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Räthsel

aus »Meyers Konversations-Lexikon«

Eine Encyklopädie des allgemeinen Wissens
4., gänzlich umgearbeitete Auflage
Bibliographisches Institut
Leipzig, 1888–1889

Quelle: Wikisource

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Rätsel

Rätsel (griech. Änigma), die umschreibende Darstellung eines nicht genannten Gegenstandes, den der Leser oder Hörer selbst auffinden (»raten«) soll. Die Hauptaufgabe eines guten Rätsels besteht darin, dass die ganze Beschreibung, wenn auch ihre einzelnen Teile mehrdeutig sind, doch treffend den Gegenstand bezeichne; es ist um so vollkommener, je schärfer bei aller absichtlichen Dunkelheit die Bezeichnungen sind, und je mehr dabei dem Nachdenken überlassen wird.

Man unterscheidet: Buchstabenrätsel, wenn einer oder zwei Buchstaben am Anfang des Wortes verändert werden, während der übrige Teil des Wortes unverändert bleibt (Maus, Haus, Schmaus); Logogriphen, wenn durch Versetzung der Buchstaben andere Wörter gebildet werden (Bernhardus, Bruder Hans); Arithmogriphen oder Zahlenrätsel; Palindrome, wenn das betreffende Wort vor- und rückwärts gelesen einen Sinn geben muss; Homonymen, wenn ein und dasselbe Wort in verschiedener Bedeutung genommen werden soll; Scharaden oder Silbenrätsel, wenn erst die einzelnen Silben und dann das Ganze eines mehrsilbigen Wortes bezeichnet werden; Worträtsel, bei denen gleich das ganze Wort zusammengenommen wird.

Nebenzweige des Rätsels sind: das Bilderrätsel oder der Rebus, der sogenannte Rösselsprung, endlich das Schachrätsel.

Das Rätsel hat seinen Ursprung im Orient, wo es im Altertum nicht selten als Ausdruck höherer Erkenntnis diente, die sich gern in Dunkelheit hüllte. Schon bei den Hebräern spielte es im Volksleben bei ernsten und heitern Anlässen eine bedeutende Rolle. Dem Joram muss es dazu dienen, das Königtum Abimelechs zu verhöhnen; Simson würzt damit sein Hochzeitsmahl; die Königin von Saba geht mit Salomo an dessen Hof einen Rätselkampf ein. Bei den Griechen schloss sich das Rätsel in den frühsten Zeiten an die Orakelsprüche an und war daher meist in Hexametern abgefasst. Besonders kam es zur Zeit der Sieben Weisen, die es zu didaktischen Zwecken verwendeten, in Aufnahme, und namentlich soll Kleobulos eine große Anzahl von Rätseln in Versen geschrieben haben.

Fast alle bei uns jetzt üblichen Formen des Rätsels finden sich schon im hellenischen Altertum, und selbst die Epiker, die dramatischen Dichter und Lyriker mischten gern rätselartige Aussprüche in ihre Dichtungen ein. Bekannt ist das von Ödipus gelöste R. der Sphinx (vgl. Ohlert, Rätsel und Gesellschaftsspiele der alten Griechen, Berlin 1886).

Die Römer fanden weniger Geschmack an dergleichen Denkübungen.

Besonders häufig war dagegen der Gebrauch der Rätsel bei den germanischen Völkern. Schon die Eddalieder sind voll solcher Fragen, womit man seine gegenseitige Kenntnisse prüfte. Aus dem spätern deutschen Altertum sind besonders zwei Gedichte von Rätselform zu erwähnen: das sogen. »Tragemundeslied« und der »Wartburgkrieg«, außerdem zahlreiche im Volksmund und in Volksbüchern erhaltene Überreste von Rätseln.

Eine weitere Ausbildung hat das Rätsel im 18. und 19. Jahrhundert erhalten, wo man ihm durch die poetische Form größeren Reiz zu geben suchte. Durch poetischen Gehalt und Formenschönheit ragen Schillers bekannte Rätsel in der »Turandot« hervor; mehr durch Humor oder durch Witz und Scharfsinn ausgezeichnet sind die Rätsel von Hebel und Schleiermacher, ferner von Mises, Thiersch, Hauff, Schmidlin, Brentano u. a.

