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Gedicht 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht allein

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Gedicht 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht allein

Beitragvon Suchender » 20.05.2016 17:46

von Jens Baggesen
Worträtsel

Mein Aufenthalt ist nicht allein auf dieser Erde,
Ich wohn' an jedem Ort, wo etwas steht und fällt;
Ich ging hervor zugleich beim ersten Schöpfungswerde,
Mein Dasein ist so alt gerade wie die Welt.

Doch rechne man mich nicht zu was man Dinge nennet
Noch zu dem Geisterreich, noch, gar in keinem Sinn,
Zu irgend einer Art von Wesen, die man kennet,
Wenn auch gestaltet ich, und sinnenfällig bin.

Auch wähne man ja nicht, ich wäre mehr ein Wunder,
Als irgend etwas sonst im Reiche der Natur,
Obgleich zu jeder Zeit, und mehr, als je, jetzunder,
Dergleichen nur gelingt in meiner Riesenspur.

Denn Riese bin ich, und, nächst einem der Titanen,
Weit größter, wenn ich oft Millionen Meilen lang
Und breit, daher einschreit' auf Weltenozeanen,
Furchtbar und schauerlich in meinem stillen Gang.

Doch wenn auch meine Größ' und Macht fast unermesslich,
Kann ich bisweilen doch – ich wett', ihr glaubt es kaum –
Ein winz'ger Zwerg auch sein! Es ist so toll als grässlich,
Wie meine Zeitgewalt napoleont im Raum.

Man hat des Menschen Bild schon oft in mir gefunden;
Man find't noch öfter drin der Pflanzen, und des Viehs;
Denn jegliche Figur kann ich in heitern Stunden
Darstellen; mein Talent ist ähnlich des Genies.

Doch tu' ich mich hervor in mehr als einem Fache:
Darstellen nicht allein – darlegen kann ich auch
Fast jeden Gegenstand, was eben nicht die Sache
Des plastischen Genies, zum mind'sten nicht Gebrauch.

Verwandeln kann ich auch. Was wird nicht umgestaltet
In der Natur Bezirk durch meine Zaubermacht,
Weiß wird ganz schwarz, und warm wird kalt, wo diese waltet,
Das Sehende wird blind, und Mittag selbst wird Nacht.

Der größte Zauberer bin ich gewiss auf Erden,
Gibt's auch auf ihr vielleicht ‘ne größ're Zaubrerin;
Des Himmels Pracht kann nur durch mich erschlossen werden,
Und keine Hölle gibt's, bin ich nicht selbst darin.

So fast allmächtig ist, und reich an Wundergaben,
Mein somnambulisches und mystisches Geschick,
Dass, unbegräblich selbst, ich alles kann begraben,
Und, selber völlig blind, verblenden jeden Blick.

Ich bin, nächst Einem, der weit stärkste der Despoten,
Die unsre Sinnenwelt beherrschen, ob mir gleich
Der eigentliche Druck aufs Sinnlich' ist verboten;
Mein Druck wird um so mehr gefühlt im Geisterreich.

Ich selber bin kein Geist; auch dem Gesetz der Schwere
Nicht untertan; kein Sein, doch auch kein bloßer Schein –
Kein Traumbild, ein Gespenst von etwas, das nicht wäre –
Ich bin notwendig gar bei jedem Wirklichsein.

Ich bin ein wesentlich unwesentliches Wesen:
Ganz seel- und körperlos – und doch unstreitig da –
Nicht wegzufegen mit der Weltaufklärung Besen –
Trotz jedes Luzifers Triumph-Victoria.

Zwar bin ich, Zwilling, an des Zwillingsbruders Seite
Gebunden fest, und nie in meinem Spiele frei,
Doch geht mein Spielraum, trotz der Kette, so ins Weite,
Dass wenig für mein Spiel verloren geht dabei.

Die Metaphysiker zwar stritten lang' und ehrlich:
Wen von uns Brüdern man am füglichsten entbehrt'?
Ihr Narren! wir sind beid' im All ganz unentbehrlich,
Ein jeder gut für sich, obgleich nicht gleich verehrt.

