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Studien über das Volksrätsel

von Robert Petsch

Inaugural-Dissertation
  verfasst und der
hohen philosophischen Facultät
  der
Kgl. Bayer. Julius-Maximilians-Universität Würzbug
  zur
Erlangung der Doctorwürde
  verlegt
am 2. Juni 1898
  von
Robert Petsch
  aus
Berlin

Anmerkungen des Herausgebers

Rechtschreibung: Das Original dieses Buches ist 1898 erschienen und folgt der damals gültigen Rechtschreibung ("daß", "Litteratur", "Räthsel", usw.). Wir haben die Rechtschreibung den heutigen Gepflogenheiten angepasst – mit einigen Ausnahmen: Zum einen die Titel zitierter Werke und zum anderen Zitate, die schon damals nicht der Rechtschreibung entsprochen haben und vom Autor absichtlich in Original belassen wurden.

Formatierung: Im Original  g e s p e r r t  gesetzte Wörter haben wir kursiv gesetzt.

Fußnoten: stehen im Original am Ende der jeweiligen Seite; wir haben sie ans Ende des Dokuments gestellt und verlinkt. Beispiel: 1)

Anmerkungen: von uns stehen direkt im Text [in eckigen Klammern] oder als Fußnoten mit einer "]" als Fußnotenzeichen. Beispiel: 1]

Rätselgedichte: Franz Karl zitiert etwa hundert Rätselgedichte. Diese haben wir in den regulären Rätselkanon aufgenommen und verlinkt, um duplicate content zu vermeiden. Dies stört den Lesefluss leider etwas, aber wir sehen derzeit keine andere Möglichkeit. Jedenfalls kommt man mit dem Link "Karl" auf der Rätselseite exakt zu der verlinkenden Stelle zurück.

Verlinkungen: Wir haben auch viele Links eingefügt; teils auf unsere eigenen Seiten, teils auf Lexika und Enzyklopädien. Externe Links sind mit einem Pfeil gekennzeichnet.

Worterklärungen: Im Original stehen Worterklärungen in Runden Klammern, z.B. «Fülle (Scheune)«, heute sind eckige Klammern üblich: Fülle [Scheune]. Eckige Klammern gab es damals noch nicht außerhalb der Mathematik.

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Inhalt

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Widmung

Meiner innig geliebten Mutter
in Dankbarkeit und Treue gewidmet.

Vorbemerkung

Zu der vorliegenden Arbeit habe ich während der Zeit meiner Tätigkeit an der Kgl. Bibliothek zu Berlin (Winter 1897/98) das Material gesammelt, die Ausarbeitung fällt in die ersten Monate meines Aufenthalts in Würzburg (April und Mai 1898). Auch bei dieser Arbeit habe ich, wie so oft, bei den Herren Professoren A. Brandl und E. Schmidt in Berlin und 0. Brenner in Würzburg die liebenswürdigste und bereitwilligste Unterstützung gefunden, für die ich hier öffentlich meinen tiefgefühlten Dank ausspreche.

Um einen weiteren Textabschnitt und einen vollständigen Abdruck des »Rockenbüchleins« vermehrt, wird diese Arbeit in der Sammlung »Palästra« zu Berlin bei Mayer & Müller erscheinen.

Einleitung

(Überschrift vom Herausgeber eingefügt)

An einer Stelle seines schönen Buches »Vom Geiste der hebräischen Poesie« mustert Herder auch eine Anzahl altjüdischer Rätsel und schließt dann:

Genug der Rätsel. Man siehet wohin ihr Blick gehet? Ähnlichkeiten der Dinge aufzufassen, und sie unter einen moralischen oder künstlerischen Gesichtspunkt zu vereinen. Alle Völker auf den ersten Stufen der Bildung sind Liebhaber von Rätseln; die Kinder sind es auch, und aus demselben Grunde. Ihr Witz und Scharfsinn, ihre Bemerkungs- und Dichtungsgabe äußert sich damit über einzelne Gegenstände auf die leichteste Weise; und der Preis, den der Erfinder sowohl als der Errater eines guten Rätsels in seinem Kreise davon trägt, ist ihnen gleichsam Kampfpreis, die unschädlichste Siegeskrone. Ich wünschte, dass wir von mehreren sinnlichen Völkern, statt Beschreibungen über den Geist derselben, Proben ihres kindlichen Witzes, ihres sich übenden Scharfsinns in Sprichwörtern, Scherzen und Rätseln hätten, wir hätten damit die eigensten Gänge ihres Geistes. Denn jeder alte Völkerstamm, den ich kenne, hat in Auffindung solcher Ähnlichkeiten bei seinen Lieblingsideen ganz seine eigne Weise. Wir haben sie aber bei wenigen, weil gerade diese Dinge zum Heiligtum jeder einzelnen Sprache gehören, und oft so schwer zu verstehen, als unübersetzbar sind.

Wenn Herder hier, kurz gesagt, volkstümliche Sammlungen verlangt, und insbesondere von Rätseln, Sprichwörtern u. dgl., so hat die Erfüllung dieses Wunsches nicht allzu lange auf sich warten lassen. Ist doch er selbst recht eigentlich der Begründer der Volkskunde in Deutschland geworden und hat doch er gerade auf diesem wie so vielen anderen Gebieten anregend auf das jüngere Geschlecht gewirkt. Von ihm erweckt, sammelt der junge Goethe im Elsass schöne alte Volkslieder an der rechten Quelle, »aus denen Kehlen der ältesten Mütterchens«, Herder und Goethe wirken auf die jugendfrische Heidelberger Romantik, deren »Wunderhorn«, vielleicht gerade durch seine philologische Unzulänglichkeit, uns der Anlass gewesen zu sein scheint, dass ein anderer derselben Schule, auch ein ganzer Mann, wie Achim von Arnim, auch ein fein empfindender Dichter, wie Clemens Brentano, dazu aber ein gründlich durchgebildeter Philologe, voller Energie und Gewissenhaftigkeit im Leben, wie im Forschen, dass Ludwig Uhland uns in seiner Volksliedersammlung ein unübertroffenes Muster der philologischen Quellenausnutzung und in der beigefügten Abhandlung die beste Darstellung dieses Gegenstandes gab. Und neben ihm standen, auch im Boden der Romantik wurzelnd, die Brüder Grimm, hier in eifrigem Erforschen der älteren Literatur nach Sagen und Mythen begriffen, dort dem kindlich treuen Erzählertone einer »Märchenfrau« lauschend, hier das aufgezeichnete Stück alten Volksgutes mit schonender, sicherer Hand aufbessernd, und aus eigenem Geiste heraus das Fünkchen Volkspoesie, das in der neuen Zeit schon zu verglimmen schien, wieder anfachend, künstlerisch abrundend nach Form und Inhalt; dort in regem, noch nicht für die Forschung ausgeschöpftem Briefwechsel mit Jugendgenossen und Freunden, nimmer müde, immer regsam, für alles dankbar, in hingebender Liebe auch zum Kleinsten, und in sicherer Beherrschung auch des Schwersten, mitten in tiefer Gedankenarbeit auch die kleine philologische Handarbeit des Abschreibens nicht scheuend, die rechten Väter der Volkskunde. Und hinter ihnen schreitet, mächtig angefeuert durch ihren Ruf, eine wackere Gefolgschaft und rafft hie und da zusammen, was von altem bodenständigem Volksgute noch anzutreffen ist.

Freilich, meist sind es Sagen und Märchen oder größere Volkslieder, die sie in die Scheuern einsammeln, weit minder die volkstümliche Kleinpoesie. Gerade das, worauf Herder an jener Stelle hingewiesen hatte, steht im Hintergründe, und so auch das unscheinbare Volksrätsel. So war es denn eine befreiende Tat, dass Wilhelm Wackernagel im Jahre 1843, im dritten Bande der Hauptschen »Zeitschrift für deutsches Altertum« auf die deutsche Rätselliteratur hinwies, aus einer kurzen, aber feinen Charakteristik heraus den I« Literaturgeschichten jener Zeit — heute ist es freilich nicht viel besser — ihre Vernachlässigung dieses Zweiges als ein Unrecht nachwies und dem Worte die Tat folgen ließ, in Form einer Auswahl von sechzig Nummern aus einem alten Augsburger Drucke, der sich übrigens inhaltlich mit dem weiter unten zu besprechenden »Straßburger Rätselbuch« deckt. Nun war der Weg geebnet, aber mehr als ein Jahrzehnt sollte es dauern, bis sich einer fand, der darauf fortwandeln mochte. Karl Müllenhoff war es, der in den Lebensstil Äußerungen der germanischen Stämme das gleichartige, das gemeinsame Element zu entdecken suchte; so hat denn eine Gleichung, die er aufstellt, schon ihren kulturgeschichtlichen an Wert, und sein kurzer, knapper Aufsatz in Wolfs und Mannhardts »Zeitschrift für deutsche Mythologie« III 1 ff. förderte lern für ihn und den, der mit seinen Augen zu lesen verstand, bedeutsame Resultate zu Tage. Es ergab sich, dass ein und dasselbe Rätsel, in Deutschland von alter Zeit her bekannt und heimisch, sich im Munde schottischer Kinder vernehmen lässt und aus der Hervararsage des Nordens zu uns herüber klingt. Die Grenzen des engen Vaterlandes überschritt noch weiter ein fernblickender Wanderer im Reiche der Volkspoesie, Reinhold Köhler, durch Wiedergabe und Erläuterung alter Rätsel aus einer Weimarischen Handschrift.

Der vergleichenden Betrachtung des Volksrätsels war nun Tür und Tor geöffnet. Die Sammlung ist in vielen Teilen unseres Vaterlandes, ja in allen Gebieten der zivilisierten Welt, sogar bei den »Naturvölkern« auf Madagaskar und anderswo mit Lust und Eifer betrieben worden; ja, eine Geschichte des Rätsels 1 haben wir erhalten, freilich mehr Unterhaltungsbuch als wissenschaftliche Arbeit, Kunstgebilde und Volkstümliches durcheinander, unhistorisch und unphilologisch. Die einfache, schlichte, wissenschaftliche Forschung, die Beschreibung des Volksrätsels nach seinen Abarten, nach seinen Darstellungselementen, nach seiner äußeren und inneren Form blieb zurück. Meines Wissens ist die von Richard Heinzel so meisterlich gehandhabte deskriptive Methode bis heute von niemand auf das Rätsel angewandt worden. Und der Grund ist klar. Es fehlte eben bisher an einer sicheren Grundlage für eine derartige Arbeit: an einer guten, brauchbaren Rätselsammlung großen Stils; nicht nur bei uns, sondern bei allen Nationen.

Diese Grundlage ist jetzt vorhanden. Und wir dürfen stolz darauf sein, dass auf deutschem Boden die erste wissenschaftlich begründete und durchgeführte Sammlung von Volksrätseln entstanden ist: das treffliche Werk von Richard Wossidlo, Volkstümliches aus Mecklenburg, 1. Band. Es bietet ein fast unübersehbares Material, sorgt aber durch eine klare und verständige Anordnung, durch Hinweise und Erklärungen reichlich für das Verständnis; auch sind alle nur auffindbaren deutschen und sehr viele auswärtige Parallelen teils im Anhange angezogen, teils nach dem beigefügten Literaturverzeichnis zu ermitteln. Auf solchem Boden lässt sich wohl ein Gebäude errichten, und zu diesem wollen wir hier einige Bausteine beitragen.

Es wäre aber ungerecht, wollten wir hier nicht dankbar auch ein ungefähr gleichzeitiges Werk nennen, das uns den Rätselschatz eines anderen Volkes erschloss, die sizilianisclie Sammlung von Giuseppe Pitre: Indovinelli, dubbi, scioglilingua del popolo siciliano, im 20. Bande seiner Biblioteca delle tradizioni popolari siciliane. In der Einleitung ist das italienische Rätsel nach historischen, philologischen, ästhetischen Gesichtspunkten behandelt; Anmerkungen weisen die Verbreitung der einzelnen Rätselnummern innerhalb Italiens nach. 2

Eine große süddeutsche Rätselsammlung fehlt leider noch, nur hie und da ist manches in die Scheuern eingebracht. Recht nützlich sind die tirolischen Volksrätsel in Renks Sammlung (V. 5,147 ff.).

Schon früh hat man in den Sammlungen zwei Gruppen von Rätseln unterschieden, die wirklichen gereimten Rätsel und die kurzen, in Prosa abgefassten »Scherzfragen«. Der Unterschied ist aber nicht bloß ein formeller, sondern ein wesentlicher. Jene »wirklichen« Rätsel haben den Zweck, in einer verhüllenden, das Nachdenken anreizenden, vielleicht auch verwirrenden poetischen Einkleidung einen Gegenstand zu umschreiben, der aus dieser Darlegung seines Aussehens, seiner Herkunft, seiner Tätigkeit u. s. w. durch den Verstand erkannt, d. h. erraten werden kann und soll. Diese dagegen wollen gar nicht erraten werden, sondern der Fragesteller hat meist die Absicht, selbst die Lösung zu nennen; sie haben den Hörer zum Besten, suchen ihn zu necken, sind also, eben weil die Auflösung dem Nichteingeweihten unmöglich ist, keine »wirklichen«, sondern »unwirkliche« Rätsel. Indem ich mir den Vorschlag erlaube, den gesamten Rätselschatz einer jeden Nation in diese beiden großen Hauptgruppen zu teilen, möchte ich den Kreis der letzteren noch etwas erweitern und Dinge einbeziehen, die in den meisten Sammlungen vertreten sind, obwohl sie mit dem eigentlichen Rätsel wenig zu tun haben: jene Fragen, die überhaupt unlösbar sind, und solche Weisheitsproben, die sich nicht an den Verstand, sondern an das Wissen richten, und natürlich auch keine »wirklichen Rätsel« sind. Es werden also in der als »unwirklich« bezeichneten Gruppe verschiedenartige Dinge zusammengefasst, deren Charakteristik ich unten versuchen will. Vorläufig musste ich die Begriffe feststellen, um sie bei einer Besprechung der Quellen unserer Kenntnis des deutschen Volksrätsels zu benutzen. Ich denke hier nur an literarische Quellen, denn alle Sammlungen aus dem deutschen Volksmunde hat Wossidlo a. a. 0., S. 261-268 zusammengestellt, und seiner Liste könnte ich nichts Erhebliches hinzufügen.

Durch das ganze Mittelalter hindurch zieht sich eine Kette von Sammlungen lateinischer Rätsel in gebundener Form, die dann Reusner in seiner Aenigmatographia 1599 zusammenfasste, ohne doch die Produktion abzuschließen. Sehr viele darunter berühren sich mit unseren Volksrätseln, und es ist die Frage, in welchem Verhältnis literarisches und Volksgut zu einander stehen. Wenn ein Rätsel bei altgriechischen Schriftstellern, in neulateinischen Sammlungen und im heutigen Volksmunde auftritt, so ist kein Zweifel, dass es eben literarischen Ursprunges ist. Dahin gehören vor allem die »gelehrten« Rätsel, die doch eine gewisse Summe von Kenntnissen voraussetzen, wenn diese sich auch nur auf die Bibel beschränken. Ich denke nur an das Rätsel von Jonas. 3 Andererseits ist es mir völlig unzweifelhaft, dass manches Rätsel im Volke umlief, das sich die gelehrten Verfasser jener lateinischen Sammlungen aneigneten. Wie nun freilich diese echten alten Rätsel im Volk entstanden oder ins Volk gekommen seien, ob sie etwa den Weg unserer Volksmärchen mitgemacht haben, ist noch heut eine offene Frage, über die sich selbst G. Paris (im Vorwort zu Rolland, p. IX) kein abschließendes Urteil erlaubt. Natürlich brauchten aber auch jene literarischen Stücke ein Mittelglied, um ins Volk eindringen zu können, und dies Mittel bilden die im Ausgange des Mittelalters erscheinenden Volksbücher, die »Räterbüchlein« oder wie sie sonst heißen mögen. In Spanien, Italien, Frankreich, England und nicht zum wenigsten in Deutschland tauchen jene löschpapierenen, heut so seltenen Drucke auf. Vielleicht ist auch hier Frankreich für uns von der größten Bedeutung gewesen und die steifleinene Prosa unserer ältesten Rätselbücher, wie sie namentlich in der königlichen Bibliothek zu Berlin zu finden sind, lässt wohl auf eine Übersetzung schließen. Aber eine direkte Vorlage wird sich kaum auffinden lassen, denn auch die Reihe der Rätselbücher in einer bestimmten Sprache zeigt klaffende Lücken und erst eine Zusammenfassung des gesamten, erreichbaren Materials, vor allem eine Ausbeutung der Schätze des Britischen Museums, könnte hier vielleicht Resultate fördern; eine Aufgabe, die ich mir für spätere Zeit vorbehalten muss und die auch zu unserem Thema nur in loser Beziehung steht.

Was nun unsere deutschen Rätselbücher betrifft, deren Bibliographie Hugo Hayn im 7. Bande des Centralblattes für Bibliothekswesen, S. 517 ff. gegeben hat, so möchte ich die ganze Masse der anonym überlieferten Sammlungen, soweit sie überhaupt für uns in Frage kommen, in zwei große Gruppen teilen, deren jede auf eine heute nicht mehr aufzufindende Urform zurückzugehen scheint.

I. Das Straßburger Rätselbuch

Ich wähle diesen Namen nur der. Bequemlichkeit wegen, denn es steht durchaus nicht fest, dass der erste verschollene Druck des Büchleins wirklich in Strassburg erschienen ist, wenn auch die mannigfache Übereinstimmung 4 mit alten französischen Sammlungen, ferner das spätere häufige Neuerscheinen des Büchleins in der dortigen Druckerei von Joh. Prüss diese Vermutung nahelegen. Einen dieser Drucke hat im Jahre 1876 A. F. Butsch einem Neudruck zu Grunde gelegt, der bei K. J. Trübner erschien und auch gewöhnlich als »Straßburger Rätselbuch« zitiert wird. Besser erkennt man unser Büchlein an dem all seinen verschiedenen Drucken eigenen, nur hie und da leise mundartlich umgemodelten Motto:

Wolchem an kürtzweill thet zer-
rinden. Mag woU diss buchlein durchgrynden.
Er flndt darin vill kluger 1er. Von Rettelsch
gedieht vnd vill nüwer mer.

Einige, besonders Strassburger Drucke, zeigen am Ende noch ein Yerslein:

Niemant sol mirs für übel han,
ob etlich räters hie / in stan.
die ich nit wol hab besehen.
Es ist in gutem als / geschehen.

Der Verfasser hatte freilich allen Grund, seine Leser um Nachsicht zu bitten. Denn sein Buch ist ein Sammelsurium aller möglichen Dinge. Zwar folgen nach einer Anzahl gereimter Rätsel einige zusammengefasste Gruppen mit den Überschriften:

»Von Gott«; »Von den heyligen«; »Von dem gebet«; »von Wasser«; »Von dreck«; »Von vogeln«; »Von Fischen«; »Von hunden«; »Von den Handtwercken«; »Von dem Hymmel«; »Von dem erdtreich vnd Landen«; »Von den Menschen«; »Von den Buchstaben vnd schrifft«.

Doch man sieht schon an diesen Überschriften, wie wirr alles durcheinander geht, und die einzelnen Abteilungen liefern ein krauses Gemisch von Rätseln, Scherzfragen, schlechten Witzen und Rohheiten. Allein die Abteilung »Von Hunden« nimmt fast ein Drittel des ganzen Buches ein. Dafür aber finden sich darin auch etwa folgende Nummern:

»Wölchs die vier verleckten katzen sein.«— »Der Fischer katzen, der Metzler katzen, wirts katzen vnd der kloster katzen«,

was weder ein Rätsel ist, noch unter jene Überschrift gehört; oder

»Von wan get ydes ding vnd wo hin geet es? — »Aus der jugent in der jugent in das alter«,

was zwar ein bekanntes Rätsel ist 5, aber auch nicht hergehört und zudem noch mit einem Schreibfehler der Handschrift abgedruckt zu sein Scheint. Bisweilen scheint man den Zweck verfolgt zu haben, den Zuhörern biblische Sprüche oder dogmatische Lehrsätze einzuprägen, wie man denn auch später gern biblische oder christliche Rätselbücher für Kinder zusammenstellte. Man nehme z. B.:

Nr. 283: Wer in eim menschen zehen tausend erschlagen hah. — David als der Groliam ertödt sagten die Israelitischen. Sampson hat tausent erschlagen, aber David zehen tausent.

(Bis auf die grobe Verwechselung Sauls mit Sampson nach 1. Sam. 18, 7.) Oder

Nr. 30: »Wölchs das gröst wunderwerck gottes sey.« — »Das er so vill menschen geschaffen hot vnd doch keins dem andern gleich ist etc.«

Dies »etc.« ist für unseren Verfasser ebenso bezeichnend, wie für den ungeschickten Verfasser der Fausthistorie. Es ist ein liederlicher Stil, der oft nur Bruchstücke mitteilt. Dabei wird auch manchem Witze die Spitze umgebogen, z. B. in

Nr. 27: Was vnser hergot thet oder vbt do er zu ierusalem einreydt? — Er ging nit sonder er reidt vff dem esel.

Es muss natürlich in der Frage heißen: »einging«. Einmal werden aus Versehen zwei Sprichwörter abgedruckt, und von dem naiven Kompilator durch den Zusatz »Rot« als Rätsel bezeichnet, auf die aber natürlich keine Lösung folgen kann; Nr. 20 und 21:

20. Rot. ein Nagel helt ein eysen. Ein eysen ein Pferdt, ein man ein schloss. Ein schloss ein landt.

21. Rot. ein zäun wert vngeferlich drei jähr. Drey zeün ein hundt, drey Hunde ein pferdt. Drei Pferdt ein menschen, drey menschen ein schnegans, drey schnegenss ein hirtzen.«

(Vgl. M. S. D. zu m. 49,5 u. Liederbuch v. Hätzleim, S. LXIX, m. 14)

Auch ein Stückchen makkaronischer i Poesie wird uns gelegentlich als Rätsel aufgetischt, etwa in

Nr. 110: »Ein frag, welchs dy best an den fischen zu essen sey. Ant: Salmeu8 in federis, rupis, htchtilisqz in leberis Carpeus in zünglis iss alius jm mitel drommis stockfisch in blasiis krepsim in 8chwantzi8 barba meülein lecker biss.

Der die Verse sprachlich und metrisch in solche Unordnung gebracht hat, wird kaum des Lateinischen mächtig gewesen sein. Eigentümlich mutet uns mitten unter deutschen Volksrätseln die Nr. 52 an:

Kotent: Was bot das vor ein macht ' das da schneller in der nacht / lautTt wan des tags weistus so sags. — Antwort der uff. Die fließenden wasser als arestotiles sagt, etc.

Beobachtung der Nachbarn äußert sich in Dorf- und Landschaftspötteleien, die wohl auch in die Form des Rätsels gegossen werden:

Nr. 259. In welchem landt man nit ess oder trinck. — In dem elsass do zeret man, morgen zeren, zu ymss zeren, vesper zeren, abendt zeren.

Nr. 260. In welchem landt kein pferdt sey. — In schwoben da sein ross. 6

Und auch die in Deutschland so beliebte ständische Satire kommt zu ihrem Rechte, indem der Schneider, Barbier und Müller so gut mitgenommen werden, wie die putzsüchtigen und schwatzhaften Frauen. Das sind nun schon echte Volksrätsel, die zum größten Teil heute noch lebendig sind. Sie sind nun noch viel stärker herangezogen in der zweiten Gruppe von Rätselbüchern, über die ich nicht mehr viel zu sagen habe, weil ihr Inhalt weite Strecken hindurch, wenn auch nicht dem Wortlaut nach, mit jener ersten Klasse übereinstimmt. Schon die frühesten uns erreichbaren Drucke führen den Titel:

II. Neu-vermehrtes Rath-Büchlein

Mit allerhand Welt- und Geistlichen Fragen, samt deren Beantwortungen.

Das Motto, das in seinen beiden letzten Zeilen an das der ersten Gruppe erinnert, aber doch dem verschiedenen Inhalt gerecht wird, lautet:

Das Rockenbüchlein heiss sonst ich,
Wer langweilig ist, der kauf mich,
Er flndt in mir viel kluger Lehr,
Mit vexir, rathon und anders mehr. 7

Es hat wohl dein älteren »Räterbüchlein« viel zu verdanken, aber der Verfasser ist mit dem Stoffe frei umgegangen, seine Rätsel lesen sich meist etwas besser, und er fügt aus dem Volksmunde viele Nummern, besonders Scherzfragen hinzu. Außerdem aber enthält das Büchlein manche, der damaligen Zeit wohl sehr willkommene Beigaben, Modephrasen für den Gebrauch im Salon, Küchenlatein u. dgl. Auch fehlen ironische Spitzen nicht, wie z. B. die boshaften Ausdeutungen von Sprichwörtern:

Recht währet lang, denn man braucht es selten.

Ein Neudruck des Büchleins existiert bis jetzt noch nicht. Der Herausgeber hätte hier eine schwierigere Aufgabe, als bei jenem älteren Büchlein, weil der Text der jüngeren Sammlung fast in jeder Neuauflage Erweiterungen .und Veränderungen erfuhr, während das »Straßburger Buch« im ganzen konservativ behandelt wurde. Beide Bücher .werden lange nebeneinander hergegangen sein, aber das ältere blieb, wie es von Anfang gewesen, es wurde wohl gekauft, aber kaum so beliebt wie das jüngere, das sich darum auch den Ansprüchen des jeweiligen Publikums besser anzupassen suchte.

Die vielen gereimten, meist in Alexandrinern abgefassten Rätselsammlungen des 17. und 18. Jahrhunderts 8 haben für die Volkskunde nur eine sehr geringe Bedeutung. Schon die Rätsel des oben besprochenen jüngeren Rockenbüchleins enthalten höchstens einen volkstümlichen Kern, die Einkleidung ist künstlich, schwülstig, unnatürlich. So lassen sich diese Sammlungen vielleicht für die Geschichte der einzelnen Nummern als Zeugnisse für ihr Fortleben in einer bestimmten Zeit, allenfalls auch in einer bestimmten Gegend, verwerten. Für unsere Zwecke aber, die Beschreibung des heut lebenden Volksrätsels, haben sie fast keinen Wert.

Viel besser ist handschriftliches Material zu benutzen, das schon sehr früh beginnt. Aus einer alten Weimarer Handschrift hat Reinhold Köhler (Weimarer Jahrbuch 5, 329 ff.) 42 zum Teil sehr bemerkenswerte alte Stücke veröffentlicht. In viele gedruckte Bücher auch aus späteren Jahrhunderten sind Einträge von Rätseln gemacht; so enthält ein Exemplar des Werkes »Philosophiae colus« von Prätorius, das früher dem Romanisten Diez gehörte und sich jetzt in der Königlichen Bibliothek zu Berlin befindet, wichtige Rätsel, die von einer Hand des 18. Jahrhunderts auf die Deckel geschrieben sind. Mannhardt hat sie in seiner »Zeitschrift für deutsche Mythologie«, 4,405 zum Abdruck gebracht. Eine systematische Durchsuchung der älteren Bestände unserer Bibliotheken würde wohl noch manches derartige zu Tage fördern.

Endlich sind auch Rätsel in andere Volksbücher übergegangen, wie in den »lustigen Kirmesbruder«, aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts. Inwieweit sich unsere Dichter des wirklichen, volkstümlichen Rätsels bedient haben, wäre noch zu untersuchen. Für Joh. P. Hebel denke ich an anderer Stelle einiges beizubringen.

Indem ich jetzt zur eigentlichen Beschreibung unseres heimischen Rätselbestandes übergehe, mustre ich zunächst die »unwirklichen Volksrätsel« und suche sie in ihren Hauptgattungen darzustellen, wobei ich die Beispiele für Norddeutschland besonders der Sammlung von Wossidlo (W), für Süddeutschland der Zusammenstellung von Renk (R) entnehme, gelegentlich aber auch andere Sammlungen heranziehe.

Die «unwirklichen« Volksrätsel

Wir können hier zunächst drei Unterabteilungen scheiden, die wir der Kürze wegen als »Weisheitsproben«, »Halslösungsrätsel« und »Scherzfragen« bezeichnen wollen.

I. Weisheitsproben

Wie schon der Name sagt, wenden sich diese Fragen nicht an den überlegenden, kombinierenden Verstand, sondern an das erlernte Wissen. Sie tauchen schon früh auf, sind aus den Rätselkämpfen der Hebräer bekannt und treiben lange Jahrhunderte hindurch frische Blüten, nicht zum mindesten im Germanischen. Denn die beiden Lieder der sogen. Säraundaredda, die man gewöhnlich als »Rätsellieder« bezeichnet, das Vafprupnismöl und Alvissmöl, enthalten keine Volksrätsel, sondern Fragen, die sich auf Götter und Erde, auf tiefe Weisheit beziehen, und der glückliche Sieger, der Gott, der einmal seine Tochter, ein andermal sein Leben rettet, ist nicht der Scharfsinnigere, sondern der Gelehrtere, nicht durch Witz, sondern durch Kenntnisse hat er gesiegt. 9

Gerade weil diese Fragen eine gewisse Bildung voraussetzen, sind sie immer da besonders beliebt gewesen, wo diese (und vor allem geheime Kenntnisse) das Privilegium gewisser bevorzugter Klassen war. Sobald das Spiel dem Volke verfällt, muss es seinen Stoffkreis bedeutend einschränken (daher seine verhältnismäßig geringe Ausbildung) auf diejenigen Bildungselemente, die dem Volke eben zugänglich sind. So prüft es seine Bibelkenntnis und in schwierigen Rechenaufgaben und Verwandtschaftsrätseln seine Auffassungsgabe. Es kann hier nicht an gelegentlichem Hinüberspielen in das Gebiet des »wirklichen« Rätsels fehlen, wie überhaupt scharfe Grenzlinien auf diesem Gebiete nur schwer zu ziehen sind. Eine Frage, wie die nach dem Turm, der nie fertig wird, d. h. dem babylonischen Turm, kehrt in Rätselliedern und auch einzeln (W. 816) mannigfach wieder, denn jeder kennt von der Schule her diese Geschichte. Dagegen ist die anstößige Erzählung von Lots Verhältnis zu seinen Töchtern in Deutschland auffällig selten. Im Schulunterricht, wo unsere Bauernkinder die biblische Geschichte kennen lernen, werden derartige Abschnitte mit Fug und Recht fortgelassen. Nach der Schulzeit aber kümmert sieh der Bauer wenig um das alte Testament. In England dagegen hört er allsonntäglich einen Abschnitt daraus in der Kirche verlesen. Der Engländer ist überhaupt bibelfester als der Deutsche, und so bildet er denn solche Rätsel mit Vorliebe weiter aus, wie z. B. das von Lots Enkeln:

Two brothers dear,
Two sister's sons are we,
our fatherJ8 our grandfather,
and whose sons are ive? (Greg., nr. 2.)

Vor allem aber gehören eben hierher schwierige Rechenaufgaben, die durch die Form der Einkleidung den Hörer zu verwirren und die schnelle Lösung zu verhindern suchen. Sie finden sich in Nord- und Süddeutschland, sind aber in England ebenso beliebt.

Z. B.: W. 899, aus Mecklenburg:

De voss de kickt in'n hohnerstall:
ji sünd woU hunnert an de tall.
de hahn de secht: noch mal so väl,
un drüddel so väl, un denn noch ick un du dorto,
denn sünd't ihrst hunnert an de tall. (Es sind 42.)

Oder R. 215, aus Tirol:

Ein Mann fragte ein Mädel, das Gänse hütete, wie gross ihre Herde sei. Sie antwortete: zweimal so viel und halb so viel und viertel so viel, und wenn der Herr eine Gans war, dann wärens grad hundert. Wie viel hab ich? (Es sind 36.)

Oder aus Schottland (Ch. nr. 23):

A hapmny here and a hapmny thcre,
Fourpmce-hapenny and a hapmny mair;
a happmny icat, and a hapenny dry,
Fourpence hapenny and a hapenny forby:
how nrnch is that? (A Shilling)

Man vergleiche auch das friesische (Dykstra, Uit Frieslands volksleven, 1,257 ff., nr. 10):

ieu en oardelieal (1 -f- 1l/2)
tiva en trije en tredächeal (2 + 3 + 21/2)
hofolle is dat? (10.)

Das letztere Rätsel ist uneingekleidet. Die Einkleidung des englischen ist höchst charakteristisch.

II. Halslösungsrätsel

Das Buch der Richter (Kap. 14) erzählt von Simson, der gen Thimnath zog, um ein Weib zu freien, und unterwegs einen Löwen zerriss. Nach etlichen Tagen findet er einen Bienenschwarm im Aase des Löwen und gibt nun den Hochzeitsgästen sein berühmtes Rätsel auf: »Speise ging von dem Fresser, und Süßigkeit von dem Starken.« Niemand kann es raten, bis Simsons eigene Frau die Lösung ihm abschmeichelt, und da die Gäste in echt orientalischer Weise sprechen: »Was ist süßer denn Honig? Was ist stärker denn der Löwe?« erwidert der Betrogene: »Wenn ihr nicht hättet mit meinem Kalbe gepflügt, ihr hättet mein Rätsel nicht getroffen.«

Diese letzten Worte sind für uns wichtig; sie sind das Eingeständnis, dass die Lösung des Rätsels unter normalen Umständen unmöglich war. Es ist wohl das älteste Beispiel jener Lösungen, die eben nur einem, dem Fragesteller, klar sind, während die dunkle Ausdrucksweise jedem andern die Frage in das Gebiet des Unsinns zu verweisen scheint. Es handelt sich meist, wie bei Simson, um ein persönliches Erlebnis, aber nicht um ein alltägliches, sondern um ein so seltsames und ganz außergewöhnliches, dass kein anderer aus den Vorkommnissen seines Lebens eines gleichen Falls sich erinnern und aus dessen Analogie die Lösung finden kann. Darum wirkt aber auch diese, wenn sie hernach bekannt wird, nicht in der frischen, erheiternden Weise, wie bei einem echten Volksrätsel. Der Hörer muss noch einmal die einzelnen Teile des meist dunklen, oft auch unangenehmen Vorganges mit denen des noch dunkleren, komplizierteren und (gerade in Norddeutschland) oft zu epigrammatischer Kürze zusammengedrängten Rätsels vergleichen, allmählich erst gehen ihm die verschiedenen Beziehungen auf und diese Denktätigkeit beeinträchtigt die Wirkung. Und da er sieht, dass eine derartige Frage zu beantworten ihm niemals möglich gewesen wäre, so erklärt er solche Rätsel am liebsten für Unsinn und wehrt sich dagegen. Dem beugt nun aber das Rätsel selbst dadurch vor, dass es eine interessante, etwas grausige, also mit dem Tone des Rätsels übereinstimmende Einkleidung annimmt, deren Charakteristisches nun darin besteht, dass der Sprecher und der Hörer des Rätsels selbst darin vorkommen, aber gewissermaßen verkleidet. Dadurch wälzt der Sprecher die Verantwortung des schweren Rätsels auf den darin auftretenden schlauen Verbrecher ab, der, zum Tode geführt, den Richtern noch eine Nuss zu knacken gibt. Da das Volk in solchen Fällen immer auf Seiten des Delinquenten steht 10, so ist der Hörer ganz damit einverstanden, dass die Aufgabe gar nicht schwer genug sein kann, er wird sich vielleicht gar nicht dessen bewusst, dass er dem Rätsel gerade so unwissend gegenübersteht, wie die Richter; jedenfalls würde dies Gefühl durch die Freude über ihre Überlistung unterdrückt. So erkläre ich psychologisch das doch – besonders in Norddeutschland – ziemlich häufige Vorkommen dieser seltsamen Rätsel, deren Hauptmasse der  verstorbene, um die ostpreußische Volkskunde hochverdiente Frieschbier in der Zeitschrift »Am Urquell«, 4, 9 ff. zusammengebracht hat. Er nannte sie »Verbrecherrätsel«, wir bezeichnen sie heute meist als »Halslösungsrätsel«. Auch Wossidlo hat, S. 191—222, vieles beigebracht. Es ist sehr merkwürdig (an der Hand seiner Anmerkungen), zu sehen, wie selten diese Rätsel im Oberdeutschen sind, gegenüber ihrer massenhaften Verbreitung im Norden. Sicherlich hat der Niederer deutsche mehr Vorliebe für derartige Dinge, indessen würde eine systematische Ausbeutung des Südens wohl noch manchen Beitrag liefern. Auch diese Nummern haben ihre Entwicklungsgeschichte. So haben wir bei Chambers (nr. 1) 11 ein grausiges Rätsel:

I sat wi' my love,
and I drank wi' my love,
and my love she gave me light;
I'll give any man a pint o' wine,
that 'll read my riddle right.

Die Lösung ist:

I sat in a chair made of my mistress's bones, drank out of her skull, and was lighted by a candle made of the substance of her body.

