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Rätselgedicht Nr. 2994

von Jakob und Wilhelm Grimm

Rätselmärchen

Die kluge Bauerntochter

Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein Land, nur ein kleines Häuschen und eine alleinige Tochter. Da sprach die Tochter: »Wir sollten den Herrn König um ein Stückchen Rottland bitten.«

Da der König ihre Armut hörte, schenkte er ihnen auch ein Eckchen Rasen, den hackten sie und ihr Vater um, und wollten ein wenig Korn und der Art Frucht darauf säen. Und als sie ihn beinah herum hatten, da fanden sie in der Erde einen Mörsel von purem Gold.

»Hör«, sagte der Vater zu dem Mädchen, »weil unser Herr König so gnädig gewesen ist und hat uns diesen Acker geschenkt, so müssen wir ihm den Mörsel wieder geben.«

Die Tochter aber wollt' es nicht bewilligen und sagte: »Vater, wenn wir den Mörsel haben und haben den Stößer nicht, dann müssen wir auch den Stößer schaffen, darum schweigt lieber still.«

Er wollt' ihr aber nicht gehorchen, nahm den Mörsel und trug ihn zum Herrn König und sagte, den hätt' er gefun­den in der Heide.   

Der König nahm den Mörsel und fragte, ob er nichts meh gefunden?

»Nein«, sprach der Bauer. Da sagte der König, er sollte nun auch den Stößer herbei.

Der Bauer sprach, den hätten sie nicht gefunden. Aber das half ihm so viel, als hätt' er's in den Wind gesagt; er ward ins Gefängnis gesetzt und sollte so lange da sitzen, bis er den Stößer herbeigeschafft hätte. Die Bedienten mussten ihm täglich Wasser und Brot bringen, was man so in dem Ge­fängnis kriegt. Da hörten sie, wie der Mann als fort schrie: »Ach! Hätt' ich meiner Tochter gehört! Ach! Ach! Hätt' ich meiner Tochter gehört!«

Da gingen die Bedienten zum König und sprachen das, wie der Gefangene als fort schrie: »Ach! Hätt' ich doch meiner Tochter gehört« und wollte nicht essen und nicht trinken.

Da befahl er den Bedienten, sie sollten ihn vor ihn bringen, und da fragte der Herr König, warum er also fort schreie »Ach! Hätt' ich meiner Tochter gehört!» »Was hat Eure Tochter denn gesagt?«

»Ja, sie hat gesprochen, ich sollt' den Mörsel nicht bringen, sonst müsst' ich auch den Stößer schaffen.«

»Habt Ihr dann so eine kluge Tochter, so lasst sie einmal herkommen.«

Also musste sie vor den König kommen. Der fragte sie, ob sie dann so klug wäre, und sagte, er wollt' ihr ein Rätsel aufgeben; wann sie das treffen könnte, dann wollt' er sie heiraten.

Da sprach sie: Ja, sie wollt's erraten.

Da sagte der König: »Komm zu mir nicht gekleidet, nicht nackend, nicht geritten, nicht gefahren, nicht in dem Weg, nicht außer dem Weg. Und wenn du das kannst, will ich dich heiraten.«

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Da ging sie hin und zog sich aus splitternackend — da war sie nicht gekleidet — und nahm ein großes Fischgarn und setzte sich hinein und wickelte sich hinein — da war sie nicht nackend - und borgte einen Esel fürs Geld und band dem Esel das Fischgarn an den Schwanz, daran er sie fort­schleppen musste — und war das nicht geritten und nicht gefahren — und musste sie der Esel in der Fahrgleise schleppen, so dass sie nur mit der großen Zehe auf die Erde kam — und war das nicht in dem Weg und nicht außer dem Weg. Und wie sie so daher kam, sagte der König, sie hätte das Rätsel getroffen und sei alles erfüllt. Da ließ er ihren Vater los aus dem Gefängnis und nahm sie bei sich als seine Gemahlin und befahl ihr das ganze königliche Gut an.

Anmerkungen

Mörsel = Mörser

Stößer = Stößel

Verweise

Sonstige, Grimm