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Studien zum germanischen Rätse

von Fritz Loewenthal

GERMANISTISCHE ARBEITEN
HEBAUSGEGEBEN VON
GEORG BAESECKE

Studien zum germanischen Rätsel
Von Frith Loewentham

HEIDELBERG 1914
Carl Winters Universitätsbuchhandlung
Verlags-No. 1061.

Anmerkungen des Herausgebers

Rechtschreibung: Das Original dieses Buches ist 1914 erschienen und folgt der damals gültigen Rechtschreibung ("daß", "Litteratur", "Räthsel", usw.). Wir haben die Rechtschreibung den heutigen Gepflogenheiten angepasst – mit einigen Ausnahmen: Zum einen die Titel zitierter Werke und zum anderen Zitate, die schon damals nicht der Rechtschreibung entsprochen haben und vom Autor absichtlich in Original belassen wurden.

Formatierung: Im Original  g e s p e r r t  gesetzte Wörter haben wir kursiv gesetzt.

Fußnoten: stehen im Original am Ende der jeweiligen Seite; wir haben sie ans Ende des Dokuments gestellt und verlinkt. Beispiel: 1)

Anmerkungen: von uns stehen direkt im Text [in eckigen Klammern] oder als Fußnoten mit einer "]" als Fußnotenzeichen. Beispiel: 1]

Rätselgedichte: Franz Karl zitiert etwa hundert Rätselgedichte. Diese haben wir in den regulären Rätselkanon aufgenommen und verlinkt, um duplicate content zu vermeiden. Dies stört den Lesefluss leider etwas, aber wir sehen derzeit keine andere Möglichkeit. Jedenfalls kommt man mit dem Link "Karl" auf der Rätselseite exakt zu der verlinkenden Stelle zurück.

Verlinkungen: Wir haben auch viele Links eingefügt; teils auf unsere eigenen Seiten, teils auf Lexika und Enzyklopädien. Externe Links sind mit einem Pfeil gekennzeichnet.

Worterklärungen: Im Original stehen Worterklärungen in Runden Klammern, z.B. «Fülle (Scheune)«, heute sind eckige Klammern üblich: Fülle [Scheune]. Eckige Klammern gab es damals noch nicht außerhalb der Mathematik.

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Meinen Eltern

Inhalt

Einleitung

Kap. I. Die He ictreksgätur

1. Der Stoffkreis

2. Die stilistischen Elemente

3. Verhältnis der an. gätur zur ags. Rätselpoesie

Kap. II. Die Rätsel des Exeterbuchs

1. Die Lösungen

2. Der Stoff kreis

3. Der Stil

Kap. III. Das Rätsel bei den mhd. Spruchdichtern von Reinmar v. Zweter bis  Frauenlob, mit Berücksichtigung der Meisterlieder der Kolm. Hs

1. Lösungen und Stoffkreis

2. Die formelhaften Züge

3. Die Kernelemente

Kap. IV. Zusammenfassung

Nachträge

Literatur

Ich führe hier nur die abgekürzt zitierten Werke an:

I. Ärnason og O. Davidsson: Islenzkar Gätur, Kaupman-nahöfnl887. (Abkürzung: Ärnason.)

K. Bartsch: Meisterlieder der Kolmarer Handschrift, Stuttgart 1862. (Abkürzung: Kolm. Hs.)

A. Bielenstein: Tausend lettische Rätsel, Mitau 1881. (Abkürzung: Bielenstein.)

A. F. Butsch: Straßburger Rätselbuch, Straßburg 1876. (Butsch.)

Feilberg, Gader: Aarbog for Dansk Kulturhistorie 1898. (Gäder.)

Y. d. Hagen: Minnesinger, T. I—IV, Leipzig, 1838. (H.M.S.)

Heusler-Ranisch: Eddica Minora, Dortmund 1903. (Edd. Min.)

K. Ohlert : Rätsel und Gesellschaftsspiele der alten Griechen, Berlin 1886 (1912 ebenda in 2. Aufl. erschienen unter dem Titel: Rätsel und Rätselspiele der alten Griechen). (Ohlert.)

R. Petsch: Neue Beiträge zur Kenntnis des Volksrätsels, Berlin 1899. (Petsch.)

E. Rolland: Devinettes ou finigmes populaires de la France, Paris 1877. (Rolland.)

F. Tupper: The Riddles of the Exeterbook, Boston 1910. (RE.) R. Wossidlo: Mecklenburgische Volksüberlieferungen, 1. Bd.: Rätsel, Wismar 1897. (Woss.)

„On a remarquö ingönieusement que la plus ancienne et la plus c6-Iöbre des Gnigmes grecques avait pour sujet l'homme lui-meme, con-formöment au g6nie du peuple qui avait fait sa dßvise de yvco&t aeau-t6v. Se connaitre elle-meme c'est aussi le but que l'humanitG moderne poursuit ardemment par la science, et eile ne considere comme indifferent rien de ce qui peut lui servir ä s'en rapprocher."

Gaston Paris, Vorrede z. E. Rolland : Devinettes ou Gnigmes popu-laires de la France, S. XII.


Einleitung

Im Jahre 1894 wurde in Indien folgende Geschichte aufgezeichnet:

Ein Brahmane lebt mit seiner Frau in großer Armut. Sie hat gehört, dass der Raja für einen guten Sanskritvers eine stattliche Summe zahle und dichtet folgendes Rätsel: Fußlos wandert es von dannen, jedermann sieht es und fürchtet sich; dunkel ist seine Gestalt, doch licht erglänzt es zugleich; wohin es auch reist und geht, auf Erden weilt es doch stets. Die Höflinge versuchen ihren Scharfsinn daran vergebens, und der Brahmane weist den Raja an seine Frau: »Die Lösung ist meine Armut. Sie hat keine Füße und doch erreichte sie mich. Einst waren meine Kleider weiß; nun sind sie schwarz; sie hat alle Freunde fort von mir gescheucht und lebt allzeit hier auf Erden.« Ihr Lohn ist ein über Erwarten hohes Geldgeschenk. (Vgl. Feilberg, Gäder, S. 23 ff.).

Gehen wir mehr als dreitausend Jahre zurück, so hören wir bei den Opferversammlungen derselben Inder Rätselsprüche erklingen, welche die Priester einander zur Prüfung des Scharfsinns zurufen, Rätsel, deren Nachwirkungen sich noch in den Jahresstrophen eines mhd. Dichters spiegeln. [vgl. Wünsche: Das Rätsel vom Jahr und seinen Abschnitten in der Weltliteratur, Zs. f. vgl. Literaturgesch. N. F. IX, 425 ff.}

Schon diese Beispiele bezeugen das ehrwürdige Alter der Gattung, die mit ihren ersten Spuren in die entlegensten, geschichtlichen Fernen zurückweist und noch heute im lebenden Volksrätsel frisch und triebkräftig fortblüht. Ebenso erstaunlich aber ist das Gebiet, das diese Literatur umfasst. Schon Herder, auch hier der große Pfadfinder, hat es in seinem Buch »Vom Geist der hebräischen Poesie« ausgesprochen, dass »alle Völker auf den ersten Stufen der Bildung Liebhaber von Rätseln sind«, eine Ansicht, die durch neuere Forschungen aufs glänzendste bestätigt worden ist: treffen wir doch bei den Sandwichinsulanern, bei den Suahelis und den Negern von Westafrika Rätsel, [vgl. Feilberg a. a. 0. S. 51 und Rolland S. 167 ff.]

Der erste, der aber auch auf die Schwierigkeiten der vergleichenden Rätselforschung, auf ihre mannigfaltigen noch unaufgeklärten Probleme mit aller Schärfe hinwies, war G. Paris in seiner Vorrede zu Rollands Sammlung, deren Schlusssatz wir unserer Arbeit vorangestellt haben, S. VIII ff.[1]

Diese Fragen drehen sich im wesentlichen um den Punkt: wie ist es zu erklären, dass sich bei zeitlich und räumlich ganz entlegenen Völkern fast genau übereinstimmende Rätselfassungen wiederfinden? Ist das auf Urgemeinschaft der indogermanischen Stämme oder auf Entlehnung zurückzuführen?[2] Paris hat hierüber noch keine endgültige Entscheidung zu fällen gewagt. Mir scheint, Heusler hat in seinen ausgezeichneten Darlegungen über die altnordischen Rätsel [Zs. d. Vereins f. Volkskunde XI, 117—149] in den meisten Fällen das Richtige getroffen, wenn er die Rätselstoffe gleich den Sprichwörtern, Novellen, Märchen zu den »Wandermotiven« rechnet, »die sich vor den Zeiten literarischen Austausches über die Völker verbreiteten« [S. 126 ff.][3].

Je mehr Rätselquellen sich der Forschung erschließen werden, desto leichter und öfter wird es gelingen, in der Geschichte eines bestimmten Motivs Durchgangsstufen der Entwicklung aufzudecken und Verbindungen zu schlagen zwischen Altem und Jungem, Nahem und Fernem. [3]

Die vorliegende Arbeit vermisst sich nicht, auf die eben erörterten Fragen eine abschließende Antwort zu geben:

Bevor ich zu den wirklichen an. Rätseln, den Heidreksgätur, komme, bemerke ich, dass ich die Lieder der Edda, die man früher fälschlich als Rätsellieder bezeichnete, die Alvissmal, die FjQlsvinnsmäl und die VafJ)rüdnismäl nicht heranziehe. Es sind keine Rätsel, denn sie prüfen nicht den Scharfsinn, sondern das Wissen. [vgl. Heusler, Zs. d. V. f. Vk. a. a. 0. S. 124 ff.]

Einzig die Vegtamskvijpa ist dadurch merkwürdig, dass sie eine Reihe von Weisheitsfragen mit einem wirklichen Rätsel schließt, das gerade Gegenteil zur Rätselreihe der Heidreksgatur, deren letztes Stück eine nur dem Eingeweihten verständliche Halslösungsfrage ist. [vgl. Heusler a. a. O. S. 125] Wie dieser bemerkt, ist dieses Rätsel »der nächste Verwandte unserer gätur, im besondern der Wellenrätsel«. Die Halbstrophe 12, V. 3 der Vegtamskv lautet: Hverjar 'ü meyjar, es at muni grata ok ä himin verpa halsa skautum?

Uhland, Schriften III, S. 187 deutete sie auf die Wolken, Bugge Studier S. 263 ff. auf die Wellen. Nach Heusler S. 126 und auch m. E. geht, wer sich um eine Antwort auf diese bewusst dunkel gehaltene Abschlussfrage des Liedes bemüht, über die Absichten des Dichters hinaus. Wir kommen damit zu den eigentlichen an. Rätseln, den Heidreksgatur.

I. Die Heidreksgätur1.

1. Der Stoffkreis.

Das Stoffgebiet der fünfunddreißig an. gatur umfaßt:

a) Naturerscheinungen: Es werden geschildert der kühlende Nachttau, der die durstigen Lippen des abends im schattigen Grase rastenden Wanderers erfrischt (Nr. 3), der Nebel in seiner der Macht der Sonne und der Menschen, aber nicht des Windes spottenden Undurchdringlichkeit (Nr. 5), die Wellen in vierfacher Verhüllung mit lebendigster Anschauung (Nr. 21, 22, 22a, 23): Sie gehen dahin gleich wehklagenden Frauen, den Menschen verderblich, wenn sie der leuchtende Brautschmuck umwallt, obwohl ihnen Männer versagt sind; auf hartem Felsbette müssen sie im Winde wachen, im Schaumgewande den Fjord entlangziehen, nur bei Windstille ruhig spielend. Wir sehen den Wasserfall in ewig rauschender Bewegung (Nr. 7), wir sehen die weißen Hagelkörner im Fluge zu Boden schlagen und schwarze Spuren im Sande hinterlassen (Nr. 10). In je einem Rätsel wird das Feuer (Nr. 29) und die Sonne, diese mit stark mythischer Färbung behandelt (Nr. 15).

b) Von Tieren werden genannt der Rabe, der Fisch (beide in der Sammelfrage Nr. 7), das Mutterschwein zweimal, einmal in dem unwirklichen Rätsel Nr. 12 als trächtige Sau, dann in der gäta Nr. 32 in grotesk-humoristischer Verzerrung, als schreiendes Biergefäß verkleidet, aus dem die

1 Hrsg. in den Edd. Min. S. 106 ff. Vgl. auch daselbst S. XC-XCIV.

Jarle — das sind die Ferkel — schweigend trinken. Ferner gehören noch zu dieser Gruppe das weitverbreitete Rätsel von der Kuh (Nr. 28), vom Schwanenei (Nr. 17), die durch feine Naturbeobachtung ausgezeichnete Frage von den über die Erde ziehenden Schneehühnern, die im Winter weißen und im Sommer schwarzen Schild tragen (20), die mit skaldischen Umschreibungen arbeitende Schilderung der in den Kinnladen eines Rinderschädels hausenden Ente (Nr. 27) und schließlich Mistkäfer und Spinne (11 u. 14).

c) Pflanzen und anorganische Gegenstände: Der Lauch und die Engelwurz, der Achat und die Kohle gehören hierher (Nr. 8 und 18; 16 und 33).

d) Der Mensch und seine Werke: Von seiner gewerblichen Tätigkeit legen Zeugnis ab: Der Goldschmiedshammer (Nr. 4), Die Schmiedebälge (9), Gewebe und Webstuhl (30), Das Brettspiel (19, 25, 31), Die Brücke (2). Seine Freude an Krieg und Seefahrt spiegeln schon im Gegenstande die Rätsel von Schild, Pfeil und Anker wider (26, 13, 6). Noch stärker bricht die unverwüstliche Waffenlust in der Wahl der Motive durch, die dieser ganzen Sammlung etwas vom Glanz der Heldensage geben. Mit besonderer Vorliebe werden die Gegenstände bis in ihre einzelnen Teile hinein unter dem Bilde des Helden personifiziert: der Nebel im Kampf mit der Sonne, der Anker im Streit mit der Erde, ganz besonders poetisch und echt germanisch die Schneehühner als Schildmädchen, ganz ähnlich die Steine im Brettspiel als Jungfrauen, die für und gegen ihren König waffenlos fechten oder unter dem Bilde der altgermanischen Gefolgschaft als Helden, die mit ihrem Herrn zum Thing reiten. Die Vorstellung des Kampfes benutzt auch das Rätsel von den atem- und rastlos arbeitenden Schmiedebälgen, die das Schwert, den „Lauch der Wunden" kochen.

Wie eine Parodie des Komitatusgedankens nimmt sich das Rätsel vom säugenden Mutterschwein aus; es ergänzt das Bild des waffenfrohen Germanen, das die bisher angeführten Strophen zeichnen, durch eine andere, ebenfalls wichtige Seite seines Wesens. Auch das erste Rätsel vom Bier, dem Lähmer der Leute und Hebel der Worte, erinnert daran.

2. Die stilistischen Elemente der Heidreksgätur 6.

a) Die Rahmenelemente7. Wir haben hier Eingangsund Schlußformeln zu unterscheiden. Die Schlußformel der Rätselstrophe enthält durchweg die Aufforderung zumRaten: Heiärekr, konungr, hyggpü at gätu.

Die Eingangsformel knüpft 1. an ein persönliches, gelegentliches Erlebnis des Rätselstellers an: einfaches ek sä... oder sä ekz... oder sat ek... sä ek wechselt ab mit dem breitern: hafa vildak pat er hafdak i gaer; vittu hvat pat var? und: heimanek för, heiman ek for gerdak, sä ek... (vgl. 1, 2, 24, 30, 32, 33, 34).

Die Eingangsformel betont 2. das Wunderbare, Geheimnisvolle des Rätselgegenstandes: vgl. Nr. 8—16 die Einführung: Hvat er pat undra, er ek üti sä fyr Dellings durum? Feinsinnig sagtUHLAND Sehr. III, S. 185: „Der Rätselmann konnte seine seltsamen Gestaltungen füglich als Traumbilder ankündigen und rückte sie damit noch tiefer in das

Halblicht des Wunderbaren und Ahnungsvollen/' (Vgl. Nachtrag). Die zweimalige Eingangsformel hvat er pat dyra (25, 26) tritt ebenfalls bereits ganz ebenso in einem Rätsel bei Aristophanes, Wespen 22—23 auf: tl tocütov ev Yyj t' a7ueßocXsv xav oupavco xal ty) ftaXaTTfl d"/)piov ty)v acmSa; gemeint ist ein Athener Kleomenes, den A. mehrfach wegen seiner Feigheit verhöhnt, Ohlert S. 63.

Die übrigen Rätsel sind ohne einführende Elemente komponiert. Zu erwähnen ist nur noch die stehende Eingangsformel der Antwort: Göd er gäta pin, Gestumblindi, getit er peirar.

b) Die Kernelemente. Daß die Belebung des Unbelebten und die oft die einzelnen Teile des Gegenstandes ergreifende Personifikation das vorherrschende Darstellungsmittel unserer Sammlung ist, haben wir schon bemerkt. Nur vier Strophen nennt Heusler, die den toten Gegenstand als solchen aufführen: Nr. 2 Die Brücke, Nr. 3 Der Tau, Nr. 16 Der Achat, Nr. 17 Das Schwanenei. Auch Lebendiges wird ebenso oft in ein anderes Lebewesen verkleidet (Nr. 11 Der Mistkäfer als Eber, 20 Die Schneehühner als kriegerische Jungfrauen, 24 Der Wurm als blinder Reiter, 32 Die Ferkel als Hofgefolge, 34 Der Falke als „tote Männer"), wie es ohne solche Umwandlung vorgebracht wird (Nr. 12 Die Sau, 14 Die Spinne, 27 Die Ente, 28 Die Kuh, 35 Odin auf Sleipnir).

Die Belebung, führt Heusler weiter aus, ist überwiegend mit einer Benennung verknüpft, die zu Anfang steht und dem Phantasiebild von vornherein den bestimmteren Umriß gibt: „wer sind die Gespielinnen...?" Nr. 20; und spezieller: „ein Pferd sah ich"... Nr. 30. Auch die substantivierten Adjektiva zu Anfang sind als Benennungen zu betrachten: „Wer ist der Schallende"... ? Nr. 4 und ähnliches.

Die außer der Benennung (a) in unsern gatur angewandten Mittel der Beschreibung unterscheidet Heusler folgendermaßen: Es werden angegeben: b) Eigenschaften (Farbe, Form, Zahl, innere Eigenschaften); c) Handlungen; d) begleitende Umstände, Umgebung; e) hemmende Elemente, d. h. Züge, die einer naheliegenden, falschen Lösung vorbeugen.

Diese viererlei Angaben zusammen mit der Benennung treten in sehr verschiedener Mischung auf: Heusler stellt die einzelnen, ausgeprägten Stiltypen in folgender Weise gegeneinander:

I. Lauter Benennung: Nr. 1 das Bier: der Leute Lähmer, der Worte Hinderer und der Worte Anreger.

II. Lauter Eigenschaften: hierher gehören die drei Rätsel vom Obsidian Nr. 16, der Kuh Nr. 28, dem reitenden Odin Nr. 35.

III. Benennung + Handlung: Nr. 5 Der Nebel: Wer ist der Gewaltige, der über die Erde geht, er verschlingt Gewässer und Wald u. s. f.; vgl. Nr. 20 Die Schneehühner, Nr. 30 Der Webstuhl.

IV. Benennung + hemmendes Element: Nr. 3 Der Tau: Was ist das für ein Trank, den ich gestern trank ? Das war nicht Wein noch Wasser, nicht Met noch Bier noch irgend eine Speise, doch ging ich durstlos von dannen.

V. Eigenschaft + Handlung: Nr. 14 Die Spinne: Beine hat es acht, aber vier Augen, trägt die Knie höher als den Bauch. Vgl. Nr. 9 Der Blasebalg, Nr. 10 Die Hagelkörner, Nr. 12 Die trächtige Sau, Nr. 13 Der Pfeil.

VI. Benennung (a) + Eigenschaft (b) + Handlung (c). Nr. 19 Die Brettsteine: Wer sind die Frauen (a), die um ihren Herrn waffenlos (b) sich erschlagen (c) ? Die Dunklen (b) stehen zur Abwehr tagaus, tagein (c), aber die helleren (b) rücken aus (c). Hierher gehören auch die anderen Brettspielrätsel Nr. 25 und 31, Nr. 4 Der Goldschmiedshammer, Nr. 24 Die Eisscholle.

VII. Benennung (a) + Eigenschaft (b) + Handlung (c) -j- Umstand (d): Ich sah im Sommer beim Untergang der

Sonne (d) die Gefolgschaft (a) wachen (c), gar nicht munter

(b). Es tranken die Jarle (a) das Bier (c) schweigend (b), aber schreiend stand da das Bierfaß (d)8. Vgl. Nr. 22 u. 23 Die Wellen, Nr. 26 Der Schild.

VIII. Benennung (a) -f Eigenschaft (b) -f Handlung

(c) -j- hemmendes Element (e): Nr. 11 Der Mistkäfer: Einen schwarzen (b) Eber (a) sah ich im Kote schreiten (c) und keine Borste erhob sich ihm auf dem Rücken (e).

So die Gliederung Heuslers. Aus ihr ergibt sich leicht, worin der eigentümliche Reiz dieser ganzen Sammlung von Volksrätseln ruht, worin das Geheimnis ihrer Lebensfülle und hohen, poetischen Schönheit, ihrer reichen, innern Bewegung: als handelnde Wesen werden die Gegenstände zumeist beschrieben, mit knappen, aber außerordentlich bestimmten Strichen fest und sicher umrissen, im engen Rahmen einer Strophe mit einer Reihe persönlicher Züge ausgestattet. Die Sprache ist einfach und ungekünstelt — mit einziger Ausnahme der Kenningstrophe Nr. 27 und des Wortspielrätsels Nr. 34 — dabei von einer erstaunlichen, sinnlichen Kraft. Ich denke hier vor allem an das Rätsel vom Goldschmiedshammer (Nr. 4), von dem es heißt: migk fast kyssir, ein Bild von ganz ungewöhnlicher Schönheit, das seine packende Anschaulichkeit nur aus dem Zeitwort schöpft. Bisweilen erhebt sich der Stil zu wirklichem Pathos, so in Nr. 23 Die Wellen, in Nr. 26 Der Schild. Neben diesen hohen, stilistisch-poetischen Vorzügen zeichnen sich die gätur der Mehrzahl nach durch verhältnismäßig einfache Lösbarkeit aus. Nur drei stellen sich durch ihre Unratbarkeit zu den Halslösungsfragen, Heusler a. a. 0. S. 140 ff. Petsch a. a. 0. S. 15 ff.

1. Rätsel 27 von der in den Kiefern eines Rinderschädels hausenden Ente mit dem im Volksrätsel so beliebten Gegensatz des lebendigen und toten Geschöpfes ist ein uralter Typus9. Zum Rätsel wird es nur durch die Umschreibungen.

2. gehört hierher das Eisschollenrätsel Nr. 24 mit demselben Kontrastmotiv.

3. Nr. 12 Die Sau mit neun Jungen im Leibe. Ein Wortspielrätsel ist einmal vertreten in Nr. 34: der Gedanke valr bar aedi wird verkleidet in daudir menn bera blödshol10.

Über die literarische Einwirkung der an. gätur auf die von Arnason gesammelten, neuisländischen Rätsel vgl. Heusler S. 128 ff. Zu den von ihm aufgeführten Stücken, die zweifellos eine unmittelbare Einwirkung verraten, füge man noch Ärnason Nr. 962 Die Spinne, ein Rätsel, dessen zweiter Teil wörtlich aus der gata Nr. 14 entlehnt ist: „Ich sah im Süden eine schwarze Katze kriechen, sie trug die Knie höher als den Magen", vgl. auch 219 mit Nr. 11 und 14 der gatur.

3. Verhältnis der an. gatur zur ags. Rätselpoesie.

Von motivverwandten Zügen der an. Sammlung und der Rätsel des Exeterbuchs des 8. Jahrhunderts kann man kaum sprechen. Die wenigen Berührungen hat bereits Heusler mit dem bei der Unsicherheit vieler Deutungen in den ags. Stücken notwendigen Vorbehalt a. a. 0. S. 127 zusammengestellt. Es sind RENr. 17 Der Anker neben der gata Nr. 6, Nr. 37 Das Mutterschwein11 neben gata Nr. 12, Nr. 58 Die

Hagelkörner12 neben dem an. Rätsel Nr. 10. Ich verweise hier nur darauf. Immerhin läßt sich folgendes sagen: Beide Sammlungen haben verschiedene Formen der Einführung gemein: die Betonung des Wunderbaren im Eingang bei neun an. gätur findet sich ganz ebenso im ags. Rätsel, nur ohne den mythischen Anklang: ic eom wunderlicu wiht (Tupper 19, 1; 21, 1; 25, 1; 26, 1). Ferner haben beide Sammlungen die Neigung, den Rätselkern an ein zufälliges persönliches Erlebnis, eine gelegentliche Beobachtung anzuknüpfen: vgl. an. ek sä mit ags. ic seah 14, 1; 20, 1; 43, 1; 52, 1; 53, 1; 54, 1 u. ö.; oder ic wät 44, 1; 50, 1; 59, 1.

Die Aufforderung zum Raten teilen beide Sammlungen ebenfalls miteinander, nur mit dem Unterschied, dass sie in den gätur dieselbe, stehende Wendung ist, während eine Reihe ags. Rätsel sie ganz entbehrt oder verschiedene Fassungen aufweist.

Dagegen fehlt den gätur vollständig ein in den RE sehr beliebtes Motiv, die Betonung der Schwierigkeit der Lösung. Beispiele folgen bei der Behandlung des ags. Rätsels. Umgekehrt zeigen die ae. Gedichte nur einmal (Nr. 2) eine Frage als Einführung, während diese Form im nordischen Rätsel die überwiegende ist. Die Beschreibung des Gegenstandes in der ersten Person, die im ags. Rätsel vorherrscht, mangelt den gätur gänzlich.

Im allgemeinen bekunden beide Sammlungen wie alle wirklich guten Rätsel ein Streben nach lebendiger, persönlicher Gestaltung des Unbelebten. Aber im einzelnen lassen sich, wie wir oben gesehen haben, nur sehr wenige Stücke dem Kerne nach vergleichen. Ein besonders lehrreiches, ja typisches Beispiel für den stilistischen Grundunterschied zwischen beiden Gruppen ist das Schildrätsel in den gätur Nr. 26, in den RE Nr. 6.

In der gäta ist er ganz und gar der todesmutige, feurige Held, der, seiner blutenden Wunden nicht achtend, die Männer schirmt, Speere auffängt, sein Leben hingibt: in dem ags. Rätsel ein gebrochener, leidgeprüfter, kampfes- und lebenssatter, von unzähligen Wunden gezeichneter Krieger, der eindringlich sein herbes Duldertum im Dienste des Menschen, die Unabänderlichkeit seines hoffnungslosen Schicksals beklagt. Dort erscheint der Gegenstand in tätiger, hier in leidender Teilnahme am Leben des Menschen, dort dramatische Konzentration und starke Beherrschung der Gefühlsäußerungen, hier epische Ausführlichkeit und eine breite Entfaltung des lyrischen Elements, eine zarte, wehmütige Stimmung, die dem an. Rätsel schon deshalb fehlen muß, weil es die Ichform nicht kennt.

II. Die Rätsel des Exeterbuchs.

1. Die Lösungen. ^

Ich behandle hier nur die ganz besonders umstrittenen Stücke. Ausgeschieden habe ich wegen der sehr stark verstümmelten Überlieferung Nr. 71, 76, 78, 79, 82, 87, 89, 94. Die Gedichte Nr. 1 und 41 sind keine Rätsel, sondern jenes wohl ein lyrischer Monolog und dieses eine im ganzen sehr genaue Übersetzung von Aldhelms DeCreatura (vgl. Herzfeld, Die Rätsel des Exeterbuchs, S. 64ff., Tupper S. 161 und meinen Nachtrag).

Sie kommen also ebenfalls nicht in Betracht. Ich bespreche Nr. 12, 14, 31, 37, 40, 56, 58, 74.

Nr. 12.

Hraegl is min hasofäg, hyrste beorhte reäde ond stire on reäfe [sind]. Ic dysge dwelle ond dole hwette unraedstpas, oprum styre 5 nyttre före. Ic paes nöwiht wat

paet heö swä gemaedde, möde bestolene daede gedwolene, deörap mine wön wisan gehwäm. Wä him paes peäwes, sippan heäh pringeä horda deörast, 10 gif hi unraedes der ne geswicap.

Ich halte Dietrichs Deutung „Die Nacht" H. Zs. XI, 463, der sich auch Tupper S. 90 ff. anschließt, für die richtige, nur muß ich beiden in einem Punkte der Interpretation widersprechen. Es fragt sich, ob unraedsipas V. 4 als Akkusativobjekt zu hwette oder zu styre aufzufassen ist. Tupper setzt mit Dietrich, Grein und Wülcker hinter unraedsipas ein Komma, Trautmann zieht, Bonner Beiträge zur Anglistik XIX, 175, das Wort zu öprum styre, weil in V. 3 ein Gegensatz zwischen dysge dwelle und dole hwette bestehe, der durch die erstere Annahme zerstört würde. Hierin stimme ich Trautmann ganz bei und übersetzeV. 3—5: „Toren hemme ich und Unverständige reize ich an, anderen aber (nämlich klugen Leuten) verwehre ich schlimme Pfade durch nützliche Fahrt": d. h. der Tor hofft bisweilen im Schutze der Nacht etwas zu gewinnen und kommt zu Fall. Den Einsichtigen aber warnt sie durch ihr Kommen vor Schleichwegen. Dazu stimmen dann auch die folgenden Verse 5—8: Die Nacht verspottet die Leichtgläubigen, die ihrer Falschheit {wön wisan V. 8) vertraut und eine so bittere Enttäuschung erlebt haben: „Ich weiß nichts davon, dass sie, so betört, sinnberaubt, in ihrem Tun irregeleitet, meine hinterlistige Art jedem rühmen."

Trautmanns Erklärung „Der Wein" Bonn. Beitr. XIX, 174 halte ich mit Tupper trotz der Parallelen mit dem Meträtsel Nr. 28 für ganz unmöglich. Ich verstehe nicht, wie man V. 5 auslegen kann: „Andere, d. h. solche, die nicht töricht sind, hält der Wein durch nütze Fahrt von ungedeihlichen Gängen ab, d. i. er bewahrt sie dadurch, dass sie zum heiligen Abendmahl gehen, vor bösem Wandel."

Es fehlt auch die leiseste, geistliche Anspielung, die solche Deutung nahelegen könnte (vgl. etwa Nr. 49 und 60). Und noch weniger verstehe ich die Erklärung der Schlußverse: „später wird ihnen der Wein (der Schätze teuerster, wie er als Gestalt des Blutes Christi genannt wird) Leid bringen, wenn sie nicht, ehe es zu spät ist, das Saufen aufgeben/'

Nr. 14.

Ic seah turf tredan, tyn waeron ealra, six gebröpor ond hyra sweostor mid, haefdon feorg cwico. Fell hongedon sweotol ond gesyne on seles waege 5 änra gehwylces. Ne waes hyra aengum py wirs ne slde py särre, peäh hy swä sceoldon reäfe birofene, rodra weardes meahtum äweahte, müpum slltan haswe blede. Hraegl bid geniwad 10 päm pe aer fordcymene fraetwe leton licgan on läste, gewitan lond tredan.

Dietrichs Lösung H. Zs. XI, 464 ,,Die zweiundzwanzig Buchstaben" beruht auf einer sehr anfechtbaren Interpretation von V. 1 u. 2 und ist schon von Trautmann Bonner Beitr. XIX, 178 und Tupper S. 97 zurückgewiesen worden. Tuppers Deutung ,,Die Finger und der Handschuh" (S. 97 ff.) halte ich für ebenso verfehlt wie Trautmann Bonner Beitr. XIX, 178 und Anglia, N. F. XXIY, 129.

Schon Tuppers Voraussetzung ist nicht richtig. Er findet den Schlüssel zu dem ags. Rätsel in den sogenannten Flores Bedae Nr. 2 (hrsg. v. Migne, Patr. Lat. XC, 539 ff. u. Tupper, Modern Philology II, 561 ff.): Vidi filium cum matre manducantem, cuius pellis pendebat in pariete. Hier soll nach Tupper die „Mutter" die Feder, der „Sohn" die Hand, das „Feir der Handschuh sein. Er sucht diese Erklärung durch zwei Rätsel des St. Galler Codex 196 zu stützen: 1. Vidi hominem ambulantem cum matre sua et pellis ei pendebat in pariete. 2. Vidi mulierem flentem et cum quinque filiis currentem, cuius semita erat via et pergebat valde plana campestria.

M. E. wirft hier Tupper ganz verschiedene Dinge durcheinander und hat sich durch äußerliche Anklänge irreführen lassen. Denn das Beiwort ambulantem, im ersten St. Galler Rätsel bedeutet doch etwas ganz anderes als manducantem in Flores Bedae Nr. 2, und das zweite St. Galler Rätsel von Feder und Finger hat mit dem in Rede stehenden ags. Stück überhaupt nichts zu tun. Ferner, es ginge auch kaum an, von der Hand zu sagen, dass sie mit der Feder Speise zu sich nehme [manducantem]. Nein, in den Flores Bedae Nr. 2 ist ganz offensichtlich ebenso wie in den Aenigmata Anglica Nr. VIII (ed. Dümmler Poet. Lat. I, S. 20) das Junge im Ei gemeint13.

Denn das Junge im Ei gedeiht in der Tat zugleich mit der Nahrung der Mutter [filium cum matre manducantem], und pellis in pariete geht auf das weiße Häutchen zwischen Eiweiß und Schale, der Wand! Dafür gibt es auch eine schlagende Parallele in dem Rätsel vom Ei bei Halliwell nursery rhymes, Zs. f. deutsche Myth. IV, 397:

In marble walls, as white as milk lined with a skin as soft as silk, within a fountain crystal clear a golden apple doth appear u. s. f14.

Ein schwedisches Rätsel ebenda sagt vom Ei: Zwei Herren sitzen in einer Kammer.

Unsicher wie der Ausgangspunkt sind auch die weitern Gründe Tuppers für seine Lösung. Einmal läßt er sich auch hier durch einen bloßen Anklang in einem lebenden Volksrätsel täuschen (Was hängt an der Wand wie Totenhand ? Der Handschuh, Tupper S. 97). Hier liegt der Fall doch so, dass einem ausführlichen, bis ins einzelne ausgesponnenen Gedicht ein ganz kurzer, volkstümlicher Typus mit einem einzigen, beschreibenden Zug gegenübersteht. Aus der Wiederkehr dieses einen Merkmals in dem Volksrätsel auf die gleiche Lösung zu schließen, erscheint mir sehr gewagt. Dann aber hängt der Handschuh im Volksrätsel gar nicht immer an der Wand, wie Tupper S. 97 behauptet, vgl. z. B.Wossidlo Nr. 464: Fünf Höhlen in einem Loch15 (Handschuh), Bielenstein 828: Zwei kleine Lämmchen, jedes hat fünf Füße, andere Beispiele bei Trautmann Angl. N. F. XXIV, 129: Der Ausdruck „Wand" erklärt sich im Volksrätsel nur als Reim auf Hand, wie Trautmann ebenda betont.

Ich halte Trautmanns Lösung „zehn Küchlein" Bonner Beitr.XIX, 177, Anglia N. F. XXIV, 129, die alle Bedingungen des Rätsels erfüllt, für die richtige. Es sprechen dafür noch folgende Beispiele: Wossidlo Nr. 82b (das Ei): Ihrstlich klopp ik an; maakt mi keener up, so bräk ik dörch de wand, so kaam ik inH land. Vgl. dazu V. 1: ic seah turf tredan, V. 11: pe... gewitan lond tredan.

Das Fell, das die ausgekommenen Küchlein „an des Saales Wand hängen" (V. 3) hatte ich unabhängig von Trautmann auf das feine, das Eiweiß umschließende Häutchen, die Wand wie im nd. Rätsel auf die Schale bezogen. Schlagend ist hier der entsprechende Zug in dem oben erwähnten englischen Rätsel: wall und skin dicht beieinander!

Die Interpretation macht sonst keine Schwierigkeiten bis auf die Worte V. 7, 8: hy... sceoldon... müpum slitan haswe blede. Trautmann übersetzt, Bonner Beitr. XIX, 179: „sie mußten mit den Schnäbeln glänzende Gewächse zerpicken" und bezieht blede etwas gewaltsam auf die Eier, die beim Ausschlüpfen der Brut zerbrechen. Ganz abgesehen davon, dass man Eier kaum als „Gewächse" bezeichnen kann, ist diese Bedeutungserweiterung von blede hier gar nicht nötig. Denn man kann den Ausdruck m. E. unbedenklich auf Blätter und Blüten deuten, wie sie die Hühner auf Wiesen und Höfen allerorten aufpicken.

Nr. 3116.

Ic eom licbysig, läce mid winde bewunden mid wuldre, wedre gesomnacl, füs fordweges, fyre gebysgad bearu biowende, byrnende gled.

5 Ful oft mec gesipas sendad aefter hondum paet mec weras ond wtf wlonce cyssad. ponne ic mec onhaebbe, ht onhnigap tö me, monige mid miltse, paer ic monnum sceal ycan upcyme eädignesse.

Dietrich H. Zs. XI, 469 gab die Lösung Regenwasser, die aber ganz unmöglich ist und die Trautmann Bonner Beitr. XIX, 213 mit Recht zurückweist. Das Richtige ist wohl Blackburns Deutung Journal of Germanic Philo-logy III (1900) S. 4: ags. beäm: aber nicht in den vielen Bedeutungen „Baum, Klotz, Schiff, Harfe, Becher und Kreuz", sondern in Trautmanns einfacherer Bestimmung als Baum V. 1—4 und Kreuz V. 5—9, vgl. Trautmann a. a. O. S. 214.

Zu zwei Stellen möchte ich etwas bemerken: V. 2 wedre gesomnad erklärt Trautmann: „vom Wetter ist er gesammelt (sc. der Baum), insofern er ein Erzeugnis des Wechsels von Regen und Sonnenschein ist." Aber vorzuziehen ist hier wohl die Übersetzung „dem Wetter gesellt" (d. h. mit allen .Witterungserscheinungen wohl vertraut und an sie gewöhnt, s. auch Grein, Gloss. I, 444). Zu V. 7: ponne ic mec onhaebbe sagt Trautmann: „Wenn sich das Kreuz enthebt (weitergegeben wird), neigen sie sich gegen es in Demut." Aber näher liegt wohl die Erklärung: „Wenn ich mich erhebe, d. h. erhoben werde (nämlich zum Munde), neigen sie sich vor mir in Demut." Doch ist das schließlich dasselbe.

Nr. 37.