In dieser grausigen Fassung ist nun das Rätsel bei uns gerade nicht bekannt. Immerhin ist noch ähnlich das von Simrock (leider, wie immer, ohne Quellen- und Ortsangaben) mitgeteilte Stück:

op leev' seet ik, op leev' eet ik,
un leev' lüch mi un likers gru mi!

so sprickt'n frou, de ehr mann dod blevn is, op sin sark.

Dann aber hat das Rätsel in einer stark abgeschwächten Form eine geradezu einzig dastehende Verbreitung gewonnen. Es ist das »Ilo-Rätsel«:

Auf Ilo geh ich,
Auf Ilo steh ich,
Auf Ilo bin ich hübsch und fein,
Rat't meine Herren, was soll das sein.

Hier handelt es sich nicht mehr um die tote Geliebte oder den Gemahl, sondern um einen Hund, aus dessen Fell sich der — oder die — Fragende hat Schuhe machen lassen. Da dies nun nicht ganz ungewöhnlich ist, so kann es schon eher erraten werden und geht gewissermaßen in die »wirklichen« Rätsel über, ist auch ohne jede Einkleidung überall anzutreffen.

Für Oberdeutschland führe ich ein Rätsel an, zunächst in der niederdeutschen Gestalt, die es bei W. 967, 7 hat:

Hengahn un wedderkamen,
de läwigen ut den dodigen nahmen,
de söss de güngen den soewten quiet,
nu raadt mine herren, hüt is't tiet.

(Ein Mann ist zum Tode verurteilt. Seine Frau will ihn durch ein Rätsel befreien, kann aber keins ersinnen. Kurz vor Ablauf der ihrem Manne gewährten Gnadenfrist geht sie in ihrer Angst aufs Feld, findet hier einen verrotteten Pferdekopf, in dem ein Vogelpaar fünf Junge ausgebrütet hat. Sie nimmt die Jungen und das Weibchen mit, während das Männchen davonfliegt.)

Es will mir scheinen, als sei dies Rätsel eine Vermischung von zwei anderen:

1.

Henging und wedderkamm,
Lebendigen ut'n doden namm

(W. 967,1): Een hett'n Stock Immen ut'n dodigen Pierkopp nahmen.

(Der letzte Ausläufer des Simsonrätsels.)

2. Eine ältere Fassung des Rätsels vom Pferdekopf. Dieses ist nun wohl in einer oberdeutschen Variante, aus Fendels in Tirol (Renk a. a. O. Nr. 91) besser erhalten:

Es schlafen sechs in einem Tod,
Der siebente jagt den achten fort!
Ihr Herren ratet, was das sei?

(Ein Vogelnest mit 6 Jungen in einem Totenkopf, dem die Alten abwechselnd zufliegen.)

Die ähnliche Situation, das im toten Körper neu entwickelte Leben, 12 führte wohl in Mecklenburg zur Verwechselung.

Zu diesen Rätseln, deren Lösung eben nur dem Fragesteller selbst möglich ist, gehören natürlich auch jene weitverbreiteten Rätselmärchen, in denen ein dämonisches Wesen die Nennung seines Namens verlangt, den es dann selbst verrät (Rumpelstilzchen).

Lose nur hängt mit den bisher besprochenen eine andere Art von Rätseln zusammen, die man mit etwas unbestimmtem Namen als »Rätselmärchen« bezeichnet. Auch sie bedürfen der Einkleidung, einer Erzählung, eines Gespräches, in dem aber ein wichtiges Wort durch einen anderen, meist bildlichen Ausdruck ersetzt wird. Insofern dieser sich meist an die Gestalt, die Stimme u. s. w. des bezeichneten Gegenstandes anlehnt, berührt sich diese Gruppe mit den »wirklichen« Rätseln. Insofern sie oft nur als Einkleidung eines Witzes dienen, den sie vorbereiten und für den sie Interesse erwecken wollen, gehen sie teilweise ins Gebiet der »Scherzfragen« über. So schweben sie zwischen den verschiedenen Klassen hin und her. Sie sind eigentlich eine Gnippe sui generis. Ihre äußere Form, die Erzählung, bestimmt mich, sie hier anzuschließen.

Die einfachste Form dürfte die folgende sein: 

(W. 919):Se hebben 'n böstendräger doot maakt. [Einen Bürstenträger, d. h. ein Schwein, geschlachtet.]

(W. 920): Se hebben 'n wulldrager 'n hals afsnäden. [Einen Wollträger, d. h. ein Schaf, geschlachtet.]

Oder es wird erzählt

(W. 1000,3): En Köster sall'n Hamel stählen mit'n Paster sien Pierd. Während de Prädigt kümmt he rin na de Kirch un de Paster breckt de Prädigt af un singt von't Altoor:

»Hast du gekricht Johann Be?«

»Nein, ich hab gekricht Bonsa [Schläge] auf mei Rongsa [Rücken], und hab verloren den Benjam. Wisst em hebben, mööst ein wedder lö-ö-ö-sen.«

Man sieht, die beiden ersten Beispiele berücksichtigen mehr die äussere Gestalt, im letzteren sollen »Johann Be« und »Bonsa« 13 klanmalend wirken. Anders wirkt noch ein derbes Rätsel, das sich wie diese ganze Gruppe nur in Norddeutschland 14 zu finden scheint (W. 993), und das in seiner mildesten Form lautet:

En Herr kümmt eens na'n Gasthuus un bestellt bi den Kellner: »Eine Portion Vorwärts, eine Portion Rückwärts, und eine Portion von hinten.« De Kellner hett nich wiisst, wat dat sien still, oewer de Mamsell hett dat utfünnig kragen, de hett em Fisch un Kräwi un Eidr kaakt..

Satirischen Charakter trägt ein anderes Stück (W. 997), das nur in Mecklenburg vorzukommen scheint: König Friedrich, der überhaupt im niederdeutschen Volksleben eine große Rolle spielt, 15 fragt einen alten Bauern, den er noch beim Ackern findet, ob er denn keine Söhne habe.

»Ja, ick heff dree stück, oewer de hebben all wat lihrt.« — »Wat siind se denn?« — »De een is'n Leeger (Lüger), de tweet In Bedreoger (Betrüger) un de drtidd 'n Mörder.«

Dat sali he em utdüden. »Je, de öllst is Preester, de tweet Koopmann, un de drtidd Soldat.« — »Na, denn will ick den Mörder loshelpen, dat de vor Em ackeriert.« 16

Sehr gern verbindet man derartige Rätsel zu ganzen Ketten. Dafür will ich zum Schlüsse noch zwei Beispiele anführen, eines, um das Alter solcher Scherze nachzuweisen, und eines als neues Zeichen für den Zusammenhang Norddeutschlands mit England.

Im »Straßburger Rätselbuche« heißt es (bei Butsch, Nr. 18): 17

Es was einer bescheiden zu kommen wan die bawren zy ein würden geen. vnd die vnriebigen stil sten. wan die nassen trucken werden / vn die leüt vergessen jr geberden. / vnd so auch das lyeht ,das schwer hebt. / vnd das todt dz lebendig vergrebt. 18

Antwort: Die bawren so man die disch zusammen legt, die vnrüwigen sein die dur zu gethon. Das nass sein die drinck-geschirr vergessen der geberden. ' das ist ym schloff, das lycht sein die federn im bedt. das schwer die menschen dar vff liegen» das todt ist die eschen, das lebendig ist das fewer etc.

Mannigfach in Niederdeutschland verbreitet (mitteldeutsch findet es sich im Voigtlande) ist eine Kette von solchen Umschreibungen, durch Äie ein Kriecht seinem verschrobenen Bauern, bei dem nichts beim rechten Namen benannt werden darf, den Ausbruch eines Feuers mitteilt.

Es lautet etwa in Waren (W. 999):

Herr Obergewalt [Herr] und Zuckersüss [Frau],
Ich schmierte meinem Herrn seine Sparftiss [Stiefel],
Und da kam der Oberratzenmeister [Kater]
Und nahm meinen Anstreicher [Bürste],
Und da war ich voller Wut und warf ihn in die Glut [Feuer]
Und da ist er nach der Fülle [Scheune] gelaufen,
Und da war sie auch voller Glut.
Und nun geht hin und ruft eure Murrhunde [Tagelöhner],
Dass sie Pladder schleusen [Wasser fahren],
Und die Fülle wieder retten:

Ganz ähnlich in Schottland (Chambers, a. a. 0.):

Ha! Master above a master,
Rise from your fortune,
(Step to your shintilews.)
The gray cat o' grapus
Is up the step o' fundus
Wi' montapus on her tail
If there come na help out o' founto-clar,
we're gane and a' that's here.

III. Die Scherzfragen

Wenige Gattungen der Volksliteratur erfreuen sich einer so weiten Verbreitung, einer solchen Langlebigkeit, eines solchen, immer neuen Reizes auf die schon oft damit geneckten Zuhörer, als diese kleinen unscheinbaren Späße, die wir unter dein Namen »Scherzfragen« zusammenfassen. Die Nummer 202 des »Straßburger Rätselbuches«:

Wölchs das getreust thier sey. — Ein laüss, die lösst sich mit eim hencken bleibt bey jm biss in todt.

ist heut noch in Mecklenburg (und nicht dort allein) wohl bekannt (W. 601), vielleicht auch übers Meer gewandert; wenigstens scheint mir Shakespeare einmal darauf anzuspielen, wenn er im Anfange der »Merry wives of Windsor«, wo das bekannte Wortspiel zwischen luce [Hecht] und louse [Laus] gemacht wird, den Sir Hugh Ewans sagen lässt: nit is a familiar beast io man, and signifies-loveu.

Immerhin bieten sich gewisse Grenzen für die Verbreitung dar. In katholischen Gegenden hat fast jeder Heilige ein Spezialrätsel, kein Gegenstand in der Kirche, am wenigsten der Pfarrer selbst, ist vor dem Witze des Volkes sicher, der Inhalt der Evangelien, die Liturgie, die Gebete müssen Stoff zum Spaß hergeben, alles Heilige wird profaniert, wie wir noch weiter unten sehen werden. In protestantischen Gegenden ist man schüchterner. Die höchste Person, die man anzugreifen wagt, ist der Küster, die Geistlichen werden höchstens in einem »wirklichen«, also uralten, Rätsel vom »Männchen, das im Holz steht und immer spricht, ohne dass jemand ihm antwortet«, oder in dem doch auch zahmen Späßchen von der Fliege, die ihnen »upp de Näs sitt«, mitgenommen. Die Heiligenrätsel sind meist geschwunden, die Anspielungen auf katholische Gebräuche mussten, soweit sie überhaupt erhalten blieben, notwendig verrohen. Das lehrt ein Vergleich der Nummer 36 bei Renk:

Ein Mann und ein Weib kanns thun,
Zwei Männer könnens thun,
Zwei Weiber könnens nicht. (Einander beichten)

mit der Entstellung bei Wossidlo, Nr. 877.

Der Engländer und Schotte sind noch zurückhaltender im Profanieren der Religion, wie sich denn überhaupt ihre Volksrätsel durch eine größere Sittenreinheit auszeichnen.

Kehren wir von diesem kleinen Streifzuge zu unseren Scherzfragen zurück, so müssen wir als ihren Hauptzweck die Verführung des Hörers bezeichnen, die Ablenkung seiner Gedanken auf ein Gebiet, das mit der richtigen Lösung sehr wenig zu tun hat. Darin eben beruht sein Unterschied vom »wirklichen« Rätsel, das doch immer gewisse Handhaben zur Auffindung bietet, wenn es auch wohl daneben oder hinterher den Hörer wieder unsicher zu machen, ihn zu verwirren strebt. War bei der vorhin behandelten Klasse nur eine sehr weit abliegende, daher so gut wie keine Lösung möglich, so bieten sich hier unendlich viele, die alle passen könnten, d. h. wieder so gut wie keine. Recht bezeichnend ist mir eine Anekdote, die Öebel zu seinem hübschen »Rätselhandel« Verwertet hat und die er dem »Vademekum« von Mylius entnahm. Man findet sie in der trefflichen Ausgabe der Hebeischen Werke von Otto Behaghel (Spemanns Nationalliteratur, Bd. 142b), S. 170. Dort wird von einem schlauen Amsterdamer erzählt, der ein Rätsel aufgibt, dass er selbst nicht lösen kann. Die kleine Erzählung geht wohl auf eine volkstümliche Quelle zurück, sie charakterisiert eine große Anzahl dieser Scherzfragen. Bei vielen beruht sogar der Witz gerade auf der Unlösbarkeit, wie etwa die in Norddeutschland umlaufende Frage:

»Kennst Du die Anekdote von Friedrich dem Großen und dem Eisenbahnschaffner?« — »Nein.« — »Ich auch nicht, denn damals gab es noch gar keine Eisenbahnschaffer«

beweist. Auch solche (besonders beliebten) superlativischen Fragen: »Was ist das größte Unrecht in der Kirche?« lassen natürlich unzählige Lösungen zu und werden nur gestellt, um einen Witz einzuleiten: »Dass der Hauptmann von Kapernaum immer noch nicht Major geworden ist.« Die Zahl der Fragen aber, deren bestimmteres Gepräge eine feststehende Antwort erlaubt, ist Legion, und keine noch so vollständige Sammlung wird sie ganz erschöpfen können. Auch ein Typenverzeichnis würde weit über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen. Wir wollen hier nur die wichtigsten, im deutschen (and englischen) Volksrätsel vorkommenden Arten in einer gewissen Ordnung mustern. Eine strenge Klassifizierung ist bei einem so beweglichen Gegenstande natürlich nicht möglich und, wie alle Systematik in Sachen der Volkspoesie, eher hemmend als fördernd.

Die Verwechselungen, auf denen diese Klasse von Rätseln doch im wesentlichen beruht, sind verschiedener Art. Sie sind entweder mehr grammatischer Art, oder sie spielen in das logische Gebiet, oder endlich sie bewegen sich in Ton Versetzungen. Ganz strenge Scheiden gibt es natürlich auch hier nicht, und oft genug können wir mehrere Verwechselungen innerhalb desselben Rätsels aufzeigen. So heißt es bei Wossidlo (Nr. 848): »Wat is dat vör'n Minsch, wo Lief un Seel rut is?« (Wöchnerin). Man wird vielleicht auf einen Toten raten, zumal 'in Niederdeutschland gelegentlich »Leib und Seele« für lebende Seele überhaupt gebraucht wird. 19 Denn unwillkürlich bezieht man »Lief un Seel« auf den Menschen selbst, während doch Leib und Seele eines anderen gemeint sind. Auf diese falsche Beziehung rechnet das Rätsel mit Bestimmtheit.

Solche Beziehungswechsel rein grammatischer Natur liegen z. B. vor, wenn zwei gleichlautende Pronominalformen auf zwei verschiedene Nomina bezogen werden.

Bekannt ist das Rätsel von den Tauben und Erbsen:

(W. 992): Wenn sie kommen, dann kommen sie nicht; wenn sie nicht kommen, dann kommen sie.

Ferner stelle ich hierher:

(W. 930): Vor unsern Duur licht'n Steen, un wenn de Hahn kreiht, denn röogt he sick (nämlich der Hahn).

Schon im »Straßburger Rätselbuch« finden wir das Rätsel von der Haselnuss und dem Loche darin:

So du es siehst so lösst du es ligen, siehst du es nit, so hebstus vff.

das aber auch aus dem 12. Jahrhundert in lateinischer Sprache vorliegt:

Video et tollo. Si vidissem, non tulissemA)

und noch heut im Volksmunde, besonders Oberdeutschlands, lebt, so bei Renk, Nr. 117:

Wenn mans nicht sieht, klaubt mans auf, Wenn mans sieht, lässt mans liegen.

Auch aus Frankreich ist es zu belegen:

Quand je la vois, je ne la ramasse pas, quand je ne la vois pas, je la ramasse.

Endlich auch holländisch:

Als gy het siet, soo lact gy het liggen, nict siende raept gy het op.

Ich habe alle diese Fassungen zusammengestellt, um die (mit Ausnahme des lateinischen) immer wieder hervortretende Gleichheit des Personalpronomens zu zeigen.

Ähnlich, aber doch mehr auf eine Sprachungenauigkeit als auf eine Sprachundeutlichkeit gegründet ist das Rätsel vom Loch: »Je mia dat me devan nömmt, je grötter wet et.« 20

Streng genommen könnte sich das im ersten Teile des »davon« enthaltene Pronomen natürlich nur auf »et«, d. h. auf »das Loch« beziehen. Jedoch bei dem der deutschen Sprache eigenen freieren Gebrauche geht es hier auf den ganzen Gegenstand, in dem sich dieses Loch befindet. Diese in der täglichen Rede unbewusst geübte Ungenauigkeit hat das scharfe Auge des Volkes doch bemerkt. 21

Ich schließe hier andere Beziehungsverwechselungen an, schränke mich aber bei der Wiedergabe der Beispiele auf das Nötigste ein. In dem bekannten Rätsel: »Wie ist der Floh nach England gekommen?« ist mit großer Raffiniertheit eine doppelte Bedeutung und doppelte Beziehungsmöglichkeit 22 des »Wie?« (ndd. »Wo?«) benutzt. Es kann sich 1) auf das Nomen beziehen und eine Beschreibung verlangen (»Wie ist der Baum?« — »Grün«), oder 2) auf das Prädikat, und dann gibt die Antwort eine besondere Bestimmung für Art und Weise der Handlung. Dadurch nun, dass schon in der Frage das Prädikat verengert wird (hier durch Angabe des Zieles), wird die Aufmerksamkeit des Zuhörers auf dieses und nicht auf das Subjekt gelenkt, zumal gerade die kluge Auswahl 23 Englands als überseeischen Landes eine Besonderheit des Transports zu rechtfertigen scheint. Er antwortet etwa: »zu Schiffe«. Die richtige Lösung aber lautet »Schwarz«. Richtig ist natürlich im eigentlichen Sinne jene Lösung so gut wie diesem und tausend andere, aber »richtig« im Sinne des Fragestellers ist nur die eine, für ihn von vornherein feststehende Antwort.

Die doppelte Beziehung des »Wohin« auf 1) eine Stelle an dem Gegenstande selbst, 2) auf einen anderen Gegenstand, ruft die Verwirrung in dem bekannten Rätsel hervor: »Wohin hat Adam den ersten Nagel geschlagen?« — »Auf den Kopf.«

Schon diese Beziehungsverwechselungen zeigen den scharfen Beobachtungssinn des Volkes. Er lehrt es auch, auf doppelsinnige Sprachformen (auf doppelsinnige Wörter komme ich unten zurück) genau zu achten. Der Infinitiv bei den Verben der Wahrnehmung erlaubt eine Missdeutung; der Volkswitz lässt sich das nicht entgehen und fragt (W. 823): »Welche Kinder sehen ihren Vater taufen?« — »Die Pfarrerskinder.«

In dem Satze »Zu einem gut bewaffneten Soldaten gehört vor allem ein gutes Gewehr« gebrauche ich das zweite Partizip gleichsam als Vertreter des in der deutschen Umgangssprache fehlenden Gerundivums. Die Ungenauigkeit des Ausdrucks ist nur bei scharfem Aufpassen deutlich zu erkennen, aber das Rätsel hat sich ihrer bemächtigt und fragt: (W. 887) »Woväl Nadeln hüren to 'ne upgeputzte Bruut?« — Gor keen. 24

Noch ein Punkt sei hier erwähnt. In dem Worte »Holzkiste« kann das erste Glied sowohl den Stoff bezeichnen, aus dem die Kiste besteht, als den Zweck, zu dem sie dient, nämlich Holz aufzubewahren. Selbst dies kehrt im Volksrätsel wieder (Renk 168): »Ein hölzernes Steinhäusel?« — »Ein Kumpf für den Wetzstein.« Der unbefangene Hörer sieht in dem »Stein-« nur den Stoff, und der scheinbare Gegensatz des »hölzern« macht ihn noch verwirrter.

Damit haben wir aber schon den Boden der Etymologie betreten, und hier eröffnet sich uns der Ausblick auf ein reich gepflegtes Gebiet des Volkswitzes. Richtige und falsche Etymologien, Wortspielereien, Auflösung von Kompositis, Vertauschung zweier Synonyme oder Homonyme, dies alles geht in unsere Sammlungen ein und kaum ist es möglich, auch nur die Haupttypen hier anzuführen.

Etymologische Scherze trennen gern Zusammensetzungen. Teils richtig: »Welcher König hat kein Land?« — »Der Zaunkönig«; 25 teils willkürlich und falsch (W. 517): »Welches Tier sieht dem Menschen am ähnlichsten?« — »Musketier«.

Bisweilen werden ganze Verse gebildet, die an das wirkliche Rätsel mit seiner Kunst, den Hörer zu verwirren, wohl heranreichen (W. 905): 26

Es sass ein Mann und ass,
Er hatte nicht, was er ass.
Denn hätte er gehabt, was er ass,
Dann wäre er gewesen, was er ass. (Neunaugen.)

Innerhalb eines Satzes sucht der Volkswitz gern Redensarten oder Einzelworte heraus, die eben noch eine andere Deutung zulassen, und vor allem müssen allgemein bekannte Sätze, wie Sprichwörter, Bibelstellen und Liederverse herhalten. Darauf beruhen unsere unendlich zahlreichen »Bibelfragen«, von denen z. B. Haase, V. 5, 407 eine Blumenlese bietet. Sie beginnen mit Vorliebe »Wer war der erste . . betrachten also die in der Bibel geschilderte Kultur, wie es dem Gesichtskreise des Volkes angemessen ist, als die älteste der Welt. Sie arbeiten so gut mit Beziehungsverwechselungen, als mit Homonymen, daher sie hier ihre Stellung haben sollen. So heißt es (Haase, 293): »Wer war der erste Krämer?« 27 — »Simson, denn Gott nahm die Stärke von ihm.« Der Doppelsinn des Wortes »Stärke« wird erst recht wirksam durch den volkstümlichen Gebrauch des »nehmen« für »entnehmen«. 28 In Tirol (Renk, 24) benennt man Maria mit dem Familiennamen »Bitterlich« (denn es heißt: »Da weinte Maria Bitterlich«).

Dass einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Zeilen zu Missverständnissen Anlass geben können, beweist die Antwort, die in einer Berliner Gemeindeschule auf die Frage »Wo liegt Mantua?« gegeben wurde: »In Banden.« Ähnlich heißt es in Tirol (Renk, 18): »Woher kommt Christus beim jüngsten Gericht?« — »Von dannen.« (»Von dannen er kommen wird« u. s. w.)

Synonymische Scherzfragen sind im ganzen nicht häufig: »Wie kann man dürres Gras mit drei Buchstaben schreiben?« — »Heu«. Dagegen gibt es unzählige homonymische Scherze, die sich auf alle Wortklassen erstrecken.

Auch hier sind eigentlich die besten Stücke auf die einzelnen Mundarten beschränkt. Plump ist die Frage, welches der größte Heilige sei (Renk, 26), mit der Antwort: »Der Wiesbaum« (Heuliger), doch wird sie in Verbindung mit anderen Heiligenrätseln als plötzlicher Übergang zu einem ganz anderen Gebiete ihre Wirkung nicht verfehlen. Besser ist aber (Renk, Nr. 77) die Kaffee spendende Ziege beschrieben, die auch einen »Zucker mache«, d. h., wenn man sie kneife. Aus Norddeutschland führe ich etwa das Wortspiel zwischen »Weg« und »weg« an (W. 907): »Ts wecli, blifft wech, un ward alldag1 bruukt«, oder das von der Ziege (W. 564), die immer mehr haben will, weil sie »mäh« sagt. 29

Interessant ist die Benutzung eines geographischen Namens: »Woher kommt der Regen?« heißt es im Bergischen (Schell ,Nr. 37). »Vom Böhmerwalde« lautet die Antwort, mit Bezug auf den Nebenfluss der Donau. 30

Eine homonymische Verwechselung der verschiedenen (temporalen und lokalen) Bedeutung des Wortes »lang« liegt in der alten Scherzfrage vor: »Welche Lichter brennen länger, Wachs- oder Talgkerzen?« — »Sie brennen beide kürzer.«

Mit Vorliebe aber heftet sich das Volksrätsel an die mehrfache, teils transitive, teils intransitive, oder einmal allgemeinere, dann prägnantere Bedeutung gewisser Verben. In der Nummer 572 bei Wossidlo: »Wenn man na de Apteek rinkümmt, wat rückt am ihrsten?« ist ein Fall der ersteren Art, und man kann auch hier an der Wahl der »Apotheke« das Raffinement beobachten, mit dem der Hörer des Rätsels auf ein falsches Gebiet gelockt wird.

Die mannigfachen Bedeutungen des Wortes »machen« fordern den Volkswitz geradezu heraus. So verwirren sich die Begriffe »tun« (allgemein) und »herstellen«, »erzeugen«, »ergeben«, wenn die Frage »Was machen die zwölf Apostel im Himmel?« beantwortet wird: »Ein Dutzend«; was man ein erst vom Hörer erzeugtes Abwehrrätsel nennen könnte. Ähnlich klingt es, wenn dieselbe Antwort wohl früher von einem verlangt wurde, der in Würzburg gewesen zu sein behauptete, und den man fragte: »Was machen denn da die Brückenheiligen?« Aber dieser Lokalwitz arbeitet doch mehr mit einer anderen Bedeutung von machen, nämlich »sich befinden«. Das Verbum kann auch, mit einem prädikativen Adjektiv verbunden, soviel bedeuten, als »in einen Zustand bringen«. Die Möglichkeit, dies Prädikatsadjektiv auch attributiv zum Objekt zu stellen, ruft Scherzfragen wie diese hervor (W. 871/72): »Wat maakt de Köster, wenn he beiert?« 31 — »Krumme Finger«.

Auch das Verbum »gehen« wird in dieser Weise ausgenutzt. Natürlich berühren all solche Übergänge schon das geistige Gebiet und bewegen sich nicht mehr allein auf grammatisch-lexikalischem Boden. Man sehe W. 719: »Wohin geht die Krähe, wenn sie ein Jahr alt ist?« — »Ins zweite«. Noch schwieriger natürlich ist es, wenn ein einzelnes, bekanntes Ereignis angezogen wird: »Wohin ging Christus, als er zwölf Jahre alt war?« — »Ins dreizehnte«. Es sei hier noch das Rätsel vom Perpendikel (Renk 131): »Es geht alleweil etwas und kommt doch nicht weiter« — erwähnt.

Die Verwirrung steigert sich aber noch bedeutend, wenn die doppelte Bedeutung eines Wortes die des andern unterstützt: »Wo kommen alle Säcke zusammen?« — »Bei der Naht«. 32

Mit großer Vorliebe heftet sich der Volkswitz an Präpositionen und präpositionale Verbindungen mehrfacher Bedeutung. Ich lasse einige Beispiele folgen:

1) an (»innere« und »äußere« Berührung). W. 532: Was ist das beste am Kalbskopf? — Das Kalb. (Schon im Rockenbchl.)

2) auf (»stehen auf« = ruhen a) auf einem Teile seiner selbst, b) auf einem Fremdkörper). Renk 25: Welche Heilige stehen in der Kirche auf der rechten Seite ? — Sie stehen alle auf den Füssen. Ähnlich W. 725. »auf« wird auch mit dem adverbialen »auf« = offen vertauscht: W. 946: Wo steit de Aben auf? — Bi't Mundlock; ein Scherz, der freilich aus mehreren Gründen nur dialektlich möglich ist.

3) in. Renk, 102: Welches ist das unverfrorenste Tier? — Der Floh, er geht im Winter im Hemd spazieren.

4) nach. W. 942: Wona schütt de Jäger? — Na't Laden.

5) zu. Wozu raucht man eine Zigarre ? — Zu Asche (W. 945). Oder anders: Wer kommt zum ersten in die Kirche? — Der Zweite (oberdeutsch, z. B. Renk, 43). In niederdeutschen Dialekten unmöglich; aber »zum ersten« ist auch oberdeutsch nicht gewöhnlich, und manchmal erscheint das Rätsel alt und fremdartig dadurch, dass von der geläufigen Sprache abgewichen wird.

Noch einen Schritt weiter hinein in das logische Spielgebiet treten wir, wenn wir Homonyme ins Auge fassen, die einmal einen übergeordneten, allgemeineren, dann einen besonderen, einen Einzelbegriff bezeichnen. Hierher gehören die zahlreichen Rätsel folgender Art (z. B. W. 570): »Was sieht der Katze am ähnlichsten?« — »Der Kater«. (Katze einmal für die ganze Gattung, dann speziell für das weibliche Tier.)

Hierher gehört auch der als kürzende Bezeichnung für eine längere Wortreihe gesetzte Anfang, der gern für das Wortspiel benutzt wird: 33 »Welches ist der mittelste Buchstabe im A-B-C?« — Das B«; oder: »Was kommt gleich nach dem Vaterunser in der Kirche?« — »Der du bist im Himmel«.

Ähnlich ist der Übergang vom Allgemeinen zum Speziellen bei Wossidlo, Nr. 665: »Wennihr hett de Minsch so väl Ogen as Dag1 in't Johr?« — »An'n tweeten Januor«.

Das führt uns auf die Neigung des Rätsels, allgemeine Verhältnisse überhaupt zu spezialisieren, um die Neugier und Spannung des Hörers aufs höchste zu steigern und dann plötzlich in das allgemeine Gebiet zurückzukehren. Z. B. Renk, Nr. 195: »Wozu hat der Müller einen weißen Hut?« ist nichts als eine Spezialisierung der Frage: »Wozu hat man einen Hut?« und die Antwort lautet hier wie dort: »Zum Aufsetzen«. 34

Täglich gebrauchen wir eine große Menge bildlicher Redensarten, ohne uns noch ihrer eigentlichen Bedeutung bewusst zu sein, und um so erheiternder wirkt es, wenn uns der Volkswitz plötzlich darauf aufmerksam macht; darauf beruht der Hauptreiz solcher Scherze, wie sie von Höfer in dem Heftchen: »Wie das Volk spricht« zusammengefasst worden sind. So heisst es bei W. 923: »Wecker oort Lüd nehmen eenen alles vör de Näs' wech?« — »De Barbiere.« Noch besser in Berlin: »Wer nimmt den Leuten alles vor der Nase weg und bekommt noch Geld dazu?« Oder Nr. 794: »Wer ist hochgeboren?« — »De Adeboor.« (Der Storch) 35 In Tirol (Renk 55) fragt man: »Welches ist der höchste Stuhl in der Kirche?« — »Der Dachstuhl.« Endlich ein Beispiel aus Ruppin (Haase, V. III) Nr. 32: »Welche Augen sitzen nicht im Kopfe?« — »Die der Bäume.«

Auf einer sehr willkürlichen Vertauschung von Namen und Begriffen beruhen die (wie es scheint, vorzugsweise in Norddeutschland) weitverbreiteten Buchstabenrätsel, die oft große Dimensionen annehmen und sich in freilich meist sehr saloppen Reimen bewegen. Die allereinfachste Form ist diese (Woss. 838): »Was stellt in der Mitte von Waren?« — »Das R.«) 36

Die Macht der Analogie im volkstümlichen Denken bringt es mit sich, dass häufig ganz gemein menschliche, alltägliche Verhältnisse auf Vorgänge übertragen werden, mit  denen sie höchstens eine unbedeutende Äußerlichkeit gemein haben; das tägliche Leben füllt den Gesichtskreis des Mannes aus dem Volke so ziemlich aus. In der Mitte steht er selbst und betrachtet von diesem Gesichtspunkt aus die Dinge, die von außen in jenen Kreis hineinragen. Völlig zu erfassen vermag er sie kaum und so beachtet er sie auch nur soweit, als sie für ihn Bedeutung haben, und sucht sie an der Hand seiner alltäglichen Lebenserfahrung zu erklären; und wo diese keine Erklärung darreicht, erkennt er jene Eindrücke nicht an, er nennt sie »dumm« u. dergl. So legt er den Naturerscheinungen Absichten und Zwecke unter, wie sie ihn selbst in seinem Handeln bewegen, so, erklärt er sich ideale, geistige, religiöse Dinge höchst profan, belebt das unbelebte Gerät in Haus und Feld und. behandelt die Tiere m Hof und Stall anthropomorphisch. Wenn auch diese naive Weltanschauung durch die wachsende Kultur allmählich verdrängt wird und für das ernste Leben ihren Wert verliert, so versetzt sich doch der Mensch in Spiel und Scherz, gern in jene Auffassungsart zurück, wie eben auch unsere Scherzfragen sie vertreten.

Der mächtige Ton der Orgel mag wohl für das Ohr des Landmannes etwas an lautes Geschrei erinnerndes haben. Und nach dem im volkstümlichen Denken täglich wohl tausendmal geübten Satze »Gleiche Wirkung — gleiche Ursache« schließt die kindlich dichtende Phantasie, dass es der Or#el ebenso ergehe, wie einem Kinde,, das laut schreit — sie leidet Schmerz. Und da der Augenschein ihn darin unterstützt, indem er den Organisten sein Instrument mit den Händen bearbeiten sieht, so spezialisiert sieh der Begriff des »Schmerzenleidens« zu dem des »Geschlagenwerdens«, und man fragt, je nachdem man sich entweder an den Missetäter oder an die Gemisshandelte hält: 1. Wer ist der Zuwiderste in der Kirche? — Der Organist, er schlägt die Orgel. (Renk 39). 2. Was ist das Wehleidigste in der Kirche? — Die Orgel. Wenn man dreinschlägt, schreit sie. (Renk 33.) 37

Wie alle jene Volksrätsel, die sich mit dem Haushahne beschäftigen, sehr alt und sehr weit verbreitet sind, so auch die Beobachtung-, dass der Hahn beim Krähen die Augen schließt. Nun gilt aber der Hahn dem Volke überhaupt als ein geheimnisvoller, prophetischer Vogel, der so sprachenkundig ist, »dass man ihn aller Orten verstehen möge.« (Mannhardt, Zeitschrift f. d. Mythologie. IV, 405 ff.) So wird auch sein »Lied« gleichsam als eine verständige, auswendig gelernte Rede gefasst, die er aufsagt, wie ein Schulknabe und wie dieser, wenn er seine Sache kann, nicht ins Buch zu sehen braucht, so heißt es auch vom Hahn (z. B. Woss, 752): »Woriim knippt de Hahn sien Ogen to, wTenn he kreilit?« — »He weet sien Lex utwennig.« 38

Noch drastischer wirkt folgendes Rätsel vom Hasen (W. 756): »Worüm löppt de Has' vör'n Witten Hund duller as vör'n swarten?« — »He denkt, de liett sick 'n Rock uttreckt.«

Wenn sich der Volkswitz sogar an die Heilige Schrift heranwagt, und es (W. 592) als ein großes Wunder bezeichnet, dass sich Elias auf dem Feuerwagen keinen Schaden zugezogen habe, was das Rätsel ziemlich derb ausdrückt, so können wir uns nicht wundern, wenn es auch die geistliche und weltliche Obrigkeit nicht scheut und besonders ihre amtlichen Verrichtungen ins Alltägliche übersetzt, wodurch sie natürlich ungewöhnlich, lächerlich, sinn- und zwecklos erscheinen müssen. Am schlimmsten ergeht es dem Geistlichen, wenigstens in katholischen Gegenden. Seine Bekleidung mit dem Chorhemde lässt picht nur die Kanzel als wärmsten Ort in der Kirche erscheinen' (Renk 32), sondern auch den Pfarrer als unverschämt (ebd. 41), weil er im Hemd zur Kirche kommt, oder als dumm (ebd. 42), weil er es über den Rock zieht. Hierher gehören zumeist die in Deutschland so beliebten Fragen nach den »drei dümmsten Kreaturen«, wie sie sich am besten bei W. Nr. 564 zusammengestellt finden. 39

Falsche Schlüsse auf die Ursache haben wir auch festzustellen, wenn man von dem Schmutz auf der Strasse sagt, er sei das stärkste Tier, weil es niemand aufhebt (Renk 198) und ein Fehlschluss in umgekehrter Richtung lässt es als das Beste an der schwarzen Kuh erscheinen, dass sie wenigstens weiße Milch gibt. (W. 593).

