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Rätselgedicht Nr. 1969

von Leopold Enk von der Burg

Rätselgeschichten

Proben arabischer und persischer Bildersprache

Vielen Lesern dieser Blätter wird vermutlich die Geschichte der schönen Redekünste Persiens des berühmten Orientalisten, Herrn Hofrats von Hammer, unbekannt sein. Der Verfasser gibt in der Einleitung zu derselben Proben der arabischen und persischen Bildersprache. Einige derselben mögen dem Leser, um ihn anzureizen, so zu sagen geschenkt sein; andere hingegen soll er nicht so wohlfeilen Kaufes haben, sondern sich einige Mühe darum geben. Herr Hofrath von Hammer aber, wie sämtliche morgenländische Dichter, werden es einem ungelehrten Abendländer großmütig verzeihen, wenn er die sublimen Beziehungen der orientalischen Dichtersprache sich nach seiner Weise zu erklären sucht.

Von der Schönheit überhaupt

Der Araber sagt: Der Koran, der Orient, die Muschel, der Blitz, der Frühling, die Rennbahn, das Schachspiel, der Ring, der Papagei der Schönheit. Die Papageien müssen im Orient offenbar in besserem Kredit stehen, als im Okzident. Eine abendländische Dame würde die Vergleichung mit einem Papagei übel nehmen. Ist es aber des schönen Gefieders wegen; warum sollte man nicht mit demselben Recht sagen dürfen: der Stieglitz, das Zeischen, die Blaumeise; oder allenfalls auch: das Gimpelweibchen der Schönheit.

Der Perser sagt: der Himmel, die Sonne, der Mond der Schönheit. Das findet sich in allen Sprachen. Der Dichter — um Freund Mephisto einen Ausdruck abzuborgen — verpufft dem Liebchen zu Gefallen Erde, Sonne, Mond und Sterne, mindestens so weit sie ihm zu Gebote stehen, nämlich in — in Reimen.

Ferner: das Meer, das Feuer, der Löwe — wer denkt dabei nicht an den reißenden Löwen, der herumgeht, um zu sehen, wen er verschlinge; — das Blut, das Haar— für gar Viele ist die Schönheit ihrer Frau freilich das Haar in der Ehestandssuppe — der Ballen und der Speicher der Schönheit. Die beiden letzteren Vergleichungen sind bei weiten die prägnantesten. Sie zwingen den Leser ordentlich sich eine ganze Unzahl von Schönheiten in einen Bündel zusammengeschnürt, oder aufgespeichert zu denken.

Die Liebe

Arabisch: der Koransvers, das Licht, das Gesetz, die Trommel, der Wechsler — wohl darum, weil sie so oft bankrott macht — der Vogt, die Tasse, die Welt, die Pest und der Liebe. Als von einer Abart der Pest ließe sich auch sagen: die Cholera der Liebe, mit welcher diese mehr als ein, Symptom gemein hat.

Persisch: der Pfad, der Reiter, das Beil, die Stadt, der Markt, der gedeckte Tisch, der Keller – weil es ohne Rausch selten abgeht – der Schmelztiegel und – 

Das Wort ist dreisilbig. Die erste Silbe entstammt einer fremden Sprache; die beiden andern benennen eine Wissenschaft; und auch das Ganze bezeichnet eine Wissenschaft, welche, wie die Liebe, etwas sucht und verspricht, was sie weder finden, noch leisten kann. [1]

Die Locken

Arabisch: die Stricke, die Ketten, die Betrüger — man tragt sie wohl auch in Arabien von Seide? — der Docht, die Feder, das Lineal, das Diplom, die Geisterwelt — man muss gestehen, die arabische Poesie hat kühne Einfälle — der Würgengel, das Bollwerk, das Hufeisen, der Falke, der Abraham, der Kundschafter der Locken.

Persisch: der Blumenstrauß, die Scheuer, der Götzentempel, das Hindustan, der Bildersaal, der Trunkenbold, der blutdürstige Tyrann, der Paradiesvogelschatten, der Nachtwächter, der Ungläubige, der Pfeilschuss, der Biber, der Ärmel der Locken.

