »Fehler« für eine Scharfsinnprobe empfand, doch sehr schön und von hohem Eindruck bezeichnet hat:

Unter allen Schlangen ist eine,
Auf Erden nicht gezeugt,
Mit der an Schnelle keine
An Wut sich keine vergleicht.
Sie stürzt mit furchtbarer Stimme
Auf ihren Raub sich los,
Vertilgt in einem Grimme
Den Reiter und das Ross.
Sie liebt die höchsten Spitzen,
Nicht Schloss, nicht Riegel kann,
Vor ihrem Anfall schützen,
Der Harnisch — lockt sie an.
Sie bricht, wie dünne Halmen
Den stärksten Baum entzwei,
Sie kann das Erz zermalmen
Wie dicht und fest es sei.
Und dieses Ungeheuer
Hat zweimal nie gedroht,
Es stirbt im eignen Feuer
Wie's tötet ist es tot.

Auch ein Rätselgedicht, das Theodor Körner an die von ihm hochverehrte Prinzessin Marie Luise, Pauline von Hohenzollern-Hechingen gerichtet hat und damals Aufsehen erregte, möge als ein Zeichen der Denkungsart über Rätselpoesie in jener Zeitepoche hier seinen Platz finden:

Was ist oft im Schädel der Sophisten,
Die sich mit hoher Götterweisheit brüsten,
Als könnten sie des Lichtes Urquell schaun?
Was ist der Kern so mancher Lust des Lebens,
So manchen, stolzen, mühevollen Strebens?
Die erste Silbe wird es dir vertraun!

Doch was die zweite Silbe dir verkündet,
Kalt steht es da, wenn Alles steigt und fällt!
Nur der Natur geheimes Walten
Wird es dem Forscher oft entfalten,
Als stummer Zeuge der vergang'nen Welt.

Auf Felsenhöhn thront dein stolzes Ganze,
Blickt freundlich nach des Flusses Silberglanze
Und in des Thaies Zauberduft hinein;
Doch Schön'res noch, als all der Reiz der Fluren,
Zwei holde Wesen höherer Naturen,
Schließt es beglückt in seine Mauern ein.

Ach! da ist all der Liebreiz schöner Seelen
Und Stimmen, wie das Lied von Philomelen
Vereinigt mit der zartesten Gestalt.
Und alles beugt das Knie zu Huldigungen,
Wie jedes Herz, von süßer Macht bezwungen,
Erkennt der Schönheit heilige Gewalt.

Die Lösung ist: »Hohlstein« das Schloss der Prinzessin bei Löwenberg in Sohlesien.

Mehr auf Scherz oder auf Laune laufen die Rätsel von Hebel, Mezger, Schleiermacher u. a. hinaus, von denen der letztere besonders solche bevorzugte, die eine mehrfache Bedeutung ein und desselben Wortes hatten, z. B.

Ein jeder hat's,
im Grabe ruht's,
Der Herr befiehlt's
der Kutscher tut's.

(Lösung: Vorfahren)

Die geistreiche Form solcher Rätsel brachte es mit sich, dass man sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts in allen besseren Gesellschaften und bei Hofe nach Tisch durch Rätselerraten unterhielt und bekanntlich hat auch Friedrich Wilhelm IV. damals viele gute Rätsel selbst verfasst. Sein originellstes ist jedenfalls ein Rätsel gewesen, das er z. Zt. des Kongresses in Wien gemacht hat, wo er sich als Kronprinz mit seinem Vater, Friedrich Wilhelm III., längere Zeit besuchsweise aufhielt. Als nämlich nach damaliger Sitte jemand aus der Hofgesellschaft nach dem Abendessen in zwangloser Unterhaltung den Vorschlag gegenseitigen Rätselaufgebens gemacht und Kaiser Franz I. dem zugestimmt hatte, sollte letzterer natürlich auch zuerst anfangen. Er fand aber so schnell keins und sagte darauf in seiner kurzen Art: »Mir fällt halt nix ein, weiter!« Dies hatte sich der Kronprinz gemerkt und als nun an ihn die Reihe kam, gab er das Rätsel auf: »Wer ist der größte Baumeister der Welt?« — Viele rieten, selbst der Kaiser, aber nichts sollte zutreffend sein. Nach dessen Aufforderung, die Lösung doch zu nennen, sagte der Kronprinz: »Das ist seine Majestät der Kaiser Franz selbst, denn dem fällt ja nichts ein.« Drei Tage Stubenarrest, die ihm sein Vater für diesen allerdings gewagten Scherz zudiktierte, waren der Lohn für dies immerhin sehr geistreiche Wortspiel.

