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Rätselgedicht Nr. 1909

von August Gottlob Eberhard

Palindrom

Ein Mädchen saß am Weg und weinte.
„Was weinst du, Mädchen?" fragt' ich sie.
„Ach," sprach sie (und den Ton vergess' ich nie)
„ach, der so gut es mit mir meinte,
mein Bräutigam ist mir entfloh'n!
Es winkten feste, süße Bande
am Altar unsrer liebe schon,
ach da –"

„Pfui!", rief ich, „pfui der Schande"
Vergiss den falschen Bösewicht!" –
„Nein,", sprach sie, und ihr Blick entbrannte,
„nein, lieber Fremdling, schilt ihn nicht!
So sehr er auch mein herz gekränkt:
lieb ich doch keinen so auf Erden.
Wir sollten Mann und Frau schon werden;
mein Vater hatt' ihm Geld geschenkt,
um einen Gasthof anzukaufen;
er sollte Wirt, ich sollte Wirtin sein;
er war, im Morgensonnenschein,
deswegen nach der Stadt gelaufen –
da holt' ich schnell die strenge Mutter ein,
ihr eine alte Schuld zu zahlen.
Ihr Knecht führt', unter tausend Qualen,
ihn in ein wohlfeil schlechtes Haus,
und hielt und ließ ihn nicht heraus!
Das hott' ich von dem Gärtnermadchen,
und rannte eilig nach dem Städtchen.
Man wies ein kleines Häuschen mir;.
ein Nachbar öffnete die Tür:
da ward ich aber noch betrübter,
denn, ach! mein Bräut'gam sah mich nicht
mehr an! »O, rief ich weinend, mein Geliebter!
was hat dein Mädchen dir getan?« –
Ich wollte ohne Priestersegen,
mich zu ihm auf das Lager legen,
allein der Nachbar warf im Nu
mit finstrem Blick die Türe zu.
Betäubt sank ich zur Erde nieder!
Auf meiner Zung' erstarb das Wort!
Man hob mich auf, man trug mich fort,
und nie sah ich das Häuschen wieder!
Noch immer wohnt mein Trauter drin,
hat viel Besuch von schlechten Gästen,
die sich auf seine Kosten mästen,
denn Alles gibt er zechfrei hin."

„Ist's möglich, Mädchen?" rief ich aus,
„und sollt' ich viele Meilen gehen:
den tollen Gastwirt muss ich sehen!
Ich such' es auf, sein kleines Haus;
nur bitt' ich, liebes Mädchen, leite
mich auf den Pfad, wo ich es finden kann."

Sie senkte leis' ihr Haupt zur Seite,
und sah mich schmerzlich lächelnd an.
Dann sprach sie seufzend: „Geh' nur grade
nach jenem kleinen Städtchen dort,
auf diesem schmalen, stillen Pfade,
bis an die weiße Mauer fort!
Kannst du das Häuschen auch nicht sehen:
so wird dir doch manch Fähnelein,
so weich wie Seide, zart und Nein,
von seinem Dach' als Zierd' entgegen wehen.
O geh', und hole mir eins her!
Ich pflege täglich eins zu holen;
das heut'ge hab' ich nur nicht mehr;
mein Lämmchen hat es mir gestohlen!"

Ich nenne nichts, weil mir's zu schmerzlich ist.
Mit einem Worte kannst du Haus und Fähnchen schreiben;
das eine Wort wird immer beides bleiben,
wenn man's nur vorwärts, oder rückwärts liest.

Lösung anzeigen

Sarg, Gras

Verweise

Palindrome, Eberhard