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Rätselgedicht Nr. 6600

von Elisabeth Ebeling

Zweisilbige Scharade in dramatischer form

Erste Szene. Erste Silbe.

Personen:

Der Mann.
Die Frau.

(Der Mann sitzt an einem gedeckten Tisch. Die Frau befindet sich zuerst im Nebenzimmer)

Mann (rufend).

He, Frauchen, bring' das Essen her,
Der Hunger plagt mich gar zu sehr.

Frau (aus dem Nebenzimmer)

Gleich, Männchen, setzs Dich nur zu Tische,
Gleich bring' ich Suppe, Brot und Fische.

(Sie erscheint mit einigen Schüsseln. Auf einer derselben liegt ein Hecht, der leicht aus Sand geformt werden kann)

Mann (vergnügt).

Ein blauer Hecht — mein Leibgericht!
Ei, den veracht' ich wahrlich nicht;
Doch weißt Du, liebe Herzensfrau,
Mich dünkt, er ist zu wenig blau.

Frau (beleidigt).

Nicht blau genug? Du sprichst im Scherz..

Mann.

Nein, in der Tat, mein liebes Herz.

Frau (sehr ausgeregt)

Nicht blau genug? Ich Unglückskind —
Da sieht man's, wie die Männer sind.

Mann (beschwichtigend).

Nu, Frauchen, lass uns ruhig essen,
Und Zank und Streit dabei vergessen.

Frau (weinend)

Nicht blau genug? Wie kannst Du's wagen,
Mir das ins Angesicht zu sagen?
Ich sag' es Dir — ich, Deine Frau —
Der Hecht — der Hecht — ist viel zu blau.

Mann (lachend).

Nein, Kind, da muss ich widersprechen.

Frau (außer sich).

Nicht blau genug? Mein Herz wird brechen.
Nicht blau genug? O, Du Tyrann!
Du böser widerspenst'ger Mann!
Ich sage Dir, blau ist der Hecht —
Der Hecht ist blau, die Frau hat Recht.

(Sie fällt in Ohnmacht).

Mann (ängstlich um sie beschäftigt, er spritzt ihr Wasser ins Gesicht und lässt sie an Eau do Cologne riechen)

O, lieber Himmel, welche Not!
Mein Herzensfrauchen, bist Du tot?
Mein Kind — mein lieber Engel — sprich,
Sieh' mich doch an, erhole Dich.
O weh, es will mir nicht gelingen,
Ins Leben sie zurück zu bringen!
Was soll ich tun, was fang' ich an?

(Ärgerlich:)

Der dumme Hecht trägt Schuld daran!
Und doch ist's wahr, er ist nicht blau —

(Die Frau springt auf)

O, meine liebe, teure Frau!

Frau (sehr zornig)-

Was muss ich's noch einmal vernehmen?
O Mann, Du solltest Dich doch schämen.

(Weinend.)

Ich arme, tief gekränkte Frau!

(Schreiend.)

Blau ist der Hecht — zu blau, zu blau!

(Zu den Zuschauern)

Dass mir nur niemand widerspricht,
Denn Widerspruch ertrag' ich nicht.

(Sie läuft aus dem Zimmer)

Mann (lächelnd).

Na, wenigstens ist er probat,
Wenn jemand eine Ohnmacht hat.

 

Zweite Szene, zweite Silbe

Personen:

Ein Wirt, Schwabe
Wilhelm Schulze, Tischlergeselle aus Berlin.
Zoppel, Tischlergeselle aus Sachsen.

(Zoppel sitzt an einem Tisch, der im Vordergrunde steht. Schulze kommt herein; der Wirt, mit blauer Schürze und weißer Zipfelmütze, ist im Hintergrunde beschäftigt)

Schulze (singt).

Mit dem Bohr, dem Hobel,
Kommt man durch die Welt,
Und verdient mit Leimen
Bald ein Stücklein Geld!

Zoppel (in sächsischem Dialekt).

Ei, wie scheene das doch klingt,
Wenn ä muntrer Dischler singt.

Schulze (im berliner Dialekt)

Ja, wir gnäd'ge Herrn vom Hebel
Sind fideles Blut und nobel!
Frisch, Herr Wirt, 'ne Kanne Wein,
Doch vom besten muss er sein.

ZoppeL

Ja, mein Kauter, trinken mir (wir),
Drinken is mei Hauptblaisier.

(Schuize setzt sich zu Zoppel an den Tisch, der Wirt bringt Wein)

Schu!ze.

So, Kamrad, nu lass uns zechen,
Und die Wanderschaft besprechen.

Zoppe

Ja, mei Kuter, blaudern mir,
Plaudern is mei Hauptblaisier.

Schulze (trinkend).

Juch, der Rheinwein löst die Zunge,
Sag', wie heeßt Du, oller Junge!

Zoppel (trinkend).

Zoppel heiß ich, bin aus Sachsen,
Wo die hübschen Purschen wachsen.

Schulze.

Sapperment. Jck aber bin
Willem Schulze aus Berlin

Zoppel.

So, mei Kuter, und Sie wandern
Wohl von einem Ort zum andern?

Schulze

Ja, Herr Sächsler. Doch anjetzt
Wird sich ruhig hingesetzt,
Hier im Orte will ick bleiben
Und mein Handwerk forrch betreiben.

Zoppel.

Justement, das will ich auch,
Beim keschickten Meister Rauch.

Schulze.

