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Rätselgedicht Nr. 5856

von Carola Koch

Worträtsel

Ein mancher, ist er auch kein Lurch,
Macht doch verschiedene Verwandlung durch,
Eh' er an seines Laufes Ziel gelangt
Und weiß, was das Geschick von ihm verlangt.

Ich war ein schlichtes Kind vom Lande,
Wollt wachsen bis zum Wolkenrande
Und dacht', es gäbe nichts, als grün zu prangen
Und himmelblauer Blüten vollzuhangen.
Ach, ach! Kaum war ich einen Meter groß,
Da riss man mich schon aus der Erde Schoß
Und packt' mich haufenweis' mit meinesgleichen
Auf Bauernkarren, da gab's kein Entweichen
Man brachte uns, Gott weiß an welchen Ort,
Kein Vieh kann banger sein, muss es zum Schlachthaus fort.

Nun kam das Schlimmste: meine Blätter wurden abgerissen,
Mein Leib von oben bis hinunter durchgeschlissen;
Im Wasser ließen sie mich fast ersaufen,
Vor lauter Hecheln, Kämmen, Schwingen konnt' ich kaum mehr schnaufen.
Wer dies nicht durchgemacht, so nicht in Henkers Hand gebebt,
Der bilde sich nicht ein, er hätte was erlebt.

Doch war die Leidenszeit noch nicht zu Ende,
Und wanderte ich noch durch manche Hände.
An einer alten Fee bin ich erst recht erschrocken,
Die stülpte mich mit wenig Rücksicht über'n Wocken;
Ich hörte etwas nie Geseh'nes surren, sausen,
Und muss? mich schwindelnd dreh'n; mir wollte grausen,
So zwischen feuchten Fingern umgezwirbelt,
Bis alles um mich her gewirbelt,
Auf eine Spule endlos aufgewickelt ...
Du liebe Güte, war die Lehrzeit doch verwickelt!

Zu allerletzt kam ich auf einen Stuhl;
Zum Ausruh'n nicht, bewahre! eine neue Schul'!
Da spannte man mich dünn geword'nen längs und quer
Und zog mich durch mich selber immer hin und her,
Bis ich ein neues Wesen angenommen
Und meinem Ziel ganz nah gekommen.
Hier war es, hier erlebt' ich meine erste Freude
Und ward mir selbst zur Augenweide.

Als ich gar an die Sonne wurd' gebreitet,
Ein sanfter Regen über mich geleitet,
So reich und köstlich wie in Tagen meiner Jugendblüte,
Da fühlte ich mich selig im Gemüte.
Schneeweiß und glänzend wurde ich, o holde Wendung!
In jeder Faser spürt' ich's: dies ist die Vollendung.

Lösung anzeigen

Leinentuch

Anmerkungen

Wocken (veraltet) = Rocken (Spinnrocken) = Teil am Spinnrad, auf das das zu verspinnende Material gewickelt wird

Das Rätsel beschreibt die Herstellung eines Leinentuches: Der Lein (Flachs) wächst auf dem Feld, blüht blau, wird geerntet, zu Fasern gekämmt, gewässert, am Spinnrad zu einem Faden gesponnen, am Webstuhl zu einem Tuch gewoben und zuletzt in der Sonne gebleicht.

Verweise

Worträtsel, Koch