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Rätselgedicht Nr. 3682

von Georg Lotz

Scharade (1+1 Silben)

Burg Eulenhorst

Die Erste.

»Das Ding wird mir denn doch ein wenig allzu bunt,« brummte unter seinem silberfarbigen Schnauzbarte der betagte Ritter Egbert hervor, als er vom Zipperlein festgehalten auf seiner Burg Eulenhorst in dem schweren eichenen, sauber ausgeschnitzten Lehnsessel saß, hinablugend durch das hohe schmale buntscheibige Bogenfenster nach dem Garten, wo Junker Hugo, sein einziger hoffnungsvoller Sprössling, mit der lieblichen Elsbeth lustwandelte. »Das Ding wird mir zu bunt, ich muss traun den Liebeleien ein Ende machen.«

So sprechend griff der alte Herr nach der ihm zur Seite hangenden Klingelschnur; weithin durch die hohen Hallen des Schlosses tönte der Schall der Glocke und schon nach kurzer Frist trat Curt, des Ritters Leibknappe herein, der jenem auf manche Fahrt gefolgt war, manchen heißen Kampf an seiner Seite bestanden hatte, und sich demnach auch dann und wann ein Wörtchen herausnehmen konnte.

Der ergraute Ritter winkte den hereingetretenen Knecht zu sich heran: »Da schau einmal hinab, Curt, nach dem Laubengange,« sprach er.

Der Leibknappe hielt um scharfer zu sehen die Hand über die Augen, und tat wie ihm geboten.

»Nun, was gewahrst Du?« fragte Ritter Egbart.

»Nichts Absonderliches, Herr, wie mich bedünkt,« entgegnete der wackere Schildträger, »da drüben am Gartentürlein, reitet der Ralf mit den Gäulen in die Schwemme und hier unten im Hofe putzt der Wolf die Rüstung des Junkers.«

»Die anzulegen der Bube nur allzu wenig Lust bezeigt,« brummte der Ritter. »Als ich ihm den stattlichen Helm mit dem wehenden Federbusche zu seinem letzten Namenstage zum Geschenk machte, hoffte ich dadurch den ritterlichen Sinn in ihm zu erwecken, ich glaubte, er würde nun endlich auch einmal, gleich mir und seinen edlen Vorfahren, die Lust verspüren hinaus zu ziehen in fremde Lande, um Abenteuer zu suchen und dermaleinst ruhmgekrönt heim zu kehren in die väterlichen Hallen. Statt dessen lässt der Lotterbube die blanken Schienen in der Rüstkammer verrosten, und statt darauf zu sinnen sich in der Welt bekannt zu machen, hegt er keinen anderen Gedanken, als den, mit der Elsbeth herumzuschlendern. Bei meinem Schwerte! Ich könnte drob der Dirne feind werden, wäre es nicht ein so herziges Mägdlein, und hatte ich nicht ihrem seligen Vater, dem der Herr eine fröhliche Urstatt verleihen wolle! bei seiner Fahrt gen Palästina mit Hand und Mund gelobt, sie wie mein eigenes Töchterlein lieb und wert zu halten.«

»Das habt ihr gelobt, Herr Ritter, und ihr habt Euer Wort mit Ehren geloßt,« versetzte Curt; » um so mehr nimmt es mich Wunder, dass ihr so scheel drein seht, wenn sich die beiden jungen Leutchen da drunten, einander gern haben, seid ihr doch traun in Euren jungen Jahren auch kein Dirnenfeind gewesen; wisst ihr wohl noch, edler Herr?«

Hier wandte sich der Schalk mit einem sein narbiges Antlitz verzerrenden, aber dennoch recht gutmütigen Lächeln vom Bogenfenster ab, zu seinem Gebieter; »wisst ihr noch wohl, wie wir, wenn uns Euer in Gott ruhender Herr Vater zu dem Schirmvogt des nächsten Klosters sandte, immer einen Seitenweg einschlugen, um bei der hübschen Schmidtstocher den Morgenimbiss einzunehmen? Es währte mir traun oft die Zeit lang, wenn ich draußen mit den Gäulen halten musste, während ihr drinnen vor der Wärme spendenden Esse, mit der Euch vielleicht noch wärmer machenden Dirne schwatztet.«