Ic wiht geseah on wege feran, seö waes wraetüce wundrum gegierwed: haefde feöwere fet under wombe ond ehtuwe, monn h p M 5 wiif m x l k f r,

f hors q x x s, ufon on hrycge haefde tu fipru ond twelf eägan ond siex heäfdu. Saga hwaet hiö waere. För flödwegas; ne waes paet na fugul äna, 10 ac paer waes aeghwylces änra gelicnes, horses ond monnes, hundes ond fugles, ond eäc wifes wlite. pii wast, gif pü const., tö gesecganne, paet we söd witan hü paere wihte wlse gonge.

Trautmann hat Angl. Bbl. V. 49 zuerst gesehen, dass die lateinischen Buchstaben homo, mulier, equus bedeuten und die Übersetzung der davorstehenden Worte monn wiif hors sind. Wenn das Gedicht nur ein Rätsel darstellt, wie ich mit Tupper S. 156 annehme, so ist es auch richtig, mit ihm die Deutung „Schiff", die Trautmann a. a. 0. für die V. 9—14 gab, auf das ganze Stück zu übertragen. Die Lösung ist dann „Schiff mit Mann, Weib, Pferd, Hund, Vogel".

Tu fipru V. 7 bezieht Tupper S. 156 mit Recht auf die Segel, ein altes Motiv. Schon Hesiod nennt sie vy)ö<; 7ctepa (Ohlert S. 103, Anm. 2), und Ärnason Nr. 516 heißt es vom Segelschiff: Hver er sä haukur... vaengi hefur hann og vtäa flygur.

Als Vogel erscheint das Schiff ferner außer in der von Tupper angeführten Beowulfstelle im deutschen Secundus H. Zs. XXII, 397, V. 453ff.: nusage mir hibi, was ein schif si?... „ein holzern vogel der do finget", (vgl. Nachtrag); Wossidlo 101: Dor flüchten vagel stark (dazu ebenda S. 284). An Schillers berühmtes Rätsel: Ein Vogel ist es . . . erinnere ich nur.

Nr. 40.

Gewritu secgad paet seö wiht sy mid moncynne miclum tidum sweotol ond gesyne; sundercraeft hafad märan micle ponne hit men witen.

5 Heö wile gesecan sundor aeghwylcne feorhberendra, gewited eft feran on weg; ne bid hiö naefre niht paer öpre, ac hiö sceal wideferh wreccan laste hämleäs hweorfan, nö pij heänre bip. 10 Ne hafad hiö föt ne folm, ne aefre foldan hran, ne eägena aegper twega, ne müd hafap, ne wip monnum spraec, ne gewit hafad; ac gewritu secgad paet seö sy earmost ealra wihta, 15 pära pe aefter gecyndum cenned waere.

Ne hafad hiö säwle ne feorh; ac hiö sipas sceal geond pds wundorworuld wide dreögan. Ne hafad hiö blöd ne bän; hwaepre bearnum weard geond pisne middangeard mongum tö fröfre. 20 Naefre hiö heofonum hrän ne tö helle möt; ae hiö sceal wideferh wuldorcyninges lärum lifgan. Long is tö secganne hu hyre ealdorgesceaft aefter gonged, wöh wyrda gesceapu; paet [is] wraetlic ping 25 tö gesecganne; söd is aeghwylc

pära pe ymb päs wiht [e] wordum becned. Ne hafad heö lim aenig, leofap efne se peäh. Gif pü maege reselan recene gesecgan söpum wordum, saga hwaet hiö hätte.

Tuppers Lösung Der Mond (S. 160), die Brandl, Arch. f. n. Sp. GXXVI, 279, für „beachtenswert" hält, scheitert, soviel ich sehe, an V. 20: nie berührte es den Himmel noch muß es zur Hölle: denn die Annahme, dass heofone hier nicht Firmament, sondern the abode of bliss (S. 161) bedeute im Gegensatz zu tö helle, ist doch etwas sehr gewaltsam.

Ich habe beim ersten Lesen des Gedichts auf die Zeit geraten, eine Lösung, die ich dann von Trautmann Angl. Bbl. V, 49 und Angl. N. F. XXIV, 129 bestätigt fand. Sie deckt sich mit jeder Zeile des Rätsels. Nur zwei Punkte hebe ich heraus: Die Benennung earmost ealra wihta erläutern die V. 8, 9: wie ein unbehauster, geächteter Recke schlägt sie sich rastlos durch die Welt. V. 20 aber sagt aus, dass Himmel und Hölle der Zeit nicht unterworfen sind, ganz im Sinne der dualistischen Weltanschauung des Mittelalters, die zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit scheidet.

Von Parallelen führe ich an: Ärnason 699: purfandi hvorki föt ne faedi, af öllum audsedur, en af eingum fundinn: RE V. 11: ne hafaä hiö föt; V. 3: sweotol ond gesyne.

Nr. 56.

Ic seah in healle, paer haeled druncon on flet heran feöwer cynna: wraetlic wudutreöw ond wunden gold, sine searobunden, ond seolfres dael, 5 ond rode täcn paes üs tö roderum up hlaedre raerde, aer he helwara bürg äbräece. Ic paes beämes maeg eäpe for eorlum aepelu seegan: paer waes hlin ond äc, ond se hearda iw, 10 ond se fealwa holen; freän sindon ealle nyt aetgaedre, naman habbad änne, wulfheäjedtreö, paet oft waepen äbaed his mondryhtne, mädm in healle, goldhüted sweord. Nu me gieddes pisses 15 ondsware ywe, se hine onmede wordum seegan hü se wudu hätte.

Dietrichs zweite Lösung „Schwertscheide" H. Zs. XII, 237, Anm. 4 erscheint mir noch immer als die zutreffendste. Denn der Schwertknauf bildet wirklich mit der gold- und silberbeschlagenen Holzscheide ein rode täcn (V. 5), und in Nr. 21 rühmt sich das Schwert V. 3 des schillernden Metallschmucks seiner Hülle: byrne is min bleöfäg „meine Brünne spielt in bunten Farben". Dazu stimmen auch die schwierigen Zeilen 10—15: einem Herrn dienen sie alle zusammen, einen Namen haben sie, Holz mit Wolfshaupt, das oft die Wehr seinem Herrn in Schach hält, das Kleinod in der Halle, das Schwert mit Goldgriff. Namentlich aber durch folgendes Moment erhält Dietrichs Lösung eine neue Stütze: Der Ausdruck wulfheäfedtreö kann geradezu die Darstellung eines — in diesem Falle natürlich geschnitzten—Wolfskopfes auf der Scheide bezeichnen. Derartige Verzierungen der Schwerthülle sind durchaus bezeugt. In Gutenstein (Niederösterreich) hat man eine silberne Scheide aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. gefunden, auf der eine Kriegergestalt in voller Wehr und Waffen den Kopf eines Wolfes trägt, vgl. Jahns, Entwicklungsgeschichte der alten Trutzwaffen (Berlin 1899), S. 247. Ein ganz ähnliches Bild zeigt nach Jahns Fig. 24 bei 0. Montelius, The national historical Museum, Stockholm, S. 79, ein Werk, das mir aber nicht zugänglich war.

So feinsinnig Liebermanns Begründung seiner Lösung „Der Galgen als Waffenständer" ist (Arch. f. n. Sp. CXIV, 163), so halte ich doch mit Tupper S. 189 die Annahme eines Logogryphs, gebildet aus den Anfangsbuchstaben der Worte [h] lin, ac, iw, holen, auf die Liebermann seine Antwort stützt, für wenig wahrscheinlich.

Tuppers Vorschlag „Kreuz" S. 189 aber scheitert an V. 5 rode täcn paes üs tö roderum... hraerde. Denn wie Trautmann Angl. N. F. XXIV, 130 mit Recht einwendet, wäre dann das Rätsel kein Rätsel mehr. Trautmanns eigne Erklärung „Harfe" Angl. Bbl. V, 50 ist aber deshalb wenig einleuchtend, weil jede Anspielung auf eine musikalische Verwendung des wraetüc wudutreöw fehlt wie etwa in Nr. 32 Der Dudelsack, Nr. 61 Die Rohrflöte, Nr. 70 Die Schalmei.

Holthausen, der sich Tuppers Lösung anschließt, verwirft Angl. XXXV, 171 äbaed V. 12 = Präsens äbaeded als westsächsische Form im anglischen Text und faßt es als Präteritum von äbiddan: „Das Kreuz redet von Christus — das ist der mondryhten —, dem es von Gott ein Schwert erbat, womit er sich gegen seine Feinde schützen könne". Aber es ist nicht einzusehen, weshalb H. äbaed als abweichende dialektische Form beanstandet, wenn er sich an anderer Stelle, in Nr. 84, V. 31 ff., nicht scheut, in den anglischen Text nor-thumbrische Formen einzusetzen — m. E. mit vollem Recht (Angl. a. a. 0., S. 174).

Nr. 58.

peös lyft byred lytle wihte ofer beorghleopa, pä sind blace swtpe, swearte, salopäde. Sanges röfe heäpum ferad, Ä/wde cirmad;

5 tredad bearonaessas, hwilum burgsalo nippa bearna. Nemnad hy sylfe.

Die Deutung „Stare", auf die ich wie Dietrich H. Zs. XII, 240, Anm. nach dem ersten Lesen des Stücks verfiel, halte ich für zutreffender als „Schwalben", für die sich unter Hinweis auf Aldhelms Schwalbenrätsel und eine Äneisstelle Tupper S. 195 entscheidet. Die Bezeichnung sanges röfe und hlude cirmad paßt m. E. besser auf die Stare, die tatsächlich laut schreien, wie es ebenso 9,3 vom Eichelhäher behauptet wird, der auch kein Singvogel ist. V. 5, 6 kann man sehr gut auf die mittelalterliche Sitte der Vornehmen beziehen, sich Stare im Hause zu zähmen. Vgl. Ruodlieb IX, 14:

Pabula nulligena, vel limpha stat in domicella Sturnorum, sed eos duxere fame domitandos, ut per aperturas poscant escas sibi dandas.

Die erste Deutung Trautmanns „Hagelkörner" Anglia Bbl. V, 50, die er dann Angl. XVII, 398 durch eine zweite „Regentropfen" ersetzte und wiederum Bonner Beitr. XIX, 200 gegen eine dritte „Gewitterwolken" aufgab, scheint mir ebensowenig wie diese beiden andern Vorschläge zu passen, abgesehen von seiner Textesänderung lytle in lihte V. 1.

Nr. 74.

Ic waes faemne geong, feaxhär cwene ond aenlic rinc on äne tid; fleäh mid fuglum ond on flöde swom, deäf under fipe, deäd mid fiscum, 5 ond on foldan stop, haefde ferd cwicu.

Tupper gibt S. 214 die Lösung „Sirene". Aber sämtliche Stellen, die Tupper für das Vorkommen männlicher Sirenen im Mittelalter anführt, halten bei näherer Betrachtung nicht Stich17.

Die Stelle im Orendel (V. 88 u. 94 der Ausg. v. Berger) Da kam ein syren geflossen und Do in der syren hin bezwang ist verderbt überliefert und der syren als männlicher Wassergeist, der sonst nirgends in der mhd. Literatur nachzuweisen ist, von D interpoliert, Berger S. XXXII ff. u. S. 146. Die Prosaauflösung des Gedichts, die aus einer altern Quelle stammt als die poetische Bearbeitung (a. a. 0. S. XXXI), weiß überhaupt nichts von Wassergeistern an der fraglichen Stelle, sondern sagt nur: Nu kamen die ungestum des mors... (S. XXXII). Der griechische Phy-siologus des zweiten Jahrhunderts n. Chr. kennt nur Sirenen weiblichen Geschlechts. Ebensowenig stichhaltig wie Tuppers Hinweis auf Orendel ist der auf Philipp v. Thaons Bestiaire: il cante en tempeste, wie Trautmann Angl. N. F. XXIV, 131 zeigt.

Trautmann Bonner Beitr. XIX, 202 gibt die Deutung: Wasser in seinen drei Formen als Quelle, Eisscholle, Schnee. Er sagt: „Eine junge Frau ist das Wasser als burne „Quelle", eine grauhaarige Alte als „Eisscholle", ein schöner Mann als snäw „Schnee", und alles dies ist das Wasser oder kann es doch sein zur selben Zeit [on äne tid]... Die Quelle macht der Dichter zu einer Frau auf Grund ihres grammatischen Geschlechts: burne ist weiblich. In derselben Weise macht er den Schnee zu einem Manne: snäw ist männlich. Ein ae. Wort für Eisscholle läßt sich, soviel ich sehe, nicht nachweisen. Es muß aber eins gegeben haben; das geht schon daraus hervor, dass Rätsel 31 (34) die Eisscholle zu raten aufgibt, und dass dies Wort weiblich war, läßt sich aus Rätsel 31 zwar nicht sicher schließen, aber vermuten u. s. f. Die ae. Rätseldichter nehmen es —damit verweist Trautmann auf S. 181 seiner Darlegungen—, wenn sie einen zu erratenden Gegenstand als Menschen einführen, sehr genau mit dem Geschlecht: ein Ding, das seinem grammatischen Geschlechte nach männlich ist, stellen sie immer als Mann, eins, das seinem grammatischen Geschlechte nach weiblich ist, immer als Frau dar."

Das trifft keineswegs zu, und Trautmann ist auch den Beweis dafür schuldig geblieben. Da er Tuppers sehr einleuchtende Zusammenstellung S. LXXXIX seiner Ausgabe einfach ablehnt, muß ich noch folgendes bemerken: Das gerade ist ein grundsätzlicher Unterschied des germanischen Rätsels von dem antiken (vgl. Nachtrag), d. h. auch von Symphosius' Sammlung, dass es in dieser Hinsicht sehr frei schaltet. Zum an. Rätsel vgl. gata Nr. 6 Der Anker, isl. akkeri n., als männliches Wesen enn mikli, Nr. 1 Das Bier, isl. mungät n., als Mann: lyda lemill eingeführt.

Ein schlagendes Beispiel gegen Trautmanns Theorie aus den RE selber ist Nr. 44 Leib und Seele, das Tupper übersehen hat: lic ra., säwol /., eine Deutung Dietrichs, die auch Trautmann Angl. Bbl. V, 49 annimmt. Von der Seele heißt es: V. 1 Ic wät indryhtne giest... Der Dichter macht also ein Femininum zum Maskulinum — und das sächliche lic wird ebenfalls männlich aufgefaßt: V. 4 gif him (nämlich der Seele) ärltce esne penad (sc. der Leib), also beidemal eine Vertauschung des grammatischen Geschlechts.

Aber weiter! Wie will Trautmann beweisen, welches Geschlecht der Rätseldichter im Auge hatte, wo für das zu erratende Ding Synonyma vorliegen wie in Nr. 51 Das Feuer, ags. fyr n., leg oder lig m?

Es ist ein rein künstlerisches Verfahren m. E., das in diesen Fällen in Erscheinung tritt, und es spricht nichts dafür, dass die ags. Rätseldichter durch grammatische Erwägungen der erwähnten Art ihre Phantasie geknebelt haben. Damit aber fällt auch Trautmanns Deutung: Das Wasser als Quelle, Eisscholle, Schnee in sich zusammen18.

Mit Tupper stimme ich darin überein, dass unserm Rätsel eine Tiersage zugrunde liegt. Nach meiner Ansicht sind in diesem Stück möglicherweise antike und nachbiblische Überlieferungen von der Hyäne zusammengeströmt. Aristoteles de gen. anim. III, 6, 68 weist die Ansicht zurück, dass die Hyäne ihr Geschlecht wechsle und bald männlich, bald weiblich sei (vgl. Carus, Geschichte d. Zoologie S. 126), und Plinius Nat. Hist. VIII, § 105 sagt: Hyaenis utramque esse naturam et alternis annis mares, alternis feminas fieri... vulgus credit, Aristoteles negat. Aelian aber De nat. anim. I, 25 nimmt es als seit alters feststehende Tatsache: Ttjv uatvav tt)t£<; (xsv appsva sl

-ö-SOCGaLO, t7)v aUTTjV kc, v£g>t0c o^St. vuv, [ASTa t0cut0c

appsva und beruft sich auf das Zeugnis des Kaineus und Tiresias.

Die griechische Bearbeitung des Physiologus aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. betont ebenfalls die Zwitternatur des Tieres: '0 Ouato^oyoc; zkz^z 7rspl TauTY)<; otl appsvo-pa> scu, 7UOTS (X£v appsv, 7TOTS Ss &r\ku und fährt fort: [a£(juac[j(ivov &y)ptov sgtl, sta to axxaac£t.v aut0u ttjv cpuctv. (Lauchert, Gesch. d. Physiologus S. 256).

Nun aber bezeichneten die Alten zweitens auch einen Fisch mit dem Namen Hyäne19, und Plinius sagt XXXII, 154: Et hyaenam piscem vidi in Aenaria insula captum.

Aelian aber weiß sogar von diesem Fisch zu erzählen,

dass er Flügel hatte (De nat. anim. XIII, cap. 27): "Yoavoc 6[xa>vi)[ao^ t9) yspactifi uatvy) egtlv. tocutyjc; oOv tyjv Se£iav 7ut£puya et utüo&slyjc; av&pcottg) xoc&suSovti, sö [AaXa exTa pauste; auTov.

Es wären dann in dem Tiernamen ,,Hyäne" aus antiken und nachbiblischen Schriften Überlieferungen von zwei verschiedenen Tieren zusammengeflossen:

1. Das Raubtier bei Plinius, Aelian und im griechischen Physiologus, und zwar als Zwitterwesen dargestellt.

2. Der Fisch, bezw. Fliegefisch bei dem römischen und griechischen Autor.

Konnten diese Vorstellungen den Angelsachsen bekannt sein ? Die nat. hist. des Plinius hat Beda, dem sie noch in vollem Umfange vorlag, in seiner Schrift De natura rerum aufweite Strecken hin ausgeschrieben (Manitius, Gesch. der lat. Literatur des Mittelalters S. 77 ff), und den griechischen Physiologus hat Aldhelm mittelbar in seinen Rätseln mehrfach benutzt (Manitius S. 137, Anm. 5). Außerdem aber besitzen wir ja das Bruchstück eines ags. Physiologus, vgl. Ebert, Angl. VI, 241 ff. Ob Aelian durch irgendwelche lateinische Vermittlung in Altengland bekannt war, weiß ich nicht. Aber die Kunde von einem Fliegefisch Hyäne kann bei der Fülle von Tiersagen, die in die abendländische Literatur des Mittelalters einströmten, ja auch auf anderm Wege dorthin gedrungen sein. Diese Annahme ist wohl nicht zu gewaltsam.

Die Lösung wäre dann: Das Landtier und der Fliegefisch Hyäne. Ich interpretiere folgendermaßen:

V. 1 und 2. „Ich war zugleich eine junge Frau, eine alte Frau und ein schöner Mann."

V. 3—5. „Ich flog mit den Vögeln und schwamm auf der Flut, tauchte unter die Woge, tot mit den Fischen, und ging (doch) auf dem Lande, hatte reges Leben".

V. 1 und 2 sprechen von dem appsvo&YjXu, der mannweiblichen Natur der Hyäne; „jung" heißt sie, weil sie noch immer, d. h. zur Zeit des Dichters als lebendes Wesen erscheint, „alt", weil schon antike Überlieferungen sie nennen. Das Beiwort aenlic zu rinc läßt sich aus dem Bedürfnis des Rätseldichters nach ausschmückenden und dadurch die Lösung erschwerenden Zusätzen erklären. Denn da es ein gelehrtes Rätsel ist, konnte der Dichter ja keine auf eigner Kenntnis beruhende Anschauung von seinem Gegenstande haben. Literarische Vermittlung schimmert m. E. auch in der Wahl des Präteritums durch, das ausnahmslos festgehalten wird.

V. 3 und 4 stellen den Meer- und Fliegefisch Hyäne dar. Der Halbvers 4b dedd mid fiscum ist nur als Gegensatz zu V. 5 zu verstehen: ond on foldan stop, haefde ferd cwicu: Während der Meer- und Fliegefisch Hyäne tot mit oder unter andern Fischen da liegt, freut sich das Landtier seines Lebens; es ist also nur eine Hemmung.

Ist die gegebene Lösung richtig, so gehört das Rätsel in die Reihe der Tier stücke, die auf literarische Einwirkung zurückgehen wie Nr. 8 Der singende Schwan, Nr. 11 Die Ringelgans, Nr. 13 und 39 Der Ochse, Nr. 48 Der Bücherwurm, Nr. 85 Fisch und Fluß20.

2. Der Stoffkreis.

Die ags. Rätsel umfassen, ihrer stattlichen Zahl entsprechend, — nach Tuppers Zählung, der sechs von Grein übergangene, aber ganz lückenhaft überlieferte Stücke wieder aufnimmt, sind es fünfundneunzig — ein weit größeres und mannigfaltigeres Stoffgebiet als die an. gätur.

1. Naturerscheinungen. Der eigentlichen Natur-

Schilderung, dem landschaftlichen Element, ist in der ae. Rätseldichtung ein Feld eingeräumt von ganz ungewöhnlichem Umfang.

Die Natur spielt in die Schilderung der Gegenstände hinein als helfende und feindselige Gewalt, als stimmunggebender Hintergrund. Diejenigen Stücke, die das Landschaftsbild erst zum Gegenstande hinzubringen, behandeln wir später besonders. Hier beschäftigen uns nur die Gedichte, die Naturvorgänge als selbständige Rätselstoffe formen. Sie verraten ein feines Gefühl für ihre Größe und eine, man kann beinahe sagen, wissenschaftliche Schärfe der Beobachtung in der Auffassung und Zerlegung ihrer einzelnen Phasen. Das gilt besonders für die Sturmrätsel Nr. 2—4, die ihren Gegenstand in seiner Erscheinung als Land-, See- und Gewittersturm darstellen.

Die ausführliche Landschaftsmalerei in Nr. 4 sprengt schon den Rahmen eines echten Rätsels, von dessen Wesen eine gewisse Gedrungenheit unzertrennlich ist. Außerdem werden von elementaren Erscheinungen das Wasser (Nr. 42 und 84), die Eisscholle und das Eis (Nr 34 und 69), das Feuer (Nr. 51), Fluß mit Fisch (Nr. 85) behandelt (nach Symphosius Nr. 12: Piscis et aqua, Dietrich H. Zs. XI, 454), ferner von Himmelserscheinungen die Sonne (Nr. 7), Mond und Sonne (Nr. 30) und die Nacht (Nr. 12). Auch gehört wohl hierher das Rätsel von den sechzig Halbtagen des Monats (Nr. 23), ebenso die Zeit (Nr. 40, s. o. S. 21) und vielleicht Nr. 95 Der Mond (P)21.

2. Pflanzen. Die Pflanzenwelt ist vertreten durch das Schilfrohr (Nr. 61), die Zwiebel (Nr. 26 und 66), den Baum (Nr. 31, V. 1—4) und das tausendköpfige Knoblauchkraut in der Hand des einäugigen Verkäufers (Nr. 86), ein Zahlenscherz in der Art der an. gäta von Odin auf Sleipnir, nach Symph. 94 (Dietrich H. Zs. XII, 248), die Buche (Nr. 92)1.

3. Tiere. Dieses Gebiet ist reicher bedacht als das vorige. Einzelne Tiere finden wir zwei-, auch dreimal behandelt, so den Stier (Nr. 13, 39, 72), den Eichelhäher (Nr. 9 und25), die übrigen nur je einmal: den Schwan (Nr. 8), die Ringelgans (Nr. 11), zehn Küken (Nr. 14, s. o. S. 16), die Auster (Nr. 77), den Fisch (Nr. 85), den Wetterhahn (Nr. 812), Hahn und Henne (Nr. 43), den Kuckuck (Nr. 10), den Dachs (Nr. 16), den Hund (Nr. 75), die Stare (Nr. 58, s. o. S. 25), die Hyäne (Nr. 74, s. o. S. 25), den Bücherwurm (Nr. 48).

4. Mineralien. Nur ein Gegenstand aus diesem Gebiet wird behandelt, das Erz (Nr. 83).

5. Der Mensch und seine Werke. Ungefähr die Hälfte aller geschilderten Gegenstände fällt in dies Gebiet. Schon diese Äußerlichkeit gibt der ganzen Sammlung das Gepräge, auf das die Überschrift hinweist: Der Mensch drückt den Dingen den'Stempel seines Geistes, seiner gestaltenden Kraft, seines technischen Könnens auf. Wie sie seinen Zwecken nutzbar gemacht, verarbeitet werden, das ist, kurz gesagt, das in zahllosen Abwandlungen wiederkehrende Thema dieser Sammlung. In enger Verbindung damit steht die mehrfache Anwendung der Bezeichnung freä, die ganz wie im Beowulf auf Gott wie auf den irdischen Gebieter oder Herrn bezogen wird und den altgermanischen Gedanken der Gefolgschaft auf das Verhältnis der Gegenstände zu ihrem Meister überträgt.

In diesem Gebiet strömen Dinge der verschiedensten Art und Verwendung zusammen von den handwerklich einfachsten wie dem Rechen (Nr. 35) bis zu solchen, die schon

eine hohe Stufe technischen oder künstlerischen Könnens

_ \

1 Diese m. E. sehr glückliche Lösung des am Schluß stark verstümmelten Stücks stammt von Trautmann Angl. Bbl. V, 50, vgl. Tupper S. 235.

2 Vgl. Trautmann, Angl. Bbl. V, 50, Tupper S. 219.

voraussetzen wie dem Buch Nr. 27, das auf die durch das Christentum eingeführte Schriftkultur der Zeit hinweist, oder dem gold- und silbergeschmückten Horn Nr. 15, das an den eigentlichen Künstler des germanischen Altertums, den Goldschmied, erinnert. Sämtliche Stücke aufzuzählen, die hierher gehören, wäre zu weitläufig. Wir begnügen uns mit einzelnen, bedeutsamen Beispielen und kennzeichnen die Lebenskreise, denen sie entstammen.

Wir finden Feld- und Wirtschaftsgeräte wie den Pflug Nr. 22, den Dreschflegel Nr. 53\ das Butterfaß Nr. 55 (s.u. S. 49), Getränke wie Met und Bier Nr. 28 und 29, Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens wie das Leder Nr. 13 und 3922, den Schlauch Nr. 19, das Hemd Nr. 62, Gegenstände des gewerblichen Lebens wie Gewebe und Webstuhl Nr. 57, Zeugnisse des Verkehrs und Handels wie den Anker Nr. 17, das Schiff Nr. 33 und 37. Wieder in ein anderes Gebiet führen die fast vollzählig vertretenen Kriegsgeräte und Waffen, Nr. 18 Die Wurfmaschine, Nr. 20 Reiter mit Falken und Speer, Nr. 65 Reiter mit Speer, Falken und Diener23, Nr. 54 Der Sturmbock, Nr. 24 Der Bogen, Nr. 6 Der Schild, Nr. 21 Das Schwert, Nr. 36 Der Panzer, Nr. 56 Die Schwertscheide (s. o. S.23), Nr. 73 Die Lanze, Nr. 15 und 80 Das Horn als Rufer zum Streit. Das geistig-literarische Leben der Zeit spiegeln das Buch Nr. 27, der Bücherschrank Nr. 50, das Tintenfaß aus Hirschhorn Nr. 88 und 93, Finger und Feder Nr. 52, das zur Feder verarbeitete Schilfrohr Nr. 6124.

Gegenstände der geselligen Unterhaltung sind der Dudelsack Nr. 32, die Rohrflöte Nr. 61 (s. o.), die Hirtenschalmei Nr. 70. Auch geistliche Stoffe fehlen nicht: Nr. 31, V. 5—9 Das Kreuz, Nr. 44 Leib und Seele, Nr. 47 Lot und seine Familie,

Nr. 49 und 60 Dil Kultgerä» des Abendmahls, Nr. 67 Die Schöpfung.

3. Der Stil der ags. Rätsel.

l.Die Rahmenelemente: Wir haben die umschließenden Elemente des ags. Rätsels schon berührt.

Wir betrachten zunächst die Eingangsformeln. Sie finden sich bei fast einem Drittel der Stücke der Sammlung, ein Beweis für ihre Beliebtheit in den RE. Nur in einem Falle bestehen sie in einer Frage, die eindringlich die Schwierigkeit des zu ratenden Gegenstandes, seine Anforderungen an den menschlichen Scharfsinn betont, in Nr. 2, V. 1: Hwylc is haelepä paes hör sc ond paes hygecraeftic, paet paet maege äsecgan... In allen übrigen Fällen weisen sie entweder auf eine zufällige Beobachtung hin ohne eine weitere die Spannung des Hörers erregende Bezeichnung, oder sie erteilen den Dingen das Attribut des Wunderbaren.

Wir steigen von den kürzesten Wendungen zu den breitern auf und verweisen auf die betreffenden, gleichen Anfänge:

Die einfachste Form ist:

a) ic seah... ic wät... ic wiht (bezw. wihte) oder pä wiht geseah... Vg. 35, 1; 37, 1; 38, 1; 39, 1; 43, 1; 44, 1; 59, 1; 65, 1; 69, 1; 75, 1; 76, 1.

b) Erweiterte Formen mit undeutlicher Orts- oder allgemeiner Personenangabe: ic on wincle gefraegn 46, 1; ic gefraegn for haelepum25 49, 1; ic seah in healle 56, 1; 60, 1; ic waes paer inne, paer ic geseah 57, 1;

c) Bezeichnung des Wunderbaren: Die Dinge führen sich selbst ein: Ic eom wunderlicu wiht: 19, 1; 21, 1; 25, 1; 26, 1. Ein dritter schildert sie: Ic wiht geseah wundorllce 30, 1; ic seah wraetlice wuhte 52,1; 43,1; ic seah wundorllce wiht 87,1;

wiht is wraetlic 70, 1; an wiht is wundram äcenned 84, 1; mirum mihi videtur 90, 1.

d) Der breiteste Rahmen, mit allgemeiner Betrachtung einsetzend: 32, 1: Is pes middangeard missenlicum wisum gewlitegad, wraettum gefraetwad. Ic seah seilte ping. 33, V. 1 und 2 ebenso, V. 3: Sipum seilte ic seah searo.. . Die Schlußformeln. Sie enthalten: ll Nur die Aufforderung zum Raten in unmittelbarer Anrede an den Hörer ohne weitern Zusatz und stehen für sich. Sie lauten:

a) Saga, hwaet ic hätte: 11,11; 20, 9; 24, 16; 63, 9; 67,10; 80, 11; 83, 14; 86, 726.

b) Frige, hwaet ic hätte: 15,19; 17, 10.

c) Raed, hwaet ic maene: 62,9.

d) Nemnad hy sylfe: 58, 6. Diese Formeln verbinden sich

2. mit zurückgreifenden Zusätzen: Der Seesturm 2,15: Saga, hwä mec pecce oppe hü ic hätte, pe pä hlaest bere\ 4, 72: Saga, hwaet ic hätte oppe hwä mec raere, ponne ic restan ne möt, oppe hwä mec staedpe, ponne ic stille beöm.

3. mit einer Benennung oder Beschreibung. Der Eichelhäher Nr. 9, 8—11: Saga, hwaet ic hätte pe swä scirenige sceäwendwisan Müde onhyrge, haelepum bodige wileumena fela wöpe mtnre; der Stier Nr. 13, 13: Saga, hwaet ic hätte, pe ic lifgende lond reäfige ond aefter deäpe dryhtum peöwige: vgl ferner 25,9; 27, 26; 28, 15; 43, 15; 60, 15.

Die Schlußformeln werden

4. erweitert durch die Betonung der Schwierigkeit der Lösung: 3, 12 Saga, poneol mon... eindringlicher 29,12: Micel is tö hycganne wisfaestum menn, hwaet seö wiht sy. 32,23: Micel is tö hycgenne wisum wödboran, hwaet

[siö] wiht sie. 33,13: Rece, gif pücunne, wis, worda gleäw, hwaet siö wiht sie. Vgl. 36, 13; 42, 8; 44, 14; 56, 14. Ganz für sich steht der ungewöhnlich breite Schluß Nr. 43, 11: Hwylc paes hordgates eaegan craefte pä clamme onleäc pe pä raedellan wid rynemenn hygefaeste heöld, heortan bewrigene orponcbendum? Bemerkenswert durch seine Schlußform ist Nr. 73, die Lanze, wo der Gegenstand durch die Art der Anrede neckend auf seine Natur hindeutet. V. 28: Wiga, se pe rrdne wisan [söpe] cunne, saga, hwaet ic hätte27.

2. Die Kernelemente der ags. Rätsel. Rein äußerlich läßt sich die große Masse der RE in drei Gruppen scheiden, erstens solche, die den Gegenstand selbst sprechen lassen — gerade die lebensvollsten und schönsten Stücke bevorzugen diese Form —, zweitens solche, die in der dritten Person den Gegenstand schildern, schließlich solche, die einen dritten erzählen lassen.

Aber diese drei Abteilungen kreuzen sich so vielfach, ihre Typen zeigen eine solche Fülle gemeinsamer und trennender Merkmale, dass sie eine die Mannigfaltigkeit der Motive im wesentlichen erschöpfende Gliederung nicht zulassen. Ebenso wäre es sehr anfechtbar, mit Tupper a. a. 0. S. XCIV. die größere Hälfte dieser Rätsel nach dem jeweiligen Verhältnis des beschreibenden zum erzählenden Element zu ordnen. Tupper sagt nämlich: „The narrative element in the Exeter Book Riddles is far larger than the purely descriptive. In many of the problems description is immediately succeeded by narration or eise is wholly superseded by this" und führt für das verschiedene Machtverhältnis, in dem erzählender und beschreibender Typus zu einander stehen, eine große Masse von Beispielen an. Diese Ansicht ist kaum richtig. Denn in den meisten Stücken lassen sich diese beiden Erscheinungsarten gar nicht trennen. Indem die Dinge von ihrer äußern und innern Beschaffenheit — Farbe, Form, Entwickelungsstufen, Verhalten unter verschiedenen Umständen usw. — „erzählen", beschreiben sie sich doch zugleich. Man kann unmöglich den Begriff der Beschreibung auf gewisse, äußere Merkmale beschränken, wie es Tupper in diesem Falle tun will. Er gerät infolge dieser spitzfindigen Unterscheidung mit seiner eignen Theorie in Widerspruch. Wenn er z. B. S. XGIV Anm. unter den Rätseln des zweiten Typus — der restlosen Verdrängung der Beschreibung durch die Erzählung — das von der Auster (Nr. 77) anführt, so ist doch zweifellos die Bezeichnung des Fisches mit fepeleäse V. 3 ein ganz unmittelbar aus seiner Betrachtung sich ergebender „beschreibender" Zug: also ein im Sinne Tuppers rein erzählender Typus läge hier gar nicht vor. Umgekehrt kann man das Rätsel vom Horn (Nr. 15), das sich Zug für Zug nach seiner Verwendung „beschreibt", nach der Ausführlichkeit seines Vortrags ebensogut als „erzählendes" bezeichnen, zumal es ganz episch einsetzt: „Ich war ein Kämpfer in Waffen". Vielleicht dürfen wir in diesem Zusammenhang auch ein klassisches Beispiel der modernen, epischen Kunst anführen, um zu zeigen, wie oft sich Beschreibung und Erzählung völlig decken.

Wenn Keller in seinen „Drei gerechten Kammachern" die Habseligkeiten der Züs Bünzlin bis in alle Einzelheiten beschreibt, erzählt er dann nicht zugleich (Leute von Seld-wyla I, 238 ff.) ?

Beide Elemente durchdringen sich gegenseitig. Also eine Gliederung auch nur eines Teils der Stücke auf dieser Grundlage ist unmöglich und führt zu Widersprüchen. Auf den ersten Blick scheinen die RE überhaupt jedes Versuchs einer brauchbaren Einteilung zu spotten. Die Fülle von Einzelzügen, die große Ausführlichkeit, der häufige Wechsel des Stils innerhalb desselben Rätsels, kurz, der ganze Reichtum von Ausdrucksmitteln, die sich zu immer neuen Typen verbinden, setzt solchem Bemühen zunächst scheinbar unüberwindliche Hindernisse entgegen.

Bei näherem Zusehen freilich ergeben sich eine Reihe von Formen, die wir in der Weise anordnen, dass wir von den einfachen zu den kunstvolleren aufsteigen. Zunächst aber fragen wir: Was wird an den Dingen beschrieben, und wie wird es beschrieben ? Die Gegenstände werden nach ihrer äußeren Erscheinung (Farbe, Form, Herkunft, einzelne Teile), ihrem Verhältnis zu andern — gleichartigen oder verschiedenen — geschildert, ferner nach ihrer Tätigkeit, ihrer innern Entwicklung und je nach den Umständen wechselnden Behandlung und schließlich durch eine scheinbar unmögliche Zahlen- oder Verwandtschaftsangabe (vgl. Nr. 86 Der einäugige Knoblauchverkäufer und Nr. 47 Lot und seine Familie, (die alte zum Bestände jeder größern Rätselsammlung gehörende Frage: vgl. Tupper S. 178 u. S. 175 zu Nr. 44, 14).

Neigung zum Spiel mit Buchstaben verraten Nr. 20 Reiter mit Speer und Falken (vgl. Tupper S. 108ff.), Nr. 24 Der Bogen, Nr. 25 Der Eichelhäher, Nr. 37 Schiff mit Mann, Frau, Hund, Pferd und Vogel (s. o. S. 21), Nr. 43 Hahn und Henne, Nr. 59 Der Ziehbrunnen, Nr. 65 Reiter mit Speer, Falken und Diener (vgl. Tupper S. 205), Nr. 75 Der Hund und wohl auch Nr. 9028. In den Stücken vom Eichelhäher Nr. 25, von Hahn und Henne Nr. 43 wird die voraufgehende Beschreibung durch die Runenreihe ergänzt, obwohl die genannten Gegenstände, zum mindesten der erste in Nr. 25, ziemlich durchsichtig beschrieben sind.

Überflüssig erscheint die Erleichterung der Lösung durch umgekehrte Anordnung der Buchstaben des Rätselgegenstandes in Nr. 24 Der Bogen, V. 1: Agof is min noma eft onhwyrfed: so eindeutig ist die Behandlung des Stoffs.

Wie werden nun die Gegenstände geschildert?

Die Personifikation als Kunstmittel beherrscht die ags. Rätseldichtung noch uneingeschränkter als die an. Während sich in dieser doch Beispiele fanden, dass tote Gegenstände auch als tot aufgeführt werden — ich erinnere an die Brücke (Nr. 2), den Tau (Nr. 3), den Achat (Nr. 16) — hat die ags. Sammlung jene Darstellungsform durchgehends zum Grundsatz erhoben. Die Vermenschlichung ergreift sogar bisweilen die einzelnen Teile des Gegenstandes, z. B. im Rätsel vom Dreschflegel (Nr. 53), dessen Stiel und Knüppel als zwei aneinandergefesselte Gefangene verkleidet werden.