Zunächst müssen wir noch einen Blick auf das Gebiet der allbelebten Tonversetzungen werfen. Ihr Wesen besteht meist darin, dass eine Frage, gewöhnlich durch »warum?« eingeleitet, sich scheinbar auf den Inhalt des ganzen Satzes, in Wahrheit aber nur auf ein einzelnes Wort bezieht. Bisweilen sind die Antworten etwas satirisch gefärbt, z. B. Woss. 765, wonach der Nachtwächter ruft: »Hört« Ihr Herren und lasst Euch sagen...« weil die Frauen sich doch nichts sagen lassen. Sonst wird gern das Prädikatsverbum betont: W. 780: »Worüm pickt de Hahn uppe Ter [Erde]?« — »Weil er nicht lecken kann« u. v. a. Natürlich spielt auch hier eine Vermengung der allgemeinen und speziellen Bedeutung mit. Jedes spezielle Wort (wie oben »picken,«), wird in der Umgangssprache unzählige Male in allgemeinem Sinne gebraucht (also oben — mit dem Munde, Schnabel etc. die Erde berühren), wie sich ja die Sprache zuerst die speziellen Ausdrücke bildet und dann erst. zu allgemeineren aufsteigt. 40 Die Frage berücksichtigt nun die besondere Bedeutung gar nicht, die Antwort dafür um so mehr. Man vgl. etwa noch (die Zahl der Beispiele ist unendlich): 41 »Wieviel Flöhe gehen auf ein Pfund?« — »Gar keiner, sie hüpfen,« was noch dadurch interessant ist, dass die allgemeine Bedeutung des »gehen« in übertragenem Sinne gebraucht wird. 42

Mit der Betonung hängt auch die Trennung zusammengesetzter Wörter, Komposita und dergl. zusammen. Auch die Interpunktion wird zu Verwirrungen benutzt. Hier nur einige Beispiele: »Kennst Du die Schaf und Gaisgagel von einander?« — »Ja, das eine sind Schaf, das andere Dreck.« (Renk 79). — Zusammenrückungen wie Dikurante Bissifiel (Die Kuh rannte, bis sie fiel), die überall weit verbreitet sind, gehören mehr ins Gebiet des Kinderspiels. — Weit bekannt ist das Wort:

Ein armer Mann in meinem Land,
Der hat zehn Finger an jeder Hand
Fünfundzwanzig an Füssen und Händen,
Wer kann mein Rätsel drehen und wenden?

Auch in England sagt man:

Every lady in this land
Has twenty nails upon each hand,
Five and twenty hands and feet,
All this is true without deceit. (Hall., S. 82, nr. 157.)

Alle diese Rätsel erlauben, dass man die Lösung bei scharfem Hinhören und Überdenken etwa alter möglichen Betonungsweisen findet, und das geht so weit, dass bisweilen die Lösung schon im Rätsel selbst versteckt liegt: »Lirumlarumlöffelstiel, wie kann man das mit drei Buchstaben schreiben?« — d a s. Ganz ähnlich schottisch:

Pease-porridge hot,
Pease-porridge cold,
Pease-porridge in a caup [coup],
Nine days old:
Spell me that in four letters. T-h-a-t.

(Chambers, Nr. 4).

Noch verwickelter ist ein englisches Rätsel (Hall. nr. 149)*

Thomas a Tattamm took two Ts,
to tie two tups to two tall trees,
to frighten the terrible Thomas a Tattamus;
Tell me how many Ts there are in all That. (2 T.)

Ganz und gar aber beruht auf der im Rätsel selbst versteckten Lösung die große, in England fast noch lieber als in Norddeutschland 43 gepflegte Gruppe der Namenrätsel. Zwei Abteilungen lassen sich auch hier wieder scheiden:

1) Der Name ist. ein alltäglich gebrauchtes, daher im Zusammenhange nicht auffälliges, kurzes Wort. (W. 954):

Kieljus Kroljus 44 hatt'n Hund,
Der gab ihm einen Namen aus seinem Mund.
Also hieß Kieljus Kroljus sein Hund? »Also«.

Für »Also« steht auch gern: »Wie«, in Niederdeutschland: »Wo«. Auch das Wort »und« wird als Eigenname gebraucht (W. 960):

Jemand und Demand de buugten en Huus,
Jemand güng vor rut, Demand güng hinnen rut,
Wer bleef dorin? 45

In England hat man oft ganze Gedichte, worin der betreffende Name (oft mehrmals) vorkommt; der Ratende wird noch besonders darauf aufmerksam gemacht und damit geneckt, dass er es trotzdem nicht errate. So liest man bei Halliwell (Nr. 155) nach längerer Einleitung folgende Strophe:

There's the dog, Take the dog;
What's the dog's name?
I've told you already.
Pray teil me again. Der Hund heisst »Take«. 46

An unser Rätsel auf »Wie« erinnert die schotttische Fassung bei Chambers (a. a. O. Str. 12b.)

As I lookit owre the castlewa',
I saw a ship sailing;
Wat was the king's narne
In that ship sailing? . . .

Das Necken des Ratenden haben wir auch in einem deutschen Rätsel auf »Was« (W. 955):

Ick was mal eens in Böhmzerland,
Un Böhmzerland was mi bekannt.
Dor keemen de Landsherren in de Müöt 47
De frögen mi, wur mien lütt Hündken heet.
Mien lütt Hündken sien Naam was mi vergäten;
Heff't dreemal secht, sass't noch nich weeten.

Die Wirkung wird hier noch dadurch verstärkt, dass »Was« oder »Wasser« ein in Mecklenburg beliebter Hundename ist. Das führt uns aber schon zur andern Abtheilung:

2) Ein wirklicher Name wird, vielleicht in veränderter Aussprache, in verkürzter Form, in Zerlegung seiner Silben, homonymisch gebraucht und im Rätsel versteckt.

Wir betreten noch einmal schottischen Boden und finden (bei Chambers, 12 a) ein Spiel zwischen der schottischen Form Hugh des Namens »Hugo« und dem Worte: »How«, auch in schottischer Aussprache.

Doum i' yon meadow
There sails a boat,
And in that boat,
The king's son sat.
I' me aye telling ye,
And ye 're never kenning.
Ho o they ca' 48 the kings son,
In yon boat sailing?

Dadurch wird auch das Spiel mit dem Namen »Und« im Englisch-Schottischen noch witziger (Greg., Nr. 123 49): An ist sowohl and als Ann, Anna:

An' it's neither Peg, Meg nor Margit,
It's my true love's name.
An' it's neither Peg, Meg nor Margit,
An' — thrice I've told her name.

Oder Andrew = and drew:

As I was going o'er Westminster bridge,
I met with a Westminster scholar;
He pulled off his cap an drew off his glove,
And wished me a very good morrow.
What is his name?

So gibt es auch im Deutschen doppeldeutige Namen, z. B. den Hundenamen »Pfiff«; Schell, Aus dem Bergischen (V.3, 296, Nr. 41): »Karl sass vor der Thür und Pfiff. Karl pfiff nicht und doch sass Karl vor der Thür und Pfiff.« 50

Wir werfen noch einen Blick auf eine letzte Gruppe, die scherzhaften Rechenaufgaben. Diese bieten, soweit sie eben nicht ernst gemeint sind, und damit unter die »Wissensproben« fallen, nur zum Scheine sehr schwierige Exempel dar, je ungeheuerlicher, desto besser. Ganze Parallelreihen treten auf und steigern die Multiplikation. Der Witz besteht aber darin, dass an der ganzen Aufgabe überhaupt nichts zu rechnen ist, weil sie durch das Hervorheben eines Wortes, durch eine geringe Tonversetzung, in eine nichtige Scherzfrage zusammenfällt, was um so erheiternder wirkt, wenn der Ratende wirklich die schwere anstrengende Aufgabe zu lösen sich bemüht. W. 892:

Kenn'n Mann von Liepen,
De hadd fief Kiepen,
In jede Kiep' fief olle Kalten,
Jede oll Katt hadd fief Jung',
Woväl Been giingen na Lipen?

(Twee. De Katt hetten Poten.)

Ganz ähnlich ist eine englische Fassung (Halliwell, 132):

As I was going to St. Ives,
I met a man with seven wives,
Every wife had seven sacks,
Every sack had seven cats,
Every cat had seven kits:
Kits and cats, sacks and wives,
How many were there going to St. Ives?

Natürlich geht nur einer nach St. Ives, nämlich der Erzähler. Denn die anderen, die er traf, kamen schon von dort.

Hierzu gehören auch die scheinbar so schwierigen Verteilungsaufgaben. Sie sind meist dadurch sehr leicht lösbar, dass mehrere zu beteilende Personen in eine zusammenfallen. Auch sie sind in England sehr beliebt und treten gern in Reimstrophen auf. W. 901 (sehr weit verbreitet):

De Köster un sien Söster,
De Preester un sien Fru,
de güngen dörch de Heid un fünnen en Vagelnest mit vier Eier;
jeder nehm een rut, dor bleef doch noch een in.

(Des Küsters Schwester war des Pastors Frau.)

W. 902:

Zwei Väter und zwei Söhne
Die schössen drei Hasen schöne.
Ein Jeder trug einen ganzen
In seinem Kanzen. (Es sind Großvater, Sohn und Enkel. 51

Das mecklenburgische Rätsel vom Küster und Pastor kehrt in eigener Fassung (mit einem vorgeflickten Teile einer älteren Rechenaufgabe?) im Schottischen wieder:

Three hail cakes,
Three half cakes,
Three quarters o 'anither,
Atween the piper and his wife,
And the fiddler and his mither,
Divide xoithout breaking the cakes.

(The piper's wife is the fiddler's mother) 52

Näher steht dem deutschen Rätsel ein schwedisches:

Pfesten ocli prestcns husfru,
Klockarn och klockams dottcr
Gingo pa en bred wäg,
Kommo tili fyra ägg,
Togo sig kwar eitt;
ett blof änd ock quar. 53

Alle Personen fallen auch wohl in eine zusammen. Hall., 131:

Elizabeth, Elspeth, Betsy and Bess,
They all went together to seek a bird's nest,
They found a bird's nest with five eggs in.
They all took one, and left four in.

Oder Chamb., 18:

A priest, and a friar, and a silly auld man,
Gaed to a pear-tree, where three pears hang.
Ilka ane took a pear. How many hang then?

Mit diesen rasch herausgegriffenen Beispielen schließen wir die Besprechung der unwirklichen Rätsel. Eine Gruppe aber nimmt eine eigentümliche Mittelstellung zwischen diesen und den wirklichen Rätseln ein: die Zweideutigkeiten. Ihre äußere wie innere Form, ihr Metrum und ihr Stil, ihre Lösbarkeit weisen sie den wirklichen Rätseln zu. Aber insofern sie bestimmt sind, den Hörer in Verlegenheit zu setzen, ihn zu verwirren, stellen sie sich doch auf die Seite der Scherzfragen. Ihre Deutung ist eine doppelte; einmal ist die Lösung ganz natürlich, dem alltäglichen Leben entnommen, andererseits aber können sie auch auf eine ganz andere Art gedeutet werden, und suchen durch ihre Einkleidung den Hörer auf eine Lösung zu bringen, .die an ganz andere Saiten des menschlichen Herzens appelliert als jene erste. Bisweilen, aber nur sehr selten, ist die Deutung ins Hohe, Ideale, auch wohl Religiöse möglich, und wird dann durch eine recht triviale Erklärung des Fragestellers umgeworfen; ohne dass wir nötig hätten, hier weiter in das große Gebiet der Allegorie einzudringen. In den weitaus meisten Fällen sinkt die scheinbare Lösung tief in das Gemeine, Niedrige, Obszöne hinab. Wir müssen hinzusetzen, dass diese gefährlichen Scherze einen großen Teil unserer Rätselliteratur ausmachen, dass sie aber nicht bloß bei uns, sondern bei allen Völkern, nicht zum mindesten bei den Slawen, massenhaft auftreten.

Bei einer stilistischen Untersuchung fallen die Zweideutigkeiten unter die wirklichen Volksrätsel und sind dort, je an ihrer Stelle, mitzubehandeln. Hier folge nur noch ein Beispiel jener seltenen Art, wo religiöse Motive herangezogen werden. Das alte Rätsel steht am Anfange des »Straßburger Rätselbuches« und lautet:

Es ist von oben herab kommen,
Hat vill Leydens an sich genommen,
Von Hitz, Keltd vnd Beschneyden.
Noch vill meer müsst es leyden.
Hot nit lang doheym gesogen,
In die Frembt ist es gezogen
Mit Fiech vnd Leutten so es het,
Sein Leger waren nit linde Bet.
Lust noch Freud es nie begert,
30 Pfenning was er wert.
Verkaufft, gefangen, gebunden ward
Es hart geschlagen, gezogen, gefurt manch Fart,
Ein Kreutz gemacht, daran gespert,
Niemand ward funden, der do wert.
Sein Seit verwondt vnd ander Glider,
Nirgend geschont hoch oder nider,
Daraus flössen heilsam Bronnen,
In der Finster gantz on Sonnen.
Einem yeden Menschen zu gut,
Der sich dar zu schichenn thut.

Jeder Hörer glaubt, eine gereimte Darstellung des Lebens Leidens und Sterbens Jesu Christi vor sich zu haben. Aber die Antwort lautet:

Ein Weinfass, Das kompt vom Baum herab, leydet Hitz so es gebrühet wird in heissem Wasser, vnd auch Kelt zu seiner Z«eit. Vnd von dem Bender geschnitten. Es säugt oder facht den Wein nit lang an ein Ort, sondern wird gefürt vnd gezogen in die Fremdt von Pferden vnd Furieuten. Sein Leger ist hart, ein klein Fass gilt 30 Pfenning. Wird gefangen, so es die Reyff hat. Gebunden, geschlagen, gezogen, gefürt hin vnd her, das Krütz vff dem L/egner mit Schließen gespert. Die Wohdten ist der Punt. vfrd die Zapfenlöcher, daraus fleüst der Wein. Eim yecten zu Nutz der yn braucht. In der Finster gantz on Sonnen das ist in dem Keller.

Die wirklichen Volksrätsel

Als ich im Jahre 1897 in Berneck oberfränkische Kinderreime sammelte, bekam ich auch folgende Verse zu hören:

Mit dem Pfeil, dem Bogen ...

Uf'm Bergli bin gesässe ...

ein Beweis, dass das Volk seine eigenen Dichtungen, sein ererbtes Stammgut von der ihm von außen her zugeführten (in unserem Falle im Kindergarten erlernten) Poesie nicht mehr zu scheiden weiß. Das ist eine Erfahrung, die jeder Sammler auf dem Gebiete der Volkskunde machen wird, und die ihn zur Vorsicht mahnen soll. Gewiss ist es wertvoll, zu wissen, was überhaupt im Volke umläuft, aber es ist nicht angebracht, in kritischen Sammlungen die Erzeugnisse der Kunstdichtung immer wieder von Anfang bis zu Ende abzudrucken. Die Frage nach dem Verhältnis von Volks- und Kunstlied ist aber noch offen. Und der Weg, sie zu löset», besteht wohl kaum darin, nach einem »Dichter« zu forschen, auf dessen »Kunstlied* ei& sogenanntes Volkslied zurückgehe. Auch kann der Kunstdichter seinerseits aus der Volkspoesie geschöpft haben, und die Entscheidung ist oft schwierig. Wie viel mehr in älterer Zeit? Den besten, sichersten Erfolg verspricht die gründliche stilistische Erforschung unseres Schatzes volkstümlicher Poesie und die Vergleichung mit de« Reichtum anderer Völker.

Für das Rätsel liegt die Sache nicht ganz so schlimm, wie für das Volkslied. So viele Rätsel auch von außen her zu uns gekommen sein mögen — diese Einwanderung geschah zu einer Zeit, da der schaffende poetische Geist unseres Volkes noch lebendig, wach und mächtig war, dann hat sich das Volk auch ganz und gar der Fremdlinge bemächtigt, sie nach seiner Art völlig umgemodelt und ihnen den eigenen Stempel in Stil und Metrum aufgedrückt. Natürlich ist schon in der Wahl des Stoffes, in der Aufnahme des andringenden Gutes der Volksgeist tätig gewesen. Aber hier muss sich der Forscher bescheiden. Wir wissen nicht und werden nie wissen, wie viel das Volk kennen gelernt hat und was es verworfen hat. Selbst wenn ein Rätsel in den alten lateinischen Sammlungen sehr häufig ist und in allen Sammlungen unserer Tage fehlt, so ist daraus noch kein Schluss zu ziehen. Es könnte ja beispielsweise ein ausgeprägt katholisches Stück sein, das natürlich bei Wossidlo nicht zu finden sein wird, und das vielleicht im katholischen Volke Süddeutschlands gang und gäbe ist, aber bei der unverhältnisrnäßig schlechten Pflege, die dem oberdeutschen Rätsel bisher zu Teil geworden ist, der Aufzeichnung entbehrt. Und selbst wenn wir. .endlich einmal die ersehnte bayerische Rätselsammlung haben und auch liier diese und jene Nummer nicht finden, ist es doch möglich, dass sie noch bis vor wenig Jahrzehnten lebendig gewesen und erst in der letzten Generation ausgestorben ist.

Woher nun aber das Volk auch seine Rätsel haben möge, ob aus eigenem Schaffen oder aus der Fremde; alles, was das Volk ihm angemessen aufgenommen hat. alles, was es nach seiner Eigenart umgewandelt, eingedeutscht hat, ist sein unbestreitbares literarisches Eigentum.

Bestreitet man doch eines Dichters Eigentumsrecht nicht, wenn er einen Stoff nimmt, woher er will, und ihn .nach seiner Art behandelt. Ja, man ist ja längst darüber einig, dass es eine völlig neuschöpferische Genialität in der Poesie nicht mehr gibt, dass es immer wieder die alten Stoffe und Motive sind, und nur in der Behandlung die große künstlerische Persönlichkeit sich offenbart — genau wie in der Volkspoesie, wo die alten Keime je nach dem Erdreich, das sie finden, reichere oder spärlichere Frucht tragen. Darum dürfen wir uns der Quellenfrage, die für andere Untersuchungen sehr wichtig ist, wohl entschlagen.

Um so wichtiger aber ist es, den Stil festzustellen und festzuhalten, um dem Volksrätsel sein Recht gegen das moderne Kunsträtsel zu sichern. Niemand wird sich der vollen Würdigung der Schillerischen oder Schleiermacherischen Rätseldichtung verschließen. Und auch ihr, oft recht unähnliches, modernes Gefolge mag im Salon, in Journalen u. dgl. seine Stätte haben. In wissenschaftliche Sammlungen aber sollten keine Machwerke eindringen, wie dieses: 54

Eins, zwei, drei, ihr Jagdgesellen!
Macht euch fertig schnell zum Schuss!
Lasst die Hunde wacker hellen u. s. w.

Solche Verse sind nicht populär und werden es hoffentlich nie werden. Die stilistische Beschreibung des Volksrätsels wird die Spreu vom Weizen sondern helfen. Um den großen Unterschied zwischen Kunst- und Volkspoesie von vornherein recht deutlich auszuprägen, stelle ich die schöne Schillerische Dichtung »Das Schiff« mit einer deutschen und einer schottischen Fassung desselben Gegenstandes aus dem Volksmunde zusammen. Der grundverschiedene Stil ist ohne weiteres klar. Schiller:

Ein Vogel ist es, und an Schnelle
Buhlt es mit eines Adlers Flug;
Ein Fisch ist's und zerteilt die Welle,
Die noch kein größres Untier trug:
Ein Elefant ist's, welcher Türme
Auf seinem schweren Nacken trägt:
Der Spinnen kriechendem Gewürme
Gleicht es, wenn es die Füße regt.
Und hat es fest sich eingebissen
Mit seinem spitz'gen Eisenzahn,
So steht's gleichwie auf festen Füßen
Und trotzt dem wütenden Orkan.

Mecklenburgisch (Wossidlo 101):

Dor flücht'n Vagel stark
wol na dat groot Mark.
Wat dreht he in sinen Kropp?
Dree Draht Dropp.
Wat drecht he in sien rechten Been?
Schier un Sliepsteen.
Wat drecht he in sien linken Been?
Hamer un Tang.

Schottisch (Chambers, Nr. 16):

As I gaed to Falkland to a feasi,
I met witht an ugly beast. —
Ten tails, a hunder nails,
And no a fit [foot] but ane.

Wenn wir nun zum Volksrätsel selbst übergehen, so wird der Blick fast geblendet durch eine unerschöpfliche Fülle der Formten. Äußere und innere Form, Metrum und Stil wechseln bunt ab* ein und dasselbe Rätsel verbindet von Alters her oder durch spätere Vermengung höchst ungleichartige Bestandteile, und der erste Herausgeber, der sich ernste Mühe um eine vernünftige Anordnung gegeben hat, Richard Wossidlo, gesteht selbst seine Verlegenheit ein, die er oft bei der Unterbringung dieser oder jener Nummern verspürt habe. Auch uns werden sich für die Einordnung oft Schwierigkeiten ergeben. Immerhin finden wir, dass man doch, vom Einfachen zum Verwickelteren aufsteigend, gewisse Gruppen unterscheiden kann. In den meisten Fällen haben wir einen einzelnen Gegenstand,, der uns (auf welche Weise, wird sich weiterhin ergeben) geschildert wird. Mehr Leben gewahren wir schon, wenn die einzelnen Teile des Objekts (natürlich nicht alle, wie im Kunsträtsel, sondern nur jene, die dem Volke am meisten auffallen) für sich oder neben dem Ganzen dargestellt werden. Das führt uns weiterhin zu solchen Rätseln* die sich mit mehreren, ein Ganzes ausmachenden Einzelgegenständen beschäftigen, und endlich sind die Fälle nicht selten, wo mehrere Dinge, frei für sich, neben oder gegen einander auftreten.

Diese Beschreibungen, die durchaus nicht ganze Sätze zu sein brauchen, sondern oft nur in einer bildlichen oder schildernden oder tonmalenden Benennung, auch wohl in der Verbindung einer solchen mit einem ausführenden Satze bestellen können, bilden den eigentlichen Kern, die Hauptsache des ganzen Rätsels. Ohne sie ist es nicht möglich, oder — »unwirklich«. Zu diesem schildernden Kerne aber treten oft noch ganz andere Bestandteile hinzu. Wenn wir jene beschreibenden und benennenden Stücke vielleicht als »Kernelement« bezeichnen können, so wollen wir dem gegenüber ein »Rahmenelement« hinzufügen. Darunter verstehen wir Sätze und Formeln, die am Anfang und Ende der Rätsel stehen, um unser Interesse für sie zu erregen, unsere Spannung zu erhöhen, die dem Ratenden die Schwierigkeit deutlich vor Augen führen, und in der sicheren Erwartung, dass er die Lösung doch nicht finden werde, gewagte Versprechungen von hohen Belohnungen nicht scheuen, die bisweilen noch an die gute alte Zeit der ernsthaften Rätselwettkämpfe erinnern. Wenn wir noch erwägen, dass nicht selten im Rätsel ein scheinbarer Gegensatz ausgedrückt wird, d. h. eine Eigenschaft in die Beschreibung eintritt, die mit einer andern im Widerspruch steht, und dies für die Spannung sehr Wertvolle Element vielleicht als das »hemmende« bezeichnen wollen, so würde ein »Normalrätsel« der oben bezeichneten ersten Gruppe etwa folgende Anordnung zeigen: 1) einführendes Rahmenelement; 2) benennendes Kernelement; 3) beschreibendes Kernelement; 4) hemmendes Element; 5) abschließendes Rahmenelement.

Solche Normalrätsel sind aber sehr selten. Ich könnte allenfalls einen Fall hier als Beispiel anführen (W. 40 e):

1) In meines Vaters Garten

2) Seh ich sieben Kameraden,

3) Kein ein 55, kein Bein,

4) Kann niemand erreichen.

5) Wer dieses kann raten
     dem will ich geben einen Dukaten,
     Wer dieses kann denken,
     dem will ich einen Louisdor schenken.

Meist fehlt das eine oder andere Rahmenelement, oder alle beide, noch öfter das hemmende Stück. Da dies aber im allgemeinen mit denselben Mitteln arbeitet, wie die Kernelemente, so bedarf es keiner gesonderten Betrachtung. Wohl aber müssen wir, um nachher desto freiere Hand zu haben, einiges vorausschicken über die Rahmenelemente.

WEITER

Im allgemeinen ist zu sagen, dass der Engländer 56 und der Norddeutsche die Umschließung des Rätsels weit mehr zu lieben scheinen, als der Oberdeutsche und der Romane. Da ich . zum Beispiel in den beiden Sammlungen von Rolland (man hat nämlich außer den Devinettes ou enigmes populaires de la France 1877 noch den wichtigen Band »Rimes et jeux de Tenfance« heranzuziehen, der als 14. Band der großen Sammlung Les literatures populaires de toutes les nations, Paris, Maisonneuve et Cie. erschien und auf S. 193-217 auch 88 Rätsel enthält) keine Einzige Schlussformel antraf, so sah ich mich in den dialektischen Sammlungen um, fand aber selbst in der sehr reichhaltigen Zusammenstellung für Armagnac bei Blade nur ein einziges sicheres Beispiel, wo der Reim den alten Schluss erhalten hat, Nr. 15 (»Der Hahn«):

Buraguin, Baragan, Debinaratz pas d'engo an!

(Vou8 ne le devinerez pas de cttte annee).

Im Italienischen kommen die Formeln eher vor, aber auch nicht eben häufig. Als Beispiel für eine allerdings im Vergleiche zum Deutschen ziemlich zahme Belohnung sei hier angeführt (Pinie):

Alto alto padre

Bassa bassa madre

Fijolini neri, Nipotini bianchi, Chi ce 'ndovina 'n paro di guanti.

(Aus: A. Gianandrea, indovinelli marchigiani bei Pitre im Arch. d. trad. popol. I).

Wir besprechen 1. die einführenden Rahmenelemente und betonen, um Verwirrungen vorzubeugen, gleich im Anfang, dass die Einführung für sich besteht und nichts mit der etwaigen bildlichen Einkleidung des Rätsels zu thun hat, sich also völlig loslösen lassen muss, ohne den »Kern« irgend zu berühren. Man vergleiche etwa ein schweizerisches Rätsel über die vier Elemente35):

Es seit de gross Alexander, Es lanfld vieri mit enander; S'erst lauft und wird nit matt . . .

mit der mecklenburgischen Fassung36):

Es sind vier Brüder in der Welt, Die haben sich zusammengestellt, Der eine läuft und wird nicht matt . . .

Jenes fügt zu der Einkleidung noch eine Einführung, zu der es durch den Reim kam.

Seltener ist der Fall, dass eine Einführung sich durch ein mehrteiliges Rätsel, in gewissen Veränderungen, hinzieht, wie in dem schönen, mannigfach variirten französischen Rätsel von den Himmelskörpern:

Ma sceur a une pomme Qu*eile ne peut couper; Ma mere a un foulard Qu'elle ne peut ploytr; Mon pere a des ecus Qu'il ne peut compter.

Die dreimalige Einführung, durch ihren Parallelismus charakteristisch, hat mit dem Kerne des Rätsels nichts zu

thun, sie könnte wegbleiben und durch ein prosaisches »il y a« ersetzt werden. Aber die Nennung von Schwester, Mutter und Vater, die der Fragesteller wie seine eigenen nennt, bringt uns die Gegenstände der Frage so nahe, wie er selbst uns steht. Dagegen handelt es sich nicht um eine Einführung, sondern um eine Einkleidung, um ein Bild, im englischen Sternenrätsel37):

I have a little sister, They call her peep, peep;
She wades the waters deep, deep, deep,
She climbs the mountains high, high, high,
Poor little creature she hos but one eye.

Was nun die verschiedenen Formen der Einführung betrifft, so ist zunächst die einfache Aufforderung zum Raten zu nennen. Dies Rahmenelement kann sowohl am Anfange, als am Schlüsse des Rätsels stehen und ist in der ersteren Stellung in Deutschland sehr wenig beliebt. Es sei hier die tirolische Formel angeführt (Renk 155): »Ich gieb was zu raten,« die sich im Reime auf »thaten« erhalten hat. Mehr Belege bietet das Englische: Riddle-me, riddle-me, what is thatf (Hall. pop. rh. S. 142). Oder, allisterierend fortgesponnen: Riddle-me, riddle-me, rot-tot-tot. (Chambers, Nr. ll\ auch substantivisch: A riddle, a ridde, as 1 suppose. (Hall. nurs. rh. 128) oder, noch origineller: rßee! see— »ivhat 8hall I see?*

Italienisch steht eine solche Formel gelegentlich reimend, doch selten: 'Ndovina 'ndovinaja (: paja); bei Gian-anandrea, a. a. 0.

Aus dem Französischen könnte ich nichts anführen. Es behilft sich meist mit Wendungen wie: Qui est — ce qui... Qv? est — ce que ... Quelle chose est — ce qui..italienisch etwa: Qual e quella cosa . . . Cos9 e u. dgl.

Wenn man keine direkte Aufforderung zum Raten aussprechen, sondern nur das Interesse erwecken will, so genügt es hierzu schon, wenn ein Ortsname genannt wird. Es ist aber auch hier Vorsicht geboten. Oft gehört der Name zur Einkleidung. Wenn es im Rätsel vom Ei z. B. heisst:

Zu Weissenburg im Dome Steht eine gelbe Blume,

so gehört Weissenburg als benennende Bezeichnung der Eierschale (»Dom* von der Gestalt) mit zum Kerne des Rätsels selbst. Die Namen in der Einführung geben entweder eine Stadt an, einen Ort, der dem betr. Stamme ganz besonders vertraut ist und deshalb bisweilen an die Stelle jener alten bedeutsamen Namen des Rätselkernes tritt (so in Schlesien Breslau: »In Brass'l aim Tumme etc.«) oder es wird ein Name durch den Reim bedingt, und vielleicht ein zweiter durch Alliteration oder Assonanz gefunden. Vergl. etwa aus dem Ostfriesischen (Windmühle);

Tüschen Loge un Leer, Dar steit'n wunderlich Deer1).

Wie übrigens Rahmen- und Kernelemente neben einander treten, ja einander verdrängen können, lehrt das Rätsel vom Ei (W. 32):

Zwischen Berlin und Kopenhagen Liegt 'ne goldne Uhr begraben.

»Kopenhagen für die »Kuppe« des Eis ist sehr wohl zu verstehen; aber Berlin kann für den Mecklenburger höchstens die Bedeutung haben, wie Breslau für den Schlesier, gehört also zu den Rahmenelementen. Wie die Bezeichnung hineingekommen ist, lehrt eine Variante: »In Kopenhagen liegt eine goldene Uhr begraben,« d. h. innerhalb der Schale das goldgelbe Ei (Dotter). Da man aber von vielen Rätseln her

l) Das Werk von Hermann Meier: 200 plattdeutsche Rätsel aus dem Volksmunde der Ostfriesen war mir nicht zugänglich. Ich benutzte den Rätselabschnitt seines Werkes: »Ostfriesland«. S. dort Nr. 17.

(vgl. jenes friesische von der Windmühle) der Zusammenstellung zweier Ortsnamen mit »Zwischen« gewohnt war, so griff man später, wo vielleicht »Kopenhagen* in seiner alten Bedeutung nicht mehr klar war, sondern die nordische Hauptstadt38) bedeutete, zu einer zweiten Hauptstadt, und so kam Berlin, nach einer Variante auch Stettin, in das Rätsel hinein.39)

Wenn kein Ortsname angegeben ist, so sind doch in Niederdeutschland andere Ortsbezeichnungen sehr beliebt, und vielleicht noch mehr als jene geeignet, die Aufmerksamkeit zu erregen. Der Fragende stellt den Gegenstand als etwas in seiner nächsten Nähe, in oder bei seinem Hause befindliches dar.

In Braunschweig herrscht die Einleitung vor: »Hinner usen Huse.«40) Da steht der Bienenkorb, ragen die Bohnen, wächst der Kohl. Auch in Mecklenburg ist die Formel ! »achter unser Hus« sehr beliebt.41) Die Häufigkeit geht wohl auf die Bequemlichkeit zurück, womit das Wort auf gewisse dunkle, allgemeine und als Benennung für alle möglichen Dinge gebrauchten Worte reimt, z. B. Perlepuse (etwa: Eiszapfen) oder Kunkelfuse42) (etwa: Bienenkorb). Ein gebräuchliches Reimwort ist auch »krus« (kraus oder Krause), und wenn dieses nicht überall so bequem einzusetzen ist, wie etwa beim Kohl:

Hinner usen Huse

Steit ne Krickelkruset (Andree, S. 854.)

so bildet man wieder eine solche allgemein giltige Benennung, den Eigennamen »Peter Kruse«, also etwa vom Maulwurf:

Achter unser Hus'

Haakt Peter Krus\ (W. 53 a.*)

Spezieller wird auch die Art des Hauses angegeben (W. 50): »Achter minen Vater sinen Katen«. Oder ein Teil des Hauses (W. 46): »Hinner uns43 Kammer« (im Reime auf: Hammer).

Soll dagegen diese Ortsbezeichnung' keine Vollzeile, sondern nur eine Halbzeile bilden, so setzt der Mecklenburger, dessen schwere, langsame Aussprache »Hinter üsem Hüse« sich nicht in die schnellere »Hinner üsen Hüs da ---« verwandeln kann, lieber: »In unsern Hof dor is . . .«44) u. dgl.

In Mecklenburg wird auch gern der »Garten« herein gezogen, der sehr bequem assoniert, z. B. »In meines Vaters Garten« W. 40 (: Kameraden), woraus W. 42 »Leoparden« werden. Doch wird auch, besonders in hochdeutschen Texten, diese Ortsbestimmung reimlos erhalten W. 38: »In meines Vaters Garten steht ein Baum, hier ein Baum und da ein Baum« (folgt ein rhytmisches Kettenrätsel von der Bohne). Auch »Hinter unseres Herren Garten« (: Kameraden) tritt auf (W. 41).

Ich füge hiierzu aus dem Englischen: At the end of my yard there is a val (Hall. pop. rh. S. 146) und im Reime aus dem Schottischen: There stands, a (man) tree at our hou8e end. (Chamb. Nr. 2). Den engen Raum des eigenen Hauses verlässt das Rätsel schon, wenn es heisst: »Twischen uns1 Huus und Nawers Huus« (W. 53b) oder »Achter Schulten Schüün« (im Reime auf »Peter Prüün«, eine gleiche Bildung wie »Peter Kruse«).

Das berühmte Rätsel vom Menschen wird gern durch eine kurze Ortsbestimmung eingeleitet Meier (Ostfriesl. Nr. 23): »Up de Diek, dahr stahn twee Palen«; in Mecklenburg mit Binnenreim: »Uppe Däl stahn twee Pöl«, u. ä. (W. 164).

Neben diese Ortsbezeichnungen tritt nun aber noch eine andere, minder deutliche Art der Einführung, die Klangzeile. Wir hatten schon den schottischen Vers: Riddle-me, riddle-me, rot-tot-tot, wo die Aufforderung zum Raten alliterierend und dann assonierend fortgesponnen war. Das gleiche Mittel, durch Klangwirkung die Aufmerksamkeit zu erregen, ist im Niederdeutschen beliebt; während aber jene schottische Zeile in ihrem Kerne doch einen Sinn enthielt, haben wir hier blosse Klangwörter, die vielleicht für sich und an anderer Stelle eine gewisse Bedeutung haben mögen, hier aber nicht. Ihre Bildung ist folgende:

A. Auf den Schluss der ersten Zeile des »Kernes« wird ein Reim gebildet: a. Am einfachsten W. 71 (Spinnrad): Wuppdi! Ick will hüt Abend up Di] — b. Oder mit Wiederholung: Ole, Ole, He set bi mi up'n Stole (W. 62).

B. Vor das Reim wort tritt ein anderes oder mehrere, die mit ihm in Klangverbindung stehen, a. Allitterierend: ein Ansatz schon W. 68: Peterzillenzipp, Ik heff 'n Ding, dat wippt. Ausgeführter: Rüe, rüe, rip, Wo gäl is de Pip (allgemein bekannt). Oder: Rim, ram und runt, Rund herüm sin 7k bunt.Ä) — b. assonierend. Dies kann ich niederdeutsch weniger nachweisen; doch z. B. aus Schlesien: Ruut, ruut, guut, Fläsch an kä Bluut.45)

Noch einen Schritt höher steigen wir hinauf, wenn der Frager uns Ort und Stelle angiebt, wo er den fraglichen Gegenstand erblickt, den Vorgang mit angesehen hat. Gegenüber den oben geschilderten Ortsbestimmungen sind diese rein subjektiv gehaltene subjektive Situationsangaben, a. Auch hier haben wir bisweilen wirkliche Ortsnamen, die aber mit dem Kerne des Rätsels wenig zu thun haben, z. B. im Schottischen (Chamb. 15, 16):

As I gaed oiore Bottle-brig ....

As I gaed to Falkland to a feast46) . . . .

und englisch (Hall. nurs. rh. 125):

As I went over Lincoln bridge

u. ä.47) Dagegen scheint die Formel (Hall. pop. rh. S. 156)

As I went ower Hott ery Tottery

doch mehr der Assonanz wegen zu stehen; ein fingierter Ortsname. — b. Eine allgemeinere-Bezeichnung haben wir etwa noch bei Gregor Nr. 18:

As I went to the scool alone I faund a little pennery. —

c. Meist aber hält sich das Rätsel auch hier ans Haus und seine Umgebung. Eine sehr beliebte Situation im Englisch-Schottischen ist diese (Chamb. 14):

As I lookit omre my window A ten o'clock at night

und Hall. p. rh. S. 145:

As I look 'd out o1 my Chamber window. Auch die Vorstellung der Burg taucht auf (Greg. 32): As I leukit our ma father's castle wa\ Einfacher lautet es deutsch etwa bei W. 61:

Ik güng in de Kamer.

