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Rätselgedicht Nr. 1809

von Johann Wolfgang von Goethe

Homonym

Magisches Netz
Zum 1. Mai 1803

Sind es Kämpfe, die ich sehe?
Sind es Spiele? sind es Wunder?
Fünf der allerliebsten Knaben
Gegen fünf Geschwister streitend,
Regelmäßig, taktbeständig,
Einer Zaubrin zu Gebote.

Blanke Spieße führen jene,
Diese flechten schnelle Fäden,
dass man glaubt, in ihren Schlingen
Werde sich das Eisen fangen.
Bald gefangen sind die Spieße;
Doch im leichten Kriegestanze
Stiehlt sich einer nach dem andern
Aus der zarten Schleifenreihe,
Die sogleich den freien haschet,
Wenn sie den gebundnen löset.

So mit Ringen, Streiten, Siegen,
Wechselflucht und Wiederkehren   
Wird ein künstlich Netz geflochten,
Himmelsflocken gleich an Weiße,
Die, vom Lichten in das Dichte,
Musterhafte, Streifen ziehen,
Wie es Farben kaum vermöchten.

Wer empfängt nun der Gewänder
Allerwünschtes? Wen begünstigt
Unsre vielgeliebte Herrin
Als den anerkannten Diener?
Mich beglückt des holden Loses
Treu und still ersehntes Zeichen!
Und ich fühle mich umschlungen,
Ihrer Dienerschaft gewidmet.

Doch indem ich so behaglich,
Aufgeschmückt, stolzierend wandle,
Sieh! da knüpfen jene Losen,
Ohne Streit, geheim geschäftig,
Andre Netze, fein und feiner,
Dämmrungsfäden, Mondenblicke,
Nachtviolenduft verwebend.

Eh wir nur das Netz bemerken,
Ist ein Glücklicher gefangen,
Den wir andern, den wir alle,
Segnend und beneidend grüßen.

Lösung anzeigen

Stricknadeln in der Hand einer Frau bei der Arbeit
Eine Frau, den Mann bestrickend (bezaubernd, betörend) einfängt

Anmerkungen

Die wahre Bedeutung des Rätsels erkennt man erst, wenn man den Untertitel "zum 1. Mai 1803" berücksichtigt und Goethes Freundeskreis kennt: Die "bestrickende" Strickerin ist Freiin Henriette Albertine Antonie Wolfskeel von Reichenberg, die am 1. Mai 1803 [laut Wikipedia erst am 17. Mai] den Wirklichen Geheimen Rat und späteren Staatsminister Wilhelm von Fritsch ehelichte. Goethe nannte Henriette „das allergefälligste Wesen, das ich je gekannt“. [Wikipedia]

Quellen

Robert Franz Arnold, Der Irrgarten, Nr. 8

Verweise

Homonyme, Goethe, Arnold