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Rätselgedicht Nr. 1816

von August Friedrich Langbein

Rätsel

Eine Schar ungleicher Menschenkinder
Wohnt in einem Hause, Kopf an Kopf;
Hier ein Fürst und dort ein Besenbinder,
Oder sonst ein armer, kahler Tropf.

Um ein kleines Häuflein echter Weisen
Drängen sich Fantasten, wie ein Meer.
Viel Bewohner taten große Reisen,
Andre sind, in keinem Sinn, weit her.

Manche schwatzen, wie die Fischmarktsweiber,
Platt und albern in den Tag hinein;
Und sogar verruchte Straßenräuber
Mischen sich in diese bunten Reihn.

Aber sämtliche Gesellschaftsglieder,
So verschiednen Geistes sie auch sind,
Leben einig, wie vertraute Brüder,
Und betrüben nicht das kleinste Kind.

Mächtig herrscht der Hauswirt unter ihnen,
Und sie haben Dach. und Fach nicht frei:
Alle müssen Geld dafür verdienen,
Und er will, dass keiner müßig sei.

Ihr Quartier bestimmt er nach Behagen?
Und verändert's oft nach seinem Plan.
Sind die alten Kleider abgetragen,
Schafft er ihnen neue wieder an.

Sie gehorchen ihm wie Sklavenseelen,
Und die wild'sten Räuber halfen still,
Wann er sie hervor zieht aus den Höhlen,
Um sie auszuliefern, wem er will.

Werter Leser, dich herum zu necken,
War mein Rätsel nun genug bemüht.
Kannst du mir geschwind den Ort entdecken,
Wo man jene Menschenkinder sieht?

Lösung anzeigen

"Das Haus, wo die verschiedenen Menschenkinder, von denen es spricht, beisammen wohnen, ist — eine Leihbibliothek." —

„Pah!" sagte der Rat, und riss die Augen weit auf — „Sie wollen mich zum Besten halten! Es ist ja nicht von Büchern, es ist von Menschen die Rede!"

„Nicht von Menschen — nur von Menschenkindern! Alle Bücher sind Kinder des menschlichen Geistes, und an Wert und Gehalt so verschieden als ihre Vater. Die Fürsten, deren mein Rätsel erwähnt, sind die Werke großer, genialischer Originalköpfe; die Besenbinder — nun, das sind in Summa alle Schofelschriften, zu welchen kein Kopf gehört; namentlich: die Unzahl der elenden Romane, die Banditen- und Räubergeschichten, und besonders die Anekdotensammlungen, die Bettelmönche der Literatur.

Anmerkungen

Das Rätsel ist in die Geschichte "Der Ritter der Wahrheit" eingebettet, der Rätselsteller ist ein Buchbinder, der sich vor Gericht ("Herr Rat") für das Rätsel verantworten muss, das als "schändliches Loblied auf die unselige Freiheit und Gleichheit, die von Frankreich ausging" missverstanden wurde. Und wahrscheinlich missverstanden werden sollte.

Quellen

August Friedrich Ernst Langbein
Der Ritter der Wahrheit
Band 1 (Rätsel), Band 2 (Lösung)
In der Schuppel'schen Buchhandlung, Berlin, 1805

Verweise

Worträtsel, Langbein, Arnold