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Rätsel und Rätsellieder

aus dem »Reallexicon der Deutschen Altertümer«

Leipzig 1885
S. 817–819

Quelle: http://www.zeno.org/Goetzinger-1885

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Rätsel

Rätsel, ahd. râtissa, râtisca, mhd. râtische, raetsche, raetersche, râtsal, raetsel, mit vielen andern Nebenformen, sind eine uralte Gattung der Volkspoesie, namentlich in der altnordischen und der angelsächsischen Dichtung in reicher Fülle erhalten; das Dunkle darin und das Finden und Binden derselben zeigt sich ähnlich in den mythologischen Anschauungen, in alten Rechtsgebräuchen, in der Art des menschlichen Verkehrs der ältesten Zeiten.

Schon sehr früh wurden gewisse Rätselgruppen zu Rätselliedern zusammengeordnet, deren eine Hauptform die ist, dass der Wirt und der ankommende Gast sich in Wechselrede prüfen; der letztere sollte durch sein eigenes Wort von seinem Wesen zeugen; er wird zunächst um Namen, Herkunft, Weg und darum befragt, wo er die letzte Nacht geherbergt habe, Fragen, denen er seinerseits mit doppelsinnigen Erwiderungen und Wortspielen ausbeugt, woraus sich dann ein Wechsel von Frage und Antwort entspinnt. Auch um Völker, Könige und Länder wird der Wanderer befragt, und nicht minder gilt es im Wettspiel mit ihm den allgemeinen Zusammenhang und tiefern Grund der Dinge zu erfassen, die Quellen geistiger Erkenntnis aufzuspüren. So lässt schon die Edda den Asenvater Odin wissbegierig ausfahren, die Weisheit der Riesen zu prüfen und über Ordnung, Ursprung, Untergang und Wiedergeburt der Welt sich zu messen; gegenseitig wird dabei das Haupt zur Wette gesetzt.

Deutsche Volksrätsel finden sich zuerst in einem Büchlein von 1505 gesammelt, welches von da an fleißig und unter verschiedenen Titeln, wie Raeterschbüchlein, Reterbüchlein, nachgedruckt und überarbeitet wurde. Siehe Strassburger Rätselbuch, neu herausgegeben von A. F. Butsch, Strassburg, 1876, und Simrock, Das deutsche Rätsel-Buch. 3. Aufl. Frankfurt a/M. 1874.

Unter den deutschen Rätselliedern, denen der altertümliche Rahmen der Prüfung des ankommenden Gastes eigen ist, ist das älteste das Traugemundeslied, das man in seiner erhaltenen Form ins 12. Jahrhundert setzt. Ein fahrender Mann, Meister trougemunt, d.h. Dragoman = Dolmetscher, dem 72 Lande kund sind, wird bewillkommnet und gefragt, wo er die Nacht gelegen, womit er bedeckt war, wie er Kleider und Speise gewinne? »Mit dem Himmel war ich bedeckt, mit Rosen umsteckt, in eines stolzen Knappen Weise bejage ich Kleider und Speise«; worauf dann nach der wiederkehrenden Formel: Nun sage mir, Meister Traugemund, zweiundsiebenzig Lande die sind Dir kund, die Rätsel und ihre Antworten folgen. Dieselben beziehen sich zunächst auf Eigenschaftswörter, besonders der Farbe, und suchen den Gegenstand, dem dieselben in vollstem Maß zukommen, z.B. Was ist weißer als der Schnee, was ist schneller als das Reh, was ist höher als der Berg, was ist finsterer als die Nacht? Antwort: Sonne, Wind, Baum und Rabe.

Anderer Art, aber ebenfalls Rätseldichtungen, sind die Handwerksgrüße, die zur Losung unter den Angehörigen derselben Genossenschaft dienten, Empfangsgespräche zwischen dem Wandergesellen und dem Altgesellen der Zunft, die in Zeiten, wo es noch keine Wanderbücher gab, den Ausweis des Fremden vertraten. Dieser wird gefragt, wo er herkäme? wie er sich nenne? wo er gelernt? wo er seinen Gesellennamen bekommen und wer dabei gewesen? Diese Grüsse, in gereimter Prosa gehalten, reichen in ihren Aufzeichnungen zwar nicht über das 18. Jahrhundert hinauf, zeigen daher auch den verdorbenen Geschmack des Volkes, ohne doch die Spuren älteren Ursprunges ganz vermissen zu lassen. Älter in der Aufzeichnung und frischer in der Haltung sind die Weidsprüche, »wodurch ein Jäger den andern geprüft hat und wodurch sie sich zu belustigen pflegen.« Sie betreffen großenteils die genaue Kenntnis der Fährten und Zeichen des Waldes, sowie ihrer kunstmäßigen Benennungen; manche sind echte Rätselaufgaben, aber mit weidmännischer Schlusswendung, die eigentümlichsten aber beschäftigen sich mit dem Hirsche. Vgl. den Art. Jagd.

Am sorgfältigsten ausgebildet ist j die Übung des Rätsel-Grüssens in i der Singschule; schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts erscheint, noch sparsam und vereinzelt, das Rätsel in der Lyrik, so zwar, dass der Sänger die Antwort eines andern Sängers verlangt. Dies geschah namentlich, seitdem der von den Höfen zum Bürgerstand übergesiedelte Gesang in den Geheimnissen des Glaubens seinen höchsten und beliebtesten Gegenstand gefunden hatte. Diese Rätsel sind nun freilich nicht mehr kurz, sondern spitzfindig ausgesonnen, weitläufig ausgeführt und künstlich gebaut. Der Art ist der sog. Wartburgkrieg, dann Lieder, in denen Regenbogen mit: Frauenlob und beide einander namentlich geistliche Rätsel zu erraten geben. Oft wird dabei bildlich eines Werbens um einen Rosenkranz gedacht, Rosen zum Kranze brechen bedeutet die Kunstwerbung, und aus sieben edeln Rosen, d.h. den freien Künsten, soll das Kränzlein gemacht sein. Daneben aber wird vom Aushängen des Kranzes, vom Schwenken an der Stange, vom Abgewinnen und Aufsetzen derselben auf eine Weise gesungen, die nicht bezweifeln lässt, dass dem bildlichen Ausdrucke die Anschauung eines wirklichen[818] Herkommens, des Wettgesangs um einen aushängenden Rosenkranz, zu Grunde liege. Wirklich sind auch solche volkstümliche Kranzlieder erhalten, deren Inhalt wiederum Volksrätsel sind, siehe den Art. Kranz und Kranzlieder. Uhlands Schriften. Bd. III, 181 ff.