Die erste deutsche Rätselsammlung wurde 1505 in Straßburg gedruckt (neu herausgegeben von Butsch, 1875). Eine Sammlung alter Volksrätsel enthält auch Simrocks »Deutsches Rätselbuch« (3. Aufl., Frankfurt 1874). Von den zahlreichen neuern Sammlungen empfehlen sich durch Reichhaltigkeit Ohnesorges Rätselalmanach »Sphinx« (Berl. 1833–35, 6 Bde.) und Hoffmanns »Großer deutscher Rätselschatz« (Stuttgart 1874, 2 Bde.).

Vgl. Friedreich, Geschichte des Rätsels (Dresden 1860).

Scharade

Scharade (franz. charade), Wort- und Silbenrätsel, d. h. Rätsel, bei welchem der Name oder das Wort, das man zu erraten aufgibt, in seine einzelnen Silben zerteilt, diese nach einzelnen Merkmalen charakterisiert und zuletzt in Eins zusammengefasst werden. Die Scharade ist also ein zusammengesetztes Rätsel; sie enthält in den einzelnen, als selbständige Wörter genommenen Silben mehrere Rätsel, welche in gegenseitiger Beziehung stehen und sich sinnreich zusammenschließen müssen. Dazu eignen sich besonders die Sprachen, welche, wie die griechische, französische und deutsche, reich an zusammengesetzten Wörtern sind.

Eine Sammlung von Scharaden lieferte Theodor Hell unter dem Titel: »Agrionien« (Leipzig 1811–12).

Lebende Scharaden sind solche, welche in geselligen Zirkeln durch Handlung dargestellt werden, indem man die einzelnen Silben, wie sie aufeinander folgen, durch kleine pantomimische, auch wohl dramatische Darstellungen personifiziert und zuletzt das Ganze ebenso gibt, woraus die Gesellschaft zu raten hat, was das dargestellte Wort sei.

Rebus

Rēbus (Bilderrätsel), besondere Art von Rätseln, bestehend aus Bildern, die in der Absicht komponiert sind, bestimmte Wörter und Sätze durch die gleich oder ähnlich klingenden Namen der dargestellten Dinge auszudrücken, wobei als Bilder im weitern Sinn auch Zeichen und insbesondere Lautzeichen (Buchstaben) verwendbar sind.

Aus dem Umstand, dass das solchergestalt nur für das Auge dargestellte Wort beim Rebus prinzipiell ein andres ist als das, welches durch das Gehör zum Verständnis gebracht werden soll, ergibt sich einerseits die Beziehung zum Wortspiel, anderseits der Gegensatz zu bloßer Bilderschrift nicht weniger als zu bildlicher Rede. Mit dem Witz besteht eine gewisse Gleichartigkeit, sofern wir beim Rebus in seiner besten Form durch die freilich nur lautliche Ähnlichkeit begrifflich ganz verschiedener Dinge in unerwarteter Gruppierung gewissermaßen überrascht werden sollen. Wie aber der Witz gesucht sehr leicht als matt und fade erkannt wird, so führt auch die Rebusmanie zur Albernheit, als welche sie schon Rabelais (gest. 1553) im »Gargantua« geißelte.