Von demselben Prinzen, nachdem er im Jahre 1840, als Friedrich Wilhelm IV. den Königsthron von Preußen bestiegen hatte und dem Herzog Bernhard, Erich, Freund von Sachsen-Meiningen, der schon als dreijähriger Knabe unter der Vormundschaft seiner klugen Mutter, Luise Leonore geb. Prinzessin von Hohenlohe-Langenburg 1803 zur Regierung gelangte, erzählt man sich weiter folgende niedliche Rätselgeschichte:

Der Herzog Bernhard, der übrigens im Jahre 1866 wegen seines Anschlusses an Österreich — im Kriege mit Preußen — abdanken musste, war zeitlebens ein ebenso eifriger Verehrer Deutscher Rätselkunst, wie König Friedrich Wilhelm IV., er pflegte seinen Verwandten und Herrschaften, mit denen er zuerst in Berührung kam, fast regelmäßig zwei von ihm selbst verfasste Rätselfragen vorzulegen und wiederholte sich dabei häufig. Sie lauteten:

1. Was würden Sie wohl tun, wenn Sie ein Zahnarzt wären?
2. Was würden Sie aber tun, wenn Sie ein Taucher wären ?

Die richtigen Antworten darauf sollten dann sein:

1. Ich würde zuerst den Zahn der Zeit ausziehn und
2. Ich würde in das Meer der Vergessenheit tauchen. —

Nun wurde nach dem Antritt der Regierung durch Friedrich Wilhelm IV. in Preußen, auch der Herzog Bernhard von Meiningen von dem König eingeladen und glaubte ersterer diesem, anlässlich einer Hoffestlichkeit, die der König ihm zu Ehren veranstaltet hatte, imponieren zu können, indem er seine beiden Rätselfragen vorbrächte. Der König war aber schon durch seinen Flügeladjutanten über diese Gewohnheits-Rätsel informiert und als der Herzog nach den üblichen Tischreden, in zwangloser Unterhaltung anhub:

Gestatten mir Ew. Majestät wohl die scherzhafte Frage: »Was würden Ew. Majestät wohl tun, wenn Sie ein Zahnarzt wären?« antwortete der König schlagfertig: »Hoheit! Ich würde in das Meer der Vergessenheit tauchen!«

Als diese Antwort, soweit es die Hofsitte gestattete, eine allgemeine Heiterkeit auslöste und dadurch der Herzog unangenehm berührt schien, setzte der König schnell noch hinzu: »Selbstverständlich erst, nachdem ich den Zahn der Zeit ausgezogen hätte.« Da auf den vorherigen Wink des Königs jetzt alles ernst blieb, lächelte allein der Herzog und sagte beifällig zum König:

»Ew. Majestät! Ich gratuliere zu Ihrem Rätselgenie, denn eine so geistreiche Antwort auf meine Rätselfrage habe ich noch nie erhalten!« Seine zweite Frage unterdrückte er aber und beide schieden dann als die besten Freunde. —

Auch der 1804 zur Regierung gelangte Herzog von Sachsen-Coburg-Altenburg, Emil August, das größte Original seiner Zeit, der sich in Kleidung und Umgang stets feminin zu geben liebte, hatte eine besondere Vorliebe für scherzhafte Rätsel, die manchmal allerdings sehr anstößig oder verletzend waren. Nachfolgende zwei besonders charakteristische von ihm: Seinem Kammerherrn von Seebach gab er das Rätsel auf; Was ist das? »Die erste Silbe ist ein großes Wasser, die zweite Silbe ist ein kleines Wasser und das Ganze ist doch unbeschreiblich trocken?« Nach langem Raten sagte er ihm: »Das sind Sie selbst, Herr von Seebach!«

Und eine wenig begüterte, hässliche Hofdame vom ältesten Adel fragte er einst zum Entsetzen aller Anwesenden: Gnädiges Fräulein, was mag das wohl sein? »Das erste haben Sie nicht, das zweite sind Sie nicht, aber das Ganze hat die Farbe Ihres Teints?« Keiner erriet es, und zum großen Gelächter des Hofes gab der Herzog dann selbst die Lösung: Orange (Or-ange).