Der alte Herr sah bei diesem, allerdings etwas gewagten Worten seines Knappen keineswegs unfreundlich aus; er strich sich wohlbehaglich den Schnauzbart, und unter seinen grauen Wimpern hervor, verkündeten seine noch immer feurigen Augen, dass die Bekanntschaft mit der erwähnten Waffenschmidtstocher durchaus nicht zu den unangenehmen Erinnerungen aus seiner Jugendzeit gehöre.

»Schweig, Curt, schweig,« sprach er, »es will sich nicht geziemen, dass der Diener seines Herrn Jugendtorheiten ans Licht ziehe; hat mir die Geschichte mit der Dirne im Thale von meinem in Gott ruhenden Herrn Vater doch manchen Verweiß zugezogen; wer weiß was geschehen wäre, hätte er nicht ein ernstes Einsehen darein gehabt und meine Gedanken auf andere Wege gebracht. Anders ist das nun zwar mit meinem Buben, ich habe nichts dagegen, dass er die Elsbeth minnt, ja es soll mir sogar von ganzem Herzen lieb sein, wenn er dermaleinst mit ihr vor den Altar tritt; zuvor aber muss der Junge sich etwas versuchen, muss hinaus in die Welt und sich den Wind um die Nase wehen lassen: denn nur draußen im freien Walde unter dem Tosen des Sturmwindes, nicht aber daheim am wärmenden Kamin gedeiht die Eiche. Deshalb geh' jetzt hinab, Curt, und bescheide mir den Buben herauf, ich will ein für allemal ein ernstes Wort mit ihm reden.«

Der getreue Waffenträger, welcher – doch wie! ich wollte ja ein Silbenrätsel aufgeben! gut denn; noch ist es Zeit einzulenken – der getreue Waffenträger also, welcher bei den ernsten Worten seines Herrn mit der Ersten an der Ersten gelehnt dagestanden hatte, und die Erste seines Herrn noch immer nicht recht begreifen konnte, weil es ihm durchaus nicht in den Sinn wollte, dass derselbe sie nun plötzlich dreimal habe, da er sie bis jetzt nur zweimal an ihm gekannt hatte, begab sich kopfschüttelnd hinaus, und nach kurzer Frist trat Junker Hugo mit der schmucken Elsbeth herein.

»Komm einmal heran Bube,« rief Ritter Egbert in einem ernsten aber nicht unfreundlichen Tone; »nur immer näher heran, und mir ins Antlitz geschauet; sieh', einmal habe ich die Erste von dem Herrn da droben empfangen, ein zweites Mal habe ich sie mir errungen, sie ziert meine Burg und mein Gebiet wohl hundertmal, überall blicke ich mit Freuden darauf hin, jeder Vorübergehende beugt die Erste vor dieser Ersten, weshalb machst Du sie mir jetzt allein zu meinem Verdrusse? Sprich, treibt es Dich denn nimmer hinaus aus diesem Lotterleben in Kampf und Schlacht? Fühlst Du denn gar kein Verlangen gleich mir und Deinen edlen Vorfahren, Dir mit dem Schwerte in der Hand die Erste zu erstreben, um dastehn zu können mit der Ersten ungebeugt vor jedem Ehrenmanne?«

