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Rätselgedicht Nr. 6500

von Elisabeth Ebeling

Viersilbige Scharade in dramatischer Form

Die beiden ersten Silben

(Es soll eine Sitzung von Abgeordneten dargestellt werden. In der Mitte des Zimmers befindet sich ein, wo möglich, etwas erhöhter Stuhl für den Präsidenten der Versammlung. Rechts: und links von demselben befindet sich eine Reihe von Stühlen, welche von den mitspielenden Knaben eingenommen werden; außerdem steht neben dem Sitz des Präsidenten ein Stuhl, der mit der durch ein Tuch verhängten Lehne gegen die Zuschauer gewandt ist; dieser bildet die Rednerbühne, hinter welche sich der jedesmalige Sprecher stellt. Der Präsident muss eine Klingel haben, er spricht von seinem Sitze ans; Der erste und der zweite Abgeordnete sitzen aus der linken, der dritte und der vierte Abgeordnete auf der rechten Seite. Außer diesen können noch so viele Knaben als vorhanden sind, rechts und links als stumme Personen sitzen.)

Personen:

Der Präsident.
Der erste Abgeordnete
Der zweite Abgeordnete.
Der dritte Abgeordnete.
Der vierte Abgeordnete.

Präsident.

Die Abgesandten heiß' ich hoch willkommen,
Die zu des Landes wahrem Nutz und Frommen
zusammentreten, um das Wohl der Staaten
Mit einsichtsvoller Weisheit zu beruhen.

(Er setzt sich)

Erster Abgeordneter (sehr pathetisch).

Ein Gegenstand von hoher Wichtigkeit
Für jedes Volk — für alt' und neue Zeit —
Die wichtigste vielleicht von allen Fragen
Hab' ich der hohen Kammer vorzutragen.

(Er räuspert sich.)

Die Gegend, die zum Sprecher mich gewählt,
Wird zu den armen dieses Reichs: gezählt;
Untauglich für Getreide ist das Land,
Nur die Kartoffel wächst im dürren Sand.
Und diese Frucht die einz'ge, die wir haben,
Woran wir alle täglich uns erlaben,
Hat Freunde und Familien jetzt entzweit,
Holt uns gestürzt in Hader, Zank und Streit.

(Sehr gerührt)

Kartoffel haben wir sie stets genannt,
Nur unter diesem Namen sie gekannt.
Da macht der Bürgermeister klug und weise
Vor ein'gen Wochen eine weite Reise,
Und sagt im Rat bei seiner Wiederkehr,
Kartoffel schriebe keine Seele mehr;
Erdtoffel wäre richtig nur und fein,
Kartoffel klänge bäurisch und gemein.

Ein Sturm entstand darob im ganzen Städtchen
Es zanken Männer, Frauen, Kinder, Mädchen,
Und Alle wählten mich, der hohen Kammer
Vortrag zu halten vom Kartoffeljammer,
Und Sie zu bitten zwischen jenen beiden
Kar- und Erdtoffel weise zu entscheiden

(Unter Bravorufe  von der linken, und Zischen und Gelächter vot der rechten Seite nimmt der Abgeordnete seinen Sitz auf der linken Seite wieder ein. Unmittelbar nach ihm begibt sich der dritte Abgeordnete — von der· Rechten — nach der Rednerbühne; der Präsident klingelt, woraus Stille eintritt)

Dritter Abgeordneter (die Rednerbühne einnehmend, eifrig)

Kein Zweifel kann bei dieser Sache walten,
Das Rechte ist im Namen schon enthalten.
Erdtoffel ist der Name, der ihr frommt,
Da die Erdtoffel aus der Erde kommt. —
Erdtoffel muss man sagen, denken, schreiben,
Und bei Erdtoffel immer — immer bleiben.

(Er nimmt seinen Platz wieder ein)

(Bravorufe von der Rechten, Gelächter von der Linken. Der zweite Abgeordnete — von der Linken — nimmt die Rednerbühne ein. Der Präsident klingelt)

Zweiter Abgeordneter (heftig).

Sie irren, Herr! Kartoffel ist das Rechte,
Erdtoffel das Erlogene und Schlechte.
Kartoffel heißt die Frucht seit grauen Zeiten,
Und für Kartoffel werd' ich ewig streiten.

(Er nimmt seinen Platz ein)

(Die Linie ruft Beifall. Die Rechte zischt. - Dei· Präsident klingelt  und der vierte Abgeordnete — von der Rechten — begibt sich zur Rednerbühne)

Vierter Abgeordneter (sehr salbungsvoll und sanft).

Mit ernstem Sinn und weiser Mäßigkeit
Vernehmt von mir den endlichen Bescheid:
Kar- und Erdtoffel muss verworfen sein;
Erdapfel ist das Richtige allein!
Rund wie der Apfel sind ja diese Knollen,
Die wir der Erde Äpfel nennen wollen.

(pathetisch.)

Kar- und Erdtoffel müssen unterliegen,
Erdapfel aber beide sie besiegen.