Schließlich möge auch noch eines Scherzrätsels des früheren Kaisers Wilhelm H. gedacht werden, das er nach den Erinnerungen des k. k. österreichisch-ungarischen Militärbevollmächtigten in Berlin, Grafen Joseph Stürgkh, dem Prinzen Heinrich auf einer Fahrt nach Jüterbog im Beisein von Kaiser Franz Joseph I. aufgegeben hatte. Seiner impulsiven Art entsprechend fragte der Kaiser plötzlich seinen Bruder: »Sage mal, Heinrich, wie wird man am leichtesten seine Schwiegermutter los?« Verschiedene Lösungen sollten nicht die richtigen sein und daher gab sie Wilhelm II. bald selbst: »Man schenkt ihr einen Teppich und dann geht sie drauf.«

Alles lachte darüber, nur Kaiser Franz Joseph nicht, der dies Rätsel später, gegenüber dem Grafen Stürgkh als wenig geschmackvoll bezeichnete, zumal der Kaiser damals noch nicht einmal die äußerliche Trauer um seine verstorbene Schwiegermutter, die Herzogin Adelheid von Schleswig-Holstein abgelegt hatte.

In allerneuester Zeit ist man schließlich dazu übergegangen, sogenannte Steigerungsrätsel zu bilden, z. B. Hoch — Höhe — Höchst (Aufgabe siehe unter Nr. 1).

Ein solches Rätsel enthält eigentlich gleich drei; wenn man aber eins davon gefunden hat, so ergeben sich die anderen meistens von selbst.

Wenngleich nun derartige Wörter bei uns nicht gerade häufig sind, so hat es sich der Verfasser dieses Buches doch zur Aufgabe gestellt, zuerst nach neuen Steigerungsrätseln mit möglichst zeitgemäßem Inhalt zu suchen; dann aber, und zwar im Anschluss daran, auch noch eine Anzahl der im Vorwort bereits erwähnten interessanten Anagramme und Palindrome der alten und neuen Zeit zu bringen, von denen die meisten von ihm selbst verfasst worden sind. Das gleiche gilt von den Wort-, Scherz- und Zahlenrätseln.

Ausführliches über diese Rätselarten finden die Leser in den kurzen Vorworten, die den Teilen III—V noch vorausgestellt worden sind. Mit den oben angeführten Steigerungsrätseln soll nunmehr die Reihenfolge begonnen werden.

Der Verfasser.

Über Anagramme

Anagramme sind Umstell-Rätsel aus zwei verschiedenen Wörtern bestehend, von denen das eine in dem anderen enthalten ist, z. B. Streit-Triest, Garn-Rang, Klio-Kilo, Baal-Alba usw., oder Wortsätze, die aber ziemlich schwer zu finden sind, wie: The heran-Theheran, Ach ne Sie-Eisenach u. a. m. Selbstredend müssen die Buchstaben, wegen des Versmaßes, auch häufig „Zeichen" genannt, in allen Fällen gegeneinander aufgehen, so dass keiner übrig bleibt.

Bei den Anagrammen in Reimen (Nr. 1—76) handelt es sich immer nur um zwei verschiedene Wörter; es ist zu empfehlen, zunächst das erste von ihnen zu suchen, weil das zweite dann leichter zu erraten ist, aber man kann auch umgekehrt verfahren.

Bei den Wortsätzen (Nr. 77—102) sind die Buchstaben für die gesuchten Wörter aus den Aufgaben zu entnehmen, keiner darf übrig bleiben, wie nochmals betont werden soll. Dasselbe gilt natürlich auch für die wahllos zusammengestellten Anagramme von Ländern, Städten, Flüssen, Inseln und Gebirgen (Nr. 103 bis 189), nur braucht man sich hier nicht an die Reihenfolge zu halten, sondern man kann sich jederzeit davon ein beliebiges Wort, das gerade gefällt, heraussuchen, da es sich immer nur um ein bestimmtes Gegenwort handelt.

