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Walther Horwitz

Walther Horwitz (1906-1966) lebte als Schriftsteller in Linz und komponierte seit seinem 20. Lebensjahr Schachprobleme – insgesamt mehr als 400, mit denen er aber nur selten an Turnieren teilnahm. 1957 und 1963 publizierte er zwei kleine Schachproblemsammlungen (letztere zusammen mit Fritz Giegold). Als Autor und Herausgeber von Rätseldichtungen ist er heute in Vergessenheit geraten.

 

Turandot

Neue Rätseldichtungen, herausgegeben und eingeleitet von Walther Horwitz. Mit einem Vorwort von Richard von Schaukal

Krystall-Verlag, Wien, , 94 Seiten
179 Rätsel, bei vielen davon dürfte es sich um Erstdrucke handeln. Alle Autoren sind österreichische Dichter und Gelehrte: Walther Horwitz (1906-1966), Robert Franz Arnold (1872-1938), Oskar Ewald (1881-1940), Richard Flatter (1891-1960), Franz Karl Ginzkey (1871-1963), Ernst Glaser (1912-2005), Richard Gombrich (1909-2001), Richard Kassel (?-?), Alfred Neumann (1895-1952) und Richard von Schaukal (1874-1942).
 

Turandot

Die schönsten Rätsel österreichischer Dichter und Gelehrter. Herausgegeben von Walther Horwitz und Karl Straka.

2. Auflage
Europäischer Verlag, Wien, , 47 Seiten
Das Buch befindet sich leider nicht in unserem Besitz. Die Seitenzahl lässt darauf schließen, dass es sich um andere Rätsel handelt als die in Turandot von 1937; das Buch also nicht schlicht eine zweite Auflage der ersten ist.
 

Rätsel von Walther Horwitz

Leider keine, da seine Werke noch urheberrechtlich geschützt sind. Dies gilt auch für alle anderen Autoren mit Ausnahme von Robert Franz Arnold, Oskar Ewald und Richard von Schaukal.

Verfasser der Rätsel

Über Richard Kassel haben wir keinerlei Informationen gefunden

Vorwort zu Turandot von 1937

von Richard von Schaukal

Das Rätsel ist so alt wie die Sprache, die Schöpfung, die den Menschen als das vernünftige Geschöpf kennzeichnet. Rätsel ist das zu Ratende, zu Erratende, das, was, als verborgen, der Vermutung, dem Nachsinnen sich aufgibt: man tät darauf, strengt den Geist im Dunkel des Gegebenen an, entwickelt den spähenden, den Scharfsinn.

Sobald der Mensch denkt, nachdenkt, aus dem Schweifenden der im Gemüt aufwogenden Gefühle den gefassten Gedanken, also auch das besinnliche, Sinn gebende Wort hebt — Wunder aller Wunder und wie alle Wunder anfangslos —, wird er auch »raten«, sich um Zusammenhang, Sinn zu bemühen haben. Aber das Rätsel selbst, die Erfindung des auf festgestellter Spur zu ergehenden Gemeinten, ist bereits Kunst, nicht nur bewusstes, die Gedanklichkeit selbst in Besinnung ergreifendes, bedenkendes Denken, sondern eine zielende, sich bindende Arbeit des freien Geistes.

Das Rätsel ist Dichtung. Eine uralte, ihrem Wesen nach allen Völkern gemeinsame Dichtung. Wie das Märchen und, auf einer späteren, nüchterneren Stufe der Besinnlichkeit, die Fabel. Während sich aber das Märchen, das Gebilde der über die Natur als Wirklichkeit hinaus ins unbegrenzte Vorstellbare schreitenden Anschaulichkeit, an die Einbildungskraft wendet, die Fabel, die nicht nur bildet, sondern das Gebildete auch sogleich als Bedeutendes deutet, an die Urteilskraft und das Vermögen des Schließens, ist das Rätsel, eine Aufgabe, die nach Lösung, Entkernung, nicht Entfaltung begehrt, ein Gegenstand des Witzes, der Fähigkeit, nicht so sehr zu schauen und zu erblicken, sich das Dargebotene zu verdeutlichen, sondern etwas, was sich entzieht, im Gedankensprung zu ergreifen, eine scheinbar unterbrochene, in Wahrheit nur verhüllte Verbindung herzustellen. Der Witz, den das Rätsel herausfordert, ist die glückliche Begabung, unbeirrt durch das Ablenkende, das Mehrdeutige das sich dem »Ratlosen« zur, Wahl breitet, als das Eindeutige zu erkennen, das es ein für alle Mal ist und nur sein kann. Das Rätsel ist nicht ein Geduldspiel, sondern ein Abenteuer: es erfordert den Mut zum Wagnis, der sich's zutraut, nicht die Schluss-, sondern eine« Entschlussfähigkeit, die aus Sicherheit wirksam wird.

