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Lehrbuch zur Kenntniß der verschiedenen Gattungen der Poesie und Prosa

von Friedrich Nösselt, Professor in Breslau

Lehrbuch zur Kenntniß der verschiedenen Gattungen der Poesie und Prosa
Für das weibliche Geschlecht, besonders für höhere Töchterschulen
von Friedrich Nösselt, Professor in Breslau
Erster Theil
Zweite, verbesserte Auflage
Bei Josef Max und Komp.
Breslau, 1836

Anmerkungen des Herausgebers

Rechtschreibung: Das Original dieses Buches ist 1836 erschienen und folgt der damals gültigen Rechtschreibung ("daß", "Litteratur", "Räthsel", usw.). Wir haben die Rechtschreibung den heutigen Gepflogenheiten angepasst – mit einigen Ausnahmen: Zum einen die Titel zitierter Werke und zum anderen Zitate, die schon damals nicht der Rechtschreibung entsprochen haben und vom Autor absichtlich in Original belassen wurden.

Fußnoten: stehen im Original am Ende der jeweiligen Seite; wir haben sie ans Ende des Dokuments gestellt und verlinkt: 1) Dies hier ist ein Beispiel für eine Fußnote.

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Das Rätsel, die Charade, der Logogriph, das Anagramm und das Akrostichon

Alle fünf Formen sind leichte Spiele des Witzes, ohne einen hohen poetischen Wert zu haben.

Das Rätsel gibt die wesentlichen Merkmale eines Gegenstandes an, ohne diesen zu nennen, und verlangt, dass man denselben erraten soll. Die Merkmale müssen so sein, dass sie zusammengenommen nur auf diesen einzigen Gegenstand passen, doch aber ihn nicht sogleich erraten lassen. Z. B.

[Unter Witz versteht man die Fähigkeit, zwischen zwei ungleich scheinenden den Gegenständen eine Ähnlichkeit herauszufinden. Unter den obigen Epigrammen enthalten die meisten Witz, z. B. das 34ste, wo zwischen einer Henne, die Eier legt, und einer Frau, die Almosen austeilt, eine Ähnlichkeit angegeben wird, nämlich dass beide es mit Geräusch und Aussehen verrichten.]

Groß und einsam schweb' ich in den Lüften,
Doppelt leb' ich in den Felsenklüften;
Dieses Erdenrund berühr' ich nicht.
Klein erblickst du mich am blauen Himmel,
Kleiner noch im Sterngewimmel,
Doch am größten, wenn dein Mund von Leichen spricht.
Unter Menschen suchst du mich vergebens,
Weil ich nur der Anfang jedes Lebens,
Und von jedem Ziel das letzte bin.
Ohne mich war' Lalage voll Mängel;
Selbst die Engel wären keine Engel,
Und dies Rätsel hätte keinen Sinn.

(Der Buchstabe L)

Ich bin nicht breit, hoch aber wie die Leder,
Hoch wie der Münster dort am Rhein.
Vom deutschen Volke kennt mich jeder;
So rate denn, wer ich mag sein!
Ich bin ein Graf, sobald ich nur geboren,
Bin Fürsten gleich, sobald ich Meister bin,
Und hast du gar ein Amt für mich erkoren,
Sinkst du in Demut vor mir hin.
Drum muss besonders ich in Acht mich nehmen,
Den leisesten Verrat nicht zu begeh'n;
Du brauchst dich des Verrates kaum zu schämen,
So ist's bei dir schon um den Kopf gescheh'n,
Und kommst du einmal heim zu mir gegangen,
Reich' ich dir unsres Deutschlands Götterwein.
Nur ein Gericht, das wirst du nicht verlangen,
Sonst möchten Raben unsre Gäste sein.
Auch kann ich dir vom Kriege Manches sagen:
Wie einst ich an der Kirche stand,
Als Friedrich seine Schlacht geschlagen.
Doch reicht die Zeit mir freundlich ihre Hand,
Dann, Freunde, schmückt euch nur mit Myrtenkränzen;
Dann leg' ich Graf. und Fürstentitel ab,
Und knüpfe, unter stehen Jubeltänzen,
Ein festes Band bis an das Grab.

(Von Houwald; die Silbe hoch)

Die Scharade unterscheidet sich nur dadurch vom Rätsel, dass zuerst die einzelnen Silben des Worts (meist ein zusammengesetztes) bezeichnet werden, und dann erst das Ganze beschrieben wird. Ein Fehler ist es, wenn eine Scharade auf mehr als ein Wort angewendet werden kann oder wenn das Erraten zu leicht gemacht ist.

An meine kleine Caroline (v. C. B.).

O möchtest du des Ganzen dich erfreun,
Das man bei Kindern kaum so selten jetzt noch findet,
Und frei von dessen zweiter Silbe sein,
Bis freundlich dich der Tod mit seiner Hand umwindet.
Hast du die erste nicht auch ohne Wink schon aufgefunden?
Sie sagt das Gegenteil von dem, womit man sie verbunden.