Neu von mir aufgenommen sind die sogenannten Doppel-Anagramme (Nr. 190—233). Diese bestehen aus mindestens drei oder mehr verschiedenen Wörtern, deren gleiche Buchstaben in jedem Gegenwort genau enthalten sind.

Demgemäß sollen aus den, am Kopfe dieser Anagramme stehenden Einzel-Buchstaben, verschiedene Wörter gebildet werden, deren Inhalt darunter angedeutet ist.

Wie schon in der Vorrede gesagt, ist leider die deutsche Sprache für sinnvolle Anagramme in Wortsätzen weniger geeignet, wie z. B. die Romanischen Sprachen, besonders aber die Lateinische. Dies beweisen u. a. Wörter, wie: nemo, mala, amor, mora und viele andere, besonders das unter Nr. 238 behandelte, siebenfache Anagramm »Domus Lescinia« von Jablonsky.

Auch die französische und englische Sprache enthält häufig ausgezeichnete Anagramme in Wortsätzen, z. B.

»Revolution francaise«,

worin sogar zwei Wortsätze enthalten sind, nämlich:

»Un corse vote la finira« und
»La Erance veut son roi«,

und in dem englischen Satz

»Milan made only nice mail«

befinden sich — Milan heißt im Englischen auch Mailand —:

eine Stadt in Italien (Mailand)
eine Stadt in Holland (Edam)
eine Stadt in Peru (Lima)
zwei Städte in Frankreich (Lyon und Nizza).

Aber ähnliche Anagrammsätze sind auch in unserer Muttersprache zu finden, wenn man sich Mühe gibt, sie Anagramme oder Umstell-Rätsel zu suchen; der nachfolgende Satz beweist dies wohl zur Genüge: „Ai! Jean oeffne mal die eisernen Tueren am Ende des Verbindungsgangs"; denn in diesem sind sogar enthalten:

eine ungarische Stadt (Ofen)
eine italienische Stadt (Amalfi)
zwei französische Städte (Verdun und Sedan)
ein indischer Fluß (Ganges)
ein französischer Fluß (Seine)
vier deutsche Städte (Emden, Stuer, Jena und Bingen)
ein deutscher Fluß (Eider)

und mehr kann man von einem sinnvollen Anagramm wirklich nicht verlangen.

Der Verfasser.

Über Palindrome oder Rücklauf-Rätsel

(Lat. versus cancrinus)

Palindrome oder Rücklauf-Rätsel gibt es sowohl in Wörtern wie in Sätzen, die so gebildet sein müssen, dass sie vor- oder rückwärts gelesen, entweder ganz gleich lauten, wie z. B. Reliefpfeiler, Lagerregal, Marktkram, Tonnennot usw., oder, dass sie aus sich selbst schon einen anderen Sinn ergeben, wenn man sie von rückwärts liest, wie z. B. Eber-Rebe, Neger-Regen, Nebel-Leben, Bart-Trab usw. Die deutsche Sprache hat eine ganze Anzahl solcher Hauptwörter, auch Namen, wie z. B. Otto, Anna, Reger, Trebert, Lepel usw.; endlich auch Zeit- und Nebenwörter, wie z. B. nennen, tut, stets, nun, rar, neben, oho, aha usw., aber mangels passender Verbindungswörter ist es äußerst schwierig, daraus sinnvolle Sätze herzustellen. Die in diesem Buche angeführten alten und neuen Palindromsätze Nr. 56—73 beweisen dies zur Genüge und Alexander Moszkowski sagt in einem Artikel über »Buchstabenspiele«, den er früher in der Vossischen Zeitung veröffentlichte, sehr zutreffend, dass man jede Wette darauf eingehen könnte, dass ein wirklich sinnvoller deutscher Spruch niemals die Palindromform annehmen dürfte.

Trotzdem ist es versucht worden und findet der Leser am Schlüsse dieses Abschnitts unter Nr. 79 sogar eine Ehetragödie, aus lauter Palindromen und Doppelpalindromen bestehend, die allerdings nur scherzhaft aufzufassen ist. Das angewandte Zeitwort »teten« für »toeten« in Berliner Mundart, ist nicht als ein Druckfehler anzusprechen. [Alle Doppel-Konsonanten wie: seh, ch, ck, st, ps u. a. sind stets als Einzel-Buchstaben zu behandeln.]