Wir wenden uns der stilistischen Betrachtung im einzelnen zu:

I. Ein einzelner Gegenstand wird nach seiner Tätigkeit geschildert. Damit verbindet sich häufig eineOrtsbestimmung und ein hemmendes Element, das die ursächliche Verknüpfung zweier Erscheinungen als scheinbar gelöst oder aufgehoben hinstellt, so dass entweder eine Voraussetzung ohne Folge oder eine Folge ohne Voraussetzung gegeben wird. Wenn z. B. Nr. 7, 4 die Sonne sich rühmt: „Ich bedränge sie (nämlich die Menschen) mit Kampf, obwohl ich sie nicht berühre/' so sehen wir hier nach der Sprache des Rätsels eine Wirkung sich vollziehen, zu der scheinbar die Ursache fehlt.

Hierher gehören die Rätsel vom Sturm Nr. 2—4, Nr. 7 Die Sonne als Gefolgsmann Christi, Nr. 9 und 25 Der Eichelhäher als närrischer Possenreißer und Nachahmer anderer Vogelstimmen in den Sitzen der Menschen29 (vgl. 9, 6 : in burgum), in Nr. 25 noch näher gekennzeichnet in seinem mimischen Talent durch eine Reihe vergleichender Einzelzüge.

II. Ein Gegenstand wird nach seiner Erscheinung geschildert:

Nr. 67 Die Schöpfung, ein Rätsel, das mit einer Reihe kontrastierender, teilweise komparativischer Eigenschaftsmerkmale arbeitet, vgl. V. 1—3: Ic eom märe ponne pes middangeard, laesse ponne hondwyrm, leöhtre ponne möna, swiftre ponne sunne; Nr. 69 Das Eis: waeter weard tö bäne. Nahe steht diesen Stücken Nr. 75 Der Hund, in dem der einzige, beschreibende Zug swiftne der Unterstützung durch den Runenlogogryph H ^ bedarf.

III. Erscheinung und Tätigkeit treten zusammen auf: dazu gesellt sich öfter eine Ortsbestimmung, ein hemmendes Element und bisweilen eine Benennung.

Diese Klasse ist ziemlich stark vertreten und zeigt auch innerhalb ihrer einzelnen Glieder leise Stilverschiedenheiten; ein sehr regelmäßig und einfach gebauter Typus dieser Gruppe wäre etwa Nr. 35 Der Rechen: Sein Gesicht ist zur Erde geneigt, mit vielen Zähnen versehen (Erscheinung); er geht über Hügel, reißt die lockern Kräuter aus, läßt die wurzelfesten stehen und füttert das Vieh (Tätigkeit) in den Wohnsitzen der Menschen (Ortsbestimmung). Ganz ebenso wird die Beschreibung des Aussehens von der der Tätigkeit oder Wirkung abgelöst in Nr. 12 Die Nacht, doch ist es hier eine Farbenbezeichnung, die das Rätsel einleitet, eine Schilderung ihres aschfarbenen, leuchtend rot umsäumten Gewandes. Hierher gehört ferner Nr. 16 Der Dachs, der sich im Eingange nach Farbe und Gestalt seines Körpers bis in alle Einzelheiten seiner Erscheinung beschreibt und daran eine breite Darstellung seiner Schicksale im Kampfe um Haus und Familie mit seinem Todfeinde, dem Fuchs, dem waelgrim wiga, knüpft. Sehr einfach gebaut ist auch Nr. 19, ein trümmerhaft überliefertes Stück, nach Dietrich H. Zs. XI, 465 Der Schlauch, ebenso Nr. 56 Die Schwertscheide (s. o. S. 23): als Einführung eine Ortsangabe in healle, dann eine genaue Schilderung der Gestalt des goldig und silbern erstrahlenden wudutreöw und seiner Bestandteile, hierauf der Hinweis auf seinen Zweck. Dasselbe gilt von Nr. 58 Die Stare oder Schwalben (s. o. S.25). Künstlicher ist das Rätsel vom Schiff Nr. 33, das außer den erwähnten Merkmalen dieser Gruppe mit einer Reihe von Hemmungen arbeitet: es hat nicht Augen, Hände, Achseln und Arme und kann sich doch bewegen. Auch Nr. 32 Der Dudelsack verbindet diese drei Elemente miteinander. Nur steigert dies Gedicht noch den Eindruck des Wunderbaren durch bildlich-phantastische Verhüllung seiner Formen, die ganz von selbst zur Erschwerung der Lösung durch scheinbar gegensätzliche Züge führt: Das rätselhafte Ding gleicht einem Vogel an Gesicht, Fuß und Händen und kann doch nicht fliegen. Es ist wanderlustig und dreht sich oft (fepegeorn... cyrred geneahhe V. 10). Ruhmbegierig brennt es darauf, seine Stimme hören zu lassen, wenn es in der Männerhalle beim Schmause sitzt, und bleibt doch stumm, obgleich es im Fuße — gemeint ist der sackförmige Resonanzboden des Instruments — die herrliche Gabe des Gesangs bir^t, eine Fülle lebendigster Züge auf nicht allzu weitem Räume! Hierher gehört auch Nr. 40 Die Zeit (s. o. S. 21), ein Rätsel, dessen Gegenstand durch seine Unkörperlichkeit ganz von selbst zum Spiel mit scheinbaren Unmöglichkeiten und sich durchkreuzenden Hemmungen herausfordert.

Tritt in dem näher zergliederten Rätsel vom Dudelsack der Anteil des Menschen an dem geschilderten Vorgange nur passiv hervor, erscheint hier der Gegenstand noch ganz allein als Träger der Handlung, in welcher der Mensch nur die Rolle des Zuschauers spielt, so hat sich in andern Stücken der Gruppe der Schwerpunkt der Darstellung dahin verschoben, dass das beschriebene Ding zwar noch als die tätige Kraft wirkt, aber doch schon den Menschen — mehr oder weniger widerwillig — als seinen eigentlichen Leiter anerkennt.

Zu diesen Gegenständen gehört Nr. 24 Der Bogen. Er malt die tödliche Wirkung der aus seinem gekrümmten Schöße fernhin entsendeten Giftgeschosse. Aber er empfindet seine Abhängigkeit von der drückenden Gewalt des Menschen mit bitterer Verwünschung (V. 6 se waldend, se me paet wite gescöp) und rühmt sich mit rachsüchtiger Freude der Unentrinnbarkeit seiner Pfeile. Dasselbe gilt vom Ziehbrunnen Nr. 59.

Beachtenswert ist ein sehr altes Motiv, das sich in zwei Rätseln dieser Gruppe findet:

In Nr. 34, V. 9, 10 verbirgt die Eisscholle die Art ihrer Entstehung, ihre Erscheinung und ihr künftiges Schicksal hinter dem Bilde: meine Mutter ist meine Tochter, ein Motiv, das nach Ohlert a. a. 0. S. 30 Anm. 2 schon eine Rätselfrage im alten Rom war (vgl. auch Tupper S. 147). Für seine Verbreitung auch im deutschen Mittelalter spricht seine Erwähnung bei Wolfram v. Eschenbach Parz. 659, 24 ff:

ein muoter ir fruht gebirt: diu fruht sinr muoter muoter wirt; von dem wa^er kumt da$ ts: da$ laet dan niht decheinen wts, da$ waföer kum ouch wider von im30.

Derselbe Zug ist enthalten im Rätsel vom Blasebalg Nr. 38, der den Wind, erzeugt und seinerseits wieder vom Winde gespeist wird. V. 8: He sunu wyrced, bid him sylfa faeder (vgl. noch Tupper S. 158 zu 38, 8).

Wir gliedern die Rätsel dieses ganzen Typus in zwei Gruppen: 1. solche, die den Gegenstand frei von jeder menschlichen Einwirkung auf sein Verhalten zeigen. Dahin gehören: Nr. 8 Der singende Schwan, Nr. 12

Die Nacht, Nr. 16 Der Dachs, Nr. 17 Der Anker, Nr. 19 Der Schlauch, Nr. 32 Der Dudelsack, Nr. 33 Das Schiff, Nr. 34 Die Eisscholle, Nr. 35 Der Rechen, Nr. 48 Der Bücherwurm, Nr. 49 Der Hostienteller, Nr. 58 Die Stare oder Schwalben, Nr. 60 Der Abendmahlskelch, Nr. 40 Die Zeit, Nr. 95 Der Mond ( ?).

Mehrere der genannten Stücke schildern umgekehrt die Wirkung des Gegenstandes auf den Menschen, Nr. 12 Die Nacht, Nr. 40 Die Zeit (V. 17, 18: bearnum wearä... mongum tö fröfre), Nr. 49 und 60 die Abendmahlsrätsel, die von der geheimnisvollen Macht der Sakramente über die gläubige Christengemeinde handeln.

2. Die zweite Gruppe bilden diejenigen Stücke, in deren Darstellung der Mensch den bestimmenden Anteil an dem geschilderten Vorgange hat: Nr. 18 Die Wurfmaschine, Nr. 24 Der Bogen, Nr. 38 Die Schmiedebälge, Nr. 50 Der Bücherschrank, Nr. 56 Die Schwertscheide, Nr. 59 Der Ziehbrunnen, Nr. 63 Der Feuerhaken (s. jedoch Nachtrag).

Die Rätsel dieser Klasse hatten bei Stilabweichungen im einzelnen das miteinander gemeinsam, dass sie die behandelten Stoffe unter dem Gesichtspunkte ihrer unveränderlichen Beschaffenheit und Wirksamkeit darstellten. Wir kommen jetzt zu einem neuen, gerade entgegengesetzten Typus.

IV. Die Gegenstände werden nach dem Wechsel ihrer äußern und innern Beschaffenheit, ihren Entwicklungsstufen, ihrer jeweiligen Behandlung und Verwendung betrachtet.

Diese Gruppe ist mit zweiunddreißig Stücken am stärksten innerhalb der ganzen Sammlung vertreten und entfaltet auch in sich das reichste Leben.

Drei Rätsel: Nr. 10 Der Kuckuck, Nr. 11 Die Ringelgans, Nr. 74 Die Hyäne (s. o. S. 25) schalten die menschliche Einwirkung, die dieser Klasse geradezu das Gepräge gibt, aus und stellen sich dadurch abseits von den andern Fragen. An ihnen lassen sich jedoch einzelne der in dieser Abteilung angewandten Stilformen gut erörtern.

Betrachten wir zunächst das Rätsel vom Kuckuck (Nr. 10). Das von den Eltern verlassene Kuckucksei wird von einem fremden Vogel ausgebrütet, der das Junge nährt und aufzieht, bis es flügge wird und seiner Pflegemutter entflieht. Wir haben hier den Grundtypus der ganzen Klasse, der sich in den verschiedensten Abwandlungen wiederholt: Der Gegenstand wird nach seiner ursprünglichen Beschaffenheit und seinen durch fremden Eingriff herbeigeführten Entwicklungsstufen geschildert. Auch das Motiv des Gegensatzes „tot —lebendig", das dieser Gruppe eigentümlich ist, spielt hier hinein: V. 1, 2:

Mec on dagum pissum deädne ofgeäfun

faeder ond mödor, ne waes me feorh pä gen.

Dasselbe gilt von Nr. 11 Die Ringelgans.

Wir kommen nun zu der langen Reihe von Gegenständen, die alle durch ein Merkmal verbunden sind: Der — von ihnen häufig als gewaltsam empfundene — Eingriff des Menschen in ihr Dasein ist der Punkt, um den die übrige Darstellung sich gleichsam kristallisiert, ihre Beschaffenheit vor und nach seiner Einwirkung und die Bedingungen ihrer Veränderung die Grundlage, auf der sich diese Klasse aufbaut.

Wir geben für die einzelnen, stilistischen Spielarten dieser Gruppe Beispiele und begnügen uns mit Hinweisen auf gleiche oder ähnliche Formen.

Verschiedenheiten der Behandlung je nach seinem Zweck zeigt Nr. 62 Das Hemd: Bald ruht es fest verschlossen in der Truhe, bald wird es als Kleidungsstück benutzt, im innern gefüllt vom menschlichen Körper: V. 5: Siddan me on hrepre heäfod sticade. Dieselbe je nach den Umständen wechselnde Verwendung zeigt das prachtvolle, ganz und gar höfisch gefärbte Rätsel vom Horn (Nr. 80), das sich mit einer Reihe bedeutsamer Benennungen als „des Edlen vertrautester Freund, des Kriegers Gefährte, des Königs Kamerad" einführt; bald reicht die Fürstentochter es als Methorn, bald ruft es an Heeresspitze mit harter Zunge zum Kampfe, bald lohnt es dem Sänger nach beendetem Gesang.

Ein neuer Zug tritt zu dem eben genannten in dem Rätsel vom Ochsen (Nr. 72): der Rückblick auf die ursprüngliche, der menschlichen Gewalt noch entzogene Beschaffenheit des Gegenstandes. Das Tier schildert zunächst seine Jugend und Ernährung durch den Euter der Kuh, seine Streifzüge durch Land und Moor,- dann erst seine lautlos ertragenen Leiden in drückender Fron des Menschen.

Mit den beiden Motiven der jeweiligen Verwendung und der Rückschau auf die Vergangenheit verbindet sich ein drittes, die Verarbeitung des Gegenstandes durch den Menschen in dem Hornrätsel Nr. 15, das dem kurz vorher besprochenen sehr nahe steht:

Ic waes waepenwiga. Nu mec wlonc peceä

geong hagostealdmon golde ond sylfre: Vergangenheit und Gegenwart scharf gegenübergestellt; einst auf dem Haupte des Stiers oder Hirsches prangend, ist das Horn jetzt vom Menschen zu seinen Zwecken umgestaltet, geschmückt mit Gold und Silber31.

Ursprüngliche Natur, Verarbeitung und Verwendung, diese drei Elemente treten bald verbunden auf — vgl. Nr. 54 Der Mauerbrecher, Nr. 61 Das zu Flöte und Feder umgeschaffene' Schilfrohr, Nr. 27 Das Buch, Nr. 88 und 93 Das Hirschhorn —, bald auch werden die einzelnen Zwischenstufen der Behandlung übersprungen und der Gegenstand nur in seiner ursprünglichen und endgültigen Gestalt beschrieben — vgl. Nr. 13 und 39 Das aus der Ochsenhaut geschnittene Leder, Nr. 21 Das Schwert, Nr. 22 Der Pflug, Nr. 31 Der zum heiligen Kreuz verarbeitete Baum, Nr. 36 Der Panzer, Nr. 70 Die Hirtenschalmei —, bald auch auf den Nutzen des Dinges für den Menschen hingewiesen — Nr. 42 und 84 Das Wasser32, Nr. 70 Die Schalmei (s.o.) —, hier der Schilderung des „Einst", dort der des „Jetzt" mehr Raum gegönnt. Man vergleiche z. B. die beiden Rätsel vom Hirschhorn (Nr. 88 und 93) und von der Rohrflöte (Nr. 61), die Heimat und Jugendglück mit wehmütiger Breite ausmalen, mit dem knappen Rückblick des Horns (Nr. 15): Icwaes waepenwiga und seiner nur der Gegenwart gewidmeten Beschreibung.

In diese Reihe gehört auch Nr. 92 Die Buche. Das Kontrastmotiv „Lebendig-Tot" ist verwandt in den beiden Rätseln vom jungen Stier (Nr. 13 und 39) und in Nr. 66 Die Zwiebel.

Wir führen nun die einzelnen Stücke der ganzen Gruppe auf: Nr. 10 Der Kuckuck, Nr. 11 Die Ringelgans, Nr. 13 und 39 Die Ochsenhaut, Nr. 72 Der Ochse, Nr. 15, 80, 88, 93 Das Horn, Nr. 21 Das Schwert, Nr. 22 Der Pflug, Nr. 26 und 66 Die Zwiebel, Nr. 27 Das Buch, Nr. 28 Der Met, Nr. 29 Das Gerstenbier, Nr. 31 Der Baum, Nr. 36 Der Panzer, Nr. 42 und 84 Das Wasser, Nr. 46 Der Brotteig,

Nr. 51 Das Feuer, Nr. 54 Der Mauerbrecher, Nr. 61 Das Schilfrohr, Nr. 62 Das Hemd, Nr. 64 Der Becher, Nr. 70 Die Hirtenschalmei, Nr. 73 Die Lanze, Nr. 74 Die Hyäne, Nr. 77 Die Auster, Nr. 83 Das Erz, Nr. 92 Die Buche.

V. Die Dinge in abhängiger Stellung. Schon in der vorigen Klasse hätte man eine Reihe von Gegenständen unter dieser Überschrift zusammenfassen können; aber der stilistische Schwerpunkt der ganzen Gruppe, die Betrachtung der Erscheinungen nach dem Wechsel ihrer Beschaffenheit und seinen jeweiligen Bedingungen, wäre dadurch nicht unwesentlich verschoben worden.

Die Rätsel der vorliegenden Gruppe schildern außer der passiven Haltung des Gegenstandes auch seine Erscheinung.

Hierher gehören nur vier Stücke: Nr. 5 Die Glocke, * Nr. 6 Der Schild, Nr. 53 Der Dreschflegel, Nr. 81 Der Wetterhahn. Am eindringlichsten tritt dieser Zug der Abhängigkeit von der Gewalt eines Stärkern im Rätsel vom Schild hervor, das schon an früherer Stelle erläutert worden ist, und in Nr. 81 Der Wetterhahn. Er beschreibt sich zunächst nach allen Einzelheiten seiner Gestalt und seines Wohnsitzes über den Menschen und beklagt dann bitter die Unbilden der Witterung (Wind, Regen, Hagel, Reif, Frost und Schnee), denen er, der Hohlbäuchige (V. 11), hilflos preisgegeben ist (vgl. damit Woss. 104 i).

VI. Ein Gegenstand wird durch eine merkwürdige Zahlenangabe geschildert: Nr. 86 Der einäugige Knoblauchverkäufer33.

VII. Mehrere Gegenstände werden geschildert.

Der Zusammenhang, der zwischen ihnen besteht, ist entweder ein örtlicher, wie in Nr. 20 Reiter mit Speer und Falken, Nr. 65 Reiter mit Speer, Falken und Diener,

Nr. 30 Mond und Sonne, Nr. 37 Schiff mit Insassen, Nr. 85 Fisch und Fluß, oder ein zeitlicher wie in Nr. 23 Die sechzig Halbtage des Monats, oder ein verwandtschaftlicher wie in Nr. 14 Zehn Küken, Nr. 43 Hahn und Henne, oder die Beziehung ist hergenommen von der Verwendung der Gegenstände, ihrem wechselseitigen Verhältnis zu einander: Vgl. Schlüssel und Schloß (Nr. 45 und 91), Gewebe und Webstuhl (Nr. 57), Finger und Feder (Nr. 52). Rein geistiger oder besser theologischer Natur ist die Verbindung von Leib und Seele Nr. 44.

Eine verwickelte Verwandtschaftsfrage ist das Rätsel von Lot und seiner Familie.

Die Rätsel von Hahn und Henne, Gewebe und Webstuhl, Fisch und Fluß, Schlüssel und Schloß Nr. 91, Reiter mit Falken Nr. 20 und 65, Schiff mit Insassen Nr. 37 weisen schon besprochene Merkmale auf.

Über die andern ist folgendes zu bemerken: Von einer Reihe gleichartiger Gegenstände wird dasselbe ausgesagt in Nr. 14 Zehn Küken, Nr. 52 Finger und Feder, Nr. 23 Die sechzig Halbtage des Monats. Die Küken erscheinen als lebende Geschwister, sechs Brüder und vier Schwestern, die gemeinsam die Wand ihres engen Häuschens durchbrechen und ans Licht treten, Finger und Feder als vier wunderbare Wesen, die, von einem rastlosen Kämpfer, der Hand, geführt, auf goldgeschmücktem Pergament schwarze Spuren hinterlassen34.

Nr. 23 stellt die sechzig Halbtage des Monats unter dem Bilde einer Wagenfahrt dar als sechzig Krieger mit elf Rossen, darunter vier Schimmel. Die vier Schimmel deutet

Dietrich H. Zs. XI, 466 auf die vier Sonntage des Monats Dezember, die übrigen sieben Pferde auf seine sieben hohen Feiertage außer den Sonntagen, so dass dann die Landung am andern Ufer den Übergang zum neuen Jahr bezeichnen würde. So geistreich diese Deutung ist, so mißlich bleibt sie doch.

Nr. 44 verkleidet Leib und Seele als Herr und Knecht, die zu ihrem beiderseitigen Nutzen aufeinander angewiesen sind.

Noch eine andere Einkleidungsform finden wir schließlich in Nr. 30 Mond und Sonne, Nr. 45 Schloß und Schlüssel oder Degen und Scheide (vgl. Tupper S. 176) und Nr. 55 Butterfaß und Arbeiter.

In diesen drei Stücken wird ein sichtbarer Vorgang durch einen andern geschildert. Nr. 45 und 55 gehören in das im Volksrätsel sehr große Gebiet der zweideutigen Fragen, die unter unanständigem Bilde eine ganz harmlose Verrichtung malen. Sie lassen daher mehrere Lösungen zu. Z. B. würde zu Nr. 55 auch eine Antwort passen, die der Dietrichs „Backofen" sehr nahe steht: Bäcker, der einen Teig knetet. Diese Erklärung wird gestützt durch ein Rätsel der Weimarer Hs. bei R. Köhler, Kl. Sehr. III, S. 531 Nr. 30:

Rat, was ist das?:

Wöl her, wöl her unter mich

und ich oben über dich:

ich will dich pumpernellen,

dass dir der bauch muss geschwelten.

Das ist ein beck, der ein teig unter im hat.

Das Bild des Koitus entspricht genau dem ags. Motiv V. 10: Hyre weaxan ongon under gyrdelse...

Neigung zur Zote verraten ferner Nr. 26 Die Zwiebel, Nr. 43 Hahn und Henne, Nr. 46 Der Teig, Nr. 62 Das Hemd, Nr. 63 Der Feuerhaken (s. Nachtrag), Nr. 64 Der Becher.

Loewenthal, Studien zum germanischen Rätsel. 4

Es bleibt uns noch übrig, Nr. 30 Mond und Sonne zu erwähnen, die unter dem Bilde des Kampfes dargestellt werden, aus dem die Sonne als Siegerin hervorgeht.

Damit ist wohl alles Wesentliche über die Stilform des ags. Rätsels gesagt. Auf die innere Lebensfülle der RE ist mehrfach hingewiesen worden. Auch Tupper gibt eine eingehende Würdigung unserer Gedichte gerade von dieser Seite XCI ff., und Brandl betont Grdr. II, 972 die starke, höfische Färbung, die ihnen eignet. Die elegische Grundstimmung einer ganzen Reihe von Rätseln, die man als Rückblicks- oder Erinnerungsgedichte im wahrsten Sinne bezeichnen könnte, ist bereits hervorgehoben worden. Ich möchte nur noch auf die Zartheit des Naturgefühls hinweisen, die besonders da hervortritt, wo der Dichter die Landschaft zu seinem Gegenstande erst hinzubringt. Sehr bezeichnend ist in dieser Hinsicht Nr. 61 Das Schilfrohr, dessen Vorlage nach Dietrich Zs. XI, 452 das Rätsel Arundo des Symphosius (Nr. 2) ist. Symphosius' Dreizeiler spricht von der Heimat der Pflanze nur in den Worten ripae vicina profundae. Daraus macht das ae. Gedicht ein fein abgestimmtes, beseeltes Naturgemälde: das am Meeresstrande in menschenferner Einsamkeit wurzelnde, in jeder Frühe von der dunklen Woge bespülte Schilfrohr, das noch nichts ahnt von dem drohenden Eingriff in sein friedvolles, weltentrücktes Leben. In Nr. 80 eröffnet sich uns mit einem Schlag hinter der Trinkhalle, in der die Fürstentochter das Horn reicht, der Wald: Haebbe me on bösme, paet on bearwe geweöx, eine poetische Umschreibung für den Met.

In Nr. 28 blickt der Met selber auf seine Heimat im Wald und auf Bergeshöhen zurück und erzählt von den Bienen, die ihn nach ihrem Stock brachten. In dem Gedicht vom Mauerbrecher (Nr. 54) sind Wald, Wasser und Erde die Leben und Gedeihen spendenden Kräfte des jungen, in vollem Safte (on wynne) stehenden Baumes, den dann der Mensch fällt und zu seinen Zwecken zurichtet. Der Sturm der Elemente umtobt den Wetterhahn (Nr. 81), und ein prachtvolles Bild zeigt uns den Atzung suchenden Hirsch auf seinen raschen Streifzügen durch tiefe Ströme und Täler, über steinige, hartgefrorene Felder und steile Höhen, das Haar vom Raureife starrend (Nr. 93).

III. Das Rätsel bei den mhd. Spruch dichtem von Reinmar v. Zweter bis Frauenlob, mit Berücksichtigung der Meisterlieder der Kolmarer Hs.

Zunächst betone ich, dass ich auf die Streitgedichte, Redekämpfe und Sängerkriege der spätem Spruchdichtung, sowie auf die großenteils sinnlosen Parabeln in den Meisterliedern der Kolm. Hs35. nicht näher eingehe (vgl. Nachtr.). Sie haben mit dem wirklichen Rätsel, dem unsere Betrachtung allein gilt, nichts außer gewissen formelhaften Zügen gemein, und nur insofern ziehe ich sie heran. Denn von dem Wesen des echten Rätsels ist ein gewisses Maß von Gegenständlichkeit, Bildkraft, Gedrungenheit und vor allem Lösbarkeit nicht zu trennen. Es prüft den Scharfsinn, nicht das erlernte Wissen, die Gelehrsamkeit (s. o. S. 4). Strophen wie die vom schlafenden Kind als Bild des verstockten Sünders, das sich auch nicht durch Hornruf wecken läßt, Wartburgkr. Str. 29ff., oder wie Kolm. Hs. XI, XIII, XVIII, XXX u. s. f. sind keine wirklichen Rätsel mehr, sondern Gleichnisse, die einen Gedanken, eine Lehre, mehr oder weniger geschraubt und der Deutbarkeit gänzlich entzogen darstellen. Es ist daher m. E. falsch, solche Stücke als „Rätsel" zu bezeichnen, wie es nach Uhlands Vorgang noch Scherer Lg.11 S. 196 tut. Damit werden die Grenzen zwischen beiden Gattungen völlig verwischt. Aus denselben Gründen haben wir oben mit Heusler die Auffassung der Vaf^rüdnismäl als Rätsellied abgelehnt.

Da die in Betracht kommenden, wirklichen Rätsel zum Teil noch gar nicht gelöst sind, mustern wir jedes einzelne Stück nach Gegenstand und Motiven besonders.

1. Lösungen und Stoffkreis.

1. Reinmar v. Zweter ed. Roethe Nr. 186: Das Jahr mit Monaten, Wochen, Tagen und Nächten.

Ein sneller wol gevierter wagen der gät üf zwelef schlben unt hat lange her getragen zwo unt vünfzic vrouwen, die sint dar üf gesetzet nach ir zal. Der wagen nimmer stille stät, 5 sin orden zallen ziten snelle loufet unde gät,

holze niht gehouwen, ern ist ze kurz, ze lanc, ze breit, ze smal.

Den wagen ziehent siben ros, sint wtye, unt ander siben swarz mit staetem vlt%e. wer ist der mir den wagen betiutet? 10 dem gebe Got jär äne leitl der wagen ist iu vor geseit : der louft, unz im sin meister da$ verbiutet.

Schon Roethe S. 616 hat vieles zu diesem Rätsel beigebracht. Vgl. jetzt den bereits oben angeführten Aufsatz von Wünsche, Das Rätsel vom Jahr und seinen Zeitabschnitten in der Weltliteratur, Kochs Zs. f. vgl. Literatur-gesch. N. F. IX, 425 ff. und A. Dieterich, Neugriechische Rätseldichtung, Zs. d. V. f. Volksk. XIV, 89. „Auf deutliche Parallelen im Rig-Veda wies Wilmanns hin H. Zs. XX, 252" (Roethe S. 616, Wünsche S. 427 ff. und meine Einleitung). Ich habe dazu nur wenig hinzuzufügen. Daß die dem Rätsel zugrunde liegenden Vorstellungen zu Reinmars Zeiten in Deutschland volkstümlich waren, hat Roethe

S. 250 ff. nachgewiesen. Auf welchem Wege sie es geworden sind, kann ich nicht sagen.

Das Bild der schwarzen und weißen Rosse für Tage und Nächte findet sich vor Reinmar bereits in Firdusis Schah-Nameh:

Zwei edle Rosse sah ich, schnell von Lauf,

Das eine schwarz wie eines Pechmeers Welle,

Das andre leuchtend in krystallner Helle.

Ähnlich ist ein merkwürdiges ungarisches Rätsel Zs. d. V. f. Volksk. VIII, 320: Eine schwarze Stute hat alles Schilfrohr zu Boden gelegt, ein weißer Ochse hat alles wieder aufgerichtet (die Nacht — die Menschen — der Tag). In einem neugriechischen Rätsel ist das Bild der Rosse auf die Monate übergegangen, Dieterich a.a.O. S. 89.

Sehr bemerkenswert ist, wie dieser Farbengegensatz ,, Schwarz-Weiß" sich in ganz getrennten Rätselüberlieferungen vom Jahr findet und bis in unsere Zeit festgehalten wird:36 Im Mahäbhärata weben zwei Frauen ein Tuch aus schwarzen und weißen Fäden. Daneben wird ein zwölf-speichiges Rad von sechs Knaben gedreht. Die Fäden des Einschlags sind Tage und Nächte, das Rad das Jahr (Wünsche a. a. 0. S. 431). Im griechischen Jahresrätsel, das Kleobulos von Lindos zugeschrieben wurde, erscheinen Tage und Nächte als sechzig teils schwarze, teils weiße Töchter eines Vaters37 (Ohlert a. a. 0. S. 122, Roethe

S. 616), ebenso im lettischen und französischen Volksrätsel, vgl. Bielenstein Nr. 137, 138; Rolland Nr. 1 und im neugriechischen Rätsel Dieterich S. 89.

Die volkstümlichste Fassung des Gegenstandes als Baum mit Zweigen, Nestern und Vögeln spricht mehrfach von hellen und dunklen Blättern am Baume der Zeit, vgl. Ärnason Nr. 31, Dieterich S. 89, der Anm. 2 auch auf das Südrumänische verweist, Wossidlo Nr. 36e. Auch in die gelehrte, auf die vita Aesopi des Maximus Planudes zurückgehende Darstellung des Jahres als Tempel mit einer Säule, darauf zwölf Städte, jede Stadt bedeckt mit dreißig Balken, auf denen zwei Frauen umherlaufen (so in Steinhöwels Übers., Lit. Ver. CXVII, 72), ist das Motiv eingedrungen: Vgl. Arnason 722: Haus mit zwölf Pfeilern, zweiundfünfzig Dienerinnen und Mann und Frau, verschieden an Farbe38.

Zu dem Vexierscherz V. 10 dem gebe Got jär äne leit vgl. man Roethe S. 252, Anm. 31239, Wossidlo 951—961 und erinnere sich an Odysseus bei Polyphem Od. 9, 365 ff.:

SJJLOLy' OVO[m' OöTLV Ss (Jt£ XlxXYj(JXOUGlV (XY)T7]p 7]Sk 7Z0CTV)p YjS' aXXol XOCVTSq STOCipOl.

Bei Raumsland, Damen und dem Meißner finden wir ähnliche Spielereien (s. u.).

Reinmar Nr. 187: Jahr mit Monaten, Jahreszeiten, Wochen, Tagen und Nächten.

Diz liet is vol Wunders gar:

ich sach üf einem wagen zwo unt vünfzic vrouwen var; die heten alle ein swester: die vindet man, bi swelcher so

man wil. Da^ erste rat vol snewes was, 5 das ander das truoc würze, das dritte bluomen unde gras, das vierde truoc besunder körn, win, zam unde

wildes vil.

Den wagen zugen vierzehen ros, merket wunder! zwelf wagenman die pflägen ir besunder: die wären bl in zallen stunden: 10 iesltcher der stuont slnen wec äne brugge unt äne stec.

ich hän den wagen an schätz ze koufe vunden.

Dieses Rätsel ist klar bis auf V. 3: die heten alle ein swester: die vindet man, bi swelcher so man wil (Roethe S. 617). Wer ist diese Schwester ?

Vielleicht liefern zwei nordische Jahresrätsel, ein dänisches und schwedisches, den Schlüssel zur Deutung.

Das dänische in Wolfs Zs. f. d. Myth. III, 129 lautet40:

Eg veitt eit trae haegst ä fjalli vid trettan greinum, fyra reidur ä hvörjari grein, sex fuglar i hvörjum reidri, inn sjeyndi ber giltar fiädrar.

Der Sonntag wird also besonders herausgehoben. Dazu das schwedische Rätsel a. a. 0. S. 347:

Det stär ett trä allena med twä och femti grenar, ett bo i hwarje gren, sex ägg i hwarje bö, en unge i hwart ägg. hwar har sitt namn.

„Da in jedem Nest nur 6 Eier sind," sagt Wünsche a. a. 0. S. 440, „so wird die Woche entsprechend den sechs Werktagen nur zu sechs Tagen angenommen"41.

Das würde gut zu Reinmar stimmen. Auch hier werden die Wochen trotz der ausdrücklichen Zahlenangabe 52 ganz wie im schwedischen Rätsel zu je sechs Werktagen angenommen und wie im dänischen Rätsel der siebente Tag, der Sonntag, dort als Goldvogel, hier als die swester ausgezeichnet. Überzeugend gesichert aber wird diese Deutung durch folgendes lettische Rätsel bei Bielen stein Nr. 391:

Sechs Schwestern baden sich in einer Badstube; eine siebente kommt und treibt sie alle hinaus. — Woche und Sonntag42.

V. 3 bedeutet also nichts anderes als: den Sonntag findet man bei jeder der zweiundfünfzig Wochen, in jeder Woche ist er mit inbegriffen. So löst sich dann der dem Anscheine nach unvereinbare, aber aus dem Wesen des Rätsels verständliche Widerspruch zwischen den Zahlbestimmungen 52 einerseits (V. 2) und 14 andererseits (V. 7). Damit wird auch der Doppelsinn V. 3 aufgehellt (vgl. Roethe a. a. 0. S. 617). Der Sonntag gehört jeder einzelnen Woche für sich und zugleich allen gemeinsam: er ist immer der gleiche und doch immer ein anderer, ein echter und feiner Rätselzug, den ich bisher nirgend anderswo nachweisen kann. Reinmar 188:

Nu merket, wa$ da3 si, durch Got,

da^ da nie erstarp unt ist doch ewiclichen tot,

noch nimmer mac ersterben, da% rate ein man! ich rate

ej, ob ich wil. Bruoder, swester e3 beide hat, 5 da% ein tumber leie, waene ich, unerräten lät:

ist ir ab eteslicher, der e3 errät, sora is* t> doch niht vil. Dirre wunder ich iuch underscheide: sei unt Up so hät da% wunder beide, durch wunder ich da3 wunder schribe: 10 wand e$ ist Wunders gar genuoc. ich sach die vrouwen, diu truoc, unt wart doch nie geborn von wibes übe.

Roethe schließt sich S. 253, wenn auch widerwillig, der von Wilmanns und Fresenius unabhängig gefundenen Lösung „Schreibfeder" an. Er weist zur Bestätigung der Richtigkeit auf V. 9 hin: durch wunder ich da% wunder schribe.

Er versteht unter der sele V. 8 unter Berufung auf ein Rätsel bei Clajus das dünne Häutchen im Federkiel (a. a. 0. S. 617)43. Aber er betont auch die gänzliche Bedeutungslosigkeit von V. 2 und 4 für die Lösung „Schreibfeder". Dazu kommt, dass sich Reinmar von der Unnatur der späteren Spruchdichter, durch solche nichtssagenden Phrasen ihre Erfindungsarmut zu verdecken, noch im ganzen freihält.

Vor allem aber widerspricht V. 11: ich sach die vrouwen, diu ez truoc der Deutung „Schreibfeder" durchaus. Das ist doch eine sehr merkwürdige Ausdrucksweise, von ihr zu sagen, dass man sie ,,trägt"44.

Ich glaube, der Schuh ist gemeint. Reinmar schildert ihn nach seiner je nach den Umständen wechselnden Verwendung durch den Menschen bald als tot, bald als lebendig. Das ist ein uralter Rätselzug, wie seine weite Verbreitung in fast ganz Europa von Island bis Italien beweist, vgl. die Nachweise bei Wossidlo S. 301 zu Nr. 337b, denen noch folgende Parallelen hinzuzufügen sind: ein englisches Rätsel im Book of merry riddles, London 1629, Nr. 32, Shakespeare-Jahrbuch XLII, S.13, ferner ein neugriechisches Schuhrätsel Zs. d. V. f. Volksk. XIV, 96 (ebenda ein albane-sisches) und drei isländische, Arnason Nr. 47, 272, 418. Schon im Straßburger Rätselbuch heißt es vom Schuh S. 17, Nr. 179: Was ist des tags voll und des nachts holl?

Ein Tiroler Volksrätsel vom Schuh, Zs. d. V. f. Volksk. V, 156 Nr. 143, ist eine schlagende Parallele zu Reinmar V. 2 und 3:

Es lebt und lebt nimmer,

Trägt Leib und Seel immer45.

Die „Brüder und Schwestern" des Schuhes (V. 4) sind dann die Zehen jedes Fußes. Als fünf Brüder werden die Zehen dargestellt in einem Volksrätsel aus SchleswigHolstein, Zs. d. V. f. Volksk. VI, 413:

Antonius, Antonius,

Sitt mit sien veer Bröider int blaue Huus.

Dat Huus is enk, de Wänden sünd maer,

Antonius brikk sikk en Lokk hindaer;

Antonius wull sikk de Welt besehn,

Kar blot so'n grouVn Blokk an't Been.

Als zwanzig Schwestern werden Zehen und Finger verbunden bei Ärnason Nr. 1057. Reinmars Bild hat also nichts Befremdendes. Gleichwohl kann ich es als bruoder und swester für die Zehen sonst nicht belegen46.

• Reinmar 205:

1. Kain und Abel; 2. Die Eisbrücke: Sonne und Wind. Ein bruoder stnen bruoder sluoc, e da^ ir beider vater wart geborn, den ungefuoc den sol ein wtser raten: wan da3 was ein wunderlich geschiht. Dar nach ich eine brugge sach, 5 diu wart in einer naht geworht über einen breiten bach: swa$ künege üf erde lebt, die wurhten alle solcher brugge niht. Do quämen zwene, die die brugge brächen unt die beide nie kein gesprächen: den einen sach man unt niht horte, 10 den andern hört man unt niht sach: waerz al der Werlte ein ungemach, der beider craft die brugge gar zerstörte.

Dieses Doppelrätsel, das wie Tannhäusers Rätselspruch H. M. S. II, 97b, XVI ganz getrennte Stoffe miteinander verbindet, hat bereits Roethe a. a. 0. S. 621 gelöst (s. 0.).

Die biblische Frage V. 1—3 zählt zu jenen, wie sie seit den Joca Monachorum zum festen Bestand jeder Rätselsammlung gehören. Vgl. außer Roethe S. 621 Wossidlo Nr. 411 und dazu die vielen Nachweise S. 34447.