»Vater,« entgegnete der Jüngling in einem bescheidenen ruhigen Tone, »ich habe zwar noch wenig von der Welt geschauet, unser Schlosskaplan, der ehrwürdige Pater Bruno aber, hat mir mancherlei Geschichten daraus erzählt, aus denen mir klar hervorgegangen, dass da draußen in der Welt, wie ihr es nennt, mancher kriechend die Erste vor der Ersten bückt um die Erste zu empfangen, statt dass er fromm nur die Erste im Auge haben sollte; und dass er, wenn er nun endlich durch niedrige Schmeicheleien die Erste erlangt, er sie dadurch oft so tausendfältig auf sich ladet, dass er alle Schätze der Welt darum geben würde, sie wieder los zu werden. Das allein hat bis jetzt meinen Wunsch auch hinauszutreten in das bunte Weltgewühl, unterdrückt, – auch will ich keineswegs leugnen, dass die blauen schonen Augen der holden Elsbeth, die jetzt niedergeschlagen und verschämt auf der Ersten ruhen, mich hier wunderbar fesseln. Dennoch aber bin ich bereit, so wie ihr es gebietet, das Schwert zu umgürten, und auch meinen Arm im männlichen Kampfe zu prüfen, denn an Mut gebricht es mir nicht, und wenn ich gleich fest entschlossen bin, nie die Erste sklavisch zu beugen, will ich doch suchen eurem Beispiel zu folgen, und sie mir mannhaft zu erringen.«

Ritter Egbert ergötzte sich weidlich ob dieser Rede des wackeren Jünglings, er wischte die Freudenträne hinweg, die an seinen grauen Wimpern perlte, und beschloss fest und unabänderlich das liebende Paar zu vereinigen, so wie Junker Hugo, nach mutvoll bestandener Ritterfahrt mit der Ersten auf die Väterliche Burg zuruckgekehrt sein würde. Mit freundlichen Worten gab er diesen seinen Entschluss laut zu erkennen, Wonne und Entzücken leuchteten aus den Augen der Liebenden, und schon nach wenigen Tagen und nach einem herzbrechenden Abschiede von seiner Elsbeth, sprengte Junker Hugo, stattlich gerüstet und gewappnet und von dem redlichen Curt, der sich durchaus nicht abhalten lassen wollte den Jungherrn zu begleiten, gefolgt, zum Burgtor hinaus.

Die Zweite.

Nach dem Aufbruche des Junker Hugo aber begann nun auf der Burg Eulenhorst alles bald ein ganz anderes Ansehen zu gewinnen, es schien, als ob, so wie er hinweggeritten, Freude und Heiterkeit mit ihm davon gezogen wären, und als ob, so wie die Zugbrücke hinter ihm niedergelassen worden, der Ernst mit seinem finsteren Antlitz in den gewölbten Hallen seine Wohnung aufgeschlagen habe. Den jungen fröhlichen Schwätzer vermissend, der wenn er abends von der Jagd heimgekehrt, ihm, während er horchend in seinem Lehnsessel saß, von dem edlen Waidwerk erzählte, und jene Tage in sein Gedächtnis zurück rief, wo auch er auf mutigem Renner dem flüchtigen Wilde nachsetzte, saß Ritter Egbert jetzt einsam auf seiner Burg und fühlte sich um so verlassener, da auch sein alter Kampfgenosse Curt mit davon geritten, und also nicht mehr im Stande war, ihm den Winter seines Lebens durch trauliches Geschwätz aus seiner Jugendzeit zu erheitern.

Zwar mühten sich der fromme Pater Bruno und die holde Elsbeth nach möglichsten Kräften den Trübsinn zu verscheuchen, welcher, ein verdrießlicher Gast, bei dem alten Herrn einzusprechen begann, aber weder die andächtigen Spruche des Ersteren, noch die sorgende Pflege der Letzteren vermochten den erwünschten Zweck zu erreichen.

So sehr er selbst auf Hugos Entfernung gedrungen hatte, so sehr er in seinem charakterfesten Sinne auch jetzt noch billigte was geschehen, so war es ihm doch immer, als ob mit dem einzigen Sohne auch seine einzige Lebensfreude dahingeschieden sei; es war ihm als solle er ihn hienieden nimmer, nimmer wiederschauen.