Der Garten tritt auf (Hall. nurs. rh. 130):

As I went trough the garden gap.

Das Dorf mit Strasse und Steg wird öfters herangezogen,

sonderlich im Deutschen. W. 60: Ich ging die Strasse wohl auf und ab, begegnet mir .... Oder holsteinisch (Diermissen Nr. 3): Ik Steeg mal övert Steeg. Auch ein Rätsel, das dem Kaiser im Schildbürgerbuche48) vorgelegt wird, beginnt: »Ich ging durch ein Gässlein.« In die Umgebung des Dorfes führen W. 59: lk gting mal eens öwer höwen; oder der beliebte Eingang des hübschen Rätsels von der Eichel und ihren Teilen:

# Ich ging einmal durchs Schilf,

Da mir Gott hilf49),

wo die zweite Zeile, wohl des Reimes wegen aus irgend einer anderen, verlorenen Formel angeflickt ist.

d.50) Endlich haben wir noch Ansätze zum Zwiegespräch, die sich in verschiedener Weise zeigen. Am einfachsten W. 8: Nawersch, ick möt Di wat klagen . . . Doppelrede W. 6: »Goden Dach, Nawersch.« »Schönen Dank, Nawersch.« — Mit Eigennamen; im Reime (W. 7): »Goden Dach, Moder Zill, Doli mi (leih1 mir) juge Rill (Harke); oder reimfrei (W. 171): »Mudder Wittsch, Mudder Wittsch, wat's dat vör'n Ding.«

Dies wären die wichtigsten Formen der Einführung.

2) Die abschließenden Rahmenelemente, bei den romanischen Völkern unbeliebt, erfreuen sich, wie es scheint, bei allen Stämmen germanischer Zunge grosser Verbreitung, auch da, wo die Einführungsformeln gar nicht oder seltener gebräuchlich sind. (Auch in den Niederlanden und in Süddeutschland).

Der Inhalt der Schlussformeln ist verschieden. Sie enthalten: A. die Aufforderung zum Raten; B. einen Hinweis auf die Schwierigkeit; C. eine Versprechung.

A. Aufforderungen zum Raten fanden wir in beschränktem Maße schon oben bei den Einführungen. Am

Schiasse aber treten sie in viel grösseren Massen auf und zeigen eine reichere Entwickelung der Formen. Wir unterscheiden :

a. Reine Fragen, in Deutschland hie und da, bei ober-und mitteldeutschen Stämmen noch mehr, als bei niederdeutschen. Einfach angeklebt ist die Frage bei guten, alten Volksrätseln wohl nie. Sie ist durch den Reim angebunden. Wir steigen vom einfachsten aufwärts. »Was ist das?« (: Fass). Ostpreussisch.51) »Wat Ding is dat?« (: Gat). Vlämisch.52) »Was mag das sein?« (: Stein). Schlesisch.53) »Was mag 's echt sij?« (: drij.). Schweizerisch.54) »Wat mönst, mien Kind, wat es dat woll?« (: kroll). West-preussisch.55) »Kannst Du dat wol raden?«56) (: schaben). Mecklenburgisch. »Wat es dat for en Wunger?« (: darunger). Westpreussisch.57)

Die tirolischen Rätsel58) rekapitulieren eine Benennung aus dem Kern des Rätsels. Drei Beispiele mögen es zeigen: Renk 35, Die Orgel. »Wenn der Vater (Organist) kommt, schlägt er drein; . . . »Was wird das für ein böser Vater sein?« — Renk 110, Die Kirsche. »Es steht ein Vogel auf ein Fuss . ...« »Rat, was für ein Vögele59) das wird sein?«60) — Renk 164, Die Buchstaben. »Es sind 24 Herren . . .« »Was wer'n das für Herren sein?«

b. Imperativ mit Frage. Gern verbinden sich eine oder mehrere Imperativformen mit einem direkten oder indirekten Fragesatz. Wir geben auch hier möglichst für jeden vorkommenden Fall ein Beispiel und befolgen dabei eine gewisse Ordnung, führen auch die Reime mit an (oder die Assonanzen): »Sech, bat is dat?« (: platt). Westfälisch.1) »Wat dat is, dat sech mi gau« (: dortau). Mecklenburgisch.1). »Etz röot, was das iis« (: Wies). Sclilesisch.3) »Röthel, was isch das?« (: Glaas). Schweizerisch.4) »Rad mal eens, wat is dat?« (: Japp). Mecklenburgisch.5) »Rath mal,61) watt ös datt?« (: wart). Preussisch.6) »Rae mal tau, wat is dat?« (:Rad). Braunschweigisch.7) »Ra, ra, wat is dat?« (: satt). Ostfriesisch.62) »Rat', wie das heisst?« (: Steiss). Deutsch.63) »Zag, wat me' raadtelken bediet?« (: niet). Vlämisch.64) »Rat, was ist da drin?« (: Kind). Tirolisch.65) Eine Wiederaufnahme nach Art der oben besprochenen Tirolischen Rätsel kommt auch in Holland vor: ,',Raad, wat zijn die sclierven dan66) (: kann), nachdem vorher das Siebengestirn als »zeven Scherven« gedeutet ist. Endlich ein schottisches Beispiel mit Wiederaufnahme wenigstens eines allgemeinen Wortes (Jonas):

The *was a man of Adams race ....

. . . Teil me where this man did dwell. (:hell).

(Chamb. Nr. 3). Vgl. auch Greg. Nr. 11.

Nicht selten aber wird auch c. der reine Imperativ gesetzt, ohne eigentliche Frage, bald energischer, bald höflicher, bald endlich mit einem Hinweis auf die Schwierigkeit der Lösung. Selten dürften solche Reihen sein, wie diese (W.217b, auch Frischbier, Ztschr. f. d. Phil. IX, S. 68, Nr. 15):

Grün wie Gras, sag' mir das, Weiss wie Schnee, sage mir weh,67) Rot wie Blut, sage mir gut,

Schwarz wie Teer, sage mir dies Rätselein her.68)

Energisch klingt das englische:69) And now, Siofor your answer (: cancer). Schwächer schon schweizerisch:70) »Rot mer 's g'schwind« (: chindl Doch auch im Englischen71) milder: Read my riddle, I pray (: day). Und noch freundlicher in der Schweiz:72) »Sind so guet und röthet das« (: Glas). Weit verbreitet73) ist der Scliluss: »Rat, mein lieber Michel« (: Sichel) im Hahnenrätsel, der nur durch den Reim hervorgerufen und erhalten wurde. Doppelter Imperativ steht schottisch74): Come teil this bonny riddleum to me (: dee = die). Eine Frist wird, vielleicht als Ueberrest einer alten »Halslösung«, einmal gestellt:') »Raat min Herrn hüt Abend Klock söss« (: Prinzess).

Dagegen bilden die drei folgenden Rätsel schon den Uebergang zu jenen Schlüssen, die dem Ratenden die Schwierigkeit der Aufgabe vorhalten. »Rate mal, wer 's raten kann« (: an). Mecklenburgisch.10) Teil me this riddley if you can (: man). Englisch.11) »Raad mar op, ge zult verliezen« (: biezen). Vlämisch.12)

Damit haben wir die Hauptformen der »Aufforderung« an der Hand von Beispielen erledigt und betonen nochmals, dass kein Rätsel im Volksmunde den Schluss einfach anflickt, sondern dass dieser immer durch Reim oder Assonanz fest mit dem Kerne verbunden ist.

B. Der Hinweis auf die Schwierigkeit soll wohl

geradezu das Rätsel als aussergewöhnlich anpreisen und des kundigen Fragestellers Ueberlegenheit darthun.

a) Auch hier sind Steigerungen zu beachten. Bisweilen wird der Gegenstand nur als etwas Rares dargestellt. So im Mecklenburgischen:75) »So wat heff 'k in minen läben noch nich sehn« (: Been); oder englisch - schottisch, z. B. Chamb. 21: Sic a man was never seen (: bane). Oder es wird erklärt, dass nur ein Kluger die Lösung finden werde:76) He is a wise man, who can teil me that (: hat); I count him wise that, can this teil (:fell), oder spezieller: Vlltake a good scholar, to riddle me that (: black). Diese Art ist im Deutschen noch seltener als im Englischen.

b) Bei der Vorliebe des Volkes zum Superlativischen wird meist die Lösung von vom herein als unmöglich dargestellt; man beachte die Steigerung in unseren Beispielen: Ye winna (will not) guess that (: brak) schottisch;77) Read my riddle ye cant, Rowever muck ye try (: by) englisch;78) »Gij

* kunt het niet raden, at waart gij met sessen« (: esschen) vlämisch;5) »Du sass 't nich raden, un warst du ok dull« (: krull) mecklenburgisch;8); Ye 'II guess that though ye were hanged in a tether (: leather) schottisch;7) Though ye sud clatter a day, ye 'd never clatter that (: cat) desgl.;7) Though \ ye guessed a day, Ye 'd no guess that'(: cat) desgl.;7) »Gij kunt het niet raden, maar in honderd jaar« (: paar) vlämisch.8)

Umgekehrt wird nun aber auch der Schluss bisweilen gerade benutzt, um die Leichtigkeit der Lösung aus- j zudrtlcken. Dies kann wohl zur Ermutigung der Hörer dienen, wie in einem söhlesischen Rätsel (Peter 344): »Bist Du a praafr Joung, do d'rroutst Dus wool« (: Kool). — Meist aber stellt es in derber Weise die Unwissenheit dessen fest, der so ein einfaches Rätsel nicht lösen könne; so in Tirol (Renk 134): »Wenns Du nicht erratest, ein Narr

bist« (: ist's), oder gröber in Mecklenburg (W. 180): »Wer dat nich raadt, de schitt de Hosen vuli« (: krall).

C. Preise und Belohnungen. Wie ehemals in den alten Rätselwettkämpfen nicht selten das Haupt oder die Braut zum Pfände stand, so hat sich in den Schlusszeilen unserer Volksrätsel noch manche Versprechung von Preis und Lohn erhalten. Freilich ist mit der Bedeutung, mit dem Ansehen des Rätsels auch der Kampfpreis oft bedenklich gesunken. Das Haupt wird nur noch in einem alten schottischen Rätsel eingesetzt (Greg. 24): Come teil me my riddle, an Vll gee ye ma headm, doch bei genauem Zusehen bemerken wir zu unserer Ernüchterung, dass es sich gar nicht um den Kopf handelt, sondern um einen Topf, den sich der Sprecher übergestülpt hat und nun in kühner Übertragung »my head« nennt.

Mit mehr Ausdauer hat sich, wenigstens in Norddeutschland (in England war es wohl verpönt), das Motiv der Liebe erhalten. Bei Wossidlo finden wir reiche Ausbeute, aber die Rätsel drücken sich oft nicht eben gewählt aus. Immerhin müssen wir hier die Haupttypen1) aufführen. W. 40 f: »Wer dies kann erdenken, Dem will ich mein Herz schenken;« W. 68 b (auch Andree 25): »De dat rödt, sali bi mi slapen« (:knaken); W. 40 a: »Wer dieses kann raten, der soll über Nacht bei mir schlafen.« — Von »dritten« Personen: W. 40d: »Wer dies kann raten, Wer dies kann wissen, Der soll eine hübsche Jungfer küssen;« W. 202: »Wer 't kann raaden, Sali öwer Nacht bi de Jungfer slapen;« W. 217c: »Wer das kann erraten, Der soll haben 300 Dukaten Und mein Feinsliebchen küssen;« W. 101b: »Wenn Du dat raadst, sasst 'n Bürgermeister sien Dochter frigen.«

Vielleicht gehört es auch zu der eben besprochenen Gruppe, wenn dem klugen Errater ein Ring als Belohnung versprochen wird. So im Englischen: ,,//* you teil me the riddle, I 'II give yon a ring (string).*) Aber auch etwa im Schlesischen: »Waar das d'rrout, dam win ich maen Reing schänke.« (: Hände).2) Auch Geldgeschenke sind nicht unerhört (Hall. n. rh. 130): If you Hl teil me this riddle, l'U give you a groat (: throat). Von deutschen Beispielen seien nur erwähnt W. 40 a (Var.): »Wer das kann raten, soll haben hundert Dukaten;« W. 40e: »Wer dies kann denken, dem will ich einen Louisd'or schenken.« Sehr beliebt sind Getränke. Z. B. schottisch (Greg. 45 = Chamb. 1): 1 Hl give any man a pint o wine, That 79II read my riddle right; holsteinisch (Diermissen Nr. 9): »De dat raden kann, de schall 'n besten Buddel voll Wien hebben.«3) Im Mecklenburgischen etwa: W. 40b: »Wer dies kann denken, Soll sich ein Gläschen Wein einschenken;« W, 68a: »Wer das wohl kann rathen, Wer 's sich wohl kann denken, Dem will ich eine Weinkalteschale schenken.«

Auch Speisen werden genannt: W. 36c: »Kannst Du dat raden, Gäw 'k Di 'n Braden.« Gesteigert: W. 104i: »Der soll haben sieben Braten.« Anderer Art sind Speisen, die in den Varianten zu W. 40 a aufgeführt sind, z. B.: »Dem will ich ein Hündchen braten;« »Dem will ich 7 Eier braten.«

Bisweilen ist das Rätselobjekt selbst versprochen, z. B. ein Krebs: W. 175d: »Wer dat raadt, de sali enen hebben.« Ins Geschmacklose verfällt das Rätsel, wenn es sich, W, 430 b, um eine Spinne handelt: »Kannst Du dat raden, Ik will Di een kaken.« Bei der grossen Vorliebe für Häufungen, die jede Art der Volksliteratur zeigt, finden wir natürlich auch hier gern mehrere Belohnungen auf einander gepfropft, z. B. W. 40c: »Können Sie 's mir erraten, Ich geh' Sie 'n Braten;

Können Sie 's mir erdenken, Will ich Sie eine Flasshe mi{ Wein schenken.«

Endlich sei auch nicht verschwiegen, dass ebenso wie bei der vorigen Gruppe die Schwierigkeitsbezeichnung, so auch hier die Belohnung sich in ihr Gegenteil wandeln kann. Es droht dem Unwisseuden eine Strafe. Greg. Nr. 41 {The voatcK): In ye dinna (do not) teil me riddle, a Hl (/ will) shot ye wi 'ma pistal (: crystal). Damit haben wir auch die Betrachtung der abschließenden Rahmenelemente beendet, denn blosse Füllwörter sind wohl kaum herzurechnen, wie in jenem mecklenburgischen Rätsel von der Distel (W. 207) eines steht;

Dideldu dadeldu satt inne gröne Wisch, Hadd'n krusen Kragen um, Kyrielies I

Natürlich finden sich von hier aus mannigfache Übergänge zu jenen Elementen, die wir zum Kerne des Rätsels stellen. Schroff heben sich eben die verschiedenen Gruppen nirgends gegen einander ab; bald leiser, bald stärker sind die Differenzierungen, wie im ganzen Gebiete der Yolkspoesie.

Die Kernelemente.

Wenn man eine grössere Sammlung von Volksrätseln zur Hand nimmt, so fällt es schwer, sich in dem bunten Gewirre der Formen zurecht zu finden. Unendlich scheint die Zahl der Mittel, deren sich das Rätsel bedient, und ebenso unendlich die Variationen, in denen die verschiedensten Elemente zusammengestellt werden. Bald positive, bald negative Angaben werden gemacht, bald eine äussere Eigenschaft, eine Farbe angegeben, bald die Grösse elativisch beschrieben, bald der Zweck vor Augen gestellt, und das alles in so buntem Gewirr, mit so reicher Abwechselung im selben Rätsel, dass es nicht leicht ist, nur die einzelnen Elemente für die Darstellung herauszuheben. Und auch bei diesen kommt viel darauf an, sie im Zusammenhange des ganzen Rätsels zu betrachten, da sie sonst ihre Verständlichkeit verlieren. Immerhin sondern sich bei genauer Betrachtung der

5

Mittel zwei Hauptgruppen von grösserem Umfang aus, die ^war auch gelegentlich in einander übergehen, im ganzen aber doch .rein erhalten, sind. Wir bezeichnen sie kurz als Benennung und Beschreibung. Wenn wir etwa finden:

Oben spitz und unten breit, .. Durch, und durch-, voll Süssigkeit,

so haben wir eine blosse Beschreibung. In dem Rätsel:

Hanterlaiitant ging über das Land,' Hat keiner mehr Füsse als Hanterlantant

ifct. dagegen« die Beschreibung mit einer Benennung verbunden. Beide Arten der Bestimmung können getrennt für sich bestehen, kommen aber meist verbunden vor. Natürlich fasst unsere Betrachtung dieser beiden Darstellungsgruppen nur die formale Seite des Rätsels* ins Augei Wir dürfen die inhaltliche dabei nicht ausser Acht lassen, und müssen uns Idar zu ,machen suchen, was das Volk von dem zu er-rptendeg Gegenstande der Bezeichnung für wert hält, nicht nur,;>wis es; diese Bezeichnung bewirkt. Da die Verhältnisse hier ar^ders liegen, als bei der eigentlichen Poesie, wo sich-Form und Inhalt decken sollen, da vielmehr das Volk mit seinem Formen- und Formelschatze • hier ganz frei schaltet, so' nrans Ton §iner getrennten Besprechung der formalen und inhaltliphen Seite abgesehen, beide müssen mit und in einander aufgearbeitet worden. Äussörlich scheiden wir zunächst najCji den .Einteilungsgrundsätzen, die uns eben die Form an die Hand giebt.

^ \s Das benennende Kernelement.

.! Wlf lernten schon in »Hanterlantant« ein ausgezeichnetes Ben^nnungswort kennen; Frisch an den Anfang.des Satzes gesollt,;.führt-es uns .den Gegenstand, (die Egge) selbst vor, s-odass tfnser Interesse :schon grösser i§t, als wenn wir nur ^.jöinrhOrtjön, . Die Assonanz prägtvsich unserm Ohre ein: qpdr^malt die eigentümliche hppfende Bewegung; und das d^bei .'hervorgebrachte klappernde Geräusch besser, als es ejne Ijtnge Beschreibung vermöchte. Aber die Beschreibung ist darum noch nicht überflüssig, wie es denn viele solche Gegenstände giebt, auf die unsere Benennung passen würde. Näher bestimmt ist sie erst dadurch, dass die bezeichnete Bewegung auf dem »Lande« geschieht und durch die in echt volkstümlicher Weise elativische Andeutung der vielen Zähne. Wie in all diesen benannten Rätseln, ist auch hier der Gegenstand belebt, ja gewissermassen personifiziert — doppelt geeignet für ein Rätsel, indem es einerseits die Aufmerksamkeit erregt, und andererseits den Hörer noch mehr verwirrt, da er doch nun zunächst an etwas Lebendiges denken wird80 Wir sehen schon, wie gut sich Benennung und Beschreibung, ergänzen. Die Beschreibung allein ist tot, wenn ihr nicht wenigstens das Motiv des Gegensatzes1) zu einigem Leben verhilft; die Benennung allein läuft Gefahr, vieldeutig, d. h, undeutlich zu werden und ist darum nicht recht beliebt) ausser in Rätseln über mehrere Gegenstände, wo der Contrast zweier Benennungen jede einzelne klarer macht; sonst habe ich eigentlich nur in Renks Sammlung aus Tirol ganz auffallende Beispiele gefunden. Wir hatten bei den Schlussfragen schon einmal den Tirolischen Rätseln eine Sonderstellung zuerkennen müssen, aber ich glaube, dass diese sich als oberdeutsche Charakteristika erweisen würden, wenn wir eben aus mehreren süddeutschen Landschaften Sammlungen hätten, die der Renkischen, zwar nicht umfänglichen, aber inhaltreichen entsprächen.

Um die eben nicht häufigen Benennungen ohne folgende Ausführung gleich vorweg zu erledigen, seien hier angeführt: a. In isolirter Stellung (Renk 73/75): Nolpersteiger Annele (Katze); Strohschliefers Urschel (Maus); Wegläufe'rs Gretel (Hund). Derlei patronymische Benennungen unterscheiden sich von dem oben erwähnten »Hanterlantant« dadurch, dass sie keine Klangwörter, sondern frei nach der Thätigkeit des betreffenden Tieres (oder nach dem Ort, nach der Stelle, wo diese ausgeübt wird), in Anlehnung freilich an schon vorhandene Wörter gebildete Bezeichnungen sind.

b. Tn gegensätzlicher Form. Wenn sich in dem berühmten, durch alle Sammlungen hin verbreiteten Zwiegespräch81) Wiese und Bach necken, und die erstere nach iht'em künftigen Schicksal »Kahlgeschorene« oder noch kürzer »Kahlkopp«, der schlängelnde Bach aber »Knickerkrummttm« genannt wird, so ist die Lösung nicht leicht. Immerhin läuft das »Kringelkrummüm« u. s. w. doch meist mit dem Binnenreime aus: »wo wist Du henüm?«, sodass wir doch schon eine Andeutung davon hören, dass es sich um einen beweglichen Gegenstand handelt. Ohne diese kleinen Hilfen könnte das Rätsel gar nicht bestehen, hat es wohl auch nicht bestanden, denn ich glaube, dass jene Form unserer Nummer die ältere ist, wo die Wiese noch einmal erwidert und derb zu verstehen giebt, dass sie noch nicht so oft geschoren, als dem Bache im Winter sein Wasser erstarrt sei. Aus solchen Elementen ist die Lösung wohl zu finden. Jene dunklere, kürzere Form ist also wohl nur ein schwacher Überrest eines alten, vollständigeren Stückes. Noch schwieriger wird natürlich der Fall, wenn die beiden Gegenstände nicht so eng zusammengehören, wie Bach und Wiese, sondern etwa Bach und Mäher kontrastiert werden:

Krickelkrummüm, Wo löppst du na? — Hakenmaschuurken, «Wat fröchst du na?

Solche Rätsel sind eben auf normalem Wege nicht lösbar und gehören eigentlich zu den »unwirklichen« Stücken. Denn »Hakenmaschuurken« bezeichnet in der Rätselsprache nur einen Gegenstand, allenfalls einen Mann,82) von haken-

^nUdier Gestalt oder mit einem Haken u. dergl. versehen, ese Benennung ist natürlich unznlänglich.

Noch kürzer reden sich Bach und Ente an (W. In): »Du olle Wickel wackelt« — ,.Du olle Plitschplatsch!«; was aber doch nicht ganz so undeutlich ist, wie das vorige, da es sich um ziemlich allgemein bekannte Benennungen handelt, die, wenigstens in Niederdeutschland, sofort verständlich sind. Beides sind Klangbilder allitterierender Bildung mit Ablaut, die erste bezieht sich auf die Gangart, die zweite auf das Geräusch, das den Gegenstand auszeichnet.

Weitaus die meisten derartigen Bildungen, vor allem die Klangwörter, beziehen sich auf das eigentliche Object des Rätsels und stehen darum auch an seiner Spitze. Es giebt aber auch etliche Fälle, wo gewisse Nebendinge mit erraten werden sollen und die Benennung der Nebenlösung and die Beschreibung der Hauptlösung sich gegenseitig ergänzen und erklären, freilich auch wieder die Auffindung erschweren. Beschreibung und Benennung gehen dann in einander i^ber. Als Beispiel führe ich zunächst das bekannte »Flohrätsel« in folgender Form an:

Es kamen zwei gegangen, Die nahmen ein'n gefangen, Von Dribblewitz nach Tischlewitz, Von Tischlewitz nach Knackersdorf, Und da ward er gehangen.

Die eigentliche Hauptlösung lautet »Floh«. Es treten aber noch andere, zu erratende Gegenstände hinzu, die Stationen auf dem Leidenswege des Gefangenen. Würden diese einfach beim natürlichen Namen genannt, so wäre das Rätsel eben kein solches mehr. Sie werden also eingehüllt, aber doch in ein so durchsichtiges Gewand, dass nun auch die Hauptlösung ohne grosse Mühe zu finden ist.

major, Schwindelmeier, -huber, -fritze u. dgl. »Major« bezeichnet zwar beim Volke eigentlich einen »Vorgesetzten« (Schwinsmajur ist der Schweinehirt), aber davon ist oben im Rätsel keine Rede mehr.

Noch klarer sind die Nebenlösungen in dem hübschen Rätsel von der Kaffeebohne (Schell 24):

Es ging ein Herr nach Bohnebach, Von Bohnebach nach Brandebach. Von Brandebach nach Kastern, Von Kastern nach Tastern, Von Tastern nach Leipzig, Von Leipzig mit der Extrapost — Da wurde er umgebracht.

Die mecklenburgische Fassung (W. 30):

Frau Bohne reist nach Brandenburg, Von Brandenburg nach Mtihlenburg, Von Mühlenburg nach Kanne, Von Kanne nach Tasse, Von Tasse nach Munde, Von Munde nach Schlünde, Von Schlünde geht's im schnellen Lauf Zum Thor hinaus--

ist zwar im ganzen geschickter, lässt aber die doch sehr wirksame Bezeichnung »Leipzig« fort und verrät vor allem viel zu viel in der Benennung »Frau Bohne«. Ein ganz ähnliches, sonst bisher noch nicht bekanntes Rätsel hat dann der Mecklenburger über den Brotbissen (W. 29) und ein kleineres, dialectisches Stück, das allerdings mit auf einem Wortspiel beruht, geht über das Taschenmesser um (W. 30 a): »Dor keem 'n-Mann von Mannshusen, würr kort, würr lang, würr wedder kort, güng wedder na Mannshusen.« (Husen = 1. Hosen; 2. = Hausen).

Endlich können wir noch jene Rätsel hierher stellen, in denen eine besondere Eigenschaft, ein Teil des Gegenstandes mitten in dem beschreibenden Teile in kühner Weise durch Benennung bezeichnet wird. Man kann das bergische Rätsel vom Schafe herziehen (Schell. Nr. 2):

Et geng ens en Dierchen Öwer de Bröck;

De Bensches gengen de Knibbel de Knick;

De Hörkes gengen de Roll de Roll.

Wenn du't nitt rötst, dann wasch de doli;

Statt der Beine treten in der mecklenburgischen Fassung die Augen ein (W. 180):

Dor leep'n lütt Männken wol öwer den Diek; De Ogen de stünnen den Kiker den kiek, De Hoor de stünnen den Krüseldenkrull, Du sasst't nich raden, un warst du ok diill.

Anders sind Rätsel zu beurteilen, wie das poramersche vom Raben: \

»

Es ging 'ne Dame pitschpatschieren, Die hatt' ein Kleid von Nitschnatschnieren, Und ein schwarzes Käppchen auf.83)

Das Reimwort der ersten Zeile ist eine volkstümliche Verdrehung von »spazieren«; das der zweiten dagegen ist bloss; eine parallele Bildung nach dem Muster des Anfangsreimes, die weder für die Benennung, noch für die Beschreibung des Gegenstandes irgend welche Bedeutung hat, zwar im Kerne des Rätsels steht, aber für ihn ganz unwesentlich ist und darum eher jenen Rahmenelementen 'beizuzählen ist. Wäre keine weitere Beschreibung da, so würde sie für . die Lösung ebensowenig ausreichen, wie die Bezeichnung »'ne Dame« der ersten Zeile in ihrer Allgemeinheit, und damit kommen wir schon zu jener Gruppe von Benennungen, die unter allen Umständen einer Ergänzung durch beschreibende Elemente bedürfen;'wir nennen sie:

Die bedeutungslosen Benennungen.

Sie unterscheiden sich merklich und wesentlich von den »bedeutenden« oder »bedeutsamen« Benennungen. Denn diese enthalten in sich schon einen fördernden Gründstoff, der die Beschreibung anbahnt, wie wir oben bei »Hanfor-kntant« sahen. Anders hier. Es sind Füllungen, die teils den mangelnden und doch vom Ohre verlangten Reim herstellen, und darum mit der Klangwirkung vorgehen, teils aber auch blosse allgemeine Wörter, die nur dem Worte »etwas* entsprechen .und auf die folgende Beschreibung hinweisen. Ganz besonders in dem reimfrohen und zu merkwürdigen Wortbildungen neigenden Norddeutschland sind sie sehr belieht.

Wir betrachten zunächst: Klangworte und Klangnamen. Diese beiden Dinge sind nicht immer leicht zu trennen, manches eigentümliche Klangwort mag aus einer verderbten Namensform entstanden sein. Die Lust des .Mecklenburgers zu allitterierend-äblautenden Wortbildungen ohne jede etymologische oder klangmalende Bedeutung (Wossidlos Sammlung legt oft genug Beweis dafür ab), zeigt sich besonders an einem Beispiel, an Nr. 7, wo wir allerdings noch einmal auf die Verhüllung der Nebenlösung kommen, wenn wir nicht die drei zu erratenden Gegenstände als selbständig nebeneinander stehend ansehen wollen. Es lautet:

Goden Dach, Moder Zill, doh mi (leih mir) juge Rill! — Gah man dörch minen Hiten-Haten, Wöhr di vor minen Priten-Praten,

Up'n Tuun dor licht de Rill. (Harke, Garten^ Hund.)

Der Ausgang der ersten binnenreimenden Zeile ist klar. »Bill« ist die gerillte, ausgefurchte, d. h. ausgezähnte Harke. Dann aber folgen, auf einander reimend, parallel gebildet, zwei Benennungen, so unbestimmt und dunkel (die Varianten liefern noch weiteres, sehr reiches Material), dass sie nur durch ihre beigesetzten Bestimmungen, durch die Bezeichnung des ersten als Durchgangsortes, des zweiten als gefährlichen Gegenstandes, und durch die allgemeine, durch den Tuun u.s. w. angedeutete Situation genügendes Licht empfangen.

Weiter oben haben wir schon gesehen, wie viele Bildungen auf -us Versucht werden, um nur die genügenden Reimwörter zu erzielen auf jenes Rahmenelement: »Hinner unsem Huus«. «Wir erwähnen nur noch einmal »Kunklefus«1), woraus dann in Ostpreussen, wo man die Bedeutung, die das Wort jedenfalls einmal gehabt hat, auch nicht mehr verstand, »Funkel

4) Man vergleiche zu allen diesen Worten Wossidlos Register.

- Fus« oder »Kampelhaus« u. dgl. wurde.1) Besonders gern 1:1 entwickeln sich hieraus Namen, meist wirkliche Familien-

i >.: namen, mit Vornamen oder mit Titel versehen. Sie reimen

eben entweder auf »Huus« oder »Schüün« (Scheune), oder K »Kammer« oder sonstige wichtige Rahmenelemente. Ich gebe £ hier eine Auswahl von Namen, die in den Sammlungen von Wossidlo, Frischbier, Andree, Rachholz 11. a. so häufig sind, dass ich die Belegstellen fortlasse: (Huus) Peter Kruus, ■ü: Buur K., Doctor K., Vater K., Unkel K., oll Kluus, Vadder Pluus, Peter PL; (Fuust) Uns1 Knecht Knuust; (Schüün) lVadder Kühn, Peter Plühn, Peter Prühn, Hans Prien2); ■jj- ^ »Mutter Wips«, das Feuer, bei Frischbier, 23,104, im Reim .CTI auf »Mütz« gebildet, und »Annanienchen« (W. 181 f.) auf »Stühlchen«. — Blosse missverständliche Verdrehungen einst-mals verstandener Wörter wie »Rawedenten« (Renk 146) oder »Tractaten« (Frischbier 23,5, wohl für »Pallisaden«) gehören kaum hierher.

Doch haben wir noch andere, ebenso wenig bezeichnende Benennungen, die nicht einmal Klangwirkung ausüben, sondern lediglich der Ausfüllung der Umschreibung dienen. So bei ^ Wossidlo, Nr. 8 (»Schwein«):

Nawersch, ik mööt di wat klagen, Mi is öwer Nacht 'n Stück entflagen (entflohen); Wisst du't nich glöben, De Hoor sitten noch twischen de Kloben.

Erst die Angabe, dass der Flüchtling die »Klöben« durch-1 brochen und eben dabei seine Haare sich abgescheuert habe, Jv führt uns auf eine Vermutung über die Beschaffenheit des »Stückes«.

nr. Sonst ist diese Art unbestimmter Umschreibung in

r(!C Mecklenburg nicht sehr beliebt. In Ostpreussen treffen wir ou gern »Jungfer« und »Mannke« an, letzteres bekanntlich ein

ii

,r Vergleiche Frischbiers ostpreussische Rätselsammlungen in

e(k; der Ztschr. f. deutsche Phüol., 9,65-77, 11,344-359 und 23,240-264.

2) Die vielen, fast zahllosen Reime auf »Kammer«, wie »Alexander«, »Hans Hammer«, »Jochen Famer« u. s. w., findet . man am besten in Wossidlos Register unter »Vornamen«.

L

Lieblingswort jener Gegend; z. B.: »Ich hab 'ne Jungfer, und wenn ich die abzieh1, muss ich weinen« (Zwiebel), Frischbier 9, 65; oder das Rätsel vom Pflaumenbaum:

Steit e Mannke op eenem Been, Höd' sien Schwienkes ganz alleen. Dat mannke heet Balgart (?), De Schwienkes sön alle schwärt.

Während diese Benennungen doch wenigstens etwas Persönliches an sich haben und uns zur deutlicheren Vorstellung des Gegenstandes verhelfen, sind Umschreibungen mit »Ding« oder gar mit »Etwas« unpoetisch und unwesentlich. Wohl aber kann zu ganz allgemeinen Worten eine nähere Bestimmung in so enge Beziehung treten, dass wir darin eine »bedeutsame Benennung« sehen müssen, wovon weiter unten zu sprechen ist. So greifen auch hier die Grenzgebiete ineinander über.

Die bedeutsamen Benennungen.

Die Bedeutung, die einer Benennung beiwohnt, enthält in sich schon ein Stück der Beschreibung. Schon die grosse Mehrzahl der reimenden Klangwörter m$lt uns die Bewegungsart, die Stimme, das Geräusch u. s. w. aus, an denen man den Gegenstand erkennen kann, und hierzu treten neue, teils bildliche, teils direkt benennende Bezeichnungen und Umschreibungen, neue, oft kühne Bildungen, die uns das Objekt des Rätsels vor Augen stellen.

Zunächst einige Typen der Klangbilder. Wenn wir innerhalb dieser formalen Gruppe zugleich darauf achten wollen, welche Seite des Gegenstandes die Benennung ins Auge fasst, welches der Inhalt des Klanges ist, so finden wir zunächst einige Beispiele, die sich an die äussere Erscheinung halten. Besonders die Aussenseite von Gegenständen, Pflanzen und Tieren, ihre rauhe oder krause Beschaffenheit werden bezeichnet, weniger die Grösse. (Gestalt), Farbe oder der Stoff, denn all dies lässt sich eben nicht

leicht im Klange wiedergeben.1) Man bildet nun die Benennung so, dass zu einem einfach bezeichnenden Element (etwa: Haar, kraus, rauh) die andere in allitterierend = ablautender oder assonierend reimender Weise (reimend auf die folgende2) Zeile, wie wir es schon bei den klingenden Eahmenelementen fanden), hinzugefügt werden. Also die Katze (Tirolisch3): »Hira Hara« (hockt; das Verbum half der Alliteration); das Spinnrad (Mecklenburgisch4): »Ru ru runzeljahn, Wo dick is di de Buuk upgahn«; der Kohl j (Braunschweigisch): »Hinner usen Huse steit ne Krickelkruse«5); die Brennnessel (Ostpreussisch, Ztsch. f. deutsche Phil. 9, 76, Nr. 68): »Hinder onsem Hus steit 'n Krnsemus«. j Auf die Rundung der Gestalt beziehen sich etwa: Rochh. 7: »Rügeli-Chügeli« (Eichel) und Renk 47: »Rungungele« j (Zwiebel).

Eine grössere Anzahl von Klangmalereien beschäftigt I sich mit dem, was mehr plötzlich ins Auge oder ins Ohr fällt, mit der Bewegung eines Gegenstandes, mit dem Ge-! räusche, das diese Bewegung begleitet, mit den Lauten, die ein Tier etwa hervorbringt.

Energische Bewegungen unregelmässiger Art fasst das Rätsel seltener auf. Allenfalls könnte man das Picken der Hühner, das zwar auch meist in mehrfacher Wiederholung auftritt hierher rechnen. Es hat den Hühnern die Bezeichnung ! als »Herren von Hickenpicken« eingetragen. Als diese sich I in eine allitterierend-ablautende: »Hickenhacken« verwandelte, trat wohl Verwirrung mit andern Bildern desselben Vor-

i

! *) Dem Italiener stehen in seinen -owe, ~ino u. s. w. Hilfsmittel

zur Verfügung, die unserer Sprache doch abgehen.

2) oder vorhergehende.