Am nächsten kommt Reinmar der Anfang einer offenbar von ihm beeinflußten Strophe des Pseudo-Marner H.M. S. II, 253b, 26: Kain mit unminne Abel stnen bruoder sluoc üf ungevuoc.

Zu V. 4—6 von der Brücke vgl. man außer Roethe S. 621 vor allem Svend Vonved, Grundtvig: Danmarks gamle Folkeviser I, S. 247, Str. 43, 1: Huor da er broen bredist? 47, 1: Isen er broen brediste, ebenso Wossidlo Nr. 815: Wecker brüch versteh keen timmermann to maken?

dat ies und Zs. d. V. f. Volksk. III, 71, Nr. 2 (ein märkisches Rätsel).

V. 7—12: Zum Wind, den man nicht sehen kann, vgl. Vafprüdnismäl 36, 3:

Hvapan vindr of komr säs ferr väg yfir? de menn hann sjalfan of sea;

The Riddles of HeracJitus and Democritus, London 1598 Nr. 3 (Sh.-Jb. XLII, S. 32):

Many a man doth speake of mee, Bat no man euer shall me see.

Sonne und Wind sind schließlich zusammengestellt bei Rutsch Nr. 4. (Vgl. Nachtrag.)

Reinmar Nr. 220: Der Gedanke: Wil ieman raten, wa% da% si?

est lihter danne ein loup unt ist noch swaerer danne ein bli, est groe^er danne ein berc, gevüeger danne ein cleine3 muggelin Da% selbe schoenet mannes leben, 5 kan ouch mannes schoene vil der ungetaete geben: so vorhteges noch so liebes wart nie mer: nu rät, wa%

mac da$ sin? Est e ze himel danne ein ouge winke;

ist so swaer, swenne e% beginnet sinke, daz al diu werlt niht widerwuoge: 10 e% ist ouch so gemege wol e% sluffe durch ein nädelhol: est beren48 grö3, swenne e% verlät die vuoge.

Die richtige Lösung, der Gedanke, fanden Haupt z. Engelh. 284 und Dietrich H. Zs. XI, 458 (Roethe S. 623 ff.). In allen Einzelheiten kann ich das Rätsel nicht nachweisen. Zu V. 2: „schwerer als Blei" verweise ich auf ein neugriechisches Rätsel vom Verstand, Zs. d. V. f. Volksk. XIV, 95: Schwer ist's wie Eisen, süß wie Honig, doch läßt sich's nicht wiegen noch schmecken49.

Zu V. 7 vgl. außer Roethe S. 624 Arnason Nr. 260:

... i ökunna heima hlaup eg preyti... ä peim lief eg skipti d aiignabragäi,

und Arnason 278:

Fugl ein veit eg fljügandi, fullting vaengs sä parf ei neins, ä himni, jörd og helviti hann gat verid undir eins50.

Der Gedanke als Symbol höchster Schnelligkeit ist ein uralter, schon Homer bekannter Zug, vgl. R. Köhler: Schnell wie der Gedanke, Euphorion I, 47—51: Die Phaiakenschiffe sind wxsioa st 7TT£pöv tje votj^oc; ferner eine Rätselsammlung v. 1644, Zs. d. V. f. Volksk. XX, 82 Nr. 9: Was ist das Allergeschwindeste auf der Welt? Des Menschen Gedanken und ein bretonisches Rätsel bei R. Köhler a. a. 0. S. 50:

Qui va vite, plus vite, le plus vite? Le vent, la lumiere, la pensee.

Damit sind die Rätsel Reinmars von Zweter erschöpft. Auf die Neckfragen in Str. 158 gehe ich nicht ein; wohl aber ist darauf hinzuweisen, dass ein Gleichnis Reinmars sich späterhin fast wörtlich ebenso als Rätsel wieder findet, gewiß ein merkwürdiger Fall: Vgl. Reinmar 85:

Et, ist ein wäe, der lät sich waten

das lamp und muot, der helfant da bl swimmen mit unstaten: der wäc ist dem helfande gar ze tief, dem lambe vürtic wol. Der wäc der ist der Cristentuom, 5 den man einvaltic waten sol äne üppiclichen ruom; der helfant ist der tumbe man, der mer wil wiföen dan er sol.

Man ziehe dazu Ärnason 721:

Hvert er päd hid fagra fljöt, er fillinn (der Elefant) sweimar inni, lambid vedur lägt ä föt? Leystu ür gätu minni?

/

Noch besser paßt Ärnason 966: Ich sah das Lamm das Meer durchwaten, ohne Schaden zu leiden, aber der Elefant mit seinem raschen Fuße fiel und kam darin um.

Lösung: Das rote Meer, als Pharao und die Israeliten durchzogen.

Diese Deutung gehört ursprünglich einem ganz andern Stück an, das zuerst unter den Rätseln des byzantinischen Dichters Psellos auftritt (11. Jahrhundert), vgl. Boissonade, Anecdota Graeca III, 431, noch im lebenden Volksrätesl eine weitverbreitete Frage: Vgl. Wossidlo Nr. 413 mit Anm.:

Wasser war das schloss und holz war der schlüssele der jäger jagt das wild, das wild ist entgangen und der jäger wart gegangen.

Lösung: Durchzug der Kinder Israels durch das rote Meer.

Die beiden angeführten isländischen Rätsel gehen sicherlich ebenso wie die angehängte Lösung auf gelehrte Vermittlung zurück.

2. Tannhäuser, H. M. S.II, 97b, XVI:

Es sluoc ein wip ir man ze töde und al ir kint geswinde sluoc si ze töde, seht, das was dem man unmäsen zorn: ze töde sluoc er si her wider und alles gesinde sluoc er ze töde: doch wurden sider kint von in gebor ji.

5 Got hies werden einen man, der nie geborn wart von vrouwen libe. die vater noch die muoter nie gewan, die nam er im ze wibe. darnach ein hunt erbal, 10 das Hute, die dö lebten, hörten sinen schal.

diu erde ist höher danne der himel, das hänt die wisen

meister wol bevunden hie vor in manigen stunden.

ein kint das sluoc den vater sin, dö es in der muoter was, dö er den andern kinden sanc von Gote unt in die rehten wärheit las.

Dieser barocke Spruch schließt fünf Rätsel ein. Sie sind bis auf den Aufgesang gelöst: V. 5—8: Adam und Eva, V. 9—10: Hund in der Arche Noah, V. 11—12: Der Leib Christi im Abendmahl, V. 13—14: Die Ermordung des Thomas Becket in der Kathedrale zu Canterbury (29. Dez. 1170), vgl. Roethe H. Zs. XXX, 419, Siebert, Tannhäuser, Inhalt und Form seiner Gedichte (Berlin 1894), S. 109 ff. Den Aufgesang wollte R. M. Werner, H. Zs. XXXI, 363, so lösen:

„Gemeint ist Eva, welche durch den Apfelgenuß den Tod in die Welt brachte, d. h. also ihren Mann und ihre Kinder totschlug; Adam aber rächte sich gleichsam, indem er auch von dem Apfel aß und dadurch Evas und ihres Gesindes Tod verursachte." Aber es spricht gegen Werners

Erklärung der Umstand, dass mit V. 5 offenbar ein neues Rätsel beginnt, und dass schon an sich die Annahme, V. 1—4 behandelten den gleichen Gegenstand wie V. 5—8, wenig wahrscheinlich ist. Gerade Tannhäusers Neigung zum Grotesken, zur Häufung innerlich ganz getrennter Dinge würde das wenig entsprechen.

Ich hatte zuerst an die Geburt der Viper gedacht, die nach dem Marner XV, V. 310 ein beliebter Vortragsstoff der mhd. Fahrenden war. Aber Professor Baesecke hat mir seine berechtigten Bedenken gegen diese Lösung ausgesprochen. Er selbst schlug die Deutung: Tag, Nacht, Stunden vor. Sie wird wahrscheinlich gemacht durch durch Wossidlo 498:

Es sind ein paar mit mann und weih,

sie haben beide einen leib,

wo der eine kommt, muss der andere weichen (Tag u. Nacht).

Das Motiv des gegenseitigen Sichgebärens ist sehr alt: Schon in einem griechischen Rätsel, vermutlich des vierten Jahrhunderts v. Chr., erscheinen Tag und Nacht als Schwestern, die einander erzeugen: Athen. X, 451 f., Ohlert a. a. 0. S. 127:

sigi xaatyvTjTat. Siaacd, TJ [licl TIXTCL

TY)V £T£paV, aUTY) Ss T£XOUG* U7TO TTjcSs TSXVOUTOU.

Von den Fragen nach Adam und Eva V. 5—8 und dem Hund in der Arche Noah V. 9—10 gilt dasselbe, was ich zu Reinmar 205, V. 1—3 bemerkte: sie sind Gemeingut aller größeren Rätselsammlungen. Sie gehören jenen klösterlichen Fragebüchlein an, deren Anfänge sich bis ins siebente Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Vgl. Wölfflin-Troll, Joca monachorum, Monatsber. d. kgl. preuß. Ak. d. Wiss. 1872, S. 106 ff. und 109 Nr. 2: Quis est mortuus et non est natus? Adam; ferner Wilmanns, Disputatio Pippini cum Albino, H. Zs. XIV, 543 Nr. 97 (dazu S. 554), dann

Loewenthal, Studien zum germanischen Rätsel. 5 in einem lateinischen Fragebüchlein des neunten Jahrhunderts H. Zs. XV, 168 Nr. 20 und. S. 174, in einer proven-zalischen Fassung derselben Art Bartsch Germ. IV, 310. Freidank 19, 9—12 steht Tannhäuser am nächsten:

der eine mensche was ein man,

der vater noch muoter nie gewan.

der ander vater nie gewan

noch muoter und quam doch vom man51.

Die Frage vom Hund in der Arche, dessen Bellen die ganze Welt hörte, kehrt fast wörtlich ebenfalls bei Freid. wieder, 109, 10—11: An einer stat ein hunt erbal,

da^ eT, über al die werlt erschal.

Sie erfreut sich bis heute nicht geringerer Beliebtheit. Oft tritt für den Hund der Esel (so schon in der Interpol, bei Freid. 109, 11, 12), bisweilen auch ein anderes Tier ein. Vergl. die Weimarer Hs. des 15. Jahrhunderts b. R. Köhler, Kl. Sehr. III, 506 Nr.6, Wolfenbüttler Hs. Nr. 268, Booke of merrie Riddles, London 1631, Sh.-Jb. XLII, S. 53 Nr. 6 (hier ein Hahn), Wossidlo 648, Pf äff: Volkskunde im Breisgau (Freiburg i. Br. 1906) S. 97 Nr. 281.

V. 11—12: Die Lösung „Der Leib Christi im Abendmahl" fand Roethe zu Reinmar I, 62, H. Zs. XXX, 419.

Vgl. damit die Scherzfrage aus Baden (Pfaff, a. a. O. S. 97 Nr. 284): Was ist größer als der Himmel ? Die hintere Kirchentür, da geht der Himmel an Festtagen heraus.

V. 13—14: Die Ermordung des Thomas Becket. Diese nicht gerade leichte Lösung verdankte Roethe einem lateinischen Hexameter bei Mone, Anz.VIII, 316, der dasselbe Rätsel mit beigefügter Lösung enthält:

Patrem progenies occidit matris in alvo, seil, qaando Anglici interfecerunt S. Thomam.

Inhaltlich nahe steht diesem Rätsel der Schluß des folgenden französischen, Rolland Nr. 272 c.:

Un corps baptise sans ante tinta si fort qii'il reveilla un corps ä demi mort, le corps ä demi mort se leva, passa sur les corps morts, entra dans le sein de sa mere et n'en sortit qu1 apres avoir avale son pere. — La cloche reveilla le pretre qui traversa le cimeti&re, entra dans Veglise et y com-munia. (Vgl. Nachtrag.)

3. Wizlaw III. v. Rügen, H. M. S. III, 79b, 5;

Nu rate ein wtser, wa% dat3 st? ct, wont uns al gemeine bt

und ist uns allen undertän, doch ist e3 unser here. Et, ist gröz, wan e$ uns wert 5 und ist noch kleiner den ein ert

und tuot uns maniger hande walt mit siner ummekere. Das isi s° rieh, niht sin gelich weis ich im übe, 10 dar zuo so cluoc, mit stner vuoc tribt es man von wibe. vollenkomene maht e5 hat und git ze allen dingen rät 15 und ist tumber wan ie iht wart, nü räte dise lere.

v. d. Hagen M. S. IV, 719 bemerkt zu dieser Strophe lakonisch: ,,Der Dichter bezeichnet sie als lereu. Ett-müller in seiner nd. Textausgabe des Dichters verzichtete ebenfalls auf eine Deutung und schwankte bei der Erklärung des vierten Verses zwischen der Übersetzung: es ist groß, „bis es uns wird, in unsere Gewalt kommt", oder „bis es uns gewährt". Th. Pyl, Lieder und Sprüche des Fürsten Wizlaw v. Rügen S. 47, von vornherein irregeführt durch seinen Glauben an die rein nd. Mundart des Dichters, gab für seine Lösung blöd in der Bedeutung „Blut, Blüte, blödsinnig" (!) eine sprachlich und sachlich gleich unmögliche Begründung, auf die ich nicht näher eingehe. Roethe a. a. 0. S. 350 weist auf Anklänge des Spruchs an Reinmar 220 (Der Gedanke) hin und will beide Gedichte auf volkstümliche Rätsel zurückführen. Ich glaube in der Tat, es ist auch hier der Gedanke gemeint.

Gewicht erhält diese Vermutung vor allem durch Freid. 115, 20:

Etfn wart nie heiser also rieh, mit gedanken si ich im gelich.

Man vergleiche damit Wizlaw V. 8:

das ist rieh, niht sin gelich weis ich im übe52.

V. 4: Is ist gros> went i3 uns wert2 fasse ich anders auf als Ettmüller: es ist groß, weil es uns schützt, d. h. vor verkehrten Dingen warnt. Damit kommt auch erst der Gegensatz zum folgenden Vers heraus: „und ist noch kleiner als eine Erbse".

Daß ein abstrakter Gegenstand zugrunde liegt, kann schon nach der für die spätere Spruchdichtung typischen farblosen Zeichnung der ganzen Strophe angenommen werden. Zu dem Gegensatz: groß-klein V. 4 und 5 vgl. Reinmar 220, 3: est groeser danne ein berc, gevüeger danne ein deine?, muggelin.

V. 6: und tuot uns maniger hande walt mit slner um-mekere. Ich habe ummekere nach I auch in den Text gesetzt, nicht tumben kere wie v. d. Hagen. Ich verstehe darunter die Unbeständigkeit der Gedanken, den jähen Wechsel von freud- und leidvollen Empfindungen. Vgl. Reinmar ebenda V. 5 und 6:

es kan ouch mannes schoene vil der ungetaete geben: so vorhteges noch so liebes wart nie mer.

Das Rätsel enthält, somit nichts, was der Deutung „Gedanke" widerspricht.

4. Hardegger, H. M. S. II, 136b, 12 (Bartsch, Ld. S. 241, V. 1—15):

Ich bin üf einer verte, da mich niht erwenden mac, ich rite unz an die herberge einen iegeslichen tac, es si trucken, es si nas, ald swie diu wasser vliesen in den landen. 5 In vürhte ouch niht die morder also gros 11171b här-> noch die rouber üf den sträsen, wisset das für war! Ich las ouch niht durch küniges has noch durch die vürsten, ob sVs wolden anden. Wolten mir's danne gräven wem 10 und al die vrien, die uns sint gesessen, ob die zein ander wolten swern,

dar zuo die werden dienestman, der ich niht sol vergessen, und ouch die starken stete in al der Werlte rehte gar: dien irten mich der verte niht, 15 die ich da muos und ouch ungerne var.

Uhland Sehr. III, 304 Anm. 118 gab zu dieser Strophe die Deutung „Fahrt zum Tode", deren Richtigkeit ich zu erweisen hoffe. Das irdische Leben, als unvermeidliche Pilgerreise dargestellt, ist ein der mhd. Dichtung geläufiges Bild. Schon Walther sagt in dem schönen Spruch 100, 24 der Frau Welt Lebewohl mit den Worten:

Got gebe dir, vrouwe, guote naht: ich muoT, zer herberge varn,

vgl. dazu Hardegger V. 2:

ich rite unz an die herberge einen iegeslichen tac,

d. h. täglich komme ich dem Tode näher:

media vita in morte sumus: da$ bediutet sich alsus, da?, wir in dem töde sweben, so wir aller beste waenen leben,

Arm. Heinr. V. 92—96.

Der Kolmas klagt M.F. XVII, 121, 6:

wir varn eine strafe

die nieman verbirt,

wir suln durch niht entölen,

wir bereiten den wirt,

der uns hat geborget da her mangen tac,

dazu Hard. V. 1: Ich bin üf einer verte, dä mich niht erwenden mac ... ich lä3 ouch niht durch küniges hat5 u. s. f.

Der Marner (ed. Strauch) mahnt den Sünder XIV, 2, V. 24: sich vür dich die strafe wie du die zem töde kerst; derselbe (Anhang) XV, 19b, V. 9: diu strafe ist üzer mä^eti breit, diu die kurzen tagereise wiset üf des tödes zil...

V. 20: ich bin üf der vart, dar ich sol und ouch muoz und ouch gerne wil.

Die Übereinstimmung mit Hard. 14, 15 ist schlagend. Als eine pflichtgemäße Fahrt zum Tode faßt schließlich auch Bruder Wernher (hrsg. v. Schönbach, Wiener SS.

Bd. CXLVIII und GL) Spruch Nr. 24 das Leben auf: V. 6:

swenne er uns wil gebieten üf die langen hovevart, da mehte wir tören kiesen bi,

das uns niht mü vlise enzü uf dise reise reiten.

Zu Spruch 52 zeigt Schönbach, dass diese aus Predigt und kirchlicher Lehre stammenden Vorstellungen Gemeingut waren53.

Zur Fortdauer des Zuges erinnere ich an Kleists Prinzen von Homburg IV, 3: Das Leben nennt der Derwisch eine Reise. Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter. (Vgl. Nachtrag.)

5. Reinmar der Fiedler, H. M. S. II, 161a, I:

Es was ein künic, gewaltic unde riche,

der sas in einem lande, das was michel unde breit;

Site pflac er gar vil lasterliche

unde minnef erge: tugende wären im vil leit.

5 Des gewan er doch darümbe michel arbeit: er wart vertriben und weise beliben,

wan das von im sü besser maere wart geseit54.

Unabhängig von Roethe A. D. B. XXVIII, 98 habe ich die Strophe auf den Herzog Friedrich den Streitbaren von Österreich, den letzten Babenberger, gedeutet. Die Irreführung künic statt herzöge gleich im Eingang der Strophe erklärt sich wohl einfach als bewußte Vorsichtsmaßregel des Dichters gegen Anschläge auf seine Person bei Entdeckung der tatsächlichen Beziehungen seines Rätsels. ,,Im Sommer 1236 war Herzog Friedrich II. geächtet und aus seinen Ländern vertrieben worden; er verlor Wien, und Kaiser Friedrich II. traf Anstalten, Österreich und Steiermark in den Besitz seines Hauses zu ziehen" (Schönbach z. Bruder Wernher Nr. 37, Wiener SS. 148).

Auf diese Vorgänge spielen V. 6 und 7 an. V. 8 bezieht sich wohl darauf, dass Friedrich, als er wieder in den Besitz seines Landes kam (1239), sein Verhalten zu den Dienstmannen ausdrücklich änderte, auf das offenbar die Eingangsverse der Strophe hindeuten: Vgl. Schönbach z. Bruder Wernher Nr. 555.

6. Raumsland, H. M. S.II, 369a, 456.

Ren ram rint, rehte raten ruoch nach meisterlichem orden,

wie mac das wunderliche wunder sin genennet?

Et, was ein kint und wart ein man und ist ein kint geworden:

da% wunder ist vür wunder wunderlich erkennet.

5 Et, ist ein ren der wildekeit, ein ram der unbehende,

der zühte ein rint.

vor alter get eT, hinder sich, sin lop hat widerwende.

da$ wunderkint

treit grä gevar gestopfil här üf kindes kinne: 10 eT, ist genant — nu rate, wirstu des namen inne.

„Die Auflösung Marner ist in C. von alter Hand an den Rand geschrieben" Strauch z. Marner S. 2. Es ist ein Vexierrätsel, das den Namen des Verspotteten in umgekehrter Buchstabenfolge aufführt (V. 1) und nach seinen einzelnen Silben ausdeutet (V. 5), also, wenn man will, eine Charade. Wir haben schon zu Reinmar 186, 10 darauf hingewiesen. Beim Meißner H. M. S. III, 91a, 18 werden wir einen ähnlichen Scherz treffen, ebenso bei Hermann Damen. Roethe a. a. 0. S. 228 und 252 betont, dass solche Spielereien gerade den mitteldeutschen Fahrenden eigentümlich sind. Zu ihrem Alter vgl. Führer, Sanskriträtsel, Zs. d. morgenländ. Ges. XXXIX, S. 99—102, Ohlert a. a. 0. S. 166, 16757.

Den Rätselkampf zwischen Raumsland und Singauf H.M.S. III, 49a, 3, in dem jener diesem ,,ein unverständliches und unverständiges Rätsel korrigiert" (Roethe A.D.B. XXX, 99) ziehe ich nicht heran.

7. Hermann Damen, H. M. S. III, 164b, 10: Gegen glanzer sannen blüender zwi entslös sich nie so schöne alsam ein ritter wandels vri gegen dem löne, 5 den ere ze gebene hat. Er hat geleit Up unde guot durch sie üf eine wäge, alsam der selbe hiute tuot, der kein zage 10 ist lobelicher tät.

Sam das grie3 von touwe durchgOTßen blüemt den plan, also blüemet sin herze diu tugent, sunder wän: jö hän ich in genennet hie, ist das merken kunnen, 15 der wissende unzuht nie begie: so versunnen ist er üf eren rät.

Es ist ein Lobsprüch auf Johann von Gristow, dessen Geschlechts- und Vornamen der Dichter in V. 11 und 13 rätselartig versteckt hat (vgl. Roethe S. 252 und besonders seine Ausführungen zu den Lobsprüchen S. 225 ff.)58.

8. Meister Stolle, H. M. S. III, 9a, 30:

Des ich so lange gewiinschet hän da her al mine tage, des hän ich al ze vil, da$ ist mins senden herzen klage und bite ouch aller tegelich den süezen Got, da% ich sin me gewinne.

5 Als ich sin me gewinne, ich wolle sin gerne minner hän: ich wolte minen vinden geben, e ich e5 den vriunden wolte län.

sine wart ouch nie kein man so rieh, erne vorhte sere, da$ eg im entrinne; ich engaebe dar ümbe niht ein ort, 10 da% ich sin richer wan ein keiser waere: e$ ist ein ungenaemer hört,

e$ enbringet niht wan siuften unde klageliche swaere und komet doch ze jungest endellchen üf den tac, ine gaebe sin niht ein phenninewert umb alle3, 15 da% ein künic geleisten mac.

Roethe fand S. 254 für diese dem Volksrätsel sehr nahestehende Strophe die Lösung: das Alter. Zu seinen Parallelen a. a. 0. Anm. 313 füge man Freid. 51, 13: Wir wünschen alters alle tage, so's danne kamt, sostniwan klage; Wossidlo 396: Jeder wilVt Warden un keener wilVt wäsen; Andree, Braunschweiger Volkskunde S. 358: Jeder wellt weren un keiner wellt sin.

9. Meister Kelin, H. M. S. III, 20b, 3:

Mir loufent valsche hunde vor und jagent, da3 in ist tiure. mit listen volge ich irme spor und vüere doch, das sie jagen.

5 Ir ist kleine, die jagent die rehten vart. vert was es unde ist hiure. äne danc so muos ein hovewart vor siebtem winde er zagen. Der valschen hunde ist al ze vil, 10 der rehten ist gar kleine.

ein siebter hunt wol mac und wil erjagen das al e^ne-das wilt ist hoher vürsten spil: wis man, rät, was ich meine.

v. d. Hagen IV, 708 hat diesen Rätselspruch ganz mißverstanden. Er sagt: „die ihm (nämlich dem Dichter), dem treuen Hofwart, vor lauf enden Windhunde sind wohl seine Kunstgenossen"...

Er identifiziert also die valschen hunde V. 1 mit dem siebten wint V. 8 und den hovewart V. 7 mit clem Dichter. Damit aber ist der Sinn des Spruches geradezu umgekehrt.

Kelin will sagen: Schlechte Hunde wollen erjagen, was ihnen versagt ist, während ich es besitze. Nur wenige jagen auf rechter Fährte: so war es früher und ist es noch heute. Doch muß, mag er wollen oder nicht, ein schlechter Hofköter [hovewart!] dem edlen Windhunde [siebtem winde!] den Platz räumen59. Nur sind der falschen Hunde allzu viel. Ein edler Hund vermag allein das Wild zu erjagen, wäre es leider nur nicht hoher Fürsten Spott.

Daß die Strophe gegen die niedern Fahrenden gerichtet ist, hat schon v. d. Hagen gesehen. Das Wild ist jedenfalls die Kunst, d. h. die Kunst im Sinne der Spruchdichter, und die falschen hunde die künstelose diet, die ungebildeten Fahrenden, ihre gefährlichsten Mitbewerber um die Gunst der vornehmen Herren, die diese nur leider zu oft den „Meistern" vorziehen. Kelins Angriff ist typisch für die Spruchdichtung überhaupt, vgl. Roethe a. a. 0. S. 186 ff. Kelin, H. M. S.III, 21b, 9: Des ich dich vräge, sage mir da3, so weis ich, du bist wise. redestu's, ich läse es äne has und dar zuo sunder nit: 5 ein künic e3 niht betwingen mac üf wa^er noch üf ise:

hat gewalt naht unde tac selten eT, stille lit.

Ein ieslich mensche hat e5 ein teil, 10 eT, ist reine unde unreine

ct, vüeget vromen und darzuo meil, eT, wirt gros unde kleine, nieman es bindet äne seil besunder Got al eine.

Strauch gab zu Marner XV, 9 die richtige Lösung Die Zunge (S. 177 z.V. 176und v. d. HagenIV, 709); ebendahat er zu dem in der mhd. Spruchdichtung so häufigen Motiv der Strophe: die Zunge nach ihren guten und bösen Eigenschaften, viele Belegstellen zusammengetragen. Ich verweise darauf, sowie auf meine spätem Ausführungen zu Marners Zungenrätsel (vgl. auch Roethe zu Reinmar 94).

Hier führe ich folgende Parallelen an: Zu V. 8 selten es stille Ut vgl.WossiDLO 68c: zige, zige, zipp, ickheffn ding, dat wippt, sitt twischen twee knäken, kannst wippen nich läten. Zu V. 10, 11 Freid. 165, 7: von der zungen dicke kamt, das beide schadet unde frumt. Zu V. 12, 13 Jac. 3, 5—8: Et ita lingua modicum quidem membrum est et magna exaltat... Linguam autem nullus hominum domare potest (Bezzenberger zu Freid. 164, 3, 4).

10. Boppe, H.M. S. II, 380a, 11:

Gros ein gebirge Capitänja hat das lant, mosic and mesic, Lüsitänia60 genant, dar üf ein walt gewahsen vollen dornic. Dar inne wont ein warm von wunderlicher aht: 5 swanne der erzürnet wirt in siner ahte maht, er schüefe wol, es würde ein rise zornic. sin munt hat gran und niender zene. sin hals ist kurz, ören und ougen kleine, sich, mensche, dar nach dich niht senel 10 unvuoric Up, und ist gar an gebeine. zwei horn stänt an der stirne sin, dä mit er manigen vreclien hat betwungen. er ist küener dan ein eberswin erne hat herze leber noch die langen. 15 sehs äne vüeze bein er hat61, gemessen sunder eile, sin zagel ist spitzic und niht lanc, träc ist sin ganc,

die siten smal, sin rügge rüch: das rate, swer dä welle.

Wilmanns A.D.B. III, 149 hat die Lösung „Laus" gegeben: „Interessanter als seine Angaben über allerlei wunderbare Tiere ist die sorgfältige Beschreibung des grimmen Wurmes, der in dichtem Walde im Gebirge Capitania haust. Diese Schilderung — nicht der gleißnerischen Geistlichkeit, sondern des treuesten Tieres, das den Verbrecher selbst am Strange nicht verläßt, ist wenigstens aus dem Leben gegriffen."

Tolle, Der Spruchdichter Boppe (Göttinger Dissertation, 1887), hat diese Deutung ganz übersehen und begnügt sich S. 33 mit der Vermutung, es sei vielleicht ein allegorisches Tier gemeint.

Ist Wilmanns Erklärung richtig, wie ich zu erweisen hoffe, so fällt Boppes Rätsel damit aus der Reihe seiner mhd. Geschwister völlig heraus; denn eine so wirklichkeitsgetreue und dazu mit witzigen Einzelzügen ausgestattete Zeichnung eines sinnlich wahrnehmbaren Gegenstandes ist einzig in der gesamten Spruchpoesie bis Frauenlob.

Gleich der Eingang seiner Strophe ist ein alter, über Europa hinaus verbreiteter, noch heute fortlebender Rätselzug: der Schädel des Menschen als dicht bewachsener, wildreicher Wald.

Der Umschreibung des Kopfes als das Land Capitänja entspricht eine fast ebenso gebildete Kenning in einem neuisländischen Volksrätsel: Da rühmt sich der Kamm:

Eina parf eg hjälparhönd hardnar rimman brdda rikid heitir Höfdaströnd, sem hefi eg til forräda:

Ärnason Nr. 174. Eine gewiß überraschende Ähnlichkeit des Ausdrucks. Das Bild des Haarwaldes findet sich schon in einem spätgriechischen Rätsel von der Laus, Anthol. Palat. XIV, 19 (Ohlert, S. 143): sISov syco ttots

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v)7üt£to y<xiy)<;. Wir treffen es wieder sogar in einem arabischen Rätsel, in der siebenten Makame des Hariri, Fried reich, Geschichte des Rätsels S. 168, und in andern Rätseln des Mittelalters, lateinisch in einer Tiroler Hs. aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts, Anz. f. d. A. XV, S. 143 Nr. 7: In densis silvis venor cum quinque catellis u.s.w., französisch bei G. Paris in seiner Vorrede zu Rollands Sammlung S. XI.

Ein Beweis für die Zähigkeit, mit der Rätsel der neuern Zeit das Bild bewahren, liefert Heidfelds Sphinx, der den eben angeführten Hexameter der Tiroler Hs. unter der Rubrik De Arboribus et Herbis (!) bringt (7. Auflage 1616), S. 211. Auch das ältere, neuenglische Rätsel kennt es, vgl. — um nur ein Beispiel anzuführen — Booke of merrie Riddles, London 1631, Sh.-Jb. XLII, S. 58 Nr. 38. Vor allem aber hat das Volksrätsel der Gegenwart diesen ehrwürdigen Zug mit immer neuer Belebung und fast unerschöpflicher Phantasie um- und fortgebildet. Vgl. nur etwa Wossidlo Nr. 164 a—i: da ist der Kopf bald eine Grasweide mit fetten Ochsen, bald ein Dornbusch (walt... vollen dornte, Boppe!) mit kleinen Vögeln, ein Berg mit Schafen, sogar mit weißen Schafen, eine Wiese mit wilden Tieren, ein Wald mit Hasen und Füchsen, Hirschen und Rehen, eine Heide mit marschierenden Soldaten, ein Tanzsaal für Alt und Jung. Mit dem ihm eignen, hart die Karikatur streifenden, an die gata Edd. Min. Nr. 32 gemahnenden Witz hat ein isländisches Rätsel (Ärnason 730) unser Motiv besonders geistreich umgestaltet. Es möge diese Reihe schließen:

Hvert er päd matbord, sem hefur meira vit en allir peir,

sem sitja vid päd? — Mannshöfud med lüsum.

Die weitere Schilderung des grimmen „Wurms62" V. 5 bis 18 kann ich nur in verstreuten Einzelheiten anderswo nachweisen.

Der hübsche Zug V. 5—6, dass er, gereizt, selbst einen Riesen in Zorn bringen könnte, kehrt, abgeschwächt und entstellt, in dem Rätsel eines unbekannten Verfassers Kolm. Hs. Nr. XXXVII, V. 6 wieder, der durch diese und noch handgreiflichere Anleihen seine Abhängigkeit von Boppe und damit auch seinen Gegenstand deutlich verrät.

Sagt Boppe V. 5: swanne der erzürnet wirt in siner ahte maht, er sehüefe wol, ej würde ein rise zornie, so dichtet sein Nachahmer V. 6: e5 twingt ein fürsten wol in sinem zorne. Fährt Boppe V. 11 fort: zwei hörn63 stänt an der stirne sin, so ändert der Ungenannte V. 3: üf sinem houpt treit es zwei seharpfe hörne. Reimt Boppe V. 16, 17 gane: lane, so auch der Unbekannte V. 4, 5, wiederum zugleich mit Verschlechterung des Sinnes64.

V. 13 stellt Boppe die Laus an Kühnheit über den Eber: sonst genießt die Fliege diesen Ruf, schon Freid. 145, 23, 24; Stricker ed. Hahn XIII, 46 ff; Rolland Nr. 83; Wossidlo Nr. 574 (vgl. Nachtrag).

Mit V. 17: träe ist sin gane, spielt der Dichter wohl auf die Anhänglichkeit des ,,treuesten Tieres an, das den Verbrecher selbst am Strange nicht verläßt", ein wohlbekanntes, noch heute lebendiges Motiv, vgl. das ältere

Spruchgedicht von Salman und Morolf, v. d. Hagen-Büsching, Deutsche Gedichte des Mittelalters S. 49, V. 449 bis 451; Wackernagel H. Zs. III, S. 32 Nr. 38; Butsch Nr. 202; Wossidlo 601, auch 598.

Aber das berühmteste und älteste Rätsel von der Laus, der noch heute lebendige Scherz: Was wir fangen, werfen wir weg, und was wir nicht fangen, tragen wir heim, der Homer nach einer schon fünfhundert Jahre v. Chr. bekannten Anekdote das Leben gekostet haben soll, scheint, wenigstens nach unserer Strophe, Boppe unbekannt gewesen zu sein1. Das ist um so merkwürdiger, als er sicher schon im Mittelalter auch in Deutschland volkstümlich war. Denn er findet sich in der Wolfenbüttler Sammelhs., D. T. d. Ma. XIV, S. 45 Nr. 313 unter der Überschrift: Humerius poet der hing sich. Sogar die Umgebung, Homer unter den Fischern, ist in dieser merkwürdigen Strophe bewahrt, in welcher der Dichter selber mit komischer Kürze mitteilt, weshalb er den Strang gewählt hat. Wie es sich aber auch mit Boppes Kenntnis dieses Rätsels verhalten mag, die peinlich genaue Beobachtung und Beschreibung seines Gegenstandes scheint sein literarisches Eigentum zu sein.

Boppe, H.M. S. II, 380a, 12:

Rät an, was da% si, wol gelerter wiser man! hab iemer großen danc, der e3 geräten kan: e?, ist geborn näch rehtes menschen bilde, e?, ist mager unde lanc, gar breit ist sin gewalt, 5 est an dem muote junc und an den jären alt,

im ist diu barmherzikeit vil wilde, eg niuget elliu tiutschiu lant und lät doch wenic ieman mit im niesen, eg hat geroubet und gebrant, 10 eg künde ouch hoher eren ie verdrießen, swä eg sich dicke nider lät, dä wuestefg gerne, dag wil ich verwetten, wan mir des maniger bl gestät, und ziuge eg an die burger in den steten. 15 eg zürnet hie und süenet dort, sin lachen ist gehiure. eg reiget den, eg weig wol, wen:

ich waene, deig ze raten si den tören allen tiure.

Wir haben hier einen politischen Spruch in der Form des Rätsels, wie wir ihn schon bei Reinmar dem Fiedler angetroffen haben.

Bereits v. d. Hagen hat diese Strophe IV, 696 auf Rudolf von Habsburg und V. 9—14 auf die verheerende Fehde zwischen dem König und dem Markgrafen Rudolf von Baden im Jahre 1276 gedeutet. Tolle a. a. 0. S. 22 schließt sich v. d. Hagen ohne nähere Begründung an. Seine Annahme läßt sich noch durch weitere Merkmale stützen.

Wiederum zeigt Boppe gleich im Eingang, wie gut er beobachtet. Seine Schilderung der äußern Erscheinung des Gegenstandes V. 4 eg ist mager unde lanc deckt sich genau mit andern zeitgenössischen Äußerungen über Rudolfs Gestalt. So beschreibt das Chronicon Colmariense M.G.SS. XVII, 240 den König: Erat hic vir longus corpore, habens longitudine Septem pedes, gracilis, vgl. Boehmer-Redlich, Regg. Imp. VI, S. 10 und 0. Redlich, Rudolf von Habsburg (Innsbruck 1903) S. 128 ff.

V. 6—8 geht auf Rudolfs auch bei andern Fahrenden übel beleumdete, aber doch wohl von ihnen und Boppe übertriebne Kargheit, vgl. Stolle H. M. S. III, 5a, 11; Schulmeister von Eßlingen H. M. S. II, 138 a, III, Roethe a.a.O. S. 228, Redlich a. a. 0. S. 731, Anm. 2.

Mit der Deutung von V. 9—14 hat, wie oben bemerkt, v. d. Hagen wohl das Richtige getroffen: Diese Zeilen spielen wahrscheinlich auf des Königs weithin verwüstende Fehde mit Rudolf von Baden an. Sie begann im Mai 1276 und erstreckte sich örtlich noch über Schwaben, Franken und das Elsaß hinaus, Regg. Imp. VI, 554a; Gontin. Vindob. SS. IX, 707.

V. 15 es zürnet hie und süenet dort darf man wohl auf die Versöhnung zwischen König und Markgrafen beziehen, die am 30. Juni 1276 erfolgte, Regg. Imp. VI, 554a und 567.

V. 16,17: es reiset den, es weis w°l wen &eht vermutlich auf den endgültigen Bruch zwischen Rudolf und seinem mächtigsten Gegner, Ottokar von Böhmen, über den der Habsburger am 24. Juni 1276 die Oberacht verhängte, zugleich mit förmlicher Kriegserklärung (daher: es reiset den) an den Böhmenkönig, Regg. Imp. VI, 565a.

Als vermutlichen terminus post quem für die Entstehungszeit des Spruches gewinnen wir somit den Juni 1276. Dazu stimmt auch die Angabe V. 5 est an dem muote june und an den jären alt1. Rudolf, 1218 geboren, zählte also damals 58 Jahre.

Die etwas unorganisch eingeflochtene Phrase V. 15: sin lachen ist gehiure paßt gerade zu Rudolfs Charakterbild gut: ist uns doch von der ihm eignen Leutseligkeit, von seinem Humor so manche hübsche Anekdote überliefert, vgl. Redlich a. a. 0. S. 129, 731, vor allem aber 681.