Rooch — nu seh mal eener an,
Wat man nich erleben kann.
Jestern als ick anjekonnuem
Hat mir Rooch in Lohn jenommen.
Bruderherz des is famos!
Morjen jeht die Arbeit los.

ZoppeL

Ei, das kann nicht besser fein,
Morchen tret' auch ich erst ein.

Schulze (sein Glas erhebend)

Vivat, Meister Rooch soll leben,
Und Frau Meistern nicht daneben.

Zoppel.

Ja, der Meister Rauch soll leben,
Doch Frau Meistern nicht daneben.

Schulze (ärgerlich)

I, warum denn nich, Kumpan?

Zoppel.

Weil ich sie nicht leiden kann!
Zänkisch ist sie — und genau
Ne Xantippe von ner Frau!
Ist des Meisters größte Not,
Blagt die Purschen peinah tot!

Schulze.

I, des jeht ja wie jeschmiert,
Wenn der Sächser raisoniert.
Sage mal, mein Herr Patron,
Kennst Du denn Frau Meestem schon?

Zoppel.

Kennen? — Ei pewahre nein,
Morchen tret' ich ja erst ein.

Schulze.

Nu, wer hat Dir's denn jesagt,
Dess sie die Gesellen plagt?

Zoppel.

Ei, das ist ja sonnenklar,
Als ich noch in Leipzig war,
Träumt ich mal, ich ging spazieren,
So vor's Elstertor brom'nieren:
Blötzlich stoß ich an ä Stein —
Fall' und preche mir mei Pein.
Schlage dann ä Burzelpauin —
'S heißt natürlich nur im Draum —
Und zuletzt, da kömmt ä Hase
Und zerpeißt mir meine Nase.

Schulze

Alle Weiter, noch ein Mal!
Träume sind mir: janz ejal.

Zoppel.

Nein, ich bin nun sehr dafür,
Dräumen ist mei Hauptblaisier,
Und wer viel auf Dräume hält,
Der kömmt vorwärts in der Welt;
Und die Dante meiner Pase
Meinte, 'ne zerbissne Nase
Und ä schiefer Burzelpaum
Sei für mich ä schlirmner Draum,
Denn das däht bei jungen Leuten
Schlechte Meistersfrau'n bedeuten.
Drum lass ich den Meister leben,
Doch Frau Meistern nicht daneben.

Schulze (ärgerlich lachend)

Aberglauben, Kinderei,
Unsinn ist's und Schwindelei.

Zoppel.

Nein, Berliner, solche Sachen
Sind mer wirklich nicht zum Lachen.

Schulze.

Unsinn sag' ich — stoß nur an,
Sei keen Faselhans, Kumpan!
Trotz der Tante ruf ick doch:
Die Frau Meestern, Vivat hoch!

(Er stößt mit seinem Glase gegen das Glas, welches Zoppel in der Hand hält).

Zoppel (ausspringend, sehr böse)

Nein, Herr Schulze, nimmermehr,
Das verpitt' ich mer recht sehr!

Schulze (aufspringend).

I, Mosje, wat fällt Ihm ein,
Will wohl rappelköppisch sein?
Nu, da kann's, bei meinem Leben
Ausgesuchte Prügel geben.

(Er hebt drohend seinen Stuhl in die Höhe. Zoppel tut ein Gleiches)

Zoppel.

Kuh Berliner, brügeln mir (roir),
Brügeln ist mei Hauptblaisier.

(Sie schlagen mit den Stühlen gegen einander. - Der Wirt, der indessen im Hintergrunde gesessen und geschlafen hat, fährt auf)

Wirt (sich die Augen reibend, in schwäbischeiti Dialekt)

Meine Herrn, nu sagen's bloß,
Woas in aller Welt isch los?

Schulze (schreiend).

Dieser abergläub'sche Peter
Schreit uf eenmal Mord und Zeter.

Zoppel.

Der Perliner will es wagen
Mich mit feinem Stuhl zu schlagen.

Schulze.

Dieser Flegel weigert sich —

Zoppel (einfallend).

Dieser Dölpel brügelt mich s—

Wirt.

Stich ich koan ja nischt verstehn,
Sagt vernünftig, woas geschehn.

Zoppel.

Der will mich ins Unglück pringen,
Mich zum Vivatrufen zwingen.

Schulze.

Meester Roochen lass' ick leben,
Und Frau Meestern ooch daneben —
Und dem Sächser tut's nich passen,
Will die Frau nich leben lassen.

Wirt (phlegmatisch).

Nu, da hat's holt wenig Not,
Denn die Frau ischt lange tot.

Schulze.

Juch! denn woll'n wir uns vertragen.

Zoppel.

Ja, mei Freund, und nicht mehr schlagen.

Schulze.

Bruderherz, umarme mir.

Zoppel (ihn umarmend)

Ja, das ist mei Hauptblaisier!

Wirt (zum Publikum).

Doas isch holt Gesellenart:
Prügelei um Kaischers Bart.

 

Dritte Szene. Das Ganze.

(Einer der Mitspielenden tritt vor und spricht gegen das Publikum gewandt)

Als Märchenheld ist Euch das Ganze,
Als grimmer Ritter wohlbekannt,
Er schneidet seiner Frauen Köpfe
Gemütlich ab mit eigner Hand.

Seid Ihr begierig auf den Namen,
So ratet — doch da fällt mir ein —
Die Neugier kann er gar nicht leiden,
Drum lasst das Raten lieber sein.

Lösung anzeigen

Blau + Bart = Blaubart

Verweise

Rätselgeschichten, Scharaden, Ebeling