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Rätselgedicht Nr. 4407

von Ernst von Houwald

Scharade (2+1 Silben)

Es kommt ein Bräutigam gezogen,
Weit schöner als der junge Tag.
Der Herold kommt vorangeflogen,
Und Meister-Sänger ziehn ihm nach.

Trotz seiner langen weiten Reise,
Erscheint er doch in voller Pracht. –
Allein die Braut, – noch schläft sie leise,
Da küsst er sie, und sie erwacht.

Und Rosen blüh'n ihr auf den Wangen,
Ihr Veilchen-Auge blickt ihn an,
Und Lilien-Arme, voll Verlangen,
Sieht er sich liebend aufgetan.

Drauf eilt sie festlich sich zu schmücken:
Smaragden grün ist ihr Gewand,
Das Haar voll Blüten, zum Entzücken,
Den Leib umrauscht manch Silberband.

Und nun beginnt im großen Saale
Der Tanz und währet Tag für Tag,
Doch nimmer bei des Abends Strahle
Führt sie der Bräut'gam ins Gemach.

Die Braut will nicht vom Tanzen lassen,
Und weil sie fort und fort sich dreht,
Und er sie nicht mehr kann umfassen,
Sieht er ihr traurend nach – und geht.

Doch sie will nur vom Tanzen wissen,
Wie auch die Farbe ihr vergeht,
Bis sie zuletzt ganz abgerissen,
Im bloßen weißen Hemde steht.

Dann kommt der Schlaf und die Ermattung,
Die Augen sinken endlich doch; –
Allein selbst bei des Traums Umschattung
Hört sie Musik und dreht sich noch.

So, halb im Traume, schläft sie lange; –
Doch wie der Morgen wieder graut,
Erweckt mit Kuss und mit Gesange,
Aufs neu der Bräutigam die Braut;

Und sie schmückt sich auf vor'ge Weise,
Und ob er auch sie halten will,
Sie tanzt und wirbelt sich im Kreise,
Und er geht fort und grämt sich still.

Wer kann mir Braut und Bräut'gam nennen?
Und wenn erscheint der Hochzeittag,
An dem sie sich nicht von ihm trennen,
Nur mit dem Bräut'gam tanzen mag?

Lösung anzeigen

Lenz (Bräutigam) und Erde (Braut)

Anmerkungen

Jemand namens Willibald hat in Erinnerungen an merkwürdige Gegenstände und Begebenheiten, verbunden mit erheiternden Erzählungen; herausgegeben von E. Rainold, Band 10, erschienen bei Haase, 1830 folgende Lösung angegeben:

Es weilt der Bräutigam noch ferne,
Den süßen Schlummer schläft die Braut;
Nur in dem Morgenland der Sterne
Hat er sich heimisch angebaut.

Und einer holden Schwester Sorgen
Bewahren seinen raschen Lauf,
Die küsst – ein nimmermüder Morgen –
Der Abschiedsnächte Zähren auf.

An seiner Brust voll stummer Tränen,
Da nichts die eitle Braut gewinnt,
Nimmt er in weichem Liebessehnen
Manch neues, frohes Waisenkind.

Denn sind auch schön die vollen Rosen,
Die die Geliebte für uns bricht,
Noch schöner blüht bei Kindeskosen
Der Liebe fromm – Vergissmeinnicht.

Wie fest das Kind sich an ihn hänget,
Entzückt ruht es in seinem Arm;
Doch zu dem schönen Jüngling dränget
Sich auch der andern Kinder Schwarm.

Da setzt das erste Kind er nieder,
Und eins ums andre an ihm hängt,
Doch nimmer küsst ein Kind er wieder,
Das einmal liebend er umfängt.

Und die Verlass'nen, die nun weinen,
Nimmt sanft die Schwester an die Hand,
Und lässt in holdem Traum erscheinen
Des Bruders schönes Heimatland;

Und spricht: Dort finden alle Waisen
Den lieben Vater, – dorthin einst
Werd ich mit dir zum Bruder reisen,
Wenn du zum letzen male weinst.

Dann erst beginnt der Hochzeitreigen,
Doch eine andre schönre Braut,
Vor der sich aller Knie beugen
Wird dort dem Bräut'gam angetraut.

Der Bräutigam ist aufgefunden,
Der Lenz ist's mit dem Myrthenkranz,
Den er der Erde hat gewunden –
Der süßen Braut zum Hochzeitskranz.

Die letzte Strophe der Lösung enthält eine weitere Rätselfrage, deren Lösung unbekannt ist:

Wer nennt nun auch die Zwillingsschwester,
Und wer die schönre Braut, die fester
Zu schürzen weiß den Brautaltar,
Wer jener Waisenkinder Schar?

Quelle

Ernst von Houwald, Buch für Kinder gebildeter Stände I (1819), S. 6-8

Verweise

Scharaden, Houwald, Forum