Es ist im All so ganz unmöglich, uns zu trennen,
Als Raum und Zeit, und Ding und Grenz', und Wie und Was –
Geschäh' es aber doch, will ich es wohl bekennen,
Dass ich nur meines Orts verlöre durch den Spaß.

Denn ganz und gar allein in Allem zu regieren,
Davon zu träumen nur, fiel mir noch niemals ein;
Zwar wünscht mein ganzer Hof, ich möchte kaiserieren –
Hofdumm! Es würde nichts, herrscht' ich erst ganz allein.

zzz

wie wäre es mit:
Lösung oder Tipp: Anzeigen
Wolke - ich finde das paßt ganz gut
nur den Schluß (letzter Absatz) kann ich nichz ganz nachvollziehen
Suchender
 
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Re: Rätselgedicht Nr. 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht all

Beitragvon Lupiro » 20.05.2016 19:25

Manche Verse passen auf

Lösung oder Tipp: Anzeigen
Wasserstoff H2
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Re: Rätselgedicht Nr. 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht all

Beitragvon Otto » 26.05.2016 09:53

Also:
Mein Aufenthalt ist nicht allein auf dieser Erde -- niicht nur, aber auch!

Ich ging hervor zugleich beim ersten Schöpfungswerde -- Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. -- Also bleibt als Lösung nur Himmel, Erde und Wasser (Gott selbst ist ja älter).

Der Himmel ist riesig, aber niemals ein winziger Zwerg. Passt nicht. Auch leben im Himmel keine Tiere und Pflanzen.

Das Wasser passt aber: Es ist riesig (Ozeane Flüsse), Tropfen sind winzig; es ist kein Ding, weil es einem zwischen den Fingern verrint, man kann es nicht wirklich angreifen wie einen Stein; Menschen spiegeln sich an der Wasseroberfläche; im Wasser leben Tiere und Pflanzen; usw.
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Re: Rätselgedicht Nr. 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht all

Beitragvon Suchender » 26.05.2016 14:47

Wolken sind auch eine Form von Wasser. Und es gibt schon ein paar Stellen, die mich sehr an diese Lösung glauben lassen:

Man hat des Menschen Bild schon oft in mir gefunden;
Man find't noch öfter drin der Pflanzen, und des Viehs;
Denn jegliche Figur kann ich in heitern Stunden
Darstellen; mein Talent ist ähnlich des Genies.
(das Bild von Pflanzen und des Viehs wird gefunden - nicht Pflanzen und Vieh selbst)

Verwandeln kann ich auch. Was wird nicht umgestaltet
In der Natur Bezirk durch meine Zaubermacht,
Weiß wird ganz schwarz, und warm wird kalt, wo diese waltet,
Das Sehende wird blind, und Mittag selbst wird Nacht.
(wenn sich plötzlich der Himmel verfinstert und es am hellichten Tag ganz finster und kühl wird)

Ich selber bin kein Geist; auch dem Gesetz der Schwere
Nicht untertan; kein Sein, doch auch kein bloßer Schein –
Kein Traumbild, ein Gespenst von etwas, das nicht wäre –
Ich bin notwendig gar bei jedem Wirklichsein.

Zwar bin ich, Zwilling, an des Zwillingsbruders Seite
Gebunden fest, und nie in meinem Spiele frei,
Doch geht mein Spielraum, trotz der Kette, so ins Weite,
Dass wenig für mein Spiel verloren geht dabei.
(Als Zwillingsbruder interpretiere ich den Wind, dessen "Spielball" die Wolken sind) der Reim war unbeabsichtigt, aber klingt nett :wink:
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Re: Rätselgedicht Nr. 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht all

Beitragvon Kirsche » 28.05.2016 18:28

Hallo,

mich überzeugen die Wolken weit mehr als das Wasser.
Wenn man bedenkt, dass Nebel auch Wolken sind, passen auch diese Zeilen sehr gut:

So fast allmächtig ist, und reich an Wundergaben,
Mein somnambulisches und mystisches Geschick,
Dass, unbegräblich selbst, ich alles kann begraben,
Und, selber völlig blind, verblenden jeden Blick.

Ich bin, nächst Einem, der weit stärkste der Despoten,
Die unsre Sinnenwelt beherrschen, ob mir gleich
Der eigentliche Druck aufs Sinnlich' ist verboten;
Mein Druck wird um so mehr gefühlt im Geisterreich.


