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Der Philosoph als Rätselschmied

von Rudolf Steiner

Erstveröffentlichung in:
Das Goetheanum, II. Jahrgang, Nr. 48, 8. Juli 1923
(GA 36, S. 162-165)

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Unter den Menschen, die für das geistige Leben zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts besonders charakteristisch sind, wird man den im Frühling 1917 verstorbenen Philosophen Franz Brentano nennen müssen. (Ich habe in dieser Wochenschrift von ihm anlässlich des Erscheinens seines Christusbuches gesprochen und in einem Nachruf, der den 3 . Abschnitt meines Buches »Von Seelenrätseln« bildet.)

Franz Brentano wollte eine Philosophie von der Seelen­kunde aus gewinnen. Er hat von seiner groß beabsichtigten Psychologie nur den ersten Band erscheinen lassen. Er wollte die Seelenwissenschaft nach einer Methode aufbauen, die nach dem Ideal der Naturwissenschaft orientiert sein sollte. Alles, was er an Feinem, Scharfsinnigem über die Seelenerscheinungen ersonnen hat, geht in der Richtung, die hier in dieser Wo­chenschrift als «Anthroposophie» gekennzeichnet wird. Al­lein die Naturwissenschaft, in der Brentano aufgewachsen ist, und an der er methodisch festhalten wollte, betrachtet ein Ein­dringen in die wirkliche geistige Welt als Phantastik. Und zu einer »Geisteswissenschaft«, die auf Anschauung des Gei­stes geht und dabei doch so streng verfährt wie die moderne Naturwissenschaft, konnte sich Brentano nicht verstehen. Er konnte sich mit vollem Bewusstsein nicht zu dem aufschwin­gen, wozu alle seine Ideenwege hinweisen. So blieb sein Werk unvollendet.

Aber gerade durch ihr Ringen wird die Seele dieses «Seelenforschers» zu einer Erscheinung, die den geisteswissenschaft­lichen Seelenbetrachter immer wieder aufs neue mächtig anzieht. Die kleinste Gabe seiner schriftstellerischen Leistungen bietet ein unbegrenztes Interesse.

Es gibt nun ein kleines Büchelchen »Aenigmatias« (Neue Rätsel von Franz Brentano, 2. Auflage, München 1909) von diesem Philosophen. Er sagt selbst in der Vorrede, dass die zahlreichen Rätsel, die er geschaffen und in diesem Büchlein mitgeteilt hat, »recht eigentlich Erzeugnisse der Gelegenheit« sind. »Wiederholt fand ich mich in Kreisen, die sich mit sol­chen Spielen des Scharfsinnes zu unterhalten liebten; und nur dem Wunsche, ihnen gefällig zu sein, verdanken meine Rätsel ihr Entstehen.«

Und dennoch; geht man liebevoll auf diese Rätsel ein, so findet man in ihnen die besondere Eigenart dieses Denkers wieder. – Brentano wurde durch seine strenge scholastische Schulung zu einer scharfen Behandlung des Denkens geführt. Das Stellen von Fragen an das Leben und die Welt wurde ihm zur feinsten Seelenkunst. Das Gestalten klarer, lichtvoller Be­griffe war ihm in unbegrenztem Felde eigen. Aber durch sein Eingehen auf die Naturwissenschaft seiner Zeit kam er in ein seelisches Erleben, das nicht an die Wesenheit der Dinge heran will; die »Grenzen des Erkennens« trafen bei ihm mit einem nach Unbegrenztheit treibenden Scharfsinne zusammen. Und so konnte er sich mit diesem Scharfsinn den Dingen und Vorgängen der Welt gegenüber nur fühlen wie jemand, der irgend etwas in einer leichten Umhüllung in Händen hat und der sich nun zu raten bemüht, was diese Umhüllung in sich schließt.

Wer Sinn hat für die Untertöne, die aus den Gedanken eines Menschen herausklingen, der kann aus Brentanos tiefgründigen Büchern und Abhandlungen überall den »Rätselsucher« auf besondere Art herausfühlen. Es entstehen bei ihm die Rätsel der Natur und des Geistes dadurch auf besondere Art, dass er in seinen Fragestellungen etwas wie ein Tasten hat, das an die Dinge nicht heran will, weil es glaubt, durch zu unvorsich­tiges Zugreifen die Wirklichkeit zu grob wahrzunehmen. Das wird schließlich die Grundstimmung des ganzen Brentano­schen Denkens.

