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Stichwort "Rätsel"

Was der Brockhaus dazu zu sagen hat:

Rätsel: Die meist umschreibende Bezeichnung von Begriffen oder Inhalten, die der Hörer oder Leser finden soll. Das Wort Rätsel (altnd: radislo) gehört zu ahd. ratan 'Vergangenes, Gegenwärtiges, oder Künftiges bedenken, deuten' und führt damit zu den Ursprüngen einer Dichtungsgattung, die seit den ältesten Überlieferungen bei den Kulturvölkern, besonders den Indogermanen, und bei den höheren Naturvölkern begegnet. In der magischen Kraft des Wortes wurzelnd, tritt sie in doppelter Form auf. Älter ist das nicht ratbare Rätsel, das dazu dient, den Wissenden als Glied eines Sozialverbandes (Familie, Stamm) oder einer Kultgemeinschaft auszuweisen; hier führt die Überlieferung von den altindischen Weden über griechische poetische und philosophische Traditionen bis zu den mittellateinischen Fragebüchern theologischen oder philosophischen Inhalts, den Katechismen und den Ausweisfragen der Handwerker.

Eine Sondergestalt unter den Wissenden ist der Weise, der Seher, der Vielwissend-Scharfsinnige, der auch die Lösungen findet, die seinem ganzen Umkreis versagt sind. Er ist oft Partner eines Rätsel-Kampfes, in dem das Leben aufs Spiel gesetzt oder um einen hohen Preis gerungen wird, wie bei dem von Ödipus bewältigten Rätsel der Sphinx.

Das Rätsel kann Symbol des Geheimnischarakters der Gottheit sein; das religiöse Gleichnis kann als Rätsel ausgedrückt werden (Hes. 17,2).

Eine besondere Art dieses Rätsels findet sich, wo ein ganz individuelles Erlebnis den Inhalt des Rätsels bildet, wie im Simson-Rätsel (Richter 14), in der Schlussfrage Odins im eddischen Wafthrudnirlied und in Rätselmärchen, so z.B. im Halslösungs-Rätsel, indem ein zum Tode Verurteilter den Richtern ein unlösbares Rätsel aufgibt, dessen Lösung er allein kennt.

Wo das Erraten sein magisches, kultisches oder soziologisches Gewicht verliert oder Begriffe oder Inhalte Allgemeinbesitz werden, wird das Rätsel als gesellschaftliche Unterhaltung zum Spiel des Verstandes und Witzes, später auch reinen Sachwissens: Die ältesten Beispiele finden sich schon im Altindischen. Diese Art des ratbaren Rätsels wird vielfach allein als echtes Rätsel angesehen. In ihm halten sich Hinweise und Erschwerungen oder Irreführungen so die Waage, dass fast jeder die Lösung finden kann. Mittel der Verrätselung sind Entpersönlichung und Personifikation, Beschreibung und Erzählung, Selbst- und Zwiegespräch, Zweideutigkeit (z.B. mit Benutzung des Obszönen bei harmloser Lösung), Verwendung von Wörtern mit mehreren Bedeutungen, mit gleichem oder ähnlichen Klang, besonders aber die Metapher.

Die Gesamtform geht von der einfachen Prosafrage bis zur Rätsel-Strophe.

Abarten sind Rätsel, die mit Umstellung (Anagramm), Hinzufügung oder Wegnahme eines Teils (Logogriph), Lesung in doppelter Richtung (Palindrom), mit sich kreuzenden Buchstaben (Kreuzworträtsel), mit Zahlen (Arithmogriph), mit Bildern (Bilderrätsel) oder einer Kombination solcher Arten arbeiten.

Eine relativ junge, aber schon im Altdeutschen nachweisbare Art ist die Parodie der Scharfsinnfragen, das Scherzrätsel, dessen Lösung nicht ratbar ist.

Die Griechen fügten das Rätsel schon seit Homer in Dichtungen ein. Im Altnordischen sind Rätsel meist in Rätsel-Gedichten mit mythischer Einkleidung zusammengefasst, im Altenglischen zu umfangreichen literarischen Rätseln ausgestaltet. In Westeuropa waren im Mittelalter und in der Neuzeit fast alle Stände an Ausbildung und Tradition des Rätsels beteiligt. Davon zeugen u.a. die lateinischen Reichenauer Handschriften des 10. Jahrhunderts, Gedichte vom Wartburgkrieg (13. Jh.), der Spruchdichter Reinmar von Zweter (13. Jh.), das Traugemundslied (14. Jh.) Meisterlieder des 15. Jh., die erste um 1505 gedruckte deutsche Rätselsammlung, seit dem 16. Jh. belegte Kranzsingelieder und die aus alter Überlieferung stammenden, weit verbreiteten Märchen von den klugen Rätsellösern.

Erneuert wurde das Rätsel als Kunstform von Schiller in seiner Bearbeitung von Gozzis 'Turandot'. Sie löste eine Welle kunstvoller Rätseldichtung aus, die bis in Spätromantik und Biedermeier reichte und an der sich Dichter und Philosophen beteiligten.

Die durch Zeitschriften und Zeitungen in einem großen Leserkreis verbreiteten Rätsel der Gegenwart erfordern dagegen vor allem eine Kombination von Wissenselementen. Der organisierte Rätsel-Wettkampf der Gegenwart heißt Quiz.