Mit diesen Zeilen kann ich allerdings leider gar nichts anfangen. Kann mir die jemand bitte erklären?

Doch tu' ich mich hervor in mehr als einem Fache:
Darstellen nicht allein – darlegen kann ich auch
Fast jeden Gegenstand, was eben nicht die Sache
Des plastischen Genies, zum mind'sten nicht Gebrauch.

Und wer ist die Zauberin in der übernächsten`Strophe`?
Kirsche
 
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Re: Gedicht 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht allein

Beitragvon Waldkircher » 29.07.2016 20:48

Lösung oder Tipp: Anzeigen
es passt sehr vieles zu “Mond“
Baggensen lebte von 1764 - 1826, das Wissen über die klassische Himmelsmechanik des Mondes unterschied sich nicht allzu sehr vom heutigen.

Mein Aufenthalt ist nicht allein auf dieser Erde
(da hält er sich nur am Himmel auf)
Ich wohn' an jedem Ort, wo etwas steht und fällt(???)
Ich ging hervor zugleich beim ersten Schöpfungswerde,
Mein Dasein ist so alt gerade wie die Welt. (passt gut)

Doch rechne man mich nicht zu was man Dinge nennet
Noch zu dem Geisterreich, noch, gar in keinem Sinn,
Zu irgend einer Art von Wesen, die man kennet,
Wenn auch gestaltet ich, und sinnenfällig bin.
(kommt hin)
(....)

Denn Riese bin ich, und, nächst einem der Titanen,
Weit größter, wenn ich oft Millionen Meilen lang
Und breit, daher einschreit' auf Weltenozeanen,
Furchtbar und schauerlich in meinem stillen Gang.
(Mondgravitation verursacht Flutberge auf den Ozeanen)

Doch wenn auch meine Größ' und Macht fast unermesslich,
Kann ich bisweilen doch – ich wett', ihr glaubt es kaum –
Ein winz'ger Zwerg auch sein! Es ist so toll als grässlich,
Wie meine Zeitgewalt napoleont im Raum.
(Mondphasen?)
Man hat des Menschen Bild schon oft in mir gefunden;
Man find't noch öfter drin der Pflanzen, und des Viehs;
Denn jegliche Figur kann ich in heitern Stunden
Darstellen; mein Talent ist ähnlich des Genies.
(passt auch gut)
Doch tu' ich mich hervor in mehr als einem Fache:
Darstellen nicht allein – darlegen kann ich auch
Fast jeden Gegenstand, was eben nicht die Sache
Des plastischen Genies, zum mind'sten nicht Gebrauch.
(Inspiration?"lunatic"?)
Verwandeln kann ich auch. Was wird nicht umgestaltet
In der Natur Bezirk durch meine Zaubermacht,
Weiß wird ganz schwarz, und warm wird kalt, wo diese waltet,
Das Sehende wird blind, und Mittag selbst wird Nacht.
(bei einer Sonnenfinsternis nämlich, wenn der Mond zwischen Erde und Sonne steht)

Der größte Zauberer bin ich gewiss auf Erden,
Gibt's auch auf ihr vielleicht ‘ne größ're Zaubrerin (die Sonne)
Des Himmels Pracht kann nur durch mich erschlossen werden,
Und keine Hölle gibt's, bin ich nicht selbst darin (okay, keinen Schimmer)

So fast allmächtig ist, und reich an Wundergaben,
Mein somnambulisches und mystisches Geschick
Dass, unbegräblich selbst, ich alles kann begraben,
Und, selber völlig blind, verblenden jeden Blick.
(Volksglaube und Religionen)

Ich bin, nächst Einem (der Sonne), der weit stärkste der Despoten,
Die unsre Sinnenwelt beherrschen, ob mir gleich
Der eigentliche Druck aufs Sinnlich' ist verboten;
Mein Druck wird um so mehr gefühlt im Geisterreich.
(die klassische Domäne des Mondes)

Ich selber bin kein Geist; auch dem Gesetz der Schwere
Nicht untertan (der Mond fällt nicht auf die Erde);
kein Sein, doch auch kein bloßer Schein –
Kein Traumbild, ein Gespenst von etwas, das nicht wäre –
Ich bin notwendig gar bei jedem Wirklichsein.