3) Renk, Nr. 71. Im Aargau: »Huri Hööri« (Roch., d. h. Rochholtz, Deutsche Volksrätsel aus dem Aargau, Ztschr. f. deutsche Mythol., I, S. 133-168, Nr. 11).

! . 4) W. 126 a. Die Zeile ist aher auch sonst viel, namentlich

als Rahmenelement, und besonders für obscöne Rätsel, verwandt i worden.

> 6) Andree, Nr. 2. Mit weniger Recht wird in Nr. 4 »Krickel-

i krackelkruuse« als Flickreim für den Bienenstock gebraucht.

slellungskreises ein, wie mit »Gigelgagel« u. dergl., auch das nicht mehr verstandene »Hickenpicken« selbst wurde verdreht, und so ergab sich jene Unzahl von Varianten, wie sie bei Wossidlo zu Nr. 20 und 21 einzusehen sind.

Regelmässig wiederkehrende mechanische Bewegungen nimmt das Volksrätsel mit Vorliebe in seinen Betrachtungskreis auf. So die pendelnde, gleichmässig hin und her gehende Bewegung hängender, vom Winde bewegter, oder rundlicher, ins Stehen und Liegen gebrachter, aber noch unruhiger Gegenstände. Einige Beispiele: Die aufgehängte Speckseite, nach der die begehrliche Katze schaut, heisst: »Limpelampe« (Roch. 11, Renk 71), die Kirsche wird in Mecklenburg (W. 182) personifiziert als »Johann Wrickeldiwrackel«, d. h. der Wackelnde84). Der eigentümliche Gang des Hundes trägt ihm den Namen »Tolitertoläter« ein (W. 18), und ähnlich wird die Gans (W. 112) als »Witschelwatschel« bezeichnet. Ein Rätsel von beispielloser Verbreitung ist das vom Ei, das in Mecklenburg lautet (W. 20):

Entepetente leech up de Bank, Entepetente feel von de Bank; Dor keemen de Herren von Hickenhacken, Künnen Entepetente nich wedder heil maken.

Statt »Entepetente« hat fast jeder Landstrich, beinahe jedes Dorf eine andere Benennung. An den zahllosen Namen hat sich in früherer Zeit85), als sie noch nicht in ihrer Masse bekannt waren, die Lust zum Etymologisieren gern geübt. Aber wenn wir heut die ganze Reihe der Varianten überblicken, so stellt sich die Benennung einfach als eine ganz passende Bezeichnung des schwankenden, auf die Bank gelegten Eies dar. Man vergleiche etwa noch die englische Fassung:

Humpty Dumpty sat on a wall, Humpty Dumpty had a great fall; Three score men and three score more, Cannot place Humpty Dumpty, as he was before.

Oder die schweizerische:

Annebadadeli lit uf em Bank, Annebadadeli fallt ab em Bank, S'isch ken Dokter im Schweizerland, Der's Annebadadeli bümbümberlen cha,

| wo das Schwizerland lokalpatriotisch als Heimat berufener Doktoren an Stelle des anderwärts als ideales Reich genannten »Engellandes« eintritt, j Die Bewegung der Wiege wird durch ein kurzes »Wiga

' Waga« (Renk 128) wiedergegeben. Eine andere Reihe bezeichnet die auf- und abgehende, meist hüpfende Bewegung: Schlitten »Gewiggelgewaggel«;2) Deichsel und Wagen »Wipup un Wapup«;3) Egge »Fickfack«;4) Augenlid »Hippi, hoppi-hemmerli«.5) Die Benennung des Siebes als »mine Dochter Hissebisse« (Frischbier, Z. f. d. Ph. 23, 56) erinnert an die niederdeutsche Bezeichnung »Bisse« für etwas schnell und unruhig umherlaufendes, z. B. eine wilde Kuh. Nur ist die Bewegung von dem, was durch das Sieb hindurchläuft, auf dieses selbst übertragen worden; ähnlich nennt man das Fenster, das zum »Gucken« dient, in Tirol nicht bloss »Gucker«, sondern auch »Guggugg« (Renk 86).

Von den Benennungen der Bewegung sind die des damit verbundenen Geräusches nicht immer reinlich zu scheiden, i Namen wie »Hanterlantant« oder »Fickfack« für die Egge können sich auf beides beziehen und ebenso »Knickerdeknacker«, oder Namen wie »Tripptrapp« (Maus) Frischb. 11,29; »Klipperm&nn und Klappermann« für Pferd uud Wagen;6) »Polickerpolacker« für den Regen;7) »Zackerbacker« für den Wind;8) und »Krizkraz« für den Besen.9) Letzteres tritt in einem jener kurzen vierzeiligen Rätsel auf, in denen vier verschiedene Dinge nach ihrem Aufenthaltsorte beschrieben und nach verschiedenen Gesichtspunkten benannt werden. Das ganze lautet:

binden, vom Fassbinder. 2) Frischbier, Z. d. Ph., 23, Nr. 146. 3) W. 114. 4) w. 12. ß) Roch. 72. 6) w. 117. W. 108. 8) Frischeier, Z. f. d. Phil. 23, Nr. 180. 9) Andree, Nr. 17.

Up'n Dake Helle (Mond), Vor'n Huse Belle (Hund), In'r Stuwe Biff Baff (Bank), In'r Köke Kriz Kraz (Besen).

»Biff Baff« für die Bank ist nicht ganz klar, eher würde es für den mit Schlägen bearbeiteten Hauklotz passen, wie es denn auch in Ostpreussen (Frischbier, Z. f. d. Ph. Bd. 23 Nr. 24) vorkommt. Freilich steht dort daneben »Riff-Raff« (Wiege), was auch nicht recht verständlich ist. — Andere Klangwörter sind: »Klitschklatsch« für Peitsche oder »Ticktack«1) und »Klingklang«1) für die Uhr.

Die Stimme der Tiere wird gern für ihre Benennung verwendet: Das grunzende Schwein heisst »Slirpslurr«86) oder »Griffgraff«87), der klappernde Storch Groot »Jööljapp«88) oder »Schnarraback«8), der blaffende Hund »Huffhaff«7), Maus und Frosch »Piepup« und »Quarrup«8) u. a.

. Anstatt dieser Klangwörter treten in manchen Rätseln bildliche Benennungen auf, immerhin selten und nicht mit jenen Bildern zu verwechseln, die durch den ganzen Rätselkern durchgeführt werden und die ganze Beschreibung mitbeherrschen. Hier handelt es sich nur um einen einzelnen, bildlich ausgedrückten Zug. Das Rätsel vom Storch (»Groot Jööljapp«) arbeitet z. B. mit Klangbildern, freien Neubildungen wie »Gräsbicker« u. dergl., dazwischen aber wird der Standpunkt des Beobachters wegen seiner erhöhten Lage als »Paradies« bezeichnet. Gerade in solche aus parallelen Reihen gebildete Rätsel, wie dies (W. 12) oder das vom Menschen (W. 164), von der Kuh (W. 165) u. dergl. dringen solche Bilder zur Abwechselung gern ein. So heissen in Mecklenburg die Beine »twee Pööl«, der Rumpf »Tunn« (in Ostpreussen »Spiker«, d.h. Speicher, Frischb. 23,1), der Hals »Trichter«, die Haare sind als »Wald«, worin Jung und Alt sich ergehen, mit sichtlichem Behagen dargestellt.

Neue Bilder bringt die schweizerische Fassung desselben Rätsels (Roqhholtz Nr. 64 ff.), wo etwa die Augen als »Sterne«, »Nachtliechtli«, »Faischter« (Fenster), die Beine als zwei gleichgewachsene »Aspe« (Espen oder Eschen) bezeichnet werden. Ähnlich wird dort (Rochh. 2) am Schlüsse des Kuhrätsels der Schwanz als »Fleugwädeli« aufgeführt, der Hahn (Rochh. 16) heisst »Wächter uf der Wart«. Das Ei tritt in zwei verbreiteten Rätseln, die freilich schon zu den durchgeführten Bildern hinüberneigen (W. 31 und 32), als »gelbe Blume« und »goldene Uhr« auf.

Weiter finden wir eine ganze Reihe Appellativa verschiedener Art als Benennungen verwendet. Sie schließen sich gern an die äussere Erscheinung an. Schon Zahlenbezeichnungen in substantivischem Gebrauche können wir herstellen (Die Kuh):

Vieri trampe, Vieri lampe •

Vieri lunge Gigge Himmel.

Zweu gönd, Zweu stönd, Zweu müen mer ha, Zweu chomes sus daher.

(Rochh. 1.)
oder

(Sonne und Mond — Himmel und Erde — Holz und Wasser - Tag und Nacht), Rochh. B3.

Freilich sind jene Vierheiten beim ersteren Rätsel, die immer eng zusammengehörige Gegenstände bezeichnen, verständlicher als die Zweiheiten bei letzterem.

Auf den Gesamteindruck eines Gegenstandes beziehen sich meist substantivierte Adjektiva oder Zusammensetzungen, die solchen gleichwertig sind. Hierher gehören: »Rund«, Tonne, ostpreussisch; »Bunt«, Steinpflaster, ostpreussisch;1) »Helle«, Mond, braunschweigiscli;2) »Ruglingke«, Schwein, ostpreussisch;3) »Längmann«, 1) Bach, mecklenburgisch;4) 2) Wurm, mecklenburgisch,89) 3) Rauch, ostpreussisch;90) »Dickpumpele«, Zwiebel, schweizerisch;1) Grosshans«, Ofen, schweizerisch; »Wittenborg«, Eierschale, mecklenburgisch.2)

Oder es wird nur ein bestimmter Teil (vielleicht als pars pro toto) durch ein Adjektiv u. dgl. beschrieben und das daraus gebildete Kompositum als Benennung gebraucht, wobei auch wieder Zahlenangaben eine Rolle spielen. »Vier-bei«, Schwein, schweizerisch. Hierher gehört auch jenes in den mannigfachsten Gestaltungen und Ausdeutungen weit verbreitete, fast in jeder Rätselsammlung wiederkehrende Stück vom »Einbein, Zweibein, Dreibein und Vierbein«, das etwa in Mecklenburg (W. 151) lautet: »Tweebeen (Schäfer) sitt up Dreebeen (Schemel) un hadd Eenbeen (Knochen); dor keem Viorbeen (Hund) und nehm Tweebeen Eenbeen; dunn nehm Tweebeen Dreebeen un smeet Yierbeen, dat Vierbeen Eenbeen fallen leet«, oder im Englischen (Hall. 126):

Two legs sat upon three legs, With bne leg in his lap; In come8 four legs, And runs away with one leg. Up jump8 two legs Catches up three legs, Throws it after four legs, And mcikes him bring bach one leg.

Ferner: »Kruuskopp«, Baum, »Kahlkopp«, Nuss, mecklenburgisch91); »Patschfötke«, Gans, ostpreussisch92); »Nattoors«, Eimer, »Puttoors«, Hund, »Rauhoors«, Katze, »Fettoors«, Schwein, »Griesnoors«, Sau, »Bummelnoors«, Birne, »Ruuch-stiert«, Sau, mecklenburgisch5).

Andere Benennungen werden von der Thätigkeit des Gegenstandes, von seiner Bewegung u. s. w. hergenommen. Bisweilen begegnen wir imperativischen Namenbildungen, wie z. B. bei Renk 98, wo der Frosch »Hupfauf« genannt wird, der Hase »Baldauf4. Kürzer sind Namen wie »Belle« für den Hund (Andree 17); ebenso, doch bis zu voller Personifikation erweitert, die schottische Bezeichnung des

Feuers (Chamb. 8): Bonny Kitty Brannte, She stands up the wa' .... Echt niederdeutsche Appellativbildung ist etwa »Bommelke«, was bei Frischbier 11, '24 eine Eichel, ebda. 23,190 einen Eiszapfen bezeichnet.

Sonst findet man vielfach Benennungen auf -er gebildet, z. B.: Aus dem Oberdeutschen (schweizerisch): »Gumper« (Floh, Rochh. 97), »Chlebber« (Fliege, ebda.), »Stämperli, Plämperli, Horcherli, Gugguggerlr' u. s. w. (an der Kuh, ebda. 2), »Hitzgeber« (Ofen) und »Wohlleber« (mit übertragener Bezeichnung eigentlich: »woran sich Wohlleben lässt«, d. h. Tisch. Vgl. Wilmanns, Deutsche Grammatik, IIa, § 227, 4, S. 292). Endlich »Chlöpfer«, Uhr. Und aus dem Niederdeutschen: »Gräsbicker« (junge Gans, W. 12), »Gräwer« (Käfer) und »Snüwer« (Sau, W. 18), im Rätsel vom Menschen (164) etwa »Smecker« (Mund), »Rüker* (Nase), »Kiker« (Auge), endlich in dem von der Kuh (165) »Lüchtens« (Augen), »Stüters« (Hörner), »Napietscher« (Schwanz). Ähnliche Benennungen findet man natürlich in allen Sammlungen, in denen jene beiden Rätsel stehen, mit geringen Abweichungen (der Mund heisst etwa im Ost-preussischen »Lecker«; Frschb. 23,1). In der Zusammenstellung (Frischbier 9, 8):

Hutzbutz füll 'raf, Kein Erdwenger, Wull Hutzbutz nehme, Kern Woldgänger, Nehm Erdwenger, Blef Hutzbutz ligge

ist das nicht ganz klare Hutzbutz (Eichel) vielleicht noch eine von der Bewegung hergenommene Klangmalerei. Wenigstens führt A. Dornkaat-Koolmann 2,119 »hütsein«, schaukelnd hin- und herbewegen, an. »Erdwenger« (= Sau) gehört in unsere, hier besprochene Reihe; »Woldgänger« aber, die Benennung des Jägers, bezieht sich weniger auf seine Bewegung, als auf seinen Aufenthalt. Denn auch Ort und Stelle, wo ein Gegenstand gewöhnlich zu finden ist, von wo er herkommt, wird gelegentlich zur Bezeichnung

6

verwendet. So ist der Fisch ein »Mann von Seeland« (W. 24) und von dem frischgelegten Ei wird gesagt, es komme von »Holland« (aus dem hohlen) oder von »England« (aus dem engen Lande), wofür man später, als man den eigentlichen Sinn nicht mehr verstand, gelegentlich »Amsterdam« u. dergl. einsetzte. Eine scherzhaft gebildete Ortsbezeichnung lernten wir auch schon in »Kopenhagen« und »Wittenburg« kennen, eine andere ist im schweizerischen Rätsel von der Zwiebel (Rochh. Nr. 46) zu finden:

's chunt es I)ing vo Rüwenach, 's ganze Ding is siebenfach, u. s. w.

und eine etymologische Bemerkung von Rochholtz, die wohl zuverlässiger ist, als seine mythologischen Ausführungen, belehrt uns über den Doppelsinn des »Rüwenach«: 1) rotfarbig, 2) krätzig.

Die Verbindung zwischen diesen bedeutsamen Benennungen und den Beschreibungen wird durch eine Gruppe hergestellt, die aus der Vereinigung eines allgemeinen, an sich bedeutungslosen mit einem modifizierenden Elemente besteht. Beide Teile gehören so eng zusammen, dass ich sie zu der Gruppe der Benennungen stellen möchte, denn es ist doch schließlich logisch dasselbe, ob man sagt: »Langer« oder »Langmann« oder »Langer Mann«. Das verengernde Element ist meist ein Adjektivum: Rochh. 31 »Langer Narr, dürrer Mann« (Pappel); ebd. 87 »De schwarz Frau« (Pfanne); Andree 6 »Lütjer witter Junggesell« (Meer-rettig); W. 172 ,,'ne witt Madam« (Storch); W. 59 und 183 »Rod Ding« oder »ein rotes Fräulein« (Kirsche); bisweilen eine Zahl: W. 42 »Zweiunddreissig Leoparden« (Zähne) oder W. 40 »Sieben gute Kameraden« (das Siebengestirn).

Die Bewegung wird relativisch bezeichnet, wie bei W. 68 »Ding, dat wippt« (Zunge), der Stoff wird in dem weit verbreiteten Würfelrätsel hinzugefügt, etwa W. 100 »Dor flucht 'n Vagel elfenbeeu«, oder »Dor flööch 'n Vagel von Elfenbeen«; und auch im Aargau (Rochh. 17) »Vogel von Helpfebei«. Endlich wird auch einmal eine lokale Bestimmung hinzugefügt, W. 16: »König Hoochhangen« (Eichel).

Die Beschreibungen. Trat uns schon bei den Benennungen eine Fülle von ! Formen entgegen, so wird diese bei den Beschreibungen | geradezu erdrückend. Wer sich in diesem Wirrsal zurechtfinden soll, sucht vergeblich nach einem Einteilungsprinzip. Denn während die Benennung nur einen Zug darstellte, kann die Beschreibung ihrer mehrere vereinen, sie kann an den Inhalt der Benennung anknüpfen oder den Gegenstand von ganz anderer Seite ins Auge fassen; sie kann mit direkter Schilderung, mit Vergleichen und Bildern operieren, sie kann j den Gegenstand selbst sprechen lassen oder von ihm er-! zählen; sie kann ihn in seinen Teilen ausmalen, oder auch | mehrere Dinge zu einem Ganzen zusammenraffen; sie kann auch innerhalb eines Rätsels auf das mannigfachste wechseln in Auffassung und Stil.

Wir wollen uns bemühen, durch diesen Wald einen Pfad zu finden und möglichst vom einfacheren zum komplizierteren aufzusteigen. Je nach der spärlicheren oder reichlicheren Entfaltung des beschreibenden Elements, je nach der Fülle von Gegenständen, die in das Rätsel hineingezogen werden, bilden wir zunächst einige mehr äusserlicli gegebene Hauptgruppen, innerhalb deren wir dann freilich, gemäss der stetig durcheinander wogenden Menge der Typen, etwas freier anordnen müssen.

I.

Ein Gegenstand (Vorgang u. s. w.) wird, als Ganzes, durch einen beschreibenden Zug bestimmt. Dies dürfte der einfachste Fall sein, kaum aber die hierhergehörigen Rätsel die ältesten. Auch genügt eine blosse, einfache Beschreibung keineswegs zur Bildung eines Rätsels; irgend eine Erweiterung tritt also hinzu; sei es die künstliche Bildung eines Gegensatzes, wie im west-preussischen Rätsel vom Kalk: ^

Für tilgt sonst Watersfluth, Mi sät Water erseht in Gluth.1)

sei es ein benennendes Element; dieses kann natürlich auch wieder bedeutungslos für die Beschreibung sein, genügt dann aber auch nicht für ein Volksrätsel. In diesem Falle tritt Umwandlung in die Personifikation ein. Wie vorzüglich sich gerade diese Art der Einkleidung eignet, beweist uns das weit verbreitete1) Rätsel vom Eiszapfen, das etwa im Braunschweigischen lautet (Andree Nr. 3):

Am däk von tisen hüse Hangt ne Perlapüse, Wenn de leiwe sunne schint, Use Perlapüse wint.

Das Wort »wint« hält die rechte Mitte zwischen einem »schmilzt«, was zu viel verraten, und einem »tropft«, was zu wenig sagen würde. Beides ist dort vereint, der Untergang, der »unserer P.« von der Sonne droht und die Form der Auflösung. Die Zusetzung des »üse« ist im Volksrätsel nicht bedeutungslos; der Niederdeutsche setzt sich gern durch solche Possessivpronomina und ähnliche Mittel mit dem Gegenstande in nähere Verbindung, ein Bestreben, das wir schon bei den Rahmenelementen nachweisen konnten. Um ein solches handelt es sich auch in der ersten Zeile unseres Rätsels. Man könnte ja darüber streiten, ob das Rätsel überhaupt in diese Reihe gehöre, denn es enthält scheinbar zwei beschreibende Elemente: eine Angabe des Ortes (»Am Dach« u. s. w.) und eine der Schicksale des Gegenstandes. Betrachten wir aber die anderen überlieferten Fassungen, etwa die mecklenburgische, so finden wir bald, dass die Urform des Rätsels begann: »Hinner unsem Hus«, also mit einem ganz gewöhnlichen Rahmenelement, das auch mij allen möglichen anderen Gegenständen verbunden werden kann. Die braunschweigische Fassung zeigt aber auf das Deutlichste — und darum ward sie an die Spitze gestellt —, wie wenig doch dem Volke die magere Einzelbestimmung der Personifikation zur Beschreibung und Erkennung des Gegenstandes genügt. So erweitert sich denn das Rahmenelement zu einem beschreibenden Zuge. Ist dies nicht der Fall, so wird aus der Beschreibung selbst ein hemmendes Element gezogen, das aber auch seinerseits allemal der Erklärung dient (weshalb die »hemmenden« Teile nicht gesondert behandelt, sondern hier mit abgethan werden). Man vergleiche etwa die braunschweigische Fassung des Maulwurfrätsels (Andree Nr. 5):

Hinner üsen hüse Ploiget vadder Kruse One plaug un öne rad. Rae mäl tau wat is dat?

Eigentlich beschreibend ist nur die Bestimmung »pflügt«; die besondere Art des Pflügens, »ohne Pflug und ohne Rad«, lässt zwar den Hörer auf einen Augenblick stutzen, an der Möglichkeit des Vorganges zweifeln, giebt ihm aber doch zu verstehen, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Pflüger handelt.

Noch weiter geht die Personifikation, wenn der Gegenstand selbst redend dargestellt wird. Diese Form bedarf einer besonderen Einführung in unserer Gruppe, denn in einem Rätsel, das mit »ich« begänne, könnte nicht leicht eine Benennung1) angebracht werden. Ein Beispiel giebt wieder ein braunschweigisches Rätsel (Andree 6), vom Meer-rettig:

Hinner üsen hüse up'n feile Steit en lütjer witter Junggeselle. Hei säe: ick will di leren Du sast de ögen in'n koppe v erkoren.

Durch ihre eng angeschlossenen Zusätze giebt die an sich bedeutungslose Benennung doch schon einen wichtigen Zug für die Beschreibung ab, sie zeichnet Gestalt und Farbe. Sprunghaft in seinem Gange aber wendet sich das Rätsel gleich zu einer andern Seite, zu einer Schilderung der

4) Solche Rätsel, wie W. 88 (Vogelbauer): »Ich bin ein armer. Bauer« u. s. w., arbeiten meist mit Wortspielen, sind also »unwirkliche« Rätsel.

Wirkung, die der Gegenstand auf den Menschen auszuüben vermag; die Ausdrucks weise ist drastisch und recht persönlich. Diese Lebendigkeit bekommt eben das Rätsel erst bei reicherer Ausbildung; hier genügte schon der adjektivische Zusatz, der die Benennung in das Gebiet der bedeutsamen Namen erhob. Ist die Benennung aber schon an sich bedeutsam, so hat das Rätsel um so leichteres Spiel. Meist wird eben eine Schilderung des Aussehens, der Gestalt, Grösse, Farbe durch die Benennung schon vorweg genommen und das Rätsel fügt dann noch eine Bestimmung ähnlicher oder abweichender Natur hinzu. Zu stark ausgeführter Personifikation entwickelt sich die Benennung im Rätsel vom Feldweg, das etwa im Pommerischen93) lautet:

Langmann, Sehlankmann, Künn he sik uprichten, Güng he gen Himmel bichten.

Das hemmende Element unterrichtet uns zugleich (Iber die Lage des Gegenstandes, über die Richtung, in der sich seine Länge erstreckt, natürlich in versteckter, übertragener, aber lebendiger Weise des Ausdrucks.

Unter einem hübschen Bilde schildert ein tirolisches Rätsel2) die Zerbrechlichkeit des Eies:

Mutter thuts Kuchelkastel auf Und bringts nimmer zu.

Die Benennung nach dem Aussehen ist durch eine Beschreibung der Thätigkeit ergänzt im braunschweigischen Rätsel vom Kohl (Andree 2):

Hinner usen hüse Steit ne Krickelkrüse Je doller as de wind weit. Sik Üse Krickelkrüse dreit.

Endlich vereinigen sich Benennungen verschiedenster Bildung und Bedeutung mit kurzen Ortsangaben in jenen

schon erwähnten kurzzeitigen Rätseln, wofür wir noch je ein ober- und ein niederdeutsches Beispiel anführen.

Rochholtz, Zeitschr. f. deutsche Mythologie, Bd. I Nr. 87 (Pfanne, Ofen, Floh, Fliege, Uhr):

Die schwarz frau in der chuchi, De grosshans i der stube, Im spriierbett der gumper, De chlebher a der dieli, De chlöpfer a der wand;

Andree, Nr. 17 (Mond, Hund, Bank, Besen):

Up'n däke helle, Vor'n htise belle, In'r sttiwe biff baff In'r koke kriz kraz.

II.

Ein Gegenstand (Vorgang u. s. w.) wird, als Ganzes, durch mehrere beschreibende Züge bestimmt.

Genügen auch schon mehrere, beschreibende Elemente in den meisten Fällen durchaus zur Rätselbildung, so gewinnt doch das Stück durch Hinzutreten einer Benennung ganz ungemein an Lebendigkeit und findet um so leichter den Übergang zu der so beliebten Personifikation.

Benennende Klangbilder schildern, wie wir sahen, meist die Bewegung oder die damit verbundenen Geräusche, die Stimme eines Gegenstandes. Ergänzt werden sie aber meist in anderer Richtung. Zunächst tritt eine, freilich nicht immer sehr bezeichnende oder organisch notwendige Ortsbestimmung hinzu. Dann folgt etwa als Hauptteil eine Beschreibung des Aeusseren, wie in den oben schon in anderer Form aufgeführten Rätsel von der Egge (ostfriesisch, Meier Nr. 34):

Heitereltelt gung over't Feld,

Wel het so völ Beenen as Hetereltelt?

Oder eine Eigenschaft tritt hinzu, beim Ei etwa, wie wTir schon einmal sahen, die Zerbrechlichkeit. Hierher gehört

das weitverbreitete Rätsel von »Entepetente«, das in Braunschweig lautet (Andree 8):

Hummelke Trummelke lag up'r bank, Hummelke Trummelke feil von'r bank, Et was kein doctor in'n gansen land, De Hummelke Trummelke we'er mäken kann,

was in Schlesien, durch Vermischung mit einem andern Rätsel vom Ei,94) folgende Gestalt erhalten hat: »'s iis a Fääs an wänns zerschlaän is, käans kä Bend'r mee macha« (Peter Nr. 334).

In gleicher Richtung wie die Benennung bewegt sich die Beschreibung nur dann, wenn es sich um eine speziellere örtliche Festlegung der dort angedeuteten Bewegung handelt. Hierher gehört das ostfriesische Froschrätsel (Meier Nr. 28):

Wicker de Wacker Sprung over de Acker, Wicker de Wacker sprung in de Sloot, Noch was Wicker de Wacker neec doot.

Die Beziehung auf den Menschen deutet ein schottisches Rätsel von der Nessel an, das in seinem Kerne auch in deutschen Rätseln wiederkehrt (etwa bei W. Nr. 51). Ks lautet (Chamb. 10):

Heg-beg adist the dike, Heg-beg ayont the dike, If ye touch Heg-beg, Heg-beg will gar you fike,

also mit stark persönlicher Auffassung, wie auch das schlesische Rätsel vom »Schatten«, dessen Bewegung recht undeutlich gemalt wird (vielleicht mit Übertragung aus einem andern Stücke), dessen Schicksal aber um so besser (ähnlich wie im Eiszapfenrätsel), beschrieben ist (Peter 319):

Gickala Gackala Ging iwrsch Ackala, Wii d* liibe Sonne schiin, Ging Gickala Gackala wiidr hääm.

Natürlich braucht die Benennung keineswegs immer eine Klangmalerei zu sein. Enthält sie einen bildlichen Ausdruck, so wächst sich die Beschreibung gern zum vollen Bilde aus. Arbeitet sie mit einer freien Appellativ bildung, so geht das Ganze leicht in eine Personifikation über. Angaben des Fundortes wechseln mit Bestimmungen über den Stützpunkt ab, den Teil des Gegenstandes, auf dem sein Gewicht ruht. Vergl. das Kirschenrätsel (Renk 110):

Steht ein Vogel auf ein Fuss, Isst kein Muss, Trinkt kein Wasser, Hat kein Wein,

Rat was für ein Vögele das wird sein?

Das Rätsel arbeitet in der Hauptsache mit hemmenden Elementen, das Bild ist sehr unvollkommen durchgeführt, weil das tertium comparationis »Steht auf ein Fuss« doch gar zu schwach ist.

Besser durchgeführt sind meist Personifikationen, wie das Rätsel vom Wurm, das im Schlesischen (Petor Nr. 341) lautet:

'Siis ju dar Lange,

Keimt heinde rai gange:

Ar säet: Joet mir d« Hiinr and d- (»ans,

t

Fora Hounde färcht ich mich nii.

Das hemmende Element giebt eigentlich den wichtigsten Teil der Beschreibung. Der Benennung fügt die schottische Fassung noch ein wichtiges Moment hinzu, wie sie auch die Räuber auf dem Hofe noch vollzähliger nennt (Chambers Nr. 25):

Lang man legless

Gaed to the door staffless.

Goodicife, take up your deuks and hens,

For dogs and cats I carena.

Kürzer und unbestimmter ist eine andere schottische Fassung,95) die auch die alte Bezeichnung »lang manu fallen lässt:

Reddichy roddichy rins on the dyke,

Keep awa yir dock in hen, I carena for yir tyke.

Gut durchgeführte Bilder begegnen nicht selten: Yon der äusseren Gestalt nimmt das niederdeutsche Rätsel vom »Eiszapfen als Hammer' seine Benennung, und die Beschreibung führt dies näher aus, als hemmendes Element (etwa Meier

Nr. 39):

Achter mien Vaderjs Kamer, Dar hangt'n blanke Hamer, De dar mit timmern kan, Dat is'n künstig. Man.

Zu beachten ist die wichtige Bestimmung, die in dem Adjektivum »blank« liegt.

Ein sehr beliebtes und verbreitetes Rätsel dieser Art führt das Ei unter dem Bilde einer Tonne mit zwiefachem Inhalt und — als »hemmendes Element« — ohne Band und Reifen vor. Hübsch wird hier die Ortsbezeichnung durch einen Ländernamen ausgedrückt, der noch eine besondere, geheime, durch eine etymologische Spielerei herausgebrachte Bedeutung hat. Man vergleiche etwa zwei mecklenburgische

Fassungen (W. 25 f.): «

Dor keem 'n lütt Tiimming ut Holland, Hadd nich Staff oder Band, un keem liker ut Holland. —

Kümmt 'ne Tunn' ut Engelland, Ohne Bodden un ohne Band, Is tweierlei Bier in.

»Holland« und »Engelland« sind gleichwertige Bezeichnungen. Die Beschreibung der Tonne ist durch sie schon angebahnt, darum kann sich die weitere Bestimmungschon in der Form des hemmenden Elements bewegen. Dass die Tonne trotzdem sehr fest hält, drückt die erste Fassung nochmals in neckischer Weise aus: »Keem liker ut Holland«, was scheinbar auf einen weiten Weg schließen lässt. Dafür fehlt die Angabe des Inhalts, die in der zweiten Fassung hinzutritt und wohl dem Rätsel von alter

Zeit her angehört. Die beiden Hauptbezeichnungen »Fass ohne Band« und »Fass mit zweierlei Bier« treten aber nicht selten isoliert auf, wie denn das Rätsel auf seinen weiten Wanderungen die in fremden Sprachen natürlich nicht verständliche Ortsbezeichnung ganz oder bis auf einen schwachen Rest verloren hat. Ist er doch, wahrscheinlich in deutscher Sprache, in den skandinavischen Norden gelangt. Zwar hat das Rätsel der altnordischen Herwararsage (Nr. 17) vom Schwanenei wenig mit dem unsern gemeinsam:

Bäru hrundir, bleüchaddafiar, Ambättir tvoer öl Hl skemmu; Varat pat höndum hör fit, Ne homrum klapp at; 8ja var üt vift eyjar ördigr, er görtti.

Es spricht mehr von den Farben der verschiedenen Teile und beschreibt im »hemmenden Elemente« die nicht gewöhnliche Herstellung, sieht nur im Dotter ein Bier und braucht nicht in literarischem Zusammenhange mit unserem mecklenburgischen Rätsel zu stehen, denn solche Einzelzüge können an allen Punkten der Erde selbständig gefunden werden, wie denn auch das »Fass ohne Band« im Rätsel der Einwohner Madagaskars von der »kleinen Tasche mit unsichtbaren Näthen«1) eine gewisse Parallele hat. Dagegen lebt unser Rätsel noch heut im schwedischen Volksmunde: verkürzt (Ztschr. f. d. Myth. 3,345, Nr. 19): Eit fad a tu las äöl; dagegen vollständig und mit einer der deutschen ähnlichen, doppelsinnigen Ortsbezeiclinung: in Västergötland (Bidrag tili Kännedom of de Svenska landsmälen ock svenskt folklif, VII 4, 5 Nr. 17):

Det kom en tunna ifran inland Ock gick at ntland,

Med litet tili laggar ock inte nagot tili band, Men med tiva slags dricka, Men hvarken tapp aller svicka.

Anderwärts ist eine farblosere Ortsbezeichnung eingetreten. Wo man das Wortspiel nicht nachahmen konnte, behalf man sich eben, so gut es ging. Da lesen wir in den Rätseln, die Dybecks »Runa« 1849 brachte, unter Nr. 6: Det kom en tunna fr an främmande land, utan laggar och utan band, med tu slogs el in.

In dieser Form ist das Rätsel zu den Lappen gekommen; es lautet dort:96) »Es kommt eine Tonne aus fremdem Land, sie hat nicht Spund noch Band, enthält aber zwei Arten von Bier.« In den nichtgermanischen Sprachen (im Englischen kann ich ein ganz entsprechendes Rätsel bis heut nicht nachweisen) bleibt die Ortsbezeichnung einfach weg; die andern Teile des Rätsels erhalten sich, teils zusammen, teils vereinzelt, bisweilen auch mit neuen Zu-thaten.

Es sei mir erlaubt, noch einiges beizubringen. Die Bestimmung des Inhalts fehlt etwa im französischen Volksrätsel aus Bearn (Lespy, prov. du pays d. B. 1876 Rtsl. nr. 11; auch bei Rolland;:

A nouste que y ha u barricoutet Qui n'ha ni cercle ni brouquet.

Ebenso andere Fassungen, die ich hier beibringen kann, etwa aus Pineau's97) Sammlung aus Poitou (Nr. 16): Un sac de monture qui na ni point ni couture. Oder aus Armagnac (Bladö, a. a. 0., Nr. 97.):

Round, round comme un barricoutet, Sense ceucle ni brouquet.

Das Rätsel scheint also in Frankreich nie die Bestimmung des zweierlei Inhalte geführt zu haben. Nun hat zwar Rolland aus den erhaltenen Ausläufern der ältesten französischen Rätselbücher (Questions önigmatiques und Adevineaux amoureux) nichts beigebracht, und eine eigene Einsicht war mir selbst in Berlin nicht möglich. Immerhin könnte dort noch eine Fassung stehen oder wenigstens in den verlorenen älteren Büchern gestanden haben; wenigstens hat das alte StrassburgerRätselbuch in auffälligerÜbereinstimmung(Butsch, Nr. 152): »Ein Fesslein das ist voll gebunden Fast geheb on hardt und on bandt hott auch kein reyff.« Dagegen hat das Italienische die Bestimmung auch des Inhalts; die Beschreibung der Tonne ist originell umgewandelt:

Oi ho un botticino Di due sor}i di vino. Non 8% apre e non si serra Se non si butta in terra.

(Rätsel aus d. italien. Mank, bei Pitre, Arch. Bd. I, ges. v. Gianandrea.) Einen neuen Zug fügt noch das Slavische hinzu, ein hemmendes Element: »Ich habe ein Fässchen, darauf ist kein Reifen, in dem ist zweierlei Wein und doch vermischt er sich nicht.« Das Lithauische steht dem Deutschen wieder ganz nahe: »Ein kleines Fässchen, ohne Dauben und ohne Reife, innen zweierlei Bier« (Schleicher, S. 196).

Im ganzen wird man vielleicht sagen können, dass gerade das Deutsche, vorzüglich das Niederdeutsche, weiterhin überhaupt die germanischen Sprachen besonders zu Ortsangaben neigen, wie wir ja schon bei der Betrachtung der Rahmenelemente beobachten konnten.

Endlich sei noch das in Niederdeutschland sehr bekannte Rätsel vom Bienenstock angeführt, das insofern schlecht komponiert ist, als die zweite Bestimmung von seinen Bewohnern, den Bienen, handelt, wenn man überhaupt in der ersten Zeile eine Ortsangabe wesentlicher Art und kein blosses Rahmenelement erblicken will. Es lautet etwa in Braunschweig (Andree 4):

Hinner üsen hfise Dat steit ne Krickelkrackelkrtise. Se mijet herin, Se sohltet herin, Un wl stippet Üse brot herin.

