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Wie fängt man einen Löwen in der Wüste?

Wissenschaft

1. Die Heisenberg-Methode

Ort und Geschwindigkeit eines bewegten Löwen lassen sich nicht gleichzeitig bestimmen. Da bewegte Löwen also keinen physikalisch sinnvollen Ort in der Wüste einnehmen, kann sich die Jagd auf ruhende Löwen beschränken. Das Einfangen eines bewegungslosen Löwen wird dem Leser als Übungsaufgabe überlassen.

2. Die funktionenanalytische Methode

Die Wüste ist ein separabler Raum. Er enthält daher eine abzählbare dichte Menge, aus der eine Folge ausgewählt werden kann, die gegen den Löwen konvergiert. Mit einem Käfig auf dem Rücken hüpfe man von Punkt zu Punkt dieser Folge und komme so dem Löwen beliebig nahe. Das Einfangen eines beliebig nahen Löwen wird dem Leser als Übungsaufgabe überlassen.

3. Die stochastische Methode

Mit einem Laplace-Rad fahre man durch die Wüste und werfe mit kleinen Würfeln nach dem Löwen. Wenn dieser wutschnaubend angerannt kommt, stülpe man eine Gaußsche Glocke über ihn. Darunter ist er mit der Wahrscheinlichkeit 1 gefangen.

4. Die logische Methode

Man stelle einen offenen Käfig in die Wüste und lege ein Brett mit Leim daneben. Beides biete man dem Löwen zum Betreten an. Der Löwe ist ein intelligentes Tier und weigert sich, auf den Leim zu gehen. Aufgrund des Satzes von ausgeschlossenen Dritten muss er nun in den Käfig gehen. Dann schlage man die Käfigtüre zu.

5. Die Kompaktheitsmethode

Die Wüste wird ohne Beschränkung der Allgemeinheit als kompakt vorausgesetzt. Man überdecke sie mit einer Familie von Käfigen K(i), wobei i eine imaginäre Zahl sei. Unter diesen Käfigen gibt es endlich viele, die die ganze Wüste überdecken. Die Durchmusterung der Käfige auf sich darin befindliche Löwen wird dem Leser als Übungsaufgabe überlassen.

6. Die mengentheoretische Methode

Die Punkte der Wüste lassen sich wohlordnen. Ausgehend von kleinsten Element nähere man sich dem Löwen durch transfinite Induktion.

7. Die topologische Methode

Der Löwe kann topologisch als Torus aufgefaßt werden. Man transportiere die Wüste in den vierdimensionalen Raum. Es ist nun möglich, die Wüste so zu deformieren, dass der Löwe nach dem Rücktransport in den dreidimensionalen Raum verknotet ist. Das Einfangen eines verknoteten, bewegungslosen Löwen wird dem Leser als Übungsaufgabe überlassen.

8. Die Schrödinger-Methode

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Löwe zu einem beliebigen Zeitpunkt im Käfig befindet, ist größer als Null. Man setze sich vor den Käfig und warte. (Aufgrund des Tunneleffekts kann die Käfigtüre geschlossen bleiben, sodass man sie nicht einmal zuschlagen muss, nachdem der Löwe den Käfig betreten hat)

9. Die relativistische Methode

Man überfliege die Wüste mit nahezu Lichtgeschwindigkeit. Durch die relativistische Längenkontraktion wird der Löwe flach wie Papier. Man greife ihn, rolle ihn auf und mache ein Gummiband darum.

10. Die dialektische Methode

Man zäune die Wüste ein, bewässre sie, baue Gras an und setze Kaninchen aus. Die Kaninchen vermehren sich schnell. Nach Hegel kommt nun bald der Zeitpunkt, an dem Quantität in Qualität umschlägt, und dann hat man einen Löwen.

11. Die mathematische Methode

Der Mathematiker baut sich einen Käfig, setzt sich rein und definiert: "Hier ist außen!"


(Aus: Friedrich Wille, Humor in der Mathematik)

(Nach: H. Petrad, A Contribution to the Mathematical Theory of Big Bame Hunting. American Math. Monthly 45, 446-447, 1938)