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Vorschule der Ästhetik

von Gustav Theodor Fechner

Vorschule der Ästhetik
von Gustav Theodor Fechner
Erschienen bei Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1876

Vorbemerkungen des Herausgebers

Das Original dieses Buches ist 1876 erschienen und folgt der damals gültigen Rechtschreibung ("daß", "Litteratur", "Räthsel", usw.). Wir haben die Rechtschreibung den heutigen Gepflogenheiten angepasst – mit einigen Ausnahmen: Zum einen die Titel anderer Werke und zum anderen Zitate, die schon damals nicht der Rechtschreibung entsprochen haben und vom Autor absichtlich in Original belassen wurden.

Alle Fußnoten und Links wurden von uns eingefügt. Links ohne Kennzeichnung führen zu unseren Seiten; externe Links (meinst in die Wikipedia oder nach Zeno) sind mit ↑ gekennzeichnet.

Vorschule der Ästhetik

(Teil 1 - Kapitel 7)

Rätsel vergnügen uns dadurch, dass sie zu einer vorgegebenen Mannigfaltigkeit von Vorstellungen uns die einheitliche Verknüpfung in der Auflösung des Rätsels erst suchen lassen. In dem Entdecken dieser Beziehung liegt der Reiz der gelungenen Auflösung, indes in der Voraussicht, dass sich die Auflösung finden lasse, eine Vorwegnahme desselben liegt, welche in der Tat dazu gehört, uns am Erraten selbst Lust finden zu lassen; denn Rätsel, von denen man weiß, dass es keine Lösung dafür gibt, mag niemand raten, man hätte davon nur die reine Unlust eines zersplitterten Vorstellungskomplexes; und wer sich bewusst ist, Rätsel schlecht raten zu können, findet daran auch keinen Geschmack. Bei Scharaden aber ist es immer von Vorteil, wenn die Aufgabe für die verschiedenen Silben oder Wortabteilungen irgendwie einheitlich verflochten ist, nicht für jede als ein unabhängiges Rätsel auftritt.

Unstreitig nun trägt zum Reize des Rätselratens auch das Gefallen an der Überwindung einer Schwierigkeit bei, der wir uns gewachsen finden, indem wir nach einem anderweiten Prinzip zum Bedürfnis der Einheit auch das Bedürfnis eines gewissen Grades der Beschäftigung haben, dabei aber die einheitliche Verknüpfung dieser Beschäftigung durch Richtung auf ein bestimmtes Ziel, selbst abgesehen von der Beschaffenheit des Zieles, verlangen; daher gar zu leicht zu erratende Rätsel uns nicht interessieren. Aber im Allgemeinen wollen wir doch, dass bei jeder Überwindung von Schwierigkeiten noch etwas anderes als die Überwindung selbst herauskommt; und lesen daher ein längeres Rätsel auch nach dem Erraten gern noch einmal durch, um uns der einheitlichen Verknüpfung des gesamten Inhalts durch das Wort des Rätsels zu erfreuen; dabei mit Unlust bemerkend, was etwa nicht recht dazu stimmen will.

So sehr wir uns aber an sinnreichen und witzigen Vergleichen, Wortspielen, hübschen Rätseln, Scharaden vergnügen mögen, so sehr uns auch Anekdoten aus diesem oder jenem Gesichtspunkte amüsieren können, und so gern wir einige davon hinter einander lesen oder hören, werden wir es doch nicht über uns gewinnen, eine längere Reihe davon hinter einander zu hören oder zu lesen; schon vor der zwanzigsten haben wir es gründlich satt; indes wir wohl einen ganzen Band eines guten Romans auf einen Sitz auslesen, so zu sagen gar nicht davon loskommen können, ungeachtet wir von jeder Anekdote für sich einen größeren Lustertrag hätten als von jedem gleich großen Stück des Romans, und man meinen könnte, dass durch den beständigen Inhaltswechsel der Anekdoten die Erregbarkeit immer frisch erhalten werden müsste. Aber eben dieser Wechsel ohne verknüpfenden Faden lässt uns nicht lange bei dem Lesen aushalten; ja, wenn nicht jeder Vergleich, jede Anekdote für sich dem Prinzip der einheitlichen Verknüpfung genügte und sonst noch durch die Beschaffenheit des Inhaltes interessierte, würden wir um so weniger dabei aushalten.