Ich bin ein wesentlich unwesentliches Wesen:
Ganz seel- und körperlos – und doch unstreitig da –
Nicht wegzufegen mit der Weltaufklärung Besen –
Trotz jedes Luzifers Triumph-Victoria.

Zwar bin ich, Zwilling, an des Zwillingsbruders Seite (der Erde)
Gebunden fest, und nie in meinem Spiele frei (System Mond - Erde)
Doch geht mein Spielraum, trotz der Kette, so ins Weite,
Dass wenig für mein Spiel verloren geht dabei.

Die Metaphysiker zwar stritten lang' und ehrlich:
Wen von uns Brüdern man am füglichsten entbehrt'?
Ihr Narren! wir sind beid' im All ganz unentbehrlich,
Ein jeder gut für sich, obgleich nicht gleich verehrt.

Es ist im All so ganz unmöglich, uns zu trennen,
Als Raum und Zeit, und Ding und Grenz', und Wie und Was –
Geschäh' es aber doch, will ich es wohl bekennen,
Dass ich nur meines Orts verlöre durch den Spaß.
(das scheint doch eindeutig, der Mond löste sich aus seiner Umlaufbahn)

Denn ganz und gar allein in Allem zu regieren,
Davon zu träumen nur, fiel mir noch niemals ein;
Zwar wünscht mein ganzer Hof, ich möchte kaiserieren –
Hofdumm! Es würde nichts, herrscht' ich erst ganz allein.
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Re: Gedicht 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht allein

Beitragvon Groffin » 02.08.2016 11:58

Das ganze klingt für mich eher sphärisch und nicht nach einer wahrnehmbaren Sache. Wolken und Mond haben nichts mit Hölle zu tun und sind mit den Sinnen greifbar.

Ist das ein Widerspruch?:
1. Wenn auch gestaltet ich, und sinnenfällig bin.
2. Der eigentliche Druck aufs Sinnlich' ist verboten;
Mein Druck wird um so mehr gefühlt im Geisterreich.

In den letzten Strophen findet man zahlreiche Hinweise auf einen Diskurs der Metaphysik. Daher tendiere ich eher zu Begriffen wie Geist/Natur, Seele/Materie, Freiheit/Notwendigkeit, Philosophie/Vernunft, Religion/Wissenschaft...
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Re: Gedicht 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht allein

Beitragvon Otto » 05.08.2016 14:30

Ich denke, das hier sind die Schlüsselverse:

Die Metaphysiker zwar stritten lang' und ehrlich:
Wen von uns Brüdern man am füglichsten entbehrt'?
Ihr Narren! wir sind beid' im All ganz unentbehrlich,
Ein jeder gut für sich, obgleich nicht gleich verehrt.

Dazu passt keiner der Lösungsvorschläge. Der Mond ist ganz sicher entbehrlich; auf der Erde würde sich ohne Mond nur wenig ändern.

"Mein Aufenthalt ist nicht allein auf dieser Erde" -- aber auch. Wie passt das zum Mond?

"auch dem Gesetz der Schwere Nicht untertan" -- das ist der Mond sehr wohl, sonst würde er die Erde nicht umkreisen. Das war damals (seit Newton, Kopernikus, Kepler) schon bekannt.

Es geht offenbar um zwei Seiten einer Medaille, wobei die eine populärer ist als die andere. Die ersten Strophen würden ja auf die Gravitation ganz gut passen, aber diese hier deutet eher auf so etwas wie Elegktrizität (mit dem Bruder Magnetismus) hin. Der Elektromagnetismus passt in die Zeit, auch die Maxwellschen Gleichungen waren bekannt und damit der Dualismus.
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Re: Gedicht 4476 - Mein Aufenthalt ist nicht allein

Beitragvon Groffin » 09.08.2016 09:49

An Gravitation und Magnetismus hatte ich auch schon gedacht.
Wie passt das aber zu diesen Zeilen:

"Man hat des Menschen Bild schon oft in mir gefunden;
Man find't noch öfter drin der Pflanzen, und des Viehs;
Denn jegliche Figur kann ich in heitern Stunden
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