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Rätselgedicht Nr. 1918

von Leopold Enk von der Burg

Rätselgeschichte

Jagdunglück

Es ist nicht wohl möglich, auf der Jagd mehr Unglück zu haben, als neulich dein guten N** begegnete. Er mochte eine Ahnung davon haben; denn er sprach bei dem gemeinschaftlichen Jagdfrühstuck kein Wort, sondern schlang die aufgesetzten Bratwürste, Semmelklöschen, Kotletten u. s. w. mit solchem Eifer in sich hinein, dass man leicht erkennen mochte, wie es ihm darum zu tun sei, die flatternde Psyche von jedem Ausflug in die Vergangenheit und in die Zukunft abzuhalten, und ihr selbst für die Gegenwart nicht zu gestatten, auch nur im geringsten einen Flügel zu regen.

Jetzt brach die Gesellschaft auf. Er schneckte immer ein Paar hundert Schritte bequemlich hinter den Übrigen einher. »Sie stellen mich ohnedies jederzeit auf die schlechtesten Stände,« sagte er, »und da komm' ich immer noch früh genug.« Das mochte hingehen. Als man aber schon ganz nahe am Walde war, wurde er plötzlich gewahr, dass er — seine Flinte vergessen hatte. Ob er sich ärgerte, darf man nicht fragen. Er rief einen Treiberjungen, und sandte ihn nach Hause, um sie zu holen. »Hier,« sagte er zu dem Jungen, im dem er ihm den Schlüssel gab, »hier hast du meinen Schlüssel. Hinter meinem Bücherschrank stehen zwei Flinten. Sieh' ja zu, dass du mir nicht aus Gedankenlosigkeit die rechte stehen lassest, und die unrechte bringest; denn auf der letzteren fehle der —«

Die beiden ersten Silben des Fehlenden triffst du am Himmel, wie in den Eingeweiden der Erde. Oft brechen sie zerstörend aus dieser hervor, und strömen in mächtigen Wogen dahin: und dennoch lassen sie sich auch in den kleinsten Raum einschließen und dienen zu den gemeinsten Zwecken. Was sie oft riesengroß werden lässt, vernichtet sie auch. Nichts ist so fest, was sie nicht zu zerstören vermöchten: und doch bedient man sich ihrer, um selbst dem Weichsten Härte, Festigkeit und Dauer zu geben. Ihre Stimme gleicht dem Sausen der Windsbraut, und nie besiegen sie ihren natürlichen Feind, oder erliegen ihm, ohne ihm Hohn zuzuzischen. Die dritte Silbe ist der Vater der beiden ersten: aber nie zeugt er seine Kinder, wenn er nicht von einem Stärkeren, als er selbst ist, misshandelt wird. [1]

»Liebster Herr Haas,« sagte er zu dem Oberjäger, als der Junge mit dem Gewehr zurückgekommen war, »da sehen Sie mir einmal diese Flinte an. Ist das eine Flinte! Sie kostet mich aber auch fünfzig Gulden unter der Hand, und es reuet mich nicht im geringsten, das Geld gegeben zu haben. Denn ich kann mich darauf verlassen, wie auf mein Auge. Sie dürfen mir heute immerhin einen besseren Stand, als den verlornen Posten anweisen. Was mir heute kommt, das lege ich nieder; ich bin Ihnen gut dafür.«

Der Oberjäger ließ sich verführen , und stellte ihn beim zweiten Trieb an einen Platz, wo, wie er sagte, noch jedes Jahr ein Fuchs geschossen worden. N*** war nun vollkommen zufrieden. Er lehnte die Flinte an den Baum, zog sein Taschentuch hervor, und schnaubte sich zuvörderst mit einem so hellen Trompetenton, dass es von den benachbarten Bergen widerhallte, und er auf der entgegengesetzten Seite fünfzig Treiber hätte entbehrlich machen können. Dann legte er das Tuch wie» der zusammen, steckte es ein, nahm seine Flinte auf, und stellte sich jetzt in Positur. So stand er nun ziemlich ruhig, außer dass er von Zeit zu Zeit bald den rechten, bald den linken Fuß ein wenig in die Höhe zog und sich verstohlen räusperte. Da kam der Fuchs herangeschlichen.

»Raymund! ein Fuchs, ein Fuchs!« rief er seinem Nachbar zu, und drückte auf den Schnepper, als ob er ihn hätte krumm biegen wollen. Allein was half sein Drücken! Das Gewehr konnte nicht losgehen, denn er hatte abends vorher sein Pulverhorn in der Zerstreuung, statt des Pulvers gefüllt mit schwarzem —

Ein zweisilbiges Doppelwort sagt, womit er es gefüllt hatte. Es besteht aus unzähligen Teilen und ist bald aus dem Tier-, bald aus dem Mineralreiche genommen, bald ist es ein Kunstprodukt. So wertlos es auch ist: so vertraut man ihm dennoch die größten Geheimnisse, und selbst das ausgezeichnetste Genie verschmäht es nicht, mit demselben seine Arbeiten zu übergehen. [2]