Das Rätsel scheint aas älteren Stücken zusammengeflickt zu sein. Man vergleiche im alten Strassburger Rätselbuche (Butsch, Nr. 66): »Wölcher Dreck gut zu essen sey.« — »Von der Bien, das ist das Honig.« Auch ein Bienenrätsel aus Welschtirol kann herangezogen werden ^Schneller, Nr. 5):

Jo porto il manto d'oro, Che aerve al mio decoro Per prati e per giardini vada a convito, Del mio aterco ognun si lecca il dito.

Die unbenannten, nur mit Beschreibungen arbeitenden Rätsel brauchen naturgemäss eine grössere Anzahl vielseitiger Bestimmungen, wenn sie recht deutlich werden sollen. Auch hier ist die Ortsbestimmung sehr beliebt, besonders, wenn das Rätsel weiterhin nur Aussehen, Gestalt u. s. w. behandelt, doch kann sie fehlen, wenn z. B. die Geschicke, die Behandlungsarten eines Gegenstandes, die Stufen seiner Ent-wickelung oder Bearbeitung dargestellt werden, kurz: »seine Geschichte«. Wir werden weiter unten mehr solche Stücke kennen lernen, hier genüge als Beispiel etwa das schweizerische Rätsel von der Weinrebe98):

Hau se nid und stich se nit, Leg se ab und brich se nit. Mach' er' es unt' und obe guet, Ass sie's hüer wieder thuet.

Der Gegenstand selbst wird, gerade auf Veranlassung der Ortsbestimmung, meist in irgend einer Weise eingeführt durch eine unbestimmte Bezeichnung oder ein Pronomen. Es müsste denn sein, dass die Ortsangabe selbst in partizipialer Form als Attribut des Gegenstandes in das Rätsel hineingezogen wird, was in Frankreich nicht selten ist (vgl. etwa Blade, Nr. 53, Rätsel vom Kirschbaum): »Haut mountat, tout abillat de rouge«, aber auch in Deutschland vorkommt, etwa.in dem besonders im Vlämischen beliebten, doch auch in Mecklenburg und sonst nachweisbaren Regenbogenrätsel (W. 212):

Hooch erhoben, krumm gebogen, Wunderlich erschaffen:

Wer dat raadt, sali öwer Nacht bi mi slapen.1)

Volksk. 1,151:

Hoog omhooge. Krom gebogen Van God geschapen, Niemand die dar aan kan raken.

In ähnlicher Weise verfahren noch zwei schweizerische Rätsel der Rochholtzischen Sammlung (Nr. 36 f.):

Hoch umme dreijt, Nieder abeg'weijt. •

Und in sack ie g'nait. (Laus.)

Hochgebore, Niederg'schore, Wit verbreift,

Noch z'samme g'leit. (Heu.)

I Sonst wird also der Gegenstand auf irgend eine Weise

eingeführt; am stärksten tritt er hervor, wenn ihm selbst die j Beschreibung in den Mund gelegt wird, wie etwa im tirolischen ! Rätsel vom Knoblauch (Renk, 109):

Ich wachs im Acker, Toll und wacker, Hab neun Haut, Und beiss die Leut.

Natürlich ist die Ortsangabe hier von Bedeutung, und kein | Rahmenelement. Im Gegenteil scheint das ganz bedeutungslose »toll und wacker« eine blosse Reimbildung auf »Acker« | zu sein, wie auch in dem gleichbedeutenden mecklenburgischen

Zwiebelrätsel (W. 190): I--

Mit gemildertem Schlüsse in dem jüngeren »Rockenbüchlein« ;

Rundgebogen, hocherhoben, Wunderbar erschaffen, Wer mir dies errathen kann, Soll heut ruhig schlaffen.

Dor steit'n Mann in'n Acker,

heet Wacker,

He bitt de Lud, un de Lud' biten em.

»Wacker« ist ein alter niederdeutscher Hundename, der sehr bald, da ja Hunde nicht selten zum Vergleich herangezogen werden, in ein Volksrätsel eingedrungen sein und sich dann als konstanter Reim auf »Acker« erhalten haben kann (vgl. Huse — Perlepuse). Iitwa »der Gedanke« bei W. 106 b: »Dor leep 'n lütten Hünning ,Wacker4 de leep öwern grund-grönen Acker«. Wurde dann der Name auf Rätsel tibertragen, wo er keinen Sinn hatte, so wurde er entstellt (Racker, z. B. W. 190 b) oder adjektivisch ausgeformt, wie in unserm Rätsel. Nicht alle Varianten zeigen den Eingang: »Ich wachs im Acker«, es steht auch da: »Dor steit'n Mann im Acker«, oder kürzer: »Es steht im Acker« u. dgl., eine Benennung unbestimmter Art, aber jedenfalls immer eine Einführung. Das zweite Element, die »sieben Häute«, wechselt in den Varianten mit »neun Häut«; beides bezeichnet eben nur, was dort auch zu finden ist: »viel Häute«. Bestimmte Zahlen sind ja aber der ganzen Volkspoesie geläufiger, als solche unbestimmten Bezeichnungen, wie »viel«, »sehr viel« u.dgl. (vgl. Wossidlos Register unter »Zahl«); uud bekannt sind G. Sachses Scherze über die Häute der Frau u. dgl. Vom Kohl heisst es (W. 189,: »Hett nägenunnägentig (99) Pelzen an.« Das dritte Element, das die Wirkung auf den Menschen schildert, ist zugleich hemmender Art, indem es die Gedanken etwa auf ein Tier lenkt. Das Rätsel spielt mit dem Worte, indem es den wirklichen und übertragenen Sinn von »Beissen« verwechselt, was zur Belebung wesentlich beiträgt, was auch in einer Variante bis zum hemmenden Gegensatze gesteigert wird, wie wir oben sahen (»Un de lüd' biten em«). Wir sehen aus dieser Analyse, wie viel Handhaben ein Rätsel ohne jede Benennung der Lösung bieten, wieviel Hindernisse es auch durch Reimspielereien und Hemmungen ihr bereiten kann. —

Wie unbestimmt ein derartiges Rätsel aber auch sein kann, zeigt ein anderes Rätsel, das eigentlich nur mit einem einzigen beschreibenden Zuge in gegensätzlicher Form arbeitet (Meier, ostfries. Nr. 17, Windmühle):

Tüsken Loge un Leer, Dar steit 'n wunder) iek Deer. De ett un frett, Un wart nooit neet satt, Ra, ra, wat is dat.

Die Ortsbestimmung ist unwesentlich; viel bedeutsamer wird sie, je mehr die Bezeichnung des Gegenstandes an Klarheit abnimmt, etwa im folgenden von der Dachrinne (Renk 149):

Es geht etwas vom Haus, Schreit allweil: Glig, glag! Wenn ich nur alle Meine Kapplen hat.

Die Einleitung ist ganz ähnlich dem niederdeutschen Rätsel von der Schere (auch W. 107), das ich in der Mark in dieser Form hörte: »Et löppt wat ?n Weg lang, frett väl und säd toletzt: Knipps.« Das hemmende Element, das Motiv der »Kappen«, löst sich in ein beschreibendes auf, wenn man von der persönlichen Einkleidung des Rätsels absieht. »Kappen« sind die kleinen Vertiefungen, die der fallende Regentropfen im Sande hinterlässt, eben nicht ihrem Zwecke nach, sondern der Form nach verglichen.

Ähnlich wirkt durch Wiedergabe des Geräusches ein tirolisches Rätsel von der Uhr, mit ziemlich deutlicher Ortsangabe, die eine weitere Bestimmung überflüssig macht (Renk 126):

'S ist etwas im Kammerle, Thut alleweil Timmerle Tammerle.

Ebenso kurz, aus Orts- und Thätigkeitsbeschreibung zusammengesetzt, ist das schweizerische Flohrätsel (Rochh. Nr. 9):

'S isch öppis uf em StÖckJj, Und gumpet wie nes Böckli.

Personifikationen lassen ein Rätsel meist etwas weiter aufschwellen; so haben wir drei Bestimmungen im schweizerischen Rätsel von der Dornbeere (Rochh. Nr. 28):

'S isch öppis am-ene Rainli, Streckt alle sine ßainli, Mit Angst und Noth G'friert sis Chöpfli roth.

Sehr beliebt ist eine Gruppe von Rätseln, die etwa folgendermassen zusammengesetzt sind: 1) Unbestimmte Bezeichnung des Gegenstandes selbst (Ding, etwas, es u. dgl.); 2) Ortsangabe für den ganzen Gegenstand (meist bedeutsam); 3) Bestimmung über das Verhältnis des Gegenstandes zu dem angegebenen Orte (steht auf u. dgl.); 4) Hauptteil: Ein Attribut, ein Teil des Gegenstandes, direct oder bildlich benannt (meist eingeführt durch »hat«); 5) Bestimmung über das örtliche Verhältnis dieses Teiles zum ganzen Gegenstande, Angabe des Punktes, an dem der Teil dem Ganzen an- oder eingefügt ist.

So die Gans (ostfriesisch, Meier 41):

Dar drifft'n Ding under de Brügge, Hett'n Bruutbedd up de Rügge.

Derber das tirolische Rätsel von der Henne (Renk 80):

Springt etwas ums Haus, Hat ein Panzele im Arsch.

Ebenda von der Katze (R. 72):

Es springt etwas ums Haus Und hat a Lattle im Arsch.

Zahmer im Schlesischen (Peter 336):

'S giid of a Bood 'm An liood a Schtäckla am Recke.

In der Schweiz sind zwei Fassungen des Rätsels zusammen-geschweisst (Rochh. 10):

'S goht öppis um euser stüdU, Und het en besen im füdli, 'S goht ums hüs um b'lange, Im füdli e g'höörige stange.

Ebenfalls durch den Reim gebunden ist ein tirolisches Rätsel vom Wandleuchter (Renk 178):

Es hängt an der Wand, Hat ein Stabel in der Hand.

Zwei ganz ähnliche Rätsel, die Alois Menghin »aus dem deutschen Südtirol« Nr. 2) und 6) mitgeteilt hat, werden vielleicht paarweise aufgegeben:

2. Es steht was hinterm Haus,

Und hat a roth's Kappel auf. (Erdbeere.)

6. Es ist etwas vor'm Haus, j Hat ein blau's Kappel auf.1) (Weintraube.)

Zu unserer Gruppe gehört auch das Hagebuttenrätsel, das auch in Oberdeutschland die anthropomorphische Auffassung zeigt (R. 111):

Es steht am Rain, | Hat die Wampen voll Stein.

Die niederdeutsche Neigung zur Personifikation hat dem Rätsel etwa in Mecklenburg eine weitere Ausführung verschafft. (W. 209):

Es sitzt ein Männchen im Strauch, Hat ein schwarzes Käppchen auf, Und einen roten Mantel um, Steinchen im Bauch, Wie heisst das Männchen im Strauch?

Wenn die Schlussbestimmung über den Punkt am Gegenstände, wo der beschriebene Einzelteil eingefügt ist, fehlt

*) Auf das paarweise Aufgeben von Rätseln wird in unsern Sammlungen noch immer zu wenig geachtet. Meist ist das eine Rätsel sehr leicht, das andere, ähnlich lautende, um so schwerer, fo Berlin notierte ich:

a) Im Winter wird drin eingehutzt,

Im Sommer steht er unbenutzt? (Ofen.)

b) Im Sommer wird drin eingehutzt,

Im Winter steht er unbenutzt? (Dampfer.) So gehören zusammen: Haase (Ztschr. d. Yer. f. Vk., Bd. V, S. 180, 2, B aus Greussen, Thüringen): »Es geht ums Holz herum und legt Teller« (Hausfrau). — »Es geht im Holz herum und setzt Teller« (Kuh im Walde).

(bei dem Satze »hat ein Kapple auf« fehlt sie nicht, sondern ist nur verkürzt: =auf dem Kopfe«), dann handelt es sich nicht um ein ursprünglich nach unserm Schema gebildetes Rätsel. Man sehe Peter 376 (Rauchfang):

'S seitzt of m D&che, An hoat a Tobaksfaife.

Man möchte vielleicht ergänzen: »im Munde«. Aber die niederdeutschen Fassungen zeigen, dass es sich um eine Angabe der Thätigkeit und nicht, wie bei der oben behandelten Gruppe, um das Aussehen, die Gestalt handelt. Aus der Uckermark wurde mir von M. Gerhardt freundlich mitgeteilt:

Sitt up't I)ack Un rookt ein Ptp Toback.

In Mecklenburg (W. 320) mit noch stärkerer Personifikation:

Sitt'n Mann up't Dack, Rookt 'ne helle Piep Toback.

Das md. Rätsel empfand Dach : Toback natürlich nicht mehr als Reim und von da aus ging die weitere Verderbnis des Textes vor sich.

Auch sonst giebt das mitteldeutsche Rätsel oft gleichsam nur ein Surrogat der volleren niederdeutschen Fassung; so vergleiche man das Rätsel vom Regen (Peter 325):

'S giid ems Haus, Hackt Lächla aus.

mit der mecklenburgischen Form (W. 108):

Polickerpolacker, Leep öwer minen Yader sinen Acker, Haad mihr Sporen As Hunn' Hören.1)

Auch das alte »Entepetente«-Rätsel ist in Schlesien korrumpiert (Peter, 833):

'S fällt vom dache, ?S schleet sich azwee und kääns kä zimmermaan mee macha.

Also die Benennung kommt hinzu, die Ortsangabe ist passender, die Regenspuren sind deutlicher und in ihrer Menge gezeichnet.

Die Verbindung von Ortsbestimmung und Thätigkeits-angabe findet öfters statt, etwa in einem tirolischen Rätsel von der Uhr (Renk 30):

Es steht auf der Mauer Und ruft alle Bauern.

Eine bildlich gefasste Ortsbestimmung kann das ganze Rätsel in den Rahmen dieses Bildes zwingen (Mutterbrust, Rochh. 74):

Hanget zweu fläschline a der wand, Die händ weder rieft no band.

Auch hier kann statt des Ortes der Stützpunkt angegeben werden (Volkskunde 1,27, Kohl):

Wat staat er op eenm poot, En draagt zijn herte in zijn hoopd.

Dies niederländische Rätsel erscheint in Mecklenburg um einen Zug vermehrt, doch ist der Reim durch Übertragung in das Hochdeutsche vernichtet (W. 200): »Es steht auf einem Bein, ist kugelrund und trägt das Herz im Kopf.«

Ist das Rätsel auf keine Weise durch eine Einführung des Gegenstandes mit »ein Ding, etwa, es« u. s. w. begonnen, so steht am Anfang gern eine Vergleichung. Diese kann sich in parallelen Reihen durch das Rätsel fortsetzen, kann aber auch in anderer Form ergänzt werden. Im deutschen Südtirol (Menghin Nr. 7) heisst es vom Strick: »Lang wie eine Stang1, Dick wie eine Maus, Hat ein hölzernen Kopf auf.« Natürlich kann auch hier wieder eine Einführung bequem hinzutreten, wie etwa im schottischen Rätsel1) von der Taschenuhr:

It's as roon's the meen, An as clear's crystal . .

J) Gregor, Nr. 41.

Die Vergleichang kann auch auf eine Zeile beschränkt und (wie im Deutschen überhaupt nicht selten) durch einen beschreibenden Zag ergänzt sein. So bei Renk 69: »Rand wie ein Kreazer Und am and am voll Federn.« Bezieht sich der Vergleich nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, aaf die äussere Gestalt sondern auf die Thätigkeit des Gegenstandes, so kann die Ausdrucksweise natürlich nicht dieselbe sein; es muss statt des Adjektivs ein Verbum eintreten. So im lappländischen Flohrätsel (Poestion Nr. 34): »Was ist schwarz wie ein Priester, Springt wie ein Pferd, Und hundert Männer können es nicht zäumen.« SchoD am Schiasse dieses Rätsels tritt das Motiv des Gegensatzes als hemmendes Element deutlich hervor, wird aber doch noch von den andern Teilen des Stückes an Bedeutung überragt, wie denn dies Verhältnis auch in deutschen Rätseln gar nicht selten ist. Man sehe etwa das niederdeutsche Rätsel von der Mühle:

Grise Grase Grane, Steit aUe Nacht in'n Daue, Het kin Fleesch un het kin Blood, Un deigt doch allen Minschen good.1) |

Es giebt nun aber eine ganze Reihe von Volksrätseln, die fast ausschließlich auf die Entdeckung von scheinbaren Gegensätzen und Missverhältnissen ausgehen, sich also mit gewissen Klassen der »unwirklichen Rätsel« sehr nahe berühren. Vor allem der Zusammenhang von Ursache und

Die obige Fassung stammt aus der meist als »Bremer Kinderreime« citierten, von Smid veranstalteten, aber anonym erschienenen Sammlung: »Kinder- und Ammenreime in plattdeutscher Mundart. Herausgegeben zum Besten des Frauenvereins. Bremen, gedruckt bei Johann Georg Heyse. 1836.« Das Büchlein ist heute ausserordentlich selten, sodass ich es selbst auf der Königl. Bibliothek zu Berlin nicht vorfand. Von einem Exemplare der dortigen Universitätsbibliothek (wohl aus J. Grimms Nachlass) habe ich Abschrift genommen und diese der Bibliothek des Würzburger »Vereins für bayerische Volkskunde und Mundartenforschuiig« überlassen.

Folge scheint öfters gestört und das Rätsel zeigt das scharfe Auge des Volkes, das solche Gesetzwidrigkeiten überall aufzuspüren weiss. Das Bild vor allem giebt zu solchen Rätselscherzen Anlass, denn auch das beste Gleichnis hinkt nach einer Seite und das Volk deckt die wunden Punkte seiner eigenen Vergleiche rücksichtslos auf'. Wenn ich von einem »Stuhlbein« spreche, so vergleiche ich die Stützen des Stuhles mit denen des Körpers, einmal ihrer Gestalt nach, indem der Unterteil schmaler als der Oberteil erscheint, und dann vielleicht hoch wegen des Umstandes, dass der Körper so gut wie der Stuhl beim Stehen auf den Beinen ruht. Dass die Beine des Menschen auch zum Gehen dienen, lasse ich dabei völlig ausser Acht und hier wäre der Punkt, wo ein Rätsel einsetzen könnte.

Umgekehrt fehlt scheinbar die nötige Voraussetzung für eine Thatsache, die eigentlich deren Folge sein müsste, etwa in dem französischen Rätsel vom Winde (Blade 4):

A pas ni car ni ossis E 8'enba courre pous bosquis.

Es hat nicht Fleisch noch Bein, hat keinen Körper und, fragt das Rätsel, wie kann man laufen ohne Knochen, ohne Beine?

Mit diesem letzteren Typus wollen wir uns zunächst noch etwas beschäftigen. Wie hier der Körper, so fehlt auch das Leben als Voraussetzung einer Thätigkeit, z. B. im ostfriesischen Rätsel (Meier 30) von der Feder:

*T is van Levent, 't hett geen Levent, 'T kann elk nn een doch Antwort geven.1)

Öfters noch handelt es sich nicht um Thätigkeiten, die ein Ganzes, wie den Körper voraussetzen, sondern um vorhandene Teile, die auf einen umfassenderen Abschnitt des Körpers schließen lassen, diesen Schluss aber nicht rechtfertigen. Im ostfriesischen Rätsel vom Kochtopf (Meier 29)

t) So auch mit dem Gegensatze von Tod und Lehen das tirolische Rätsel vom »Kamm« (Renk, 11): »Es geht etwas Totes durch den Wald und nimmt das Lebendige mit«.

'T hett geen Kopp un't hett doch Ohren, 'T is wal maakt, man neet geboren, 'T hett geen Foot un*t hett doch Tönen, Raat't nu, wenn Ji't raden könen,

werden zwei solche parallelischen Reihen von einem andern Gegensatze, der uns zu verstehen giebt, dass wir es trotz der Ohren und Zehen nicht mit einem lebenden Wesen gewöhnlicher Art zu thun haben, unterbrochen.

Besonders bei personifizierten, unbelebten Gegenständen ist dann die Form beliebt, dass das zu einer, von dem Rätselobjekt ausgeübten Handlung scheinbar notwendige Organ fehlt. Dies tritt mit dem Motive der Körperlosigkeit eingeleitet und geschlossen, in dem Rätsel vom Echo auf (Blade 21):

Bia sense cos, Parlo sense lengo, Enten sens? aur eillos, E bai de faire.99)

Ein ganz ähnliches Rätsel zeichnete ich, aber in ganz korrumpierter Gestalt, aus dem vogtländischen (Treuenschen) Volksmunde auf:

Ich bin in freier Luft geboren, Ich rede ohne Mund Und höre ohne Ohren Ich hab* kein Blut, Doch hab* ich Mut, Man kann mich fordern auf Pistolen, Ich komme sicherlich,

wo noch, dank der geschickten Personifikation, ein hemmendes Element glücklich angefügt ist.

Zu den Teilen des Körpers tritt der Verstand hinzu im westpreusischen Rätsel von der Glocke (Violet Nr. 12):

Eck red aane Tung, Eck rop aane Lung, On aane Sen un Verstand Mack eck doch Freid un Leid bekannt.

Natürlich können diese Gegensätze mit anderen Elementen verbunden werden, und auch diese wieder unter sich in scheinbar gegensätzlichem Verhältnis stehen. Ein interessantes Beispiel bietet Blade Nr. 19 (Brief):

Blanc coumo nlu, Negre coumo Ion tapioun, Parlo sense lengo, Bei sens oeills.1)

Ein Rätsel derselben Sammlung (Nr. 8, die Kugel) zeigt uns ein Mittel, um die trotz der mangelnden Organe ausgeübte Thätigkeit in ihrer Energie noch stärker hervorzuheben:

A pas nat pe ni taloun, E que court coumo un demoun.

Das schlesische Rätsel vom Schnee (Peter 321):

Es fliegt und hat keine Flügel, Es sitzt und hat kein Gesäss —

ist wieder nichts anderes, als der schwache Überrest eines der ältesten und schönsten Volksrätsel, vom Schnee und der Sonne, wozu schon Müllenhoff, Zeitschr. f. d. Myth. Bd. III S. 18 ff. und neuerdings Wossidlo (zu Nr. 99) das nötige beigebracht haben. Ich will hier noch die Fassung des jüngeren Rockenbüchleins anführen:

Es kam ein Vogel federloss auf einen Baum, der blätterloss, Da kam die Mutter mundloss und frass den Vogel federloss.

Ein Hauptreiz, ein glückliches hemmendes Element, liegt darin, dass der »Baum blätterloss« in seiner wirklichen Wortbedeutung, dagegegen der »Vogel federloss« und die »Mutter mundloss« als Rätselbilder aufzufassen sind.

Zu den fehlenden Körperteilen kann auch ein scheinbar notwendiges Werkzeug, ein Fremdkörper treten, wie im Rätsel von der Uhr (Andree 35):

Wer hat keinen Stock un kann doch slan. Wer hat keine Fäute un kann doch gan.

Insofern, als zur Aufnahme der Nahrung der Baach dient, gehört hierher aach das tirolische Rätsel vom Betttache (Renk 141):

Es geht zum Trog trinken, Lasst die Wampen dahinten,

was in vielen Mundarten und Sprachen zu belegen ist, aber meist um die Hauptbestimmung des »Trinkens« verkürzt, wie es schon im jüngeren »Rockenbüchlein« steht: »Was geht ins Wasser und lässt den Bauch daheim?«

Wir gehen zum anderen Typus über, zu dem umgekehrten Verhältnisse: Eine Voraussetzung ist gegeben, die scheinbar notwendige Folge bleibt aber aus. Notwendig kann sie natürlich nur vermöge eines bildlichen oder doppelsinnigen Wortgebrauches erscheinen.

Zunächst ein Beispiel für den Fall, wo ein Organ vorhanden ist, aber scheinbar nicht benutzt wird. Zwei Gegensätze dieser Art sind in parallelische Reihen gebracht und durch eine nicht unwesentliche Ortsbestimmung eingeleitet in dem bis zur Selbstbeschreibung persönlich gestalteten Rätsel von der Mühle (Andree, 18):

Ik wöne up'n bärge, Ik hebbe fäute un gäe nieh, Ik hebbe fitjen un fleie nich.

Die scheinbar natürliche Folge einer Handlung unterbleibt, weil eine Verwechselung von Augenschein und Wirklichkeit dem Rätsel zu Grunde liegt; so im sclilesischen Rätsel von der Sonne (Peter, 318): »'S giid iwrsch wassr an werd ni nass«, in gewissem Sinne auch im Rätsel vom Rauch (etwa ostfriesisch, Meier, Nr. 20):

'N Hus vul, 'N Land vul, Is doch geen Hand vul.

Ähnlich unterbleibt der mit einer Handlung, Bewegung u. s. w. gewöhnlich und scheinbar notwendig verbundene Zweck im

s.

südtirolischen Rätsel vom Strohsack (Menghin, 5): »Es geht zum Brunnen und trinkt nicht«.

Eine starke Häufung derartiger Motive zeigt eines der allerverbreitetsten Rätsel der Weltliteratur, das Rätsel vom Sarge, der nach dem Volksrätsel seinen Zweck ganz und gar verfehlt zu haben scheint. Das bekannte, in Parallelzeilen schreitende Rätsel steht seiner Form, seinem Typus nach nicht allein. Die Sammlung von Wossidlo z. B. bietet ein Stück mit der Lösung: »falsches Geld« (Nr. 402):

Wer es macht, der sagt es nicht, Wer es nimmt, der kennt es nicht, Wer es kennt, der nimmt es nicht.

und ähnlich eine Nummer über den Prozess (404). Das merkwürdige Rätsel scheint ursprünglich aus drei gleich-mässig gebauten Zeilen bestanden zu haben, die von dem Verfertiger, dem Käufer und dem Benutzer handelten. So finden wir es schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts, in der Rätselsammlung des Lorichius (S. 45 al), in einer einfacheren und einer mehr gespreizten Form, von denen für uns nur die erstere in Betracht kommt:

Qui manibus compingit opus non indiget illo, Quique emit hoc uti non vult, quique utitur ipso, lgnorat quamvis habtat, tu solve quid hoc sit?

So scheint es auch in den ältesten französischen Rätselbüchern gestanden zu haben, wie es in den Questions enig-matiques (bei Rolland, Nr. 279) lautet:

Celui qui le faxt, cfest pour le vendre; Celui qui Vachete ne syen sest pas; Celui qui s'en sert ne le voit pas.

So ging es einerseits nach Deutschland hinüber, wohl durch Vermittelung der Strassburger Drucke, und haftete in dieser einfachen Form im Süden. Vergl. Butsch, Nr. 228: »Der

t) Citiert nach dem Exemplar der Universitätsbibliothek zu Wiirzburg: Aenigmatum libri III. rectns conscripti, recogniti, et aucti, aüctore Joan. Lorichio Hadamario. Bild. Francoforti, apud Christianum Egenolphum. Am Schlüsse: MDXIV.

es macht, der darffs nit, der es kaufft, der wils nit, der es bracht, der weiss nit*. Stöber, Volksbüchlein, 1859, S. 88:

Wer's macht, brucht's nit, Wer's kauft, b'halt's nit, «Wer's brucht, weisses nit.

Renk, Nr. 148:

Der es macht, der braucht es nicht, Der es kauft, der will es nicht, Der es braucht, der weiss es nicht.

Andererseits ging es in gleicher Form in die romanischen Sprachen über; aus den italienischen Marken gehört Nr. 26 der von Gianandrea in Pitr6s Archivio mitgeteilten Rätsel her:

Chi la fa, la fa per vende Chi la compra, non l'adopra, Chi l'adopra, non la vede.

Mit einer kleinen Einführung geht dasselbe Rätsel in Welschtirol (Schneller, Nr. 23):

So una cosa per mia cosa, Chi la fa, la vende, Chi la compra, noi Vadopera, E chi l'adopera, noi la vede.

Gekürzt zu einem Zeilenpaare lebt es in Venedig:

Chi la fa no l'adopera, E chi Vadopera, no la vede.

(Bernoni, indov. pop. Ven. 1874, Nr. 52.)

Endlich finden wir das Rätsel entsprechend auch im hohen Norden, denn die schwedische Fassung lautet (Bidrag VII, 4, Nr. 93):

Det bor en snickare (Tischler) i var stad, Han snickrar det han inte vill ha. Den som köper det, gor inie med det, Ock den som far det, vet inte om det.

Hier ist nur das Celui qui fait etwas konkreter wiedergegeben. Dagegen weicht das Holländische insofern ab, als an Stelle des »Käufers« ein »Träger« tritt (Volksk. 1, 26>:

Die. het maakt, en wil het niet, Die het draagt, begeert het niet, Die het heeft, enweet het niet.

Es ist möglich, dass man unter dem die het draagt in Vlam-land den Käufer versteht oder früher verstanden hat

Jedenfalls ist die Auffassung des schottischen Volksrätsels (Chamb., Nr. 5) eine andere:

The1 was a man made a thing, And he that made it, did it bring; But het was made for did not know, Whether 7 was a thing or no.

Zwischen beiden Darstellungen vermitteln die niederdeutschen Fassungen, indem sie beide, den Träger wie den Käufer, aufnehmen. So lautet bei Woss., Nr. 403:

Der es trägt, behält es nicht, Der es macht, der will es nicht, Der es kauft, gebraucht es nicht, Der es hat, der weiss es nicht.

Oder bei Andree, Nr. 11:

De et makt, de will et nich, De et dreggt, behält et nich, De et koft, de brukt et nich, Un de et brukt, de weit et nich.

Endlich sei hier noch die Beschreibung des Sarges unter dem Bilde eines Kleides erwähnt, wie sie im Vlämischen zu finden ist (Volksk. 1, Nr. 26 b):

Een kleed zonder mouuen (Ärmel), Die het heeft, moet het houwen, Die het ziet, wil het niet Zag, wat me' raadselken bediet.

Dieselbe Einkleidung zeigt, noch weiter ausgeführt, ein schottisches Rätsel (Greg., 22):

The1 wiz a man, bespoke a coat, When the mäker it hörne did bring, The man who made it, would not have it, The man who spoke for't, cudna use it, And the man who wore it, cudna teil, Whether it suited him ill or welL

jedenfalls ein geschmackvolleres Bild, als im mecklenburgischen Sargrätsel (W. 246):

Oben Holz, Unten Holz, Vorne Holz, Hinten Holz, In der Mitte ein kalter Braten.

Wir lernten schon weiter oben das Rätsel vom Rauch kennen und damit ein Missverhältnis zwischen %der Ausbreitung eines Gegenstandes und seiner Schwere. Es handelt sich oft im Rätsel um den Gegensatz zwischen gasförmigen oder geradezu unwirklichen, nur scheinbar bestehenden Körpern einerseits und festen, massiven andererseits, an die der Hörer zunächst denkt. In diese ganze Sphäre gehören Gegensatzrätsel wie diese: Blade, 44 (Wind):

Es lengl conmo uo plutuo E qu'ategn d'aci a Roumo.

Rolland, Rimes et jeux, Nr. 8 (Schatten):

Qu'est-ce qui est gros comme une Mise, Et ne plse pas une cerise?

Ähnlich Rochh., 100 (Licht):

S* ist öppis so chlt as e mfts, und füllt doch alle stuben üs.

Und Woss., 346 (dasselbe):

Vor unen sössling de ganz stuw vull.

Man sieht, wie nahe sich »wirkliches Rätsel« und Scherzfrage auch hier berühren.

Aus dem Bilde oder Vergleiche heraus ergeben sich dankbare Gegensatzmotive. Als Beispiel sei etwa das weit verbreitete Rätsel vom Schnee angeführt (»Bremer Kinderreime«, Nr. 7):

Da kam en Man von Aken, Har en wittet Laken, Woll de ganze Welt bedecken, Konn dog nig aver de Wesser rekken.

Das Rätsel vom Fingerhut, das mit dem Bilde der Fenster arbeitet, etwa bei Renk, 176:

Es ist niedrer als eine Maus, Und hat mehr Fenster, als ein Königshaus.

kehrt in Holland wieder mit der Deutung: »Nuss«:

Er is een ding, het is kleiner dan een muis, En het heeft meer vensterjes, als het stadhuis.

Im französischen Rätsel sind kurze Vergleichsgegensätze beliebt. Z. B. Blade, 45 (Auge):

Es pas bestio e a peus Es pas mirail e espio Es pas nuatje e a plane.100)

oder Blade, 20 (Rübe):

Blanc coumo neu, e neu nes pas, Porto hoeillo8, autre n'es pas.101)

III.

Ein Gegenstand wird in seinen Teilen, seinen Entwickelungsstufen, seinem Verhalten unter verschiedenen Umständen u. s. w. beschrieben.

Wir hatten uns im letzten Abschnitte fast nur mit solchen Rätseln beschäftigt, die eben den Gegenstand als Ganzes, den Vorgang als Einheit auffassen. Ein grosser Teil aller Volksrätsel aber hat gerade in der Einzelbeschreibung der kleineren Abschnitte, die erst ein Ganzes ausmachen, seine Hauptaufgabe. Demgemäss werden natürlich hier immer mehrere beschreibende Elemente neben einander stehen; nur wenn von allen Einzelteilen dasselbe ausgesagt wird, genügt einer oder wenige beschreibende Züge; doch wollen wir diese Gruppe hier noch fallen lassen. Eine andere Frage ist die, wie sich Benennung und Beschreibung zu einander verhalten. Da ja meist nicht nur die Einzelteile,102) sondern auch das Ganze in das Rätsel hineingezogen werden, so ergeben sich folgende Gruppen: 1) Das Ganze ist benannt, die Einzelteile von dieser Benennung beeinflusst An sich wenig bezeichnend sind Benennungen, die nur aus einem Personennamen bestehen. Allein in seiner Eigenschaft als solcher kann er die nachfolgende Beschreibung beeinflussen, sodass auch diese sich ganz als Personalschilderung entwickelt So wird im welschtirolischen Rätsel (Schmeller Nr. 7') die Kirsche als ein kleiner Mann namens Karl aufgefasst und demgemäss der Stengel als Bein, die Blüte als Käppchen. Dass für andere Körperteile, wie den Rumpf, Hals, die Arme, kein entsprechender Teil an der Pflanze zu sehen ist, wird kurzweg verschwiegen, es ist eben ein Volksrätsel, kein Kunstprodukt. Darum stehen eben der Volkspoesie viel weitere Strecken zu Gebote, auf denen es seine Früchte ernten kann; Vollständigkeit, Genauigkeit werden weder erstrebt, noch, erwartet. Recht bezeichnend ist die englische Benennung der Kirsche mit der Durchführung der Personifikation in einem beschreibenden und einem hemmenden Element (Hall. Nurs. rh. 130):

As 1 went trough the garden gap, Who should I meet but Dick Red-cap, A 8tick in his hand, a stone in his throat, If you'll teil me this riddle, Tll give you a groat.

Im schottischen Rätsel ist der Name weggefallen und durch eine allgemeine Bezeichnung, freilich mit bedeutsamem Attribut und durch einen weiteren, die Farbe bezeichnenden Zusatz vertreten (Chamb. nr. 11):

Riddle me, riddle me, rot-tot-tot, A little wee man in a red red coat, A staff in his hand and a stane in his throat, Riddle me, riddle me, rot-tot-tot.

Ein schön durchgeführtes Bild zeigt auch das schweizerische Rätsel (Rochh. 62) vom Frühlingsquell:

Es lit en toller bueb im hag, Und schloft und briegget was er mag.

Einen willkürlich erfundenen Namen, der wohl dem Reime seine Entstehung verdankt, aber doch für die Einkleidung des Ganzen nicht ohne Bedeutung ist, zeigt das mecklenburgische Rätsel vom Talglicht (W. 416):

Lütt Johann Öölken, Satt up sien Stöhlken, Je länger he satt, je lütter he ward, Plumps föllt he hen.

Auch weibliche Personifikationen sind, besonders in englischen Rätseln, nicht selten. Chamb. 8 (Feuer):

Bonny Kitty Brannie,

She 8tand8 up the wä, Ghie her little, gie her muckle,

She licks up a': Gie her stanes, — she'll eat thern, But water — she II dee: Come teil this bonny nddleum to me.

Oder Hall. ns. 145 (Kerze):

Little Nancy Etticoat, In a white petticoat, And a red nose. The longer he stands, The shorter he grows.

Auch allgemeinere Bemerkungen, wie »Tier« u. dgl. können die folgende Beschreibung beherrschen und zu anschaulichen Bildern durchgeführt werden. Hierher gehört das schon erwähnte schottische Rätsel vom Schiffe (Chamb. 16):

As I gaed to Falkland to a feast I met toi1 an ugly beast: Ten tail8, a hunder nails, And no a fit but ane.

Als unbestimmte Benennung tritt im Deutschen gern die Bezeichnung »Vogel« auf, z. B. auf den Krebs an-

8

gewandt,1) besonders aber auf alles fliegende. Zum Bilde erweitert wird auch dieser Name, etwa im Bätsei von der Gewehrkugel i Violet, Nr. 1):

Flogr en Vagel wiet von hier. Had en Zagel von Papier. Had en isernet Bucksken. Gott bewahr min Klucksken.

