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Rotkäppchen, wie es der Psychiater erzählte

Als der Wolf tot war, verabschiedete sich das Rotkäppchen von der Großmutter und dem Jäger und ging nach Hause.

"Warum kommst du so spät?" schrie die Mutter das Rotkäppchen an.

"Ich bin auf meinem Weg dem Wolf begegnet und ...".

"Und was, du weißt doch ganz genau , dass du bei Anbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein hast", pöbelte die Mutter.

"Der Wolf hat zuerst die Großmutter gefressen und dann mich und ...".

"Hör bloß auf mit diesem dummen Wolf! - was erzählst du da für einen Scheiß?"

"Der Jäger musste uns dann anschließend wieder aus dem Wolf herausschneiden", sagte das Rotkäppchen.

"Warte, ich geb' dir gleich Wolf und Jäger", sagte die Mutter und griff nach dem Eichenknüppel.

Plötzlich kam der Vater. "Was ist hier los?"

"Ich bin vom Wolf gefressen worden", fing das Rotkäppchen an zu weinen.

"Sieh dir das an , das ist typisch deine Tochter", schimpfte die Mutter. Erst neun Jahre alt geworden und lügt schon , dass sich die Balken biegen."

"Sie hat nun mal eine blühende Phantasie."

"Frage doch die Großmutter, was wirklich geschehen ist", meinte der Vater.

"Ach wo , die Alte weiß doch nicht einmal, was sie heute zum Frühstück gegessen hat. Wie soll sie sich dann daran erinnern? Die ist doch nicht ganz dicht!"

"Du weißt doch, was das heißt?" sagte der Vater zum Rotkäppchen. "Nur Wasser und Brot für einen Monat!"

Das Rotkäppchen ging ins Bett mit leerem Magen und war wütend.

Am nächsten Tag sprach die Mutter mit Rotkäppchens Lehrerin, damit sie sich der Sache annehme. Diese erzählte den Kindern immer - besonders Rotkäppchen - die Geschichte von einem Schafhirten, der allen immer erzählte, der Wolf sei da gewesen, obwohl er es nicht war. Und als dieser dann wirklich kam, glaubte es keiner mehr. Außerdem forderte sie alle Kinder auf, sich zu melden, wenn sie schon einmal geschwindelt hätten.

Alle Kinder meldeten sich, nur Rotkäppchen nicht.

"Und du Rotkäppchen," fragte die Lehrerin schließlich, "hast du nichts zu berichten?"

"Ich habe nicht gelogen", schrie das Rotkäppchen.

Die Lehrerin konnte nicht mehr und gab es auf. Die Mutter war verzweifelt. Die einzige Möglichkeit, ihrer Tochter zu helfen, war ein Psychiater und so kam es dann dazu.

"Leg dich auf die Couch", sagte der Psychiater, "und sag mir, was du gerade denkst."

"Was hast du für ein großes Maul?" sagte Rotkäppchen.

Der Psychiater sprang auf, faßte Rotkäppchen am Kragen und schrie: "Was hast du gesagt, du kleine Schlampe? Noch so'n Ding und du fliegst."

"Das fragte ich doch nur die Großmutter, als ich sie sah", sagte das Rotkäppchen.

"Ach so", sagte der Psychiater und setzte sich wieder hin und schrieb in sein Rotes Buch: Großmutterkomplex?

"Und was hat sie darauf geantwortet?"

"Es war ja gar nicht meine Großmutter, sondern der böse Wolf. Er sagte: ,Damit ich dich besser fressen kann!'."

Der Psychater schrieb wieder in sein Buch, diesmal: "Verfolgungswahn und Eßstörungen!"

"Und was hat der Wolf dann getan?"

"Er hat mich aufgefressen."

Daraufhin klappte der Psychiater sein Buch zu und sagte nur: "Jetzt reicht's aber!"

Er ging anschließend zur Mutter und sagte: "Ihre Tochter hatte während der frühkindlichen Phase ein traumatisches Erlebnis, was es letzten Endes dazu bewegt, so einen Schwachsinn zu erzählen. Sagen Sie, haben Sie Rotkäppchen jemals Märchen erzählt?"

"Ja", sagte die Mutter.

"Na also!" schrie der Psychiater. "Sehen Sie, ich war schon immer der Meinung, dass Märchenerzählen das Schlimmste ist, was man einem Kind antun kann. Und nun haben wir den Beweis. Märchen müssen verboten werden!"

Da nun das Problem geklärt schien, sah Rotkäppchens Therapie folgendermaßen aus: Rotkäppchen musste immer wieder zum Psychiater und ihre Geschichte erzählen. Sie wich jedoch niemals vom Ursprung ab; daher versuchte der Psychiater es auf eine andere Weise.

"Bist du ganz sicher, dass der Wolf böse war?" fragte er.  "Vielleicht war es ein guter und lieber Wolf?"

Rotkäppchen wußte darauf keine Antwort.

Etwas später dann begegnete Rotkäppchen auf dem Weg in den Wald schon wieder einem Wolf. Sollte sie schreien? Ach, warum denn? Es glaubt ihr doch so oder so keiner und wahrscheinlich war es sowieso ein guter, lieber Wolf.

Und seitdem ward sie nie wieder gesehen und ihr Fall wurde zu einer XY-Akte.