Boppe, H. M. S. II, 384b, 565:

Ein tier in Normanie gät, das schöne kunst so wunderlich erzeiget hät: das mu03 des ersten trinken e danne essen. Darnach so tuot es wunder me: 5 es muos zem ersten essen danne es schisen ge: der zweier tagende kan es niht vergessen, blüc66 es ist vor mittem tage, im zittert sin gebeine, swanne es kumt über den mitten tac, so doenet es, das niht vor im gehoeren mac. 10 das tier sich selten vinden lät al eine.

Ein Tier, auf das die obige Schilderung paßt, findet sich weder im griechischen Physiologus noch bei Konr. v. Megenberg.

Ich hatte ursprünglich „Mensch" geraten und in der Strophe einen letzten, verstümmelten Ausläufer des griechischen Sphinxrätsels gesehen, aber das geht nicht an.

Prof. Baesecke schlug die Deutung „Wassermühle" vor, die ich in wesentlichen Zügen stützen zu können glaube.-Normanie freilich gibt auch dieser Erklärung gegenüber sein Geheimnis nicht preis67. Es ist wohl eine ebenso bedeutsame Benennung wie Lüsitän oben.

Vgl. Wossidlo 510 Die Bockmühle:

Ich weiß ein groß und schrecklich Tier68,

hat Füße und der Fittich vier.........

kann selten ohne Gesellschaft sein (vgl. Boppe V. 10)

er (!) frißt und wird nimmer satt (vgl. Boppe V. 5).

Doch was das Wundersamste ist, es lebt der Herr von seinem Mist.

Vgl. ferner Wossidlo 405b (S. 303): Wat schitt witt vorün Barch? Die Mühle (vgl. Boppe V. 5).

Noch nähere Verwandtschaft mit Boppes Rätsel zeigt folgendes isländische Stück bei Ärnason Nr. 739:

Hvert er päd troll, sem tyggur mat manna bergmäl berjandi, sem brimöra heyri, um hjölgadd hlaupandi hvirfilförum

og faedu forbetradri frä ser rydur?

„Wer ist der Troll, der die Speise der Menschen zerkaut (vgl. Boppe V. 5) und einen Widerhall ertönen läßt, als hörte man eine Wildente (vgl. Boppe V. 9) ? Um eine Radachse dreht er sich im Wirbel und entledigt sich der verbesserten Nahrung (vgl. Boppe V. 5)."

Daß die Mühle erst zu doenen anfängt, wenn sie das Korn mahlt, bestätigt Ärnason Nr. 901, V. 3 und 4:

Sobald sie die nötige Speise in sich aufnimmt, beginnt sie zu sprechen.

Da es sich in den angeführten Beispielen nicht um Wassermühlen handelt, so darf es nicht wunder nehmen, dass der Zug: es trinkt, bevor es iszt (Boppe V. 3), uns nicht begegnete.

V. 10 läßt sich anstandslos auf die Bewohner der Mühle, Müller und Müllerin, deuten.

Ich glaube somit, diese Lösung wenigstens wahrscheinlich gemacht zu haben.

11. Meißner, III, 91a, 1869:

Aleke bat Cunzen, dem ein friunt gab hehte, in Kriekenlant man nam üf pfant, quam rehte schalkes tat vor Xristopher ym zuo selbe sprach. Diz liet aller buoche buochstabe besliuget;

5 sliug üf den sin, din kunst des wol geniuget: Paris, Padouwe, Sälerne e des selben jach. In disem liede suochet lere: Ein wiser man der hat verloren sinen namen. Marn was sin fleisch, grög was sin ere; 10 swer mir den nennet, der ne darf sich des niht schämen; ein itslich kunster räte in disem liede: wie hieg der man? der snepfe in deme riede wil wilde sin, des mac man selten in gezamen.

Diese Strophe spielt ähnlich wie die des Raumsland (s. o.) mit dem Namen des Marner, dessen Silben sie vexierend in V. 9 versteckt. Außerdem hat der Meißner in den Anfangsbuchstaben der V. 1—3 vorkommenden Wörter das ganze Alphabet untergebracht. Er ist ein besonderer Freund solcher Spielereien. In einer zweiten Strophe H. M. S. III, 101b, 3 benutzt er den vermutlichen Vornamen des Marner Chuonrät zu ähnlichen Scherzen (vgl. Strauch S. 3 ff.):

Ein snelles rat lief unde rat, das selbe rat treip Chuonrät, der buoch unrät, guot was der rät. nu rät den rät mit muosen.

(Durch die ganze Strophe geht dieses Spiel mit den rührenden Reimen).

In einer dritten Strophe, die ich nicht besonders verzeichne, ergibt jeder einzelne Vers, je nachdem man ihn abteilt, einen andern, und zwar den entgegengesetzten Sinn (H.M.S.III, 97b, 4).

Außer diesen Wortspielrätseln finden wir beim Meißner auch ein Sachenrätsel:

H. M. S. III, 109a, 270:

Merket alle ein gros wunder unde hoeret niuwen sane, ein äventiure das ist merkens wert: es ist ein wunderliches kunder, 5 es ist starc unde kranc,

es ist noch tiure hiute als vert1. es enist nu noch enwart nie, es enwirt ouch nimmer, unde hät noch die werlt hie, 10 jä weret es ouch immer.

man mac es schouwen alle tage, es ensprichet niht und hat doch sage, es ist allen creatiuren bi: nü rätet alle, was das wunder si.

v. d. Hagen vermutet IV, 722 „Der Schatten". Erläuterungen zu jedem Vers werden die Richtigkeit dieser Deutung beweisen.

V. 5 geht auf die je nach den einzelnen Gegenständen wechselnde Größe des Schattens oder besser noch auf seine vom Stand der Sonne abhängige Gestalt: ein sehr alter Zug, schon bei einem griechischen Tragiker des 4. Jahrhunderts v. Chr., Athen. Deipnos. X, 451e f., Ohlert a. a. 0. S. 85:

V. 3 aXX' sv [i.sv ysveast, 7rpo)to<j7r6p<o Igt! {jisyioTY),

Iv Ss [LSGCiLq ayc{Lcdc, (jiixpa, yvjpa Ss Trpog ocut<5

fxopcpvj xal [/.sys^si (jlsi^wv toxXiv IotIv a7uavircov.

V. 6 es ist noch tiure hiute als vert kann ich sonst nicht nachweisen: er kennzeichnet, dass der Schatten nicht körperlich vorhanden ist71.

V. 7 und 8 schildern ebenfalls die Wesenlosigkeit des Schattens, ein auch schon in dem obigen griechischen Rätsel vorgebildetes Motiv: V. 1 Tic, cpueis ouft' ögoc youoc <pspeL Tpocpoc; ou&s oga 7tovto<;, aber auch sonst sehr verbreitet, so ist unserer Strophe sehr ähnlich bei Butsch Nr. 145: etwas ist nichts und nichts ist etwas... Antwort: der schatte von der sonnen oder eins Hechts ist ein schein eins dings und doch an ym selbs nichts; Bielenstein Nr. 161: Was ist ein reines Nichts und doch sichtbar? 162: Fleisch ist's nicht, Knochen ist's nicht, und doch kann man es sehen; 403: Einen Körper hat*s nicht, und doch ist es sichtbar; Wossidlo 372b: Fällt wat irCn soot un plumpt nich. (Vgl. Nachtrag.)

Zu V. 9 und 10 vgl. Heidfeld, Sphinx S. 60: Res una in pelago et telluris in omnibus oris nascitur; Arnason 551: Hverr er sä sem hleypur daupur heims ä lädi?

V. 11 betont wie die vorigen Verse die Untrennbarkeit des Schattenbildes von allem, was lebt. Vgl. die zu V. 7, 8 angeführten lettischen Rätsel, ferner das italienische Zs.

d. V. f. Volksk. VI, 281 Nr. 58: Qual equellacosa che si vede e non sipuo prendere? Ombra; französisch: Rolland Nr. 19a, deutsch Wossidlo 390: Mit Augen kann man's sehen, mit den Händen nicht greifen. V. 12 e% ensprichet niht unde hät doch sage geht darauf, dass der Schatten die Gebärden und Bewegungen jedes Wesens widerspiegelt. Ähnlich sagt ein spätgriechisches Rätsel vom Spiegel, Anthol. Palat. XIV, Nr. 56, Ohlert S. 144:

7)v 8* s^sXvjq, XaXso 96)v9)c; St^a* aol yap U7uap^si,

90VT), sjjiol 8s (jLOCTTjv avoLyofXsva.

V. 13 es ist allen creatiuren bi deckt sich genau mit folgender Stelle eines arabischen Rätsels vom Schatten: Mit jedem sich vereintes (vgl. Friedreich: Geschichte des Rätsels, S. 176, Nr. 6); vgl. ferner Wossidlo 393: Ik hefft, du hestH uri>n ollen klotz hettH, oewer uns herrgott hetft nich; Rolland 19c, d; dazu noch das folgende, schwer übersetzbare, isländische Rätsel Ärnason Nr. 461:

Hvad hetu hundar karls,

sem i afdölum bjö?

Annar het af öllu,

en annar ä öllu. (Skuggi og Litur.)

Betrachtet man Meißners Rätsel als Ganzes, so wird man es nicht gerade als gut bezeichnen können. Von einem Streben nach Verlebendigung des Gegenstandes ist keine Rede, überall das gleiche, eintönige e^, ein einförmiges Grau-in-Grau ohne jede bestimmtere Färbung, die einzelnen Merkmale roh und unvermittelt nebeneinander gestellt, wie es typisch ist für eine ganze Reihe von Spruchdichterrätseln. Der Gegensatz „groß und klein" V. 5 erinnert an Reinmar v. Zweter 220, V. 3; an Wizlaw H. M. S. III, 79b, 5, V. 4, 5; Kelin H. M. S. III, 21b, 9, V. 10: ^ wirt gröz unde kleine.

12. Der wilde' Alexander, H. M. S. III, 27a, 4. Dies ist wohl die schwierigste aller mhd. Rätselstrophen, ein politisches Rätsel voll dunkler Anspielungen, die ganz auszudeuten seit v. d. Hagen IV, 666 bis heute merkwürdigerweise niemand auch nur versucht hat. Die Strophe ist nur in I überliefert.

Ein hirte enbant72 stnen tobenden hunt; des get beschorn unde ungesunt manic schäf üf dürrer weide, ein lieht erlasch ze Megenze sider, 5 dö vlouc ein ar mit leide wider, doch quam im tröst nach leide: Ze Pülle ein listic slange erstarp; der Elbe minne der Rin erwarp: das vuogete ein tübe ze73 Brüneswtc. 10 sich vröuwete der wolf missetät ze Swäben, da% in Beiern gät ein staetic74 mül unrehten sttc.

v. d. Hagens Erklärungsversuche IV, 666 sind derartig verworren und voller Widersprüche, dass ich darauf nicht näher eingehe. Nur soviel, dass Kaiser Friedrich II. der „Aar" V. 5 schon deshalb nicht sein kann, weil er allen Grund gehabt hätte, sich über das „Erlöschen des Mainzer Lichtes" (V. 4) zu freuen, unter dem dann nur der Tod seines hartnäckigen und mächtigen Feindes, des Erzbischofs Siegfried III. v. Eppstein, am 9. März 1249 verstanden sein könnte.

Späterhin hat Wilmanns A. D. B. I, 337 V. 8 und 9 auf die Ehe zwischen König Wilhelm von Holland und

Elisabeth von Braunschweig am 25. Januar 1252 bezogen. Aber diese Deutung scheitert an den Voraussetzungen des Spruches V. 6 ff. Wenn mit dem Rheine, der der Elbe Minne erwarb, König Wilhelm von Holland gemeint ist, kann Alexander unmöglich von ihm gesagt haben: seine Trauer schlug in Freude um, als ,,eine listige Schlange" in Apulien starb (V. 6 und 7). Denn diese Schlange wäre dann notwendigerweise ja niemand anders als Innozenz IV., (1243—1254), der am 7. Dezember 1254 in Neapel verschied. Aber gerade den leidenschaftlichen Bemühungen dieses Papstes vornehmlich dankte doch Wilhelm seine kurze Königsherrlichkeit. Der Tod dieses Mannes war sein Verhängnis. Der Widerspruch liegt auf der Hand. Außerdem hätte Alexander den „Pfaffenkönig", den Innozenz selber „unser Pflänzchen" nannte75, kaum als ar bezeichnet.

Man könnte einwenden: wer sagt denn, dass der ar V. 5 und der Rln V. 8 eine Person sind, in diesem Falle Wilhelm v. Holland ? Nun, dann bleibt ja doch nur Konrad IV. übrig: wer aber ist dann der Mainzer Erzbischof, um dessen Tod er trauert (V. 4, 5) ? Von dem Nachfolger Siegfrieds von Eppstein, Christian II., gestorben 21. November 1251, ist es nicht bekannt, dass er sich der staufischen Sache tatkräftig angenommen habe76. Vor allem aber! Wenn mit dem ar Konrad IV. gemeint wäre, wie hätte er sich über den Tod Innozenz IV. freuen können, da er sechs Monate vor dem Papst, am 21. Mai 1254, starb?

Also ein Dilemma, aus dem es kein Entrinnen gibt! Alle diese Zeitansätze sind unmöglich.

M. E. spielt der Rätselspruch auf geschichtliche Ereignisse und Personen einer viel spätem Zeit an, nämlich der Jahre 1285—88, mit andern Worten des letzten Jahrzehnts Rudolfs von Habsburg. Ich gebe zur Begründung meiner Auffassung eine knappe Darstellung der historischen Geschehnisse, die, wie ich zu beweisen hoffe, der Strophe zugrunde liegen. Für das Folgende vgl. 0. Redlich, Rudolf von Habsburg (Innsbruck 1903), S. 692 ff.

Das Jahr 1285 wurde eingeleitet durch zwei aufsehenerregende, fast gleichzeitige Ereignisse: den Tod Karls von Anjou, Königs von Sizilien, am 7. Januar, und seines tatkräftigsten Förderers, des Papstes Martin IV., am 28. März. Kaum hatte der neue Papst Honorius IV. den Stuhl Petri bestiegen, so nahm auch Rudolf von Habsburg seine lange gehegten, immer wieder vertagten und doch nie aufgegebenen Absichten auf die Erwerbung der Kaiserkrone wieder auf. Im Anfange des Jahres 1286 ging unter Leitung des Bischofs Heinrich von Basel eine Gesandtschaft an den Papst ab, die einen Termin für die Kaiserkrönung und die Entsendung eines päpstlichen Legaten nach Deutschland erwirken sollte, um die Angelegenheit in Rudolfs Sinne zu fördern. Dank der ungewöhnlichen Gewandtheit des Baseler Bischofs Heinrich von Isny nahmen die Unterhandlungen einen günstigen Ausgang: Papst Honorius setzte den 2.Februarl287 als Tag der Kaiserkrönung fest und ernannte den Kardinalbischof Johannes von Tuskulum zum Legaten für Deutschland. Aber gerade dieser Mann wurde zum Verhängnis für Rudolfs Pläne. „Von seinem ersten Auftreten an ließ er kluge Rücksicht und Mäßigung vermissen" (Redlich a. a. 0. S. 699). Am 20. September 1286 kam er in Basel an. Auf der nun folgenden Rundreise an den deutschen Bischofshöfen und Klöstern bezeichnete er seinen Weg durch unerhörte Erpressungen und Forderungen für seine eigne Person und erzeugte gegen sich in ganz Deutschland eine furchtbare Erbitterung: Das Nationalkonzil von Würzburg, das König und Legat zur Bewilligung der für die Romfahrt erforderlichen Geldmittel zum 9. März 1287 einberiefen — der ursprüngliche Krönungstermin war verschoben worden —, wurde gesprengt. Die leidenschaftlichen Sturmszenen innerhalb der Versammlung pflanzten sich bis auf die Straße fort, und nur mit knapper Not wurde der Legat vor den Ausbrüchen der tobenden Volkswut geschützt77. Er flüchtete aus Würzburg und verließ noch Sommer 1287 Deutschland.

Welch ein Maß von Erbitterung sich gegen ihn angesammelt hatte, zeigt u. a. folgende Äußerung der Annales Colmarienses maiores M.G.SS. XVII, 213: Legatus The-otonie in Methin se transferebat, quia furorem Theu-tonicorum non immerito metuebat.

Ebenso urteilte der Domherr Jordanus von Osnabrück: Er hat durch seine eigne Schuld ganz Deutschland herausgefordert (Redlich a. a. 0. S. 705).

Ihren stärksten Niederschlag aber fand diese Stimmung in der Chronik eines elsässischen Geschichtsschreibers Ellen-hardi Chronicon M.G.SS. XVII, 129: ich hebe die wichtigsten Stellen heraus: Postea vero anno Domini 12872 mense Octobri dracho quidam montes transiens Ytalicos, trahens sub cauda sua tertiam partem stellarum, id est magnam partem eorrup-torum prelatorum,... dominus videlicet Johannes Tuscu-lanus episeopus, in partibus Allemannie a domino Honorio papa legatus, trahens eaudam suam venefieam per totum regnum Allemannie, et multos sua symoniaea infecit pravitate. Er geht von Basel nach Straßburg und führt hier eine Reihe von Neuerungen ein, die er sich alle gut bezahlen läßt. Dann heißt es weiter: Abhinc ille insatiabilis, oculos habens Argi, versus Spiream cepit iter, et ab illa eivitate Wormatiam venit, auxilio tarnen Ruodolfi regis Romanorum.

Er beruft dann das Nationalkonzil nach Würzburg: In quo concilio convenerunt omnes archiepiscopi, episcopi, abbates et alii ecclesiarum prelati... per totum Allemannie regnum, una cum domino Ruodolfo, Romanorum rege, sub cuius alis ille insaciabilis legatus tutissimus ibat, sperantes se scientiam doctrinamque veram ab ipso legato recepturos1 quia a fönte vero, id est, a sede apostolica, rivulus emanavit, licet tarnen omnem suam intentionem fundaverit super uno, quod dicitur moneta, aurea argenteaque illamque monetam statuerit ante oculos suos, in ea fiduciam habens plenam, utpote vendendo Patrimonium Crucifixi fronte elata... Der Bischof von Toul steht nach dem Erzbischof von Köln auf ad collisionem tendens draconis... ipsius legati crimina et actus nefarios detegendo, et similiter contra eum et suos actus illico ad sedem apostolicam appellando...

Das mag genügen. Nur noch soviel, dass der furor Teutonicus gegen diesen Legaten noch fünfzig Jahre später nachzitterte in der Warnung: ,,Denn hat nicht der Kardinal Boccamazzi zur Zeit König Rudolfs ganz Deutschland in Verwirrung gestürzt?" Redlich S. 70578.

Dieser Mann nun ist, glaube ich, der tobende hunt des Meisters Alexander, von diesem Ausgangspunkt aus wird auch auf die andern Anspielungen des Spruchs ein erhellendes Licht fallen. Ich gehe die Strophe Vers für Vers durch: V. 1—3 umschreiben die Entsendung des päpstlichen Legaten Johannes von Tuskulum durch den hirten Hono-rius IV. (1285—87) und seine unheilvolle, ganz Deutschland erschütternde Wirksamkeit.

Mit dem Bild der geschorenen und blutenden Schafe auf dürrer Weide (V. 2)79 spielt Alexander wohl geradezu auf die für kleinere Kirchen und Klöster fast unerschwing-liehen Lasten an, zu denen sie der Legat zwang. So mußte z. B. das arme Kloster Schliersee 10 Mark zahlen und infolge „dieser übermäßigen Prokurationen" eine Mühle verkaufen (Redlich S. 69980).

V. 4 und 5 können dann nur hinzielen auf den Tod des Erzbischofs Heinrich von Mainz81 am 17. oder 18. März 1288 und die Trauer Rudolfs von Habsburg um seinen Verlust. Ein schwererer Schlag als dieser konnte Rudolf nicht treffen. Der frühere Minoritenlektor Heinrich von Isny — so hieß er nach seinem schwäbischen Heimatsort — war seit 1274 des Königs treuester, bedeutendster, vielbewährter Berater gewesen, gleich ausgezeichnet in seiner Tätigkeit als Kirchenfürst wie als Staatsmann, Diplomat und Krieger82. Dazu kam, dass der König ihn gerade damals dringender als je brauchte, um die Wahl seines Sohnes nach seinem Tode zu sichern, Redlich S. 718. Der erstaunliche Aufstieg des einstigen Bettelmönches vom Mainzer Minoritenlektor zum Mainzer Erzbischof umgab ihn weit über die geistlichen Kreise hinaus mit dem Schimmer der Legende und steigerte die geheimnisvolle Anziehungskraft des Bruders „Knoderer", wie ihn das Volk nach dem Gürtelstrick seiner Ordenstracht nannte. Vgl. Redlich S. 600—603; Will, Regg. z. Gesch. der Mainzer Erzbischöfe, S. LXXXII ff.; Th. Lindner, Deutsche Geschichte unter den Habsburgern und Luxemburgern I, 62.

Diese ungewöhnlich glänzende Erscheinung kann also Alexander mit gutem Recht als lieht bezeichnen, ja, vielleicht hat dieses Bild noch den feinen Nebensinn, dass Heinrieh auf seinem letzten Posten nur eine kurze Spanne zu walten vergönnt war. Erst Frühjahr 1286 hatte er den Mainzer Stuhl bestiegen (Redlich S. 446), und schon am 18. März 1288 war ,,sein Lebenslicht erloschen" (Redlich S. 718).

Aber weiter! Doch quam im tröst nach leide, ze Pülle ein listic slange erstarp fährt der Dichter fort. Diese Stelle läßt sich chronologisch nicht ganz überzeugend in den von mir vermuteten, geschichtlichen Rahmen spannen; aber die Annahme ist wohl nicht zu gewaltsam, dass sich in der Rückerinnerung des Dichters an die Ereignisse der Jahre 1285—88 ihre zeitliche Abfolge etwas verschoben hat. Dann aber kann über die „listige Schlange", die in Apulien starb, kein Zweifel sein: es ist Karl von Anjou, der erste König von Sizilien, der am 7. Januar in Foggia bei Neapel verschied (Loserth, Geschichte des späteren Mittelalters S. 20583). Mit der beschimpfenden Bezeichnung Alexanders vergleiche man die Äußerung der Annales Siculi, die hier freilich Partei sind, zum Jahre 1282, das mit der sizilischen Vesper seine Gewaltherrschaft brach: M.G.SS. XIX, 500: Ab isto Carolo usque ad hodiernum diem fuerunt alia facta in nostra insula; quae vere non fuerunt probitates dominorum, sed potius calliditates.

Aber auch in Deutschland war Karls Leumund kein guter. Die Ann. Colm. SS. XVII, 210 schreiben zum gleichen Jahre: Rex Aragoniae et cives Messani Carolum, fratrem regis Franciae, de suis finibus turpiter expulerunt. So vertritt Alexander hier durchaus die Volksstimmung.

Außerdem mußte aber der Tod Karls Rudolf sehr gelegen kommen: wußte er doch, dass der Anjou aus naheliegenden Gründen seine Kaiserkrönung nie gern gesehen hätte. Nur die Rücksicht auf den Papst hatte den deutschen König zu dem an sich unnatürlichen Bündnis mit jenem getrieben, so Lindner a. a. 0. I, S. 54.

Doch war das nicht die einzige Freude, die der „Aar" in seiner Trauer erlebte: V. 8, 9: der Elbe minne der Rin erwarp, daz vuogete ein tübe von Brüneswie.

Wenn die andern Ansätze stimmen, kann nur die Vermählung gemeint sein, die der junge Otto II., Herzog von Braunschweig - Lüneburg, im April 1288 mit Mech-tild, der Tochter des Herzogs Ludwig von Bayern, Pfalz -grafen bei Rhein, und Enkelin Rudolfs von Habsburg in Ingolstadt feierte. Um 1266 geboren (A.D.B. XXIV, 675), regierte Otto seit 1282 sein Lüneburger Herzogtum selbständig , in dauernden Fehden mit dem Bischof von Hildesheim, mit Brandenburg, Sachsen, ja mit seinen eignen Dienstmannen. Da griff der König ein, um Schlimmeres zu verhüten, und stiftete diese Heirat, deren Vertrag am 19. April 1287 zu Burglengenfeld in der Oberpfalz abgeschlossen wurde (Redlich S. 669 ff).

Es folgen die drei letzten und schwierigsten Verse. Ich hatte so interpretiert: Es freute sich der Wolf zu Schwaben des Unrechts (das darin bestand), dass in Bayern ein (sonst) zuverlässiges Maultier auf falschen Weg gerät.

Der Wolf von Schwaben scheint der junge Graf Eberhard von Württemberg zu sein, das Haupt des schwäbischen Aufstands von 1286—87, ein Mann von feurigem, streitbarem Sinn84, von dem eine spätere Sage erzählte, er sei seiner Mutter aus dem Leibe geschnitten worden, und sie habe ihm sterbend prophezeit, solange er lebe, werde kein Friede in Schwaben sein, P. Stalin a.a.O. S. 458 Anm. 2.

Bis 1285 stand Eberhard äußerlich mit dem König auf gutem Fuße, wenn auch der fehdelustige Mann schon 1281 Rudolfs Eingreifen durch verschiedene Räubereien von seiner Burg Ehrenstein aus veranlaßt hatte, Redlich S. 438, 556 ff. Erst jetzt, als des Habsburgers Ziel, die Erneuerung des alten Herzogtums Schwaben, immer unverhüllter hervortrat, scharten sich um den damals zwanzigjährigen Grafen die württembergischen Adligen seiner Partei. Es kam Ende 1285 in Schwaben zu einer allgemeinen, verheerenden Fehde, die, im Juli 1286 vom König notdürftig beigelegt, im September desselben Jahres neu aufflammte. Zum drittenmal bricht der Württemberger den Landfrieden, den der König am 24. März 1287 zu Würzburg erneuert hatte, und erst am 23. Oktober 1287 wurden die Zwistig-keiten zu Eßlingen endgültig geschlichtet. Man sieht, Eberhard der ,,Kecke" hätte die Bezeichnung wolf wohl verdient.

Aber wer ist nun das staetic mal in Bayern, über dessen Fehltritt sich der Schwabe freut ? Die Quellen berichten nichts von der Beteiligung eines bayrischen Großen an der württembergischen Erhebung gegen den König, aber auch nirgends etwas davon, dass ein sonst treuer Anhänger Rudolfs in der Zeit der schwäbischen Fehde, 1285—87, in Bayern Verwicklungen hervorrief, wie V. 10—12 unsers Spruchs vermuten lassen.

Gewiß, gerade Ende 1285, da in Schwaben der allgemeine Aufstand losbrach, entfesselte auch ein bayerischer Fürst, Herzog Heinrich von Niederbayern, seinerseits Unruhen. Er brach den Waffenstillstand mit dem Erzbischof von Salzburg, den er bis zum 6. Oktober 1285 geschlossen hatte, überfiel den salzburgischen Einschluß Mühldorf und zwang am 16. Oktober die Bürger der Stadt zur Huldigung. Der Erzbischof ließ den Bann gegen ihn aussprechen und rief die Hilfe des Königs an: Auf dem Augsburger Hoftage vom 2. Februar 1286 erschien auch der Herzog Heinrich und fügte sich Rudolfs Schiedsspruch (Riezler, Geschichte Bayerns II, 157 ff.). Aber niemals hätte Alexander, wenn er recht unterrichtet war, diesen ehrgeizigen Fürsten, der im Gegensatz zu seinem Bruder Ludwig, dem Herzog von Oberbayern und Pfalzgrafen bei Rhein, zum König zeitlebens eine schwankende, ja vorübergehend offenkundig feindselige Haltung eingenommen hatte, als „verläßliches Maultier" bezeichnen können. Dagegen ist alles in bester Ordnung, wenn man in V. 12 statt staetic stetic — störrisch liest, eine Deutung, die ich Herrn Prof. Baesecke verdanke, vgl. Lexer, II, 1184. Dann ist das stetic mül kein anderer als Herzog Heinrich von Niederbayern.

Die stärkste Stütze aber gewinnen die obigen Darlegungen durch den in I unmittelbar folgenden Spruch: Auch er trägt Rätselform, und das Ereignis, auf das er ganz offenbar anspielt, reiht sich zeitlich den früher erschlossenen eng an.

Er ist zweistrophig. Nur die erste Strophe kommt in Betracht.

H.M. S. III, 27a, 5:

Ein wint waet von Babilön an die starken burc Siön, das ir wende krachen; so starc ist ouch der selbe wint, 5 das in staeten sorgen sint, die der bürge wachen. Nu loese uns von dirre not, der winden unde mere gebot, das ir Ear höchvertiger stürm 10 ruowete von den Worten sin! Sion, las den zwivel din, wand1 krist der ist din staeter türm.

1 I wend.

Mag dieser Strophe auch wie einer ähnlichen desselben Dichters H. M. S. III, 30a, IV, 1 Jesaias 28, 16 zugrunde liegen (vgl. von Fleschenberg, P.B.B. XXXV, 346), so weist doch das Wort Babilön unzweifelhaft auf eine geschichtliche Beziehung.

V. 1—6 deuten auf die Belagerung einer der letzten, christlichen Burgen im Königreich Jerusalem durch den Sultan Kilawun von Ägypten, also auf die Jahre 1289—91. Unter Babilön1 versteht Alexander, den lateinischen Chronisten des Abendlandes folgend, den ägyptischen, nahe bei Kairo erbauten Kalifensitz.

Fraglich ist nur, ob Tripolis (27. April 1289 gefallen) oder Akkon (18. Mai 1291 gefallen) gemeint ist.

Nach unsern Darlegungen muß also Alexander noch im letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts gelebt haben. 13. Der Marner ed. Strauch , (Q. F. XIV). XI, 1 Der Neid.

Ich spür ein wunder dur die lant in gelwer, grüener varwe schin, es hat fuoT,, ougen noch die hant, und wil doch bi den liuten sin, 5 beide armen unde riehen. Es bindet manegen äne bant, es vert die Tuonouwe und den Rin, es treit den herren ir gewant und trinket mit den fürsten win; 10 es kan bi den frouwen slichen.

Es stirbet hie und wahset dort, es vert spät unde fruo, es sleich üf einen boum der ersten megede zuoy

1 Vgl. Kugler, Gesch. der Kreuzzüge S. 406 ff. und zu Babilön Martins Komm, zu Parz. 14, 3; ferner die Regensburger Annalen des Archidiakons Eberhard z. J.1291 SS. XVII, 594: Civitas Accaron, quam solum habebant christiani in terra saneta, obsessa est per soldanem Babylonem (muß heißen sol-danum Babilonie, vgl. Ann. Colm. Mai. SS. XVII, 217, Zeile 9), et per 40 dies et noctes sine intermissione impugnata capta est.

eg sluoe der werlde Vierden teil, und sieht noch ouch 15 vil manegen gouch, rint äne horn.

eg hat vil manic man sin heil, sm Zi/?, sin sei von im verlorn: sag an, wem mac eg sich glichen? Die richtige Lösung „Neid" fand W. Grimm zu Freid. 60, 5, 6:

Gel, grüene, weitin dag sol diu nitvarwe sin;

vgl. Strauch a. a. 0. S. 30 und die Anm. S. 156. Zum Eingang der Strophe ziehe man Bonifatius' Rätsel Cupi-ditas Nr. 11, V. 1 (ed. Dümmler, M. G. Poet. Lat. I, S.9): Cernebam tetrum lustrans per saecula monstrum85. Zu V. 12, wonach die Paradiesesschlange den Neid in die Welt brachte, vergleiche man wiederum Bonifatius, Invidia V. 4: (a. a. 0. S. 13): Viribus atque meis mors introivit in orbem, In paradisi [hjortos quondam dum vipera repsit. Im übrigen verweise ich hier auf Strauchs Belegstellen S. 156.

Marner. XV, 9: Die Zunge.

Eg wont ein wurm in einem hol, der stiftet manic mort, gar arc mac ich in nennen wol, er rüeret bein und schepfet wort, 5 er ist snabelraeger danne ein vipernäter müge sin. sin swanz der ist gelüppes vol, gar giftic ist sin ort: da vor sich guot man hüeten sol. er meinet hie und diutet dort, 10 wilent in dag wagger ist sin gir und wilent in den win.

Hundert tüsent oder me hänt niht wan einen namen. der wise Adam der künde ir einen niht gezamen, dö er viel in schult.

dem selben wurme giht ouch Solomon vil größer ungedult. 15 Davit fluohte im und dar zuo manic wiser man. sit nieman kan in gebinden an,

so binde in doch der gotes ban.

dä zuo sehende in, der mit im % frönem himelriche entran: 20 ich weis wol, da^ sich an im werdent mesten kleiniu würmelin.

Die Lösung „Zunge" stammt von Strauch a. a. 0. S.30, Anm. S. 177, V.161 ff.86 Wie Meister Kelin H. M. S. III, 21b, 9 (s. o. S. 76), so betrachtet auch in seinem freilich viel gelehrteren Rätsel der Marner die Zunge nur nach ihren sittlichen Eigenschaften.

Diese Behandlung des Gegenstandes ist ein uraltes Motiv. Nach Plut. De Iside et Osiride 378 erklang am Feste des Harpokrates (d.h. des Horus) in ganz Ägypten der Ruf: yXwaaa tux^, yXwcaa Sa6(juov. Derselbe Schriftsteller erzählt Conviv. sept. sap. p. 146, dass Amasis von Ägypten dem Bias von Priene ein Opfertier mit dem Auftrage sandte, ihm das schlechteste und beste Fleisch davon zu schicken: Bias sendet die Zunge. Diese Aufgabe kehrt wieder in der vita Aesopi des Maximus Planudes und in Steinhöwels Übersetzung S.53 ff. Vgl. Ohlert a. a. 0. S. 11 ff., Roethe z. R. v. Zw. Nr. 94. Für die Verbreitung des Zuges in mhd. Poesie verweise ich nur auf Roethe a. a. 0. und Strauch S. 177. Der einzige sinnliche Zug in Marners Rätsel, der wurm in einem hol, findet sich wieder, einmal in einem sehr derben Rätsel über denselben Gegenstand, Wolfen-büttler Hs., D. T. d. Ma. XIV, Nr. 265 V. 14: und reckt sich wye ein regenwurm87, ferner in einem Gedicht des Lorichius Hadamarius bei Reusner, Aenigm. (1599) T. 2, S. 95: Abstrusum est aliquid caecis latüatque cavernis, Vivit ut in vasto bestia saeva specu. Wie wirklich volkstümliche Zungenrätsel ihren Gegenstand erfassen, mögen folgende Beispiele zeigen. Wossidlo Nr. 276a: Ganzen stall vull witt pier, dor geWn roden hingsten mang ümher (Zähne und Zunge), vgl. dazu die Nachweise S. 299; Ärnason 597: Was ist das für ein Brett, das immer im Wasser liegt, aber doch nicht fault?; italienisch Zs. d. V. f. Volksk. VI, 278 Nr. 28: Es ist ein Theater mit lauter weißen Sesseln, und inmitten tanzt eine Tänzerin; dem Neugriechen wird die Zunge gar zu einer süßen Nachtigall, die in einem elfenbeinernen Garten schlägt, aber auch — ähnlich wie dem Isländer — zu einem alten Schuh, der ins Wasser getaucht wird, Zs. d. V. f. Volksk. XIV, 95. Das gelehrte yX&aoa tu^?) schimmert noch durch in einem dritten griechischen Rätsel, das die Zunge einer goldnen Schere vergleicht, die bald gut, bald schlecht schneidet. Ganz volkstümlich ist die gelehrte Form geworden bei Rolland Nr. 124: Quelle est la meilleure et la pire des ehoses?, und an Marner V. 5 „spitzzüngiger als die Natter" klingt noch an Nr. 125: Quel est un petit moreeau de chair qui est incon-tinent leve et offenee plus qu'un coup de cousteau? La langue.

Ein dritter Spruch des Marner, in dem er seine Vortragsstoffe aufzählt, schließt mit einem Rätsel:

XV, 16, V. 315 ff.: 315 ein wunder wont dem hove bi mit wunderlichen siten, mit pfäwen schriten und mit menschen triten kan es lagen, lösen, biten;

es hat mit siner zungen wäfen manges herren muot versniten:

320 dem kan ich gesingen niht, min rede ist an im gar verlorn. Strauch S. 30 rät auf die „Lüge".

14. Friedrich von Sunburg ed. Zingerle, IV, 17. Ein frouwe ist starc, schoen unde kranc unt ist da bt gar alt, diu frouwe ist wis, diu frouwe ist tump, der frouwen trüge

ist manecvalt; diu frouwe hat vil grölen88 walt, diu frouwe wunder tuot.

5 Diu frouwe fröuwet unde unfröuwet maneger muoter kint, diu frouwe ist kluoc, für ir kluokeit ist aller frouwen list

ein wint; kein frouwe weder e noch sint gewan so swinden muot.

Diu frouwe ist wunderlich gebildet, ir ist niht gelich: 10 ir buch ist stäl, ir rücke ist bli, ir füe^e vederen rieh, der frouwen namen, meister rät89: den tiuvel hat si ze genomen,

die frouwen hat uns Got gegeben ze schaden unt ze fromen.

Zingerle hat dieses nicht schwierige Rätsel S. 24 auf die Welt gedeutet. Auch diese Strophe rechtfertigt durchaus das harte Urteil, das Roethe A. D. B. XXXVII, 780 ff. über den geistesarmen Schwätzer Sunburg fällt. Zum Motiv verweise ich nur auf Wilmanns zu Walther 100, 24 und Zingerle S. 106.

Die befiederten Füße V. 10 stammen wohl aus der alten Überlieferung von den Sirenen, die sich das Mittelalter ähnlich verlockend und zugleich verderbend dachte wie die Welt und auch in diesem Sinne künstlerisch darstellte: im Hortus deliciarum der Herrad von Landsberg sind es, „musizierende Jungfrauen, denen nur aus dem Gewand unten Vogelfüße schauen", vgl. Wackernagel H. Zs. VI, 153. Als Frau mit Raubtierkrallen erscheint die Welt auf Holzschnitten des 15. Jahrhunderts, vgl. Henze, Die Allegorie bei Hans Sachs S. 74 (Halle 1912).

Sachse, Der Welt Lohn v. K.v. Würzb., Berliner Progr. 1857, S. 16, hält den Bauch aus Stahl und Rücken aus Blei für Sunburgs Zutaten. Das Unmalerische dieser künstlerisch gar nicht darstellbaren Merkmale mag dafür sprechen. Vgl. dazu Reinmar v. Zw. Nr. 99, 100 und Roethe Anm. 293.

15. Freidank.

Als Rätsel erscheinen bei Freid. zwei Stellen, die wir bereits zu Tannhäuser H. M. S. II, 97b, 16 erwähnt haben (vgl. W. Grimm zu Freid. S. CXXII)90.