Seiner Schnelle wegen wird in einem wohl sehr alten und durch mannigfache MissVerständnisse entstellten niederdeutschen Rätsel das Schiff mit einem Vogel verglichen. Die Urform wird sich schwerlich jemals ganz rein ermitteln lassen.2) In Ostpreussen (Frischbier 23. S. 264, Nr. 23) lautet es:

E vagel flog stark äwer e lange mark« Hadd üri sin kropp fif tonne hopp*. Fif tonne win. ok e fett schwin* u. s. w.

Auch unbelebte Gegenstände, besonders solche, die zum Menschenleben Beziehung haben, geben Benennungen ab, die sich zu Bildern erweitern So ist der Apfel ein Haus; ein im Norden beliebtes Motiv, das sich besonders in einem ost-friesischen Stöcke rein erhalten hat (Meier 27):

Witt sünd de Muren, Grün sünd de Büren3), Bruun sind de Papen, l)e aUe Nacht in't Kloster slapen.

Die falsch verstandenenen »Büren« sind im Vlämischen zu »gebuuren« geworden (Volksk. 1, 30):

Groen zien de muren, Wit zien de geburen, En swart zien de papen, Die Vit Kapelldsen slapen.

W. 174. Vgl. die Redensart: »Man weiss schon, was Du für ein Vogel bistu.

2) Die mecklenburgische Fassung (\V. 101) habe ich oben im Kontrast gegen Schillers Rätsel gegeben.

*) Von Doornkaat-K., Bd. I, S. 257—58, aUgemein = Überzug erklärt. Hier wohl «= Bettüberzug.

Ganz ähnlich ist das Rätsel vom Ei, nur dass das Bild in Niederdeutschland1) das Küken zum Hauptgegenstande zu haben scheint. Vgl. etwa die mecklenburgische Fassung (W. 82): »Ich hab ein kleines Häuschen, wohn auch selber drin, ohne Thür und ohne Fenster. Wenn ich raus will, brech ich durch die Wand.« Der Urform bedeutend näher stellt wohl die tirolische Form, wo die 1. Person nur in der Einkleidung zu finden ist: »Ich weiss ein kleines Haus, da ist nichts von Fenster, Thür und Thor. Und will der kleine Wirt heraus, so muss er erst die Wand durchbohren.«

Durch seinen Abschluss und die Gestaltung seines Innern giebt der Mund zu ähnlichen Rätseln Anlass (Renk 8):

Timmerl, Tammerl, Dunkles Kammerl, Und ein Jbeinernes Gatterl vor.

Auch als lebende Wesen werden die Zähne aufgefasst, am kürzesten etwa (Renk 7): »Ein Stall voll weisse Schaf«, doch finden wir auch weitere Ausführungen, wo die Zunge ebenfalls in das Bild mit einbezogen erscheint (W. 276):

Ganzen Stall vull witt Pier, Dor geit'n roden Hingsten mang ümher.

Ein öfters benutztes, besonders gern auf den »Brief gemünztes Bild findet sich einfacher und entsprechend verändert, auch mit Bezug auf das Ei (Renk 91 und 92):

Ein weisser See und gelbe Ilgen drin.

Eine gelbe Ilge in weissem See, Errätst du dies, errätst du meh!

Will das Rätsel aber einen Gegenstand in all seinen Teilen, von oben nach unten oder von aussen nach innen fortschreitend schildern, so muss es in die Form der parallelen Ketten gegossen werden. Selten findet sich in Deutschland diese Form auf Abstrakta angewendet. Hierher gehört etwa cfas Rätsel vom Jahr, das sich eines sehr hohen Alters und einer fast unübersehbaren Verbreitung erfreut, wie uns

nicht immer! Aber besonders in hochdeutschen Varianten.

8*

Wünsche in der Ztschr. f. vergl. Litte raturgesch. N. F. 9,426—456 nachgewiesen hat. Ich führe hier die ostfriesische Form an (Meier 15):

Dor steif n Boom in't Westen Heit 52 Nüsten,

In elke Nüst sind söven Jungen, Se hebben wal Namen, Man geen Tungen.

und die nächste, eigentümlich personifizierte Fassung:

Quam'n Man von Jerland, De har twolf Dochters, Un elke Dochter bina dartig Kinder.

Meist handelt es sich aber um sehr konkrete Dinge und die in Deutschland, besonders im Nordischen, heimischen Stücke weisen eine eigene rhythmische Form auf, die gelegentlich diese Rätsel ihrer eigentlichen Bedeutung entkleidet und als Spielreime in den Mund der Kinder übergehen lässt. Gute Beispiele bietet W. Nr. 37 und 38 über die Stangenbohne, und Nr. 39 über den Kürbis. Das letztere lautet:

Up den Hof dor steit 'n Pähl, Hier 'n Pähl un dor 'n Pähl; Up den Pähl dor sitt 'ne Duw, hier 'ne (u. s. f.) Von de Duw dor flucht 'ne Fedder, Von de Fedder ward 'n Bett, In dat Bett dor licht 'n Mäten, Vor dat Bett dor steit ?ne Weeg', In de Weeg* dor licht 'n Kind, Vor dat Kind dor steit 'n Disch, Up den Disch dor licht 'n Breef, Hier 'n Breef un dor 'n Breef, In dem Brief da steht geschrieben: Du sollst Vater und Mutter lieben.

Ein ganz ähnlicher »Reim« aus Pommern (ich kenne ihn von meiner aus Treptow a. R. stammenden Grossmutt^r; ob er heut dort noch lebendig ist, weiss ich freilich •nicht;) beginnt:

Muhme Köhlen hatt 'nen Garten, Hier 'nen Garten, da 'nen Garten, Und es war ein runder Garten u. s. w.

wo also jedes Glied noch einen gewissen Abschtuss erhält. »Muhme Röhlen« ist im Beginne pommerischer Yolksreime aller Art wohl bekannt; sie hat weiter keine Bedeutung als etwa Peter Kruse, ist also nicht etwa mythischer Natur.

Damit betreten wir überhaupt ein Gebiet, das der Volksdichtung (nicht bloss der unsern, man kann für gewisse Stücke bis in das Althebräische zurückgehen) wohl vertraut ist. Das Motiv der Kette oder der Häufung finden wir ja in Lieblingsnummern unserer Kiriderpoesie, wie etwa im Spiele vom »Schlüssel zum Hause des hölzernen Männchens« oder in der Reihe: »Es schickt der Herr den Jockel aus« u. s. w.

Im Rätsel sind diese Dinge auch nicht etwa selten; sie finden sich auch gelegentlich, aber nicht häufig, auf mehrere Gegenstände angewendet, die nicht Teile eines Ganzen sind, sondern frei neben einander stehen. Obgleich dies in ein anderes Kapitel gehören würde, will ich mit einem derartigen, aus Schottland stammenden Stücke103) schließen:

1. I had six lovers over the sea

Para mara dicitur a dominie,

An every ane o' them sent a compliment to me,

Hatrum scatrum paradise temple,

Para mara etc.

2. The first was a bible, no man could read.

Para ....

The next was a mantle without a threet,

Hatrum .... Para ....

3. The third was a chicken without a bone ....

The fourth was a cherry without a stone ....

4. The fifth was a ring without a rim ....

The sixth was a baby without a name . . . /

o./7. How could there be a bible no man could read?

Para . . . . u. s. w.

8. When the bible is not printed, no man can read ....

When the wool is on the sheep's back, it has not a thread . . . .

9. When the chicken is in the egg, it has not a bone ....

When the cherry's in the blossom, is has not a sfone, ....

10. When the ring is in the mine, it has not a rim, ....

When the baby is not christened, it has not a name ....

Folk-lore-Journal IT.

Inwieweit freilich solche Dinge echt volkstümlich zu nennen sind, wäre noch zu untersuchen.

2) Das Ganze ist benannt, die Einzelteile ebenfalls, aber nicht alle mit Zügen desselben Bildes. Der Fall, dass die Benennungen der Einzelteile ihren eigenen Weg gehen, ist höchst selten, ja man kann sagen, dass nur Ungeschicklichkeit, mangelhafte Überlieferung oder auch die Schwäche der Benennung des Ganzen (ihre Un-deutlichkeit) Veranlassung zu solchen Rätseln geben.

Recht uugeschickt ist das Rätsel vom Brunnenschwengel (Andree 15):

Use holten grot-evä'er Kummt sau hoch von hiramel her, Hat en holten ploek in ärse. Rae mal tau wat is dat?

Natürlich ist »Grotevaer« nur eine ganz allgemeine Benennung, wie etwa »Peter Kruse« u. dgl. Das zeigt auch schon der Umstand, dass man es für nötig hielt, eine adjektivische Bestimmung hinzuzufügen: »höltera«. Auch das nächste Element, die Fahrt vom Himmel herab, f&llt so aus dem Rahmen der Personifikation heraus, dass wir es kaum als »hemmend:104 bezeichnen können. Um so weniger war es nötig, durch die Bezeichnung »Ars« sich wieder der Personifizierung zu nähern.

Die oberdeutsche Fassung des Hahnenrätsels (Renk 81):

Kommt der König von Engelland, Weiss und schwarz ist sein Gewand, Ein fleischener Kamm, ein fleischener Bart, Wers nit weiss, erratet's hart,

enthält in dem »fieischenen Kamm« eine Bestimmung, die nicht, wie der »fleischene Bart« im Rahmen der Personifikation liegt und nur durch das Adjektivum zum »hemmenden Elemente« wird. Aber die ganze Reihe ist an Stelle einer kürzeren getreten, etwa »hat'nen fleeschnen Bart«, *) in dem

Bestreben, die alten vier Hebungen herzustellen, was zumal

bei der oberdeutschen Sprechweise, die ja schneller als die

niederdeutsche ist, wünschenswert erschien.1) Der Kamm

ist nun aus einer anderen Gestalt desselben Rätsels hinein- ^

gezogen, das etwa schloss:

hatte ein knöchern Angesicht, Hatt 'nen Kamm nnd kämmt' sich nicht.2)

Also haben wir es mit einer Übertragung zu thun, nach deren Ausmerzung das Rätsel eine trefflich durchgeführte Personifikation bildet. Leider muss ich, des Raumes wegen, auf eine Darlegung der verschiedenen Typen und ihrer Verschränkungen, wie sie gerade dies Rätsel aufweist, verzichten. Auch liegt aus Oberdeutschland noch nicht genug Material vor. Jedenfalls ist das Rätsel der interessantesten eines.

Aus späteren oberdeutschen Sammlungen hoffe ich ein Bild über die ursprüngliche Gestalt der ersten Zeile des tirolischen Mohnrätsels (Renk 113) zu bekommen:

Es ist ein Pommeranzel, Hat ein schönes Kranzel, Und einen langen, langen Stil.

Denn »Pommeranzel« scheint mir aus einer älteren, besseren Benennung entstanden. Jedenfalls hatte »Pommeranzel«, das wohl dem Reime viel verdankt, nicht die Kraft, die Einzelteile in den Rahmen eines Bildes zu zwingen. Beide sind benannt, aber jede Benennung geht ihre eigenen Wege; ja, die zweite Benennung ist gar nicht einmal bildlich, sondern bezeichnet den Gegenstand direct beim rechten Namen.

Wir sehen schon, dass wir es hier mit keinen guten, in echter Form erhaltenen Rätseln zu thun haben. Zum Schluss noch ein Beispiel, wo nur das Ganze, auf dem Wege der Klangmalerei, benannt ist, während die Einzelteile nicht benannt, sondern bloss beschrieben, und ihre Beschreibungen in-einen gewissen Gegensatz gebracht werden. Es ist das Rätsel von der Wiege (Renk 128):

Wiga, Waga, Hat Laiib traga, Tragt Leib und Seel, Laub nimmermehr.

3) Nur die Einzelteile sind benannt.

Manches alte Rätsel, das wir weiter oben besprochen haben, könnte in späteren Varianten, wo die Benennung des Ganzen wegfiel, hierher gestellt werden. So z. B. das schlesische Hagebuttenrätsel (P. 346):

A ruut Jack'l A schw&rz Kapp l, A Bauch voU Schtain, W&s maag das sain?

Bei andern bat aber eine Oberbenennung von jeher gefehlt. Auch bei diesen aber können die Benennungen der Einzelteile unter einander in einer gewissen Beziehung stehen, und besonders beliebt ist die Beschreibung unter dem Bilde der Familie. So werden die Teile einer Pflanze geschildert (W. 136, Hopfen): »Lang' Vader, krickelkrumm Moder un busslig Kinner«, oder ein Topf mit seinem Deckel und den Füssen (W. 137): »Dickbuukt Moder, krummpuckelt Vader, dree kallköpp Kinner.« Auch das Feuer und der von ihm erzeugte Rauch erscheinen in einem weitverbreiteten Rätsel in ähnlichem Verhältnis. Vgl. etwa Renk 118: »Kaum ist der Vater geboren, Hängt der Sohn schon am Dach.« Auch können sich die Teile zur Personenschilderung zusammen-schließen, wie im pommerischen Storchenrätsel (Quistorp, S. 228, Nr. 5):

Jünten up unse Wes' Geht ener mit 'ner langen Näs\ Hed rod' Stävele an, Spazeert as'n Eddelmann.

Hat aber jeder Teil eine ganz eigene, mit den andern nicht zusammenhängende Benennung, so wird wenigstens ein äusseres Gerüst hergestellt, aus dem klar wird, dass es sich eben nicht um mehrere Gegenstände, sondern nur um die Teile eines Ganzen handelt. Dazu fügt der Reim noch ein Rahmenelement, in einem tirolischen Rätsel vom Mohn:

Ribele, Rabele, Z' unterst a Stabele, Mitten a Panzele, Z' oberst k Kranz ele.

Hierher gehört auch das weitbekannte Rätsel vom menschlichen Körper; Renk 2:

Es stehn zwei Latten aufrecht, Und obendrau a schöns Haus Und obendrau a Federkorb, Und obendrau a Brotgramle, Und obendrau a Wald, Und da gehn die Schafe auf die Weid,

und uckermärkisch (aus meiner Sammlung):

Hinner de Hell, Do ston zwee Kloben, Ob de Klof do steit 'ne Tunn, Ob de Tunn do steit en Trichter, Ob de Trichter steit en Schmecker, Ob den Schmecker steit en Rucker Ob den Rucker steit en Kieker, Ob den Kieker steit en Wald, Da spazieret jung und alt.

So sind die einzelnen Teile durch die äusserliche Anknüpfung mit »obendran« oder »ob . . zusammengehalten. Die entsprechende Beschreibung von vorn nach hinten kennen wir aus dem griechischen Chimairarätsel. Im Deutschen gehören diese Fälle streng genommen in eine andere Gruppe, weil die Benennung bei uns stets durch »als« oder ..wie« angeschlossen ist und damit die Form der Vergleichung eintritt. Wossidlo giebt Nr. 234—241 genügende Beispiele. Eines der bekanntesten ist (240) »Der Hahn«:

Vorne wie ein Kamm, Mitten wie ein Lamm, Hinten wie eine Sichel, Rat, mein lieher Michel.

Nur wenn eine Klangmalerei vorliegt, fehlt die Vergleichs-Partikel. Im Rätsel vom Pferde (W. 236):

Vorn Knippknapp, midden Kaffsack, Hinnen as 'n Stück Garn.

steht »Knippknapp« von Rechts wegen ohne »as«, »KafF-sack« nur der Symmetrie wegen, die schon durch die Alliteration mit veranlasst wird. Im Schlussgliede steht wieder »as«.

Im englischen Rätsel kann ich genau Entsprechendes nicht nachweisen, wohl aber im skandinavischen. Die Katze schildert ein schwedisches Rätsel (Bidrag 118, 8 Nr. 33):f)

Före som ett nystan, Midt pä som en säck, Efter som en siefvakäpp.

Und im Lappischen heisst das Rätsel vom Pferde (Poestion 24):

Vorn wie ein Fässchen, Mitten wie eine Tonne, Hinten wie ein Besen.

Also auch hier haben wir die Vergleichspartikeln. Sie können fortbleiben, wenn das ganze Rätsel etwa in die Form einer Geschichte eingekleidet ist; so in dem hübschen Rätsel von der Eichel (W. 58):

Ich ging einmal durchs Schilf, Da mir Gott hilf,

Da fand ich ein weisses Stückchen,

Daraus machte ich eine Mulde, zwei Seitenstückchen

und einen kleinen weissen Priesterhut.

Überhaupt wird die Vergleichspartikel ausgelassen, wTenn

t) Ganz ähnlich Bidrag VI14, 8 Nr. 80.

jenes äussere Gerüst fortfällt, wenn also über die Lage der Binzelteile nichts gesagt ist. Ich führe dazu zunächst die schwedische Fassung des eben erwähnten »Eichelrätsels« an (Dybeck, Runa, 1847 nr. 6): Twa trag, twa trags äumen> en pik, en pak, och en natmössa.

Ein schlesisches Rätsel vom Flachs (Peter 347) lautet:

A sehiins, griins G wand, A himmelblaus Band, Mit griinr Kappe gziirt, I> Jomfan räafas aus an schmaissas wag.

Hier wird also zum Schlüsse noch einmal das Ganze durch eine Beschreibung seiner Behandlung angedeutet.

Zeitliche Abschnitte, Stufen der Entwicklung, oder Verschiedenheiten der Behandlung je nach den zeitweiligen Umständen werden seltener angedeutet. Hierher gehört etwa Renk 14 (Ofen):

Im Sommer ein Bettelmann, Im Winter ein Edelmann.

Wenigstens ein benennendes Element (zwen Röckline) für Teile des Gegenstandes enthält ein schweizerisches Rätsel von der Nuss, das seltsam aus Schilderungen des Aussehens und der Entwickelung gemischt ist (Rochh. 25):

Im Friiilig chum i als Büseli a, Im Summer legg i zwen Röckline a, S' erst chaust mer abrisse, S' zweut musch mer abbisse, Wenn d' mi, wenn d' mi witt ha.

Auch im Rätsel vom Fenster (etwa Violet 15) ist nur der letzte Teil benannt und noch dazu recht undeutlich:

Yon buten blank, Von bönnen blank,

Enn de Mött ön hölternen Peter dermank.

Ähnlich ein weiteres Flachsrätsel, aus Tirol (Renk 108, vgl. 31):

Klein inglat, Gross gstinglat,

Und obendrein ein blaues Kappel?

Derartige Stücke leiten über zur nächsten Gruppe.

4) Das Ganze sowohl als die Einzelteile bleiben unbenannt.

Hier kann sich die freie Willkür, mit der das Volk seine Rätsel aufbaut, am freisten ergehen. Da fließen die verschiedensten Formen und Auffassungen durcheinander, da eilt man von einem Gesichtspunkte mit kühnem Sprunge zum andern. Man sehe etwa das Rätsel vom Spinnrad an (W. 94):

Up dree Been stah ik, up vier Been gah ik, up fief Been loop ik. Wenn ick gah, denn brumm ik, Stah ick still, verstumm ik,

Und die barbarischen Weiber trecken mi in de Hoor. Wenn se mi noch treckt hebben, kaam ick von de SteU, Mööt ik hinner de Hell.

Das Ganze ist personifihiert, aber ohne Benennung und ohne rechte, höhere Einheit. Auch in »Hoor« wird man keine »Benennung« sehen wollen, wenn es sich um den Flachs handelt, so wenig wie in dem tirolischen Rätsel vom Gewehr die einzelnen Teile bildlich, rätselhaft benannt sind (Renk 157):

Ein Schaft und ein Rohr. Und ein Schloss liegt davor, Und ein Stock steckt daran, Greifs ja nicht an.

Auch die gleichmässige, einheitliche Beschaffenheit eines Gegenstandes wird durch die gleichförmige Beschreibung seiner Teile ausgedrückt. Vgl. »Haarstrang« (schottisch, Chambers Nr. 9):

Hair without and hair mithin, A' hair and nae skin.

Derber ist das deutsche Rätsel vom »Heu« (etwa Andree 45):

Hinnen rü un vorne rü, Un twei eilen in ärs noch rü.

Die verschiedenen Stufen der Entwicklung, der Behandlung und Bearbeitung eines Gegenstandes werden gern zu reihenförmigen, oft parallelisch gebauten Rätseln verwendet. So heisst es in Tirol (Renk 68) vom Kalbe:

Wenns klein ist, tragen's viere nit, Wenns gross ist, tragen sie's leicht, Wenns tot ist, gehts in aller Welt herum.

Das Niederdeutsche neigt mehr dazu, die Schilderung dem Gegenstande selbst in den Mund zu legen. So lautet das mecklenburgische Rätsel vom Ochsen (W. 77):

As ik lütt wier, künn ik vier dwingen, As ik groot wier, künn ik hügel un barg' ümwringen; As ik doot wier, müst ik vor Fürsten im Herren up de Tafel stehn, Un mit de Bruut na'n Danzsaal gehn.

Ähnlich das Flachsrätsel (W. 77):

Als ich war jung und schön, Trug ich eine blaue Krön: Als ich war alt und steif, Banden sie mir einen Band um's Leib; Dann ward ich geknüppelt und geschlagen, Und von Kaiser un König getragen.

Die Verwendung des Flachses zu Leinwand und Papier schildert ein vläraisches Rätsel, das Roll. Dev. Nr. 94 mit anführt:

Griten, gruen was ik in mijn joenge dagen, Toen weck-ik van keuningen en prinsen gedragen, Maer toen ik niet meer on docht, Toen werk-ik ter hooger scholl gebrocht.

Das ebendort gegebene französische Rätsel »Quand fetais jeune fetais vert« scheint nicht volkstümlich zu sein und sieht eher wie eine Übersetzung aus.

Hierher gehört auch das weitverbreitete, oft nicht verstandene und entstellte Rätsel von der Schreibfeder (Meier 33):

Grote Herren un Potentaten Könen sünder mi neet raden,1) Sneden mi dat Lief up, Nemen mi de Seel herut, Gefen mi wat to supen, Un laten mi lopen.

Ursprünglich: »Können meiner nicht entraten«.

Man kann schon an den eben mitgeteilten Rätseln öfters die Verwendung des Gegensatzes bemerken. Ein Lieblingsmotiv, der Gegensatz: »tot — lebendig« kam auch dort schon vor, er spielt überhaupt in dieser Form eine grosse Rolle. Mittelbar spielt er auch in das Rätsel von der Eiche hinein. (W. 78):

Als ich klein war, ernährten mich die Grossen; Und als ich gross war, ernährt ich die Kleinen; Und als ich tot war, trug ich die Lebendigen wol über die Lebendigen.

Es spricht im letzten Teile von dem Schiffe, das aus dem Holz der Eiche gezimmert ist. Dieser Gegensatz des grünen Baumes im Walde und des verarbeiteten Holzes findet sich in einem altertümlichen Rätsel vom Spinnrade, das W. 92 namhaft macht:

Aus grünem Holz bin ich ersprungen, Wie mancher Vogel hat auf meinem Holz gesungen, Ich geh und geh den ganzen Tag, Und geh auch keinen Schritt,

Und wenn man auch gleich mich mit Füssen tritt.

Hemmend wirkt der Doppelsinn des Wortes »gehen« «= 1) sich bewegen, 2) von der Stelle kommen.

Mit Gegensätzen arbeiten auch die Rätsel, die uns den Gegenstand je nach den Umständen, je nach der Zeit verschieden handelnd oder behandelt zeigen; besonders gern heftet sich der Volkswitz an Dinge, die nur hin und wieder benutzt werden; so schildert er die Lichtputzscheere (W. 95):

Des Tages hab ich nichts zu thun, Man lässt mich in dem Winkel ruhn; Des abends bringt man mich herein, Dann schlucke ich Feuer und Flammen ein.

Ähnlich ist das Rätsel vom Dreschflegel (Andree 19):

An däe geit et de däle up un däl, et abends mot er in'r ecke stän.

Das Aussehen des Gegenstandes je nach den Umständen zeigt das Rätsel vom Herdfeuer aus der Grafschaft Mark (Woeste Nr. 11):

Bi dage as en güllen Knop, det nachts as en mollhopp. .

Thätigkeit und Wirkung veranschaulicht (W. 93) ein Rätsel von der Wiege:

Wenn ich stillstehe und nicht gehe, Dann sind meine Bewohnten oft unzufrieden. Wenn ich aber gehe und nicht stillstehe, Dann kann ich sie oft ins Schweigen kriegen.

Ähnlich wie in den oben besprochenen Benennungen und Vergleichen können die einzelnen Teile eines Gegenstandes auch durch kurze, einzeilige Beschreibungen geschildert und auch diese unter sich durch äusserliches Gerüst verbunden sein. Mehr bildlich ist noch das schottische Rätsel vom Suppentopf (Chamb. 6):

Mouthed like the mill-door, luggit like the cat. Though ye guessed a' day, ye'd no guess that!

Einfacher die deutschen Stücke:

a) Neben- und bei einander. Gestalt: Menghin 1 (Ameise, tirolisch): »Oben spitzig, unten witzig, in der Mitt'n — völlig ab«. Renk 105 (dasselbe): »Vorn und hinten patzet, in der Mitten glager ä«. — Farben: Renk 106 (Flachs): »Braun unten, Grün au, Blau obendrau!« Halliwell 136 (Regenbogen):

Purple, yellow, red and green, The hing cannot reach it nor the queen. Nor can old Noll fCromivellJ, whose power's to great. Teil me this riddle, while I count eight.

Stoff: Chamb. 7 (Hahn, schottisch):

Mouth o' hörn, and beard o1 leather; Ye'll guess that though ye were hanged in a tether.

Geschmack: Schneller 9 (Kirsche, wälschtirolisch): »Dolce come il miete e in mezzo amaro come il fiele«.

b) Nach einander. Andree 9 (Flachs, braunschweigisch): »Groin steit et up, blü blift et stan, witt geit et taubedde«. Renk 137 (Knäuel): »Nieder wie eine Maus, und hoch wie ein Kirchturm«. Renk 138 (dasselbe): »Es kugelt etwas übern Rain, hinab geths allein, herauf ziehn's sechs Paar

Ross nit«. Renk 147 (Krapfen): »Es geht etwas bleich zum Bronn und braun davon«. Bidrag VII 4, Nr. 8 (Schuh, schwedisch): »O/n dagen är han füll med hott ock blöd, om natten star han ock gapar«. Peter 820 (Feuer, schlesisch): »Befind ich mich am Dache, trauerst du sehr. Bin ich am Ofen, so hast du mich lieb«. Rochh. 83 (Ofen, schweizerisch): »Use griien und inne schwarz, Summers ehalt und winters warm«.

Handelt es sich um den Ton, den ein Gegenstand von sich giebt, so tritt leicht Personifikation ein. Z. B. Blade 12 (Seil, Armagnac): Arritz en debara, Plouro en mounta (lacht beim Aufsteigen, weint beim Absteigen).

Leiser klingt die Personifizierung an, wenn es sich um ein Schauen, gewaltsam herbeigeführt ist sie, wenn es sich um die Nahrung handelt. Renk 78 (Bockhorn): »Wenns aufwärts geht, schauts abwärts, Wenns abwärts geht, schauts aufwärts.« Ähnlich, doch eingliedrig Renk 145, W. 293 (Axt): »Geiht to Holt un kickt to Huus.« Woeste 15 (Ofen, Grafsch. Mark): »Hü stttket et in der Sit un giet ut der Mule wi'er von sik.« Donner 19 (Hobel, lappisch): »Speist mit dem Munde, Giebt von sich mit dem Nacken.« Andree 6 (Häckselschneide, braunschweigisch): »Hinnen frit et, Vorne schitt et.«

IV.

Mehrere gleichartige Gegenstände werden gemeinsam benannt und beschrieben.

Wir hatten diese Klasse vorher von der Besprechung105ausgeschlossen. Denn kraft ihrer eigenen Mittelstellung als Rätsel, die wohl mehrere Gegenstände umschließen und mehreres von ihnen aussagen, aber doch von allen das Gleiche, sodass sie einen einheitlichen Zug haben, fordern sie eine knappe eigene Betrachtung. Ein so bunter Formenreichtum, wie bei einigen anderen Gruppen, konnte sich hier nicht entwickeln. Es ist eine bestimmte Anzahl oder unzählbare Menge von Gegenständen, über die etwas ausgesagt wird. So steht denn immer eine Zahl (oder ein

Ausdruck der Unzahl) voran, und die Sache selbst bringt es mit sich, dass eine Benennung hinzutritt, die um so bildlicher, lebendiger ausfällt, je älter und damit sinnlicher das Stöck selbst ist; es sei denn, dass die Zahl selbst personifiziert wird, wie imRätsel von den vier Elementen (Rochh. 51),!) das doch wieder insofern aus dem Rahmen dieser Gruppe herausfällt, als nachher von jedem der Vier etwas besonderes, freilich in parallelen Reihen, ausgesagt wird. Solche Stücke gehören nur halb und halb hierher, wenn sie auch in altertümlich straffer Zusammenfassung den andern, nunmehr folgenden Ähnlich, gleichwertig sind. Die einfache, substantivisch gebrauchte Zahl haben wir etwa noch in einem schweizerischen Rätsel von den vier Stäben des Garn-wendels (Rochh. 110):

Springt vier enander no, Keiner cha den andern föh.

Dagegen stehen trefflich entworfene und durchgeführte, persönlich gehaltene Bilder, unter denen ich zunächst zwei vom Alphabet zum Vergleiche hersetze. Ein westpreussisches (Violet 2):

Et geht feewentwintig Soldaten, De wedder käken noch braclen, Bloss emmer en Rehgen mascheren De Menschen to Klokhet to feren.

und ein tirolisches (Renk 164):

Es sind vierundzwanzig Herren Die regieren die Welt,

Sie essen kein Brot, Sie trinken kein Wein, Was wer'n das für Herrn sein?

Das erstere Rätsel ist gewiss besser und vielleicht auch älter. Die Appetitlosigkeit, die im zweiten Stücke die

Hauptrolle spielt, ist dort auf das rechte Mass eines hemmenden Elementes zurückgeführt, das eben vor der allzu persönlichen Auffassung warnt. Wenn dies aber wegfällt, so bleibt in dem zweiten Rätsel nichts, was zur Lösung führen könnte, denn das benennende Element »Herren« ist ganz farblos, und das »die Welt regieren« zu vieldeutig. Es bleibt nur die Zahl.

Kürzer, aber schlagend durchgeführt sind einige andere Personifikationen: Renk 70 (Kuheuter): »4 Bübele brunzen in ein Kübele.« Violet 4 (allgemein bekannt: Windmühlen-. flügel): »Vör Jungfern gripen sich dagdäglich, On kriegen sick siendäg nich.«

Nicht personifiziert, aber in wohlbelebtem Bilde durchgeführt ist das Rätsel von den 30 (!) Zähnen im Englischen (Hall. nurs. rh. 141), was an oben mitgeteilte, zahlenlose Rätsel erinnert:

30 white horses upon a red hill, Now they tramp, now they champ, Now they stand still.

Weniger bezeichnend ist ein vläraisches Rätsel (Volksk. 1,16) vom Euter:

Tusschen hemel en ärde hangen vier lange garens (Fäden), 't zijn geen eiken of geen esschen, Ge kunt het niet raden, at waart ji met zessen.

Dazu ein merkwürdiges Rätsel von den Teilen des Nusskernes:

Er waren eens vier gewichten, Die lagen in een9 kistey Ze lagen er paar bij paar, Grij kunt het niet raden maar In honderd jaar.

Dieses Rätsel leitet uns in seiner deutschen Fassung (Rochh. 27, contaminirt):

Sind vier Brüeder in eim Huus. Und keine cha zum andren uus. Sind vier Brüder i der Chammer, Und chömmet doch nie z'samma.

hinüber zu jenen sehr zahlreichen, im ganzen einander ähnlichen Rätseln, die gleiche Gegenstände oder gleiche Teile von solchen unter dem Bilde von Geschwistern darstellen. Z. B. Renk 6 (Augen): »Es sind zwei Brüder zwischen (!) einem Bühel die sehen einander nie.« Schwestern (wälsch-deutschtirolisch) Schneller 24 (Wagenräder): Gh'e quattro sorelle, le corre, le corre, ma no le te arriva mai; Renk 107 (Flachs): »77 Schwestern haben gleiche Kappen auf.« Erweitert zum Bilde einer Familie — s. o. — ist das schweizerische Rätsel vom Hafen: »Drei Brüderli, Es hohles Müeterli, Und es buckligs Mandli.«

Noch erübrigt es, auf die Rätsel hinzuweisen, die von einer zahllosen Menge gleicher Gegenstände handeln und wo das Volk einfach zu einer grossen Zahl, die ihm eben nichts anderes bedeutet als »sehr viel«, zu greifen pflegt. Z. B. Schneller 8 (Kirschen):

Alto Alto bei vedere Cmque cento cavaliere, Colla spada desfoderata. Colla te8ta insanguinata.

Die Teile mit Hinzuziehung des Ganzen, Rochh. 31 (Pappel): »Ein langer Narr, ein dürrer Mann, Hat 100000 Schellen an.« Auch hier das Bild der Geschwister:

Sind meh as hundert G'schwisterli *) De eine schenkt em andere i, Sie slürfent aU und alle, Der letzt loht's loh falle.

V.

Mehrere Gegenstände sind zu erraten. Es bleibt nun noch ein Wort über jene Rätsel zu sagen, die es mit mehreren Gegenständen zu thun haben. Die Formen, wie diese im einzelnen bestimmt werden, sind hier dieselben, wie da, wo nur ein Gegenstand zu ermitteln war. Im wesentlichen handelt es sich für uns um die Komposition.

Vgl. das mhd. tusent oder mere u. dgl.

Wir fragen zunächst:. »Was wird zusammengestellt?Ä Stehen die Gegenstände oder Vorgänge untereinander in einem ursächlichen Zusammenhang oder berühren sie einander, sodass die zusammengefassten Einzelheiten doch einen einheitlichen Gegenstand oder Vorgang, ein Ganzes, ergeben? Oder sind sie nur lose neben- oder gegeneinander gestellt, etwa lediglich des Kontrastes wegen?

Die roheste Form dieser losen Zusammenstellung hatten wir in jenen kurzzeiligen Rätseln gefunden, wie (Andree 17):

Up'n däke helle, Vor'n hüse helle, In'r sttiwe biff baff, In'r köke kriz kraz.

Alle diese Gegenstände stehen in einer gewissen Beziehung zum Hause; das verbindet sie, formt aber aus den vier Einzelfaktoren noch kein Ganzes. Eine festere Verbindung kann aber schon der Kontrast bewirken. In dem Rätsel von Wiese und Bach (etwa Andree 17):

Lanke krummumme, wo wutte hen? — Körte verschorne, wo frägste nä, Känn mtnen weg bt dage un bf nacht Anne.

ist es gerade die Gegenüberstellung der beiden Gegenstände, die uns erst in Verbindung mit dem hemmenden Schlusselemente zur Lösung verhilft. Wir lernen auch gleich die Form kennen, in der allein solche lose Dinge wirksam verbunden werden können: die Form der parallelen Zeilen, die die Marke des Dialogs gern annimmt, einerseits, um lebendiger zu werden, dann aber, um kraft der Personifikation auch etwas zu verwirren, die Lösung zu »hemmen«. Noch ein ganz ähnliches Rätsel aus der Schweiz (Rochh. 41), das Roggen und Gerste gegenüberstellt und ihre ungleichmässige Entwickelung (nicht wie dort das verschiedene Aussehen), sei hier gegeben:

O du chline, chllne zwerg, Witt du no-nig us'em herd? —

O du grosses g'hüer, Bi vor dir i der schüer.

Der Zusammenhang zwischen den Dingen ist immer nur sehr äusserlich, örtlich, sodass er höchstens veranlassen kann, dass die Dinge überhaupt verglichen werden; der Bach fließt an der Wiese vorbei, die Roggen- und Gerstenähren wachsen auf dem Felde, die Himmelskörper schweben im Weltenraume, darum werden sie zusammengestellt. Wo es sich nicht um einen Vergleich, auch um keine Personifikation handelt, da hat auch der Dialog nicht Statt, darum lautet das Rätsel über Himmel, Mond und Sterne, das wir früher schon französisch kennen lernten, etwa vlämisch (Volksk. 1,6):

Met Iahen, dat gij niet kunt vouwen, Dm appel, dien gij niet kunt schellen, En het geld, dat gij niet kunt teilen.

Es handelt sich um Gegensätze, wie wir sie oben unter den Teilen eines Ganzen beobachteten, die Zusammenfassung ist streng parallelisch.