Wie groß das Unglück auch war, er hoffte es bei dem dritten Triebe zu verbessern. Man stellte bei diesem die Schützen auf den Gehsteig eines halbzirkelförmigen Abhanges an, wo das Wild aus dem tiefer liegenden, mit Gebüsche und jungem Holze ziemlich dicht bewachsenen Grunde kommen musste. Da man N*** dringend eingebunden hatte, nicht von der Stelle zu gehen, und er weder auf seinen Nachbar zur Linken, noch zur Rechten hinsehen konnte, auch die Treiber einige Zeit brauchten, um in den Grund zu kommen: so sing er bald an lange Weile zu empfinden. Er setzte sich also ins Gras, legte die Flinte neben sich, zog Döbels Jägerpraktik aus der Tasche, und sing auf das eifrigste zu lesen an. Da rasselt es ganz nahe gegen ihn heran im Gebüsche. Jm Nu wirft er seinen Döbel weg, rafft wie ein Besessener die Flinte auf, legt sie, eine Spanne von dem abgewandten Gesicht weg, fest an die Schulter, drückt los, und — ein lautes Geheul entfährt dem tödlich getroffenen —

Sieben Zeichen hat der Name des Unglücklichen , an welchem sich die Verlässlichkeit von N***s Flinte bewährte. Die drei ersten kommen sehr oft in den Büchern der Adepten vor; die vier letzten bezeichnen die Diener eines fremden Kultus. Alle sieben zusammen nennen einen Fürsten, hochberühmt als Heerführer und Gesetzgeber. [3]

An mutwilligen Spöttereien fehlte es nicht, wie man sich das leicht denken kann. Nur Raymund, sonst der unerbittlichste Rächer jedes Jagdversehens, schien diesmal eine Ausnahme zu machen. Er hielt sich auf dem Heimwege beständig zu N***, tröstete ihn über seine Unfälle, verteidigte ihn gegen die Übrigen, ging, als die Gesellschaft nach Hause kam, mit ihm auf seine Stube und erwies ihm auch dort noch den Liebesdienst, ihm die Halsbinde zurecht zu richten. N*** war ganz gerührt über ein so freundschaftliches Betragen, und dankte ihm auf das gemütlichste. Aber schnell wurde er enttäuscht, als er jetzt in den Speisesaal trat und von allen Seiten ein lautes Gelachter entstand- Denn jener falsche Freund hatte bei seiner gleißenden Nachsicht es auf nichts anderes abgesehen gehabt, als auf einen ,—

Ein zweisilbiges Wort ist es, worauf der Ratende hier sein Absehen richten muss. Die erste Silbe dient Getrenntes zu verbinden, obgleich nicht selten selbst die festesten Bande der Natur dadurch zerrissen werden; die zweite nennt einen Seehelden aus früherer Zeit in französischen Diensten. [4]

Dass die Sache ihn ärgerte, kann man sich denken. Um nun keinen Groll festwurzeln zu lassen, suchte er diesen durch tapferes Essen zu ersticken, und mit gutem alten Österreicher so lange wegzuschwemmen, bis auch nicht mehr ein Dütchen davon übrig war. Darum setzte er sich nach Tische, vollkommen versöhnt, mit seinem Beleidiger zum —

Sechs Zeichen nennen ein Spiel und zugleich ein Kleid, unter welchem die Torheit sich oft dort verbirgt, wo sie sich offen zeigen dürfte. Ein französischer Dichter soll es sich auf dem Todbette haben reichen lassen, um darin zu sterben. [5]

Das Glück ersetzte ihm beim Spiele reichlich, was es ihm auf der Jagd zu leide getan hatte. »Ich habe keine schlimme Jagd gemacht,« sagte er Abends beim Auskleiden recht behaglich zu sich selbst, »trotz aller Unfalle, so ich gehabt habe; denn ich habe Raymund — sein ganzes Geld abgejagt.«

Lösung anzeigen

1. Feuerstein; 2. Streusand (aus geraspeltem Elfenbein, aus zerstoßenem Glas); 3. Soliman (Sol, Iman); 4. Schnurrbart (Schnur, Schwiegertochter, Jean Bart); 5. Domino (Rabelais soll sich auf dem Totenbett einen Domino haben bringen lassen, um darin zu sterben)

Anmerkungen

Mit Solman ist Süleyman I. gemeint. Süleyman I., "Der Prächtige", "Der Gesetzgebende" (149x-1566) regierte von 1520 bis 1566 als der zehnte Sultan des Osmanischen Reiches und gilt als einer der bedeutendsten Osmanenherrscher. Während seine mehr als vierzigjährigen Herrschaftszeit erreichten die geographische Ausdehnung und die Macht des Reiches ihren Höhepunkt. [Wikipedia]

Schnur ist eine veraltete Bezeichnung für Schwiegertochter.

Jean Bart, eigentlich wohl Jan Baert, (1650-1702) war ein Freibeuter aus Flandern in Diensten des französischen Königs Ludwigs XIV. [Wikipedia]

François Rabelais (14xx-1553) gilt als der bedeutendste Prosa-Autor der französischen Renaissance. [Wikipedia]

Ein Domino ist (u. a.) ein etwa wadenlanger, schwarzer, meist seidener Umhang ohne Ärmel und mit Kapuze; ursprünglich gehörte der Domino zur Kleidung von Geistlichen in Italien. [Wikipedia]

Verweise

Rätselgeschichten, Enk