19,7:

Drier slahte mensche wären e,

dem wirt noch wart nie mensche me.

der eine mensche was ein man,

der vater noch muoter nie gewan [Adam].

der ander vater nie gewan noch muoter

und quam doch vom man [Eva].

diu zwei wunder groeger sint,

dan dag ein maget gebar ein kint

von deme der tuon mac, swag er wil.

109, 8—12:

Ein man sluoc [dag was unheil] al der werlt dag vierteil [Kain]91. An einer stat ein hunt erbal,

dag eg über al die werlt erschal [in der Arche Noah]. [Z^einer zit ein esel luote, dag eg al die werlt muote].

Eine weitere Stelle in Freid. Sprüchen, die W. Grimm nicht erwähnt, steht einer bestimmten Art des Rätsels sehr nahe.

133, 27—134, 5:

Als der sieche den gesunden labet, und der töte den lebenden begrabet, und man verfluocht der Saelden kint und segent, die verfluochet sint: so sult ir wiföen äne strit, das uns kumt des fluoches zit.

Eine ähnliche Verkehrung der Naturordnung ist auch dem wirklichen Rätsel gemäß. Man vergleiche folgende bekannte Frage: Nr. 7 der 42 Rätsel und Fragen, aus einer Weimarer Handschrift des 15. Jahrhunderts. Vgl. R. Köhler, Kl. Sehr. III, 508:

Ein herr het einen lieben bulen

und er schicket seinen knecht

zue ir und ließ sie fragen, wenn

er zue ir solt komen.

do sprach sie zue im:

sag deinem herrn, dass er kum,

wenn all tann lere stien

und all bäum zue samen gien

und wenn das tot das lebendig hat uberwunden.

Die Tannen sind die Krüge, die Bäume die Fensterläden, das Tote und Lebendige Asche und Feuer. Vgl. auch H. Zs. III, 28 Nr. 392. Man weiß, dass das Volkslied diese Art der Einkleidung besonders sinnig benutzt: Uhland Sehr. III, 216 ff.

16. Die Rätsel der Kolm. Hs. Nr. XVII.

Ein anders von dem abe, der obersten zile.

Rät an, wer sint die zwenzie üt, eim lant geborn, schoen üs erkorn, verre üt, Kriechen lande? ob ich sie rehte erkande, 5 hän ich zwen und zwenzie gesehen mit guldinem gewande. es wont ein swacher under in und kumt in dicke ze stiure. Ir sint fünf bruoder und dar nach geswistergit. rät an, wä lit verborgen diz geslehte? 10 ich hän doch ir gebrehte

gehoeret dicke ze mitter naht von mangem armen knehte und von der selben kinde hilf verkouft man näch und tiure. Sie swigen nimmer äne frist, ob in fünf bruoder niht gebrist. 15 ob du wis bist, rät was es ist. es hat vaste in leder genist und füert mit künste solich list,

das sie den keiser twingen noch und sint niht ungehiure.

Auflösung:

20 Künstiger man, du seist von dem geslehte wert üf diser erd, so gar in allen riehen, swä man es mac erstrichen,

das sie betwingen mangen man das er iR muo3 entwichen, 25 und das fuo3 doch sicherlich den keiser müge twingen. Wer sint die fünf gebruoder üser Kriechen lant? hast ir gewant guldin gesehen schöne? sie schrien lüte döne.

30 ich rate dir sie sicherlich, was gistu mir ze löne? das ist das a^c-> dä mite ich dir den rät Volbringen. Die fünf gebruoder, ich dir sag, sint fünf vocäles, nieman mag än ir behag 35 naht unde tag

hän weder ruo noch kein bejag, wan ie kein rede sich ir erwäg.

er muos der fünwer einen hän, swer sprechen wil ald singen.

Gehofter man, die zwenzic ich dir nenne dä: 40 das erste ein ä b c d e genennet, / g i k erkennet,

Imnopqrstvdä mite gerennet, nim ouch das x, so sint ir zwenzic, ob ir rehte zellet. 45 Die zwene ich iu bescheide dä gar offenbar: y gen z zwär, swer die nu rehte schribet. ein sunder swach belibet,

ich mein das hä, an manger stat, nieman es von im tribet. 50 Die fünf gebruoder ich iu sage, das merkent, ob ir wellet: A e i 6 sint sie genant, ein ü ist iu gar wol erkant, ir golt gewant so manger hant, 55 also man sie geschriben vant, und an in sich nie rede erwant,

a/s sie den keiser twingen noch und arme kneht ervellet.

Schrift, Pergament und Feder sind seit alters besondere Lieblinge des Rätsels93, die sich in der verschiedensten Weise miteinander verbinden; bisweilen treten noch Finger und

Augen hinzu. Am nächsten kommt unserm Rätsel ein Stück im Straßburger Rätselbuch bei Butsch Nr. 326:

Ein wunder ding, das ich glauplich hab vernommen, es sein achtzehen frembd geselln yns landt kommen, zu mol schön und seüberlich, doch keyner dem andern gleich, sie haben aller ding kein gebrechen, dan das yr keiner ein wort kan sprechen, und so man sie dan sol verstan, müssen sie fünff dolmetschen hon, on Weichs sie man nit verstatt ein wort, sein der weit zu mol ein grosser hört.

Weshalb es V. 3 heißt: „aus Griechenland", kann ich nicht sagen.

V. 5: Das Goldgewand geht auf das goldgezierte Pergament (V. 17: eg hat vaste in leder genist!). Vgl. RE Nr. 27 Das Buch, V. 13: gierede mec mid golde und Nr. 52 Feder und Finger V. 5—7: Dreäg unstille winnende wiga, se him (den Fingern) wegas taecnep ofer faeted gold.

V. 6: Den Hinweis auf das h als den schwachen Laut kenne ich sonst nicht94. (Vgl. Nachtrag.)

V. 7: scheint mit den „Schwestern" die Konsonanten zu meinen. Die breite und umständliche Auflösung schweigt sich darüber aus. Ein lateinisches Rätsel des Lor. Hada-marius bei Reusner Aenigm. (1599) 2. T., S. 111 zeichnet — jedesfalls nach einem deutschen Rätsel — die Vokale ebenfalls als quinque sodales aus95.

V. 17—19: Die Schrift als rechtliches Zeugnis, als Urkunde, die selbst der Kaiser anerkennen muß, kehrt wieder in einem englichen Buchstabenrätsel unter den „Riddles of Heraclitus and Democritus", London 1598, Sh.-Jb. XLII, S. 36 Nr. 20:

... Yet all togetker we doe so throng, that if a man would list to Striae, Textinguish or to doe us wrong, Were he the greatest prince aliue, We should be found for him to strong.

Ähnlich rühmt sich in einem schottischen Rätsel die Feder:

I make kings that they fall out, I make them agree (Zs. f. d. Myth. III, S. 16).

Kolm. Hs. XXXVII.

Dieser dreistrophige Bar enthält drei Rätsel, die ich einzeln behandle.

V. 1—11:

Ich wei3 ein wunderliche3 tier, ein wiser man erriete e% schier, üf sinem houpt treit e3 zwei scharpfe hörne. E5 hat ein wunderlichen ganc, 5 sin zehen füe3 sint im niht lanc,

63 twingt ein fürsten wol in sinem zorne. Ich sach ein frowen, diu ruorte an mit irem wfyen libe. da$ tier ist wunderlich getan 10 ich sach e3 durch ein fiuwer gän,

und wart doch nie geborn von keinem wibe.

Dies Rätsel von der Laus, ein verschlechterter Abklatsch der Strophe des Boppe, habe ich schon oben besprochen.

Zu V. 7, 8 vgl. Rolland Nr. 82: Qui est-ce qui trouve sa vie dans les bras de celui qui eher che sa mort? Cest une puce.

Der schwierige V. 10 geht wohl auf das Schicksal des gefangenen Tiers, das ins Feuer geworfen wird, ein Zug, den ich anderswo nicht nachweisen kann. (Vgl. Nachtrag.)

V. 11 steht fast wörtlich ebenso bei Reinmar v. Zw. 188,12: unt wart doch nie geborn von wibes übe. (Vgl. Nachtrag.)

XXXVII, V. 12—22.

Ein tierlin das ist zwir geborn, das hat wol me dann siben horn, dar an geloubent juden und cristenliute. 15 das tierlin ist also getan

das e3 hänt frouwen unde man, man dient dä mite vil manger werden briute. Man gert sin zuo der ritterschaft in hoher wirdikeite. 20 es git vil mangen siechen craft, ze wunden ist es wol behaft, got im gebot, das e3 den tiuvel jeite.

Die Lösung ist nicht schwierig: Der Hahn.

V. 12: Konrad von Megenberg sagt im Kapitel von der Henne 195, 15: allez gefügel wirt zwir geporn. von ersten werdent diu air, dä näch die vogel auz den airn werdent geporn.

Butsch Nr. 104: es lebt und leüfft, ist ungeteüfft und zwey mol geborn, sein seil ist verlorn, und hot doch ein sollichs haupt, dar an die gantz weit glaubt.

H. Zs. VIII, 542 ein Rätsel des Hieronymus Emser vom Hahn: Ein prophet zwürend geboren wardt. Rolland Nr. 54, 55, 272b; Wossidlo 427a (dazu S. 306); Ärnason 488: faeddur tvisvar.

V. 13 spielt auf Schnabel und Klauen des Hahns an, ebenfalls ein weitverbreiteter, mehrfach sehr eigentümlich verwandter Zug. Vgl. Book of merry riddles, London 1629, Sh.-Jb. XLII, S. 9 Nr. 9: What is that that hath a beard of flesh, a mouthe of horn and feet like a Griff on? That is a cocke...

In einer schottischen Ballade heischt die Jungfrau von ihrem Freier vier wunderbare Dinge, darunter eines

Sperlings Horn (Klauen und Schnabel), Uhland Sehr. III, 21196.

Ein Meistersingerrätsel sagt von den Füßen des Bären, Heidelberger Hs. 392b: Mone Anz. 1838 Sp. 378 Nr. 307: es tret wol zwainzic hören (beachte auch hier das unbestimmte wol vor der Zahlenangabe!).

V. 14: Vgl. die schon angeführte Parallele des Straßburger Rätselbuchs Nr. 104: und hol doch ein sollichs haupt, dar an die gantz weit glaubt, ebenso Wossidlo 427b97.

V. 15, 16 besagen wohl nichts weiter als: alle Welt besitzt Hühner.

V. 17 erinnert an den im Mittelalter wohlbekannten Brauch, den Neuvermählten in der Hochzeitsnacht das minnehuon oder priutelhuon zu bringen, vgl. Lohengrin 2398 und Bätereau, Die Tiere in der mhd. Dichtung, Leipz. Diss. 1909, S. 26.

V. 18, 19 gehen entweder auf die Verwendung des Hahns als Wappentier, z. B. Meieranz 11 931 (hier ein Kapaun), vgl. Batereau S. 26, oder besser auf Hahnenkämpfe. So rühmt sich schon in einem Rätsel des Aldhelm der Hahn V. 4: Arma ferens pedibus belli discrimina faxo (Aldhelm ed Wright, S. 543 De gallo); ein französisches Rätsel sagt von ihm: Qui est celuy qui a .. .les esperons et rCest point Chevalier? Rolland 51, und der Isländer nennt ihn stolz Stridsmadur, faer spora ä fot ser, Arnason 1028.

V. 20 deutet auf seine Beliebtheit als Speise, wofür wohl Nachweise überflüssig sind. Ich führe nur das Hahnrätsel des Hans Folz an, H. Zs. VIII, 541: Und hatt uns auch dar mit erworben, Dass wir es gern nießen mit wein.

V. 21: Ich beziehe ihn auf den Aberglauben von der Heilkraft des Huhnfleischs bei Schlangenbiß: Konrad von Megenberg 194, 13: diu henn ist auch ain erznei den läuten, die gehecket sint von derselben slangen (gemeint ist die aspis).

V. 22 schließlich mahnt an die Geister vertreibende Macht des Hahnenschreis, Germ. XI, 85 ff.; Eneit 2617 (der Hahnenschrei verscheucht den Geist des Anchises); Batereau S. 26; Hamlet I, 2:

Doch eben krähte laut der Morgenhahn, Und bei dem Tone schlüpft es eilig weg Und schwand aus unserm Blick.

Man sieht, dies Rätsel vereinigt auf engem Räume eine Fülle von Einzelzügen.

XXXVII, 23—33:

Ein tier von höher art geborn da?, hät ouch me wan dri^ic horn 25 e?, treit zwei lebende herze in sinem libe. Et, hät vier hend, vier füe^ vier örn und slihtet mangen grölen zorn und hät ouch teil mit mangem werden wibe; Vier spiegelliehte ougen clär 30 und hät darzuo zwen münde, sin werden blic sint offenbär, e% freut dä mite manc herze zwär. rät, wiser man, hästu der tiere iht künde?

Für die Beurteilung dieses dritten Rätsels ist die Auffassung der Schlußfrage (V. 33) wichtig. M. E. geht aus

Loewenthal, Studien zum germanischen Rätsel. 8 ihr hervor, dass tatsächlich jede Strophe ein besonderes Wesen behandelt98.

Prof. Baesecke sieht in der dritten eine Minneallegorie und deutet sie auf Ehepaar, Liebespaar unter Hinweis auf das Biblische: Ihr sollt sein ein Fleisch: Vgl. Erec 5775 ff., besonders 5826 ff.:

dag ein man und sin wip sulen wesen ein Up;

ferner die Spielereien der Minnesänger: „Du trägst mein Herz in dir" und dgl. (Vgl. Nachtrag.) — Ich glaube, der Mensch vor dem Spiegel ist gemeint. Der Spiegel wird aufgefaßt als Verdoppler der menschlichen Gestalt, die mit ihrem Spiegelbild in eins verschmilzt. Man vergleiche Wossidlo Nr. 64:

Bün ik dor vor, denn bün ik dor in, bün ik dor in, denn bün ik dor vor;

vor allem aber Ärnason Nr. 276, ein Rätsel, das in wesentlichen Zügen an unsers anklingt:

Fridur piltur ein er enn, augnagaman sprundum, tvo ür einum myndar menn, og mentar frürnar stundum:

Ein hübscher Bursche ist er, eine Augenweide den Frauen, zwei Menschen macht er aus einem und belehrt oft die Frauen.

Für die drigic horn (V. 24) verweise ich auf die Erläuterungen zu V. 13 des Hahnrätsels: Die Nägel an Fingern und Zehen werden umschrieben.

Nur V. 27 bedarf der Erklärung: Der leidenschaftlich Erregte faßt sich schnell, sobald er seine verzerrten Gesichtszüge im Spiegel gewahrt. Diesen Zug kann ich nicht anderswo belegen.

Kolm. Hs. XCIX: Die Augen.

Strauch spricht a. a. 0. S. 74 diesen dreistrophigen Bar in Marners langem Tone M. mit Recht ganz ab, während Bartsch a. a. 0. S. 161 wenigstens die beiden ersten Strophen für echt, die dritte mit der Auflösung ,,Die Augen" für spätere Hinzudichtung erklärt. Das erhellt auch schon daraus, dass sie auf die Einzelheiten des Rätsels gar nicht eingeht. Ich setze daher nur die beiden ersten Strophen hierher:

Nu rätent alle was das es lebt so klares niht dem höherr künste wone bi, wan es an dem gestirne siht 5 vil dicke künfteclichiu dinc und ist niht einre eilen lanc. Ob sin der habest waere fri, sin kunst diu waere enwiht, dar zuo der besten phaffen dri die man üf erden lebendic siht. 10 swanne der weite leit geschiht, so siht in im sin freude kranc. Ich sach das e3 den touf enphienc und lebt in jüdischer art. den höhen fürsten ist es liep und dä bi zart, es spiset schöne sich

mit viol bluomen unde cle und mit den lüften, merkent mich. 15 es ist listic so mans vähe, wenket her und dar. ir nement war, got gap im soliche nar. eist wis brün unde violvar.

selb ander so wirt es geborn, von über mere bringt manz har:

20 eist so vernüftic, gein dem heiligen grabe es niget sunder wanc.

Ob ich eg rate99, ich sage iu me wag eg durch niht enlät: eg wonet menschlich bi der e, ir eing dem andern nähe stät. 25 sie kennent beide einander wol und werdent sich nie sihtic an. Man siht eg in dem grüenen kle, in gotes hantgetät, sin wonent me in wildem se denn alleg ertrich menschen hät. 30 eg hilfet üger noeten wol vil dicke manigem werden man. Man siht in allen landen sine kluoge meisterschaft. her Ecke und des küenen Dieteriches kraft het diu beide ein man,

waer er der zweiger dinge fri, wag gaebe ich umb ir eilen dan? 35 nu rät, eg wehset in dem walde und üf der heide breit, iu si geseit dag eg die kröne treit diu eime keiser ist bereit.

man spüret an im liebe und triuwe und ouch zorn hag und herzeleit.

40 eg bringt die hoechste freude die ieman üf erden moht gehän.

Ich kann dieses Rätsel in einer ganzen Reihe von Zügen nicht anderswo nachweisen.

V. 5: und ist niht einre eilen lanc kehrt ähnlich wieder in einem englischen Rätsel des siebzehnten Jahrhunderts, das auch die Kleinheit des Auges in Gegensatz stellt zu seiner Bedeutung für den Menschen, Tupper, The Holme Riddles, Publications of the Modern Language Association of America, XVIII, S. 225 Nr. 42: Ther is a thing no biger than a plumb, that leads ihe king from towne to towne. — His eye. Auf diese unschätzbare Bedeutung des Auges weisen dann V. 6—9 sowie V. 30—34 hin.

V. 11: Die Worte ich sach das e3 den touf enphienc gehen doch wohl auf die Tränen; das folgende, und lebt in jüdischer art, bedeutet einfach: ohne Taufe = ohne Tränen100.

V. 15 spricht von der Beweglichkeit des Auges. Vgl. dazu Petronii Gena Trimalchionis, ed. Friedländer 1906, 156, 1: Qui de nobis currit et de loco non movetur? (Nach Bücheler das Auge, ebd. S. 303.)

V. 19: selb ander so wirt es geborn ist ein alter Zug, schon bei Tatwine (8. Jahrhundert) Nr. 18 De oculisV.2: Nospariter geminos una de matre creatos (Vgl. Ebert, Die Rätselpoesie der Angelsachsen, insbesondere die Aenigmata des Tatwine und Eusebius, Ber. d. sächs. Ges. d. Wiss. XXIX [1877], S. 36). Aber die nächsten Worte: von über mere bringt mans har, sind mir unverständlich. Am einfachsten erklären sie sich als zugehörig zu 20 (so Professor Baesecke). Oder ist vielleicht nach bekanntem Aberglauben ein fremder Edelstein aus den Augen eines Tieres gemeint?

V. 24,25: ebenfalls ein altes, wohlbekanntes Motiv: Tatwine V. 3, 4: Divisi (sc. sumus) haud magno parvi discri-mine Collis, Et nunquam vidi illum, nee me viderat ipse; und Wossidlo 150a: Achter'n lütten öwer dor sitten twee bröder, sitten duumbreet von een un koenen sik liker nich sehn.

V. 26, 27, 35 umschreiben die Augen der Landtiere.

V. 28, 29 deuten, entsprechend den vorigen Zeilen, auf die Augen der Fische hin.

Zu V. 39: man spüret an im liebe und triuwe und ouch zorn has und herzeleit vgl. Konrad von Megenberg 10,3 ff.: Der äugen gestalt und ir varb sint zaichen der guoten und der poesen siten in des menschen sei... dar an man siht, ob der mensch maezik oder unmaezik sei, vorchtig oder türstig, hazzend oder minnend, traurig oder froeleich.

Kolm. Hs. CVI: Das Jahr.

Ich lac eins nahts in släfes gir, mir was in minem muote, wie das s<> niinniclichen bluote ein boum von hoher art.

5 der truoc so dann üf siner vart zwelf este in wünniclicher zuht. dä von er wol behaget mir. er het in siner huote wol zwei und fiinfzic nester guote, 10 ü$ den nie keines wart,

e^n het doch siben vogel zart, das wunder düht mich ungenuht. Mir ist der vogel orden worden wol kunt und ouch ir leben, 15 wie got in allen hät gegeben iclichem sinen namen. dö sach ich in des nahtes clamen dä siben vogel cleben. swer sinne habe und wises leben, 20 der räte mir des boumes truht.

Auflösung:

Den boum ich dir bescheiden sol mit also guoten Sachen, den kan ich anders niht gemachen wan das er ist das jär, 25 in dem wir sülen offenbär in tugende und mit eren leben. Merk ob ich künne erkennen wol, was die zwelf este Sachen, das den selben got wil machen 30 so gar än alle vär

zwelf mänöt, die Stent in dem jär,

die uns bescheiden sint gegeben. Also ich nu geswinde vinde hie ouch der vogel art,

35 wie d% dem jär gegeben wart zwo unde fünfzic wochen

die zuo den nestern sint gesprochen, dar inne die vogel zart, die menschen, leben hoher art 40 und dar inn als die vogel cleben.

Zu dem „aventiurenmäßigen" Eingang des Rätsels vgl. Roethe a. a. 0. S. 198 ff., Pflug, Suchensinn und seine Dichtungen S. 42 ff. und S. 74 Nr. 6 und ein Meistersingerrätsel bei Mone, Anz. 1838, Sp. 378: Ich kam ainsmals auf abenteur für einen wald, was ungeheur101.

Über das Motiv ,,Jahr als Baum mit Ästen, Nestern und Vögeln", wie es auch ins Volksrätsel übergegangen ist, habe ich schon zu Reinmar 186, 187 kurz gehandelt. Ich verweise hier nur auf Apollon. v. Tyr. 16 552 ff.; Book of merry riddles Nr. 5 (Sh.-Jb. XLII, S.8); Wossidlo Nr. 35,

36 und S. 277. Über die unlogische Auflösung spreche ich weiter unten.

Kolm. Hs. CXXXVI: Der Mensch.

Ein wiser man der rate was das müge gesin: das a^er beste das wart °d immer mac gewerden. Und rät er mirs, so spriche ich üf die triuwe min das e3 si das aller boeste das wari uf erden. 5 So spricht er, wie das müge gewesen

das ein dinc si wol das beste und das boeste besunder. swer hät der schrift niht vil gelesen, es hät niht unbillichen mich, ob es in hete wunder, es ist ein kreätiur näch gotes hantgetät

10 und ist so rehte guot, swann sich selbe lät. ich geliche rehte wol zer engel schiht. swann aber e3 selbe ergert sich, so ist in helle boesers niht.

Auflösung:

Die selben kreätiure tuon ich iu bekant, ir höchgelopten werden pris den wil ich iu verkünden: 15 Ein mensche ist diu selbe kreätiure genant

und ist als rehte guot swann e5 gehüetet sich vor sünden: So lebt deheiniu be^er niht

üf erden noch in himelrich: da3 triuwe ich wol bewaeren. kein engel niene ir sünde gesiht, 20 dar zuo im nieman leide tuot: wat5 möht in danne be-swaeren?

swelch mensche sich nu ganz und gar an got ergit, und hat in liep und rehtikeit und ha^et nit, nu hoerent wa% dem selben menschen ist gelich: got in näch im gebildet hät, durch in schuof er sin himelrich.

In derselben trocken-lehrhaften Weise schildert dann die dritte Strophe als Gegenstück den bösen Menschen. Ich kann es mir wohl erlassen, sie aufzuzeichnen.

Bemerkenswert ist dieses Rätsel, weil es ganz wie Marners und Kelins Strophen von der Zunge einen konkreten Gegenstand nur abstrakt-moralisch erfaßt. Mit welch kräftiger Sinnlichkeit das VoJksrätsel diesen dankbaren Stoff gestaltet, ist zu bekannt, als dass es besonderer Belege bedürfte: ich verweise nur auf Wossidlo 164a—k.

Hiermit haben wir das mhd. Rätsel innerhalb der uns gesteckten Grenzen nach Stoffkreis und Lösungen behandelt.

Mustert man die geschilderten Dinge im Zusammenhang, so fällt schon einem oberflächlichen Blick die große Anzahl nichtsinnlicher Gegenstände auf. Sie umfassen beinahe ein Drittel des gesamten Bestandes. Dazu gehören: das

Jahr und seine Abschnitte (viermal: zweimal bei R. v. Zw. 186, 187, einmal bei Tannh. II, 97b, 16, V. 1—4, einmal Kolm. Hs. CVI), der Gedanke (zweimal: R. v. Zw. 220, Wizl. H. M. S. III, 79b,5), der Todesritt (einmal: Hard. H. M. S. II, 136b, 12), das Alter (einmal: Stolle H. M. S. III, 9a, 30), die Kunst (einmal: Kelin H. M. S. III, 20b, 3), der Neid (einmal: Marner XI, 1), die Lüge (einmal: Marner XV, 16), die Welt (einmal: Sunburg IV, 17). Abstrakte Dinge werden somit zwölfmal behandelt.

Von konkreten Gegenständen und Vorgängen werden erwähnt: der Schuh oder die Feder (einmal: R. v. Zw. 188), die Eisbrücke (einmal: R. v. Zw. 205, 3 ff.), der Leib Christi (einmal: Tannh. H.M. S. II, 97b, 16), Kain und Abel (zweimal: R. v. Zw. 205; Freid. 109, 8—9), Adam und Eva (zweimal: Tannh. a. a. O., Freid. 19, 9—12), der Hund in der Arche (zweimal: Tannh. a. a. O., Freid. 109, 10—11), Thomas Becket (einmal: Tannh. a. a. O.), der Marner (dreimal: Raumsland, H. M. S. II, 369a, 4; Meißner III, 91a, 18; III, 101b, 3), Friedrich der Streitbare (einmal: Reinm. d. Fiedler H. M. S. II, 161a, 1), Personen der Jahre 1285—91 (einmal: Meister Alex. H. M. S. III, 27a, 4 und 5), Johann v. Gristow (einmal: Damen: H. M. S. III, 164b, 10), Rudolf v. Habsburg (einmal: Boppe, H. M. S. II, 380a, 12), der Schatten (einmal: Meißner H. M. S. III, 109a, 2), die Laus (zweimal: Boppe H.M. S. II, 380a, 11; Kolm. Hs. XXXVII, 1—11), die Zunge (zweimal: Marner, XV, 9; Kelin H. M. S. III, 21b, 9), das Alphabet (einmal: Kolm. Hs. XVII), die Augen (einmal: Kolm. Hs. XCIX), der Mensch (einmal: Kolm. Hs.CXXXVI), der Hahn (einmal: Kolm. Hs.XXXVII, V. 12—22).

Konkrete Dinge werden danach sechsundzwanzigmal behandelt. Mustern wir jetzt die Stoffe nach den Kreisen, denen sie entstammen, so fällt zunächst das starke Zurücktreten der Naturerscheinungen auf. Reinmars Eisbrücke mit Sonne und Wind und Meißners Schatten sind die einzigen hierher gehörigen Stücke, wenn man nicht das Jahr und seine Abschnitte auch dazu zählen will. Von Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens erscheint allein der Schuh, bezw. die Feder. Das Tierreich ist mit Hahn und Laus erschöpft, die Pflanzenwelt fehlt vollständig. Demgegenüber sind verhältnismäßig stark vertreten geschichtliche Stoffe (Mord des Th. Becket, Rudolf von Habsburg, Friedrich der Streitbare, die Jahre 1285—91), und die biblischen Stoffe stehen, mehrfach doppelt behandelt, geradezu im Vordergrunde102.

2. Die formelhaften Züge im Rätsel der mhd.

Spruchdichter.

Unter formelhaften Zügen verstehen wir die Aufforderung zum Raten, die Betonung der Schwierigkeit, die Einführung oder Bezeichnung des Gegenstandes als Wunder. Der Ausdruck „Rahmenelemente", den wir beim an. und ags. Rätsel gebrauchten, hat beim mhd. Spruchrätsel nur noch bedingte Geltung. Die Spruchdichter wenden die Umschließung des Rätsels auch nicht entfernt in dem Maße an wie Angelsachsen und Isländer oder das deutsche, besonders das nd. Volksrätsel. Vielmehr herrscht auf diesem Gebiet eine ziemliche Willkür, die sich mit dem Eindringen meistersingerischer Einflüsse bis zu wüster Planlosigkeit steigert. Eine gewisse Gesetzmäßigkeit in der Anwendung dieser Formen zeigen folgende Dichter:

Wizl. H. M. S. III, 79b, 5, der am Anfang und Schluß der Strophe die Aufforderung zum Raten bringt. V. 1: nü rate ein wtser, waz, da3 si... V. 16: nü rate dise lere. Ebenso Raumsland H. M. S. II, 369a, 4. V. 1: Ren ram rint, rehte raten rueh näch meisterlichem orden, wie mac da$ wunderliche wunder sin genennet? V. 10: nü rät, wirstu des namen inne. Kelin H. M. S. III, 21b, 9. V. 1, 2: Des ich dich vräge, sage mir dag, so weig ich, du bist wise\ derselbe III, 20b, V. 14: wis man, rät, wa^ tcÄ meine. Boppe H. M. S. II, 380a, 11 im Schlußvers: Dag rate swer da welle; derselbe H. M. S. II, 380a, 12 am Eingang und Ende. V. 1: Rät an, wag dag si, wol gelerter wiser man, hab iemer grögen dank, der eg geräten kan. V. 18: ich waene deig ze räten siden tören allen tiure. Meißner H. M. S. III, 109a, 2. V. 1—3: Merket alle ein grög wunder unde hoeret niuwen sanc, ein även-tiure dag ist merkens wert. V. 14: nu rätet alle, wag dag wunder si103. Marner XI, 1. V. 1: Ich spür ein wunder dur die lant. V. 19: sag an, wem mac eg sich glichen? Derselbe XV, 16: V. 315: ein wunder wont dem hove bi. Aus den Gedichten der Kolm. Hs. gehören hierher Nr. XII, V. 14 (am Schluß der Aufgabe): swer mir eg rätet sunderbär, dem gibe ich lobes pris für wär. XXXVII, V. 1, 2: ich weig ein wunder-licheg tier, ein wiser man erriete eg schier. V. 33: rät, wiser man, hästu der tiere iht künde? GXXXVI, V. 1: Ein wiser man der räte, wag dag müge gesin. CLXXXIII, V. 45 (am Schluß der Aufgabe): welcher meister mir dag nu rät, sin herz in hohem prise stät, er loese mir üf dise sät, suoch er sin kunst und witz. H.M. S. III, 375, 1—3 (ein Frauenlob und Regenbogen beigelegter Wortstreit darüber, ob Gott „ungeschaffen" oder „geschaffen" sei)104. Eingang: Nu rät, ir wise pfaffen. H. M. S. III, 431b, XXXVIII (ein Gleichnis von Christus und Lucifers Sturz von einem unbekannten Dichter). Am Schluß der Aufgabe: der mir üf sliuget disen haft, dem gibe ich lop für aller singer meisterschaft.

Andererseits aber wird dieses System mehrfach durchbrochen. Ansätze dazu verrät schon R. v. Zw., besonders auffallend in Nr. 188. Die Strophe beginnt mit der Aufforderung zur Lösung: Nu merket, wav, da5 si durch Got, läßt dann den ersten, beschreibenden Zug folgen und knüpft daran sofort, statt in der Schilderung des Gegenstandes fortzufahren, die in hochmütig-gelehrtem Tone gehaltene Hervorhebung der Schwierigkeit: Da5 ein tumber leie waen ich unerräten lät: ist ir aber, der e% errät, son ist ir doch niht vil105. Dann folgt ein viermaliger Hinweis auf die wunderbare Erscheinung des Gegenstandes:

Dirre wunder ich iuch underscheide, sei unde Up, so hät da3 wunder beide, durch wunder ich da% wunder schribe: wand e% ist Wunders gar genuoc;

erst hieran schließt sich dann ein neues Merkmal: ich sach die vrouwen, diu e3 truoc.

Ebenso stören formelhafte Züge den Fluß der Beschreibung1 bei R. v. Zw. 220, V. 6: nu rät, wa% mac da3 sin? (mitten in der Schilderung!), Meißner H. M. S. III, 91a, 18, aber erst gegen Schluß: ein itslich kunster rate in disem liede: wie hie?, der man? der snepfe in deme riede wil wilde sin, des mac man selten in gezamen; Sunburg IV, 17, auch gegen Schluß, aber noch innerhalb der Schilderung: der frouwen namen, meister rät, den tiufel hät si ze genomen. Bemerkenswert ist ferner an Reinmars Rätsel 188 die schon genannte Hervorhebung der Schwierigkeit, die bereits ganz im Tone zünftiger, meistersingerlicher Überlegenheit an die Kenntnis der ,,Laien" appelliert. Ähnlich brüstet sich der Boppe H. M. S. II, 380a, 12: ich waene dei3 ze räten si den tören allen tiure (vgl. Roethe a. a. 0. S. 253). Dieser

Zug, den wir aus den Rätseln des Exeterbuchs wohl kennen, bleibt weiterhin ein Element der Rätseldichtung106. In den Streitgedichten der Kolm. Hs. steigert sich die Freude an ihm ins Maßlose. Auf eine wegen ihres bombastischen Schwulstes besonders bezeichnende Stelle hat schon Roethe a. a. 0. S. 253 hingewiesen: Kolm Hs. XI, 10 wird Frauenlob folgende Herausforderung in den Mund gelegt: vürwär ich wolt e blieben des meres dö3 und wolle e mit gallen zucker süe^en, e mir ieman loese den stric, die nu bi lebene tihten.

Dieses Bild vom „Strick" oder „Bund" oder auch „Knoten" ist typisch für das mhd. Streitgedicht, fehlt dagegen ganz in den einstrophigen Rätseln der Spruchdichtung, ebenso in den wirklichen, behandelten Rätseln der Kolm. Hs. Nr. XVII, XXXVII, XCIX, CVI, GXXXVI.

Wir finden es schon im Wartburgkrieg107 26, 1 (Klingsor): Ich hän gevlohten einen stranc: swer mir den loest, dem wil ich5 iemer wi^en danc; 27, 1: Swer mir nu loeset disen haft, der hat in sines herzen kunst guot meisterschaft; 32, 1: Klingsor., ich loese dir den knoten; Kolm. Hs. XII, 26: Ich wil den bunt entbinden; XVIII, 62: den knoten er mir slihte, den ich im hie verwerren wil; V. 82: den knoten ich enstricken wil; LIII, 29: dä mite loese ich üf den bunt; LXXXIV, 47: Wä lebt ein meister also wise, der mir üf stiegen kan so künsterichen bunt? H.M. S. III, 347b, Str. 8: her Vrouwen-lop, sUut, mir üf disen bunt; H. M. S. III, 431b, XXXVIII: der mir üf sliu^et disen haft, dem gibe ich lop für aller singer meister schaft.

Woher stammt nun diese allein dem Streitgedicht geläufige Formel ? Ist sie deutschen oder auch bloß germanischen Ursprungs ?

Man vergleiche RE Nr. 43, 11: Hwylc paes hordgates caegan craefte pä clamme onleäc, pe pä raedellan... heöld... bewrigene orponcbendum? ,,Wer schloß mit des Schlüssels Kraft die Schranken (eig. Bande) der Schatztür auf, die das durch kunstvolle Bande geschützte Rätsel hütete ?"

In dem schriftlichen Rätselaustausch des Paulus Diakonus mit der Hofgesellschaft Karls des Großen findet sich folgender Eingang in einer Antwort: Ergo age, perplexos forti religamine nodos Pandere... nitar (XIX, V. 28 ff.) und ebenda XX, 1: Iam puto nervosis religata problemata vinclis. (Vgl. Die Gedichte des Paulus Diakonus, herausgegeben von K. Neff, München 1908).

Man stelle dazu Wartburgkrieg 32, 1: Klingsör, ich loese dir den knoten. Ich glaube an lateinische Herkunft.

Aber nicht nur die Betonung der Schwierigkeit, sondern auch die Verwendung anderer, stehender Ausdrucksmittel, die in den einstrophigen Gedichten immerhin noch mit Maß geübt wird, schlägt in den Streitstrophen, namentlich der Kolm. Hs., ins Wüste und Planlose um. Ich mache nur auf das stärkste Beispiel aufmerksam, Kolm. Hs. LXXXIV, LXXXV: eine Parabel vom Kreuzesholz, in der die Aufgabe nicht weniger als acht Aufforderungen zum Raten enthält. Ansätze dazu sind auch hier wiederum schon in der Spruchdichtung vor Frauenlob vorhanden. Eine doppelte Mahnung zur Deutung fanden wir bei Reinmar von Zweter 220, 1: Wil ieman raten, was das si? V. 6: nu rät, was mac das sin; bei Wizl. H. M. S. III, 79b, 5: V. 1: nu räte ein wiser, was das SU V-16: nu räte dise lere. Vgl. Raumsland H.M. S. II, 369a, 4, V. 1 und 10; Boppe H. M. S. II, 380a, 12, V. 1 und 18.

Ebenso wird die Einführung oder Bezeichnung des Gegenstandes als Wunder weiterhin festgehalten108, und zwar so sehr, dass sie auch zweimal in den rätselartig eingekleideten Sprüchen Freidanks auftritt; 19, 13 : diu zwei wunder groeger sint dan dag ein maget gebar ein kint; 19, 20: dag wunder niemer me gesehiht.

Vgl. Reinmar von Zweter 187, V. 1, 7; 188, 7—10; 205, 3; Raumsland H. M. S. II, 369a, 4, V. 2; Singauf

H. M. S. III, 49a, 3, V. 16; Boppe H. M. S. II, 380a, 11, V. 4; Meißner H. M. S. III, 109a, 2, V. 1 und 4; Marner XI,

I, V. 1; XV, 16, V. 315; Sunburg IV, 17, V. 4; Kolm. Hs XII, 5; XXXVII, 1; CVI, 12.

Gar keine formelhaften Züge zeigen Tannhäuser II, 97b, 16; Hard. II, 136b, 12; Reinmar der Fiedler II, 161a, 1; Meister Alexander III, 27a, 4; Stolle III, 9a, 30: also vier Oberdeutsche und nur ein Mitteldeutscher.

Man könnte danach meinen, dass diese stehenden Merkmale typisch für das md. Spruchrätsel seien, aber andererseits werden sie auch von dem Schwaben Marner und dem Tiroler Sunburg angewandt. Also die Rechnung geht nicht rein auf.

3. Die Kernelemente.

Wie der Überblick über das Stoffgebiet gezeigt hat, umfassen die geistigen Dinge in der mhd. Rätseldichtung beinahe ein Drittel des gesamten Bestandes. Es ist bei den wenig gegeneinander ausgeprägten und ineinander verschwimmenden Stiltypen des Spruchdichterrätsels gar nicht möglich, die beim ags. Rätsel angewandten Einteilungslinien festzuhalten. Wir glauben das Bild noch am anschaulichsten zu gestalten, wenn wir zunächst zwei Gruppen unterscheiden: sinnliche und nichtsinnliche Gegenstände.

