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Rätselgedicht Nr. 5540

von Dr. Ferdinand Kämmerer

Worträtsel

Meine Mutter wird von mir geboren,
Wenn sie mich geboren hat;
Schnell verfolg' ich ihren Pfad
In den Reihentanz der Horen.

Mögen auch Jahrtausende verschweben,
Mag auf Erden nichts bestehn
Und das Leben untergehn,
Ewig bleibt und blühet unser Leben.

Unserm Späherblick ist nichts verborgen,
Unser Aug' hat schnell entdeckt,
Was die Gegenwart erweckt,
Was Vergangenheit gezeugt, was Morgen.

Freude glänzt aus meinen Augen immer,
Segen strömt der ganzen Welt,
Und mein Blick, wohin er fällt,
Führet Heiterkeit zurück und Schimmer.

Aber angetan mit schwarzem Kleide
Schaut die Mutter ernst und wild;
Doch ihr Sinn ist sanft und mild,
Und sie kennt der Liebe Wonnefreude.

Hass und Zwietracht hat uns stets geschieden,
Niemals endend währt der Krieg,
Auf und nieder wogt der Sieg,
Aber nimmer blicken wir den Frieden.

Unsre Tochter nur kann uns vereinen,
Doch kurz ist der Augenblick;
Der Besiegte flieht zurück,
Bis er siegend wieder mag erscheinen.

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Tag, Nacht und Dämmerung

Quelle

Dr. Ferdinand Kämmerer: Poetische Versuche und Uebersetzungen
Erste Abtheilung: Poetische Versuche
Stahl, Darmstadt, 1813
Seite 144, Nr. 4

Anmerkungen

Die Horen (gr. »die Zeiten«) sind in der griechischen Mythologie die Göttinnen, die das geregelte Leben überwachen.

Verweise

Worträtsel, Kämmerer