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Rätselgedicht Nr. 4597

von Rudolf Treichler

Rätsel

Er heftet sich an unsre Sohlen,
Mit uns verwachsen fest und treu —
Macht sich doch oft davon verstohlen,
Verweht in dunkle Weiten frei.

Er liebt das Licht und lebt vom Glanze,
Wirkt darin wie ein Künstler fast:
Er malt und zeichnet flink im Tanze
Den oft, bei dem er weilt als Gast.

Er sucht das Licht und flieht doch immer
In seine eigne Dunkelheit,
Denn er entspringt zwar aus dem Schimmer —
Ist doch mit ihm in Widerstreit.

Er ist einseitig ganz und flüchtig,
Er kennt nur Schwarz-Weiß-Malerei,
Er dünkt sich wichtig, ist doch nichtig
In seinem matten Einerlei.

Doch hat er auch ein treu Empfinden
Bei seinem ruhelosen Tun:
Er lässt sich immer wieder finden,
Nimmt auf uns in sein kühles Ruhn.

Es lebt in ihm geheime Sendung:
Sie zeugt im Dunkel von dem Licht,
Die ohne Falsch in jeder Wendung
Vom Geist in seinem Reiche spricht.

Drum wehe dem, der ihn verkennet
In seinem innersten Gehalt,
Geist-los und -fern von ihm sich trennet,
Fremd seiner eigenen Gestalt!

Er wird durchs Leben einsam wandern,
Verfemt und ohne Lieb' und Freud',
Wird sich in Sehnsucht nach dem »Andern«
Verzehrn in bittrem Erdenleid.

Ein deutscher Dichter sang den Mann,
Auf dem einst solches Weh fiel,
Von dem ihr sicher dann und wann
Gehört, vom –––?

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Schatten

Anmerkungen

Der deutsche Dichter ist Adalbert von Chamisso; das Werk, auf das hier Bezug genommen wird, ist Peter Schlemihls wundersame Geschichte – die Geschichte eines Mannes, der seinen Schatten verkauft.

Der Ausdruck Schlemihl (jiddisch schlemiel) bezeichnet in der ostjüdischen Kultur den sprichwörtlichen Pechvogel oder einen Narren.

Verweise

Worträtsel, Treichler