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Rätselgedicht Nr. 1186

von Franz Brentano

Palindrom

Vorwärts und rückwärts
Bin ich stets seitwärts.

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neben

Anmerkungen

(von Brentano)

Das Palindrom, das ich hier als Nr. 10 aufgenommen, ist nicht von mir erfunden, sondern nur von dem sonst vielleicht unvermeidlichen Untergang gerettet worden. Es stammt von Wilhelm Berta aus der Zeit, wo man in Mainz und Aschaffenburg noch unter dem Krummstab des deutschen Primas wohnte. Ich erzählte in der Vorrede, wie lebhaft damals dort ähnlich wie in Paris unter den Enzyklopädisten, die Teilnahme für Rätselspiele war. Die Mainzer Domherren unterhielten sich damit und Berta, einer der Domvikare, zeichnete sich vor allem durch reiche Erfindungsgabe aus.

Zur Charakteristik seiner Art und Weise mag noch folgendes kleine Rätsel dienen:

Ich zog da aus
Wo Lumpen einkehrten,
Zog in ein Haus,
Bewohnt von Gelehrten.

Papier ist die Lösung, die Berta im Auge hat.

Die große Schwierigkeit, welche manches seiner Rätsel bietet, zeigt, für was für ein geübtes Publikum er arbeitete. An dem folgenden habe ich, wie mancher andere, vergeblich mich versucht:

Ein Knack und ein Sägenschnitt in die Bunde,
Und Frucht und Pflanze gehen zu Grunde.

Sollte einer der Leser des Änigmatias hier glücklicher sein, so wäre ich ihm für die Mitteilung seines Fundes dankbar.

Doch eben und, wie so oft, ganz ungerufen kömmt mir selbst scheint's die Eingebung der Göttin, nach der ich andere Male vergeblich verlangt hatte, und ich will den erlösenden Gedanken dem Leser, den ich genugsam in Anspruch genommen habe, nicht vorenthalten.

Berta dachte an den Sündenfall. Eva bricht den Apfel. Da haben wir den »Knack«. Adam beißt hinein – Obstmesserchen, wie uns, standen ihm ja trotz allem Reichtum in der Ausstattung des Paradieses kaum zu Gebote – und in seinem Biss haben wir, was Berta als »Sägenschnitt in die Bunde« bezeichnet. Gewiss nicht unpassend; vergleicht doch die Volkssprache selbst umgekehrt den Eingriff der Säge dem Biss des Mundes, indem sie deren schneidende Spitzen Zähne nennt. In die »Bunde« aber sagt Berta nicht sowohl weil Adam in den runden Apfel beißt, als mit Bezug auf die Stellung der zerschneidenden Zähne, welche eine in die Bunde gehende Form des Schnittes zur Folge hat. Wenn er endlich sagt, dass »Frucht« wie »Pflanze« zu- zugrunde gehen, so deutet dies auf den Tod, dem nicht bloß der vorher mit Unsterblichkeit begnadete Adam, sondern mit ihm auch sein Samen, die ganze Frucht, die der Schoß Evas ihm und der Erde tragen sollte, infolge jenes Knacks und Bisses verfallen sind.

Wir haben also hier nicht etwa, wie mancher meinen könnte, eine Charade, sondern, wie oben, ein einfaches Rätsel vor uns, und eines, das uns recht anschaulich zeigt, wie reich an Einfällen manchmal Berta bei lakonischster Kürze zu sein wusste. Absichtlich will er uns verführen, den Knack und den Schnitt direkt auf die Pflanze und ihre Frucht zu beziehen, und den Gegensatz zwischen der Größe des Unheils und der Kleinheit des Geschehens, aus dem es entspringt, lässt er drastisch hervortreten.
Berta trug seine mutwillige Art auch ins gesellschaftliche Leben. Manches Stücklein von ihm wurde noch lange nach seinem Tod in Aschaffenburg erzählt. So traf es sich, dass einmal einem Bürgersmann sein Regenschirm abhanden gekommen. Er wusste nicht, bei wem er ihn gelassen und nahm schließlich seine Zuflucht zu einer Anzeige im öffentlichen Blatt. Doch alles umsonst. Da hörte er von verschiedenen Seiten, Berta habe geäußert, er wisse, wo der Schirm stehe, und sofort machte sich der gute Mann auf, den Domvikar zu ersuchen, ihm nähere Mitteilung zu machen. »Ei recht gerne«, sagte Berta lächelnd, »Ihr Schirm steht in der Zeitung, Sie haben ihn ja selbst hineinsetzen lassen.«

Es gehörte der ganze gute Humor unserer Rheinlande dazu, um sich an einem solchen Scherze, statt ihn übel zu nehmen, zu erheitern.

Verweise

Palindrome, Brentano, Arbeiter