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Die drei Krüppel ►gelöst◄

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Die drei Krüppel ►gelöst◄

Beitragvon Otto » 18.05.2014 13:18

Die drei Krüppel

Hinter einem Rosenbusche
Zeigten sich drei Krüppel mir,
Und ich fragte die Gesellen:
„Krüppel, he! was tut ihr hier?"

„Ei, wir pflanzen," war die Antwort.
Und wie ein Gedanke schnell
Wuchsen Nelken, Centifolien
Und Hortensien auf der Stell'.

„Das sind doch kuriose Bursche,
Diese Krüppel!" dacht ich da,
Und noch mehr war ich verwundert,
Als ich jüngst sie wieder sah.

An den Schrank' gelehnet sah ich
Das verstümmelte Terzett,
Und es sollte mir berichten,
Was es dort zu schaffen hätt'.

„Wir sind Tischler," replizierten
Die bekannten Krüppel mir,
„Wir bereiten Stühl und Bänke,
Wir möblieren das Quartier. "

„Tischler auch? Ihr Hexenmeister,
Könnt ihr Alles in der Welt?" -
„Vielerlei, es kommt drauf an nur
Wo man just uns hinbestellt.

Folgen Menschen wir, die wohltun,
So bewirken wir sogleich,
Dass sie sei'n an Lieb' und Großmut
Und an andrer Tugend reich.

Aber wenn sich Leute zanken,
Und wir Krüppel stehn dabei,
Kann man sicher sein, von Worten
Kommt es auch zur Rauferei." -

„Also geht's Euch, lieben Krüppel,
Wie es den Nicht-Krüppeln geht:
Bisschen Tugend wird gemodelt
Nach dem Platze, wo man steht.

Dank' Euch übrigens, drei Krüppel,
Für den deutlichen Bescheid,
Dank' Euch: denn mein Leser weiß nun
Ohne Zweifel, wer ihr seid."

(ungelöst, 1829, vom C.T. [d.i. Carl Töpfer]) [zzz]
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Re: Die drei Krüppel

Beitragvon Engelchen » 18.05.2014 19:04

Auch bei diesem Rätsel habe ich eine Intuition, weiß nur noch nicht so recht, warum die drei Gesellen als Krüppel bezeichnet werden.

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Sind es das A B C ? Diese drei Buchstaben als Sinnbild für das gesamte ABC ? Denn was in Gedankenschnelle entsteht, kann doch nur, wenn es keine Zauberei ist, als geschriebenes oder gesprochenes Wort verstanden werden. Redliche Menschen werden gelobt, Streithähne getadelt. Aus Buchstaben werden Worte geformt, modelliert. ???
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Re: Die drei Krüppel

Beitragvon Otto » 18.05.2014 19:28

Wa sind die Nicht-Krüppel? –– Aber die Idee ist gut. Wie wäre es mit den drei Umlauten? Dann sind die Nicht-Krüppel die Nicht-Umlaute. Aber in den Blumenarten sind keine Umlaute drin :-(

Vielleicht sind es drei bestimmte andere Buchstaben? Dann müssten wir die Wörter in der Art eines Logogriphs finden.
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Re: Die drei Krüppel