Das Rätsel, wie es sozusagen den Geist, sich duckend, belauert, aber sich ihm preiszugeben kaum erwarten kann, setzt, als Dichtung, und wär's die volkstümlichste, selbst Geist voraus. Es ist nicht jedermanns Sache, Rätsel zu erdenken, das heißt, in Denkform, die als Sprachgestalt auftritt, der Besinnung Sinn aufzugeben. Wie in jeder Kunstübung verstimmt am Rätsel das Unzulängliche, zunächst das unterhalb des Geistesbestimmten im Geistlosen, wenn auch Vernünftigen Beharrende, sodann das in der Gestaltung selbst, sie mag noch so einfach sein, also in der Einheitlichkeit, die ein Ganzes ausmacht, Versagende. Womit durchaus nicht der Künstlichkeit das Wort geredet sein soll, die ebenso über die echte, in aller Bewusstheit nicht willkürliche Kunst hinausfällt, wie der Mangel an Form oder Erfüllung hinter ihr zurückbleibt.

Es gibt viele Arten des Rätsels, vom Sinnrätsel, der höchsten, bis zu Buchstabenspielereien, die am Rande der Kunst wimmeln. Das Sinnrätsel, eine Aufgabe der Sprachbesinnung, die nicht nur wie jede in sich zusammenhängende Mitteilung an das Verständnis sich richtet, vielmehr das Mitzuteilende nicht eigentlich aussagt, sondern hinter der Aussage erst und zwar als einem Ganzen dem Feinhörigen vernehmlich macht, das Sinnrätsel, das also nicht in Stücken, einem Nacheinander, das zu Erratende aufträgt, sondern es gleichsam mit jeder Bewegung seiner Glieder und dennoch nicht in Vereinzelung ausdrückt, ist oder sollte sein ein Gedicht, das heißt, vom Rätsel als s einem »Inhalt« abgesehen, eine in sich vollendete, ihr Maß erreichende Schöpfung in Worten.

Es hat im Deutschen durch Schiller in den Rätseln von »Turandot«, der freien Übertragung eines Märchenschauspiels von Carlo Gozzi, sogleich bei seinem Auftreten oder Wiederauftreten — denn es finden sich schon in früheren Zeiten Verwandte Vorgänge — eine Höhe erreicht, die kaum noch übertroffen worden ist. Geist spielt hier in geschmeidiger Kraft, Anmut leuchtet von Würde, die Vernunft ist sieghafte Schönheit: sie überredet nicht, sie überzeugt von sich selbst.

Wenn die kleine Sammlung neuerer Kunsträtsel, die der Herausgeber, selbst ein geschmackvoller Vertreter der von ihm mit Liebe gepflegten Gattung, in ihrem Titel Schillers sinnreiches Drama beschwört, geschieht es nicht nur in dankbarer Huldigung vor dem erlauchten Genius, der uns wie keiner unserer großen Dichter den Adel des beschwingten Geistes verkörpert: es ist ein Bekenntnis zu diesem Geist, der die tiefste Befugnis zum Rätsel bleibt.

Im Märchen, nicht nur von der chinesischen Königstochter, sondern wie schon in dem griechischen von der Sphinx, die uns zum Inbegriff des Rätsels geworden ist, so in vielen anderen von schönen und stolzen Prinzessinnen steht auf dem Misserfolg im Erraten unweigerlich der Tod. Ein merkwürdiger, ein erschütternder Gegensatz: Lösung zugleich Erlösung, Erfüllung, Versagen Untergang, Vernichtung.

Wir sind bescheidener geworden: wir setzen nichts aufs Spiel, wenn wir ans Raten gehen. Aber von jenem furchtbaren Entweder-Oder bewahrt, wenn nicht der Leser, der als Löser berufen wird, doch im Innersten jeder, der als Dichter es mit dem Rätsel aufnimmt, einen fernen Schauer: das Erraten ist zugleich ein Urteil. Niemals vielleicht so wie am Rätsel wird auch dem sonst gegen die Magie der Dichtung Gleichgültigen die Ahnung aufsteigen, dass Sprache als Kunst ein Wagnis ist, das nur der Meister besteht.

Semmering, am 5. September 1937.
Richard von Schaukal