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Rätselgedicht Nr. 5271

von Carl Töpfer

Homonym

Die Namensvettern

[1] Der Eine: Guten Morgen Vetter!

[2] Der Andere: Ich umfasse Dich mit der Frühlingsliebe eines sehnsüchtigen Jugendgemütes.

[1] Der Eine: Gewöhne Dir, zum Henker, die Bombast-Sprache ab; ich kann viel ertragen, ich habe in dieser Nacht zwei Bouteillen Champagner getrunken, die gemeinen Weine ungerechnet; aber, wenn ich Dich anhöre, so wird mir flau wie einem Neuling.

[2] Der Andere: Du neigst Dich zur Tierheit, in Deiner Brust ertönt auch nicht der leiseste Anklang eines Echos des Hohen und Herrlichen!

[1] Der Eine: Was hoch und was herrlich! Ich will das Leben genießen – zur Kopfhängerei sind wir nicht auf der Welt. Nimmt uns nicht Kindheit und Alter schon genug der Vergnügenszeit hinweg? Dafür halte ich mich schadlos, solang ich Mannskraft habe; wahrlich, es bringt mehr Ehre, abgefallen und bleich auszusehen, wenn man, wie ich, den Schlaf der Heiterkeit opfert, als wie Du nichtigen Träumereien nachzuhangen und ein blasses Gesicht einzuhandeln für Nebel und blauen Dunst.

[2] Der Andere: Nebel und blauen Dunst? – Höre ihn nicht, Du mein menschenfreundliches Herz; dass sich in die reine Schale meines Wohlwollens kein befleckendes Tröpflein Unmut hernieder senke. Bin ich bleich, so opferte ich mondnächtiger Sehnsucht, heißem Durst nach Entfernten, Unerreichbaren, das Blut meiner Wangen auf; ist das Feuer meiner Augen erloschen, so entzündete sich dafür in meinem Tief-Innersten die Glut der hohen übersinnlichen Liebe, die Alles inbrünstig umschließt, selbst Gegenstände, die ihrer nicht würdig, wie Du, in schweren Irrtum gefallener Namensvetter.

[1] Der Eine: Junge, komm in ein Weinhaus, wir wollen Brüderschaft trinken; Abends führ' ich Dich in eine Tanzgesellschaft, damit Du einsiehst, wo auf Erden die Liebe wohnt – und wenn Du dann nicht zur Vernunft kommst, so sag ich mich los von Dir, und erzähle keinem Menschen, dass ich heiße wie Du.

[2] Der Andere: Dass ich, zum Unglück, mit Dir einen Namen trage, will ich verbergen in meiner Brust, wo es keines Menschen Auge entdeckt. Die Scham lege ihre tausend Siegel auf das Geheimnis und der Mittelpunkt der Erde bewahrt sein Zentralfeuer nicht besser, als diese heiß aufatmende Menschenbrust ein Geheimnis, wenn ich es so beschlossen. Geh hin und wirf Dich dem Tod frühzeitig in die Arme, Du von mir ewig beweinter, unglückseliger Vetter.

[1] Der Eine: Geh hin, und wirf Dich dem Narrenhause in die Arme, Du von mir ewig belachter Thor.

[3] Das Ding: Ich heiß auch wie sie. Um ihnen zu zeigen, wo die Vernunft ihre Stelle findet, will ich zwischen beide treten, sie auszischen und dann vor Lachen zerplatzen!

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Schwärmer

Anmerkungen

1. Nachtschwärmer/Orgiast; 2. Träumer/Enthusiast; 3. Feuerwerkskörper

auszischen = jemanden mit einem verächtlichen Zischen verspotten

Verweise

Homonyme, Töpfer