1. Sinnliche Gegenstände und Vorgänge werden bildlich verhüllt dargestellt:

So erscheint bei Reinmar von Zweter (188) der Schuh je nach seiner Verwendung bald als lebendiges, bald als totes Glied des menschlichen Körpers, die Zehen als seine Brüder und Schwestern109, die Eisdecke (205) als über Nacht geschaffene, von Sonne und Wind zertrümmerte Brücke. Das Spiel mit gegensätzlichen Hemmungen erschwert hier die Lösung: den einen sach man unt niht horte, den andern hört man unt niht sach. Der Tannhäuser umschreibt die geweihte Hostie nach bekannter kirchlicher Vorstellung als ,,Erde, die den Himmel überstiegen hat" und verbirgt das Schicksal des „Heiligen" hinter den dunklen Worten: Ein Kind erschlug seinen Vater im Mutterschoße. Reinmar der Fiedler spielt in Rätselform auf die Ächtung und Wiedereinsetzung Friedrichs des Streitbaren an: bildlich ist hier die Verkleidung des Herzogs als König im Eingang der Strophe. Raumsland verhöhnt den Marner als ein Renntier an Unstätheit, einen Widder an Ungeschick, ein Rind in seinem Mangel an Schliff, und der Meißner vergleicht den Vielbefehdeten mit einer Schnepfe im Riede, die wegen ihrer Unbeständigkeit schwer zu zähmen ist. Boppe schildert die Laus nach Aufenthaltsort, Gestalt und Tätigkeit als Wurm mit zwei Hörnern an der Stirn usw.

Meister Alexander schwelgt geradezu in verhüllten Anspielungen auf seinen Gegenstand, die mit zwei Ausnahmen (dem hirten V. 1, dem lieht ze Megenze V. 4) sämtlich dem Tierreich entstammen und mit Geschick und Feinheit sehr wirksam zur Kennzeichnung der dahinter vermutlich versteckten geschichtlichen Persönlichkeiten benutzt worden sind. Ein md. Dichter wie etwa der Meißner hätte sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen, durch seine zoologische Belesenheit zu blenden. Alexander begnügt sich mit naheliegenden Typen: Hund, Schaf110, Adler, Schlange, Taube, Wolf, Maultier.

Die falsche Zunge wird dem Marner (XV, 9) zur giftgeschwollenen Schlange in einer Höhle, die seit dem ersten Sündenfall über den Menschen nur Unheil gebracht hat.

Eine Reihe gleichartiger Gegenstände wird unter einer Benennung, Orts- und Zahlbestimmung vereinigt und nach Erscheinung und Tätigkeit geschildert im Rätsel vom Alphabet (Kolm. Hs. XVII): Die Buchstaben treten als zweiundzwanzig Gesellen aus Griechenland auf, das ausgemalte Pergament ist ihr Goldgewand, das sogar den Kaiser unter seinen Willen beugt. Nach Erscheinung [ein tierlin da3 ist zwir geborn, da$ hät wol me dann siben horn], Tätigkeit [got im gebot, das e3 den tiuvel jeite] und Verwendung im Dienst des Menschen (bei Hahnenkämpfen, als Gericht, als Heilmittel) wird auch der Hahn umschrieben (Kolm. Hs. XXXVII, 12—22), und das Auge schließlich wird gekennzeichnet als ein Wesen, das den touf enphiene und aus den Lüften und Blumen seine Nahrung saugt (Kolm. Hs. XCIX).

2. Sinnliche Gegenstände und Vorgänge werden ohne bildliche Hülle dargestellt.

Hierher gehören der erste Mord: Reinmar von Zweter 205, 1—3, Freidank 109, 8, 9; die Erschaffung Adams und Evas bei Freidank (19, 9—12) und Tannhäuser (H. M. S. II, 97b, 16); bei beiden auch der Hund in der Arche, also sämtlich biblische Motive; Damens Lobspruch auf seinen Gönner, den er nach bekannter Schablone einfach als ritter wandels vrt bezeichnet (H. M. S. III, 164b, 10); Boppes Scheltstrophe auf Rudolf v. Habsburg (H.M. S. II, 380a, 12); ferner Meißners ,Schatten' (H.M. S.III, 109a, 2); Kelins ,Zunge' (H. M. S. III, 21b, 9).

Diese zwei letzten Strophen sind stilistisch besonders eng verwandt, beide arbeiten mit denselben, farblosen Gegensätzen ohne alle feineren Zwischentöne und ohne Ansätze zu anschaulicherer Belebung des Gegenstandes.

Der eine sagt: e3 ist reine unde unreine... e3 wirt grö3 unde kleine (Kelin), der andere: ist starc unde ist kranc (Meißner); beide verwenden mehrfach die unbestimmte Anapher e3. Dasselbe gilt von dem Rätsel Nr. CXXXVI der Kolm. Hs., das den Menschen nur im übertragen-lehrhaften Sinne mit bekannter Wendung als das aller beste und aller boeste Wesen kennzeichnet.

3. Unsinnliche Dinge und Vorgänge werden bildlich umschrieben.

Hierher gehören die Jahresrätsel Reinmars 186, 187, der Kolm. Hs. GVI und der Aufgesang in Tannhäusers Rätselspruch: Tag, Nacht, Stunden, ferner Reinmar 220, Wizl. H.M.S. III, 79b, 5 Der Gedanke, Hardegger H.M. S. II, 136b, 12 Der Todesritt, Kelin H. M. S. III, 20b, 3 Die Kunst, Marner XI, 1 Der Neid, XV, 9 Die Lüge, Sunburg IV, 17 Die Welt.

Reinmars Jahresrätsel schildern den Gegenstand und seine Teile durch Zahlenbestimmungen und eine Reihe von Umschreibungen, die sich zu einem bis ins einzelne durchgeführten, einheitlichen Bild zusammenschließen. Nr. 186 erscheint das Jahr, in seine einzelnen Abschnitte (Monate,

Wochen, Tage, Nächte) zerlegt, als ein auf zwölf Rädern ewig rollender Wagen, besetzt mit zweiundfünfzig Frauen und gezogen von sieben schwarzen und sieben weißen Rossen.

Im zweiten Rätsel (Nr. 187) ist der Rahmen des Bildes, der Wagen, derselbe geblieben, aber belebt durch zwei neue Züge, während ein alter seine Benennung wechselt: der Sonntag wird als bevorzugte „Schwester" der Werktage herausgehoben, die Jahreszeiten mit ihren Gaben treten auf als vier reichumkränzte Räder, und die Monate werden als zwölf Wagenlenker personifiziert. Diese Strophe scheint uns doch stilistisch dem ags. Rätsel von den sechzig Halbtagen des Monats (RE Nr. 23) erheblich näher zu stehen als die erste, die zuerst Dietrich H.Zs.XI, 466 zum Vergleich heranzog. Die erste Strophe hat mit dem ags. Gedicht außer dem uralten Wagenmotiv und der auf einen Teil des Rossegespanns gehenden Farbenbezeichnung sint wfye — vgl. RE 23, 4 feower sceamas — nichts gemein. Dagegen stellt unsere Strophe die Monate als .Männer dar wie das ags. Gedicht die Tage, und, was mehr ins Gewicht fällt, die ungewöhnliche Art der Fahrt wird mit ganz ähnlichen Ausdrucksmitteln, in dem deutschen Rätsel nur knapper, aber in derselben negativen, die Lösung hemmenden Weise angedeutet. Man vergleiche die Worte: ieslicher der stuont sinen wec äne brugge unt äne stec mit den ags. Hemmungen V. 13—17: swa hine (sc. waegn) oxa ne tedh ne esla maegen ne faethengest, ne on flöde swom, ne be gründe wöd gestum under, ne lagu drefde, ne on lyfte fleäg ne under baee eyrde.

Das Jahresrätsel der Kolm. Hs. GVI ist ganz ebenso gebaut wie Reinmars Strophen. Ein Gegenstand und seine Teile werden mit Zügen desselben Bildes benannt111. Bemerkenswert ist nur die Auflösung, weil sie den Forderungen der Aufgabe nicht gerecht wird und sich dadurch wohl als spätere Zutat zu erkennen gibt. Denn sie deutet die sieben Vögel nicht etwa auf die sieben besonders benannten Tage der Woche, wie das die Aufgabe ausdrücklich verlangt, sondern — auf die Menschen, die hoher art leben und dar inn als die vogel cleben. Daß der Dichter des Rätsels diesen logischen Widerspruch begangen haben sollte, ist kaum anzunehmen. Dazu war die Tradition des Bildes zu fest umgrenzt.

Der Tannhäuser stellt Tag, Nacht und Stunden unter dem Bilde von Mann, Frau und Kindern dar, die sterbend einander immer neu gebären. Reinmars Rätsel vom Gedanken (220) spielt mit vergleichenden, gegensätzlichen Zügen in komparativischer Form; diese Stileigentümlichkeit verbindet es mit RE Nr. 67 Die Schöpfung. Man stelle zusammen: Est lihter danne loup, unt ist noch swaerer danne ein bli, est groeger danne ein berc, geviieger danne ein cleineg muggelin mit RE 67, V. 1—3 a :Ic eom märe ponne pes middangeard, laesse ponne hondwyrm, leohtre ponne möna, swiftre ponne sunne112.

Auch dem Volksrätsel ist diese Form nicht fremd: Vgl. Traug. MSD XLVIII, Str. 5:

wag ist wiger denne der sne?

wag ist sneller denne dag rech?

wag ist hoher denne der berc?

wag ist vinsterre den diu naht?

Ferner die viergliedrigen Eigenschaftsbezeichnungen des Obsidians in der an. gäta Edd. min. Nr. 16:

horni hardara, hrafni svartara, skialli hvitara,

skapti rettara. (Vgl. Nachtrag.)

Auch die übrigen Züge in Reinmars Rätsel tragen volkstümliche Färbung, so vor allem die Zeile: so vorhteges noch so liebes wart nie mer, mit ihrer im Volksrätel so beliebten, elativischen Zeichnung des Gegenstandes, vgl. z. B. Petsch S. 66 die Egge: Hanterlantant113 ging über das Land, Hat keiner mehr Füße als Hanterlantant.

Wizlaws Rätsel vom Gedanken H. M. S. III, 79b, 5 ist viel schlechter als Reinmars Strophe, ähnlich dürftig in Stil und Ausdruck wie Meißners Gedicht vom Schatten und das Kelins von der Zunge. Es hat nur einen bildlichen Zug, der es in unsere Reihe stellt: „kleiner als eine Erbse", sonst die bekannte Schablone: es ist groß und klein, klug und töricht, von Belebung auch keine Spur. Viel lebensvoller ist des Hardeggers Fahrt zum Tode H.M. S. II, 136b, 12: sie arbeitet mit einer Reihe verneinender, hemmender Einzelzüge und ist stilistisch ganz ähnlich gebaut wie die an. Gata vom Tau (Nr. 3):

varat pat vin ne vatn miodr ne mungät ne matar ekki;

pö gekk ek porstalauss padan.

Dazu der deutsche Dichter:

In vürhte ouch niht die morder ... noch die rouber üf den strafen... ich las ouch niht dur küniges ha%... noch durch die vürsten... dien irten mich der verte niht, die ich dä muo% und ouch ungerne var.

In beiden Fällen wird eine Reihe von Voraussetzungen gegeben, aus denen eine scheinbar unmögliche Folgerung gezogen wird.

Meister Kelin stellt in seinem ersten Rätsel H. M. S. III, 20b, 3 in durchsichtiger Hülle die Kunst als das Edelwild, seine ungelehrten Mitbewerber als die Hofköter dar, die es vergebens zu erjagen suchen; der Marner versinnlicht den Neid als Wundertier von gelber und grüner Farbe ohne Füße, Augen und Hände, das — ähnlich wie die böse Zunge seines andern Rätsels — von Urbeginn der Welt an nur Unheil geschaffen hat (XI, 1); die Lüge verkörpert sich ihm als ein seltsames Geschöpf mit Pfauentritten und scharfer Zunge, das bei Hofe sein Unwesen treibt; Sunburg schließlich umschreibt in seinem armseligen Rätsel die Welt als Frau mit stählernemBauch, bleiernemRücken und gefiederten Füßen. In der Aneinanderreihung nichtssagender herkömmlicher Gegensätze überbietet er alle andern Spruchdichter: die frouwe ist stark und schwach, weise und unerfahren, sie stimmt froh und traurig, ist schädlich und nützlich: so geht es durch die ganze Strophe.

4. Abstrakte Dinge werden abstrakt geschildert: vgl. Meister Stolle: Das Alter H. M. S. III, 9a, 30. Stilistisch gehört die Strophe dem Typus an, den wir im ags. Rätsel so bezeichneten: Ein Gegenstand wird nach den Verschiedenheiten seiner Behandlung beschrieben: das Alter erscheint dem Menschen in anderm Lichte, je nachdem es für ihn noch Wunsch oder schon Erfüllung ist. Im übrigen verweise ich auf das oben Gesagte.

IV. Zusammenfassung.

Was ergibt sich nun aus der Betrachtung des mhd. Rätsels für sein Verhältnis zum altgermanischen Rätsel ? Zunächst, rein stofflich beurteilt, ein negatives Merkmal: das Fehlen fast sämtlicher im an. und ags. Rätsel behandelten Gegenstände.

Mit den 35 gätur haben die besprochenen mhd. Stücke nur einen Stoff gemein: die Eisdecke (Reinmar von Zweter 205, gäta Nr. 24); aber ganz stimmen hier auch nicht einmal die Stoffe überein; denn die an. Strophe stellt einen toten Wurm auf einer den Fluß hinabtreibenden Eisscholle dar. Von Motivverwandtschaft ist überhaupt keine Rede. Denselben Gegenstand schildern die RE Nr. 34 und 69, ebenfalls ohne irgend welche innere Gemeinschaft. Ebensowenig hat das Hahnrätsel der Kolm. Hs. (XXXVII, 12 ff.) mit dem ags. Runenrätsel von Hahn und Henne (RE 43) eine Ähnlichkeit. Auch bei einem dritten deutschen Rätsel, dem Leib Christi im Abendmahl in Tannhäusers Strophe, erstreckt sich der Zusammenhang mit den RE Nr. 49 von der geweihten Hostie und Nr. 60 vom Abendmahlskelch nicht über den Stoff hinaus. Abstrakte Stoffe behandeln die gätur überhaupt nicht, die RE nur zweimal: Vgl. Nr. 44 Seele und Leib, Nr. 67 Die Schöpfung. Aber so armselig sich auch der Stoffkreis der Spruchdichter gegenüber der reichen und farbenfrohen Welt des an. und ags. Rätsels ausnehmen mag, auf einem Gebiete bringen sie etwas Neues: Sie pflegen — und zum Teil mit entschiedenem Glück (Alexander, Boppe) — die Gattung des historischen Rätsels. (Über dessen vermutliche Herkunft s. Einleitung.)

Ebenso lose ist die Berührung in stilistischer Hinsicht. Daß gewisse, formelhafte Merkmale des altgermanischen Rätsels, die Aufforderung zum Raten, die Wundereingänge, die Betonung der Schwierigkeit vom mhd. Rätsel festgehalten werden, haben wir bereits gezeigt114. Auch das Wortspiel erfreut sich, besonders bei mitteldeutschen Fahrenden (Meißner, Raumsland, Damen), nicht geringerer Beliebtheit als bei den Angelsachsen (s. o.), und bei dem Oberdeutschen Boppe begegneten uns Umschreibungen von beinahe skaldischem Gepräge.

Ferner: Die Freiheit in der Behandlung des grammatischen Geschlechts der Gegenstände dauert fort. Ich greife nur wenige, markante Beispiele heraus: Bei Reinmar erscheint das Jahr als Wagen, die Monate (186) als schiben, Tag und Nacht als Rosse, der Sonntag als Schwester der Werktage; der Marner macht den Neid zum Rind ohne Horn, Raumsland den Marner zum Wunderkind ohne Haar, und der Tannhäuser umschreibt die Mörder des Thomas Becket als Kind, das seinen Vater erschlug. Über solche gemeinsamen Punkte hinaus reichen in den Kernelementen die motivischen Beziehungen zwischen den beiden Rätselgruppen nicht, wenn man die wenigen, oben besprochenen Ähnlichkeiten abzieht. Auch die Ichform, diese schon bei den Griechen und im spätlateinischen Rätsel des Symphosius, des Aldhelm, Bonifatius, Tatwine, Eusebius, des Berner Kodex 611 so beliebte Form, die der an. gata fehlt, die aber gerade die RE mit ungewöhnlicher Meisterschaft handhaben, auch sie ist den mhd. Strophen völlig fremd. Ebenso mangelt von einer greifbaren Nachwirkung des Traugemundsliedes jede Spur, und schon Möllenhoff und Scherer haben dies Gedicht allein deshalb über das 13. Jahrhundert hinaufgerückt, weil es „von der spätem Rätsel- und verwandten Poesie der Fahrenden" weit abliegt (vgl. MSD II, 310 ff.). Auch die versprengten Reste altdeutscher Rätseldichtung in lateinischem Gewände, die uns eine Reichenauer Handschrift des 10. Jahrhunderts bewahrt hat (MSD VII), sind ohne Einfluß auf unsere Rätsel geblieben.

Kurz, genauer betrachtet, hat das mhd. Rätsel der Spruchdichter und der Kolm. Hs. ein gänzlich ungermanisches Gepräge.

Wie steht es nun zum antiken115 und mittellateinischen Rätsel ?

Auch hier fällt zunächst der starke Prozentsatz abstrakter Stoffe im mhd. Rätsel auf; aber es steht doch nicht mehr so vereinzelt da. Unter 38 Gegenständen wurden geistige Dinge 12 mal, sinnliche 26 mal behandelt. Man vergleiche damit folgende Übersicht: Symphosius' 100 Rätselstoffe sind sämtlich der Sinnenwelt entnommen; unter den 63 Berner Rätseln (ed. Riese, Anthol. lat.2 I, 1. S. 351 ff.) ist nur ein Abstraktum Nr. 56 De verbo, ebenso in den Lorscher Rätseln nur eins, Nr. 2 Die Seele (ed. Dümmler H. Zs. XXII, 258—263 und M. G. Poet. lat. I, 20 ff.).

Unter den 100 Rätseln des Aldhelm finden wir nur drei Abstrakta: die Natur, dasFatum, die Schöpfung (vgl.ebert, Die Rätselpoesie der Angelsachsen, Ber. d. sächs. Ges. d. Wiss. XXIX, S. 22). Bei Tatwine bilden sie schon ein Viertel, bei Eusebius ein Sechstel des gesamten Bestandes, und Bonifatius' Rätsel (ed. Dümmler M. G., Poet. Lat. I, S. 3—15) haben nur geistliche Dinge zum Gegenstande, die zehn Tugenden und zehn Laster.

Von stofflichen Übereinstimmungen sind zu nennen Symphosius Nr. 10, Berner Rätsel Nr. 38 und 42 Das Eis (Reinmar von Zweter 205); Symphosius 97, Berner Rätsel 62 Der Schatten (Meißner H. M. S. III, 109a, 2); Symphosius 30 Die Laus (Boppe H. M. S. II, 380a, 11, Kolm. Hs. XXXVII, 1—11); Symphosius 56 Der Schuh (Reinmar von Zweter 188); Berner Rätsel Nr. 25 Die Buchstaben, ebenso Aldhelm (ed. Wright, the anglo-latin satirical poets II, S. 548) De Elementis sive Abecedario, Tatwine Nr. 4, Eusebius Nr. 7 (Kolm. Hs. XVII); Aldhelm S. 543 Der Hahn (Kolm. Hs. XXXVII, 12 ff); Tatwine Nr. 18 Die Augen (Kolm. Hs. XCIX); Eusebius Nr. 4, Lorscher Rätsel Nr. 1 Der Mensch (Kolm. Hs. CXXXVI); Eusebius Nr. 48 Tag und Nacht (Reinmar von Zweter 186, 7, 8; 187, 7; Tannhäuser H. M. S.II, 97b, 16,V.l—4); Bonifatius XVI Der Neid (MarnerXI,l).

Mehr oder minder starke Motivverwandtschaft — die Stellen haben wir oben angeführt — zeigten nur Tatwine

Nr. 18 Die Augen mit Kolm. Hs. XGIX; Eusebius Nr. 48 Tag und Nacht mit Reinmar von Zweter 186, schließlich Bonifatius XI, 1 Die Habgier und XVI, 3, 4 Der Neid mit Marner XI, 1. (Vgl. Nachtrag.)

Das ist gewiß nicht viel. Aber das läßt sich doch sagen: Seiner geistigen Haltung und Richtung nach steht das Rätsel der Spruchdichter, im ganzen genommen, den Sammlungen eines Bonifatius, Tatwine, Eusebius, kurz, dem mittellateinischen Rätsel näher als dem altgermanischen.

Wie weit sich überhaupt Einflüsse des antiken oder mittellateinischen Rätsels auf das mhd. der Spruchdichter erstrecken, läßt sich annähernd nur von Fall zu Fall entscheiden. Zweifellos gelehrte Strophen sind die des Marner von Neid und Zunge; schon die Anklänge an Bonifatius' Gedichte De Invidia und De Gupiditate mit ihren biblischen Rückerinnerungen und ihrer didaktischen Absicht weisen auf theologische Vermittlung, und die Darstellung der Zunge nach ihren sittlichen Eigenschaften hatte, wie wir gesehen haben, ihre Wurzel in dem uralten yX&aaa tu^vj, yXöaaa Satjxcov. Reinmars Jahresstrophen stammen auch aus gelehrter Überlieferung, Boppes Rätsel von der Laus geht ebenfalls auf eine antike Quelle zurück (das Bild vom Haarwald in dem byzantinischen Rätsel! s. o.), und die Buchstaben kommen Kolm. Hs. XVII aus Griechenland. Daß aber Reinmars Fassung des Gegenstandes zur Zeit des Dichters in Deutschland volkstümlich war und Boppe den fremden Stoff aus eignen Mitteln geformt zu haben scheint, haben wir oben bemerkt.

Im übrigen sind die Worte Freidanks 12,9 (Interpol.): Diu erde keiner slahte treit, das gar si äne bezeichenheit; nehein geschepfede ist so vri, sin bezeichne anders dan si si geradezu typisch für eine ganze Reihe der besprochenen Rätsel. Eben weil diese Dichter vielfach nicht die Dinge um ihrer selbst willen betrachten, sondern in sie einen verborgenen Sinn heineinlegen, den es nun herauszuholen und bildlich-lehrhaft darzustellen gilt, daher haben sie für das Gegenständliche gar keinen Blick. Der Einfluß scholastischer Dialektik trübt ihnen das Auge für die Fülle der Erscheinungen. So erklärt es sich, dass Marner und Kelin die Zunge nicht zunächst als Glied des menschlichen Körpers erfassen, sondern nach ihren moralischen Eigenschaften. Dasselbe gilt vom Rätsel Der Mensch (Kolm. Hs. CXXXVI). Aus dieser Abkehr von der Sinnenwelt, von dem Naheliegenden und Greifbaren, wozu noch ein gewisser Grad hochmütig-meistersingerlicher Verachtung gegen volkstümliche Stoffe und Stilformen tritt (vgl. z. B. Marner XV, 14 und dazu Strauch S. 34), wird auch das völlige Fehlen des Pflanzenreichs und die kümmerliche Vertretimg der Tierwelt durch Hahn und Laus begreiflich. Der Mensch und seine Werke gehen ebenfalls so gut wie leer aus (einzige Ausnahme Reinmar von Zweter 188 Der Schuh). Zugleich macht dieser geringe Wirklichkeitsgehalt solche dürftigen, leblosen Strophen verständlich wie die des Meißner vom Schatten, des Wizlaw vom Gedanken, des Sunburg von der Welt. (Wenn Roethe a.a.O. S. 254 ,,die leidige Sucht, Einzelheiten ohne Steigerung und deutliche logische Verknüpfung aneinander zu reihen", in erster Linie für den Mangel an guten, mhd. Rätseln verantwortlich macht, so ist darauf zu sagen, dass die Häufung an sich den Rätselstil noch nicht verdirbt. Eines der schönsten ags. Rätsel, RE Nr. 15 Das Horn, besteht nur aus solchen parallel gebauten, mit der Anapher hwilum eingeleiteten Sätzen, aber hier umreißt jeder Zug den Gegenstand von einer neuen Seite, und es ergibt sich ein Gesamtbild von wunderbarer Anschaulichkeit. Dagegen spinnen die mhd. Dichter ein- und dieselben Motive und Gegensätze in eintönigster Weise und ohne feinere Abschattungen fort, weil sie eine Fühlung mit den Dingen gar nicht haben, und weil ein bestimmter Vorstellungskreis nur von den wenigsten überschritten wird.)

Die typische Gebundenheit der nachwaltherschen Spruchdichtung in allen ihren Äußerungen, wie sie Roethe in seiner Einleitung zu Reinmar von Zweter so eindringlich dargelegt hat, hinderte auch eine freiere und reichere Entfaltung des Rätsels.

Eine frischere, volkstümlichere Haltung zeigen eigentlich nur Reinmars Strophen und Stolles Gedicht vom Alter, von den Rätseln der Kolm. Hs. Nr. XVII Das Alphabet und Nr. XXXVII, V. 12 ff. Der Hahn. Gelehrter — man erinnere sich solcher Benennungen wie Capitänia —,.wenn auch im Grunde ungewöhnlich drastisch und anschaulich, gibt sich BoppesSpruch auf die Laus und Tannhäusers Strophe. Auf einer mittleren Stufe steht des Hardeggers Todesritt. Die Strophen auf bestimmte Persönlichkeiten und geschichtliche Vorgänge entziehen sich durch ihren Gegenstand von selbst einer Beurteilung auf ihren Gehalt an volkstümlichen Vorstellungen116. Daß freilich Meister Alexander die Personen seines Rätsels hinter allbekannten Tiermasken verbirgt, ist erwähnt worden.

Zusammenfassend muß man sagen, dass das Rätsel der mhd. Spruchdichtung zwischen dem antik-mittellateinischen und dem altgermanischen eine Sonderstellung einnimmt. Es ist daher unrichtig, wenn man es an der hochentwickelten Rätselkunst der Angelsachsen und Isländer oder der Griechen und ihrer Schüler mißt.

Nachträge.

Zu S. 9:

Die Einführung des Rätselgegenstandes als Traumgesicht ist ein alter Zug, den schon Aristophanes in den oben erwähnten Spottversen auf den Athener Kleo-nymos Wespen 15 ff. anwendet, vgl. Ohlert S. 63. Die mittellateinische Rätseldichtung nimmt das Motiv auf: Im Rätselaustausch des Paulus Diaconus mit der Hofgesellschaft Karls des Großen (hrsg. v. K. Neff, Die Gedichte des Paulus Diaconus, München 1908) XVII, V. 12 träumt der Rätselsteller Petrus v. Pisa von einem schönen Jüngling, der ihm ein Rätsel mit folgendem Eingang bringt: Jam nova ventifero surgunt miracula mundo, Quae penitus priscis fuerant abscondita saeclis.

Ein mhd. Rätsel der Kolm. Hs., Nr. GVI Das Jahr, hält diesen Rahmen fest, vgl. S. 118 meiner Arbeit.

Zu S. 14:

Den neuerlichen Versuch Tuppers (Modern Language Notes XXV, S. 235—241), Nr. 1 der RE auf Cyn-wulf zu deuten, halte ich mit Trautmann Angl. XXXVI, 133 ff. für völlig verfehlt.

Ich bespreche noch an dieser Stelle Nr. 63 und Nr. 90.

Nr. 63. (Vgl. S. 43 und 49.)

Je eom heard ond scearp, hingonges strong, fordsipes from, fredn unforeüd; wade under wambe ond me weg sylfa ryhtne geryme. Rinc bid on ofeste, 5 se mee on pyd aeftanweardne haeled mid hraegle, hwilum üt tyhd of hole hätne, hwilum eft fared on nearo näthwaer, nyded swipe süperne seeg. Saga hwaet ic hätte.

Neuerdings hat Holthausen Angl. XXXV, 172 für dieses Stück, das ich oben S. 43 mit Tupper S. 202 seiner Ausgabe auf den Feuerhaken bezogen habe, die Lösung „Brenneisen" gegeben und die beiden letzten Verse auf „das Brandmarken des Negersklaven mit einem glühenden Eisen" gedeutet: „Der südliche Mann ist also das, was die Griechen einen ott-ypiatiac; nannten." Holthausen verweist zugleich auf ags. Namen für „Brandmarkung" in Glossen: baern- oder mearclsern usw.

Ich halte diese Erklärung für besser als die obige, auch deshalb, weil sie die Beobachtung bestätigt, dass Gegenstände, die ihrer Herkunft oder Verwendung nach landesfremd sind, ihrer fernen Heimat in irgend einer Wendung gedenken. So heißt es in einem isländischen Rätsel vom Spiegel, Arnason Nr. 991, V. 4: Er kommt über See. Die Beispiele lassen sich mehren. Den „Bauch" V. 3 hat Tupper S. 202 richtig auf das Innere des Ofens oder Herdes gedeutet. Man vergleiche Alcuins Rätsel Fornax, MG Poet. Lat. I, 282 Nr. LXIV, 1, V. 3: Est mihi venter edax, calido qui pascitur igne; Nr. LXIV, 2 (über denselben Gegenstand), V. 2: Est calidus venter; V. 5 :Os in venire mihi est. Zu os stimmt genau ags. hol V. 7.

Nr. 90. (Vgl, S. 38.) Mirum mihi videtur: lupus ab agno tenetur;117obeurrit agnus frupij et eapit viscera lupi.

Dum starem et mirarem, vidi gloriam parem: duo lupi stantes et tertium tribul[antes] 5 quattuor pedes habebant, cum Septem oculis videbant.

Für die verschiedenen Lösungen, die dieses verzweifelt schwierige Rätsel, das einzige lateinische Stück der Sammlung, gefunden hat, verweise ich auf Tupper S. 230 ff. Auch ich glaube wie Edm. Erlemann und J. Götzen (Arch. f. n. Spr. CXI, 59 ff.), dass eine Charade auf den Namen Cynewulf vorliegt, und finde ihre Begründung überzeugender als die Fr. Erlemanns (Arch. f. n. Spr. CXY, 391) für die Deutung Cynwulf, die das Rätsel noch unnötig kompliziert. Gleich Götzen und Edm. Erlemann nehme ich duo als Nominativ und lupi als Genitiv, halte es aber für das Natürlichere, mit J. Götzen zu erklären: „zwei dastehende (Buchstaben) von wulf (wu), den dritten (l) bedrängend, hatten vier Füße (cyne)u, als mit Fr. Erlemann zu interpretieren: „Mit Edm. Erlemann und J. Götzen fasse ich lupi als Genitiv und duo als Neutrum auf, und zwar letzteres mit hinweisender (?) Bedeutung; unter duo lupi sind also die zwei Buchstaben des Wortes ewu, (von dem zuletzt die Rede war), verstanden, die gleichzeitig auch zu wulf gehören, = wu. Der noch übrigbleibende dritte Buchstabe ist e. Es bleiben also w u stehen (stantes), verdrängen aber das e (das ihnen vorausgeht nota bene!): tribulantes. So erhalten wir das aus sieben Buchstaben bestehende Wort Cynwulf (cum septem oculis videbant). Unter quattuor pedes sind die vier letzten Buchstaben dieses Wortes, also wulf, zu verstehen."

M. E. aber liegt es näher, mit Götzen die „sieben Augen" V. 5 als eine Spitzfindigkeit zu betrachten, die um so eher möglich war, als „der achte Buchstabe / ja schon durch wulf in V. 1 festgelegt war."

Tupper zieht S. 232 zum Beweis für die Beliebtheit solcher Spielereien im Mittelalter eine altfranzösische

Parallele heran. Nicht so verzwickt wie das besprochene Stück, aber doch lehrreich für den vorliegenden Fall ist folgender Logogryph in den Carmina Burana ed. Schmeller Nr. 183a, den Wilmanns H. Zs. XVI, 164 richtig als Alea gedeutet hat:

Littera bis bina me dat vel syllaba Irina, Si mihi dematur caput, ex reliquo generatar bestia, si venter, pennis ero tecta decenter; nil, si verlor, ero, nil sum laieo neque clero.

Wie in diesem Stück venter gleichsam das Innere von Alea, d. h. den Buchstaben e umschreibt, so in Nr. 90 der RE viseera lupi (V. 2) die Eingeweide von Cynewalf, d. h. die Buchstaben w u.

Zu S. 21, RE Nr. 37, V. 7:

Die Quelle für den holzern vogel des deutschen Secundus ist eine Frage des lat. Secundus, der einen Teil der Alter-catio Hadriani cum Epicteto bildet, H. Zs. XIV, 539 Nr. 14:

Quid est navis? avis lignea, ineerta salus.

Zu S. 27:

Zur Behandlung des grammatischen Geschlechts im antiken Rätsel vgl. Bücheler zu Petronii Cena Trimalchi-onis ed. Friedländer (2. Aufl. 1906), S. 304.

Zu S. 51, Kap. III.

Die mhd. Spruchdichtung vor Reinmar v. Zweter hat das Rätsel als besondere Gattung nicht gepflegt. Die Abgrenzung nach oben ergab sich daher ganz von selbst. Auf rätselartige Elemente bei Walther wie die „Wundereingänge" habe ich S. 127, Anm. 1 hingewiesen. Aber jede einfache Frage oder jeden scheinbaren Widerspruch oder jede Spannung erregende Wendung wie merket wunder! als etwas Rätselartiges aufzufassen, geht doch zu weit (gegen Uhland, Sehr. III, 304, Anm. 118). Ich meine damit Fälle wie Walther 81, 7: wer sieht den lewen? wer sieht den risen? oder 81, 31: Diu minne ist weder man noch wip, si hät noch sele noch den Up .... unde enkan doch nieman äne sie der gotes hulden niht gewinnen; oder 69, 8: Ohe ich rehte räten künne, was diu minne si, so sprechet denne ja, usf. Ich hatte ursprünglich alle derartigen Formeln in der Spruchdichtung vom Anonymus Spervogel bis Frauenlob, im Streitgedicht und den verwandten Stücken der Kolm. Hs. gesammelt, habe aber diese Zusammenstellung schließlich fallen lassen müssen, weil der Begriff des wirklichen Rätsels dadurch alle individuelle Färbung verliert und man ins Uferlose gerät.

Zu S. 58, Anm. 1 (Reinmar v. Zweter 188, V. 11):

truoc V. 11 könnte absichtlich hemmende Doppeldeutigkeit sein: 1. im Leibe, 2. als Gewand (Vorschlag Prof. Baeseckes). Diesen Doppelsinn hat es in der gata Nr. 17

Das Schwanenei: Bäru brüdir ...... olker til skemmu.

Antwort: par fara svanbrüdir til hreidrs sins ok verpa eggium. Ihre Entstehung aus dem Gefieder der Gans bezeugt die Schreibfeder in folgenden Rätseln: Aldhelm ed. Wright: The anglo-latin satirical poets II, S. 556 De Penna scriptoria, V. 1: Me pridem genuit candens ono~ cratilus albam; Tatwine ed. Erert, S. 33, Nr. 6 De Penna, V. 2: Nam superas quondam pernix auras penetrabam; Euserius ebd. S. 49, Nr. 35, V. 3: Nunc tellurem habi-tans, prius ethera celsa uagabar.

Wenn man die Lösung „Feder" annimmt, so können ihre Brüder und Schwestern entweder die andern Federn oder die Finger sein: Vgl. die feöwer wuhte RE Nr. 52, V. 1: Feder und drei Finger, ferner Aldhelm S. 548 De Elementis sive Abecedario, V. 5: Terni nos fratres incerta matre crea-runt, dazu die Glosse: Tres digiti scriptores.

V. 12: unt wart doch nie geborn von wibes übe ist dann als ein wohlbekanntes Spiel mit dem Begriff: Un geboren aufzufassen. Vgl. Symphosius Nr. 14 Pullus in ovo: Mira

Loewenthal, Studien zum germanischen Rätsel. 10 tibi referam nostrae primordia vitae: Nondum natus eram nec eram iam matris in alvo. Jam posito partu natum me nemo videbat.

Das Volksrätsel nennt auch alle Organismen — menschliche wie tierische — ungeboren, die auf scheinbar den Naturgesetzen widersprechende Weise zur Welt gebracht werden, so schon die deutsche Rätselsammlung einer Weimarer Hs. des 15. Jahrhunderts, vgl. R. Köhler, Kl. Sehr. III, S. 517, Nr. 20. Wie man weiß, kennt auch die Sage das Motiv: Ungeborne Helden wie Macduff, vgl. R. Köhler a. a. 0. und Wossidlo Nr. 980 mit Anm. S. 326 ff.

Zu S. 59, Anm. 2 (R. v. Zw. 188):

Ich möchte hier nur noch kurz zeigen, dass sich die Sprache des Rätsels durchaus nicht immer den Forderungen des strengen Denkens fügt, und dass Reinmars Bild: die Zehen als Geschwister des Schuhes, so unlogisch es auch erscheinen mag, doch seine Gegenstücke hat: In den RE Nr. 72, V. 5 und in einem Rätsel aus der Bukowina bezeichnet der Stier die ihn nährenden Zitzen der Kuh als seine vier Brüder und in einem litauischen Rätsel als vier Schwestern (vgl, Tupper S. 210 zu 72, 5).

Zu S. 61 (R. v. Zw. 205, V. 9 und 10):

Die Vorstellung, dass man den Wind hört, aber nicht sieht, findet sich in den Berner Rätseln ed. Riese, Anthol, Lat.2 I, 1 S. 364, Nr. 41 De Vento, V. 1: Naseens eurro velox grandi virtute sonorum; V. 5: Cernere me quisquam vinclis quoque neqae tenere; ferner bei Aldhelm (schon von Roethe S. 621 angeführt) a. a. O. S. 537 De Vento, V. 1 und 2: Cernere me nulli possunt nec prendere palmis; Argu-tum vocis crepitum cito pando per orbem; dann bei Eusebius De Vento et Igne Nr. 8, V. 2: Unus contingi patitur nec forte uideri. Vgl. noch Wossidlo Nr. 153; 154; 315a; 325c; 327a und S. 289ff.

Zu S. 67:

An Tannhäusers Schlußrätsel klingt noch folgendes Stück des Booke of merry Riddles, (London 1629) an: Vgl. Shakespeare-Jahrb. XLII, S. 13, Nr. 33:

Who is he, which eates his mother in his grandam's belly? Ii is the worme in a nut. Denn, so sagt die Erklärung, aus dem Nußkern kommt der Wurm, also ist der Kern die Mutter des Wurms, und aus der Schale kommt der Kern, also ist die Schale die Mutter des Kerns und die Großmutter des Wurms.

Zu S. 71 (Hardeggers Rätsel):

Auch das Sprichwort kennt das Bild der Lebensreise, vgl. Zs. d. V. f. Vk. IV, 188 folgende Beispiele aus der mecklenburgischen Mundart:

De makt ok bald de letzt reis. De hett de grot reis an-treden. De hetVn reisrock all an. De treckt ok bald ufn dur. Dor treckt wedder en üm usf.

