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Rätselgedicht Nr. 1162

von Gustav Theodor Fechner

Worträtsel

Entstammt bin ich dem Morgenlande,
Nicht fern vom heißen Wüstensande
Geboren in der Sonne Glut,
Davon ward selbst mir heiß der Mut;
Die Sonne ist meine Verwandte.

Nichts mochte meinem Glücke fehlen,
Man ließ mich reiten aus Kamelen,
Rast hielt ich unter gutem Zelt,
Die schönsten Märchen von der Welt
Wohl hört' ich da erzählen.

Einst packt man mich am Meeresstrande,
Verkauft mich, ach, in ferne Lande;
Nun muss der freien Wüste Sohn
Sich rühren in des Hausdienst's Fron;
Doch dien' ich nicht mit Schande.

Kaum aufgewacht und noch im Bette
Ruft alles schon mich um die Wette,
Der Herr, die Frau, die Diener gar;
Es scheint das Haus sei in Gefahr,
Bin ich nicht gleich zur Stätte.

Man weiß es, man kann auf mich zählen,
Was auch und wem auch was mag fehlen,
Ich bin's, den man zuerst entbot,
Und ist nicht gar zu groß die Not,
Wird nicht mein Beistand fehlen.

Will Müdigkeit den Hausherrn plagen,
Liegt's ihm im Kopfe oder Magen,
Ich zaub're alles weg im Nu;
Der Hausarzt nur sieht scheel dazu,
Und rät mich fortzujagen.

Der zählt mich zu den größten Sündern,
Zum Popanz macht er mich den Kindern,
Und meistens hat die junge Brut
Von selber zu mir keinen Mut:
Mein Ernst mag es verhindern.

Ich überbiete seine Pillen,
Ich töt' im Hause alle Grillen
Und geh' der ganzen Dienerschaft
Zur Hand mit meiner guten Kraft,
Oft ruft man mich im Stillen.

Die Hausfrau aber hat vor allen
Am schönen Mohren Wohlgefallen;
Sie selbst gesteht es ungescheut;
Nur muss ein weißes Oberkleid
Mein nacktes Schwarz umwallen.

Wohl alle Frauen möchten haben
Zu ihrem Dienst solch weißen Raben,
Nur leider vieler Wunsch ist blind
Weil ihnen gar zu teuer sind
Die echten Mohrenknaben.

Doch eine Frau gibt nichts verloren!
Was tut's denn, wo ein Mohr geboren?
Drum alle Tölpel von dem Land,
Die schwarz aussehn und recht verbrannt,
Steh'n nun im Dienst als Mohren.

Doch ihre Dienste sind nur schlechte,
Ich bin allein der Mohr, der echte,
Der in sich trägt viel edler Blut
Und bess're Kraft und heißern Mut,
Als alle jene Knechte.

Lösung anzeigen

Kaffee

Anmerkungen

Damals war Kaffee für das gemeine Volk zu teuer; man behalf sich mit Kaffeeersatz [Wikipedia], beispielsweise aus fast schwarz geröstetem Getreide (Malzkaffee), "schwarz aussehend und recht verbrannt".

Der Begriff Popanz beschreibt eine nicht ernst zu nehmende Schreckgestalt oder veraltet eine Strohpuppe, beispielsweise eine Vogelscheuche. [Wikipedia]

Was bedeutet "Ich töt' im Hause alle Grillen"? Ist mit Grille das Tier gemeint oder eine Schrulle?

Verweise

Worträtsel, Fechner