Willkürlicher stellt man etwa zwei Tiere zusammen, die beide eine hüpfende Bewegung haben, benennt sie mit Namen, die nach dieser Thätigkeit frei gebildet sind, lässt dann aber das Ganze in ein Rechenexempel auslaufen, was hier doch zur Klarheit verhilft, indem die »acht« auf zwei Vierfüssler schließen lassen und die »eins« darauf hinweist, dass der eine von beiden keinen Schwanz habe. Das Rätsel lautet bei Renk 98 (Frosch und Hase):

Der Hupfauf und der Baldauf Springen durch den Wald auf. 8 Füsse und ein Schwanz, Das ist das Ganz1.

Während aber diese beiden Tiere eigentlich gar nichts mit einander zu schaffen haben, finden wir etwa das »Schwein« und die »Eichel« in einem weit verbreiteten Rätsel (Rochh. 7) in innerem Zusammenhange. Die Varianten sind zahllos, Übertragungen auf andere Dinge nicht selten; wir könnten eine allgemeine Überschrift wählen: »Das Tier und seine Beute«. Aus ihr ergiebt sich auch die Beziehung der beiden Gegenstände auf einander. Es sind zwei verschiedene Dinge zu erraten, aber das Ganze ist doch nur ein einheitlicher

Vorgang und darum hilft eine Hälfte die andere bestimmen. Man vergleiche etwa Rochh. 7 (Schwein und Eichel):

Riigeli-ehügeli hoch obe, Rügeli-chügeli fallt abe, Vierbei treit's hei.

oder Renk 71 (Katze und Fleisch):

Hira Hara hockt, Limpa Lampa hangt, Hira Hara wött, Dass sie Limpa Lampa hätt.

Gerade, wenn es sich um die Schilderung von Vorgängen, Handlungen und Verrichtungen handelt, stellt das Rätsel gern etwa den Handelnden, seine Werkzeuge, den Ort der Handlung neben einander. Einige besonders bemerkenswerte Beispiele wollen wir uns zum Schlüsse ansehen, mehr nach dem Gegenstande, als nach der fast in jeder Nummer verschiedenen, bunt gemischten Form geordnet.

Die Handlung der »Predigt« drückt das vlämische Volksrätsel durch Angaben über den Prediger und die Kanzel aus. Die Zeilen sind parallel gebaut mit hemmenden Elementen, die gleich den oben beim »Vogel federlos« erwähnten doch den durch die Benennung etwas weit gesteckten Begriff wieder verengern. Volksk. 1,21:

Een huis zander schouw, En man zonder vrouw, En 8toel zonder biezen. Baad maar ap, ge zult verliezen.

Über die Thätigkeit ist nichts gesagt, die Schilderung der äusseren Gestalt steht im Vordergrunde.

Beides vereint findet sich in einem Rätsel, das sehr interessante Wandlungen durchgemacht hat, im Rätsel von der Schrift. Die Urform wird sich kaum wieder herstellen lassen. Am kürzesten ist die lithauische Fassung, die Schleicher S. 2Q6 giebt: »Ein ehrbares Feld, eine wunderbare Saat«. Das alte Bild, das wir auch im folgenden überall finden werden, zeigt uns etwas neues. Hier haben wir ein völlig durchgeführtes Bild: »Die Schrift« ist geschildert durch »die

Saat«, ein Vorgang, eine Verrichtung durch die andere. Das Gerüst ist alt. Aber in solchen Bildern verlangt eben das Volk einen unzweideutigen Hinweis auf die Bildlichkeit, darauf, dass wir es eben nicht mit einem wirklichen Acker zu thun haben; dazu sind die Epitheta da. Aber wie unbestimmt, wie unsinnlich sind diese in dem lithauischen Rätsel! Viel klarer und »echter« ist das englische Eätsel, das uns Halliwell mitteilt: The land was wite, the seed was black (Rahmenelement). Es ist im Grunde ebenso kurz, steht aber in seiner Versinnlichung, in seinem geschickten Arbeiten mit Gegensätzen, mit seinen »Hemmungen«, der Urform bedeutend näher. Es enthält den Kern aller anderen Fassungen. In diesen kommt nun aber gewöhnlich noch ein dritter Zug hinzu, der uns schildert: entweder die schreibenden Finger, oder den Federhalter, die Feder, oder den Schreibenden selbst.

Nie kommen diese Züge in einem Rätsel zusammen vor, es ist immer nur einer vorhanden, sodass wohl drei Umformungen eines Typus anzunehmen sind. Das Gottscheer Rätsel (Hauffen, S. 128, Nr. 2):

A baisr okr shbuerz geshänet, a baishr mon, dar guet shänen kon.

berücksichtigt die Farbe des Sämanns, in Anlehnung an den vorher verwerteten Farbengegensatz. Klar sind die fünf Finger angedeutet im tirolischen Rätsel (Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen etc., 2. Aufl. Innsbr. 1871, Nr. 99):

Es ist ein weisser Acker, Drauf kommt schwarzer Same, Drei führen und zwei schauen zu.

Die Finger sind nicht benannt, nur die Zahlen helfen zur Lösung. Die beiden Zuschauer sind die beim Schreiben unthätigen Finger. Als Zuschauer werden aber im italienischen Rätsel die Augen bezeichnet, im Gegensatze zu den Fingern. Ebenso wälschtirolisch (Schneller 20):

Campo bianco, somenza nera, Due la guatda e cinque la mena.

In einem französischen Rätsel sind auch die Finger mit in das Bild hineingezogen, als fttnf Stiere, die am Pflugeisen ziehen (Bladö 27):

Cap blanco, semengo negrö, Cinq buüs tiron a la reillo.

An Stelle der Finger tritt nun auch gern die Bezeichnung der Feder, die über das Papier dahingeht, ohne die Saat zu kennen. So lautet ein Rätsel in Landstads Sammlung norwegischer Volkslieder S. 805 ff, Nr. 14:

Liten aker hev eg, Svart konn sär eg, Mang ein um min aker geng, Og veit Jki hot i Öhren stend.

Ganz ähnlich heisst es in der Schweiz (Rochh. 146):

Ne wisse acher acheret me, Ne schwarze söme saijet me, S' lauft mänge drüber, stolpret net, Und weiss net, was es isch.

Und schon bei Butsch (Nr. 829) steht das Rätsel, freilich mit Fortfall des Farbengegensatzes, doch mit Hineinziehung der Feder in das Bild:

Ein schöner Acker woll gesehet. Gar mancher Bawer do fürgeet. Nit weiss, was man do gesehet hot.

Endlich wird auch der schreibende Mensch mit verwendet und seine Denkthätigkeit in den Vordergrund gestellt. Das ist nicht recht volkstümlich, wenigstens in Deutschland. So kann ich denn auch hier keine germanische Fassung anführen. Wohl aber finden wir unser Rätsel schon in alten französischen Sammlungen, wie in den Adevineaux amoureux (Roll. 250):

Blanc est le champ, Noire est la semence, L'omme qui le semme, Est de tres grant science.

Im Volksmunde der Dordogne lebt es in dieser Form (ebda): La semence est noire, La terre est blanche, Celui qui slme pense,

Und ein ganz ähnliches Stück teilt Pitre aus Sizilien mit:

Bianca muntagna E mura simenza, E Vomu chi simina Sempri penza.

Damit haben wir die Hauptformen des Rätsels kennen gelernt. Nichts hindert uns, anzunehmen, dass die Urform die dritte Bestimmung überhaupt noch nicht kannte, sondern etwa lautete: »Weisses Feld und schwarze Saat«. So schildert nämlich das Rätsel sehr gern Vorgänge, zu deren Ausführung mehrere Dinge nötig sind. Z. B. »Seefahrt« als Schloss und Schlüssel, etwa im tirolischenRätsel (Renk 121): »Ein wassernes Gschloss und ein hölzerner Schlüssel«.106) Nur tritt hier der Stoff statt des Aussehens ein, ebenso wie in dem weit verbreiteten Rätsel von der Nähnadel und dem Faden, die unter dem Bilde eines schnell beweglichen Tieres erscheinen, ein Stück, das ebenso viele Erweiterungen und Aenderungen erfahren hat, wie jenes von der Schrift. Z. B. Peter 369: »Es ist ein bleiernes Vögelein, Es hat ein flächsenes Schwänzelein.« Renk 140: »Ein eiserner Hund und ein leinenes Schweiflein; je weiter das Hündlein vorwärts geht, je kürzer 's Schweiflein wird«; ähnlich, doch sehr abgeschwächt, im Lappischen (Donner-Poestion 18): »Es wandert durch den Wald und verliert den Schweif im Walde.« Der Fingerhut tritt hinzu in der ostfriesischen Fassung (Meier 13): ,,'N iesdern Peerd, Mit'n flassen Steert Un 'n messken Najager.«

Nicht so regelmässige Bildung zeigen andere Rätsel, die aber gleich den vorhergehenden einen Vorgang unter dem Bilde eines andern vorführen. So erscheint (Rochh. 6) die Schafschur, mit einem hemmenden Element, als Getreidemähen: Chum erwachsen ich wieder, •

Maij't der Schnitter mich nieder; Macht er's aber net guet, So vergieß der Acher sis Bluet.107)

Das interessante Volksrätsel vom Fischfang schildert diesen als einen Überfall durch Räuber. Das Haus, in das die Räuber eindringen, ist das Wasser, dann scheint es wieder das Netz zu sein, dessen Maschen »Fenster« heissen. Das Rätsel ist nicht so klar, wie die vorigen und arbeitet stark mit Hemmungen. Ich führe hier nur die schottische Fassung an (Chamb. 24), die weitere Verbreitung hat Pitre in seiner neuen sizilianischen Sammmlung ausführlich nachgewiesen.

The robber8 came to our house,

, When toe were ä in: The house lap out at the windows, And we were a1 täen.

Unter obscönen Bildern wird etwa das Spinnen beschrieben (z. B. W. 71), was auch auf das Besteigen eines Pferdes u. dgl. umgedeutet wird. (Vgl. Meier 40): »Tk stall vör di, Dat sali in di, Dan wil 'k up di, Dan sallt gahn.«

Unklarer personifiziert, ohne Zusammenhang, sind Rätsel wie das westpreussische von der Mangel (Violet 8):

Treck hen, treck her, Twö stonen dafer, Twö liegen darunger, Wat es dat fer en wunger?

Mit dem Motiv des Gegensatzes zwischen Totem und Lebendigem arbeiten, nicht ohne Hinzusetzung der Beziehung, in der die verschiedenen Gegenstände zu einander stehen, Rätsel wie diese: Donner 10 (»Kamm«, lappisch): »Das Tote zieht Lebendige aus dem Walde«, oder Chamb. 14 (»Schiff4):

As I lookit otore my window

At ten o'clock at night, I saw the dead carrying the limng.

Endlich ist noch der Fall zu erwähnen, wo zwar die Lösung die Gegenstände in deutliche und feste Beziehung zu einander stellt, im Rätsel selbst aber scheinbar ganz Unzusammenhängendes vorgeführt wird. In diesem Wirrsal, das noch durch ein buntes Gemisch von Benennungen und Beschreibungen immer beängstigender wird, liegt der Reiz solcher Stücke, wie des bekannten Rätsels vom Wagen mit Tonnen, Pferden und Rädern, mit dem Fuhrmann und der Peitsche. Man sehe etwa die holländische Fassung (Volksk.1,1):

Nen langen, langen zwikzwak, Nen körten, körten dikzak, Twee poppen, die danzen, En vier rozenkranzm.

Oder die mecklenburgische (W. 16):

Rüe, rüe, reUe, Veir rüe feile, Snurtjebü'l un Klappsaek, Rae mal tau wat is dat.

Mit den. Stoffen arbeitet das ähnliche Rätsel vom Pfluge (Renk 179): »Vorn Fleisch, Hinten Fleisch, In der Mitten Holz und Eisen.« Endlich spielen auch wieder die Farben mit hinein in einem alten Rätsel von der gemolkenen Kuh, das Meier (22) in einer nicht ganz klaren Fassung vorführt:

Grön under, blau baven, Leer under, leer over, Mit veer leeren Stippstappen Un'n holten Jahn upp.

Damit glaube ich, soweit es nach dem vorliegenden Materiale möglich war, den hauptsächlichen Formelschatz unseres Volkes erschöpft zu haben. Eine Darstellung der äusseren, metrischen Form musste unterbleiben, da vorläufig noch das wichtigste Hilfsmittel fehlt, das wir bei unserer Untersuchung ja so oft vermisst haben: eine grosse, oberdeutsche Rätselsammlung.

Lebenslauf.

Am 4. Juni 1875 wurde ich, August Ferdinand Robert Petsch, evangelischer Confession, als Sohn des am 11. November 1874 verstorbenen Hauptlehrers August Petsch und seiner Gattin Hedwig, geb. Lehmann, zu Berlin geboren. Zum Ostertermin 1882 trat ich in die Vorschule des dortigen Sophiengymnasiums, im Herbst 1884 in das Gymnasium selbst ein, das ich im Oktober 1893 verließ, um mich dem Studium der Philologie zu widmen. Sehr bald trat in meinen Studien die deutsche Philologie und die germanische Volkskunde durchaus in den Vordergrund. Meine gesamte Studienzeit habe ich'an der kgl. Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin verlebt; dem dortigen »Germanischen Seminar44 habe ich vom Oktober 1894 bis dahin 1897 als Mitglied der älteren, wie auch der modernen Abteilung angehört, und mich unter der Leitung der Herren Professoren K. Weinhold und E. Schmidt an den Übungen beteiligt. Im Sommer 1896 nahm mich Herr Prof. A. Brandl als Mitglied des »Englischen Seminars44 auf, dessen Übungen ich auch später noch als Hospitant beiwohnen durfte.

Ferner haben mir die Herren Professor M. Roediger und Dr. M. Herrmann in mehreren Semestern den Zutritt zu ihren Übungen erlaubt.

Die Universität verließ ich im Herbst 1897 und war von da an bis zum 15. März 1898 als Hilfsarbeiter an der Königl. Bibliothek zu Berlin thätig.

Am 28. März 1898 siedelte ich nach Würzburg über, wo mir seither die Herren Professoren Brenner, Stürzinger und Sittl freundlichst den Zutritt zu ihren Seminarien bzw. Übungen verstattet haben.

Vorlesungen habe ich an der Universität Berlin bei folgenden Herren hören dürfen:

Brandl, Diels, Dilthey, Herrmann, Heusler, Kekulö v. Stradonitz, Roediger, Scheffer-Boichorst, Schiemann, E. Schmidt, J. Schmidt, Spannagel, Stumpf, f v. Treitschke und Weinhold.

Zu ganz besonderem Danke bin ich den Herren Professoren Weinhold, Erich Schmidt und Brandl zu Berlin und Herrn Professor Brenner zu Würzburg verpflichtet.

Robert Petsch.


 

36  W. 154 b.

37  Hailiwell, S. 81, Nr. 151.

38 Durch eine ganz allgemeine Bezeichnung ersetzt in Österreich (Vernaleken-Branky, Spiele und Reime, Nr. 88): In dem Berge Sinai Liegt ein gelbes Blümelein. Der Berg Sinai ist dem eigentlichen Kinderliede wohl bekannt.

39 ) Natürlich kann ich hier nicht alle die interessanten Varianten durchsprechen, wie sie W. S. 26 zusammenstellt.

40 ) Da Wossidlo hierauf noch nicht verweisen konnte, bemerke ich, dass man jetzt auch 68 braunschweigische Rätsel in R. Andrees trefflichem Werke über die Volkskunde dieses Landes finden kann. (S. 854—359.)

41 *) Vgl. etwa W. 45, 47, 48, 53, 55, 56, 57, 198 ff.

42 B) Obscön «W. 1000, nr. 1. Vgl. ten Doornkaat-Krolmann, Ostfriesisches Wörterbuch IT, S. 406—407.

43 ) Reimlos ist die Einführung in Ostpreussen erhalten, Tgl. etwa (in den Bänden der preuss. Provinzialbl., deren Rätsel Frischbier meist in seine Sammlungen mit aufgenommen hat): »Hinder onsem Huus' steit e Boom« (öfters). In Schleswig: »In uns Hfts da steit en Mann« (Diermissen, Ut de Muskist. Kiel 1862. S. 73).

44 ) Etwa W. 84, 80.

45  Peter, a. a. O., Nr. 337.

46 t) Auffallend ähnlich das Rätsel hei Gregor, Nr, 30;

As I geed to ma father's fehst.

47 ) London-bridge: Hall., pop. rh., S. 145.

48  Ich benutze die Ausgabe von 1800. Berlin Yt 7571.

49  Z. B. W. 58 und Preuss. Prov.-Bl. (Bd. 8): Oeck ging eemal dorch't Schölp Damött mi Gott lielp.

50 3) Nur mecklenburgisch festzustellen.

51  Neue Pr. Prov. Bll. I, Nr. 11.

52  »Volkskunde«, Bd. I, S. 18 ff., Nr. 36.

53  Peter, a, a. O., 346.

54  Rochholtz, Z. d. My., I, Nr. 18.

55 5) Violet, Neringia od. Gesch. d. Danziger Nehrung, Danzig 1864, enthält S. 198—200 auch 15 westpreussisehe Rätsel, die Woss. leider nicht kannte. Unser Stück: Nr. 7.

56  W. 213.

57  Violet, a. a. O., Nr. 8.

58  Vielleicht auch anderswo, ich kann es aber nur für Tirol beweisen.

59 9) Anders »Vogel« im Ostpreussisch en: »De Piepopp on de anaaropp ginge oppe Barg ropp; 8 Fööt on eene Tagel, Roth wat öss datt vor ee Vagel?« (Maus und Frosch.) Prov. Bll., a. a. O., Nr. 17.

60 10) Gehört freilich eigentlich unter die Gruppe: Imperativ H-Frage, sei aber aus naheliegenden Gründen hierher gestellt.

61 ) Mit einer Namennennung: Schill 48: »Fladdeijahn, rat

mal, wat es datt?«

62 i) Wonste, a. a. O. Nr, 31. 2) W. 211. 3) peter, a. a. O. Nr. 383.

63 4) Rochholtz, a. a. O. Nr. 139. 5) W. 119. 6) Prov. Bl. a. a. O. Nr. 43.

64  Andree, a. a. O. z. B. Nr. 5. Meier, a. a. O. Nr. 17. 9) Schild-

65 bürgerbuch. «>) Volkskunde I Nr. 26b. «) Renk Nr. 133.

66 13) Volksk. I Nr. 15.

67 Soll wohl heissen: meh.

68 ) Hier wird dann noch eine Versprechung angefügt.

69 3) Hall. nurs. rh. 144. 4) Rochholtz, a. a. O. Nr. 15. *) W. 179.

70 6) Hall. pop. rh. S. 143. 7) Etwa Rochholtz Nr. 15, Peter Nr. 326.

71 8) Chamb. 8. ») W. 144. Vgl. dort noch Nr. 175h: »Nun ratet,

72 Ihr Alten nnd Jungen (: lung').

73 ®) W. 178.

74 «) Hall. nurs. rh. 142.

75  W. 171.

76  HaU. pop. rh. S. 144, 146, 149.

77  Chamb. 15. 4) HaU. p. rh. S. 148, *) Voiksk. I Nr. 10. 6) W. 180. 7) Qreg. Nr. 23 — Chamb. 6, 7. 8) Volksk. I Nr. 5.

78 ) Ein vollständiges Verzeichnis der Belohnungen giebt W. in seinem trefflichen Register S. 862, s. v.: raten.

79 doch ziemlich selbständigen »Belohnungen« möglich und auch da sehr selten. Meist sind diese wieder in sich gereimt.

80  Vgl. ein anderes Rätsel von der Egge: »Es hat 52 Füsse und lässt sich doch nach Hause tragen«, was doch schon gegen das obige bedeutend abfällt* . w

5*

81 Vgl. besonders «Wossidlo im Anfange.

82 ) Majuur (Major) ist in Norddeutschland sehr beliebt zur AppeUativbildung. Es wechselt gern mit »-Meier« oder, mehr oberdeutsch, »-Huber«. Vgl. auch Berlinisch: »-Fritze«. Älter ri-Hans« (Prahlhans statt Prahler). Das einfache »-er« genügt dem Volke nicht. So heisst es nicht »Schwindler«, sondern Schwindel-

83 ) Vgl. hierzu W. 177—179; obige Fassung habe ich selbst ^gezeichnet.

84 S. Doornkaat-Koolman, Wörterb, d. ostfries. Sprache, 3,576 unter »wrikkeÄ«.

85  v. d. Hagens Germania 5, 252 ff., 6,155 ff.

86 i) Frischbier, Z. f. d. Phü. 11,29. 2) ebd. 33,68.- ») W. 13.

87 ) Frischbier, Z. f. d. Phil. 11,36. 5) W. 12; man vergl. die in den

88 »Anm.« gegebene Erklärung. 108) Frischbier, Z. f. d. Phil. 11,90.

89 i) Frischbier, 11,29. 2) A. 17. 3) Frischbier, 11,24. <) w.26.

90 ) W. 215. . 6) Frischbier, 11,97.

91 i) Roch. 47, 67. 2) w. 81. s) W. 89, 131. Vgl. auch Nr. 1.

92  Frischbier, 11,80. W. 11, 16, 17.

93  1864, S. 228, Rätsel Nr. 4.

2) Renk 85.

94  Vgl. etwa W. Nr. 25.

95  Gregor, 88.

96 Poestion, Lappländ. Märchen etc., Wien 1886 (Rätsel, S. 267 bis 270), Nr. 85. Poestion giebt Nr. 1—80 auch die Rätsel, die schon von Donner, Lieder der Lappen, Helsingfors 1876, gesammelt waren.

97  Le Folk-Lore du Poiton. P. 1892. S. 477 ff.

98  Jtochh. Nr. 83.

99 ) Vit sans corps, parle sans langue, entend sans oreiUes, Et nait de Vair.

Blanc comme neige, noir comme Varey parle sans langue, voit «ans yeux.

100 ) N'est pas bete et a poils, jWest pas miroir et regarde, West pas nuage et fait pleuvoir.

101 ) BI. comme neige, et neige n'est pas. Porte feuilles, arbre n'est pas.

102 ) Im allgemeinen wird man natürlich nicht erwarten dürfen, eine ganz vollständige, lückenlose Aufzählung sämtlicher Teile zu

103 ) Uckermärkisch. Eigene Sammlung.

104  Gesungen wäre die Zeile natürlich vierhebig (\V. 21): haddn röden Bo'ort,

(Zuh, wö de Schelm roort.) Beim Sprechen wird sie dreihebig und, so viel ich gehört habe (in der Mark), lässt man dann entweder eine Pause folgen, die der vierten Hebung entspricht, oder man sucht die vierte Zeile dreihebig zu sprechen:

Züh, wo de Schelm röhrt.

2) Man beachte, dass von einem »fleischenen« Kamm keine Rede ist.

105  Es seit de gross Alexander,

Es laufld vieri mit enander: S' erst lauft und wird nit matt, Der zweut frisst und wird nit satt, De dritt suft und wird nit voll, De viert blost und's tönt nit wohl.

106 *) Sehr ähnlich das unsaubere Eätsel Woss. 260 = Renk 172 u. Ö.

107 ) Auf Madagaskar giebt es ein Rätsel vom menschlichen Haar: »Abgemäht, ehe es verwelkt ist« (Folk-Lore Journal I, S.88).

108 7) ebd. Nr. 36. *). W, 118.


Fußnoten

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1 J. B. Friedreich, Geschichte des Räthsels. Dresden 1861.

2 Die spanische Sammlung von Demofilo (d. i. Machado y Alvarez), Sevilla 1880, habe ich leider in keiner deutschen Bibliothek auffinden können.

3 Seine Verbreitung hat Gaidoz in der Melusine 8, 64 f. nachgewiesen, doch ließe sich noch manches nachtragen.

4 Vgl. etwa das folgende, durchaus nicht alltägliche, und meines Wissens auch noch nicht weiter belegte Rätsel in der im 15. Jahrhundert erschienenen Sammlung: »Adevineaux amoureux«:

Quele chose est ce qui est trop etroite pour un, et bim ä point- pour dsux et trop large pour trois? — Cest quant aucun a courroux au euer, il lux est trop estroit pour lui seul. Et quant il le dist a son com-paignon il lui est plus apoint; mais quant le tiers le scet, c'est trop large,

mit dem deutschen Rätsel (bei Butsch, Nr. 319):

Ein Frag, was eim zu eng, zweyen gerecht, vnd dreyen zu weit. Ant. so ein mensch ein gross sach oder heymlich anfechtung hott, darinn er radt haben muss ist jm not ein verträuter gutter freündt der mag jm höfflich sein vnd solchs verschweigen, so es aber ferrer als an den dritten reicht bleibt es selten bey den dreyen allein.

5 Auch Paul Flemming erwähnt es, an der Stelle, wo er von der damals modernen Rätselunterhaltung in Gesellschaften spricht:

Der giebet Räthsel auf, worein wohl alles geht, Was wenn wir stehen, liegt, und wenn wir liegen, steht.

Vgl. W. zu Nr. 895.

6 Heute ii fragt man in der Grafschaft Ruppin: Welches Land hat die schlechtesten Pferde? Österreich, denn es besitzt Mähren. — allerdings mit einem ganz anderen homonymischen Witze. V. III, 8. 79, Str. 120.

7 Dies Motto beruft sich auf ein früher erschienenes »Rockenbüchlein«. Von dieser Literatur, die wohl zur Unterhaltung in den Spinnstuben dienen sollte, ist meines Wissens nichts erhalten. Es enthielten die Heftchen wohl Rätsel, Spinnlieder, Kunststücke u. dergl. Ein kluger Buchhändler mag wohl bemerkt haben, dass die Rätsel sich der größten Beliebtheit erfreuten und stellte das »Rathbüchlein« zusammen, wollte aber doch die Beliebtheit auch des Rockenbüchleins benutzen und wählte daher das obige Motto, in Anlehnung an ältere Formen. Wie sehr seine Spekulation glückte, zeigen die vielen Drucke, wie sie Hagen a. a. O. aufzählt, und ferner der Umstand, dass die Hockenbüchlein späterer Zeit (Vgl. meine Beschreibung in den »Mitteil. u. Umfragen zur bayerischen Volkskunde«, IV, 1.) genau dasselbe Motto als Aushängeschild benutzten.

8 von Ludwig, von Therander (d. h. Sommer) u. a. Man findet sie bei Wossidlo, S. 260, vollständiger bei Hayn a. a. O. aufgeführt.

9 Dagegen enthält die altnordische Hervararsage, auch in der färöerischen Umbildung, gute alte Volksrätsel in poetischer Form und hochpoetischem Vortrage, wie schon K. Möllenhoff in der Zeitschrift für deutsche Mythologie 111,1 ff. betont hat. Schade nur, dass der gewaltsame Schluss, der plötzlich in das Gebiet der Weisheitsproben umschlägt, die Wirkung der schönen Strophen so stark beeinträchtigt. Aus Deutschland könnte ich aus so alter Zeit nur die lateinischen Rätsel der Reichenauer Hdschr. anführen (M. S. I). VII), die wohl aus der Volkssprache stammen. Die ags. Rätsel stellen sich bekanntlich, soweit sie hier überhaupt in Betracht kämen, als Übersetzungen aus dem Lateinischen und als rechte Kunsträtsel dar.

10 Man vergleiche nur Volksballaden wie die vom »Linden-schmid« (bei Uhland Nr. 139) oder Märchen wie das von den reichen Bauern, wo ein Schlaukopf das ganze Dorf ins Unglück bringt (Grmm Nr. 61, noch klarer bei Müllenhoff, Schlesw-Holstein. Sagen, S.401), ohne doch an Sympathie zu verlieren.

11 Vgl. auch Gregor, a. a. O. S. 82

12 Der Gegensatz zwischen Tod und Leben ist dem Volksrätsel überhaupt sehr geläufig; man denke nur an das Rätsel von der Eiche (schon bei Butsch, nr. 12) und an das von Feuer und Asche (schon bei Butsch, nr. 18).

13 Vgl. das ähnliche ndd.: »bimsen« schlagen, doch auch »bingsen, bengeln«. Ne: to bang.

14 Mit dem Norden Deutschlands und mit Friesland stimmt Britannien meist überein. In romanischen Ländern scheinen Rätsel der Art nicht so beliebt.

15 Man denke an Ulrich Jahns pommersche Märchensammlung.

16 Das »ackerieren« ist echt friedericianisch.

17 Heute noch in Tirol (s. Renk, 259) ganz ähnlich

18 Vgl. auch W. 78 u. 677.

19 Vgl. das Evarätsel in Theranders »Zeitvertreib« (1750):

Ein Jungfrau nicht eins Tages alt Nahm einen Mann gar Wohlgestalt, Eh dann verging ein ganzes Jahr, Sie ihm ein kleines Kind gebar, Und starb auch, eh sie war geborn, Ihr Leib und Seel sind unverlorn.

20 Bei ScheU, Yolksrätsel aus dem Bergischen (V. 3,293 ff.)

21 Übrigens ist das Rätsel auch im Französischen (Rolland, nr. 26) zu finden, wo »en« ebenso frei gebraucht ist, wie unser »davon«.

22 Doppelsinn und Beziehungsverwechselung liegen oft am gleichen Beispiel vor.

23 Dass diese Auswahl berechnet ist, zeigt z. B. W. 738: »Woans kümmt de Kreih (Krähe) in Berlin oewer't Dack?44, denn Berlin ist für den Mecklenburger die Stadt der hohen Häuser.

24 Noch drastischer Renk, 183: »Was braucht man zu einem gut beschlagenen Stiefel?« — »Den zweiten.« Das Partizipium wird auch in einen Nebensatz gebracht, etwa: »wenn er gut beschlagen ist«, oder durch das Adjektiv »fertig« ersetzt (s. W. 887)

25 Haase (Volksrätsel aus der Grafschaft Kuppin, V., Bd. III, Nr. 30.

26 W. gibt an, dass dies Rätsel sonst nicht bekannt sei, und es ist ohne weiteres klar, dass ein Rätsel über »Neunaugen« wohl in Oberdeutschland ebenso unbekannt ist, wie die Sache selbst, wenigstens der arbeitenden Klasse ist.

27 In Berlin natürlich »Kolonialwaarenhändler«.

28 Ein für allemal sei hier bemerkt, dass das Volk sich durchaus nicht bemüht, den Bibeltext streng philologisch wiederzugeben; es macht sich in den meisten Fällen einen Spruch zurecht (überträgt auch Erlebnisse und Aussprüche von einer Person auf die andere). Sieht man für unseren Fall Jud. XVI an, so steht dort v. 19: »I)a war seine Kraft von ihm gewichen.« und v. 20: »Er wusste nicht, dass der Herr von ihm gewichen war.« Aber die Tatsache war bekannt genug und wurde in einem kurzen Spruche dargestellt.

29 Das streift hinüber in das Gebiet der Ausdeutungen von Tierstimmen und anderen unartikulierten Lauten. Auf die Handwerkerwitze wird immer noch zu wenig geachtet. Ein sehr hübsches Beispiel bei Andree, S. 345.

30 Als charakteristisch seien noch angeführt: Haase (V.), Nr. 42 (Kartoffeln ein Stadt- und Landgericht), W. 589 (Frauen haben größten Staat in Deutschland), ebenda 891 (Mond wiegt 1 Pfund, weil 4/4 hat) und Renk, 189 (Bei der Zigarre die ersten, bei der Schwiegermutter die letzten Züge die besten).

31 Das niederdeutsche »beiern« drückt eine hin- und hergehende Bewegung aus, hier «läuten«, wie schon mndd.

32 Sehr häufig, z.B. bei Renk, 181. Es bedeutet nämlich «alle«: 1) alle zusammen, omnes, 2) jeder für sich; und »zusammenkommen« können 1) mehrere Gegenstände, 2) die Teile eines Gegenstandes. Ein anderes Wortspiel mit der Redensart »Was giebt's« (= 1) was begiebt sich? und 2) was ergibt sich?) s. bei Renk, 45.

33 Beide weit verbreitet, z. B. W. 829 und 874.

34 In Oberfranken hörte ich: »Was hat es zu bedeuten, wenn ein Schornsteinfegergesell mit einer rothaarigen Bäckerstochter im Schnee tanzt?« — »Nix« (oder auch: »Was ists, wenn . . . .?u — »Winter«). Vgl. noch bes. W. 624, 714-716 und Renk 97.

35 Vgl. noch aus Mecklenburg: W. 554, 5G4 (Musikanten pusten ihre Arbeit in den Wind), 580 (Thürmer spricht »am niihrslen hoog«), 5GI (5 Finger ungerade und doch gerade), 553 u. v. a. Ferner aus Tirol: Renk 122 (Mond unwohl, bricht durch die Wolken), 120 (Sonne geht über Stroh und rauscht nicht) und ähnlich 123.

36 Siehe W. Nr. 470-474. Die Verse streifen bisweilen das Zweideutige.

37 !Alle diese Rätsel scheinen nur in Oberdeutschland und mit Vorliebe in Tirol vorzukommen, wo wir auch ein wirkliches Rätsel von der Orgel finden (Renk, 85): '

Es sind 700 Kinder In einem Mutterleib,
Wenn der Vater kommt schlägt er drein;
Da schreien die Kinder groß, und klein,
Was wird das für ein böser Vater sein?

Wie weit diese Stücke sonst im süddeutschen Volksmunde leben, können wir erst später, bei reicherem Materiale, beurteilen. Ähnlich wie das obige Rätsel von der Orgel sind noch Nr. 104 und 127 bei Renk.

38 In Deutschland allgemein; die französische Fassung bei Rolland (Nr. 320), der ja gedruckte und mündliche Quellen benutzt, stammt aus dem Almanach de la Gaiete pour 1800 und lautet: Pour-qiioi les coqs fernient-ils les yeux quant ils chantent? — Parce qu'ils savent leur musique par coeur. Da ich es aber in sehr bedeutenden Sammlungen, die sich nur an den Volksmund halten, nicht finde, so möchte ich es für eine einfache Übersetzung halten.

39 Dumm ist etwa der Nachtwächter, weil er die Zeit ausruft, nach der ihn niemand fragt, der Schornsteinfeger, weil er kratzt, wo es ihn nicht juckt, oder es werden Ausbrüche des Affekts bespöttelt, wie die Frage der Mutter an das Kind: »Wo büssing du?« während sie es doch auf dem Arm habe.

40 Für die »Naturvölker« vergl. A. Seidel, Geschichten und Lieder der Afrikaner, S. 3 ff. [zurück]

41 Renk, 185

42 Man vergl. etwa noch als besonders bezeichnend: W. 771, TO, auch 688, 709, 710 und Renk, 184 ff.

43 In Süddeutschland scheinen diese Dinge weniger beliebt.

44 Verderbt aus »Kaiser Karolus«.

45 Mehr in das Gebiet der Homonyma schlägt ein Schulwitz, der in Berlin — und wohl auch sonst — üblich ist: »Welches ist der grösste Fluss: Spree, Havel oder Panke?« — »Oder«.

46 Auch schottisch, wo der Hund Bean heisst, im Wortspiel mit ban (Greg., Nr. 9).

47 Am Zoll.

48 called.

49 Vgl. englisch: Halliwell, a. a. O., Nr. 123.

50 Stark vergröbert z. B. bei Dykstra (s. o.), nr. 30, aus dem Friesischen:

Petrus sat bift vuur en Poepte.
Maar Petrus poepte niet,
Zoo onfat&venlijk toas Petrus niet
Mnar: P. sat bift vuur en Poepte.

51 Schon im alten »Straßburger Rätselbuch«, Nr. 311:

Zwen Vätter und zwen Sün,
Fingen drey Hassen küen,
Das yedem ward einer
Vnnd mangelt keiner.

52 So bei Gregor, a. a. O., Nr. 16.

53 Russwurm in der Zeitschrift für deutsche Mythologie III, S. 354, nr. 107.

54 Schell in der Zeitschrift d. Ver. für Volkskunde 3, 204, Nr. 8

55 Eigentlich Eichen. Im Binnenreime darauf ist das folgende Bein ans Buchen entstanden. Ursprünglich wohl: Kein Buchen, kein Eichen, kann niemand erreichen. Die Unerreichbarkeit »hemmt«, weil sie scheinbar der ersten Zeile widerspricht.

56 Für Skandinavien liegt mir nicht genug Material vor, desgl. für Spanien und die slawischen Länder.

57 ...

33 )

34  Für Skandinavien liegt mir nicht genug Material vor, desgl. für Spanien und die slavischen Länder.

35  Rochholtz, Ztschr. f. deutsche Myth. I, S. 147, nr. 51.

Anmerkungen des Herausgebers

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i Makkaronische Dichtung: scherzhafte Dichtung, in die lateinisch deklinierte Wörter einer anderen Sprache eingestreut sind (z. B.: totschlago vos sofortissime, nisi vos benehmitis bene, B. von Münchhausen; italienisch poesia maccaronica; »Knödeldichtung«) [Duden]

ii Heute, das war 1898, damals gehörten Böhmen und Mähren noch zu Österreich bzw. Österreich-Ungarn. Heute, das ist 2012, funktioniert der homonymische Witz überhaupt nicht mehr.