(Er setzt sich)

Dritter Abgeordneter (von seinen: Sitze aufstehend und von dort sehr schnell und laut rufend)

Erdtoffel heißt die Frucht, bei meinem Leben,
Nie werd' ich der Kartoffel mich ergeben.

Zweiter Abgeordneter (noch lauter, ebenfalls vor seinem Stuhl stehend)

Und für Kartoffel kämpf ich voller Mut,
Für die Kartoffel lass ich Gut und Blut!

Vierter Abgeordneter (sanft).

Erdapfel, meine Herrn, lasst Euch bedeuten,
Erdapfel heißt die Frucht bei feinen Leuten.

(Allgemeiner Tumult; von der Rechten ruft man »Erdtoffel«, von der Linken »Karioffel«, der vierte Abgeordnete ruft dazwischen, so lauter kann: »Erdapfel«! Endlich gelingt es dem Präsidenten, durch anhaltendes Klingeln Stille herzustellen)

Präsident (würdevoll).

Zur Ordnung! Still! Erlaubt mir vorzuschlagen,
Die Sitzung bis; auf weit'res zu vertagen.

Vierter Abgeordneter

Ich schließe mich dem Vorschlag willig an.

Alle.
So tun auch wir es Alle, Mann für Mann!

Präsident (stehend).

Wenn wir das nächste Mal zusammen kommen,
Wird die Debatte wieder aufgenommen,
Und zu des Landes Wohl, des Volkes; Frieden,
Durch unsre scharfe Geisteskraft entschieden.

(Alle gehen fort)

 

Die beiden letzten Silben

Personen:

Der Richter.
Bauer Veit,
Bauer Peter.

(Der Richter womöglich mit Vatermördern und einer Brille sitzt an einem mit Büchern und Schreibmaterialien bedeckten Tisch. Die Bauern müssen recht große Überröcke anhaben und runde Hüte in der Hand tragen. Sie treten zankend ein.)

Veit.

Potz Blitz, ich habe Recht das wird sich zeigen.

Peter.

Kreuz Element, will Er wohl stille schweigen

Veit (schreiend).

Er Dummerjahn, ich werd' Ihm Mores lehren.

Peter (noch lauter)·

Was, dumm? das laß' Er mich noch einmal hören!

Richter (gravitätisch, sehr langsam redend)

Silenzium sag' ich, lasst das Raisonniereb,
Sonst könnt Jhr Beide in Arrest spazieren,
Zuerst soll Peter sagen, was er will,
Der Veitel aber schweigt indessen still;
Wenn jenen ich zu Protokoll genommen,
Dann mag die Reihe an den Veitel kommen,

Peter (den Hut immerwährend hin- und herdrehend)

Nu, nichts für ungut, Herr! das Recht ist mein;
Seht mal, ich hatte da ein kleines; Schwein,
Und Veitels Gartenzaun —- der ist zerbrochen,
Da war mein Ferkelchen nun durchgekrochen
Und hatte von des Nachbars roten Rüben
Gefressen und sich dort umhergetrieben.
Dann wollt' es abends in den Stall zurück,
War aber von dem Rübenfraß zu dick,
Und heute Morgen nun, vor wenig Stunden
Hals ich's in Veitels Zaun erstickt gefunden.
Drum trag' ich jetzt drauf an von Rechtes wegen,
Dass mir der Veitel Strafe soll erlegen.

Veit.

Prost Mahlzeit, Peter; geb' Er einmal Acht,
Wie Er die Rechnung ohne Wirt gemacht.
Hat Er, Filou, denn ganz und gar vergessen,
Dass mir sein Schwein die Rüben aufgefressen?
Drei Scheffel hat das Tier in feinem Magen,
Drum ist's an mir, auf Strafe anzutragen.
Ja, ja, mein Freund, das Ding ist umgekehrt,
Er rückt heraus; und zahlt, wie sich's gehört,
Den Wert von meinen Rüben auf ein Haar
Zwei Taler zwanzig Groschen, blank und bar.

Peter.

Er Faselhans mit seinen Eselsohren,
Hat Er denn gänzlich den Verstand verloren?
Drei Taler zahlt Er mir, das» Recht ist mein,
Drei volle Taler für mein totes Schwein.

Weit.

Ich bin kein Faselhans, bei meinem Leben,
Bier Taler muss er für die Rüben geben.

Richter.

Silenzium! meiner Weisheit wird's gelingen,
Gar bald das Rechte an den Tag zu bringen.

(Er legt den Finger an die Nase und denkt nach)

Gefunden ist's. So hört das Urteil an:
Straffällig seid ihr beide, Mann für Mann:
Doch will ich ausnahmsweise milde sein!
Er, Peter, holet mir sogleich sein Schwein,
Und Veit drei Scheffel Rüben, gut gemessen,
Dann will ich Euch zur Strafe beides essen.

(Pathetisch)

Dies ist mein Spruch, dies des Gerichtes Ende,
Vertragt Euch jetzt und gebet Euch die Hände.