Beitragvon Waldkircher » 21.05.2014 23:05

Ich halte eine linguistische Lösung für möglich. Im 19. Jahrhundert wurden (von Gelehrten wie Schlegel und Humboldt) die ersten auf der Morphologie, vor allem der Flexion, basierenden Sprachtypologien entwickelt und die Unterscheidung zwischen analytischem und synthetischem Sprachbau eingeführt. Möglicherweise sollen die "Pflanzer" vs. die "Tischler"diesen Unterschied verdeutlichen. Mit den "Krüppeln" könnte es folgende Bewandnis haben (Achtung, abgespaced :twisted: )
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Damals begann man sich unter anderem dafür zu interessieren, wie im Deutschen eigentlich Wörter gebildet werden. Eine in unserer Sprache verwirklichte Möglichkeit ist die Ableitung (Fachjargon: Derivation), die neben der Möglichkeit, Wörter schlicht zusammenzusetzen (z.B. Rätsel-Seite) die wichtigste Methode der Wortbildung ist. Dabei kommt es vor, dass Morpheme, die nicht allein für sich stehen können (und die man deshalb als "Krüppel" bezeichnen könnte, weil sie andere Wörter brauchen, um überhaupt dazusein) zu Grundlexemen treten, deren Bedeutung sie verändern, "modeln", und zwar "je nachdem wo man steht". Eine gängige Einteilung geht z.B. von den drei morphologischen Ableitungstypen Vorsilbe, Zwischensilbe, Nachsibe (Präfix, Interfix, Suffix) aus. Diese Silben können die Bedeutung eines Wortes entscheidend modellieren, je nachdem wo sie "hinbestellt" werden. Dann kann beispielsweise aus einem "weisen" durch die Vorsilbe ver- ein sehr ärgerliches "verweisen" werden - ein besseres Beispiel will mir gerade nicht einfallen. Umgekehrt natürlich genauso: "Folgen Menschen wir, die wohltun,/So bewirken wir sogleich,/Dass sie sei'n an Lieb' und Großmut/Und an andrer Tugend reich". So wird beispielsweise aus einer Frau, die einfach schön ist, erst durch die Nachsilbe "-heit" eine Schön-heit. etc.
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Re: Die drei Krüppel

Beitragvon Otto » 22.05.2014 22:00

Leider sind mir über Carl Töpfer keinerlei biographische Daten bekannt – keine Ahnung, ob er Germanist oder sonstwie einschlägig vorbestraft war. Hier ist die Qellenangabe:

http://www.janko.at/Raetsel/Gedichte/Turandot.htm

Alle anderen Rätsel von Töpfer waren ohne Hintergrundwissen lösbar – gilt das auch für diese Lösung? Adelung (1793) definiert eine "Sylbe" noch wie folgt: "Die Sylbe, plur. die -n, Diminut. das Sylbchen, ein einzelner Laut, welcher mit Einer Öffnung oder Zuschließung des Mundes hervor gebracht wird, und aus einem Selbst- oder Doppellaute und einem oder mehr Mitlauten bestehet. Besonders, ein solcher Laut, so fern er einen Theil einer vernehmlichen Rede ausmacht. Ein Sylbe ist ein einzelner, ein Buchstab aber ein einfacher Laut." -- Das Schulwissen über Silben dürfte noch dürftiger gewesen sein. (Und bis heute hat sich da wohl nicht viel geändert.)

BTW: Die Lösungen zu den Rätseln der "Turandot" von 1827 und 1828 sind bekannt; die von 1829 sollten in der Ausgabe von 1830 veröffentlicht werden, diese Ausgabe ist aber nie erschienen.
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Re: Die drei Krüppel

Beitragvon Waldkircher » 22.05.2014 22:31

► Alle anderen Rätsel von Töpfer waren ohne Hintergrundwissen lösbar – gilt das auch für diese Lösung?
Nicht wirklich, Sie haben recht. Ich schaue, ob ich das Konzept retten kann, nach dem nicht selbstständige Wortteile zu Wörtern hinzutreten - Kann mir partout nicht vorstellen, was mit "Krüppeln" sonst gemeint sein könnte. Friedrich Schlegel 1808: "Entweder werden die Nebenbestimmungen der Bedeutung durch innre Veränderungen des Wurzellauts angezeigt, durch Flexion, oder aber jedesmal durch ein eignes hinzugefügtes Wort, was schon an und für sich Mehrheit, Vergangenheit, ein zukünftiges Sollen oder andre Verhältnisbegriffe der Art bedeutet; und diese beiden einfachsten Fälle bezeichnen auch die Hauptgattungen aller Sprache."
Das würde ganz gut passen, aber ist sicher nichts, was man mal eben so in eine bürgerliche Zeitschrift für höhere Stände einrückt.
Die Sache mit den Gärtnern und Tischlern wartet ja auch auf Lösung. Vielleicht ist´s ja doch etwas ganz anderes. Bleiben wir dran.
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Re: Die drei Krüppel