Die sanfte liebliche Elsbeth suchte zwar den Schmerz ob der Entfernung ihres Geliebten sorgsam vor dem teuren Pflegevater zu verbergen; auch gelang es ihr in seiner Gegenwart fast immer heiter und fröhlich zu erscheinen, wenn sie sich dann aber abends allein in ihrem Kämmerlein befand, dann brachen die am Tage mühsam zurückgehaltenen Tränen hervor, und oft stieg hinter den fernen Bergen die Morgensonne herauf, ohne dass der Schlummer sie mit seiner Erquickung spendenden Hand berührt hatte. Den einzigen Trost, der ihr in solchen schlaflosen Nächten zu Teil ward, gewährte ihr das Konterfei Hugos, welches vor nicht gar langer Zeit, ein aus Welschland kommender geschickter Meister mit kunstgeübter Hand gefertigt, und das an der Wand ihres Kämmerleins aufzuhängen ihr der alte Ritter gestattet hatte.

Von ihrem tränenfeuchten Kissen richtete sie nun das schwermutsvolle Auge auf das schöne jugendliche Antlitz des Geliebten, und gedachte, denn sie zweifelte auch nicht einen Moment lang an seiner Treue, wie er vielleicht in demselben Augenblicke, gleich ihr des süßen Schlummer entbehrend, im fernen Feldlager, die Locke betrachte, die sie beim Abschiede von ihrem Haare getrennt, und ihm in einer kleinen goldenen Kapsel überreicht hatte, welche ihr als ein Erbstuck von ihrer früh dahingeschiedenen Mutter verblieben, und ihr so teuer war, dass sie ihrem Hugo kein köstlicheres Andenken mitzugeben wusste. Der Scheidende hatte diese Gabe mit Entzücken empfangen, und mit feurigen Worten gelobt, sie bis zum letzten Atemzuge auf seiner Brust zu bewahren. » Sie soll mich in Kampf und Schlacht als Reliquie schützen,« rief er, als er seine Elsbeth zum letzten mal innig umschlang, »sie soll nimmerdar von meinem Herzen kommen; wird sie Dir dermaleinst von einer andern Hand als der meinigen überreicht, mag das Dir als sichere Kunde gelten, dass Dein Hugo im ritterlichen Kampfe gefallen, dass er im fernen Lande in kühler Erde schlummert.«

So schwanden nunmehr auf der Burg Eulenhorst Tage auf Tage, Wochen auf Wochen, Monde auf Monde mit ihren bleiernen Stunden dahin, und endlich lagen zwei lange Jahre zwischen dem Augenblick, in welchem Ritter Hugo aus dem Burgtor sprengte, und dem frostigen Dezembertage, von dem ich Dir, mein freundlicher Leser, jetzt die Begebenheiten mitteilen, dabei aber keineswegs vergessen will, dass ich Dir noch immer ein Silbenrätsel aufzugeben habe.

Es war ein kaltes raues Wetter draußen, ein scharfer Nordost durchheulte den blatterlosen Forst und knarrte mit den Fähnlein der alten Burg. Der Hagel rasselte an den hohen Fenstern, und überall wohin das Auge schaute, gewahrte es nur die von der Hand des Winters ausgebreitete schneeige Decke. Der Leibknecht Ralf, welcher seit Curts Entfernung dessen Amt auf der Burg versah, hatte heute die Glut noch starker als sonst angeschürt in dem geräumigen Kamine des Wohnsaals, wo der Burgherr mit seinem Kaplan, dem frommen Pater Bruno, am Tische bei seinem gewöhnlichen Zeitvertreibe saß und über die Zweite nachdachte. Die holde Elsbeth, welche mit Recht befürchtete, dass die Zweite ihrem teuren Pflegevater schaden könne, suchte dieselbe so viel wie nur immer möglich von ihm abzuwenden, und setzte sich jetzt, rastlos der Zweiten ihres Geliebten gedenkend, mit einer künstlichen Stickerei beschäftigt, neben den beiden ergrauten Männern nieder.