Und ein solches Denken darf sich, ohne sich untreu zu werden, zur Erholung in die spielerischen Regionen zurückziehen, wo das Fragestellen zum geistreichen Umhüllen des Gemeinten wird. So empfindet man gegenüber den Brentanoschen Rätseln. Denn es ist bei ihm dieselbe Seelenverfassung auf leichtspielerische Art wirksam, wenn er den Leuten Rätsel aufgibt, die sich zum äußersten Ernst erhebt, wenn er den »Rätselfragen« des Daseins nachsinnt.

Man merkt die Gedankenfeinheit, wenn Brentano raten lässt:

Süß bin ich und dem Kindeshunger Wonne,
Da schwind' ich rasch wie Schnee im Strahl der Sonne.
Doch, schwingt die junge Phantasie die Flügel,
So schwell ich, wachse über alle Hügel
Und sperr' ihr Paradies als breiter Riegel.

Und man empfindet ernst dieselbe Feinheit, wenn Brentano die Äußerungen des Seelenlebens in Klassen einteilt.

Wenn dieser Philosoph die Leute witzig unterhalten will, so tut er es, indem er in den Scherz den Geist von seinem Philosophen-Impuls gießt. Und wenn der Philosoph empfindet, wie das Denken ein solch merkwürdiger Alchimist ist, der aus dem kleinsten Vorgang ein tiefernstes Welträtsel macht, so bringt es Brentano durch eine ähnliche Umwandlung zustande, einen Spaß so auszudrücken, dass ihn eine »Tragödie in Worten« umhüllt:

Wen warf man in Wasser zum Sieden erhitzt?
Wem hat man den Bauch mit dem Messer geschlitzt?
 (Vorhingen die innern Geweide ihm itzt;)
Wem riss man die Seel' aus dem Leibe?
Wem stutzte den Schweif man zum traurigen Stumpf?
Wen stieß man hinab in den pfuhligen Sumpf?
Wen schleifte man fort mit verstümmeltem Rumpf? —
Mich, der ich es alles beschreibe.

(Brentano sagt von manchem seiner Rätsel: »Begegnet man bei ihrer Lösung oft großer Schwierigkeit, so trägt die Ge­schicklichkeit derjenigen die Schuld, für die sie zunächst bestimmt waren. Die feinsten und wunderlichsten Aufgaben waren ihnen die liebsten, und keine blieb ungelöst.« Da ich aber bei den Lesern dieser Wochenschrift keine geringere Geschicklichkeit voraussetzen darf, so lasse ich die Lösung bei den Beispielen weg. Brentano gibt ja auch in dem Buche keine.)

Zuweilen ist es reizvoll, wie der Philosoph in das Rätsel etwas hineinträgt, was fast die Weltenschwere einer philosophischen Frage hat, zum Beispiel:

Ich bin ein Meer, ein Ozean,
Der schier die halbe Erde decket,
Ein Grab, das Tausende umfahn
In gleichem Frieden hingestrecket.

Bin eine Hexe, die den Sinn
Mit Trugesfäden dir umwebet,
Ich bin die ernste Lehrerin,
Die euch der Schöpfung Schleier hebet.

Dass eine Winzigkeit mit geradezu dialektischem Wortschwall sinnvoll umhüllt werden kann, zeigt das Rätsel:

Weil ein klein, unscheinbar Ding,
Achtet man es oft gering,
Was Verwirrung schuf
Wenn es in den Lüften schwebt,
Schweigt das Zischen, und es hebt
Sich des Staunens Ruf.

Ja ein Weiser hochgelahrt (Hegel)
Hat den Atem nicht gespart,
Sprach das große Wort,
In dem wohlgefügten Staat
Sei der Fürst, was in der Tat
Dies an seinem Ort.

Brentano wurde Rätselschmied, weil er im Grunde seines Denkquells viel mehr Kraft hatte, als er in seiner Philosophie ausleben konnte; aber er war in so hohem Grade Philosoph, dass er dies auch blieb, wenn er Witze machte. Seine Rätsel sind von der verschiedensten Art: Scharadoiden, Verdoppelungsscharaden, Füllrätsel und so weiter sind darunter; aber alle sind so, dass man fühlt: es ist da der Geist selbst, der zum Spaßmacher wird.