Der Perser macht es hier unstreitig einem Abendländer noch schwerer, als der Araber, bei seinen Bildern das Tertium comparationis auszufinden. Wo liegt das wohl bei dem Ungläubigen, oder bei dem Nachtwächter, wenn man nicht annehmen will, der Dichter wolle zu verstehen geben, in dem Kopfe der Dame, welchem die schönen Locken zum Schutze dienen, sehe es so finster aus, wie in der Nacht.

Etwas vernünftiger sieht eine andere Metapher aus.

Das Wort ist fünfsilbig, und wenn man die abgedroschene Vergleichung von einem Paar schönen Augen mit dem, was die beiden ersten Silben besagen, gelten lassen will: so wird man gegen die poetische Vergleichung der Locken mit dem Ganzen nicht viel einwenden können. Die drei letzten Silben aber bezeichnen, was die Damen nie in zu großer Anzahl zu besitzen glauben würden, wenn diese auch über die Zahl ihrer Haare, der falschen, wie der natürlichen, um das Zehnfache hinausginge. [2]

Die Stirne

Der Perser nennt die Stirne die Silbertafel, der Araber die Schicksalstafel. Hier überbietet also der Araber den Perser. Und zwar bis zur Ungebühr. Denn wer die Stirne seiner Geliebten zu seiner Schicksalstafel macht, der ist ein —

Drei Silben hat das Wort. Die beiden ersten gehören für die Tafel, obgleich aus keine Schicksalstafel. Die letzte bezeichnet den Teil des menschlichen Leibes, welcher am weitesten von jenem Teil desselben absteht, woran es dem unstreitig gebricht, welcher eine weibliche Stirne zu seiner Schicksalstafel macht. [3]

Das Auge

Auch hier überbietet der Araber den Perser. Der Letztere sagt: der Berauschte, und sogar lässt er es bei einem halben Rausch bewenden: der Halbberauschte. Aber bei dem Araber wird das Auge zum Trunkenbold, zum Aufrührer, zum Henker, zum Vogt — das ist wohl von Ehestandsblicken zu verstehen; — und endlich zum: Schlächter. Wohl in dem Sinne, dass es alles, was es trifft, totschlägt; denn die zweite Bedeutung, welche das Wort: Schlachter noch hat, ist gar zu unzart; sie macht den Liebesblick zum Fleischhauer und den armen Liebhaber oder Ehemann zum —

Am Himmel, an den Abbildungen der Götter, an christlichen und heidnischen Altären, im eigentlichen Sinne an vielen kriechenden und schreitenden Tieren, im uneigentlichen Sinne an vielen Menschen findet sich die erste Silbe. Vor Zeiten fand sie sich auch im Mare di Marmara. Die zweite ist, was sie ist, dadurch, dass ihr gänzlich fehlt, was man demjenigen, der sich von einem Weiberblick schlachten lässt, zwar nicht gänzlich absprechen darf, was aber bei einem Solchen in diesem Falle immer ein wenig alteriert ist. Aus der Klasse des Ganzen ist bisher ein einziges Individuum unter den Liebenden zu einiger Celebrität gelangt: allein es wurde nicht im figürlichen Sinne durch einen Liebesblick, sondern im buchstäblichen von einem berühmten Helden mit der Keule geschlachtet. [4]

Das Gesicht und die Wangen

Arabisch: der Koran, der Garten, der Kampfer, Chatai, Bagdad, der Sultan, die Sure Fatiha, d. i. die Eröffnerin — sollten die arabischen Damen im Ernst offeneren Sinnes, und minder zur Verstellung geneigt sein, als die Europäerinnen?— der Vollmond, die Kerze, der Glaube. Lieber, der Unglaube; nur das Bestandlose kann einen Vergleichungspunkt für das Unzuverlässige und Zweideutige abgeben.

Persisch: das Paradies, die Rosenmandel — lieblich zu zerknacken, wie Fabricius sagt, — das Schönheitswasser, das Feuerwerk, der Räuber, der Seidenstoff, Turkistan, China, Tartarland. Die persischen Dichter sind nebenher auch gut, um Geographie daraus zu studieren; das Gedicht ist der kurze Abriss der Erdbeschreibung, und die Dame die Landkarte; — der Himmelskreis, das Rebhuhn und der —

Ein zweisilbiges Wort. Ein schönes Gesicht hat die erste im figürlichen Sinne schon mehr als einmal in die letzte gesetzt, und das Ganze wird nach der Meinung einiger alten Philosophen zuletzt das Ende aller Dinge sein. [5]

Die Nase

Arabisch: das Schwert und der Sattelhals; als Repräsentant der zwei Hauptklassen von Naschen, nämlich: der Spitznäschen und der Stumpfnäschen.

