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Ein echtes Wienerlied

Diskussionen über Wörter und Texte des Wienerischen. Haben Sie ein Wort gehört, dessen Bedeutung Sie nicht kennen und von dem Sie glauben, daß es Wienerisch ist? Wollen Sie über eines der Wörter in unserem Lexikon diskutieren? Dies ist das richtige Forum dafür!

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Ein echtes Wienerlied

Beitragvon haidi » 09.06.2008 21:04

Hallo,
ich bin neu hier und auf diese Seite bzw. dieses Forum gestoßen, weil mit die Übersetzung von "a Bankl grissen" auf "eine Bank gerissen" doch sehr komisch vorkommt und ich mit "bankl grissen" gegoogelt habe.

1. Link: jano.at
2. Link: http://www.bikeboard.at/Board/showthread.php?p=1600618, ein Motorradforum, darin kommt vor: ... und mich hats fast vom Bankl grissen ...

Könnte es sein, dass "er hot a Bankl grissen" eine Verballhornung von "ihn hats vom Bankl grissen" ist (wenn man in der Stube auf der Bank sitzt und stirbt, fällt man ja runter)?


Und weiters ist mir dann in der Übersetzung noch aufgefallen:

"Er hat an Wuaf angsagt", übersetzt mit: "Er hat einen Wurf angesagt".
Jetzt muss ich einen Exkurs bringen:
Beim Volkstanzen gibt es den sogenannten "Woaf" - Tanzbeschreibung: http://www.volkstanz.at/Volkstaenze/Einteilung/Alphabetisch/W/Woaf.htm, Melodie: http://www.volksmusik.cc/volkstanz/woaf.htm. Dieser Tanz wurde bei Volkstanzfesten als letzter Tanz getanzt (nach ein paar schnellen Walzern um Polkas bringt dieser langsame Tanz die TänzerInnen wieder herunter). Auch großes Betteln der TänzerInnen hat die Musik nicht umstimmen können.

Kann daher dieser Ausdruck von "er hat an Woaf angsagt" stammen, also den ultimativ letzten Tanz?

Liebe Grüße
Hannes
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Beitragvon jerry » 10.06.2008 22:50

Hallo & willkommen hier, haidi!

"Ea hot a Bankl g'rissn" ist, wie auch die andere Anfrage, sehr alt.
Die Extremschrammeln recherchieren die Ausdrücke sehr gut, meistens.
Meiner bescheidenen Meinung nach ist das "Bankl reißn" älter, als Motorräder.

"Ea hot an Wuaf augsogt" kommt meines Wissensstandes nach vom Hasardspiel. Oft wurde dem, der schon fast alles verloren hatte, eine letzte Chance gewährt. Gelang es ihm, seinen Wurf (mit Würfeln, übertragen auch auf Karten) anzusagen und diese Vorhersage auch zu erfüllen, bekam er eine besonders gute Quote. Die Absicht dahinter war, ihn zu überreden, auch noch das allerletzte Geld / Gut zu setzen. Da die Chance auf eine korrekte Vorhersage / Ansage minimal war, oft beim Spiel die gesamte Existenzgrundlage drauf ging, nahmen sich viele der Spieler danach das Leben.
Eine andere Variante: In einer Sage eben diese "Ansage" beim Würfeln mit dem personifizierten Tod bzw. beim Wettkegeln mit demselben mit Totenköpfen, ebenfalls mit Ansage.
nau hawedere ... :-)
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Beitragvon haidi » 11.06.2008 07:18

jerry hat geschrieben:Hallo & willkommen hier, haidi!

"Ea hot a Bankl g'rissn" ist, wie auch die andere Anfrage, sehr alt.
Die Extremschrammeln recherchieren die Ausdrücke sehr gut, meistens.
Meiner bescheidenen Meinung nach ist das "Bankl reißn" älter, als Motorräder.


Da stimm ich durchaus zu - Motorräder gibts noch nicht so lang. Allerdings hat mich dieses Zitat eben auf die Frage gebracht, ob es nicht etwas mit dem Runterfallen vom Bankl zu tun hatte und - wie ich ja im Ursprungsposting geschrieben habe - damit nicht das Motorrad gemeinst, sondern die normale Sitzbank, die wir schon seit Jahrhunderten kennen.

Ich hab bislang noch keine schlüssige Erklärung für diesen Ausdruck gefunden (was sicher nicht unbedingt aussagekräftig ist).

Liebe Grüße
Hannes
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Beitragvon jerry » 11.06.2008 17:57

Möglich erscheint auch der Ansatz "eyn banc anreissen" - mit der Bedeutung "einen Hügel erobern". Wobei "banc" (mhdt.) eben für Hügel, Erhebung steht.
nau hawedere ... :-)
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Beitragvon nadiamaus » 02.06.2009 08:50

Ich denke, dass kann durchaus mit dem Hügel und der Sitzbank zu tun haben. Solche Ausdrücke entstehen meist durch ein Zusammenspiel von verschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten und nehmen dann über die Jahre eine neue Bedeutung an oder fungieren als Metapher wie in diesem Falle.
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Re: Ein echtes Wienerlied

Beitragvon kribbelkefer » 26.02.2013 18:03

Kann es zwar nicht belegen, habe aber eher die Verbindung zur banca rotta in Erinnerung - nach dem Motto hin is hin ...
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Re: Ein echtes Wienerlied

Beitragvon Otto » 28.02.2013 11:33

Hallo Kribbelkefer,

Erstmal herzlich wilkommen hier bei uns!

Zum Bankl: Homonyme entstehen oft dadurch, dass sich zwei unterschiedliche Wörter einander angleichen, wie bei Bank (Sitzgelegenheit) und Bank (Geldinstitut). Letzteres kommt von it. "banca" = "Tisch", davon abgeleitet auch "Bankrott": wenn ein Geldwechsler im Mittelalter pleite ging, wude sein Tisch (banca) zerbrochen (rotta).

Die unterschiedliche Herkunft sieht man heute noch sowohl in der Hochsprache (der Plural der Sitzbank ist Bänke, der der Geldbank ist Banken) als auch im Dialekt: Man setzt sich aufs Bankl, aber man gaht nie aufs Bankl; die Sitzbank kann man verkleinern (Bänkchen), die Geldbank nicht. Diese Unterschiede im Dialekt sprechen eigentlich dagegen, dass das "Bankl grissen" von banca rotta kommt.

BTW: Am Plural kann man z.B. auch festmachen, woher die Bank beim Toto kommt. Hat man drei Banken oder drei Bänke?

~ÔttÔ~
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