»Es will mir heut auch nichts gelingen,« sprach Ritter Egbert endlich, nachdem er eine lange Weile über die Zweite vergebens nachgesonnen, »glaub' ich doch traun, ich habe beim Imbiss heute der Zweiten zu viel getan, denn so sehr ich auch nachdenke, Pater Bruno, ich kann Eure Zweite nicht unschädlich machen.«

»Ihr seid zerstreut, edler Herr,« entgegnete der Kaplan, »die Zweite Eures Sohnes beschäftigt Euch allzu sehr; Eure Zweite in der Vielheit verkündet es mir, sobald ich Euch anschaue. Es ist eine schöne Zweite des Vaters, des fernen Sohnes liebend zu gedenken, doch beruhigt Euch seines Schicksals wegen, von der Zweiten wird er bald vor der Zweiten ruhmgekrönt wieder zu Euch zurückkehren.« –

Ein schwerer Seufzer entstieg bei diesen Worten des Kaplans der gepressten Brust des alten Ritters, fast gedankenlos tat er die Zweite, sein Auge innig auf die bekümmerte Pflegetochter gerichtet, die unter einer freundlichen Zweiten den Kummer ihres Innern zu verbergen suchte. – Da ließ sich plötzlich durch das Geheule des draußen tobenden Sturmes das Horn des alten Torwarts vernehmen, welches verkündete, dass irgend jemand sich der Burg nahe.

»Was gibt's denn da draußen,« fragte der Burgherr, »wer mag bei so argem Wetter ausgeritten sein, mich heimzusuchen?«

Da trat der Leibknecht Ralf herein, berichtend, es halte ein fremder Ritter mit seinem Knappen vor dem Burgtore und bitte um ein Nachtlager.

»Wir haben mit niemand Fehde,« entgegnete Ritter Egbert, »meine Burg steht jedermann offen! Lasst ihn herein!« –

Und herabrasselte, so wie der Leibknecht das Gebot seines Herrn dem Torwart überbracht hatte, die schwere Zugbrücke, in seinen Angeln knarrte das riesige Burgtor und herein in den Hof sprengte von seinem Knappen gefolgt, auf mutigem Streitrosse, ein junger stattlicher Rittersmann, in einen weiten Mantel gehüllt. Mit ritterlicher Gewandtheit schwang er sich aus seinem Sattel, warf den Zügel seines schnaubenden Rosses seinem Knappen, einem alten bärtigen Reitersmanne, zu, tat den Schneebedeckten Mantel von sich und trat, von Ralf geleitet, nach wenigen Augenblicken herein in den Wohnsaal.

Der Fremde war ein gar schmucker junger Herr, kostbar gerüstet und mit güldenen Kettlein und anderen Ehrenzeichen geschmückt; sein schönes, von der Sonne gebräuntes Antlitz lachte freundlich in die Welt hinein und feurig flammte sein Auge, als dasselbe die reizende Elsbeth betrachtete.

»Ihr wollt verzeihen, edler Herr,« sprach er, nachdem ihn Ritter Egbert begrüßt hatte, »dass ich vor dem stürmischen Wetter draußen auf Eurer gastlichen Burg Schutz suche. Gebt mir Herberge für diese Nacht, und morgen schon werde ich Euch nicht mehr lästig fallen; ich kehre von einer Ritterfahrt, die ich gen Palästina unternommen, heim in die väterlichen Gauen, mein Name ist Benno von Steinau.«

»Wie! was!« rief Ritter Egbert, freudig überrascht, »Ihr wäret Benno, der Sohn meines alten Kampfgesellen, Kunos von Steinau, mit dem ich so manche Lanze gebrochen?«

»Der bin ich,« entgegnete der Jüngling.

