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Rätselgedicht Nr. 3398

von Georg Lotz

Anagramm

Die Erscheinung. Eine Rätselphantasie

Von düsteren Kerkermauern umschlossen, mit finstrem Blick durch das vergitterte Fenster hinausschauend, über die dunklen Meereswogen nach Westen hin, wo jetzt eben die letzten Strahlen der Sonne hinab sanken, die für ihn nur noch ein einziges mal aus den Fluten wieder auftauchen sollte, lag auf seinem Lager hingestreckt, ganz seinen schwermutigen Gedanken hingegeben, ein Krieger, berühmt durch mannigfache gelungene Waffentat.

Jetzt aber hatte ihm Fortuna den Rucken gewendet, und vergebens nur rief er die glänzenden Momente seiner Vergangenheit heran, um ihm die schwarze Nacht der Gegenwart und die noch schwärzere Aussicht in die Zukunft zu erhellen, denn mit dem nächsten Morgenrote sollte, so hatte es Feindes Ausspruch festgestellt, ein gewaltsamer Tod seine Erdenwallfahrt enden.

So trübe in sich hineinbrütend ward er immer mehr und mehr seiner qualvollen Vorstellungen untertan, die grauenvollen Gebilde seiner Einbildungskraft umschwirrten ihn immer dichter und dichter, und in das bilderreiche Meer der Phantasie versenkte sich ihm endlich die kummerschwere Wirklichkeit.

Da war es ihm plötzlich als lösten sich seine sämtlichen Gliedmaßen auseinander und als begannen sie rund um ihn her einen gar seltsamen Ringeltanz, nach dessen Beendigung sie sich neuerdings, jedoch auf ganz andere Weise als vorher zusammenfügten, die Form eines Magiers bildend, welcher zu dem staunenden Krieger folgende Worte redete:

»Betrachte mich genau, Kind des Glücks und des Unglücks, und du schauest das Bild deines ganzen Lebens. Dein Entstehen – Deine Größe – Dein Sinken – Deine Riesenentwürfe – Deine neubelebten Hoffnungen – Deinen Fall! – Aber Du gewahrst auch zugleich den furchtbaren Moment, der Dir bevorsteht, und vor dem selbst Deine Kriegerseele zusammenschaudert. Muss ich Dich, der Du so oft dem Tode kühn entgegentratest, noch auffordern ihn mutvoll zu bestehen? Gleich den Lichtpunkten Deines Lebens wird auch dieser Schattenmoment vorüberziehen, wird gleich jenen untertauchen in den Ozean der Zeit. Darum entschlossen, wie es dem Krieger geziemt, ihm die Stirn geboten; fürchte Dich nicht vor ihm, Du hast ihn jetzt vor Dir geschauet, denn er ist das was ich bin!«

So sprach der Magier. Da rasselten die Trommeln draußen, die Königin des Tages stieg, mit ihren ersten Strahlen die fernen Berggipfel vergoldend, in Osten empor – und ruhig und gelassen ging der Krieger den Todesgang.

Wer war der Krieger? Wer der Magier?

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Murat, Traum

Anmerkungen

Der Krieger war Joachim Murat (1767-1815),  ein französischer Kavallerieoffizier, der im Dienst Napoleons Karriere machte. Er heiratete Caroline Bonaparte und war damit Schwager Napoleons. Im Jahr 1804 wurde er Marschall von Frankreich. Von 1808 bis 1815 war er als Joachim I. König von Neapel. Als sich 1813 die Niederlage Napoleons abzeichnete, wechselte er die Fronten und ging in das Lager der antinapoleonischen Alliierten über. Zur Zeit der Herrschaft der Hundert Tage trat er wieder an die Seite Napoleons. Sein Versuch, durch eine Landung in Italien sein Königreich zurückzugewinnen, scheiterte. Daraufhin ließ ihn der siegreiche König Ferdinand I. standrechtlich erschießen. [Wikipedia]

Der Magier war der Traum, die Buchstaben (»Gliedmaßen«) von »Murat« sind anders zusammengesetzt.

Verweise

Anagramme, Lotz