Der Name R. wird aus dem Titel einer alten Sammlung von Fastnachtschwänken: »De rebus, quae geruntur« (etwa so viel wie »Was so in der Welt sich ereignet«), hergeleitet. Französische Notariatsschreiber (speziell der Picardie) pflegten in jedem Jahr zur Karnevalszeit Pasquille zu fertigen, Stadtklatsch mit der Aufschrift jener Sammlung. Diese Spottschriften, welche sie in öffentlichem Aufzug vorlasen, mögen zu einem Teil aus eben nur gesprochenen Rebussen bestanden haben. Es sei übrigens auch der mehr unmittelbaren, ausschließlich aufs Sehen berechneten Rebusse gedacht, z. B. jener, bei denen das Geheimnis auf der Stellung der Wörter (über- oder untereinander) beruht, wie das bekannte:

Pir Vent Venir
Un Vient D’un

d. h. Un sou(s)pir vient sou(s)vent d’un sou(s)venir; oder andrer, bei denen eine Darstellung durch entsprechende Gruppierung unvermutet ein zweites, vom eigentlichen völlig verschiedenes Bild erzeugt, wie dies z. B. auf den sogen. Koselgulden durch Nebeneinanderstellung zweier Schilde erreicht ist. Da aber die Ähnlichkeiten der Wortklänge das ausgiebigere Rebusmaterial liefern, so haben wir in den weissagerischen Deutungen der Alten schon eine ziemliche Anzahl gesprochener Rebusse. Alexander d. Gr. belagert Tyros und sieht im Traum einen Satyr (Sátyros): „Sà Tyros“ (Dein [ist] Tyros) war die Deutung. Das bilderschriftliche Äußere erhielten die Rebusse durch ihre gleichfalls ins hohe Altertum hinaufreichende Verwendung zur Namendarstellung, wie sich Cicero gelegentlich einer Erbse (cicer) zur Bezeichnung seines Namens bediente. Auf diesem Weg erlangten die Rebusse im Mittelalter ihren Platz auf den sogen. redenden Wappen. Mehrsilbige Namen forderten schon zusammengesetzte Rebusse (z. B. im kurfürstlich sächsischen Wappen die Grafschaft Henneberg im goldenen Feld eine schwarze Henne auf grünem Hügel). Wahlsprüche in Rebussen auszudrücken, lag nun auch nicht fern. P. Marchio, Nunzius des Papstes Adrian, trug drei Diamanten in kreisförmigem Gehänge, tre diamanti in uno (circolo); er meinte damit: tre Di(i) amanti in uno, drei göttliche Personen in Einem Gott liebend. Das 16. Jahrh. zeigt in Italien und Frankreich die Rebusse in voller Blüte. Fischart will, freilich persiflierend, auch deutsche Rebusse bilden, indem er eine „lahme Tatze“ für Lamentation, eine „schäbige Kutte“ für Kalkutta nehmen lässt; aber erst Harsdörfer (gest. 1658) schreibt mit Hilfe der alten Namen der Noten Verse und erzählt, dass eine verlassene Ehefrau ihrem weit jugendlichern Gatten eines Degens Scheide sandte mit der Aufschrift: „n thut weh“, worauf dieser zur Antwort eine mit dem Wörtchen „Zu“ beschriebene Eibischwurzel (Althäe) sandte („Zu alte Eh’“). Die rebusförmige Namendarstellung aber war in Deutschland und den Niederlanden wie in England, Frankreich, Italien in Signeten, auf Schilden u. Schildern üblich. Zur Zeit des Siebenjährigen Kriegs begegnen wir den Rebussen in England sogar in politischer Tätigkeit. Neben- und nacheinander zur Ehre dienend oder zum Schimpf ersehen, bald Gottesfurcht, bald Üppigkeit bedeutend, knüpft sich an die Rebusse zugleich ein Stück Sittengeschichte, das mit lebhaftem Interesse zu erfüllen geeignet ist. Seit den 40er Jahren pflegen in Deutschland die illustrierten Journale den R. Vgl. „Rebusalmanach“ (Leipzig 1845); F. R. Hoffmann, Grundzüge einer Geschichte des Bilderrätsels (Berlin 1869); Delepierre, Essai historique et bibliographique sur les rébus (Lond. 1874).

Rösselsprung

Rösselsprung, im Schachspiel so viel wie Springerzug; danach eine Art Rätsel, wobei ein Gedicht, Spruch etc. nach seinen einzelnen Wörtern oder Silben oder sogar Buchstaben in der Weise des Springerzugs über die 64 Felder eines Schachbretts verteilt ist.