Im Altgriechischen und Lateinischen mag dies leichter gewesen sein, wenigstens sind die bekannten äußerst sinnvoll, und geradezu vorbildlich ist die uralte und merkwürdige Inschrift zu St. Peter bei Capestrano in den Abruzzen, auf einer Bibel der Karolingerzeit, auf alten Siegeln, Stempeln und Medaillen, ja selbst auf dem Boden eines antiken Silberbechers, der auf der Insel Gotland gefunden wurde; diese lautet:

Sator — arepo — tenet — opera — rotas

In freier Übersetzung, welche mir nach H. William am zutreffendsten erscheint:

Zu dir, o Schöpfer, schau' ich auf,
So du willst, stockt der Eäder Lauf!

Das Wunderbarste an diesem Palindrom ist jedoch, dass, wenn die fünf Wörter desselben in ein Quadrat, wie nachfolgend gestellt werden:

s a t o r 
a r e p o
t e n e t 
o p e r a
r o t a s

man den Spruch nach allen vier Richtungen gleichlautend lesen kann.

Auch einen zweiten scharfsinnigen Versuch, den Spruch anders zu deuten, will ich, unter vielen, nicht unerwähnt lassen. Der mir unbekannte Verfasser zerlegt ihn nämlich metrisch in:

Sat, orare, poten, et, opera, rotas

und übersetzt ihn dann frei:

Ausgiebig beten, verleiht dir Kraft und gibt
Deinen Werken die richtige Wendung.

Dabei ist nur zu bemerken, dass es das Wort »poten« im Lateinischen nicht gibt, man könnte es aber als eine sogenannte »licentia poetica«, d. h. Abkürzung für das Wort »potentia« vielleicht gelten lassen. Übrigens hat der weltberühmte Magier und Dominikanermönch »Albertus Magnus« (Albert Graf von Boilstädt, geb. 1193 zu Lauingen in Schwaben, dessen Denkmal in Freiburg i. Br. die Schwabentorbrücke ziert) schon 1223, als er die Universität Padua verließ und nach Köln a. Rhein übersiedelte, dies magische Quadrat als eine Zauberformel und den Inbegriff aller Heilswirkungen bezeichnet. Dies ist um so merkwürdiger, als er anscheinend den Wortlaut des darin wirklich enthaltenen Heilspruchs noch gar nicht gekannt hat.

Denn während ich Vorstehendes niederschreibe, ist mir bekannt geworden, dass unser bereits erwähnter Zeitgenosse, Herr H. William, mit großem Scharfsinn herausgefunden hat:

In dem alten Spruch steckt auch eine Gebetformel, die lauten müsste:

Oro te pater, oro te pater, sanas!

und welche ich, ein wenig abweichend von dem Finder, d. h. etwas freier, übersetzen möchte, mit:

Ich bitte dich, Vater, erhöre mich,
O Herr, mache (mich) gesund.

Herr William hat dann weiter den Versuch gemacht, von den einzelnen Wörtern des Palindroms abzusehen und lediglich die 25 Buchstaben des Spruches in ein Quadrat als Rösselsprung einzusetzen. Das Resultat war höchst überraschend: In zwei verschiedenen, aber durchaus übereinstimmenden Zickzacklinien ermittelte er die obige, sinnreiche Gebetformel, kein Buchstabe blieb übrig und das ganze klingt so natürlich, als sei dies Gebet einem Menschen in höchster Not in den Mund gelegt worden. Ich halte es daher mit anderen, die sich seit Jahren mit der Lösung dieses Problems beschäftigt haben, für ausgeschlossen, dass jemals eine bessere Lösung gefunden wird. Für mich will ich nur noch feststellen, dass wir es in diesem außerordentlichen Falle mit 25 Buchstaben zu tun haben, aus denen man: 1. ein Palindrom, 2. ein Anagramm und 3. einen Rösselsprung bilden kann.

Ein wahres Wunder würde es sein, wenn jemand Ähnliches wieder erdenken könnte.

