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Gedicht 1538 Mit hellen, treuen Farben aufgetragen

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Gedicht 1538 Mit hellen, treuen Farben aufgetragen

Beitragvon Waldkircher » 24.07.2014 22:35

Heinrich Möwes
Worträtsel

Mit hellen, treuen Farben aufgetragen,
Steht's als Gemälde da auf duftigem Grund';
Wenn du es siehst, so wirst du ehrlich sagen:
Hier tut nicht Dichtung, hier sich Wahrheit kund;
Kein Malerpinsel kann je Kühnres wagen,
Als dieses Farbenspiel, so reich und bunt;
Du kannst davon nicht weichen, musst es schauen.
Und schaust jetzt mit Entzücken, jetzt mit Grauen -
Es hängt in einem wunderbaren Saale,
Den noch kein Sterblicher so ganz durchschritt;

Es ist verhangen, bis mit Einem Male
Es aus dem Dunkel vor dein Auge tritt;
Doch meist verbleicht's am hellen Sonnenstrahle
Und Tageslicht nimmt seine Farben mit.
Soll dich sein Glanz und Anblick lange laben,
So musst du dich in Finsternis begraben.

Der Meister von dem Bilde lebt auf Erden;
Sein Name ist euch Allen wohl bekannt;
Doch ließ ihn dieser Boden hier nicht werden,
Er stammt aus einem andern heil'gen Land;
Und zum Ersatz für irdische Beschwerden
Nimmt er dm Pinsel öfter kühn zur Hand,
Um an des Lebens ernste Schildereien
Ein heiteres Gemälde an zu reihen.

Sieh zu, wer ihm die Farben hat gerieben:
Ob es ein guter Geist, — ein böser tat;
Umfass' es nicht mit Tränen und mit Lieben,
Wenn schlau ein böser dienend zu ihm trat;
Was dann in seinen Zügen steht geschrieben,
Das ist verführerische Lügensaat; –
Doch stand mit einem guten er im Bunde,
So gibt er als Prophet die höhere Kunde.

Vermutung:
Gemeint ist der Traum, bzw. das Traumbild, das Traumgesicht - wegen des Genus "wenn du es siehst"
Die erste Strophe beschreibt einen verblüffend realen Traum, der faszinierend, aber auch verstörend sein kann. Welcher Sterbliche könnte von sich behaupten, das Reich der Träume ganz durchmessen zu haben? Die zweite Strophe schildert das plötzliche Enstehen von Träumen, die "meist" (außer beim Tagtraum) an Nacht und Dunkelheit gebunden sind. Der "Meister" des Bildes ist der (Traum-) Schlaf, einerseits jedem Menschen vertraute physiologische Realität ("lebt auf Erden", "euch allen wohl bekannt"), andererseits in unzähligen Religionen und Mythologien mit einer jenseitigen Welt verknüpft ("stammt aus einem andern heil´gen Land"). Traumbilder entstehen als Kompensation irdischer Beschwerden - wenn man so will, Freuds Traumdeutung avant la lettre. Die letzte Stophe enthält einen - wie ich finde, sehr weisen - Rat, nämlich: unangenehme Träume als Lügengebilde zu ignorieren, angenehme dagegen als prophetisch zu nehmen.

[zzz]
Zuletzt geändert von Waldkircher am 30.08.2014 00:19, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gedicht 1538 Mit hellen, treuen Farben aufgetragen

Beitragvon Otto » 14.08.2014 17:47

Ja, Traum passt, allerdings habe ich eine andere Deutung: Der Saal ist der Schlaf, der Meister ist der Träumende, der sich zum Ausgleich für irdische Beschwerden in den Traum flüchtet. Die Zeilen

>Doch ließ ihn dieser Boden hier nicht werden,
>Er stammt aus einem andern heil'gen Land;

kann ich aber nicht wirklich deuten.
Otto
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