»Da heiße ich Euch traun zwiefach willkommen,« nahm der Schlossherr wieder das Wort, und mit der freundlichen Zweiten in der Vielheit gebot er der holden Elsbeth, schnell für einen Imbiss zu sorgen, und dem Sohne seines alten Waffengefährten ein bequemes Nachtlager bereiten zu lassen.«

»Verzeiht, edles Fräulein, wenn ich Euch in Eurer häuslichen Ruhe störe und Euch mannigfache Mühe verursache,« sprach Ritter Benno, indem er sich mit vielem Anstand vor der edlen Jungfrau verbeugte, »Eure sanften Augen aber sind mir Bürge, dass ihr die Gastfreiheit gern übt, und so brauche ich denn gewiss nicht erst ein gutes Wort bei Euch einzulegen, freundlich dafür zu sorgen, dass es auch meinem alten Knappen an nichts fehle, es ist ein gar wackerer Kumpan, der mir im Kampfe mit den Heiden treulich zur Seite gestanden, und auf den ich große Stücke halte.«

»Wie ihr es wünscht, Herr Ritter, so soll es geschehen,« entgegnete das liebliche Mägdlein, sich sittig verneigend, und hinaus begab sie sich sofort, um für die Bequemlichkeit der Fremden das Nötige anzuordnen.

Trefflich zubereitetes Wildbret und mehrere mit perlendem Rebensafte gefüllte Humpen, standen nach kurzer Frist auf der Tafel, an der nunmehr Ritter Egbert mit seinen Hausgenossen und seinem Gaste Platz nahm. Der letztere sprach zwar dem Becher fleißig zu und wechselte mit seinem wackeren Wirte freimütige und herzige Worte, wenn aber die liebliche Elsbeth und der welterfahrene Pater Bruno ihn genau betrachteten, schien es ihnen, als ob eine Zweite des Fremden verkünde, dass er, wie man zu sagen pflegt, etwas im Schilde führe und dass ihn nicht bloß das stürmische Wetter auf die Burg Eulenhorst gebracht habe.

Diese Vermutung steigerte sich fast zur Gewissheit, als Elsbeth, nachdem Ritter Benno, von seinem Knappen gefolgt, sich auf sein Gemach begeben hatte, nunmehr in dem ihrigen über das Wesen des Fremden noch mehr nachsann. Was er aber eigentlich auf Burg Eulenhorst suchen konnte, das vermochte sie nicht zu ergrübeln, und endlich verdrängte denn auch heute, wie immer, die Erinnerung an den fernen Geliebten jeden anderen Gedanken aus ihrer Seele, so dass sie nur von dem Bilde ihres Hugo begleitet in das goldene Reich der Traume hinüberschlummerte.

Das Ganze.

Als sich Elsbeth frühzeitig am nächsten Morgen von ihrem Lager erhob und ihr Gemach verließ, um für die fernere Bewirtung ihres Gastes das Nötige anzuordnen, trat ihr grade, als sie die Tür des Wohnsaals eröffnen wollte, aus demselben, wo er dem Anscheine nach wegen des Aufbruchs seines Gebieters dessen Befehle erhalten hatte, Ritter Bennos bärtiger Knappe entgegen. Er blieb, als die holde Jungfrau heranschwebte, ehrerbietig stehen, verbeugte sich tief und ehrfurchtsvoll, und begab sich dann langsamen Schrittes die Stiege hinab; das liebliche Burgfräulein aber, welches den greisigen Kriegmann nur eines flüchtigen Blickes gewürdigt hatte, trat schnell in das Gemach, in welchem zu ihrem Erstaunen Ritter Egbert mit seinem Gaste und dem frommen Pater Bruno bereits beim Morgenimbiss saß.

Beschämt, im Frühaufstehen von den Männern übertroffen worden zu sein, war sie im Begriff, für ihre Saumseligkeit eine Entschuldigung auszusprechen; aber noch bevor sie diese über ihre Lippen bringen konnte, nahm Ritter Egbert das Wort, den das Gespräch mit dem Fremden so recht aufgeheitert hatte, und der fröhlicheren Mutes als seit langer Zeit zu sein schien.