Beitragvon Otto » 23.05.2014 08:48

Was mir eben zu »Krüppel« einfällt: Die Umlaute. Sie sind Krüppel, weil man für diese Laute keine eigenen Zeichen spendiert hat, also »minderwertig« (das Trema ist ja nur eine Krücke). Und es sind genau drei in der deutschen Sprache. Und es gab sie damals schon, zumindest in Kleinschreibung.

Diphthonge gibt es mehr (au, eu, äu, ei, evtl. noch ai und ui). Aber wenn man das äu weglässt bleiben auch nur drei »reine« übrig.

Di/Tri/...-Graphe gibt es noch viel mehr (sch, ch, ...), die scheiden aus.

Irgendwie scheint mir die Lösung »Umlaute« willkürlich zu sein, es gibt IMHO keine starken Indizien, dass sie gemeint sein können (oder übersehe ich das was?). Da passen die Silben besser.
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Re: Die drei Krüppel

Beitragvon Stefan Heine » 16.12.2014 23:20

So eine Dreifaltigkeit lässt viele Interpretationen möglich erscheinen. Zuerst dachte ich allerdings auch an die Bedeutung der Blumen: Centifolien, also Rosen stehen für Jugend, Freude, Frische – Nelken für Ehe und Liebe und die Hotensie bedeutet Tod und Krankheit. Die drei Lebensabschnitte aus dem Rätsel der Sphinx. Aus ihnen zimmert sich ein Leben zusammen.... hmmm. Jeder Lebensabschnitt allein nur ein Krüppel - zusammen ergibt sich etwas Ganzes.

Passen könnte aber auch die Gewaltenteilung mit ihren drei Bestandteilen. Im Hintergrund und verfassungsrechtlich stark geschützt (Hinter einem Rosenbusche...) sorgt sie für das Gedeihen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Auf sich allein gestellt wären Legislative, Exekutive und Judikative allerdings hilflos, also Krüppel. Zusammen zimmern sie das Haus in dem wir leben - die Demokratie im weitesten Sinne. Hierzu würde passen, dass sie einschreiten bei Zank und Streit und alle Guten mit Freiheit belohnen.
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Re: Die drei Krüppel

Beitragvon Otto » 17.12.2014 20:13

Zunächst einmal ist die Grundidee bestechend: Die drei Krüppel sind drei Dinge/Begriffe, die für sich genommen machtlos bzw. unzureichend (verkrüppelt) sind, als ganzes jedoch Wirkung entfalten (wie Legislative, Exekutive und Judikative). Vielleicht finden wir in diesem Sinne noch andere Interpretationen?

Die drei bringen Blumen zum Sprießen, möblieren das Quartier (Idee: Bringen Baume zum Wachsen, aus denen die Möbel gemacht werden).

Aber was ist mit den wohltuenden bzw. zankenden Menschen? Da passen Legislative, Exekutive und Judikative nicht so recht. Gerade die Judikative ist ja auf einem Auge blind und belohnt/bestraft relativ oft die Falschen. Dass ein Zank in Handgreiflichkeiten mündet, dafür künnen L+E+J nichts.

Wenn die Blumen für das "Leben" stehen (das ja schon im Rätsel der Sphinx mit "morgens", "mittags" und "abends" umschrieben wird) ... was ist mit dem Rest? Andererseits: Kann die Wahl der Blumen Zufall sein? Hm.
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Re: Die drei Krüppel

Beitragvon Beaker » 17.12.2014 22:51

Wie wäre es mit den drei Zeigern der Uhr?

Laut Wikipedia gibt es den Sekundenzeiger schon seit dem 16. Jahrhundert.
Leider können wir Herrn C. T. nicht mehr fragen, was er von diesem Lösungsvorschlag hält.

Lieber Gruß Beaker
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