Persisch: der Prophetenfinger, der Degen. Wenn das Gesicht einer orientalischen Dame etwas so durchaus Mörderisches ist: so waren diese Armatursstücke hier freilich am rechten Platze.

Der Mund

Arabisch: der eingebildete Punkt, das Nichts der Einbildung, die Juwele Salomons, das Räthsel. Räthselhaft ist der Mund eines Frauenzimmers immer; gegen diese Vergleichnng also weniger, als gegen irgend eine andere, etwas einzuwenden.

Persisch: das Atom — da ein Atom unteilbar ist, so paßt die Vergleichung sehr schlecht für den weiblichen Mund, der sich jeden Augenblick öffnet, um zu plappern; — das Bestehende und Nichtbestehende.— Das Atom ist doch noch etwas: aber das Nichtbesteheude ist gar nichts. — Der Herzensdieb, der Ring, das Salzfaß und die —

Die erste Silbe, um den Endlaut verkürzt, nennt, was die Schönheit leicht entbehren kann; die beiden andern bezeichnen ein Gewehr, und wenn man den Umlaut und den Endlaut wegnimmt, so dass aus zwei Silben eine wird , ein Gewächs, das man in Gärten noch jetzt hin und wieder, bald als Strauch, bald als Baum antrifft, und das seine Gestalt sonst öfter veränderte als Proteus. Das Ganze dient zur Aufbewahrung der ersten Silbe. [6]

Der Hals

Arabisch: die Wachskerze und — der Schenkel des Himmels! Gegen so etwas kann keine abendländische Phantasie aufkommen! In der Tat, man muss einen ziemlich starken Kopf haben, um über einen solchen Aufschwung der Phantasie nicht schwindlicht zu werden.

Persisch: der Kristallene, der Kampferbaum und —

Die ersten beiden Silben nennen ein edles Metall; die beiden andern gehören dem Gewächsreiche an, obwohl man sie auch an manchen Tieren findet. Sie sind ein treffliches Mittel, um eine Menge Unarten der menschlichen Natur gleich im ersten Keime zu ersticken, auch wenn sie nicht aus den beiden ersten verfertigt, sondern bloß aus dem Gewächsreiche genommen werden. [7]

Die Geliebte

Arabisch: die Kaaba, wohin sich alle Gläubigen beim Gebete wenden; der Mihrab, oder die in den Moscheen die Stelle des Hochaltars vertretende Nische; das Schmerzenspflaster, der Rubin, der Zuckergarten — wie süß! — der Talisman, die Zeit, der Frühling u. s. w.

Persisch: die Lampe, die Sonnenquelle — wie bettelhaft nimmt sich nicht die dürftige Lampe des Arabers neben dem Sonnenquell des Persers aus! — der Seelenstrick, der Herzenswinkel, der Geiste nahrer, der Arzt; und um an Süßigkeit hinter dem Araber nicht zurückzubleiben — das Zuckerland.

Endlich vergleichen die persischen Dichter die Frauen noch mit Orangen.

Von allen den angeführten Vergleichungen gewiss bei weitem die vernünftigste und passendste. Denn da behält man doch die Wahl zwischen — süßen und bitteren.

Lösung anzeigen

1. Alchemie; 2. Sonnenanbeter; 3. Hasenfuß; 4. Hornvieh; 5. Weltbrand; 6. Schminkbüchse; 7. Silberrute

Anmerkungen

Horn: Der Hafen Konstantinopels am Marmarameer (Mare di Marmara) wird Goldenes Horn genannt. [Wikipedia] Ein Beispiel für einen gehörnten Gott ist der Hirtengott Pan in der griechischen Mythologie. [Wikipedia]

Hornvieh: Der Minotaurus, halb Mensch, halb Stier, wurde von Theseus getötet.

Verweise

Rätselgeschichten, Enk