»Gut, dass Du kommst, mein Töchterlein,« rief er der Eintretenden entgegen, »ich habe Dir etwas Fröhliches zu verkünden, unser Hugo lebt, ist munter und wohlauf, und hat bereits in manchen ritterlichen Kämpfen den Ruhm seiner Vorfahren aufrecht gehalten; hier, unser edler Gast, Ritter Benno, hat das Ganze mit ihm gemacht und mir so eben mancherlei von dem herzigen Buben erzahlt.«

»Wie,« fragte Elsbeth und die Glut der Freude färbte ihre schöne Wange, »er lebt! ist gesund, und« – »gedenkt meiner?« wollte sie noch forschend hinzufügen, aber die jungfräuliche Sittsamkeit verschloss ihr die Lippen.

»Er lebt und ist wohl auf, mein edles Fräulein,« versicherte Ritter Benno, »wir haben gemeinschaftlich manchen blutigen Kampf bestanden, aber unsere guten Schwerter haben uns stets unversehrt herausgeholfen; da mögt ihr nun denken, wie es mich freute, als es mir heute früh kund ward, dass ich mich auf seiner Stammburg befinde und seinen edlen Vater vor mir erschaue.«

»Und hier seine verlobte Braut,« fügte Ritter Egbert hinzu, indem er auf die erglühende Elsbeth bedeutete.

»Seine – verlobte Braut,« wiederholte Ritter Benno sichtbar betreten.

»Das will ich meinen,« fuhr der Burgherr fort; »mein Bube und hier mein Pflegetöchterlein haben sich von Kindheit an gern gehabt; bevor der Hugo hinauszog, sein Schwert im mannhaften Kampfe zu prüfen, haben sie sich einander Treue gelobt. – Aber wie, ihr scheint ob meiner Rede zu staunen und Euer Antlitz verfinstert sich; ich will denn doch nun und nimmermehr hoffen, dass der Bube draußen, uneingedenk seines Treuschwurs sein Herz einer Anderen zugewendet.«

»Das will ich nicht geradezu behaupten,« versetzte Ritter Benno in einem Tone, welcher zu verkünden schien, dass er dem Gespräche gerne eine andere Wendung geben möchte, »aber – -«

»Aber was?« fuhr Ritter Egbert heftig auf. »Heraus mit der Sprache, ich bin kein Freund vom Hinternberghalten. Sagt an, hat sich der Hugo draußen von einer andern Dirne umgarnen lassen? Von Euch, dem Sohne meines alten Waffengefährten Kuno von Steinau, verlange ich Wahrheit!«

»Ja, wenn ihr mich so auffordert, dann muss ich allerdings reden,« nahm Benno, wenn gleich dem Anscheine nach nur ungern wieder das Wort, »es schmerzt mich nur, wenn meine Kunde dem holden Fräulein da Kummer verursachen sollte.

Gleich mir, hatte sich, wie gesagt, Euer Hugo den tapferen Scharen Andreas II., Königs von Ungarn, angeschlossen, und in vielen mannhaften Kämpfen bewies er, dass er aus echtem deutschen Heldenblute stamme. An einem und demselben Tage empfingen wir beide den Ritterschlag von der Hand des eben erwähnten edlen Monarchen, und in seinem Gefolge traten wir nunmehr den Heimweg an. Da übernachteten wir einst auf dem Schlosse des edlen Grafen Sapiani; und der reizenden Tochter desselben, Anna geheißen, deren Schönheit im ganzen Ungarlande weit herum berühmt ist, war es vorbehalten, den flatterhaften Hugo, der bisher von einer Blume zur andern flog, zu fesseln. König Andreas brach nach einigen Rasttagen mit seinem Gefolge auf, Hugo aber blieb auf dem Schlosse des Grafen Sapiani; und dem Berichte eines später durch Ungarn gezogenen Ritters zufolge, soll seine Verbindung mit der reizenden Anna so gut wie festgesetzt sein.«

»Unmöglich! Unmöglich!« fiel hier plötzlich Elsbeth ein, welche der Rede des Ritters bisher mit steigender Angst gehorcht hatte, jetzt aber nicht mehr im Stande war, ihre Gefühle in Schranken zu halten, »mein Hugo sollte eine Andere lieben – hätte treulos an mir, an seiner Elsbeth gehandelt? – Nimmer, nimmer werde ich Euch das glauben! – Ihr wollt Hugos Freund sein, o nein, nein! Ihr seid sein Feind, Ihr redet ihm bösen Leumund nach!«