Aber es gibt noch andere zweidimensionale und sehr scharfsinnige Sätze im Lateinischen, wie z. B.

In girum imus nocte et consumimur igni.

einen Vers, welchen der Dichter geflügelte Insekten sozusagen im Sterbechor singen lässt. Ins Deutsche übersetzt:

In den Lagerkreis geben wir nachts und werden vomFeuer verzehrt.

Ferner das kaum begreifliche Palindrom und zugleich vorzügliche Hexameter:

Signa te, signa, temere me tangis et angis!

Auf Deutsch in freier Übersetzung:

Bekreuzige dich nur, planlos rührst du an mir mit dem Versuch, mir Angst einzuflößen.

Wobei, wohlgemerkt, sich sogar der Sinn mit dem vermeintlichen Vorgang deckt, da solcher an die Legende der Begegnung des Johannes mit dem Teufel anknüpft.

Auch das banale, allen Lateinschülern noch aus ihrer Jugend wohlbekannte Palindrom und Hexameter:

Otto tenet mappam madidam mappam tenet Otto.

auf Deutsch:

Otto hat ein feuchtes Mundtuch,
ein feuchtes Mundtuch hat Otto.

will ich nicht unerwähnt lassen und zum Schluss möge auch der alte Kriegsruf gegen Rom:

Te tero Roma manu nuda, date tela, latete

auf Deutsch:

Ich vernichte dich, Rom mit nackter Hand,
gebt mir Geschosse und verbergt euch

hier Platz finden, weil die einzelnen Wörter dieser merkwürdigen Versform ein seltenes Gemisch von Palindromen und Anagrammen zum Ausdruck bringen.

Übrigens ist es auch noch heute möglich, sinnvolle, wenn auch grammatikalisch nicht ganz so glänzende Palindrome im Lateinischen neu zu bilden, wie die zwei nachfolgenden, von mir gefundenen beweisen mögen:

Salta! Si Roma sum, musarum sede,
sed es Mura summus amoris Atlas.

In freier Übersetzung:

Und tanzt' ich in Rom am Sitze der Musen,
Ist dennoch, mir Mura das Höchste im Busen."

[»Mura« ist ein Frauenname] ferner:

Atra sera, ut si rubor Segestis et terret te,
sit seges roburis tua res arta.

In freier Übersetzung:

Und sollte der rote Segest dich spät am Abend auch schrecken,
Halt' ihn mit aller Kraft fest, such' ihn in Fesseln zu stecken.

Zum Schluss will ich dann auch noch ein sehr schönes Palindrom aus dem Altgriechischen als Beispiel geben; dasselbe ist sehr alt und soll ursprünglich auf einer Marmortafel in der Hagia Sofia in Byzanz, der jetzigen Hauptmoschee in Konstantinopel, angebracht gewesen sein. Eine wertvolle Nachbildung des segnenden Christus von Bertel Thorwaldsen in der Friedenskirche zu Potsdam trägt dies Palindrom ebenfalls.

Im Original, also in griechischen Buchstaben geschrieben, lautet es:

...

In lateinischen Lettern geschrieben:

Nipson anomemata me monan opsin.

(Der Buchstabe psi im Griechischen, ist gleich dem lateinischen ps.) Auf Deutsch in freier Übersetzung:

Reinige dich von deinen Sünden
Und wasche nicht nur dein Antlitz.

Ich komme nun zu den deutschen Palindromen und zwar zuerst zu einzelnen Wörtern (Nr. 1—55). Bis auf einige ältere, deren Verfasser leider nicht bekannt sind, sonst würde ich ihren Namen hier gern genannt haben, sind diese Palindrome neueren Datums und in die jetzt übliche poetische Form für Bätsei von mir gekleidet worden. Später kommen dann auch einige Palindromsätze (Nr. 56—73), für welche ich um milde Beurteilung bitte; sollte jemand bessere Sachen kennen, so bitte ich, mir solche für weitere Auflagen dieses Buches überlassen zu wollen. Nach dem zu Anfang über deutsche Palindromsätze Gesagten, zweifle ich aber sehr, dass es möglich sein wird, solche mit besserem Sinn herauszubringen.

Der Verfasser.