(Peter und Veit geben sich die Hand und machen sehr erstaunte Gesichten)

Bedenkt, wie weise das; Gericht entschieden!
Nun geht nach Haus und haltet ferner Frieden.

Peter (im Bbgehen, sich hinter die Ohren kratzend)

Du, Veitel, Es kommt nichts raus bei dem Verklagen.

Veit.

Nö, Peter, besser ist's sich zu vertragen.

 

Das Ganze.

Personen:

König Friedrich 1I. von Preußen.
Ein Müller
Ein Diener, stumme Person.

(Der König sitzt ans einem Lehnstuhl an einem mit Büchern bedecktem Tisch und schreibt; neben ihm sieht eine Schnupftabaksdose, woraus er öfters schnupft; am Stuhl lehnt ein Krückstock. Der Anzug des Königs muss, wo möglich, aus einem blauen Leibrock mit roten Ausschlägen, weißer Weste, kurzen weißen Beinkleidern und Stulpenstiefeln bestehen. Aus dein Kopf, der mit einer Flachsperücke bedeckt sein muss, hat er ein kleines, dreieckiges Hütchen. Der später eintretende Müsser kann eine Bluse oder eine mit Mehl bestaubte Jacke tragen.)

König (allein).

(Man hört fortwährend ein Geräusch, wie das Klappern einer Mühle, welches leicht dadurch erzeugt wird, das; man mit zwei Stöcken auf die Tür des Nebenzimmers trommelt)

Mich stört der ew'ge Lärm im Reflektieren,
Ein Engel würde die Geduld verlieren.
Mit jeder Stunde nimmt das Klappern zu,
Bringt mich bei Tag und Nacht um Rast und Ruh,
Raubt mir den Schlaf, stört mich sogar bei    m Schreiben,
Ma foi! So soll's und darf's- nicht länger bleiben!

(Er klopft mit feiner Krücke aus die Erde; der Diener erscheint in der Tür und bleibt dort kerzengrade stehen)

König.

Ruf Er sogleich den Müller mir herein!

(Diener ab)

König (für sich).

Er wird doch zur Raison zu bringen sein.

(Der König liest einige Sekunden, dann erscheint der Müller)

König.

Bon jour, ich hab' ihm etwas vorzutragen:
Ich kann den Höllenlärm nicht mehr ertragen,
Drum soll Er mir die Mühle überlassen,
Da sie und ich nicht gut zusammen passen.

Müller (ruhig).

Die Mühle lassen, Majestät? Ach nein,
Aus diesen Vorschlag geh' ich niemals ein.

König.

Ich sag' Ihn! ja, dass mich das» Klappern stört,
Drum zahl' ich gerne dreifach ihren Wert.

Müller.

Nein, Majestät, ich frage nicht nach Geld,
Die Mühl' ist mir das Liebste in der Welt.

König (ärgerlich, mit der Krücke ans den Boden stampfend)

Mon Dieu! Es wird dem Kön'ge doch gelingen,
Den Starrsinn eines Müllers zu bezwingen!

Müller (fest).

Nein, Majesität,die Mühle bleibt mein eigen
Und wird, so lang' ich lebe, niemals schweigen.
In meiner Mühle will ich einstens sterben
Und dann auf meine Söhne sie vererben.

König (ihm mit dem Stocke drohend)

Silence, silence, schwei' Er doch einmal still,
Weiß Er auch, was das heißt: »der König will«

Müller.

Ja, Majestät, doch Recht bleibt ewig Recht,
Und gleich sind vorm Gesetze Herr und Knecht.

König.

Ma foiu! Ich glaube gar, er will es wagen,
Mich, seinen Herrn und König zu verklagen?

Müller.

Ja, Majestät, der Richter mag entscheiden,
Wer Recht hat und wer Unrecht von uns Beiden.

König (spöttisch).

Versuch' Er's nur, Er wird nicht reüssieren,
Man pflegt stets gegen Fürsten zu verlieren.

Müller.

Gottlob, das pflegt man hier zu Lande nicht,
Dafür sorgt in Berlin —

König (schnell einfallend)

Silence —— Er Wicht!

(Für sich)

Darf ich das Werk, das ich erschuf, erwehren,
Den hohen Rechtssinn meines Volks zerstören?

(Steht eine Weile nachdenkend auf seinen Krückstock gelehnt)

(Laut und sehr Milde)

Wohltat, so mögen die Gesetze richten
Und unparteiisch diese Sache schlichten.

(Er grüßt den Müller, indem er leicht den Hut lüftet; dieser entfernt sich mit einer tiefen Verbeugung)

König (Geht ernst, nach einer Pause)

So schwach hat die Versuchung mich gefunden!
Gottlob, dass ich sie siegreich überwunden.

(Mit erhobener Stimme:)

Im Preußenland soll stets das Recht regieren,
Und nie Parteilichkeit den Zügel führen!

Lösung anzeigen

Kammer + Gericht = Kammergericht

Verweise

Rätselgeschichten, Scharaden, Ebeling