»Eure Zweifel kränken mich, mein Fräulein,« versetzte Ritter Benno entrüstet, »zum Glück steht es in meiner Macht, die Wahrheit meiner Aussage durch unwiderlegbare Beweise darzutun.«

Und mit klirrenden Schritten begab er sich zur Tür, stieß sie auf und gebot seinem draußen harrenden Knappen, aus dem Reisesäckel ein kleines, von ihm näher beschriebenes Kästchen herbeizuholen.

Schon nach einigen Augenblicken trat der bärtige Reitersmann herein, das Begehrte in der Hand haltend.

»Überreiche das Kästchen dem Fräulein,« befahl Ritter Benno; der Knappe näherte sich ehrerbietig der schonen Elsbeth und tat wie ihm geboten worden.

Mit bebenden Händen nahm die zitternde Jungfrau das Kästchen und öffnete es; es enthielt – die goldene Kapsel mit ihrer Locke, welche sie ihrem Hugo beim Abschiede zum Angedenken mitgegeben hatte.

Elsbeth schrie laut auf. »Ewiger Gott,« jammerte sie, »so ist er also tot – ist gefallen im ritterlichen Kampfe und fern schlummert er in kühler Erde!«

So sprechend rang sie die Hände und Tränen entströmten ihren Augen.

»Beruhigt Euch, mein Fräulein,« nahm Ritter Benno wieder das Wort, »ich sage Euch, er lebt, – sein Herz aber gehört einer anderen.«

»Das ist unmöglich, unmöglich!« wiederholte Elsbeth im heftigsten Schmerz. »>Ihr wollt mich nur täuschen, er ist tot, tot sag' ich Euch – treulos konnte mein Hugo nicht handeln – – so konnte er mich nicht hintergehen, mich, die ich fest seinem Herzen vertraute.«

»Tatest Du das wirklich, Du herziges Mägdlein, da hast Du recht getan,« rief jetzt plötzlich eine wohlbekannte Stimme, und den falschen Bart und das Knappenkleid von sich werfend, sank Hugo im prachtvollen Ritteranzuge, mit der Ersten köstlich geschmückt, zu den Füßen seiner staunenden Elsbeth.

Wie und durch welche Abenteuer nun aber Ritter Hugo die Erste mutvoll erkämpfte; wie nach wenigen Tagen der greise Schildträger Curt von der Zweiten vor der Zweiten und mit der Zweiten, welche König Andreas den jungen Rittern mitgegeben, zur Freude seines ergrauten Gebieters auf Burg Eulenhorst zurückkehrte; wie dort nun plötzlich die Erste verschwand und alles ein ganz anderes Ansehen gewann; wie Ritter Egbert, der die Erste doch noch zweimal besaß, mit einer freundlichen Zweiten die Hände der Liebenden in einanderlegte; und wie endlich nach Mondesfrist der fromme Pater Bruno ihren Bund in der Kapelle mit der Ersten besiegelte; das, mein geneigter Leser, Dir mit freundlichen Bildern auszumalen, will ich Deiner geschäftigen Phantasie überlassen – diese kleine Skizze aus den Ritterzeiten aber mit dem Wunsche schließen, dass sie Dir behilflich sein möge, das Ganze mit einem glücklichen Erfolge zu führen, wenn Du Dich mutig anschickst, dasselbe gegen Langweile und Grillenfängerei zu bestehen.

Lösung anzeigen

Kreuz + Zug = Kreuzzug

Anmerkungen

traun: ein Partikel, welche als ein Nebenwort der Versicherung, der Beteuerung gebraucht wird und entweder zu Anfang eines Satzes oder auch nach einigen Worten steht [Adelung-1793]

Verweise

Scharaden, Lotz