(Unschuld)

Erkennest du die Eigenschaft
Der ersten Silbe an den Dingen,
Die man dir auflegt, suche nur die Kraft,
Die dir die zweite nennt,
Und du wirst sie vollbringen. –
Erratet ihr die Dulderin,
So kommt in ihrer Wohnung Schatten,
Ihr Lebensmüden, Lebenssatten,
Und sinkt an ihren Busen hin.
Seht! sie umfängt mit stillen Zähren
Wie euch, so euren heißen Schmerz,
Und kann sie Hülfe nicht gewähren,
So lächelt doch das kranke Herz,
Wenn sie das nahe Grab ihm zeigt,
Wo unter schaurigen Zypressen
Ein süßes, ewiges Bergessen
Die Friedenspalme niederbeugt.

(von B. Caroline Kl.) (Schwermut)

In jeder Gegend, wo man Axt und Richtscheit kennt,
Siehst du die erste Silb' entstehen.
Die Pflanze, welche dir die zweite Silbe nennt,
Muss ganz aus ihrer Hülle gehen,
Eh' man sie nützt. Ein Teil der ersten ist die dritte,
Und Mädchen, die der Häuslichkeit
Und stillem Fleiße sich nach alter deutscher Sitte
Mit Unbefangenheit geweiht,
Die liefern gern den Stoff zum Ganzen,
Statt sich auf Bällen krank zu tanzen.

(Von C. B.) (Hausleinwand)

Der Logogriph ist gleichfalls ein Rätsel, aber ein zusammengesetztes. Es wird nämlich nicht nur ein Wort beschrieben, sondern durch das Hinweglassen oder Hinzusetzen einzelner Buchstaben werden neue Wörter gebildet, die gleichfalls zum Gegenstande des Rätsels gemacht werden.

Das Ganze verkündet auf freundlichen Auen
Den Fleiß rascher Mädchen und häuslicher Frauen;
Doch einen Buchstaben entziehe dem Worte,
Und dann — ach! man trägt es beweint bis zur Pforte,
Die schmerzlich den Auen es ewig verschließt,
Wenn gleich auch das Herz es wohl nimmer vergisst. —
Und nimmst du vom Worte noch einen Buchstaben —
Ein Baum dann, vor vielen im Walde erhaben,
Der gern oft mit Kühlung den Müden erquickt,
Steht vor dir, mit Würde und Hoheit geschmückt.
Doch trenne vom Baume, der, wenn er nach Jahren
Das selbst wird, was jene zwei Silben erst waren,
Das zweite, zur ewigen Ruhe umfasst,
Das erste und letzte der Zeichen, so hast
Du endlich ein Wortchen, — verlass dich auf mich —
Was Keiner dir besser enträtselt als ich.

(Bleiche, Leiche, Eiche, ich)

Das Anagramm ist ein solches Rätsel, welches ein Wort bezeichnet, das durch Versetzung der Buchstaben zu einem andern Worte wird und dann zu einem neuen Rätsel Stoff gibt.

Drei Silben — o geliebte Wohnung! —
Oft in der Fremde dacht' ich dein,
Und wünschte nichts mir zur Belohnung,
Als umgekehrt die drei zu sein.
Dass man das Wort noch mehr muss lieben,
Hat Iffland und ein Freiherr es geschrieben,
Hat Iffland drin der deutschen Welt
Zwei wackre Deutsche dargestellt.

(Vaterhaus, Hausvater) 1) 2)

[August Wilhelm Iffland, Schauspieldirektor in Berlin, †1814, schrieb unter andern auch das Schauspiel: »Vaterhaus«. Ein Schauspiel unter dem Titel »Der Hausvater« dichtete auch Freiherr v. Gemmingen, †1791 als württembergischer Geheimerrat.]

Das Akrostichon ist ein jedes Gedicht, das so eingerichtet ist, dass die Anfangsbuchstaben der Zeilen, zusammen gelesen, ein Wort oder mehrere Wörter bilden, die in Bezug auf das Gedicht stehen. Nachstehendes Akrostichon wurde auf eine beliebte Schauspielerin in Berlin, Johanna Eunike, die in der Rolle der Zerline besonders gefallen hatte, gedichtet.

In Thaliens heitrem Tempel
Opferten die Auserwählten;
Heil'ge Schauer mich ergriffen,
Als ich alle sie erblickte.
Nicht an würd'gen Priestern fehlt' es,
Noch betagten Priesterinnen;
Aber — Eine war die Krone.

Ein alter Glaube hat sich mir bewährt,
Und was der Vorzeit fromme Sage lehrt,
Neu sah ich's dort vor meinem Blick ersteh
Ja! freundlich kehren Engel bei uns ein;
Kein irdisch Mädchen kann Zerline sein!
Ein Kind der Himmel hab' ich sie gesehen.


Fußnoten

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1) Das Rätsel ist von Friedrich Kind.

2] Wir würden dieses Rätsel als Silbenpalindrom klassifizieren, was natürlich eine spezielle Form eines Anagramms ist.