Ob nicht dasselbe Motiv Dürers berühmtem Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel" zugrunde liegt?

Zu S. 73 Anm.:

Bonifatius verbirgt die Lösungen seiner Rätsel (ed. Dümmler M. G. Poet. Lat. I, S. 3 ff.) hinter Akrostichen; andere mittellat. Beispiele von Logogryphen findet man bei Mone, Anz. VII, 41 ff.; VIII, 316 ff. Auch Symphosius kennt das Wortspielrätsel, vgl. Nr. 36 Porcus; Nr. 74 Lapis; Nr. 84 Malum.

Zu S. 79 Anm.:

Konrad v. Megenberg zählt den Floh, wie oben Boppe die Laus, zu den Würmern, doch wohl deshalb, weil er ihn nach alter Ansicht für staubgeboren hält (vgl. Inhaltsverzeichnis und S. 305, 7). Allerdings sind alle niedern Tiere würme (Hinweis Prof. Baeseckes).

Zu S. 80, V. 13: Schon bei Symphosius steht die Fliege im Gerüche besonderer Frechheit: Vgl. Nr. 23, V. 1: Improba sum, fateor, quid enim gula turpe veretur?

Zu S. 88, V. 7 und 8: Zu der Spielerei mit dem Sein und Nichtsein des Schattens ziehe man noch Alkuins Disputatio Pippini cum Albino, H. Zs. XIV, 544, Nr. 100:

A. Quid est, quod est et non est?

P. Nihil.

A. Quomodo potest esse et non esse?

P. Nomine est et re non est, (dazu Wilmanns ebd. S. 555).

Zu S. 109, V. 6: Aldhelms Rätsel De Elementis sive Abecedario (vgl. S. 109, Anm. 2 meiner Arbeit) beginnt: Nos denae et Septem genitae sine voce sorores; Sex alias nothas non dicimus annumerandas. Unter diesen 6 Zeichen ist nach der Glosse auch das h als aspirationis nota.

Zu S. HO, V. 10 und S. 111, V. 11: Vielleicht schwebte dem Verfasser die Geschichte vor, die Fischart Flöhh. (Braunes Neudr. 5) V. 1169 ff. erzählt: Eva spürt eines Morgens einen Hundsfloh auf, der ihren Kindern arg zugesetzt hat, und will ihn fangen: Er aber entsprang bey dem hard, Sie auff der Spur eilt nach umbschwart, Und jagt ins Feür den Kinderp]etzer, Das er verbrant gleich wie ein Ketzer. — V. 11 geht auf die irrige Anschauung von der Entstehung des Flohs oder der Laus aus Staub und faulenden Stoffen, vgl, das zu S. 79 Anm. Ausgeführte und Flöhh. 1028 ff.

Zu S. 114:

Für die Lösung „Liebespaar" sprechen noch folgende Stellen: Wolfr. Tit. 64, 1: Minne, ist da$ ein er? 2. Ist da$ ein sie? Martin vergleicht damit Walther 96,21: es^ein sie, es si ein er; ferner Walther 69, 10: minne ist zweier herzen wünne, vgl. Wilmanns, Leben Walthers (Bonn 1882), S. 197; dann Die Böse Frau, hrsg. v. Edw. Schröder (Leipzig 1913), V. 13 (mit ironischer Färbung): es mae wol wesen ein lip beide ich und min wip; vor allem aber Pseudo-Marner H. M. S. II, 253a, 24: Minne ist ein er und ist ein sie, zwei lieb an) übel, ein zwivalt guot.

Zu S. 125, Anm. 1: Auch im mittellateinischen Rätsel ist ein Hinweis auf die Schwierigkeit der Lösung verhältnismäßig selten: Vgl. etwa die Gedichte des Paulus Diaconus, (hrsg. v. K. Neff, München 1908), XVII, 19: Verborum sapiens, animo scru-tare secretum.

Zu S. 127 Anm. 1: Aus Paulus Diaconus' Rätselaustausch habe ich ein Beispiel im Nachtrag zu S. 9 gegeben. Aus Aldhelms 100 Rätseln lassen sich, genau genommen, nur diese Fälle anführen: S. 540 De Loligine, id est pisce volanti, V. 1: Nunc cernenda placent nostrae spectacula vitae; S. 545 De Aqua, V. 1: Quis non obstupeat nostri spectacula fati? S. 541 De Ape, V. 1: Mirificis formata modis; S. 546 De Pulvillo, V. 1: Nolo fidem frangas, licet irrita dicta putentur; ich verweise noch auf S. 548 De caeco nato, V. 1, und auf S. 551 De Cucuma duplici, V. 1. Vgl. ferner Tatwine Nr. 19 De strabis Oculis, V. 1: Inter mirandum cunctis est cetera, quod nunc Narro, und Nr. 20, V. 5; dann Alkuins Disputatio Pippini cum Albino, H. Zs. XIV, 541 Nr. 84: Quid est mirum?

Bei Symphosius, also im spätantiken Rätsel, finde ich unter 100 Stücken den Wundereingang nur dreimal, vgl. Nr. 14 Pullus in ovo, V. 1: Mira tibi referam nostrae primordia vitae; ferner Nr. 30 Die Laus, V. 1 und Nr. 94 Der einäugige Knoblauch Verkäufer, V. 1.

Zu S. 132:

Germ. XII, 61 hat Hoffmann von Fallersleben unter dem Titel ,,Vagantenpoesie" 11 Fragen und Antworten unbekannten Alters veröffentlicht in der Art der frühem lateinischen Fragebüchlein, z. T. mit stark burschikos-frivolem Einschlag. Auf sie folgen vier Fragen volkstümlichen Charakters, die schon Kögel Lg. II, 167 den oben angeführten Versen des Traugemundsl. und der an. gata zur Seite gestellt hat:

Quid est

Lucidius sole? Deus in sua maiestate. (Vgl. Parz. 119, 19.)

Durius ferro? Cor superbum. /

Levius vento? Beata cogitatio (dazu Kögel a. a. 0.)

Molestius demone? Mala mulier. (Zum Traug. vgl. noch Uhland, Sehr. III, 189 ff.)

Zu S. 138:

Zu den wenigen oben genannten Motivähnlichkeiten zwischen mhd. und mittellateinischen Rätseln füge man noch die S. 146 zu Reinmar v. Zweter Nr. 205, V. 7—12 nachgetragenen Parallelen: Berner Rätsel Nr. 41 De Vento, V. 1 und 5, Aldhelm S. 537 De Vento, V. 1 und 2, und Eusebius Nr. 8 De Vento et Igne, V. 2.

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Loewenthal, F. - Studien zum germanischen Rätsel.

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Toronto 5. Canada

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(Germanische Bibliothek, Fortsetzung.)

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11. Streckformen. Ein Beitrag zur Lehre von der Wortentstehung und der germanischen Wortbetonung von Heinrich Schröder. 8°. geh. 6 M., Leinwandband 7 M.

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herausgegeben von C. von Kraus und K. Zwierzina.

Anmerkungen und Fußnoten

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2. Der Wiener Oswald. Herausgegeben von Dr. G. Baesecke,

Prof. a. d. UniVc Königsberg. 8°. geh. 2 M. 20, Lwdbd. 3 M,

3. Der arme Heinrich von Hartmann von Aue. Überlieferung und Herstellung, herausgegeben von Dr. Erich Gierach 8°. geh. 2 M. 40, Leinwandband 3.30.

4. Bruchstücke voi> Konrad Flecks Floire ind Blancheflfir. Nach den Handschriften F und P unter Heranziehung von BH herausg. von Dr. Carl H. Risehen. 8°. geh. 2M.80, Leinwandband 3 M. 60. (Weitere Bände werden folgen.)

Carl Winters Universitätsbuchhandlung, Abt. Druckerei, Heidelberg.

1 Für die Geschichte der Rätselforschung überhaupt verweise ich auf das schöne Buch von R. Petsch, S. 1 ff. und Tupper, S. XI ff.

2 Die dritte Möglichkeit: Entstehung ähnlicher Gebilde aus ähnlichen Grundbedingungen, namentlich bei niedrigstehenden Völkern, hat G. Paris m. E. unterschätzt. (S. u. S. 53,1)

3 Ganz, freilich, reicht diese Erklärung nicht aus. Wenn wir z. B. bei westafrikanischen Negern ein Rätsel treffen wie: Wer ist die lange, schlanke Handelsfrau, die nie auf den Markt kommt? mit der Antwort: ein Kanoe, so wird man hier sicherlich nicht Entlehnung annehmen können. Überhaupt müßte das Rätsel der primitiven Völker bei genügend starkem Material eine gesonderte Betrachtung beanspruchen.

4 Das gilt auch für die Geschichte ganzer Rätselgattungen, z. B. des politischen oder historischen Rätsels, das Ereignisse und Personen des Tages oder der Vergangenheit in verhüllter, schwer deutbarer Form behandelt, wie wir es mehrfach in der mhd. Spruchdichtung treffen werden (bei Tannhäuser, Boppe, Rein-mar dem Fiedler, Meister Alexander). Seine Quelle haben wir wohl in den griechischen Orakelsprüchen zu sehen, und gehen wir noch weiter zurück, so führen die Fäden auf wesensverwandte, biblische Züge: Die Traumdeutungen des Joseph, des Daniel,

5 Für das antike Rätsel habe ich vor allem K. Ohlert (s. o.) benutzt.

6 Ich muß mich in diesem Teile der Arbeit darauf beschränken, den Ausführungen Heuslers a. a. 0. zu folgen, denen ich nur wenig hinzufügen kann.

7 Diese Bezeichnung für die vom eigentlichen Rätselkern ablösbaren, ihn nur umschließenden Elemente übernehme ich von Petsch, a. a. 0. S. 49, ebenso die später vorkommenden Ausdrücke „Benennung", „Kernelemente" und „hemmende Elemente".

8 Ein deutlicher, wenn auch verstümmelter Ausläufer dieses Rätsels findet sich bei Schleicher, Litauische Märchen, Sprichworte, Rätsel usw. S. 208: Die Trinker trinken und das Faß tönt? — Das Schwein mit den Ferkeln.

9 Zu den Verweisen bei Heusler und Petsch bemerke ich, dass dieses Motiv auch bereits der griechischen Rätselpoesie bekannt war. Ein Theognis von Megara zugeschriebenes Distichon bringt folgende schöne Verse auf das Tritonshorn: y^p [jls x^xXyjxs <9-aXaaaio<; otxaSe vsxpö?, ts&vtqxgx; £<ocj> <p&£YYO[i,£VO<; ot6\jl<xxi (Athen. X, 457b), vgl. Philologus LVII, 598.

10 Auf dieselbe Art doppelter Wortvertauschung bei den Griechen weist Heusler hin S. 143.

11 Diese Lösung ist aufzugeben, wie wir unten sehen werden.

12 Diese Deutung Trautmanns ist ebenfalls sehr unsicher, s. u. S. 25.

13 Das Rätsel lautet: En video subolem proprio, cum matre morantem Mandrae cuius pellis in pariete pendet adhaerens (der Text auch bei Tupper, Ausgabe S. 97). Die richtige Lösung gab Dümmler.

14 Das Bild des geschlossenen, erst zu durchbrechenden Hauses ist im Eirätsel traditionell, vgl. außer den oben zitierten lateinischen Rätseln Wossidlo Nr. 82 a—e (dazu S. 282), Bielenstein Nr. 417, 422—425, 795, 796. Nr. 796 beginnt: Zu allererst lebte ich in einem kleinen, dunklen Häuschen, das nährte mich (filium cum matre manducantem).

Loewenthal, Studien zum germanischen Rätsel. 2

15 Professor Baesecke verweist mich noch auf folgende Parallele bei Andree, Braunschweiger Volkskunde, S. 357: Fif locker in ein lock.

16 Dieses Stück ist doppelt überliefert: auf Blatt 108a und 122b des Exeterbuchs: V. 1 leg a; lig b; ich lese mit Grein und Trautmann nach b lic-bysig (beweglichen Leibes); siehe indessen Tupper S. 142. V. 3: b gemylted statt gebysgad. V. 8: Fassung b: modge miltsum swä ic mongum sceal.

17 Vgl. jetzt Trautmanns mit denselben Gründen geführte Widerlegung Angl. N. F. XXIV, 131, die mir erst nach der Niederschrift der folgenden Zeilen zu Gesicht kam.

18 Ich mußte hierauf so ausführlich eingehen, weil Trautmann sich durch diesen Glauben an die Bewahrung des grammatischen Geschlechts der Gegenstände mehrfach zu Fehlschlüssen hat verleiten lassen, vgl. z. B. Bonn. Beitr. XIX, 181 ff.

19 Der nach ihrer Ansicht durch sein Maul dem Säugetier ähnliche Hammerfisch ist gemeint.

20 Ich fühle sehr wohl, dass meine Deutung anfechtbar ist, halte sie aber immerhin für ebenso möglich wie die von anderer Seite gegebenen Antworten. Professor Baesecke rät „Sonnenstrahl": Er ist in verschiedenen geographischen Längen gleichzeitig verschieden alt, erlischt unter Wasser, fährt durch die Luft und über Land.

21 Ich halte diese Lösung Tuppers S. 239 ff. für mißlich, weiß aber keine bessere.

22 Vgl. oben unter „Tieren".

23 Vgl. zu Nr. 20 und 65 Tupper S. 108 ff., 205 ff.

24 S. unter „Pflanzen".

Loewenthal, Studien zum germanischen Rätsel. 3

25 Vgl. Wess. Geb: Dat gafregin ih mit firahim . . .

26 Ganz abseits steht 37, 8: {Saga, hwaet hiö waere) die Aufforderung zum Raten mitten im Rätsel, falls nicht mit V. 9 ein neues Rätsel beginnt, was ich aber nicht glaube, s. o. S. 20 und Tupper S. 156.

27 V. 28b ist bei Tupper metrisch falsch: es muß heißen: Wiga se }e mine 29 sidas cunne, saga hwaet ic hätte, vgl. Holthausen, Angl. XXXV, 172 ff.

28 S. Nachtrag.

29 Zu den von Tupper zu Nr. 9 angeführten Belegstellen: Der Häher als Spaßmacher, vgl. man noch Konr. v. Meg. 199,12: er äntert all ander vogel mit der stimm, also da$ er sein stimm anderr vogel stimm geleicht, recht sam er ir spot [swä sci-renige. . V. 91.

30 In Chrestiens Perceval findet sich das Rätsel nicht, wohl aber eine Stelle, bei der Wolfram der uralte Zug eingefallen sein mag, V. 9340 ff. der Ausg. v. Potvin : Ausi com Veve devient glace, Nercist Ii sans et prent ensamble, Apries le caut quant on en tramble.

31 Zu der Wendung Hwilum weras cyssad 15, 3 möchte ich bemerken, dass sich diese Ausdrucksweise auch in der neuisländischen gäta mehrfach für Gegenstände findet, die an den Mund geführt werden. Vgl. Ärnason, Nr. 161 Die Tabakspfeife, von der es sehr hübsch heißt: „Keiner sehnt sich nach ihren glühenden Lippen, doch abends küssen sie alle die Maid"; ganz ähnlich Nr. 171 Die Mischkanne. In einem neugriechischen Rätsel Zs. d. V. f. Vk. XIV, 92 sagt die Zigarette, dargestellt als blondhaariges Mädchen mit milchweißem Körper: ,,Ich gebe dir zehn Küsse in der Minute und werde deiner nimmer satt." Der Zug ist alt. Vgl. noch in unsrer Sammlung Nr. 64, 4 Der Becher: hwilum mec. .. cyssed müpe tillic esne und Aenigmata Bernensia ed. Riese, Anth. lat.2 I, 1 S. 364 Nr. 42 De glacie, V. 3: Cuncti me solutam cara per oscula gaudent.

32 Für Nr. 42 hat Tupper S. 171 die Lösung Das Wasser durch Darlegung der Motivverwandtschaft mit Nr. 84, soweit das die starke Verstümmlung beider Stücke zuläßt, gesichert. Insofern Nr. 84 auch auf die zerstörende Kraft des Wassers hinweist (V. 2, 3, 29), gehört sie zugleich der vorigen Gruppe an.

33 Auf einer seltsamen Zahlbestimmung beruht auch Nr. 37 Segelschiff mit Insassen, das aber durch seinen Gegenstand erst in die folgende Gruppe gehört.

34 Trautmann, der B. B. XIX, 195 ff. diese gute Lösung Die Feder gab, versteht unter dem wiga V. 6 nicht die Hand, sondern den Arm, weil wiga ,,auf ein männliches Wort deutet und der Arm mit besserm Rechte ein Kämpfer genannt wird als die Hand". Über die Hinfälligkeit seiner Theorie vom grammatischen Geschlecht habe ich zu Nr. 74 gehandelt.

35 Vgl. z. B. Kolm. Hs. XVIII, 58—95.

36 Der Grund dafür ist wohl der, dass unter allen Zonen gleiche oder ähnliche Naturerscheinungen wie Tag und Nacht auf die rätselbildende Phantasie verschiedener Völker in ähnlicher Weise eingewirkt haben, ein Punkt, dessen Bedeutung für die Geschichte des Rätsels G.Paris, wie schon oben erwähnt, m.E. zu sehr unterschätzt hat.

37 Aus dieser Quelle stammt wohl auch das lateinische Rätsel De die et nocte bei dem Angelsachsen Eusebius von den beiden nach Erscheinung und Tätigkeit immer getrennten Schwestern, vgl.

38 Roethe führt S. 616 auch das litauische Rätsel bei Schleicher, Litauische Märchen, Sprichworte, Rätsel und Lieder, S. 202 an und meint, dass die 12 Adler, 60 Tauben und 600 Meisen original seien. Kaum. Ein neugriechisches Rätsel, Dieterich S. 89, lautet: 360 Kraniche und 30 Tauben sitzen in zwölf Nestern und brüten auf einem Ei: Das litauische Rätsel wird eine Verstümmelung aus einer ähnlichen Fassung sein. — Zum Motiv des ewig rollenden Wagens erwähne ich noch ein sehr eigentümliches, italienisches Rätselmärchen von einer Uhr, die ihr Meister, ein steinalter Barbier, ein für allemal in Gang gesetzt hat und nie zu stellen braucht. Es ist eine Zauberuhr, die den Leuten als eine Art Orakel dient. Wie deutlich hervorgeht, ist die Sonne gemeint (Feilberg, GäderS. 48 ff.).

39 Vgl. jetzt noch den alten Volksscherz mit den Hundenamen Widu und Assedu, Nd. Korrespbl. 33, 86 u. 84, 9.

40 Man findet beide Rätsel auch H. Zs. XIII, 492 ff.

41 Wilmanns H. Zs. XIII, 492 ff. erklärte die Zahl der Wochentage, sex ägg, für eine Entlehnung aus dem dänischen Rätsel, aber ohne Grund.

42 Ferner nimmt der Sonntag eine Sonderstellung ein bei Bielen stein Nr. 386: eine große, lange Fichte in sechs Stücken, im Wipfel ein Storch; fast ebenso 387—389; vgl. noch 390: sechs goldene Blättchen, ein heiliges Kreuz oben drauf. Herrn Professor Baesecke verdanke ich noch folgende hübsche Parallele: Biste nich min wiweken? Slöppste nich bi mik. Irfr wochen sebenmal? De söndag is vor sik. (vgl. Andree, Braunschweiger Volkskunde, Braunschweig 1896, S. 344.)

43 Das Wortspiel mit sele findet sich noch in einem lat. Federrätsel eines unbekannten Verfassers bei Reusner, Aenig-matographia, 1599, 2.T. S. 185, das aber ersichtlich wie die meisten

Rätsel dieser Sammlung nur eine Umdichtung aus dem Deutschen ist: singultantem animam secto prius exime ventre; in neuern Rätseln bei Wossidlo Nr. 85a: Sie schneiden mir den Leib auf und holen mir die Seele 'raus (vgl. dazu das Lateinische!); Nr. 85b, schon halb verdunkelt 85d und umgedeutet auf die Stahlfeder Nr. 86. Vgl. auch Zs. d. V. f. Volksk. V, S. 157 Nr. 165 und ein neugriechisches Federrätsel Philol. N. F. XI, 601.

44 Man könnte wohl diesen Vers auf die Gans beziehen (Vorschlag Professor Baeseckes), aber dem würde V. 2 widersprechen. (Doch s. Nachtrag.}

45 Fast wörtlich ebenso wie das Tiroler Rätsel lautet das alemannische bei Rochholz, Alem. Kinderlied S. 261 Nr. 130.

46 Für die strickenden Finger verwendet es Goethe einmal ganz im Rätselstil in dem Gedicht: Magisches Netz W. W. 2,104:

Sind es Kämpfe, die ich sehe? Sind es Spiele, sind es Wunder? Fünf der allerliebsten Knaben, Gegen fünf Geschwister streitend, Regelmäßig, taktbeständig, Einer Zauberin zu Gebote.

Mit dem Schuhrätsel bei Symphosius ed. Riese Anth. lat.21, 1 S. 235 Nr. LVI hat Reinmars Strophe nichts außer dem Gegensatz ,,Lebendig-Tot" gemein, der aber bei dem lateinischen Dichter auf das Rind geht, aus dessen Haut die Schuhe geschnitten werden. Wer sich an der Schiefheit des Bildes: die Zehen als Geschwister des Schuhes, stößt, der möge den Mangel an plastischer Phantasie in Rechnung ziehen, den Rein mar mit den meisten seiner Berufsgenossen teilt. Was er auf diesem Gebiet bisweilen leistet, zeigt Roethe a. a. 0. S. 274 ff: Vgl. z. B. Nr. 99 und 100. Außerdem verweise ich noch auf meine Ausführungen zu Sunburgs Rätsel von der Welt (S. 104ff.) und auf den Nachtrag.

47 Zu den Nachweisen bei Wossidlo füge man noch Booke of merrie Riddles, London 1631, Sh.-Jb. XLII, S. 53 Nr. 3 und The Holme Riddles, Publikations of the Modern Language Association Bd. XVIII, S. 220 Nr. 6 und S. 230 Nr. 78.

48 Es ist hier wohl, wie Roethe S. 624 vorschlägt, bergen grö?, zu setzen.

49 Singauf sagt in seinem sinnlosen Rätsel von Schlaf und Seele H. M. S. III, 49a, 3, V. 4 von jenem: Et, ist noch swaerer wan ein hli. — Vgl. noch Bernger v. Horh. M. F. 113, 3 und 4: swar ich gedenke, vil wol sprung ich dar. swie verre e$ ist, wil ich, sost mir% nähe bl. V. 8: ich hin swaere als ein bli (Verweis Professor Baeseckes).

50 Vgl. noch Wossidlo 106a—d.

51 Ich führe noch an Wolfenbüttler Hs., D. T. d. Mittelalters XIV, Nr. 251, 260; Augsburger Rätselb. H. Zs. III, S. 33 Nr. 53, Butsch Nr. 274, Reusner Aenigm. (Ausg. v. 1599), 2. T., unter den Rätseln des I. L. Hadamarius S. 90; Booke of merrie Riddles, London 1631, Sh.-Jb. XLII, S. 53, Nr. 2; Wossidlo 407b, 409 (dazu S. 304); Englert, zu dem Evarätsel Zs. f. d. U. XI, 656—659 und schließlich R. Köhler, Kl. Sehr. II, 7: Die Erde als jungfräuliche Mutter Adams.

52 Literarische Nachweise habe ich zu Reinmar von Zweter 220 gegeben. Das Bild der Erbse (V. 5) als Muster des Kleinsten ist mir sonst unbekannt.

53 Einiterad mortem überschriebenes Rätsel des J. C. Scaliger bei Reusner, Aenigm. (1599), 2. T., S. 64 der Rätsel des Scaliger.

54 Die Strophe schließt mit einem sehr eigentümlichen Tage-liedrefrain, der nicht zur Sache gehört.

55 Auf das mehrfache Vorkommen des „politischen" Rätsels in der mhd. Spruchdichtung und den vermutlichen Ursprung der Gattung in antiken Orakelsprüchen haben wir schon in der Einleitung hingewiesen.

56 Bartsch, Ld. LXVI, 1—10.

57 Man vgl. auch die häufigen Spielereinen mit Eva und Ave in der mhd. Dichtung, z. B. Stolle H. M. S. Illa, 2: fcvä gap uns an den kouf... da half uns Ave unt der touf; Marner XIV, 18b (Anhang), vor allem aber Konr. v. Würzb. Gold. Schm. 402—409. Im Mittellateinischen begegnen uns Logogryphe bereits in den Rätseln des Alcuin, M.G. Poet. Lat. I, S. 281 ff. Nr. LXIII, LXIV (vgl. Nachtrag).

58 Roethe meint a. a. O. S. 229, der Zug der oberdeutschen Spruchdichter, in ihren Lobsprüchen ans gemeine ,,Urteil, namentlich an die gernden" zu appellieren, fehle der md. Lobdichtung. Das ist nicht ganz richtig. Vgl. Damens Strophe auf den Grafen von Schleswig, H.M.S. III, 168, 8: Ein lop sol mir erklingen, ich wiFg an die gernden bringen, üf dag sie'g den besten singen schone in den landen; ferner Damen III, 169, 2:

Nu merkent disen schönen list,

die gernden wirden (näml. das lop) in strit,

da von wirt e$ gestiuret

zer künige und zer vürsten hove (auf den Herrn von

Ravensberg).

59 Der hübsche Gegensatz von den Hof- und Windhunden stammt von Reinmar von Zweter 152, 4: ich waere ungerne da ein wint, da die stumpfen hovewart werder dan die winde sint, vgl. Roethe Anm. 248 und Seite 607.

60 I unde ouch Lüsitän. Losacania C ist ganz unsinnig, und man müßte es für eine Verderbnis halten, wenn nicht gerade der B. mehrfach die unverständlichsten, geographischen Namen aufführte. Die Lesart Lüsitän dagegen paßt schon wegen ihrer Durchsichtigkeit ausgezeichnet zu Capitänja.

61 G hat hier den metrisch unmöglichen Einschub: kauwen scharf (klawen Bodmer bei v. d. Hagen III, 733).

62 Als wurm erscheint in einem Rätsel des Marner XV, 9 auch die Zunge (s. u. S. 101 und Nachtrag).

63 Als Horner erscheinen in anderen Rätselliteraturen die Fühlhörner eines Insekts, so im Lettischen die Biene, Bielenstein Nr. 104: Eine fleckige Kuh stößt mit dem Horn einen Hügel hervor.

64 Denn wenn B. V. 15 als die Anzahl der Beine richtig 6 angibt, so übertrumpft ihn sein Abschreiber falsch mit 10 V. 5. Eine genaue Zahlbestimmung ist in den vielen Rätseln über diesen dankbaren Gegenstand überhaupt sehr selten. Bei Arnason finde ich sie unter zwölf Stücken nur einmal, aber hier in Übereinstimmung mit B. Ich setze nur die betreffende Stelle hierher, Arnason 1120: safnadi eg dyrum sex aerdum (sechsruderig).

65 Diese Strophe ist nur in C in teilweise verderbter Gestalt auf uns gekommen. Dem letzten Herausgeber des Dichters, Tolle, Der Spruchdichter Boppe, Versuch einer krit.Ausg., Son-dershausener Progr. 1894, ist v. d. Hagens Konjektur zu V. 7 (s. u.) entgangen. Seine Textgestaltung zeigt, dass er die Str. gar nicht verstanden hat.

66 C bluot: v. d. Hagen hat III, 734 richtig blüc = feige, zaghaft vermutet, das erst den rechten Gegensatz zum Folgenden gibt.

67 Für die schwankende Schreibung dieses Ländernamens im mhd. Epos verweise ich auf Martins Kommentar zu Kudrun 587, 1.

68 Die Bezeichnung Tier erklärt sich nur als Reim auf vier, ist daher nicht als Parallele zu verwerten.

69 Vgl. Strauch z. Marner S. 4.

70 Über diese Strophe hat A. Frisch in seiner Jenaer Diss. von 1887: „Unters, über die verschiedenen mhd. Dichter, die den Namen Meißner führen", unter der Überschrift „Rätsel" auch nicht ein Wort verloren. I noch hiure tiure als vert.

71 Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Professor Baesecke. Ich hatte tiure im eigentlichen Sinne als kostbar, wertvoll aufgefaßt und auf den Aberglauben von der Heilkraft des Schattens bezogen (vgl. DWb. VIII, 2239 p.).

72 I bant. Aber der Sinn fordert jedenfalls enbant, wie schon v. d. Hagen vermutet hat und wie aus V. 2 u. 3 deutlich hervorgeht.

73 I von.

74 Muß heißen stetic (s. u.) I stetich.

75 Jastrow-Winter, Deutsche Gesch. im Zeitalter der Hohenstaufen II, 540.

76 Ganz im Gegenteil: „seine Sympathie für die Staufer ist nicht nur nicht erwiesen, sondern auch unwahrscheinlich", vgl. Regg. der Mainzer Erzbischöfe, hrsg. v. Boehmer-Will II, S. LH ff. Außerdem wird der altersschwache Kirchenfürst schon Juli 1251 auf eignes Ansuchen seiner erzbischöflichen Würde enthoben, Regg. S. 313 Nr. 52.

77 Professor Werminghoff verweist mich noch auf die Quellenstellen über das Konzil bei A. Hauck, Kirchengeschichte Deutschi. V, 1, S. 460 ff. (Leipzig 1911).

a Soll heißen 1286.

78 Nach Boehmer, Acta imperii selecta s. 741 nr. 1046.

79 Zum Ausdruck vgl. Freidank 152, 22—24 (Interpol.): Sant Peter was ze reht ein degen, den hie7, got siner schäfe pflegen, er hiez in niht schdf beschern.

80 Weitere Belege bei Hauck a. a. O. S. 462, besonders aber M.G. Constit. III, S. 597 ff. Nr. 623, 624 (Verweis des Herrn Professor Werminghoff).

81 Schon oben als Bischof von Basel und Leiter der Gesandtschaft an den Papst erwähnt.

82 Man vgl. das Urteil seines Ordenbruders Johannes v. Winterthur über ihn bei Eubel, Hist. Jahrb. Bd. IX, 448, Anm. 2.

83 Die beiden für diese Zeit allein in Betracht kommenden Päpste, Martin IV. (1281—85) und Honorius IV. (1285—87) können schon deshalb nicht gemeint sein, weil jener in Perugia, dieser in Rom starb, ganz abgesehen von sachlichen Bedenken.

84 Die gleichzeitigen Ann. Sindelfingenses SS. XVII, 304 fügen seinem Namen ein dictus Koche bei, was der „Kecke" heißt, D. Wb. V, 376 u. P. Stalin, Gesch. Württembergs S. 458, Anm. 1.

Loewenthal, Studien zum germanischen Rätsel. 7

85 „Wundereingänge" dieser Art sind in der antiken und mittellat. Rätseldichtung sehr selten. Strauch vergleicht S. 155 hvat er hat undra der gatur.

86 Die Kolm. Hs. XCIII, 1—40 enthält ebenfalls Marners Rätsel mit später hinzugedichteter Auflösung, Strauch S. 74.

87 Auch V. 1 es want in eynem grundt läßt sich vergleichen, und ganz zu M. V. 5 stimmt V. 3: es hat kein spies und heüt und sticht.

88 Zingerle grö^e; doch vgl. Strauch, Anz.f.d. A. VI, 58.

89 I unt rät. Bartsch Germ. XXV, 114 schlägt vor, unt zu streichen. Zingerle setzt nü.

90 Eine dritte Stelle, die W. Grimm anführt, kann man kaum mehr als Rätsel auffassen: Freidank 169, 20:

Wer ist der, der nie gelouc, unde den lüge nie betrouc?

91 Vgl. oben Reinmar 205, 1—3.

92 Ferner Feilberg, Gäder, Aarbog f. Dansk Kulturhist. 1898, S. 42 ff.

93 Über die Schrift als Gegenstand des Volksrätsels handelt R. Petsch, Neue Beiträge z. Kenntnis des Volksrätsels S. 134 ff.

94 Bartsch Kolm. Hs. S. 643 will aus V. 49 unseres Rätsels schließen, dass man „zu der Zeit des Dichters h bereits als Dehnungszeichen verwendete".

95 Ein Rätsel des Aldhelm vom Alphabet erwähnt terni jratres, versteht aber darunter die Finger (Wright, the anglo-latin satirical poets, 1872, Bd. II, S. 548).

96 In einer wunderschönen schwedischen Rätselgeschichte will das Mädchen ihren heimgekehrten Bräutigam umarmen, wenn hörnet kloves i enden, d. h. wenn hanen gol forste gang, Feilberg, Gäder a. a. O. S. 43. Ebenso heißt es Arnason 874 vom Hahn: Mal er upp ad standa sagdi sä sern hornid klauf. — Als ,,Horner" umschreibt das Rätsel auch gern die Fingernägel des Menschen, so Book of merry riddles, London 1631, Sh.-Jb. XLII, S. 58, Nr. 39:... and on theirtops doe hornes grow.

97 Vielleicht ist V. 14 aber einfach imperativisch zu fassen (Hinweis Prof. Baeseckes.)

98 Dafür spricht auch der Parallelismus in der Steigerung: zwei .... hörne (V. 3), siben horn (V. 13), drigic horn (V. 24) und die entsprechende Einführung eines einzelnen Tieres im ersten V. jeder Strophe.

99 Man erwartet: ob du eg ratest, oder ob ir eg rätent.

100 So Professor Baesecke. Ich hatte diese letzten Worte anders aufgefaßt. Ich bezog sie auf die Wimpern, die nie geschnitten werden: Vgl. Woss. Nr. 244a das Auge: Unner hoor, baben hoor.

101 Vgl. noch Fisch art, Glückh. Schiff ed. Baesecke, (Halle 1901) S. XVIII.

102 Bei dieser Zählung sind wegen der Unsicherheit der Deutung nicht berücksichtigt Boppes Rätsel vom Tier in Normanie H.M.S. II, 384 b, V und Kolm. Hs XXXVII, 23-33 (s. o. S. 113 ff.).

103 Hierher würde auch Singauf H. M. S. III, 49a, 3 gehören, dessen „Rätsel" wir aber nicht berücksichtigt haben. V. 1—3: Swer ein durchgründic meister si, der neme ouch speher meister dri ze helfe üf diz gediute.

104 Der eine faßt „ungeschaffen" als „nicht geschaffen" auf, der andere als „ungestalt, häßlich", also eine homonymische Spielerei, vgl. R. Köhler, Kl. Sehr. III, S. 500, Nr. 1.

105 Vgl. das Gedicht von König Tirol 4, 5: rätestüda3, Vride-branty von leien herzen, lieber sun, söst wol min lere an dich bewant.

106 Er fehlt ganz in den Scherzfragen des „Pfaffen Ämis" (hrsg. v. Lambel, Erzählungen u. Schwänke). Denn V. 152 und 162 betonen nicht die Schwierigkeit der Aufgabe, sondern kennzeichnen den Unmut des fragenden Bischofs über die Schlauheit des Pfaffen. — Im antiken Rätsel sind derartige Formeln sehr selten. Ich finde sie einmal in einem Rätsel bei Vergil Buc. III, 104 ff: Die, quibus in terris — et eris mihi magnus Apollo — tris pateat caeli spatium non amplius ulnas (vgl. Ohlert a. a. O. S. 26 ff., Philol. LVII, 599 und meinen Nachtrag).

107 Eine Zusammenstellung dieser Formeln gibt Uhland Sehr. III, S. 313, Nr. 136.

108 Die „Wundereingänge" sind schon bei Walther sehr beliebt. Vgl. 20,16: Wag Wunders in der werlde vert; 29, 4: ich hän gesehen in der werlt ein michel wunder; 72, 37: Hoeret wunder, wie mir ist geschehen; 102,15: Ich was durch wunder üg gevarn, dö vant ich wunderlichiu dinc. — Kelin benutzt einen solchen Eingang in seiner Strophe gegen die loterriter H. M. S. III, 22b, 2: Ein wunderlicheg kunder wonet nu den herren bi, nu priuvet michel wunder. — Diese Art der Einführung ist dem antiken Rätsel so gut wie unbekannt und im mittellat. sehr selten. Vgl. Bonifatius' Rätsel von der Cupiditas Nr. 11, V. 1 (s. o.): Cerne-bam tetrum lustrans per saecula monstrum (vgl. Nachtrag). Sie ist ein besonderes Kennzeichen des germanischen Rätsels.

109 Übrigens entspricht dieser Art der Anschauung, die Träger und Getragenes einander gleichsetzt, auch die volkstümliche Auffassung, die den Schuh als eenbeen umschreibt, Wossidlo Nr. 15m.

110 Das Gleichnis von Schaf und Hirten stammt doch sicherlich aus Ev. Joh. 21, 15: Pasee agnos meos.

Loewenthal, Studien zum germanischen Rätsel. 9

111 Vgl. R Petsch a. a. 0. S. 112 ff.

112 Dietrich vergleicht H. Zs. XI, 458 dieselben Verse Reinmars mit R E 41, V. 74—77.

113 Diese im deutschen Volksrätsel so häufige Art, verhüllende Namen zum Subjekt zu machen statt des unbestimmten findet sich im mhd. Rätsel nirgends; doch vgl. Boppes Capi-tänia, Lüsitänia, Normanie.

114 Daß namentlich diese beiden letzteren Formen dem germanischen Rätsel eigentümliche Kennzeichen sind, ist oben ausgeführt worden.

115 Zum antiken Rätsel rechne ich mit Teuffel, Rom. Lite-raturgesch. II, § 449 noch die lat. Rätselsammlung des Symphosius (etwa 4.—5. Jahrh.), die nach Sprache, Metrum und Stoffen noch durchaus heidnisch ist.

116 Meine S. 3 Anm. 3 ausgesprochene Vermutung, dass die Gattung des antiken Orakelspruchs in der mittellateinischen Literatur Nachbildungen geweckt habe, findet erwünschte Bestätigung in Nr. 58 der von J. Klapper herausgegebenen Exempla aus Handschriften des Mittelalters (Sammlung mittellateinischer Texte, Heft 2, Heidelberg 1911). Ich kann nur darauf verweisen.

117 Vgl. Abcdarium Nordmannicum in MSD Nr. 5: habet, bihabet (Hinweis Prof. Baeseckes, der folgendermaßen zu raten versucht: Wie dort die Runen Dinge bedeuten, deren Bezeichnung mit ihnen anlautet [f = feu usw.), so hier die Buchstaben : u — lupus, l = agnus, / = rupes. (Aber ahd. felis scheint ags. zu fehlen.) Also: lupus ab agno tenetur = ul, obeurrit agnus rupi = lf, capit viscera lupi=ul, zusammen: ulf\ duo lupi stantes = uu, tertium tribulantes = uuu, Summa: uuulf, also würde viscera lupi zugleich das Innere (u) des Wortes uuulf bedeuten. Quattuor pedes habebant (die vier Tiere): die vier Buchstaben uuul\ cum septem oculis videbant: die sieben Zwischenräume zwischen den acht Strichen.)